Das Triple
Nach dem gestrigen 2:1-Sieg des FC Bayern München im Champions-League-Finale von Wembley gingen viele Bayerngegner wieder einmal mit hängenden Köpfen zu Bett. Zum Champions-League-Titel 2013 reichte dem meistgehassten Fußballverein Deutschlands eine durchschnittliche Leistung gegen aufopferungsvoll kämpfende Westfalen. Der kosmopolitische “Stern des Südens” (Endspielaufstellung: Brasilien, Österreich, Bayern, Niederlande, Spanien, Kroatien, Frankreich, Deutschland) hat nach einer grandiosen Meisterschaft mit 25 Punkten Vorsprung, dem Champions-League-Endspielsieg gegen den börsennotierten „Arbeiterverein“ Borussia Dortmund (WKN: 549309) und den Deklassierungen beispielsweise von Juventus Turin (4:0) und FC Barcelona (7:0), nach der dritten Champions-League-Endspielteilname in den letzten vier Jahren eine neue Ära eingeleitet. Bayern München hat den bisherigen Branchenprimus FC Barcelona zumindest für einige Zeit abgelöst.
Obwohl Arjen Robben im Finale drei hundertprozentige Torchancen teilweise kläglich vergab, entwickelte sich der dribbelnde Niederländer zum Matchwinner. In der 60. Minute leistet er die Vorarbeit zum 1:0 Führungstreffer von Mario Manzukic (dem Arbeiter) und in der 88. Minute ließ Robben vier schwarz-gelbe Dortmunder wie Slalomstangen stehen und schob elegant zum Siegtreffer ein.
Jupp Heynckes hat in dieser Saison mit Peter Hermann, dem großen Taktik-Co-Trainer im Hintergrund, aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt und das 4-2-3-1-System in vielen kleinen und großen (aggressiver, unberechenbarer Offensivfußball) Details modifiziert. Die Neuverpflichtungen Dante, Manzukic und vor allem Javi Martinez gehörten zu den wichtigen Faktoren der neuen Bayernphilosophie. Javi Martinez hat die Lücke geschlossen die Mark van Bommel (der damalige Abräumer vor der Viererkette ohne die fußballerischen Qualitäten von Martinez) seit seinem Weggang hinterließ.
Spannend ist ob oder/und wie Pep Guardiola in der kommenden Saison das erfolgreichste Bayern-System seit Jahrzehnten verändern wird. Bleibt es bei der Doppel-Sechs? Spielen die Bayern im nächsten Jahr mit einem echten Stürmer? Bleibt Arjen Robben und können sich Mario Götze oder andere Klassespieler mit einer möglichen Rolle als Ergänzungsspieler abfinden? Kann Thomas Müller offensives Kurzpassspiel? In jedem Fall übernimmt der beste Trainer der Welt die beste Fußballmannschaft der Welt.
Am kommenden Samstag fahren die Bayern nach Berlin um im DFB-Pokalendspiel gegen den VfB Stuttgart als erste deutsche Mannschaft das Triple zu gewinnen. Sollte auch noch der Pokalsieg gelingen und die Chancen dafür stehen sehr gut (auch mit 1,8 Promille?), werden wieder viele hängende Köpfe in Deutschland mit allen nur erdenklichen Beschimpfungen und Ausreden zu bedauern sein.
Wenn später im Sommer Uli Hoeneß von seinem Präsidentenamt zurücktreten und möglicherweise zu einer Gefängnisstrafe verurteilt werden sollte, spätestens dann wird es der kollektiven deutschen Volksseele wieder sehr viel besser gehen.
Update 2.6.2012: Erwartungsgemäß gewannen die Bayern am gestrigen Samstag das Pokalendspiel gegen Stuttgart mit 3:2 Toren. Die beste Bayernmannschaft aller Zeiten macht den angekündigten Triple-Triumpf perfekt. Dortmund, Barcelona, Stuttgart, Turin, Schalke usw. sind die Sieger der Herzen. Lebbe geht weider.
In eigener Sache
Liebe Freundinnen und Freunde von Mission Impossible,
wegen diverser Veränderungen in der privaten Beanspruchung aller Mitglieder unserer Redaktion und den damit verbundenen zeitlichen Engpässen müssen wir den Kommentarbereich bis voraussichtlich Jahresende schließen.
Die Redaktion befindet sich seit Jahresanfang im Umbruch. Zum Sommerende soll das, was die Bundesregierung nicht hinbekam, in der MI-Redaktion eingeführt werden, nämlich eine 90%-ige Frauenquote.
Wir haben so manche Diskussion zugelassen und sogar Stellungnahmen freigeschaltet, die grenzwertig waren. Vieles musste im Orkus versenkt werden, weil es unter jedem akzeptablen Niveau war. Diesen Zeitaufwand können wir aktuell nicht leisten.
In unregelmäßigen Abständen werden weiterhin Artikel erscheinen. Geplant ist beispielsweise ein Gastbeitrag von Heinz Gess (Kritiknetz), ein Artikel über Detlev Claussen und die “Grenzen der Aufklärung”, sowie eine Erinnerung an die Organisation Gehlen.
Mit besten Wünschen
Die MI-Redaktion
Kurt Landauer und der FC Bayern München
Mit 9:2 besiegte Bayern München am Wochenende den HSV, weshalb zur 23. Deutschen Meisterschaft sieben Spieltage vor Schluss nur noch zwei Punkte fehlen. Der Rekordmeister, Rekordpokalsieger, viermalige Gewinner der höchsten europäischen Trophäe und zweimalige Weltpokalsieger, der FC Bayern München wird dieses Jahr der früheste Meister aller Zeiten werden. Bayern München ist einer der erfolgreichsten Fußballvereine der Welt und in Deutschland das Maß aller Fußball-Dinge.
Trotzdem oder gerade deswegen ist Bayern München der meistgehasste Verein in Deutschland, was nicht unbedingt nur mit Neid zu tun haben muss. Beschimpfungen gegen den „Judenclub“ FC Bayern kamen nicht nur vom Lokalrivalen 1860, dessen Fans das Lied der Bayern vom “Stern des Südens” in das Lied vom “Stern im Ausweis” umwandelten. Viele deutsche Fußballfans sind der Ansicht, dass die Erfolge der Bayern erkauft und nicht erkämpft wären. Viele Bayerngegner sind der Auffassung, dass der “Bonzenclub” den übrigen “antikapitalistischen” Vereinen die Spieler weg kauft ohne die Kicker ernsthaft einzusetzen zu wollen. Die “Toten Hosen” fragen sich in ihrem berühmten Partysong: “Was für Eltern muss man haben um so verdorben zu sein, einen Vertrag zu unterschreiben bei diesem Scheissverein? Wir würden nie zum F.C.Bayern München gehen! – Niemals zu den Bayern gehen!” Es sind gerade die unfairen Polemiken, die an den Haaren herbeigezogenen Vorurteile, das doppelte Maß, es ist der bundesweite Hass gegen den FC Bayern, die den seit seiner Gründung weltoffenen und liberalen Ausnahmeverein mit seiner progressiven Geschichte und seiner modernen, dominanten Spielweise zum Sympathieträger machen:
Beim MTV München hatten die konservativen und reaktionären Turner das Sagen und so kam es unweigerlich zur Rebellion der andersdenkenden Fußballer um Franz John und Josef Pollack. Am 27. Februar 1900 verließen elf fest entschlossene Fußballer im Gasthaus „Bäckerhöfl“ eine Sitzung der Fußballabteilung des MTV München um am gleichen Abend im Restaurant „Gisela“ in Schwabing unter der Mithilfe der “Freiburger Paten” um Gus Manning den FC Bayern München zu gründen. Mit 17 Jahren trat 1901 Kurt Landauer diesem FC Bayern bei, der bis zum Jahr 1933 die prägende Figur des Vereins werden sollte. Seine Eltern waren die wohlhabenden jüdischen Kaufmannseheleute Otto und Hulda Landauer. Die großbürgerliche Familie Landauer war bildungs-, kunst- und kulturbeflissen, dachte standesbewusst und politisch liberal und man pflegte rege Kontakte zu Künstlern und Literaten. In Deutschland, wo nie eine richtige bürgerliche Revolution stattgefunden hatte, wo Juden als Verursacher der Aktienmarktkrise von 1873 denunziert wurden war ein jüdischer Präsident eines Fußballvereins keine Selbstverständlichkeit. In Münchens Verwaltung sowie in der Öffentlichkeit grassierte schon sehr früh eine antisemitische Stimmung und bereits 1920 wurden Hunderte von Juden aus München vertrieben. Beim FC Bayern waren Juden und Ausländer dagegen willkommen und so wurde Kurt Landauer 1913 Präsident des FC Bayern. Kurt Landauer entwickelte eine moderne Vereinsstruktur mit internationalen Fußballmaßstäben. Er sah die Notwendigkeit einer Jugendarbeit und installierte mit Otto Albert Beer einen Koordinator für diesen Bereich. Otto Albert Beer wurde 1941 nach Litauen deportiert und dort, wie seine Frau und seine beiden Söhne ermordet.
Nach dem Ersten Weltkrieg und nach der Zerschlagung der Münchner Räterepublik nahm der Antisemitismus vor allem in München an Fahrt auf, was jedoch die Politik der Münchner Bayern kaum beeinflusste. Während Agitatoren wie Eugen Dühring, Paul Lagarde und Wilhelm Marr den Juden ihr “Undeutschsein” vorwarfen, sie als von Natur aus fremde Elemente bezeichneten, leistete sich Bayern München in den Weimarer Jahren nicht nur einen jüdischen Präsidenten, sondern auch gleich vier jüdische Trainer. Als andere Vereine Turnvater Jahn und das Deutschtum huldigten, praktizierte Kurt Landauer seinen Internationalismus in dem er, im Gegensatz zu anderen deutschen Vereinen, Spiele gegen internationale Mannschaften organisierte. Keine der vielen internationalen Begegnungen war so nachhaltig wie der Besuch des MTK Budapest in München. Der MTK wurde von 1905 bis 1940 von Albert Brüll geführt, der später wegen seiner jüdischen Herkunft in Auschwitz ermordet wurde. Mit dem MTK begrüßten die Bayern die damals wohl beste kontinentaleuropäische Fußballmannschaft. Die Hälfte des MTK-Kaders bestand aus Juden und ihr “Donaufußball” war ein moderner Gegenentwurf zum englischen “Kick-and-Rush”. Mit 7:1 gewannen die Budapester gegen die Bayern und ganz München schwärmte von Kertész und dem fußballerischen Gegenentwurf aus Ungarn. Die Bayern waren vom Spiel des MTK überwältigt und verpflichteten in den folgenden Jahren eine Reihe von ungarisch-österreichischen Trainern, die alle Juden waren. Vier Tage nach dem Spiel in München war auch in Ungarn das rätekommunistische Experiment gescheitert und wie in München wurde auch in Budapest das Ende der Räterepublik von einem antisemitischen Furor begleitet. An der ungarischen Räterepublik waren viele Juden beteiligt und als Verlierer des ersten Weltkrieges musste Ungarn Gebiete abtreten und wie in Deutschland machte man die Juden dafür verantwortlich. Etwa 3000 ungarische Juden wurden Opfer des “weißen Terrors” und so verließen viele jüdische Fußballer des MTK das Land in Richtung Österreich und Deutschland.
1930 verpflichtete Kurt Landauer den österreichisch-ungarischen-jüdischen Coach Richard “Little Dombi” Kohn. Mit dem damals teuersten und bekanntesten Trainer auf dem Kontinent gelang nach einigen vergeblichen Anläufen 1932 die erste Deutsche Meisterschaft. Im letzten Meisterschaftsfinale vor der nationalsozialistischen Machtübernahme standen sich zwei Vereine gegenüber, in denen Juden eine wichtige Rolle spielten und die deshalb verächtlich als Judenclubs bezeichnet wurden, den FC Bayern München sowie die Eintracht aus Frankfurt, deren Hauptmäzen die von jüdischen Besitzern geführte Schuhfabrik J.& C.A. Schneider war. Im Endspiel am 12. Juni 1932 in Nürnberg vor 55.000 Zuschauern besiegten die “Rothosen” Frankfurt mit 2:0. Die Abwehr um Kapitän Conny Heidkamp und Sigmund Haringer ließ kaum Tormöglichkeiten für die Frankfurter zu und die Tore für die Bayern erzielten Oskar Rohr per Elfmeter und Franz Kumm. Der attraktive Fußball der Münchner war erfolgreich und so stand im Jahr 1932 der FC Bayern vor einer großen sportlichen Zukunft. “Doch den Nazis, die einige Monate später an die Macht kamen, galt der FC Bayern als “Judenklub”. Gemeinsam mit willfährigen Helfern im DFB machten sie sich daran, eine liberale und weltoffene Fußballkutur zu zerschlagen”, so Dietrich Schulze-Marmeling.
Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begann sofort der sportliche Abstieg des FC Bayern. Der DFB unter Präsident Felix Linnemann, dem großen Gegenspieler von Kurt Landauer, nutzte die “Zeitenwende” und zementierte unter anderem den verlogenen Amateurstatus. Die jüdischen Funktionsträger und Mitglieder in den Vereinen wurden verfolgt und vertrieben. Viele jüdische Mitglieder des FC Bayern München wurden von den Nazis in Auschwitz ermordet. Meistertrainer Richard Dombi verließ wie Oskar Rohr umgehend Deutschland. Richard Dombi ging in die Niederlande, wo er mit Feyenoord Rotterdam 1936 und 1938 Meister wurde und den Krieg überlebte. 1932 verlor Kurt Landauer wegen seiner jüdischen Herkunft seine Arbeitsstelle bei den Münchener Neuesten Nachrichten. Im März 1933 musste er als Bayern-Präsident zurücktreten. Während der Reichspogromnacht 1938 wurden in München ungefähr 1.000 männliche Juden verhaftet, ins KZ Dachau verschleppt und dort verprügelt, gequält und gedemütigt. Unter den Verhafteten befand sich auch Kurt Landauer, den die Nazis aus der Wäschefirma Rosa Klauber abholten und in die Baracke Nummer acht sperrten. Kurt Landauer gelang nach seiner Freilassung die Flucht in die Schweiz, dorthin, wo auch sein bereits 1934 verstorbener Freund Walther Bensemann Zuflucht gefunden hatte. In Genf lebten bereits Angehörige der Familie Klauber, die Landauer bei der Einwanderung halfen. Anders als im DFB oder anderen Vereinen gab es beim FC Bayern Menschen die versuchten den Klub auf größtmögliche Distanz zum Nazi-Regime zu halten. So wurde der überzeugte Nationalsozialist Josef Sauter erst 1943 Präsident bei den Bayern. Bevor Bayern München am 7. November 1943 in Zürich gastierte, wurden die wehrmachtsfähigen Spieler ins Sicherheitsamt befohlen und ihnen verboten mit deutschen Emigranten Kontakt aufzunehmen. Die Mannschaft ließ es sich trotzdem nicht nehmen, ihrem langjährigen Präsidenten auf dem Platz zuzuwinken, wofür einige Spieler später mit Repressalien oder einem Fronteinsatz bestraft wurden.
Kurt Landauer überlebte den Zweiten Weltkrieg im Schweizer Exil, vier seiner Geschwister fielen jedoch den Nazis zum Opfer. Kurt Landauers Geschwister Dr. Paul, Franz und Leo wurden von den Nazis ermordet. Paul wurde im November 1941 in den Osten deportiert. Mit etwa 1.000 anderen Juden wurde er am 25. November 1941 in Litauen von Angehörigen der Einsatzgruppe A erschossen. Franz Landauer kam 1943 im KZ Westerbork ums Leben. Leo Landauer, der 1939 nach Berlin gezogen war kam in Majdanek um. Gabriele Landauer, verheiratete Rosenthal, wurde am 4. April 1942 nach Piaski deportiert und gilt seither als verschollen. Außer Kurt überlebte nur noch eine weitere Schwester namens Henny den Nazi-Terror. Henny Landauer hatte 1919 den Rechtsanwalt Dr. Julius Siegel geheiratet. 1934 emigrierte das Paar nach Palästina. Zuvor hatte die SA Julius Siegel, nachdem sich dieser für einen vom Regime bedrängten Bürger eingesetzt hatte, mit abgeschnittenen Hosenbeinen und einem Schild mit der Aufschrift „Ich bin Jude und will mich nicht gegen die Polizei beschweren” durch die Straßen gejagt. Henny Landauer-Siegel starb 1973 in Israel. Ihr Sohn Uri kehrte Mitte der 1950er Jahre nach München zurück, wo er in die Fußstapfen seines Vaters trat und als Rechtsanwalt arbeitete. 1947 kehrte Kurt Landauer nach München zurück und “baute” den FC Bayern wieder auf, bis 1951 war er Präsident bei den Bayern. Am 21. Dezember 1961 starb Kurt Landauer. Er liegt auf dem Neuen Israelitischen Friedhof begraben.
Dietrich Schulze-Marmeling schreibt in “Der FC Bayern und seine Juden: “Ohne die Jahre des Nationalsozialismus hätte der Aufstieg des heutigen Rekordmeisters zum Branchenführer des deutschen Profifußballs möglicherweise deutlich eher begonnen. Zumindest aber hätte der FC Bayern auf seinen zweiten nationalen Meistertitel nicht bis 1969 warten müssen, also 37 lange Jahre. Obwohl die Nazi-Periode zunächst einmal die weitgehende Zerstörung seiner liberalen Fußballkultur bedeutete, lässt sich beim FC Bayern doch deutlicher als bei vielen anderen Klubs ein roter Faden der Geschichte ausmachen. Je intensiver man sich mit der Zeit vor 1933 beschäftigt, desto augenscheinlicher werden die Übereinstimmungen des FC Bayern der Ära Kurt Landauer mit dem heutigen Klub. Der FC Bayern der Jahre 1900 bis 1933, zumal der Jahre 1919 bis 1933, war von seinem Denken her nicht so viel anders als der moderne FC Bayern. Die Identität des heutigen FC Bayern wurde zu Teilen bereits von Kurt Landauer geprägt. Unter dem »bayerischen Urgestein« Landauer wurde der FC Bayern ein »Volksverein«, blieb aber vornehm und bewahrte sich einen Rest an »Anderssein«. Der FC Bayern avancierte zu einer modernen und treibenden Kraft im deutschen Fußball. Eine Tradition, die spätestens mit dem Manager Uli Hoeneß wieder aufgenommen wurde. Es sind die Jahre 1933 bis 1945, und in sportlicher Hinsicht noch die sich anschließende Zeit bis 1963, bis zur Einführung der Bundesliga, die aus dem Rahmen fallen.”
In der Bilanz für die Jahre 1933 bis 1945 belegte Bayern München nur den 81. Platz, während der Lokalrivale 1860 München durch Anpassung an die braunen Verhältnisse den 26. Platz erreichte. Vom nationalsozialistischen Machtwechsel profitierten vor allem die “Arbeitervereine” wie Schalke 04. Nach dem Krieg bis zur Einführung der Bundesliga dominierten die Westvereine aus dem proletarischen schwerindustrielen Milieu. Auch die Nazis hatten ein Faible für diese Klubs, die in der Regel “judenfrei” waren. Im Juni 1933 wurde Schalke 04 von Vereinsführer Unkel, und seinem Stellvertreter Heinrich Tschenscher, NSDAP-Mitglied seit dem 1. Mai 1933, geführt. Die Schalke Spieler Ernst Kuzorra und Fritz Szepan ließen sich für direkte Unterstützungsaktionen der NSDAP einspannen. Durch die Übernahme eines jüdischen Textilhauses am Schalker Markt im Zuge der “Arisierung” wird Szepan zudem zum Profiteur des NS-Regimes. Die enteigneten Eigentümer Sally Meyer und Julie Lichtmann werden deportiert und in Riga ermordet. So ist es ist kein Zufall, dass Schalke 04 in der Zeit von 1933 bis 1944 neun Mal in den zwölf Endspielen um die deutsche Meisterschaft stand und dabei sechs Mal Deutscher Meister wurde.
Erst in den 1960er Jahren, mit dem Auftreten einer neuen Generation wird Bayern München wieder an alte Zeiten anknüpfen können. Mit einer Mannschaft junger Talente steigt der FC Bayern 1965 in die Bundesliga auf. Franz Beckenbauer sowie Gerd Müller sind 19 Jahre alt und Sepp Maier, die “Katze von Anzing” war damals 21-jährig. Beckenbauer und die Bayern waren die Exponenten eines neuen Trends. Befreit vom Amateurgedanken erlebt der deutsche Fußball in dieser Zeit einen liberalen Aufbruch. Die Nationalmannschaft wird von Helmut Schön übernommen, der sich als junger Mann einem Beitritt zur NSDAP und SS widersetzt hat und der eine lebenslange Freundschaft mit Ignaz Bubis pflegte. Die kurze Zeit von 1972 bis Anfang 1974, als mehr Demokratie gewagt werden sollte, spielte sogar die deutsche Nationalmannschaft fortschrittlichen Fußball.
Die Verantwortlichen des FC Bayern tabuisierten lange Zeit ihre ehrenvolle Geschichte. Erst im Juli 2009 legt der Klub am Fundament von Dachau-Block acht, Stube vier, wo Landauer 33 Tage verbringen musste, einen in den Klubfarben geschmückten Kranz nieder. Der Bayern-Fanklub “Schickeria München” bemüht sich bereits seit 2002 die positive Rolle der Bayern während des Nationalsozialismus herauszuarbeiten. An Pfingsten 2006 veranstalten die “Ultras” ihr erstes antirassistisches Fußballturnier um den Kurt-Landauer-Pokal. Beim Spiel der Bayern in Stuttgart am 27.1.2013 erinnerten die Fans des FC Bayern auf der ehemaligen Adolf-Hitler-Kampfbahn mit einer gelungenen Choreographie an den jüdischen Trainer Richard „Dombi“ Kohn und den Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Im Rahmen des Filmprojektes “Kick it like Kurt” würdigte Uli Hoeneß den Präsidenten und Menschen Kurt Landauer. “Kick it like Kurt”, ein 53-minütiger Dokumentarfilm wurde am 6. Juni 2010 im Jüdischen Gemeindezentrum am Jakobsplatz München uraufgeführt. Der Neffe Kurt Landauers Uri Siegel, der jüdische Sportverein TSV Maccabi München, der Bayern Fanclub Schickeria Ultras und der Initiative „Löwen-Fans gegen Rechts“ kommen im Film zu Wort. Der Film ist ein Plädoyer für die demokratischen Werte, denen sich Kurt Landauer verpflichtet fühlte: Toleranz, Fairness und Kosmopolitismus.
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Quellen: Dietrich Schulze-Marmeling – Der FC Bayern und seine Juden: Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur – 272 Seiten – April 2011 | Dietrich Schulze-Marmeling Hg.- Davidstern und Lederball: Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball – 350 Seiten – April 2003 | Dietrich Schulze-Marmeling – Die Bayern. Die Geschichte des deutschen Rekordmeisters – 672 Seiten – November 2006
“Wenngleich sich die faschistische Ideologie nicht als einfache Reaktion auf den Marxismus bezeichnen lässt, so entstand sie doch als unmittelbares Ergebnis einer spezifischen Marxismusrevision. Das vorliegende Buch will diese antimaterialistische und antirationalistische Revision untersuchen. Denn die Kristallisation der Grundidee des Faschismus, seiner Philosophie und Mythologie, bleibt unverständlich, wenn man sie nicht auch als eine Revolte gegen den Materialismus begreift.” (Zeev Sternhell)
Von allen großen Ideologien des 20. Jahrhunderts ist die faschistische die einzige die in diesem Jahrhundert geboren wurde. Als dritter Weg zwischen Liberalismus und marxistischem Sozialismus bot er die vermeintliche Lösung für die Probleme der europäischen Gesellschaften dieser Epoche an. Faschismus war die Selbstbezeichnung der von Benito Mussolini gegründeten rechtsgerichteten Bewegung, die Italien unter von 1922 bis 1943 beherrschte. Wesentliche Elemente des Faschismus sind Nationalismus, Führerkult, Antikommunismus, Gewaltverherrlichung, Militarismus, ein korporatives Wirtschaftsmodell und extremste Parteienkritik. Ideengeber und großes Vorbild für Mussolini war der französische Sozialphilosoph Georges Sorel.
Georges Eugène Sorel (1847-1922) war ein Vordenker des Syndikalismus und ein entschiedener Gegner der liberalen Demokratie, der Gewalt als positives Element begriff weil sie angeblich der Gesellschaft verlorene Kraft zurückgebe. Sorel hat die bürgerliche Gesellschaft immer verabscheut, ihre geistigen, moralischen und politischen Werte, ebenso den kartesianischen Rationalismus, den Optimismus, den Utilitarismus, den Positivismus und den Intellektualismus, die Naturrechtsphilosophie und die Errungenschaften der Aufklärung, die um die Jahrhundertwende allgemein mit der liberalen Demokratie in Verbindung gebracht wurden. Sorel bezog sich auf den Anarchismus und die Gedanken von Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) und von Karl Marx (1818 – 1883) übernahm er die Idee des Klassenkampfes. Die marxistische Kritik am Kapitalismus lehnte Sorel entschieden ab, er plädierte für das Recht auf Eigentum und für eine freie Marktwirtschaft. Sorel, der von je her von den Mythen der Kulturgeschichte fasziniert war, veränderte den Marxismus mit gröbster Simplifikation. Seine Kritik an der parlamentarischen Demokratie ging kaum über das Niveau von Beschimpfungen hinaus. Einerseits glaubte Sorel, dass osteuropäische Juden Ritualmorde an christlichen Kindern begingen und andererseits unterschrieb er eine Petition in der die Revision des Fehlurteils gegen Alfred Dreyfus gefordert wurde. Seine antimaterialistische Marxismusrevision verband er mit der Theorie des Heldenmythos und der Gewalt als Erzeuger von Moral und Tugend. In seiner Abhandlung aus dem Jahre 1908 “Über die Gewalt” stellte er Gewalt als reinigenden Akt der Selbsterschaffung gegen die Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaft dar. Beeinflusst war Sorel außerdem vom deutschen Sozialdemokraten und Soziologen Robert Michels (1876 – 1936), einem der bedeutendsten politiksoziologischen Parteienkritiker des 20. Jahrhunderts. Michels wechselte 1907 nach Italien, wandte sich dem Syndikalismus und später dem Faschismus zu. 1928 errichtete ihm Mussolini einen Lehrstuhl in Perugia um die Theorie des Faschismus weiterzuentwickeln.
Die ersten beiden Jahrzehnte im 20. Jahrhundert Italiens waren geprägt von inneren Kämpfen der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) mit dem Resultat verschiedener Abspaltungen. Innerhalb der Sozialistischen Partei gründete 1902 eine Gruppe um Arturo Labriola eine Fraktion, die den Anspruch erhob ihr revolutionärer Flügel zu sein. Diese Gruppe, die ganz unter dem Einfluss Sorels stand und sich “revolutionäre Syndikalisten” nannte, forderte die gesamte Arbeiterklasse auf sich in Kampfgewerkschaften zu organisieren um der Bourgeoisie den Produktionsprozess zu entreißen, um dann anschließend einen Gewerkschafts-Sozialismus zu etablieren. Im Jahr 1907 verließen die Syndikalisten die PSI und beschlossen 1912 eine eigene Gewerkschaft zu gründen. Während die Sozialistische Partei eine strikt antimilitärische Linie beibehielt waren die Syndikalisten anfangs in dieser Frage noch zerstritten bis sie 1915 den Eintritt Italiens in den Krieg forderten. Die Anführer der Syndikalisten meldeten sich konsequenterweise nur wenige Tage nach dem Kriegseintritt als Freiwillige für das Militär. Die Annäherung von Syndikalisten und Nationalisten wurde durch den Kriegseintritt gewaltig beschleunigt. Mit dem Mythos vom revolutionären Krieg erreichte die sozialistisch-nationale Synthese in Italien einen neuen Höhepunkt. Am Ende des Krieges berief sich der revolutionäre Syndikalismus, der inzwischen zum Nationalsyndikalismus geworden war auf die ideologische Strömung der “Carta del Carnaro”. Neben Aussagen wie “Das Vaterland verleugnet man nicht, man erobert es” und anderen Details des späteren faschistischen Systems, enthielt die Carta auch fortschrittlichere Forderungen wie die Gleichberechtigung von Mann und Frau oder eine strikte Trennung von Staat und Kirche.
Unter den italienischen Revolutionären, die nach dem Ersten Weltkrieg das bestehende Regime stürzen wollten, nimmt Benito Mussolini (1883 -1945) eine zentrale Stellung ein. Während des ersten Weltkrieges übernahm Mussolini die Marxismuskritik von Sorel und entschied sich für einen nationalen Sozialismus um anschließend als Symbolfigur des Faschismus in Italien in die Geschichte einzugehen. In Mussolinis Augen stellte Sorel die wahre Überleitung von Marx zum Syndikalismus dar, und wie der französische Denker sah er in der Gewalt eine historische Notwendigkeit, die einzig wirksame Waffe gegen die herrschende Bourgeoisie. Vor dem ersten Weltkrieg war Mussolini Funktionär der Sozialistischen Partei Italiens, der im Marxismus „die wissenschaftliche Doktrin der Revolution der Klassen“ sah. Während ihm die Partei den Weg zur Spitze ebnete, während er sich als Führer profilierte, brach Mussolini nach und nach mit den traditionellen Ideen des Sozialismus. So verwarf sich Mussolini während des Krieges mit dem pazifistischen Antiimperialismus der Sozialisten und äußerte sich zunehmend nationalistisch und kriegsbejahend. Seine Parteifreunde warfen ihm vor, ein von den Westmächten bestochener Verräter des Sozialismus zu sein und schlossen ihn am 25. November 1914 aus der Sozialistischen Partei aus. Um den ehemaligen Herausgeber der Zeitung Avanti! sammelten sich nach dem Krieg seine früheren Genossen des linken Flügels der Sozialistischen Partei, des revolutionären Syndikalismus sowie die Nationalisten und Futuristen, die einen Condottiere suchten. Mussolini verkörperte für die italienischen Linksdissidenten und Nationalisten den perfekten Anführer. Im März 1919 wurde die Faschistische Partei Italiens gegründet und 1922 ernannte der italienische König der “starken Mann” in den Wirren der Nachkriegszeit zum Regierungschef. Am Vorabend der Ernennung Mussolinis zum Regierungschef stellte Camillo Pellizzi das Konzept der großen antimaterialistischen Revolution vor: “Der Faschismus ist die praktische Verneinung des historischen Materialismus und mehr noch die Absage an den demokratischen Individualismus, den Rationalismus der Aufklärung, er proklamiert die Prinzipien der Tradition, der Hierarchie, der Autorität, des persönlichen Opfers für ein historisches Ideal. Er ist die praktische Verkörperung der geistigen und geschichtlichen Persönlichkeit (des Menschen, des Volkes, der Menschheit) im Gegensatz zur Vernunft des abstrakten und empirischen Individualismus der Aufklärung, der Positivisten und Utilitaristen.”
Der Faschismus in Italien war das Ergebnis verschiedener, aber zusammenlaufender Strömungen. Der italienische Faschismus kann keineswegs mit dem deutschen Nationalsozialismus gleichgesetzt werden, obwohl beide Ideologien, beide Bewegungen und beide Regime Gemeinsamkeiten aufweisen. Ein entscheidender Unterschied ist der biologische Determinismus des deutschen Nationalsozialismus mit der Vernichtung von sechs Millionen Juden in der Konsequenz. Auch wenn manche italienische Faschisten als militante Antisemiten auftraten, so wurden die Rassengesetze in Italien erst 1938 erlassen und in den Kriegsjahren waren Juden in Nizza oder Hochsavoyen unter italienischer Besatzung weit weniger gefährdet als etwa in Marseille unter dem Vichy-Regime. Der deutsche Nationalsozialismus war die Diktatur der Volksgemeinschaft die weder der “Stütze” des deutschen Militärs noch der deutschen Arbeiter bedurfte, weil beide in ihr aufgingen, soweit sie den Vernichtungskrieg vorbereiteten und ausführten. Der Rassismus ist also keine notwendige Voraussetzung für den Faschismus, er trägt jedoch zum faschistischen Eklektizismus bei.
Georges Sorel schrieb am 16. April 1922 in einem Brief: “Die Faschisten haben nicht ganz unrecht, wenn sie sich auf meine Ansichten berufen, denn ihre Macht zeigt ganz offenbar die Vorzüge der triumphierenden Gewalt.” Dieser Kult der Gewalt war es der alle Dissidenten von den Futuristen, den Sorelianern bis zu den Nationalisten einte. Die Demokratiefeindlichkeit dieser Kräfte wurzelte in der Furcht, “dass die Massengesellschaft das hohe Niveau der Kultur erdrücken könnte”. Es waren die Sorelianer in Frankreich und Italien, die Theoretiker des revolutionären Syndikalismus, die mit ihrer neuen und eigenständigen Revision des Marxismus begannen die Geburt der faschistischen Ideologie einzuleiten. Der Antiliberalismus und die Überhöhung der “Nation” sind treibende Elemente des Faschismus. Von daher sollten aufgeklärte Linke das eigene Bedürfnis nach kollektiver und damit potentiell nationaler Identität reflektieren, denn die Ablehnung des Prinzips Nation ist der immunisierende Faktor gegen die antimarxistische Revision des Sozialismus. Marxismusrevisionisten von Georges Sorel über Pierre-Joseph Proudhon bis Silvio Gesell (1862 – 1930) liefern noch heute Andockmöglichkeiten zu reaktionärer Ideologie. Die führenden Theoretiker des Faschismus waren ganz überwiegend “rechte Leute von links”, die aus dem revolutionären Syndikalismus hervorgegangen waren. Zeev Sternhell benennt in seinem Buch die Bruchstellen innerhalb der Linken, die dieses “Hinüberwandern” einiger ihrer Unterströmungen und ihre Verbindung zu rechten reaktionären Elementen ermöglichten.
Im Epilog von “Die Entstehung der faschistischen Ideologie” schreibt am Ende Zeev Sternhell: “Wenn der Antirationalismus zu einem politischen Werkzeug wird, zu einem Mittel für die Mobilisierung der Massen und zu einer Waffe gegen den Liberalismus, den Marxismus und die Demokratie, wenn er mit einem starken Kulturpessimismus, einem ausgeprägten Kult der Gewalt und der aktivistischen Eliten einhergeht, dann führt er zwangsläufig zu faschistischem Denken.”
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Zeev Sternhell, Mario Sznajder, Maia Asheri: Die Entstehung der faschistischen Ideologie – Von Sorel zu Mussolini – Hamburger Edition 1999 – 409 Seiten
Die von der Fran
kfurter Schule inspirierte westdeutsche Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre kritisierte und bekämpfte endlich und also zurecht die herrschenden Verhältnisse in der BRD. Der Kampf der “Achtundsechziger” gegen die „Generation der Täter“ des Dritten Reiches, gegen den verbrecherischen mit Napalm und Flächenbombardierungen geführten Krieg der USA in Vietnam, gegen den Muff unter den Talaren, für die Überwindung der bigotten Sexualmoral der fünfziger Jahre ist aller Ehren wert. Heutige Generationen profitieren zweifellos von den positiven gesellschaftlichen Veränderungen die von den “Achtundsechzigern” initiiert wurden.
Wo viel Licht ist gibt es auch Schatten. Mit den Schattenseiten der “Achtundsechziger” beschäftigt sich seit vielen Jahren der Politikwissenschaftler Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Wenngleich Wolfgang Kraushaar in seiner Kritik sicherlich hin und wieder überzog, so lösten seine Bücher meist kontroverse und fruchtbare Diskussionen aus. Sein dreibändiges Werk “Frankfurter Schule und Studentenbewegung” aus dem Jahre 1998 wurde innerhalb der Linken hart und häufig undifferenziert kritisiert. Im Gegensatz zu vielen anderen konnte Günter Amendt selbstkritisch differenzieren und verteidigte Kraushaar in Konkret 07/98 gegen diverse ignorante Angriffe: “Kraushaars Buch stößt alle, die an den Auseinandersetzungen um Adorno beteiligt waren, noch einmal mit voller Wucht auf die schäbigen und beschämenden Aktionen, die diese Auseinandersetzungen begleiteten. Schäbig und beschämend deshalb, weil wir, mehr als uns bewußt war, an den Verdrängungsmechanismen unserer Eltern teilhatten. Heide Berndt weist in ihrem Beitrag zu Recht darauf hin, daß die studentische Protestgeneration die wirklich radikale Auseinandersetzung mit der Generation der leiblichen Eltern scheute. Wir haben sie geschont, weil wir es nicht ertragen hätten, in ihnen Täter zu sehen. Das hat den Blick auf die Opfer verstellt. Hätten wir verstanden, was es für einen nach Deutschland zurückgekehrten jüdischen Emigranten bedeuten muß, von deutschen Studenten unter Druck gesetzt zu werden, und sei es nur symbolisch, dann hätten wir die politisch wohl unvermeidliche Auseinandersetzung mit Adorno so nicht führen können und so nicht führen dürfen. Kraushaars Buch ist eine echte Überraschung. Nach all den Rationalisierungen und Selbstverleugnungen, nach den vielen Verzerrungen und Verfälschungen, die das 68er-Revival in den Medien mit sich brachte, ist zuguterletzt doch noch eine Arbeit erschienen, die man getrost »in die Hand des jugendlichen Lesers« legen kann. Wer sich über die Geschichte der Studentenbewegung informieren will, von den Schlachtberichten der Veteranen aber nicht zugetextet werden möchte, hat hier eine Quelle, die ihm oder ihr erlaubt, sich selbst ein Bild zu machen.”
Mit seinem Buch “Die Bombe im jüdischen Gemeindehaus” konnte Wolfgang Kraushaar den misslungenen Sprengstoffanschlag auf die Berliner Jüdische Gemeinde am 9. November 1969 aufklären, was der Polizei über 30 Jahre lang nicht gelingen wollte. Albert Fichter von den Tupamaros Westberlin legte im Auftrag von Dieter Kunzelmann die Bombe, die er zuvor von Peter Urbach, einem V-Mann des Verfassungsschutzes bekam. Das ideologische Rüstzeug für den Anschlag im Jüdischen Gemeindehaus reichte der aus Bayern stammende Kunzelmann in seinem ersten “Brief aus Amman” nach: “Palestina ist für die BRD und Europa das, was für die Amis Vietnam ist. Die Linken haben das noch nicht begriffen. Warum? Der Judenknax. ‘Wir haben 6 Millionen Juden vergast. Die Juden heißen heute Israelis. Wer den Faschismus bekämpft, ist für Israel.’ So einfach ist das, und doch stimmt es hinten und vorne nicht. Wenn wir endlich gelernt haben, die faschistische Ideologie “Zionismus” zu begreifen, werden wir nicht mehr zögern, unseren simplen Philosemitismus Zu ersetzen durch eindeutige Solidarität mit AL FATAH, die im Nahen Osten den Kampf gegen das Dritte Reich von Gestern und Heute und seine Folgen aufgenommen hat.” Mit dieser Kette von Gleichsetzungen wird eine Tilgung von Schuldgefühlen vollzogen und zugleich eine neue Haltung in Position gebracht, die rückhaltlose Identifikation mit den Palästinensern um gleichzeitig einen Schlussstrich unter eine als Philosemitismus denunzierte Einstellung zu ziehen. Dieter Kunzelmann reiste mit seinen Berliner Tupamaros 1969 in die jordanischen Ausbildungslager der Fatah und forderte in seinem zweiten “Brief aus Amman”, wieder abgedruckt in der Agit 883 “die verzweifelten Todeskommandos” der Palästinenser durch “besser organisierte zielgerichtete Kommandos zu ersetzen, die von uns selbst durchgeführt werden”. Die vermeintliche Tatenlosigkeit deutscher Linker führte Kunzelmann auf ihren “Judenknax” zurück: “Dass die Politmasken vom Palestina-Komitee die Bombenchance nicht genutzt haben, um eine Kampagne zu starten, zeigt nur ihr rein theoretisches Verhältnis zu politischer Arbeit und die Vorherrschaft des Judenkomplexes bei allen Fragestellungen.” Aus dem zweiten “Brief aus Amman” stammt auch das titelgebende Zitat für Kraushaars neues Buch. In dem neuen Buch, “Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel? – München 1970: Über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus”, das im Februar 2013 erschienen ist, beschäftigt sich Kraushaar mit dem antisemitischen Terror der deutschen Linken und den Terrorgruppen der PLO von 1970 bis 1972 in München und Umgebung. Nachfolgend der Versuch fragmentarisch die knapp 900 Seiten zusammenzufassen:
Bereits im September 1967 verabschiedete die wichtigste Organisation links von der SPD, der SDS einen strikt antizionistischen Kurs. 1969 sprengte der SDS mit palästinensischen Studenten mehrere Vortragsveranstaltungen des israelischen Botschafters Asher Ben-Natan. Theodor W. Adorno schreibt am 19. Juni 1969 in einem Brief an seinen in San Diego lebenden Kollegen Herbert Marcuse: “Nachdem man in Frankfurt den israelischen Botschafter niedergebrüllt hat, hilft die Versicherung, das sei nicht aus Antisemitismus geschehen, und das Aufgebot irgendeines israelischen APO-Mannes nicht das mindeste [...] Du müsstest nur einmal in die manisch erstarrten Augen derer sehen, die, womöglich unter Berufung auf uns selbst, ihre Wut gegen uns kehren.”
Während mehrere SDS-Gruppen 1969 von Frankfurt nach Amman fliegen um sich von der Fatah militärisch ausbilden zu lassen, kritisiert Jean Améry in der “Zeit” die innerhalb der Neuen Linken stärker werdende antiisraelische, antisemitische Haltung. Kurz darauf wurden in Westberlin jüdische Gedenkstätten geschändet. Zu lesen sind die Worte “Schalom”, “El Fatah” und “Napalm”. Die Buchstaben sind mit schwarzer und grüner Farbe angemalt worden, den Nationalfarben Palästinas. Nach dem Anschlag der Tupamaros West-Berlin auf das Jüdische Gemeindehaus am 9. November 1969 erhält der Vorsitzende, Heinz Galinski eine auf Band aufgenommene Drohung, nach 15 Sekunden dauernden Ticken ertönt eine Frauenstimme: “Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus hat gezündet. Berlin dreht durch, die Linke stutzt … Springer, Senat und die Galinskis wollen uns ihren Judenknacks verkaufen. .. Bei uns ist Palästina, wir sind Fedajin. Heute Nachmittag kämpfen wir für die revolutionäre palästinensische Befreiungsfront Al-Fatah! Schlagt zu!”
München war im Februar 1970 mit 55 Toten Schauplatz und Ausgangspunkt der opferreichsten Terrorwelle die es nach dem Zweiten Weltkrieg in Mitteleuropa gegeben hat. Innerhalb von nur elf Tagen ereigneten sich in München mit zwei versuchten Flugzeugentführungen, zwei Bombenanschlägen auf Flugzeuge und einem Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim fünf verschiedene Terroraktionen, die allesamt antisemitisch motiviert waren.
Am 10. Februar 1970 versuchten AOLP-Kommandos der PLO in München Riem eine EL-Al-Maschine zu entführen. Kurz vor 13 Uhr entsteht ein Handgemenge, Handgranaten fliegen, Schüsse fallen. Nachdem Palästinenser eine Handgranate in eine Menge von Passagieren werfen, wirft sich der Israeli Arie Katzenstein auf die Handgranate um seinen Vater und die um ihn stehenden Menschen vor dem sicheren Tod zu bewahren und kommt dabei ums Leben. Elf weitere Passagiere und die aus Deutschland stammende israelische Schauspielerin Hanna Maron werden schwer verletzt. Um Hanna Maron das Leben zu retten müssen Ärzte in München ihr Bein amputieren. Die Terroristen werden noch am Tatort festgenommen. In einem Schreiben an die bundesdeutsche Botschaft in Amman teilt die AOLP mit, dass es sich bei dem Angriff auf die israelische Maschine am Vorlag in München-Riem um eine “legitime Kriegshandlung” gehandelt habe. Die bundesdeutschen Behörden werden aufgefordert, den Mitgliedern des dreiköpfigen Kommandos den Kriegsgefangenenstatus zu gewähren und sie medizinisch gut zu behandeln. Der Anführer der AOLP, Issam Sartawi, erklärt in Amman die Aktion befinde sich in Einklang mit den internationalen Regeln der Kriegführung. Die israelische Fluggesellschaft sei eine “halbmilitärische Einrichtung”. Die deutschen Behörden stellten die palästinensischen Terroristen groteskerweise nicht vor ein Gericht, sondern schieben die Mörder wenige Wochen später in ein ölreiches arabisches Land ab, wo sie für ihre “Heldentat” freundlich empfangen werden.
Am 13. Februar 1970 gegen 20.45 Uhr bricht aufgrund einer Brandstiftung im Gemeindehaus der Israelitischen Kultusgemeinde München ein Feuer in der Reichenbachstraße 27 aus. Bei dem Brandanschlag werden sieben Bewohner im Alter zwischen 59 und 71 Jahren, die meisten von ihnen Holocaust-Überlebende, getötet und neun verletzt. Der Anfangsverdacht richtete sich gegen Palästinenser, Rechtsextreme oder die Tupamaros München. Wolfgang Kraushaar hat viele Indizien zusammengetragen, die für eine Täterschaft der Tupamaros oder zumindest aus ihrem Umfeld sprechen. Es spricht heute laut Staatsanwalt Thomas Steinkraus-Koch sehr viel dafür, dass die “Tupamaros München” den Anschlag verübten. Ein 18-jähriger Lehrling soll den Brand gelegt haben und die sich zum Tatzeitpunkt in München aufgehaltenen Fritz Teufel und Dieter Kunzelmann waren möglicherweise beteiligt. Am 3. April 1970 wendet sich Dieter Kunzelmann in der Agit 883 in einem “Brief aus Amman” an die radikale Linke: “Wann endlich beginnt bei Euch der organisierte Kampf gegen die heilige Kuh Israel? Wann entlasten wir das palästinensische kämpfende Volk durch praktischen Internationalismus?” Der ehemalige RAF-Mann und spätere Kronzeuge der Staatsanwaltschaft Gerhard Müller sagte 1976 den deutschen Behörden, er habe ein Gespräch über den Brandanschlag auf das jüdische Altenheim in München zwischen Gudrun Ensslin und Irmgard Möller, die zu den Münchner Tupamaros gehörte und Lebensgefährtin Fritz Teufels war, mitgehört. Zu Möller soll Ensslin gesagt haben: “Diese Arschlöcher! Gut, dass diese Sache den Neo-Nazis untergeschoben wurde.” Wolfgang Kraushaar weiß wie umstritten der Kronzeuge Müller war, aber er stellt die Frage: “Doch welchen Grund hätte Müller haben können, den Brandanschlag auf das israelitische Gemeindehaus in der Reichenbachstraße zu erwähnen? Welchen Vorteil hätte ihm das verschaffen sollen? Die in Stammheim angeklagte Ensslin kommt dabei ja eher positiv weg. Immerhin regt sie sich über den Mordanschlag noch auf, wenn auch vielleicht nur aus taktischen Gründen.” Bis heute ist der Brandanschlag nicht aufgeklärt und so wurden die Täter nie zur Rechenschaft gezogen.
Am 17. Februar 1970 versucht ein weiteres AOLP-Kommando am Flughafen München-Riem ein israelisches Flugzeug zu entführen. Im Transitraum fallen die palästinensischen Terroristen wegen ihrer ausgebeulten Manteltaschen dem Flugkapitän auf. Die drei Männer, die neben geladenen Schusswaffen Handgranaten mit sich führen, werden daraufhin verhaftet. Auch diese palästinensischen “Freiheitskämpfer” wurden von der Bundesregierung ohne eine Gerichtsverhandlung in ein ölreiches arabisches Land kurze Zeit später abgeschoben.
Am 21. Februar verüben in Deutschland lebende palästinensische Attentäter einen Paketbombenanschlag auf ein österreichisches Flugzeug, dass in Frankfurt am Main um 10.39 Uhr startete. Die Bombe explodiert noch im Steigflug, so dass es dem Piloten der Maschine gelingt umzukehren und am Flughafen Frankfurt ohne Verletzte notzulanden. Die nachfolgenden Ermittlungen ergaben, dass die Bombe eigentlich einer EL-Al Maschine gegolten habe die sich von Frankfurt in Richtung Tel Aviv bewegte.
Um 13.14 startete ein Flugzeug der Swissair vom Zürich in Richtung Tel Aviv. Nach sieben Minuten kommt es zu einer Explosion im Frachtraum. Das Flugzeug stürzt im Kanton Aargau, wenige hundert Meter vom schweizerischen Atomreaktor Würlingen ab. Alle neun Besatzungsmitglieder und alle 39 Passagiere kommen dabei ums Leben, darunter viele Holocaustüberlebende und der ZDF Reporter Rudolf-Walter Crisolli. Bereits am Abend übernimmt die Volksfront für die Befreiung Palästinas die Verantwortung für beide Anschläge. Die Paketbombe wurde in München Riem aufgegeben und per Flugzeug nach Zürich befördert. Der für die Explosion erforderliche Höhenmesser wurde von drei in Deutschland lebenden Palästinensern in Frankfurt gekauft. Die drei palästinensischen Täter wurden von deutschen Behörden nicht verfolgt und alle Angebote einer Mitarbeit der israelischen Regierung wurden ignoriert. Am Abend des 21. Februars folgen 250 Gegner, darunter viele Linke der israelischen Politik einem Aufruf des Palästina-Komitees und demonstrieren in München gegen einen bevorstehenden Besuch des israelischen Außenministers Abba Eban.
Bedenken gegen die Austragung Olympischer Spiele sind 1972 in der Bundesrepublik aus zeithistorischen und gesellschaftskritischen Gründen, in Teilen durchaus nachvollziehbar, insbesondere von der radikalen Linken vorgebracht worden. Die Kritik der Kommerzialisierung des Leistungssports, welche die Massenmedien als harmoniestiftendes Gemeinschaftserlebnis präsentierten mündete bereits im Herbst 1968 zur Gründung eines Komitees zur Verhinderung der Olympischen Spiele in München. Ein Massaker an unbewaffneten und gewaltfrei demonstrieren Studenten in Mexiko, wo die nächste Olympiade stattfinden sollte war der Auslöser für das Engagement. Die unbestrittene Ikone der antiolympischen Bewegung war Fritz Teufel, der auf einem Plakat in zehntausendfacher Auflage auf einem Siegertreppchen, auf dem in Frakturschrift “München 1972″ zu lesen war posierte, womit er offenbar an das “Dritte Reich” und die Olympiade 1936 erinnern wollte. So war es nicht verwunderlich, dass die Tupamaros um Fritz Teufel und Georg von Rauch Überlegungen zur “Sprengung” der Olympischen Spiele in München anstellten. Wolfgang Kraushaar hält es für denkbar, dass Kunzelmann von den Tupamaros Westberlin während seiner Besuche bei Arafat und der PLO den Palästinensern den Anstoß vermittelte sich mit dem Thema Großthema Olympiade 1972 näher zu befassen. In einem 36 Seiten umfassenden Text hatte Georg von Rauch detaillierte Überlegungen zur Sprengung der Olympiade festgelegt. Die ersten Angriffe sollten bereits während der Eröffnung erfolgen: “Bei der Fahnenhissung fallen die ersten Schüsse. Wenn die Polizei schießt, schießen wir zurück. Wir haben alle Waffen.” Danach wollte von Rauch das Olympische Dorf stürmen: “Nach dem Sturm auf das Olympische Dorf herrscht Chaos in der Stadt. Überall werden neue Kommunen gebildet.” Die in deutschen Häfen liegenden US-Schiffe sollten in die Luft gesprengt werden. Das bayerische Landeskriminalamt hatte diese Schriften bereits am 1. März 1972 vorliegen, daraus und aus den Ereignissen vom Februar 1970 in München zog der Staat aus nicht nachvollziehbaren Gründen nicht die notwendigen Schlüsse.
Trotz der antisemitischen Terrorakte von 1970 wurde das Olympische Dorf in keiner Weise gegen Angriffe von Terroristen gesichert, weshalb ein Terrorkommando der Palästinenser ungehindert eindringen konnte. So ermordeten auf deutschem Boden, im September 1972 während der Olympischen Sommerspiele in München palästinensische Terroristen des “Schwarzer Septembers” elf Sportler der israelischen Mannschaft vor und während der Geiselnahme. Israel wollte die Sportler mit einer Militäraktion befreien und bot eine geschulte Spezialeinheit für die Befreiung der Geiseln an. Das israelische Angebot wurde von Willy Brand und Hans-Dietrich Genscher kategorisch zurückgewiesen. In einer äußerst dilettantisch angelegten “Befreiungsaktion” versuchte Polizeipräsident Schreiber mit Streifenpolizisten und fünf Scharfschützen die acht palästinensischen Terroristen auf dem Flughafen in Fürstenfeldbruck zu überwältigen. Die jüdischen Sportler befanden sich gefesselt in zwei Hubschraubern. In einen der Hubschrauber warfen die Palästinenser eine Handgranate, die Israelis im anderen Hubschrauber wurden durch Maschinengewehrsalven ermordet. Die drei überlebenden palästinensischen Mörder und Geiselnehmer wurden in Deutschland vor kein Gericht gestellt. Die Mörder wurden wenige Wochen nach der Geiselnahme von der Deutschen Regierung, ohne Israel darüber zu informieren, gegen Passagiere und Besatzung der entführten Lufthansa-Maschine „Kiel“ ausgetauscht. Die Leichen der fünf im Feuergefecht von Fürstenfeldbruck getöteten Geiselnehmer wurden nach Libyen überführt, wo sie eine Heldenbestattung mit großen militärischen Ehren erhielten. Ulrike Meinhof 1972 schieb in ihrer Zelle: “Die Aktion des Schwarzen September war antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch.[..] Sie hat einen Mut und eine Kraft dokumentiert, die immer nur das Volk hat [..] …gegen dem seinen Wesen und seiner Tendenz nach durch und durch faschistischen Imperialismus- in welcher Charaktermaske auch immer er sich selbst am besten repräsentiert findet: Nixon, Brandt, Moshe Dayan oder Genscher, Golda Meir oder Mc Gouvern. [..]Der Tod der arabischen Genossen wiegt schwerer als der Tai-Berg. Solidarität mit dem Befreiungskampf des Palästinensischen Volkes.“
Wolfgang Kraushaar hat im Jahre 2005 innerhalb seiner Recherchen zu “Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus” aufgeklärt wer die Bombe 1969 legte, wer der Auftraggeber war und dass die Bombe vom deutschen Verfassungsschutz stammte. Dass dies dem deutschen Staat in dreißig Jahren nicht gelang verwundert nicht, denn das Interesse an Aufklärung war wohl wegen der peinlichen staatlichen Verstrickungen eher gering. Die Terroranschläge von München 1970 sind eigenartigerweise aus dem Bewusstsein der Deutschen und der Medien verschwunden. Obwohl die meisten Älteren das spektakuläre Geschehen seinerzeit in den Zeitungen verfolgt haben dürften, erinnern sich heute kaum welche daran und den Jüngeren hat niemand etwas davon erzählt, kein Journalist und auch kein Lehrer. Die Mörder von München 70 und München 72 wurden kaum oder nicht verfolgt, die gefassten Mörder und Terroristen wurden ohne Gerichtsverhandlung abgeschoben und in ihren arabischen Heimatländern für ihre Mordtaten gefeiert. Die Tabuisierung, die Verdrängung und die Weigerung sich mit den Geschehnissen von München und der (eigenen) Vergangenheit auseinanderzusetzen belegt die unheimliche Allianz von palästinensischen Terroristen, deutschen Linken und dem deutschen Staat. Die von deutschen Linken und völkisch-arabischen Nationalisten begangenen oder gepriesenen, sowie heute in linken Kreisen tabuisierten oder gerechtfertigten, antisemitischen Terrorakte belegen zudem die ideologische Verwahrlosung dieser Kreise.
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Wolfgang Kraushaar Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus – Hamburger Edition – 300 Seiten – Juli 2005
Wolfgang Kraushaar “Wann endlich beginnt bei Euch der Kampf gegen die heilige Kuh Israel?”- München 1970: über die antisemitischen Wurzeln des deutschen Terrorismus – Rowohlt – 880 Seiten – Februar 2013
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Update 21.3.13: Wolfgang Kraushaar hat den Artikel nach Rücksprache mit MI auf seiner Homepage veröfentlicht: http://wolfgang-kraushaar.com/debatte-2-breitenberger
Hugo Chávez und die “Bolivarische Revolution”
Lateinamerika war bis zur Jahrtausendwende der Hinterhof der USA. So gut wie alle Militärdiktaturen von Chile bis Paraguay oder Konterrevolutionen von Kuba bis Nicaragua wurden von den USA unterstützt oder initiiert. Der Terror der Todesschwadronen in El Salvador, die Machenschaften der United Fruit Company, die Invasion in der Schweinebucht oder der Sturz Allendes hatten das Ziel die Interessen der USA und der jeweiligen Machteliten gegen jede soziale Gerechtigkeit durchzusetzen. Die Großgrundbesitzer in den Ländern Lateinamerikas verhinderten jede wirtschaftliche und soziale Entwicklung, und die Staatsausgaben wurden vor allen Dingen für die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung verwandt. Einzig Kuba gelang es unter der Führung Fidel Castros mit seiner Revolution 1959 sich aus der Umarmung der USA zu lösen und einen anderen sozialeren Weg einzuschlagen. Mit dem Kampf gegen den internationalen Terrorismus um die Jahrtausendwende geriet Lateinamerika in den Hintergrund der US-Interessen, sodass sich viele der Militärdiktaturen nicht mehr halten konnten bzw. die konservativen Pseudodemokratien von linken Präsidenten demokratisch abgelöst wurden.
Als Hugo Chávez 1998 in Venezuela an die Macht kam versprach er die Oligarchie zu entmachten und die Armut des Landes zu bekämpfen. Chávez berief sich auf sein Vorbild Simón Bolívar, forderte ein vereintes Südamerika, wobei er in seine “Bolivarischen Revolution” einige marxistische und nationalistische Ideen integrierte. Chávez, der sich einerseits als Marxist bezeichnete, andererseits sich öffentlich zum María-Lionza-Kult bekannte, einen Heiligungskult der sich mit dem Katholizismus, Schamanismus und Voodoo vermischte, regierte fünfzehn Jahre in Venezuela.
In seiner Amtszeit hat Hugo Chávez durchaus Erfolge vorzuweisen. Durch den staatlichen Zugriff auf den Ölreichtum gelang eine gewisse Umverteilung, sodass die Armutsbekämpfung vorangetrieben werden konnte. Chávez hat die Ölpreisexplosion dafür genutzt, einen kleinen Teil des Ölreichtums gegen Intelligenz und Pflege zu tauschen. 20.000 Lehrer, Ärzte und Pfleger aus Kuba helfen in Venezuela bei der Alphabetisierung und Krankenversorgung.
Sein Ziel die Wirtschaft von der Ölabhängigkeit zu befreien ist jedoch offensichtlich gescheitert, denn eine jährliche Inflationsrate von 30 Prozent ist seit vielen Jahren traurige und armutsfördernde Realität in Venezuela. Die extreme Gewaltkriminalität, die höchste in Lateinamerika, ist eine weitere Geisel für die Menschen Venezuelas. Zwanzig Prozent aller Verbrechen werden von Polizisten begangen, jeden Monat werden in Venezuela 70 bis 80 Menschen von Sicherheitskräften umgebracht.
“Der wichtigste Pfeiler der chávistischen Ideologie ist der Antisemitismus”, so Stefan Frank in Konkret 1/2010. Gibt man bei der führenden pro-chávistischen Internetseite aporrea.org das Suchwort Jude ein, stellt man fest, dass das Magazin nichts anderes ist als “Der Stürmer” im neuen Gewand, und der “Sozialismus des 21. Jahrhunderts” in Wahrheit der Nationalsozialismus des 21. Jahrhunderts. Die Juden würden die Welt beherrschen und hätten das “Holocaust-Märchen” erfunden, um die Menschheit noch effektiver zu unterdrücken, so die immer wiederkehrende Behauptung. Der Judenhass in Venezuela verharrt nicht nur bei Worten. 2009 wurde in Caracas die Synagoge überfallen und verwüstet, zuvor hatten Chávisten regelmäßig Hakenkreuze, antijüdische und propalästinensische Parolen an die Mauern gesprüht.
In seiner Weihnachtsansprache von 2005 sagte Chávez: „Die Welt hat genug für alle, aber es stellt sich heraus, dass einige Minderheiten, die Nachkommen derer, die Christus kreuzigten, die Nachkommen derer, die Bolívar von hier verjagten und ihn auf andere Art in Santa Marta kreuzigten, dort in Kolumbien. Eine Minderheit hat sich der Reichtümer der Welt bemächtigt. Eine Minderheit hat sich des Goldes, des Silbers, der Mineralien, des Wassers, der guten Landstücke, des Öls, der Reichtümer bemächtigt und sie haben alle Reichtümer in den Händen weniger vereint: weniger als 10 % der Weltbevölkerung besitzt mehr als die Hälfte des Reichtums der Erde…“
Chávez, der dem peronistischen Politikwissenschaftler, Antisemiten und Holocaustleugner Norberto Ceresole eng verbunden war, verwies 2009 den israelischen Botschafter des Landes wegen der israelischen Operation Gegossenes Blei. Die Operation bezeichnete Chávez als „Holocaust am palästinensischen Volk“. Mit seiner Unterstützung für Diktatoren wie Irans Mahmud Ahmadinedschad oder Terroristen wie Ilich Ramírez Sánchez zeigte der venezolanische Präsident was man sich unter dem “Sozialismus der dummen Kerle” vorzustellen hat.
Das Ende der Militärdiktaturen in Lateinamerika war also nicht gleichzeitig der Anbruch eines Zeitalters der Vernunft. Chávez, der Prototyp des linken Antisemiten und seine Regierungszeit sind Beleg dafür. Hugo Chávez ist in dieser Woche gestorben. Sein Tod stürzt in dem tief gespaltenen südamerikanischen Land seine Anhänger in Verzweiflung. Ob sein Nachfolger aus den “Fehleinschätzungen” seines Vorgängers die Lehren ziehen wird, muss bezweifelt werden.
Übrigens: Das Simon-Wiesenthal-Zentrum verurteilte die Äußerungen von Chávez während seiner Weihnachtsansprache als antisemitisch und forderte von ihm eine Entschuldigung. Chávez entgegnete darauf, er sei antiliberal und antiimperialistisch, aber niemals antisemitisch.
Was endlich kapiert werden muss
Jeder einigermaßen vernünftige Mensch studiert, bevor er urteilt und sich positioniert, beide Seiten in einem Konflikt.
Ein Staat der per Strafgesetz Menschen eingraben lässt um sie dann mit Steinen hinzurichten, dabei penibel die Größe der Steine und die Reihenfolge der Werfer festlegt, ein Staat der Menschen mit Peitschenhieben öffentlich wegen Vergehen gegen die Kleiderordnung bestraft, ein Staat der Dieben die Hände oder Finger abhacken lässt, ein Staat der den Holocaust leugnet und die Vernichtung der Juden ankündigt ist ein faschistischer Staat.
Wer hierzulande den faschistischen Staat Iran mit seinen Terrorgruppen von der Hisbollah über die Bassidji bis zur Hamas auf eine Stufe mit dem demokratischen Staat Israel stellt, wer die Verbrechen und die Ideologie dieses faschistischen Staates relativiert, tabuisiert oder rechtfertigt und gleichzeitig den demokratischen Staat Israel dämonisiert und delegitimiert, macht sich zum Kombattanten dieser faschistischen Ideologie.
Die Kombattanten dieser faschistischen Ideologie sind, wenige Jahrzehnte nach Auschwitz, ein Angriff auf die Zivilisation. Hamas-, Hisbollah-, Terror- und Ahmadinejad-Versteher haben das Recht verwirkt bei anderen Themen als gleichberechtigte Gesprächspartner ernstgenommen zu werden.
Der letzte Referenzpunkt der Linken ist ein Humanismus der keinerlei Schnittmengen mit dieser faschistischen Ideologie zulässt. Die Grenze ist klar gezogen und sie muss kompromisslos verteidigt werden, egal ob die Nazis von rechts oder von links kommen.
Wurzelrassen – Rudolf Steiner und die Anthroposophie
Als Teil der lebensreformerisch-esoterischen Bewegung entstand die Anthroposophie vor dem Ersten Weltkrieg. Sie war ein kleiner Zweig jener “völkischen Revolution”, die dazu beitrug, die Deutschen zu jenen willigen Vollstreckern zu formen, auf die sich der Nationalsozialismus stützen konnte. Rudolf Steiner (1861 -1925) begründete die Anthroposophie, die in der Tradition der deutschen Romantik und der von Helena P. Blavatsky (1831-1891) begründeten Theosophie. Das Konzept der besonders tiefschürfenden, zur Spiritualität neigenden Deutschen übernahm Steiner von Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) und Paul de Lagarde (1827-1891). Steiners Lehre gab einflussreiche Anregungen für die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Architektur, Medizin, Christengemeinschaft, sowie für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. Antihumanismus, Irrationalität, Rassismus und Antisemitismus sind die entscheidenden Bestandteile der Anthroposophie, weshalb die Lehre dafür geeignet scheint autoritäre und faschistische Entwicklungen ideologisch vorzubereiten.
Karmalehre – Seelenwanderung – Reinkarnation
Die indischen Priester und Adligen legitimierten bekanntlich mit der Karmalehre das Ausbeutungs- und Herrschaftssystem der Kasten und die besondere Unterdrückung der Frau. Die Karma-Lehre im tibetischen Buddhismus geht noch einen Schritt weiter und benutzt sie sehr gezielt als individuelle und soziale Zuchtrute. Wie die Gurus erklären Anthroposophen Hunger und Elend, Krankheit und Behinderung, Vergewaltigung und Mord als karmisch bedingt. In der Rassenlehre Steiners ist die Karmalehre ein wichtiger Bestandteil, so wird das Leben jedes Menschen von seinen Handlungen im vermeintlich früheren Leben geprägt. Wer mit seinem Schicksal hadert, handelt sich laut Steiner nur “seelischen Unfrieden” ein, darüber hinaus seien die seelischen Anlagen, das Aussehen, das Befinden, das Geschlecht und die soziale Position eines Menschen sowie sein Lebensweg karmisch determiniert. Steiner spricht von einem Karmakonto: “Durch alles, was Sie im verflossenen Leben Gutes oder Böses getan haben, sind Ihre Posten nach Soll und Haben gestimmt”. Karmische Schulden können durch Spiritualität und tugendhaften Lebenswandel getilgt werden. Jedes als Versäumnis oder Untat gewertete Handeln belastet dagegen das Konto. Insofern gilt das Karma als eine “höhere, unbestechliche Gerechtigkeit”. Die Cholera in den Slums der Dritten Welt hat nach dieser Karmalehre nichts mit den miserablen Lebensverhältnissen dieser Menschen zu tun. Steiner behauptete, Menschen mit “schwachem Ich-Gefühl” würden sich bei der nächsten Inkarnation Gegenden aussuchen, in denen Cholera auftritt, um ihr Selbstgefühl an “derbsten Widerständen” zu kräftigen. Anthroposophen nutzen die Reinkarnationslehre, um patriarchale Klischees zu legitimieren. Ausführlich beschrieb Steiner die Seelenwanderung: Nach dem Tod sind Geist und Seele noch aneinander gefesselt und durchlaufen ein siebenstufiges Fegefeuer. Dem Astralleib fehlen die physischen Organe, um seine Gelüste zu befriedigen, weshalb der Mensch nach dem Tode laut Steiner einige Zeit im “Kamaloka”, dem Ort der Begierde, zu schmachten habe. In diesem Fegefeuer müsse der Mensch leiden, bis er “die Begierde und Sucht, die im astralischen Leibe wurzeln und nur in der physischen Welt befriedigt werden können, ausgerottet hat”.
Wurzelrassen- Atlantis – Arier
Laut Steiners Antroposophie entwickelte sich der menschliche Geist auf der Erde in sieben Wurzelrassen mit je sieben Unterrassen. Die fünfte arische Wurzelrasse ist laut Steiner mehrere Jahrtausende lang, vom Untergang des mythischen Atlantis bis in eine ferne Zukunft, zur Führung ausersehen. Unter den sieben arischen “Unterrassen” ist die nordisch-germanische Rasse von 1415 bis zum Jahr 3573 die auserwählte Rasse. Die Deutschen seien laut Steiner von 1879 bis ins 23. Jahrhundert prädestiniert, die Mission der Ich-Entdeckung zu verwirklichen. Diese Wurzelrassenlehre übernahm Steiner von den Theosophen Blavatsky und Alfred Percy Sinnet (1840-1921). Die ersten fünf Wurzelrassen sowie einige Unterrassen beschrieb Steiner in dem Buch “Aus der Akasha-Chronik” ausführlich. Nach Blavatsky und Steiner gehen den Ariern vier Wurzelrassen voraus: Die ersten beiden, die polarische und die hyperboräische Rasse, hatten kaum menschliche Züge. Beispielsweise die lebte die dritte Wurzelrasse, die Lemurier, auf dem später versunkenen Kontinent Lemuria im Indischen Ozean. Nur eine kleine Gruppe der Lemurier habe sich unter dem Einfluss höherer Wesen zum Keim der nächsten Wurzelrasse entwickelt. Diese benannte Steiner nach Atlantis. Dieser Mythos findet sich in den Werken vieler faschistischer Autoren, etwa bei Alfred Rosenberg oder Hermann Wirth. Unter Anthroposophen gilt Atlantis als historische Realität, die sie verteidigen und die in Waldorfschulen gelehrt wird.
Laut Steiner betrieben die Atlantier Ackerbau und besaßen hoch entwickelte Kenntnisse der Tier- und Pflanzenzucht. Sie verfügten über eine besondere Lebenskraft, die es ihnen erlaubte, mit Pflanzensamen zu heizen und mit speziellen Fahrzeugen über dem Boden zu schweben. Die Ordnung war theokratisch. Führer mit enormen Fähigkeiten, die sie “von höheren, nicht unmittelbar zur Erde gehörenden Wesenheiten”, von Götterboten, erhalten hatten, herrschten über die Masse. Für Steiner gab es einen kosmischen Kampf zwischen dem Dämon Ahriman und dem Erzengel Michael. Bildung und Wissenschaft waren für den Kleinbürgersohn einerseits Mittel des sozialen Aufstiegs, andererseits teilte er die völkische Aversion gegen den Intellektualismus, den er als zersetzendes Gift schmähte und als jüdisch identifizierte. Seine Synthese lautete das logisches Denken eine wichtige Etappe auf dem Weg zur spirituellen Erleuchtung sei. Diese zwiespältige Haltung findet sich auch in der Charakterisierung der fünften Unterrasse der Atlantier, die Steiner bezeichnenderweise Ur-Semiten taufte. Deren begabtesten Teil lässt er zum Keim der arischen Rasse aufsteigen, “welche die vollständige Ausprägung der denkenden Kraft mit allem, was dazugehört, zur Aufgabe hat”. Die Masse der Ur-Semiten trifft aber laut Steiner der Fluch der Ratio, sie produzieren “unruhige Zustände”, beherrschen Techniken wie das Feuer, aber ohne religiösen Charakter, und gehen schließlich an “Neuerungssucht und Veränderungslust” zugrunde. Während und nach dem Ersten Weltkrieg spitzte Steiner seine Lehre insoweit zu in dem er verkündete, dass die Deutschen zur spirituellen Mission prädestiniert seien, während die Entente-Mächte als dekadent und dem Materialismus verfallen oder wie die Russen kindlich-brutal karikiert wurden. Die übelsten rassistischen Ausfälle leistete sich der Guru 1923 während der Rheinlandbesetzung durch französische und belgische Truppen, die zum Entsetzen aller nationalen deutschen Strömungen auch aus Soldaten aus den afrikanischen Kolonien bestanden. Bei Indianern und Afrikanern wirkten laut Steiner die “abnormen Geister der Form” auf das Drüsensystem. Steiner titulierte die Indianer als “die Rasse des finstern Saturn” und Amerika als den Ort, “an dem die Rassen oder Kulturen sterben”.
Die “zersetzende” Kraft des Judentums - Assimilation – Antizionismus
Steiner war davon überzeugt, dass sich das Judentum überlebt hatte. Assimilation bedeutete für ihn, dass jede eigenständige jüdische Identität verschwinden sollte. Daraus resultierte auch seine scharfe Abneigung gegen den Zionismus. Seine Sicht auf das Judentums leitete Steiner aus seiner Wurzelrassenlehre ab, kombiniert mit Motiven des traditionellen christlichen Antisemitismus. Laut Steiner waren die Juden eine verderbte, wurzellose Rasse, welche Christus leugneten. Von 1882 bis 1891 schrieb Steiner für die deutsch-nationale Presse in Österreich. 1888 rezensierte Steiner den Roman Homunculus von Robert Hamerling (1830-1889). Der Schriftsteller verteufelte in seinen Werken den Materialismus einer “entgötterten” Gegenwart und bewunderte den alldeutschen und antisemitischen österreichischen “Führer” von Schönerer. In dem Roman zeichnet Hamerling bösartige Karikaturen von Wucher- und Börsenjuden, die nach der Weltherrschaft streben, weswegen sein Werk als antisemitisch kritisiert wurde. Steiner dagegen feierte Hamerling. Er behauptete, der Mann habe die objektive Perspektive eines Weisen eingenommen, bloß “überempfindliche Juden” würden sich daran stören. Steiner schrieb in der Rezension: “Es ist gewiss nicht zu leugnen, dass heute das Judentum noch immer als geschlossenes Ganzes auftritt und als solches in die Entwickelung unserer Zustände vielfach eingegriffen hat, und das in einer Weise, die den abendländischen Kulturideen nichts weniger als günstig war. Das Judentum als solches hat sich aber längst ausgelebt, hat keine Berechtigung innerhalb des modernen Völkerlebens, und dass es sich dennoch erhalten hat, ist ein Fehler der Weltgeschichte, dessen Folgen nicht ausbleiben konnten. Wir meinen hier nicht die Formen der jüdischen Religion allein, wir meinen vorzüglich den Geist des Judentums, die jüdische Denkweise.” 1897 zog Steiner von Weimar nach Berlin. Er freundete sich mit dem jüdischen Dichter Ludwig Jacobowski an, der im Dezember 1900 starb, und unterrichtete ab 1899 an der Arbeiter-Bildungsschule der SPD. Unter dem Einfluss Jacobowskis engagierte sich Steiner kurze Zeit im Verein zur Abwehr des Antisemitismus, allerdings mit bedenklichen Argumenten. So behauptete er, die zionistische Bewegung sei schuld am Antisemitismus. Er bescheinigte nicht den Antisemiten, sondern den Zionisten eine “überreizte Phantasie” sowie ein “gekränktes Gemüt”, das ihnen “den Verstand umnebelt”. Die Antisemiten seien ungefährlich “wie Kinder” und “viel schlimmer” seien “die herzlosen Führer der europaweiten Juden” wie Theodor Herzl.
Der Holocaust als karmischer Ausgleich
Der Anthroposoph Karl König (1902-1966) war Arzt jüdischer Herkunft und stammte aus Wien. Ab 1928 leitete er die anthroposophische heilpädagogische Einrichtung Pilgramshain bei Striegau in Schlesien. 1935 wurde König und anderen aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen, weil er die zentralistischen Bestrebungen des Vorstands ablehnte. 1938 emigrierte er mit anderen anthroposophischen Ärzten und Heilpädagogen nach England. Im Exil gründeten die Emigranten die anthroposophische Camphill-Bewegung, die heute vor allem in angelsächsischen Ländern Einrichtungen und Dörfer für Behinderte unterhält. Während die Nazis Behinderte als lebensunwert verfolgten und ermordeten, glaubte König, dass die Behinderung für das betroffene Individuum wichtig sei für seine Entwicklung durch viele Inkarnationen hindurch, was zwar abstrus aber immerhin dem Euthanasie-Programm der Nazis diametral entgegengesetzt ist.
In den 50er Jahren schrieb König diverse Aufsätze, in einem dieser Aufsätze charakterisierte er Sigmund Freud als menschenverachtend, irreligiös und selbstzerstörerisch und bot dafür zwei Erklärungen: Zum einen habe sich der Begründer der Psychoanalyse aufgrund karmischer Schuld den Dämonen Ahriman und Luzifer verschrieben, zum anderen sei Freud Jude gewesen, was König zu dem Urteil bringt: “Er kann sich von der Blutsgemeinschaft des jüdischen Volkes weder gedanklich noch triebmäßig befreien und fällt dadurch immer wieder in uralte Vorstellungen zurück, die für seine Zeit keinerlei Geltung mehr haben.” Die Aufsätze von König, darunter der über Freud, wurden Waldorflehrern 1998 als Erzählstoff für die achte Klasse empfohlen. Im November und Dezember 1965 hielt König drei Vorträge zum Thema “Geschichte und Schicksal des jüdischen Volkes”. Zunächst referierte er die gängige anthroposophische Auffassung, die Juden hätten ihre Mission erfüllt und weigerten sich, Christus anzuerkennen. Er zitiert Steiner zustimmend, wonach die Zionisten schlimmer seien als die Antisemiten. Und er interpretiert den Holocaust als karmischen Ausgleich: Durch den Verrat des Judas habe ein “Drama” begonnen, das zur Kreuzigung Christi führte. “So etwas Ähnliches musste wieder geschehen, es war sozusagen eingeschrieben in das Menschheitskarma. Und so wenig wir auch heute begreifen können, was das gewesen ist, dieser Verrat des Judas, so wenig begreifen wir dasjenige, was sich in unserem Jahrhundert vollzogen hat”, erklärte König. In diesem Sinne forderte er Verfolger und Verfolgte, also Nazis und ihre Opfer auf, zu verstehen, “was gespielt hat und noch immer spielt”. Für König war der Holocaust ein karmischer Ausgleich: “Denn es sind Taten, gleich der des Judas; Taten die geschehen mussten. Und der, der sie tat, ist ja viel schlimmer dran als diejenigen, die sie erleiden mussten.”
Anthroposophie im Nationalsozialismus
Die Anthroposophie unterscheidet sich insoweit vom NS-Rassismus, da ihr Ziel nicht ist, minderwertig definierte Menschen zu ermorden oder zu versklaven, sondern sie zu belehren, zu führen und auf den Weg zur Erleuchtung zu leiten. Anthroposophischer Rassismus ist insofern nicht eliminatorisch wie der NS-Faschismus, sondern paternalistisch. Die Geschichte der Anthroposophie während des NS-Faschismus weist viele Parallelen zu anderen völkischen Gruppen auf. Anthroposophische Projekte wurden von Nazigrößen wie Rudolf Hess oder Landwirtschaftsminister Richard Darre protegiert, SS-Führer Heinrich Himmler ließ mit biodynamischen Methoden in Konzentrationslagern experimentieren. Andere wie Martin Bormann, oder Reinhard Heydrich bekämpften die Anthroposophie und ihre Projekte, wobei ökonomische Interessen eine Rolle spielten, denn das Chemiekapital hatte andere Interessen als die biodynamische Landwirtschaft.
Zwerge – Engel – Waldorfschulen
Die Ideologie Rudolf Steiners fließt in die Pädagogik der Waldorfschulen ein. In Schülerheften ist beispielsweise von Atlantis oder den Ariern und ihren Wanderungen die Rede. In den Lehrplan der Waldorfschulen spielen Bilder von Engeln, “wie sie aus den alten Mythenkreisen der Menschheit vorkommen” ebenso hinein wie die angebliche Existenz von “Zwergen“ und andere Fantasiegestalten.
Da einige Erzieher und Pädagogen, die in diesen Einrichtungen arbeiten auch von staatlichen Universitäten kommen, weshalb ihnen anfänglich der anthroposophische Hintergrund fehlen dürfte, gibt es durchaus Unterschiede in der Umsetzung des Lehrplans. Die Praxis vor Ort in den Waldorfschulen mag sich also unterscheiden, trotzdem bestimmt die Anthroposophie den Charakter aller Waldorfeinrichtungen, wie sich schon anhand der Waldorf-Literatur belegen lässt. Die Schüler müssen zwar die Werke des Meisters nicht auswendig kennen, aber die Lehrer sind auf die anthroposophische Menschenkunde verpflichtet, Lehrplan und Fächer sind davon geprägt und Pädagogen lassen die Ideologie in den Unterricht einfließen. Zugegeben sei, bestimmte Aspekte der Waldorfpädagogik, wie beispielshalber keine Noten oder kein Sitzenbleiben hätten ohne die dazu vermittelte esoterische Ideologie durchaus ihren Wert.
Antiglobalisiserungsbewegung – Regionalgeld – völkische Lebensreformer
Die Anthroposophen haben es nicht geschafft, zu jener dominanten Massenbewegung zu werden, die Steiner einst prophezeit hatte. Ersatzweise interpretieren manche die globalisierungskritische Bewegung als anthroposophisch inspiriert. Wie in der Gründungsphase der Grünen mischen Anthroposophen mit, um neue Anhänger zu rekrutieren und ihre Lehren zu verbreiten. Das Engagement in der globalisierungskritischen Bewegung soll den Zufluss von Staatsgeldern sichern und Waldorfschulen, anthroposophische Betriebe vor Konkurrenz schützen. In der Regionalgeldszene arbeiten Anthroposophen mit Gesellianern bereits seit langer Zeit zusammen, da ihre Weltanschauung kompatibel ist. Es ist kein Zufall, dass die Waldorfschule in Prien es mit ihrem Lehrer Gellerie war, die als Erfinder des Schwundgeldes “Der Chiemgauer” kurzzeitig für Furore sorgte. Was dem einen die Tobin-Steuer, ist dem anderen das Schwundgeld. Das Dorf, die Region oder die Heimat gegen die große weite Welt und transnationale Konzerne. Nicht von ungefähr erinnert das an die deutsch-völkischen Lebensreformer, die Ende des 19. Jahrhunderts einen Gegensatz zwischen heimischer Scholle, dem braven Bauern und der dekadenten, wurzellosen Stadt sowie dem kosmopolitischen Juden konstruierten.
Die gesellschaftliche Funktion der Esoterik
Peter Bierl schreibt in “Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister”: “Ausschlaggebend ist die gesellschaftliche Funktion der Esoterik, von der Anthroposophie eine Strömung ist. Der aktuelle Boom mit all seinen Facetten von Horoskopgläubigkeit, Ufologie, Feng Shui bis zu Reinkarnationstherapien und der Verkündigung eines spirituellen »Neuen Zeitalters« (New Age) ist jene Form massenhafter Regression und autoritärer Zurichtung, die vorzugsweise in der herrschenden Klasse und den akademischen Mittelschichten auftritt. Esoterik verwirft rationales Denken, selbstbestimmtes Handeln und den Gedanken an gesellschaftliche Veränderung zugunsten der abergläubischen Vorstellung, das Leben sei von höheren Mächten schicksalhaft bestimmt, der Mensch werde von Engeln und Dämonen umschwirrt und zappele wie ein Fisch im Netz seines Karmas. Typisch ist die Behauptung, sämtliche Probleme, individueller wie kollektiver, physischer wie psychischer Art, würden aus mangelnder Spiritualität resultieren und seien nicht auf soziale Verhältnisse zurückzuführen. Dieser schlichten Diagnose folgt der Ratschlag, das Individuum möge den transzendentalen größeren Zusammenhang erkennen, der jedes Leid sinnstiftend veredelt, und sich einfügen in eine als göttlich, natürlich oder ganzheitlich verklärte Ordnung. Die penetrant anvisierte Harmonie spricht sensible Gemüter an, die sich über die reale und unbegriffene Atomisierung des Individuums in einer nach den Kategorien von Waren und Konkurrenz funktionierenden Gesellschaft hinwegträumen. Hinter der sanften Fassade der Esoterik verbergen sich gezielte Verblödung, repressive Toleranz sowie rassistische, antisemitische, frauenfeindliche und antidemokratische Ansichten.”
Die erste „staatliche Waldorfschule“ Deutschlands
Die taz erfreut im Übrigen ihre anthroposophischen Leser regelmäßig mit einer anthroposophischen Beilage. In der letzten Ausgabe wirbt Christian Füller in der taz-Rubrik „Zukunft – Bildung“ für die erste „staatliche Waldorfschule“ Deutschlands, als „Zukunftsmodell für das Bildungswesen“ in Hamburg.
Quelle: Peter Bierl – Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister – Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik – Konkret Literatur Verlag 2005
Galilei und das Fernrohr
Eine Groteske frei nach Bertolt Brecht
Alfred Hugenberg (1865-1951) war ein deutscher Medienunternehmer in der Weimarer Republik. Er gilt als bedeutendster bürgerlicher Wegbereiter des Nationalsozialismus. Mit seinem Medienkonzern, der die Hälfte der deutschen Presse kontrollierte, trug er mit antisemitischer Propaganda maßgeblich zum Aufstieg der rechten Parteien in der Weimarer Republik bei. (Wikipedia)
In dem Jahr zweitausenddreizehn schien das Licht des Wissens hell, zu Berlin erkannte Galileo Galilei die antijüdische Agitation kommt nicht von der Stell. So verwunderte es kaum, dass in den Blättern der herrschenden Medienmacher vom Judenstaat als “der größten Gefahr für den Weltfrieden”, von “zionistischen Schlächtern”, vom “Apartheidstaat Israel” oder vom “jüdischen Gängelband” zu lesen war. Zu den übelsten und einflussreichsten antijüdischen Hetzschriften gehörten die Artikel von Fernrohr-Online. Galileo empörte sich über derlei Ressentiment und erinnerte an dunkle Zeiten. Die Mehrheit der Deutschen freilich ignorierte oder belächelte seine Kritik. Erst als sich aus dem Ausland Stimmen regten, gar amerikanische Negativlisten über deutsche Journalisten kursierten, war die Empörung der sich solidarisierenden Journalisten groß. Die “kritischen” Lohnschreiber der herrschenden Medienwelt drohten Galilei mit Kerker, falls er seine Anschuldigungen nicht unverzüglich widerrufe. In Wannsee wurde ein Treffen anberaumt um die Angelegenheit schnell zu bereinigen. Galilei, seine Hoheit, der Hofmarschall und einige Professoren der führenden Medienunternehmen traten ein, während die peinliche Rede von der braunen Pest nicht abreißen wollte. Die Herren im Hinaufgehen: “Nein, nein, es ist alles in schönster Ordnung. Die medizinische Fakultät erklärt es für ausgeschlossen, dass es sich bei den Erkrankungen in der Altstadt um Pestfälle handeln könnte. Die Miasmen müssten bei der jetzt herrschenden Temperatur erfrieren. Das schlimmste in solchen Fällen ist immer Panik. Nichts als die in dieser Jahreszeit üblichen Erkältungswellen. Jeder Verdacht ist ausgeschlossen. Alles in schönster Ordnung.”
GALILEI: Eure Hoheit, ich bin glücklich, in Eurer Gegenwart die Herren Eurer Universität mit meinen Forschungen bekannt machen zu dürfen.
GALILEI mit dem Fernrohr: Wie Eure Hoheit zweifellos wissen, stellen wir Medienforscher seit Jahrzehnten bestürzende Tendenzen fest.
DER PHILOSOPH: Ich fürchte, das alles ist nicht ganz so einfach. Herr Galilei, bevor wir das berühmte Fernrohr examinieren, möchten wir um das Vergnügen eines Disputs bitten. Thema: Kann Antisemitismus in Deutschland überhaupt existieren?
DER MATHEMATIKER: Eines formalen Disputs.
GALILEI: Ich dachte mir, Sie lesen einfach die Artikel im Fernrohr und überzeugen sich?
DER MATHEMATIKER: Gewiss, gewiss. Es ist Ihnen natürlich bekannt, dass es nach der Ansicht der alten Lehre keinen Antisemitismus nach 1945 geben kann.
GALILEI: Ja.
DER PHILOSOPH: Und, ganz absehend von der Möglichkeit von Antisemitismus, möchte ich in aller Bescheidenheit als Philosoph die Frage aufwerfen: sind solche Fragen nötig?
DER PHILOSOPH: Das Weltbild des unvergesslichen Pierre-Joseph Proudhon mit seinem mystischen Antifinanzkapitalismus ist ein Gebäude von solcher Ordnung und Schönheit, dass wir wohl zögern sollten, diese Harmonie von Nestbeschmutzern zerstören zu lassen.
GALILEI: Wie, wenn Eure Hoheit den sowohl unmöglichen als auch unnötigen Antisemitismus nun in diesem Fernrohr wahrnehmen würden?
DER MATHEMATIKER: Man könnte versucht sein zu antworten, dass Ihr Display, dass uns die Texte des Fernrohrs zeigen soll, etwas zeigend, was nicht sein kann, ein nicht sehr verlässliches Display sein müsste, nicht?
GALILEI: Was meinen Sie damit?
DER MATHEMATIKER: Es wäre doch viel förderlicher, Herr Galilei, wenn Sie uns die Gründe nennten, die Sie zu der Annahme bewegen, dass es in der höchsten Sphäre unseres Landes Antisemitismus geben könnte.
DER PHILOSOPH: Gründe, Herr Galilei, Gründe!
GALILEI: Die Gründe? Wenn ein Blick auf die Aussagen selber und meine Notierungen das Phänomen zeigen? Mein Herr, der Disput wird abgeschmackt.
DER MATHEMATIKER: Wenn man sicher wäre, dass Sie sich nicht noch mehr erregten, könnte man sagen, dass, was im Fernrohr steht von ihren gefälscht wurde.
DER PHILOSOPH: Das ist nicht höflicher auszudrücken. Als ob wir wegen der grotesken Listenhetze aus dem amerikanischen Ausland nicht genügend Probleme hätten.
DER HOFMARSCHALL: Eure Hoheit, meine Herren, darf ich daran erinnern, dass der Staatsball in dreiviertel Stunden beginnt?
DER MATHEMATIKER: Warum einen Eiertanz aufführen? Früher oder später wird Herr Galilei sich doch noch mit den Tatsachen befreunden müssen. Antisemitismus in Deutschland ist ein Ding der Unmöglichkeit. Diese Antisemitismuskeule widert mich an.
DER PHILOSOPH: Eure Hoheit, mein verehrter Kollege und ich stützen uns desweiteren auf die Autorität keines Geringeren als des göttlichen Ali Chamenei selber.
GALILEI fast unterwürfig: Meine Herren, der Glaube an die Autorität des Ali Chamenei ist eine Sache, Fakten, die mit Händen zu greifen sind, eine andere.
DER MATHEMATIKER: Lieber Galilei, ich pflege mitunter, so altmodisch es Ihnen erscheinen mag, den unvergesslichen Johann Gottlieb Fichte zu lesen und kann Sie dessen versichern, dass ich da meinen Augen traue.
GALILEI: Ich bin es gewohnt, die Herren aller Fakultäten sämtlichen Fakten gegenüber die Augen schließen zu sehen und so zu tun, als sei nichts geschehen. Ich zeige meine Notierungen, und man lächelt, ich verweise auf die Aussagen im Fernrohr, dass man sich überzeugen kann, und man zitiert Johann Gottlieb Fichte. Der Mann kannte das Fernrohr nicht!
DER MATHEMATIKER: Allerdings nicht, allerdings nicht.
DER PHILOSOPH groß: Wenn hier Johann Gottlieb Fichte in den Kot gezogen werden soll, eine Autorität, welche nicht nur die gesamte Wissenschaft, sondern auch die hohen Medienväter selber anerkannten, so scheint jedenfalls mir eine Fortsetzung der Diskussion überflüssig. Unsachliche Diskussion lehne ich ab. Basta. Ich fordere den Herrn Galilei auf unverzüglich seine grotesken Anschuldigungen zu widerrufen oder mit unserem Kerker Bekanntschaft zu machen.
Eingeschüchtert gibt Galilei auf und entschuldigt sich für den Nazivergleich mit einem kritischen Journalisten und dessen scheinbar verpassten Karrieremöglichkeiten im Reichssicherheitshauptamt.
DER HOFMARSCHALL erleichtert: Ihre Hoheit wird nicht versäumen, über Ihre Behauptungen die Meinung unseres größten lebenden Antisemitismusforscher einzuholen, des Herrn Pater Richard Williamson, Judenexperte am Päpstlichen Collegium in Rom.
Nach dem Treffen von Wannsee begab sich Galilei als gebrochener Mann in sein Landhaus wo er den Rest seines Lebens, dabei die braune Pest überlebend, zurückgezogen verbrachte. Nach vielen Jahren besuchte der ehemalige Schüler Andrea den sichtlich gealterten, fast erblindeten Galilei.
GALILEI: In meinen freien Stunden, deren ich viele habe, bin ich meinen Fall durchgegangen und habe darüber nachgedacht. Der Großteil der Bevölkerung wird von ihren Medienfürsten, und Geistlichen in einem perlmutternen Dunst von Aberglauben und alten Wörtern gehalten, welcher die Machinationen dieser Leute verdeckt. Das Elend der Vielen ist alt wie das Gebirge und wird von Kanzel und Katheder herab für unzerstörbar erklärt wie das Gebirge. Diese selbstischen Medienmänner, die sich ihre Monopolstellung gierig zunutze gemacht haben, fühlten zugleich das kalte Auge der Wissenschaft auf ein tausendjähriges, aber künstliches Elend gerichtet, das deutlich beseitigt werden konnte, indem sie beseitigt wurden. Sie überschütteten uns mit Drohungen und Bestechungen, unwiderstehlich für schwache Seelen und abhängige Lohnschreiber. Eine Menschheit, stolpernd in diesem tausendjährigen Perlmutterdunst von Aberglauben, ewigen Vorurteilen und Sündenböcke suchend, zu unwissend, ihre eigenen Kräfte voll zu entfalten, wird nicht fähig sein, die Gefahren des Antisemitismus zu sehen. Wenn Autoren, eingeschüchtert durch selbstsüchtige Medienmachthaber, sich damit begnügen, Medienmacht für alte Vorurteile zu nutzen, kann die Medienvielfalt zur Medieneinfalt, zum Krüppel gemacht werden, und eure Online-Medien mögen nur neue Drangsale bedeuten. Ihr mögt mit der Zeit alles verharmlosen, was es an Antisemitismus zu verharmlosen gibt, und eure hemmungslose Obsession gegen Juden wird ein weiteres Fortschreiten von der Menschheit weg sein. Die Kluft zwischen euch und ihr kann eines Tages so groß werden, dass euer Jubelschrei über die iranische Atombombe von einem universalen Entsetzensschrei beantwortet werden könnte.
Ich habe meinen Beruf verraten. Ein Mensch, der das tut, was ich getan habe, kann in den Reihen der Aufklärung nicht geduldet werden.
VIRGINIA (seine Tochter): Du bist aufgenommen in den Reihen der Gläubigen.
GALILEI: Richtig. — Ich muss jetzt essen.



