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Die Pest

24. März 2020

In der Stadt Oran kündigen tausende tote Ratten den Ausbruch einer Seuche an. Der Arzt Dr. Bernard Rieux erkennt sofort die Gefahr und setzt gegen anfänglichen Widerstand Quarantänemaßnahmen durch. In einem Disput mit der Verwaltung beharrt der Atheist Rieux: „Die Frage ist nicht, ob die vom Gesetz vorgesehenen Maßnahmen schwerwiegend sind, sondern ob sie nötig sind, um zu verhindern, dass die halbe Stadt getötet wird. Der Rest ist Sache der Verwaltung, und unsere Verfassung sieht einen Präfekten vor, der gerade solche Fragen zu regeln hat.“Zweifellos“, sagte der Präfekt, „aber es ist nötig, dass Sie offiziell besttätigen, dass es sich um eine Pestepidemie handelt.“Auch wenn wir das nicht bestätigen, laufen wir Gefahr, dass sie die halbe Stadt tötet“, erwiderte Rieux.

Rieux ist der tragische Held, der alles versucht die Seuche einzudämmen, wie sein Freund Tarrou, der eine Schutzgruppe gründet. Ihr großer Gegenspieler ist Paneloux, ein Jesuitenpater mit einem religiös eindimensionalen Weltbild. In seinen Predigten beschwört Paneloux seine Schafe zum Gehorsam gegenüber Gott: „Des Wartens auf euer Kommen müde, hat Gott deshalb die Geißel euch heimsuchen lassen, wie sie alle Städte der Sünde heimgesucht hat, seit die Menschen eine Geschichte haben.“ Oran ist in einem Ausnahmezustand, es wird nach Schuldigen gefahndet wo keine sind und Verschwörungstheorien machen die Runde. Am Ende wird der Feind besiegt und die überlebenden Bewohner können in die Normalität zurückkehren, für wie lange bleibt offen.

Wenige Jahre nach seinem Roman „Die Pest“ bekam 1957 Albert Camus (1913-1960), Vertreter des französischen atheistischen Existenzialismus den Literaturnobelpreis und rund sechzig Jahre später trat ein Corona-Virus vermutlich vom Tier auf den Menschen über. Covid-19 verbreitet sich hauptsächlich durch Tröpfcheninfektion, bei rund 80 Prozent verläuft die Krankheit nur mit Fieber, bei etwa 14 % der Fälle verläuft sie schwerer, und in etwa 5 % so schwer, dass eine intensivstationäre Betreuung notwendig und der Zustand lebensbedrohlich ist. Nach anfänglichen Vertuschungsversuchen kam es in China zu strengen Restriktionen für die Eindämmung des Corona-Virus. Wuhan wurde abgesperrt, Geldscheine und Straßen desinfiziert, Geschäfte geschlossen, Ausgangssperren verhängt, Kontakte verboten und die ohnehin extreme Überwachung der Bevölkerung noch einmal verschärft. Längst hatte sich der Corona-Virus zur Pandemie entwickelt. Keine der bisherigen Pandemien verbreitete sich so schnell um den Globus wie Covid-19. Bei der Spanischen Grippe von 1918/19 infizierten sich zwei von drei Menschen mit dem Virus. In den industrialisierten Ländern lag die Sterblichkeit bei zirka fünf Promille und in ärmeren Ländern bei bis zu zehn Promille. Rund zwei Prozent der damaligen Weltbevölkerung von 1,8 Milliarden Menschen starb an ihr.

Nach wochenlanger Verspätung führten auch die meisten europäischen Länder strikte Ausgangsbeschränkungen wegen Covid-19 ein, mit dem Ziel die Ausbreitungskurve so flach zu halten, dass die Kapazitäten der Intensivstationen nicht umgehend erschöpft werden. Wenige Länder wie die Niederlande oder Großbritannien setzten anfangs noch auf die Herdenimmunität. Durch einen hohen Durchseuchungsgrad in der Bevölkerung soll ein Großteil immun werden. Nach einem Bericht des Imperial College London käme es dabei in Großbritannien auf rund  250,000 Todesopfer, weshalb diese Länder schnell von ihrem Vorhaben abrückten.

Italien ist aktuell das am schlimmsten betroffene Land in Europa. Wegen der völligen Überlastung der dortigen Krankenhäuser behandeln Ärzte nur noch Patienten die eine bessere Überlebenschance haben. Militärfahrzeuge schaffen die Toten in die Krematorien. Weil Beatmungsgeräte und Intensivbetten fehlen, werden die schwereren Fälle zum Sterben in einen anderen Raum gebracht. Man gibt den Sterbenden ihr Handy damit sie sich von den Angehörigen verabschieden können. Ohne entsprechende Maßnahmen der Regierung und von jedem einzelnen wären innerhalb weniger Monate Millionen in Deutschland infiziert und das Krankenhaussystem würde in wenigen Wochen zusammenbrechen. So bleibt zu hoffen dass die aktuelle Ausgangsbeschränkung positive Auswirkungen haben, möglichst bald ein Wirkstoff und ein Impfstoff gefunden und es wieder aufwärts gehen wird.

Neoliberale Sozialdarwinisten, antisemitische Verschwörungstheoretiker und sonstige esoterische Verharmloser sorgen sich um die Wirtschaft und die Freiheit und haben in den Zeiten von Covid-19 wieder einmal Hochkonjunktur:

Der Talkshow-Moderator, Klimaaktivist und Sozialdarwinist Richard David Precht wirft den Leuten vor, „mehr Angst um ihr Leben zu haben als um das Überleben der Menschheit“: „Jetzt kommt etwas vergleichsweise harmloses, etwas was so gefährlich ist wie ’ne Grippe, mit ’ner Mortalitätsrate von 0,3% der Betroffenen und auf einmal ist alles anders. […] Plötzlich ist alles möglich, obwohl es sich um eine sehr kleine Bedrohung handelt. Aber angesichts der ganz großen Menschheits-Bedrohung scheint das alles nicht möglich zu sein. Das weckt den Sinn für das Nachdenken.“ Er selbst trete dem Corona-Virus „völlig unbefangen“ entgegen. „Alles, was ich bis jetzt von dem Virus verstanden habe, ist, dass es gefährlich ist für Leute mit schwachem Immunsystem und für sehr alte Menschen. Und da ich zu beiden nicht dazuzähle, fühle ich mich nicht besonders bedroht…“

Der „Israelkritiker“ und Sozialdarwinist Jakob Augstein twitterte: „Ist angesichts einer Sterblichkeit von zZt vielleicht 4%, die Panik in Sachen #Corona gerechtfertigt? Das ist weniger als bei echter Grippe. Da wäre ich mal für Hinweise auf Quellen dankbar, die das erläutern…“

Bei einem Konzert am 8. März 2020 zum Weltfrauentag begeisterten die linken Rapper von K.I.Z. ihr Publikum mit dem Satz: „Die Wahrheit ist: Davon sterben nur alte, weiße Männer!“

Der prominente iranische Kleriker Alireza Panahian forderte die Iraner auf, das Corona-Virus zu verbreiten, um das Erscheinen des Mahdi, der messianischen Figur im schiitischen Islam, zu beschleunigen. Laut Verfassung des iranischen Gottesstaates gilt, bis zur Wiederkehr des verborgenen Imans, die „Herrschaft des Rechtsgelehrten.“ Der 12. Imam, der Mahdi ist nach der Lehre der Zwölfer-Schia der letzte unmittelbare Nachkomme Mohammeds der im Jahr 874 als kleiner Junge spurlos verschwand. In der iranischen Verfassung ist festgelegt, wenn dieser „Imam“ irgendwann aus seiner Verborgenheit hervortritt wird ihm die Macht ihm Iran unverzüglich übertragen, da er die Welt von allen Übeln, also den Juden befreien wird. Der Kleriker fügte hinzu, dass die Welt vor dem Erscheinen des Mahdi an großen Ängsten, wirtschaftlichen Krisen und vielen Todesfällen leiden werde, sodass die Menschen eine religiöse Regierung unter der Führung des Imam Mahdi benötigen.

Der sunnitische IS forderte dagegen seine Kämpfer auf, Länder zu meiden, die vom Corona-Virus betroffen sind. Der Islamische Staat hat eine Reisewarnung an seine Kämpfer herausgegeben, vom Corona-Virus befallene Länder zu meiden, wie ein Analyst des syrischen Bürgerkriegs ausführte. „Gesunde Menschen sollten davon absehen, in vom Virus befallene Staaten einzureisen, und Infizierte sollten diese Staaten nicht verlassen“, so eine Erklärung, die laut Aymenn Jawad Al-Tamimi von der als IS-Sprachrohr fungierenden Zeitung al-Naba veröffentlicht wurde.

Der Imam der Quba-Moschee in Medina glaubt, dass der aktuelle globale Corona-Virus-Ausbruch die Welt dem Ende der Zeit näher bringt. Scheich Saleh Al-Maghamsi bezog sich in einem Fernsehinterview über die Pandemie auf einen Hadith, eine Erzählung, die dem Propheten Mohammed zugeschrieben wird, und in der er von einem „kalten Wind aus dem Jemen spricht, der die Seele der Gläubigen einfängt“. „Früher fragten wir immer, wie der Wind die Seele der Gläubigen einfangen kann, aber jetzt sehen wir, wie sich das Virus ungehindert über die Welt verbreitet hat, um der Menschheit ihre Ohnmacht und Schwäche zu zeigen“, fuhr al-Maghamsi fort.

Ein irakischer Analyst behauptete, hinter dem angeblichen Komplott stecke die jüdische Familie Rothschild mit ihrer „zionistischen Lobby“ und der iranische Fernsehsender Press TV  halluzinierte dass „zionistische Elemente einen tödlicheren Stamm des Corona-Virus gegen den Iran entwickelt haben“

Bahgat Saber, ein in New York ansässiger Aktivist der ägyptischen Muslimbruderschaft, sagte in einem Video, dass jeder Ägypter, der grippeähnliche Symptome oder das Corona-Virus hat, absichtlich zu ägyptischen Polizeistationen, Staatsanwaltschaften, Gerichtsgebäuden, Botschaften und Konsulaten gehen und Regierungsbeamten die Hand schütteln sollte. So solle Rache an der Regierung von Präsident Abdel Fattah Al-Sisi, die seiner Meinung nach zutiefst korrupt ist, genommen und das Volk gerächt werden, das von Sisi unterdrückt werde.

Für die russisch-orthodoxe Kirche in Deutschland ist der Corona-Virus die „gerechte Strafe Gottes für Sterbehilfe, Transsexualität, Abtreibungen und Leihmutterschaft“.

In Russland und dem Iran beispielsweise wurden wiederum Gerüchte verbreitet, bei der Epidemie handele es sich um einen US-Angriff mit biologischen Waffen. In den USA hingegen behaupten Verschwörungstheoretiker und esoterische Impfgegner Bill Gates und die Demokraten hätten mit dem Ausbruch zu tun.

Hunderttausende Alte, Schwache und Kranke für den weiteren wirtschaftlichen Erfolg zu opfern nennt man Sozialdarwinismus und wenn die Krankenhäuser, die Intensivstationen überlastet sind und kollabieren dann sterben auch jüngere Menschen an ihren diversen anderen Krankheiten. Es ist bezeichnend aber keineswegs überraschend, dass ausgerechnet viele sich als irgendwie links gebende Journalisten und Politiker ihren neoliberalen Sozialdarwinismus so offen zur Schau stellen.

Für Albert Camus waren Solidarität, Freundschaft und Liebe die Eckpfeiler des menschlichen Zusammenlebens und so legte er seinem Rieux in den Mund: „Was man in Plagen lernt, nämlich dass es an den Menschen mehr zu bewundern als zu verachten gibt“. Für Camus stand die Pest im damaligen historischen Kontext stellvertretend für die nationalsozialistische Besatzung Frankreichs, im Allgemeinen für den Totalitarismus, sein Buch ist ein Plädoyer für die Solidarität der Menschen im Kampf gegen Tod und Tyrannei. Für Camus wie für Sartre kann der Mensch vor allem in Extremsituationen seinen Humanismus beweisen. In der Extremsituation einer Seuche wird auf der anderen Seite die jahrelang geheuchelte Menschlichkeit bei bestimmten Leuten zur Maske die nun endlich fallen gelassen wird. Rieux, der unermüdlich Kämpfer im Roman, der gegen die Niederträchtigkeit und Grausamkeit der Pest rebelliert, zerstört mit seinem Engagement die Hoffnung auf Rettung durch einen barmherzigen Gott als eine Illusion. Vernünftige Maßnahmen des Staates, von Ausgangsbeschränkungen mit dem Ziel der Minimierung von sozialen Kontakten bis hin zu Kurzarbeitergeld und Milliardenschweren Hilfen für Selbstständige und Unternehmen um die Konjunkturkatastrophe abzumildern, sowie massive Investitionen in Forschung und Wissenschaft sind das Gebot der Stunde. Nach der Krise sollte allerdings nochmal über bestimmte Auswüchse der Globalisierung, sowie über das neuerliche Versagen der EU nachgedacht werden.

Oder frei nach Jean Améry: Wird man mich zwingen, Markus Söder hochleben zu lassen? Ich bin bereit dazu.

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Fratzen des intersektionalistischen Antisemitismus. Über Cary Nelson’s „Israel Denial“ (2019)

9. März 2020

Das folgende Bild ist eine Aufnahme von Anfang April 1945, das im Konzentrationslager Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen gemacht wurde, nachdem Teile davon Ziel eines britischen Bombenangriffs geworden waren. Es wird zwar auf der englischen, italienischen und französischen Ausgabe des Wikipedia Eintrags zu Mittelbau–Dora gelistet, aber nicht auf der deutschen. Mittelbau-Dora, ein Arbeitslager der Waffen-SS, beherbergte vor allem Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie, die in Stollen untertags für die Produktion von Raketen schuften mussten.

 

 

Viele Stimmen nach dem Krieg beklagten die Untätigkeit alliierter Streitkräfte, weil sie nicht die Schienenstränge der Zugstrecken nach Auschwitz oder die Kommandostruktur der Lager selbst bombardiert hätten. Wo sie es dennoch getan haben waren die Häftlinge zumeist die einzigen Opfer. Der Angriff im April 1945 selbst, der den Unterkünften der SS galt, kostete jedenfalls 1300 Insassen das Leben, weitere 6000 starben in diesem Teil des Lagers bis zur Befreiung noch an Unterernährung und Typhus, weil sie zu schwach zum Arbeiten gewesen sind.

Bereits 2013 fiel der Zeithistorikern Petra Marquardt-Bigman auf, dass dieses Bild als Dokument für das „Deir Yassin Massaker“ von 1948 benutzt wurde.

 

Die Bildrechte werden wie rechts oben zu sehen ist der Website des „Palestinian information center“ zugeschrieben.

 

2017 berichtete der Blog „Elder of Zyon“, dass das Foto vom Lager Mittelbau-Dora auch auf anderen Websites palästinensischer Institutionen auftaucht. Hier etwa in einem Beitrag der offiziellen Zeitung der palästinensischen Autonomiebehörde „Al-Quds“, der an den Jahrestag des „Kafr-Quasim Masskers“ von 1956 erinnern soll:

 

 

Eine weitere Version wurde von der jordanischen Zeitung Al-Ghad geliefert, die es für die Bebilderung des Massakers christlich-libanesischer Milizen an palästinensischen Flüchtlingen in Sabra und Shatila 1982 verwendet:

 

 

Elder of Zyon“ berichtete auch, dass ein Professor für Islamische Studien der Universität North Carolina, Omid Safi, ebenfalls bereits 2013 eine solche Fälschung für eines seiner Facebook Postings veröffentlicht hat:

 

 

Wer jetzt einwenden möchte, dass dies Einzelfälle oder randständige Ausreißer sein würden, irrt sich. Zwischen der Wahl Jeremy Corbyns zum Chef der Labour Party 2015 und seinem Rücktritt als Vorsitzender nach einer veritablen Niederlage bei den Wahlen 2019, hat sich in den Niederungen des Internets eine Armada von antisemitischen Aufmerksamkeitspiraten daran gemacht, auf ihren Twitter Accounts und Facebookseiten den Müll paranoider Verschwörungsmystik breit zu treten. Der englische Blogger David Collier hat in einem Dutzend Reports das Ausmaß an primitiver Dummheit und antisemitischen Genozid Fantasien, die in diesem Milieu üblich sind, ausführlich dokumentiert. Das meiste was in den sozialen Medien der Palestine Solidarity Campaign geschrieben und gepostet wird, könnte ohne Schwierigkeiten aus einem Neonazi Kanal in Thüringen oder Sachsen kommen, der von der NPD wegen Extremismus ausgeschlossen wurde. Die von zeitgenössischen Apologien gerne ins Treffen geführte Unterscheidung zwischen Antisemitismus und „berechtigter Kritik an Israel“ existiert nicht. Es gibt in der der ideologischen Blase namens „Israelkritik“ keinen Bemühungen zu erklären, was für anti-zionistische Ideologie diese Grenze darstellen könnte und keine Debatten darüber, welche Art von „Kritik“ dies betrifft. Dies hat einen guten Grund. Würden anti-zionistische Politikmodelle eine solche Unterscheidung treffen und verlangen dass sich alle daran halten, wären über Nacht 95% ihrer Mitglieder nicht mehr Teil der Bewegung, weil man sie aus den Zusammenhängen ausschließen müsste. Die anti-zionistische Propaganda kann es sich schlicht nicht leisten ihren eigenen Cluster mit solchen Gedanken zu behelligen, darum beschränkt man sich lieber auf das selbstmitleidige Gejammer, dass jede „Kritik an Israel“ natürlich sofort von der jüdischen Lobby mittels  Antisemitismus-Keule erschlagen werden würde. Mit dieser bequemen Ausrede können Millionen Antisemiten ihren Judenhass als „Kritik an Israel“ bemänteln, ohne dass sie befürchten müssen, von ihren Unterstützern in der westlichen Palästinasolidarität dafür zumindest Missbilligung zu erfahren.

Bilder aus dem Holocaust, die israelische Verbrechen beschreiben sollen, koexistieren mit den Verschwörungen der Rothschildt Banken, der Erschaffung des IS durch den Mossad, oder – natürlich – dem Inside Job von 9/11 und gehören zu den ökologischen Notwendigkeiten dieses Biotops, das ohne diese Verbalinjurien gar keine eigenständige Existenz beanspruchen kann. Zionismus ist für Leute, die in solchen Milieus zu Hause sind, ein Schimpfwort mit dem das Orchester von Daniel Barenboim genauso im Fokus von Störungen und Boykottaufrufen steht wie ein israelischer Ex-Militär, der Vorträge auf britischen Universitäten hält oder junge WissenschaftlerInnen, die in Israel ein Postgraduate Studium absolvieren wollen. Anti-Zionismus ist keine Opposition zu einer Partei in einem lokalen Konflikt, sondern ein weltweit anzustrebendes „Recht“, wie es in einem Papier der Anti-Imperialistischen Koordination heißt, einer österreichischen vom Trotzkismus beeinflussten Splittergruppe. Anti-Zionismus umfasst nicht nur die Zerstörung oder zumindest Schwächung und Isolierung Israels, sondern ist ein globales Phänomen, das palästinensische Fahnen und die Kufiya, das traditionelle von Männern getragene Halstuch zu Zeichen im postmodernen Krieg gegen Israel gemacht hat, der als uneingeschränkt kompatibel mit allen möglichen anderen Konflikten und Kämpfen betrachtet wird. Oder wie die Anti-Imperialistische Koordination (AIK) es formulierte: „(…) den Widerstand zu unterstützen und ihn so weit wie möglich expandieren zu lassen, wodurch alle Volksbewegungen weltweit das Recht auf Widerstand besonders gegen die amerikanische und zionistische Besatzung verteidigen könnten.“ Die „zionistische Besatzung“ ist „weltweit“, ebenso wie das Recht auf „Widerstand“ dagegen. Die Empörung über den Vorwurf des Antisemitismus, den solche Gestalten gerne inszenieren wäre eine eigene Untersuchung wert, würde den engen Rahmen dieses Beitrags jedoch übersteigen. Der Hass auf Israel ist der Hass auf die Juden und weil die palästinensischen Autokraten keine einzige politisch vorzeigbare Leistung in den letzten 70 Jahren zustande gebracht haben, ist die Aufrechterhaltung ihrer eigenen Existenz nur auf Kosten einer Bevölkerung möglich, die unter dem Würgegriff einer Ideologie des Todes sich selbst am allermeisten beschädigt.

Dass kein einziger der oben beschriebenen Fälle irgendeine Reaktion in der westlichen Linken ausgelöst hat, liegt wohl daran, dass zu wenig LeserInnen die arabisch-sprachigen Seiten des Internets verstehen, hat aber auch damit zu tun, dass man dies auf Seiten der Orientwissenschaften und Islamstudien einfach ignoriert. Selbst diejenigen, die es wahrnehmen, wie der Historiker Gilbert Achcar erklären sich die antisemitischen Auswüchse arabischer Medien als bloße Reaktion auf die zionistische Unterdrückung, weil sich Antisemiten nicht ganz überraschend auch den Antisemitismus antisemitisch erklären.

Die erste Frage, die sich stellt, wenn man sich mit diesen widerwärtigen Fälschungen beschäftigt ist: gibt es oder gab es je ein palästinensisches Narrativ, das jenseits einer antisemitischen Propagandakampagne im Stile von Goebbels existiert hat?

Die nächste: Warum verwenden palästinische, muslimische und arabische Medien solche Bilder und Memes, ohne mit rechtlichen Konsequenzen und internationaler Ächtung konfrontiert zu werden?

Oder gehen wir einen Schritt zurück. Warum verwendet die palästinensische Propaganda Bilder aus dem Holocaust, um angebliche oder tatsächliche Massaker aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg, dem Libanonkrieg oder aus anderen Konflikten zu illustrieren? Der Mangel an Bildmaterial von den angesprochenen Ereignissen kann viele Gründe haben. Bilder des Deir Yassin Massakers sind deshalb kaum verfügbar, weil Historiker wie Benny Morris gezeigt haben, dass der Tod von etwa 120 Menschen während einer Kampfhandlung im Unabhängigkeitskrieg kein geplantes Massaker gewesen ist und auch nicht als Symbol irgendeiner Politik betrachtet werden kann. Der als Kafr-Quasim Massaker bezeichnete Mord an 48 palästinensischen Wanderarbeitern durch israelische Grenzpolizisten 1956 war Gegenstand von mehreren Gerichtsverhandlungen und es sollte dafür eigentlich Bilder geben, die diese Greueltat erzählen können. Auch der Massenmord an hunderten Menschen, der im libanesischen Flüchtlingslager Sabra und Shatila 1982 von Phalangisten verübt wurde und bei denen israelische Armeeeinheiten, die unter dem Befehl von Ariel Sharon standen, zumindest Beihilfe geleistet haben ist gut dokumentiert. Der Grund für diese Fälschungen ist zweifelsfrei ein anderer, als Mangel an Bildern. Die genannten Ereignisse geben schlicht keine Bilder her, mit denen sich die Dämonisierung Israels so darstellen lässt, wie es sich elektronische Intifadas  wünschen.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist gemessen an seinen Opferzahlen und der Intensität seiner Kämpfe höchst unspektakulär. An einem schlechten Tag in Syrien sterben mehr Menschen, als jemals während aller Intifadas und militärischen Auseinandersetzungen insgesamt zu Tode gekommen sind. Die fiebergeplagten Phantasien von einem Genozid, gar „Holocaust“ an den Palästinensern sind blanker Nonsens, trotzdem ist die Identifizierung Israels als Wiedergänger des Dritten Reichs eine kognitive Störung pandemischer Natur. Das magere Mahl, über reale israelische Politik zu berichten und wie sie ins Leben der in den umstrittenen Gebieten lebenden Palästinenser eingreift, gibt nicht genug her, um irgendeine Reaktion auf internationalen Medien zu generieren, wenn in Nachbarländern seit Jahrzehnten Folter und Massenmord an der Tagesordnung sind. Die einzige Alternative ist eine hemmungslose Demagogie, die diesen Konflikt in eine Propaganda Phantasie verwandelt, die ohne Begrenzungen irgendeiner Realität auskommen kann. Die Strategie ist so erfolgreich, dass die Palästinenser mittlerweile selbst auf dem Abstellgleis arabisch-sunnitischer Politik angekommen sind, was dem antizionistischen Bedürfnis der westlichen Linken jedoch keinen Abbruch getan hat. (Eher hat es dieses verstärkt.) Ein Literaturnobelpreisträger wie Jose Saramago verstieg sich darin, Gaza als Äquivalent zu Auschwitz zu bezeichnen. Palästinensische Jugendliche im Dienst der Hamas inszenieren Fakevideos und gestellte Bilder, während islamische Propaganda Outlets Filmmaterial von Straßentheatern in denen als israelische Soldaten verkleidete Statisten in Standbildern Greueltaten an Passanten verüben als echtes Footage aus „Nazisrael“ (Jean-Luc Godard) verkaufen. Die Pallywood Industrie hat die palästinensische Sache, die irgendwann einmal ein berechtigtes Anliegen gewesen sein muss oder zumindest konnte man sich an so etwas erinnern, in die extremistische Israel Obsession genozidaler Antisemiten verwandelt, die weder das Wohl und Wehe der Palästinenser an sich noch die Opfer der auch von Israelis verübten Verbrechen interessiert, sondern nur die Vernichtung der Juden und des jüdischen Staates als erklärtes Ziel verfolgen. Die Verwendung von Bildern aus dem Holocaust, um angebliche oder tatsächliche Verbrechen von Israelis zu untermalen, folgt dabei auch den Zwängen des internationalen Medienmarktes. Weil der Konflikt selbst viel zu arm an besonderen Ereignissen ist, die für das anti-zionistische Propagandabedürfnis genutzt werden können, muss man sie erfinden, fälschen, inszenieren und ihre Wiederverwendbarkeit sichern. Die Perfidie dieser Fälschung sollte niemanden verwundern, seine völlige Abwesenheit in den Schlagzeilen unserer Medien jedoch schon.

 

2.

Das oben gezeigte sollte nicht dazu führen, zu glauben, dies sei bloß die grobe Abweichung von einem ansonsten intakten Standard der Auseinandersetzung oder nur das Produkt verwirrter und depravierter Unterdrückter, die sich nicht anders zu helfen wüssten, als mit gefälschten Bildern ihre News zu kreieren. Das Zentrum der anti-israelischen Agitation, das jene Propaganda unterstützt, indem sie es verschweigt, liegt in den Universitäten und Akademien postmoderner Lehre, die einen Stil etabliert haben in dem der Inhalt akademischen Unterrichts in den Lifestyle eines politischen Aktivismus übersetzt wurde. Der Schwerpunkt dieser Eventkultur liegt nach wie vor in den amerikanischen Ivy League Universitäten und privaten und öffentlichen Colleges, aber solche aktivistischen Betriebsstörungen sind natürlich auch aus europäischen, australischen oder südafrikanischen Bildungseinrichtungen bekannt. Der Literaturwissenschaftler Cary Nelson behandelt in seinem 2019 erschienenen Buch „Israel Denial. Anti-Zionism, Anti-Semitism & The Faculty Campaign Against the Jewish State” auf 500 Seiten einen kleinen Teil dieses postmodernden akademischen Antisemitismus, der uns als professorale Lebenszeitanstellung auf begehrten Dienstposten der amerikanischen intellektuellen Kultur begegnet. Nelson, ein linker jüdischer Amerikaner, der auf zweihundert Seiten sein Plädoyer für die Zwei-Staaten Lösung mit unverdrossener Beharrlichkeit darlegt und sich mit einer Beschwörung des Friedenswillens von Israelis und Palästinensern verzweifelt gegen den antisemitischen Mainstream der universitären Einrichtungen wendet, porträtiert an vier Beispielen, Judith Butler, Steven Salaita, Saree Makdisi und Jasbir Puar die Speerspitze eines intersektionalen Judenhasserklubs, der auf den Tickets der humanities von Menschenrechten, Zivilgesellschaft und „social justice“ plappert, aber in erster Linie jede Politik unterstützt die ausgesprochen oder nicht auf den Massenmord an allen Juden Israels hinaus läuft. Es lohnt sich diese Studie akademischen Kontrollverlusts ausführlich und genau zu lesen, aber aus Platzgründen werde ich hier nur auf das Kapitel über Jasbir Puar eingehen.

Jasbir Puar wurde einem größeren akademischen Publikum breiter bekannt, als sie mit den Begriffen „Homonationalismus“ und „Israeli Pinkwashing“ einige Aufregung verursachte. Mit „Homonationalismus“ bezeichnet sie sie Tendenz einiger Homosexueller nicht mehr das Subjekt der Revolution sein zu wollen, kurz sie denunzierte den Wunsch nach einem normalen Leben, vielleicht auch noch im Rahmen einer bürgerlichen Ehe, das Schwulen und Lesben nach langen Jahrzehnten der Diskriminierung mittlerweile offen steht, als konterrevolutionären Verrat. Mit „Israeli Pinkwashing“ umschrieb sie den Glauben, dass Israel nur deswegen die liberalste Gesetzgebung für die Rechte von Homosexuellen im Nahen Osten betreibe, um die Unterdrückung der Palästinenser zu kaschieren. Wenn das jemals eine Überlegung dabei gewesen sein sollte, ist das wohl gründlich schief gegangen. Jasbir Puar, Judith Butler und andere KollegInnen infizierten die LGBT+ communities mit absurden ideologischen Invektiven über Israel, was sich darin zeigt, dass LGBT+ Aktivismus keine Scheu hat mit stalinistischen Aktivisten, die die repressive Politik gegen Homosexuelle in der Sowjetunion gerne relativieren demonstrieren oder mit Islamisten gemeinsam auf der Straße „social justice“ fordern, dieselben, die Homosexuelle gerne steinigen, auf Kränen aufhängen lassen, sie von Dächern werfen oder in ihren Predigten den Mord an bestimmten Menschen für göttliches Gebot halten. Es darf daher nicht verwundern, dass Frau Puar nach ihrem Erfolg mit dem „Israeli Pinkwashing“ noch einen Schritt weiter gehen wollte, um ihr Standing im Markt der Aufmerksamkeit zu verbessern. In ihrem 2017 erschienenem Buch „The Right to Maim“ (Zu deutsch: Das Recht zu verstümmeln), das die Langfassung eines gleichnamigen Beitrags in einem feministischen Journal von 2016 ist, behauptet sie auf der Grundlage eines Foucault entlehnten theoretischen Konzepts der Bio-Macht, dass Israel und seine Armee vor allem darauf abzielen die palästinische Bevölkerung zu Krüppeln zu machen. Nelson identifiziert drei bestimmende Themen, die sie in leichten Variationen immer wiederholt.

Das erste lautet, Israel würde tote Palästinenser, die als „Märtyrer“ bei terroristischen Messer-Attentaten sterben oder wie letztes Jahr bei den Unruhen am Grenzzaun zwischen Israel und Gaza von israelischen Scharfschützen erschossen wurden für den Organhandel ausbeuten. Es beleidigt bereits die Intelligenz darüber nachzudenken wie dumm und absurd dieser Vorwurf ist, denn es sollte auch dummen ProfessorInnen bekannt sein, dass es keinen Organhandel mit Leichen gibt, die erschossen wurden oder durch andere kinetische Einwirkung zu Tode gekommen sind, weil die bakteriellen Infektionen alle Organe des Körpers in kürzester Zeit unbrauchbar machen. Puar fühlt sich auch nicht verpflichtet diese Dinge über irgendwelche der Empirie nahe kommenden Fakten untermauern zu wollen, als Foucault geschulte Professorin auf Lebenszeit an der Rutgers University in New Jersey für Frauen und Gender Studies wurde sie für „The Right to Maim“ 2018 auch noch mit einem Preis ausgezeichnet. Als ich 2017 in Bonn einen Vortrag über „Critical Whiteness“ hielt, begegnete ich im Bus vom Kölner Flughafen in die Bonner Innenstadt einer Sozialwissenschaftlerin aus Eritrea, die behauptete, dass „Jewish doctors“ für die Ausbeutung von Flüchtlingen aus Eritrea zum Zweck des Organhandels verantwortlich seien. Die Imagination, die solche Wahnsinnigkeiten für Tatsachen hält, ist weit verbreitet, weil es moderner antisemitischer Verschwörungsmythologie einen beliebig wiederverwendbaren Baustein zur Verfügung stellt, der sich keinen rationalen Paradigmen verpflichtet fühlen muss.

Der zweite immer wieder kehrende Vorwurf Puars ist, dass Israel die palästinensischen Bevölkerungen durch Unterernährung und Mangel an medizinischer Versorgung physisch und psychisch zu zerstören versuche, damit sie dauerhaft behindert und physisch versehrt als nackte Biomasse existieren. Auch hier ist schon eine Beleidigung der Intelligenz gegeben, wenn man nur darüber nachdenkt. Es gibt zwar Armut im Gazastreifen und auch in der Westbank, aber keinen Hunger und auch keinen akuten Mangel an medizinischer Versorgung, der über die Schwäche der lokalen Verwaltungen hinausgehen würde, jenseits der absurden politischen Verhältnisse in diesen Gebieten zu agieren. Nelson diskutiert auf dutzenden Seiten die internationale über Israel organisierte Versorgung der Palästinensergebiete, listet die Verträge auf unter denen dies rechtlich geregelt ist und kann über Statistiken der WHO auch zeigen, dass Palästinenser besser versorgt werden, als viele ihrer Nachbarn in den umliegenden Ländern. Die Phantasie dahinter kann man mit solchen Fakten jedoch nicht beeindrucken. Anti-Zionismus ist das verschwörungsmythologische Update der Legende vom jüdischen Ritualmord. Israel ist nicht Partei in einem lokalen Konflikt, sondern die kosmopolitische Überdehnung des Hasses auf den Universalismus. Wenn die Welt nicht Identität von Sprache und Wirklichkeit sein kann, verwandelt sich Vielheit in die gnostische Unterscheidung von absolut Gutem und absolut Bösem. Und Israel ist die geheime Weltmacht der „Synagoge des Satans“ wie Bruder Louis Farrakhan so gerne sagt.

Der dritte Vorwurf, im Wesentlichen das Gleiche unter einem anderen Blickwinkel ist, dass die Perfidie und Bösartigkeit der israelischen Politik darauf abzielen würde, durch eine „shoot not kill“ Strategie die Verstümmelung und dauerhafte Behinderung der palästinensischen Bevölkerungen erreichen zu wollen, und ja, das ist das gleiche Argument wie vorher und es ändert sich auch nicht. Die israelische Politik würde also durch diese Praxis Palästinenser zu Körpern ohne Seele degradieren, um deren Menschlichkeit als Ganzes auszulöschen. Obwohl Puar, soweit ich weiß, nirgendwo Vergleiche mit dem Holocaust zieht, ist ihre Sprache und die Bilder, mit denen sie arbeitet, darauf aus, Palästinenser als die Insassen eines gewaltigen Vernichtungslagers zu schildern, in denen die Internierten jedoch aus weit niederträchtigeren Gründen nicht vernichtet werden. Denn, schreibt sie: „Die Palästinenser sind nicht einmal für den Tod menschlich genug.“ („The Palestinians are not even human enough for death.“) Vor über einem Jahrzehnt behauptete die israelische Soziologin Tal Nitzan, dass das auffällige Fehlen von sexuellen Übergriffen oder Vergewaltigungen an Palästinenserinnen durch israelische Soldaten der Ausdruck eines israelischen Rassismus sei,  dessen Verachtung und Abwertung der arabischen Bevölkerung so weit ginge, nicht einmal deren Frauen anrühren zu wollen. Man wünscht sich, dass doch nur mehr Kriege und Konflikte mit solcher Verachtung und Abwertung geführt werden würden. Weil Anti-Zionismus der Anti-Semitismus der Gebildeten ist, besteht die Epistemologie dieser intellektuellen Eliten darauf, dass das Fehlen von etwas der sichere Beweis seiner Existenz ist. Die paranoide Projektion der eigenen Mordlust auf das verhasste Gegenüber enthüllt dabei, dass die Haltung Puars den Juden Auschwitz niemals verzeihen zu wollen, nicht bloß deutsche Ideologie ist. Der Jargon, den sie pflegt ist hoch indexikal, was bedeutet es kleidet die simple Botschaft antisemitischer Gemeinplatzbewirtschaftung in ein Gewand postmoderner Floskeln, die sich zum Beispiel so lesen:

„The preceding sections recast the white queer/immigrant homophobe binary by destilling the event of queer suicide through ecologies of sensation, technics and affect.“

Der Jargon ihrer Sprache ist offensichtlich so designed, dass auch wohlwollende LeserInnen nicht genau bestimmen können, was diese mühsame Prosa überhaupt heißen soll. Die Verwendung des Wortes „binary“ etwa, als Schlüsselwort einer Kritik an dualen Gegensätzen ist derart inflationär, dass „binaries“ als Gegensatz zur „multiplicity“ erscheinen, obwohl sie nur eine Spezialform derselben sind.

Darum heißt es auch:

„This proliferation, rather than hoping to dissolve binaries, makes them fade through the overwhelming force of ontological multiplicity, attuned to the perpetual differentiation of variation to variation, of difference within rather than between, and the multiplicity of affirmative becomings: the becoming otherwise of difference, whereby language is resituated as just one potential platform of the political.”

Den LeserInnen, die sich von dieser Wortkaskade überfordert fühlen, sei versichert, dass es tatsächlich nur blanker Unsinn ist, was hier steht. Es ist sehr einfach zu zeigen, dass solche monadischen Sätze nichts weiter als eine mechanische Aneinanderreihung beliebiger Wortkombinationen sind, betrachtet man sie genauer. Ein Ausdruck wie „the overwhelming force of ontological multiplicity“ macht einfach keinen Sinn, weil multiplicity nicht ontologisch sein kann, sondern Vielheit in der anerkannten und gebräuchlichen Verwendung des Wortes Ontologie nur der Effekt jener letzten Ursache ist, die man mit dem Begriff des Ontologischen beschreiben möchte. Aber es ist natürlich sinnlos, das auf dieser Ebene diskutieren zu wollen.

Mit unendlicher Geduld analysiert Nelson die einzelnen Idiotien Puars und bemüht sich nach Kräften dem an irgendwelchen Realitäten völlig desinteressierten antisemitischen Goebbels look-a-like Wettbewerb argumentativ zu begegnen. Wie notwendig solche Arbeit ist, kann man ermessen wenn man es liest, aber wie sinnlos kommt es einem vor das zu tun, wenn man mit den Psychopathologien moderner Ritualmordlegenden konfrontiert wird. Es ist nicht so, dass Jasbir Puar mit smoking pistols hantieren würde, mit irgendwelchen geheimen Dokumenten oder zumindest gut erfundenen Zitaten, sie unterstellt schlicht, dass es eine „Politik der vorsätzlichen Verstümmelung“ gibt, und baut darauf ihre ganze Argumentation auf, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen hat oder akademische Kontrollinstanzen wenigstens die Einhaltung simpelster Standards verlangen würden. Es passt dazu, dass Puar vor über einem Jahrzehnt mit einem Text ein weiteres Mal auf sich aufmerksam machte, indem sie palästinensischen Selbstmordattentäterinnen attestierte, das Musterbeispiel einer Rückgewinnung von subjektiver Handlungsfähigkeit zu sein. Diese Frauen würden durch ihren Tod endlich das erreichen, was ihnen israelische Politik ihr Leben lang verwehrt habe. (Oder so ähnlich.)

 

3.

„The Right to Maim“ ist das akademisch aufgeblasene „Menschenrecht auf Israelkritik“, das sich um andere Rechte nicht zu scheren braucht und den Trend postmoderner Literaturwissenschaft ins Extrem steigert, Philosophie in einem Gegenstand des emotionalen Ausnahmezustandes zu verwandeln mit dem der politische Aktivismus sich seine Rechtfertigungen und moralischen Ansprüche nach Maßgabe der nachgefragten Invektiven im Versand bestellt. Man sollte sich dennoch die Frage stellen, wie solche Ideologie philosophisch einzuordnen ist.

Was sich einmal als Kritik der großen Erzählungen darin verausgabte die Gleichheit der Narrative in die Inflation zu treiben, wollte darauf hinaus die metaphysischen Verankerungen aus den Angeln zu reißen, die angeblich oder tatsächlich die Fundamente der europäischen Kultur bilden. Die Kritik der Großen Erzählungen war die Kritik der Aufklärung, die Kritik des Kapitals und die Kritik der Geschlechterdifferenz, die sich der Gesellschaft als absolutistische Imperialismen in dieser Version der Geschichte aufgedrängt hätten. Im postmodernen Gewand bleibt übrig, dass die alten Großen Erzählungen durch andere Große Erzählungen abgelöst werden. Statt dem Humanismus und der Aufklärung wird der weiße heterosexuelle Mann als Verkörperung der Whiteness, des Patriarchats und des Ausbeuters zum Fixtstern der postmodernen Navigation, aber die Struktur der Erzählung selbst ändert sich nicht. Die Umkehrung des Herrensignifikanten mit der der ehemalige Knecht seinen ehemaligen Unterdrücker in Verkennung des Hegel’schen Topos in sein Gegenteil wendet, hebt das Problem der Macht und seiner Verwerfungen hegelianisch gesprochen nicht auf. Es führt das Alte nur in neuer Ideologie fort, und geht in dieselben Fallen ausübender Gewalt. Was zuvor eine äußere Versicherung der unbewusst voraus gesetzten Weltgarantie gewesen ist (Gott, Kaiser, Vaterland) wird jetzt zu einer absichtlich installierten Weltgarantie, in der der weiße, heterosexuelle Mann (oder Israel) im Stile gnostischer Dualismen von absolut Gutem und absolut Bösem erscheint, mit der jene binären Oppositionen wieder eingesetzt werden, die man wie Puar oben noch schreibt hoffte aufzulösen.  Die Reflexionslosigkeit für die eigenen Widersprüche ist ein durchgängiges Charakteristikum dieser Theorien und Kampfplatzdiskurse. Zirkulare Logiken produzieren die Phänomene, die sie kritisieren wollen selbst und sorgen dafür, dass Ressentiments waffentechnisch wieder verwendbar werden. Cary Nelson steht diesen Phänomenen über 500 Seiten lang fassungslos gegenüber und bemüht sich nach Kräften dem Irrationalen Einhalt zu gebieten, indem er auf empirisches Material und fachspezifische Literatur zurückgreift, die den ungeheuerlichen Denunziationen und Ressentiments so etwas wie objektive Realität entgegen halten sollen. Es gibt mit Sicherheit sinnvollere Beschäftigungen als das, aber weniger, die notwendig sind, auch wenn sie auf kurze Sicht sinnlos erscheinen. Hoffen wir einfach das Beste.

Dietmar Hopp, die Philosophie des Fußballs und die Moralität von Einäugigen

6. März 2020

Befindlichkeiten und Mordaufrufe von sogenannten UltrasWer nie Fußball gespielt hat, wer meint in einem Fußballspiel laufen 22 Spieler einem Ball hinterher, begreift dieses Spiel und eventuell die Welt nicht. Eine Fußballmannschaft, ein Fußballverein funktioniert ähnlich wie eine Gesellschaft und die diversen Abläufe, die Konflikte, die Intrigen sind vergleichbar. „Was ich über Moral und Verpflichtungen auf lange Sicht am sichersten weiß, verdanke ich dem Fußball“, schrieb 1957 der französische Philosoph Albert Camus in France Football. Das Beziehungsmodell einer Mannschaft ist kompliziert, ähnlich dem einer Gesellschaft. Gruppendynamik, Gruppenspezifische Regeln und Beziehungsmodelle sind für eine Fußballmannschaft ausschlaggebend für Erfolg oder Misserfolg und in Fußballmannschaften spiegeln sich die jeweiligen Gesellschaften. Der italienische Schriftsteller und Philosoph Antonio Gramsci schrieb in Avanti! im August 1918, „Fußball ist ein Abbild der individuellen Gesellschaft. Er verlangt Initiative, Konkurrenz und Kampf. Aber das Spiel wird auch durch das ungeschriebene Gesetz des Fairplay geregelt.“ Die Mischung aus Individualismus und Kollektivismus determiniert Erfolg oder Misserfolg  im Fußball und einer Gesellschaft.

Ob reich ob arm, ob gebildet oder Analphabet Fußball begeistert die Massen, Brasiliens Straßenkinder träumen seit je her von einer Karriere als Fußballer um dem Elend zu entkommen. Die Großeltern von Manuel Francisco dos Santos waren noch Sklaven. Weil er nicht so schnell wuchs, nannten ihn seine Schwestern im Elendsviertel von Rio  Garrincha, das „kleine Vögelchen“. Garrincha hatte ein X- und ein O-Bein, sein Rückgrat war deformiert, das linke Bein war sechs Zentimeter kürzer als das andere und wegen dieser körperlichen Fehlstellungen wussten die Verteidiger nie war er vor hatte.  Mane Garrincha begeisterte die Massen mit seinen Dribblings, er war einer der  genialsten und unberechenbarsten Rechtsaußen der Fußballgeschichte und „wenn er auf dem Rasen stand, schien er den Himmel zu berühren“. Im Finale 1958  wurde Brasilien mit dem überragenden Garincha und dem jungen Pelé Weltmeister. Mit 40 Jahren hörte er auf Fußball zu spielen, zu seinem letzten Spiel kamen 130.000 Zuschauer ins Maracanã, um sich von ihm zu verabschieden, neun Jahre später starb das „kleine Vögelchen“ einsam und verarmt.

Der nordirische Fußballer George Best war ebenfalls ein Flügelstürmer, war schnell, dribbelstark, torgefährlich und spielte viele Jahre für Manchester United. Auf die Frage nach seinem Lebensmotto antwortete das das alkoholkranke Schlitzohr: „Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“ Zu seiner Beerdigung an einem regnerischen Tag im November 2005 in Belfast kamen knapp 100.000 Menschen.

Ajax Amsterdam gilt vielen Fußballfans aufgrund seiner Vergangenheit  als „Juden-Club“ und ist infolgedessen  der am massivsten mit Antisemitismus konfrontierte Spitzenklub des internationalen Fußballs. „Ajax ist ein Judenklub!“, „Hamas, Hamas – alle Juden ab ins Gas!“, „Wir jagen die Juden!“, solche und ähnliche Schmährufe begegnen den Fans und Spielern von Ajax Amsterdam bei ihren Auftritten in fremden Stadien. Ajax ist vor allem mit einem Namen verbunden, mit Johan Cruyff, dem „Fußballer des Jahrhunderts“. Für Niederländer seiner Generation war Johan Cruyff mehr als nur ein Fußballer. Flubert Smeets, Politik- und Kulturkommentator des NRC Handelsblad, sieht in ihm den hauptsächlichen Vertreter jener kulturellen, politischen und sozialen Revolution, die die Niederlande in den 1960ern von einem rückständigen Land zu einer der progressivsten Adressen in Europa transformiert habe. Wie keinem anderen seiner Generation sei es Cruyff gelungen, eine Verbindung von Kollektivismus und Individualismus zu realisieren. Als Israels Bevölkerung während des Golfkrieges 1991, vor dem Fernseher saß, in ständiger Furcht vor irakischen Raketenangriffen mit Scud-Raketen und der Drohung diese Raketen seien mit Giftgas bestückt, wurden die Nachrichten unterbrochen, um das Fernsehpublikum über die Herzoperation von Johan Cruyff zu informieren.

Vom nationalsozialistischen Machtwechsel profitierte vor allem der „Arbeiterverein“ Schalke 04 aus Gelsenkirchen.  Der damalige „Retortenverein“ stand in der Zeit von 1933 bis 1944 neun Mal in den zwölf Endspielen um die deutsche Meisterschaft und wurde dabei sechs Mal Deutscher Meister. Die Schalke Spieler Ernst Kuzorra und Fritz Szepan ließen sich für direkte Unterstützungsaktionen der NSDAP einspannen. Durch die Übernahme eines jüdischen Textilhauses am Schalker Markt im Zuge der “Arisierung” wird Szepan zudem zum Profiteur des NS-Regimes. Die enteigneten Eigentümer Sally Meyer und Julie Lichtmann werden deportiert und in Riga ermordet. Wenige Jahre zuvor, am 25. August 1930 wurde  Schalke 04 vorübergehend aus dem Westdeutschen Spielverband ausgeschlossen, weil sich die Schalker durch „überhöhte Spesenzahlungen“ an die Spieler eines „Verstoßes gegen das Amateurwesen“ schuldig gemacht haben. Bis zu zwanzig statt der erlaubten fünf Mark Handgeld sollen unter anderem Hans Tibulski, Fritz Szepan und Ernst Kuzorra kassiert haben. Schalkes damaliger Schatzmeister Willy Nier nahm sich deshalb aus Scham das Leben.

Bayern München ist der meistgehasste Fußballverein in Deutschland, Beschimpfungen gegen den „Judenclub“ FC Bayern kamen nicht nur vom Lokalrivalen 1860, dessen Fans das Lied der Bayern vom „Stern des Südens“ in das Lied vom “Stern im Ausweis” umwandelten. Gegründet  wurde Bayern München am 27. Februar 1900 im Restaurant „Gisela“ in Schwabing. Mit 17 Jahren trat 1901 Kurt Landauer diesem FC Bayern München bei, der bis zum Jahr 1933 die prägende Figur des Vereins werden sollte. Beim FC Bayern waren im Gegensatz zu vielen anderen Vereinen Juden und Ausländer willkommen und so wurde Kurt Landauer,  der Sohn wohlhabender jüdischer Kaufmannseheleute,  im Jahr 1913 Präsident des FC Bayern. Kurt Landauer entwickelte eine moderne Vereinsstruktur mit internationalen Fußballmaßstäben. Er sah die Notwendigkeit einer Jugendarbeit und installierte mit Otto Albert Beer einen Koordinator für diesen Bereich. Otto Albert Beer wurde 1941 nach Litauen deportiert und dort, wie seine Frau und seine beiden Söhne ermordet. Während der Reichspogromnacht 1938 wurden in München ungefähr 1.000 männliche Juden verhaftet, ins KZ Dachau verschleppt und dort verprügelt, gequält und gedemütigt. Unter den Verhafteten befand sich auch Kurt Landauer, den die Nazis aus der Wäschefirma Rosa Klauber abholten und in die Baracke Nummer acht sperrten. Wenn Uli Hoeneß im Jahr 2014 nach seiner Steuerhinterziehung, die er zur Selbstanzeige brachte, anstatt dreieinhalb Jahren Gefängnis eine zehnfache Geldstrafe bekommen hätte, die für soziale Zwecke, also der Allgemeinheit  zugutegekommen wäre, dann wären die Maidan-Unruhen im Februar 2014 in der Ukraine im Vergleich zu den anschließenden Tumulten ein Kindergeburtstag gewesen.

Der 1. FC Union Berlin wurde 1966 gegründet und spielt seit dieser Saison erstmals in der Bundesliga. Union Berlin gilt als  authentischer Verein, „wo Schweiß noch Schweiß ist.“ Der Sponsor von Union heißt Aroundtown. ein dubioses weltweit agierendes Immobilienunternehmen, der viertgrößte Besitzer von Gewerbeimmobilien in Europa, beteiligt an Grand City Properties, eine Firma, die wiederum etwa 85.000 Wohneinheiten besitzt, viele davon in Berlin. Die Firma kauft sanierungsbedürftige Wohnungen, saniert sie, um sie teuer zu vermieten oder zu verkaufen. Wenn Union-Fans aus ihrer Mietwohnung geworfen werden oder ausziehen müssen weil die Miete gestiegen ist, dürfen sie sich unter Umständen freuen, weil für das Geld ein neuer Union-Spieler gekauft werden kann.

Die Fußballfans, die Offiziellen des börsennotierten Arbeitervereins von Borussia „Evonik“ Dortmund und die dazugehörigen Sportjournalisten regen sich aber nicht über Union Berlin oder die Werks-Elf des Chemiekonzerns von Bayer Leverkusen, dem Nachfolger der IG Farben oder den VfL der künstlichen KdF-Stadt Wolfsburg auf, für diese Leute sind, neben den finanzstarken Bayern aus München, Vereine wie RB Leipzig oder TSG Hoffenheim fußballvernichtende „Retortenvereine“ oder Vereine die wegen ihren finanziellen Möglichkeiten den Fußball kaputt machen.

Beispielsweise am 4. Februar 2017 gastierte Leipzig in Dortmund. Vor dem Spiel empfingen die Dortmunder Fans rund 1.000 mit einem Sonderzug angekommene Leipzig-Anhänger, darunter viele Frauen und Kinder mit Steinen, Flaschen, Bierdosen und anderen Wurfgeschossen. Ein Leipziger Fan musste nach einem Dortmunder Faustschlag reanimiert werden. In kleinen Gruppen agierten die Angreifer mit einer Guerilla-Taktik, sodass die überforderte Polizei von einem Brandherd zum nächsten eilen musste. Wie ein Augenzeuge auf dem Fanportal rb-fans.de berichtete, soll auch noch am Boden liegenden Fans eingetreten worden sein. Kinder versteckten sich hinter Stromkästen, um sich vor den Wurfgeschossen getroffen zu werden, von heftigen verbalen Beleidigungen, antisemitischer Hetze, und Bespucken ganz zu schweigen. Im Stadion zeigten die Borussen-Fans weiter was sie unter Fairness verstehen. BVB-Fans zeigten menschenverachtende Transparente, in denen unter anderem von „Bullen schlachten“, „Pflastersteine auf die Bullen“ , RB Verpiss Dich! Der Fußball gehört uns“ oder „Bastarde“ die Rede war. Auf einem Spruchband wurde RB-Sportdirektor Ralf Rangnick dazu aufgerufen, Selbstmord zu begehen. „Burnout Ralle: Häng dich auf“ war auf dem Transparent zu lesen. Zudem versuchten die schwarz-gelben Fans während des Spiels, per Laserpointer aktiv ins Spielgeschehen einzugreifen und blendeten Spieler von Leipzig. Die einmalige Aufforderung des Stadionsprechers, dies bitte zu unterlassen, änderte daran nichts.

Aktuell in den Schlagzeilen sind die seit Jahren andauernden Beleidigungen und Mordaufrufe gegen Dietmar Hopp und die entsprechenden Reaktionen des DFB und vor allem Bayern München. Dietmar Hopp ist vermeintlich die Verkörperung der Kommerzialisierung des Fußballs. Rund 350 Millionen Euro steckte Dietmar Hopp bislang in den Fußballverein TSG Hoffenheim, bei dem er in seiner Jugend einst selbst spielte. Dieses Engagement macht Hopp seit über einem Jahrzehnt zum obersten Feindbild der aktiven Fanszenen, denn „Hopp verstoße gegen die 50+1-Regel und greift verbotenerweise direkt ins operative Geschäft ein“.  Hans-Joachim Watzke, befürchtet eine Benachteiligung von „Traditionsvereinen“, der Geschäftsführer des börsennotierten „Arbeitervereins“ unterteilte als einer der ersten in von Tradition und Emotionen getragenen und „künstlichen“, nur auf Kommerz ausgelegten Fußballvereinen. Seit nun über 12 Jahren wird Dietmar Hopp in den Stadien zum Abschuss freigegeben. Hopps Konterfei wird in Plakaten im Fadenkreuz dargestellt und Plakate mit „Hopp du Hurensohn“- Beleidigungen sind an der Tagesordnung. Wegen der seit Jahren andauernden Beleidigungen und Mordaufrufe der Dortmunder dürfen diese die nächsten beiden Spiele nicht nach Hoffenheim mitreisen. Wegen dieser überfälligen Entscheidung, dieser Kollektivstrafe, dieser Lappalie des DFB solidarisieren sich nun alle möglichen Ultras mit den Fans des börsennotierten Arbeitervereins.

Dietmar Hopp ist der Mitbegründer von SAP, sein Vermögen wird auf über zehn Milliarden Euro geschätzt. Den Großteil seines Vermögens rund sieben Milliarden Euro hat Hopp vor über 20 Jahren in eine Stiftung eingebracht, durch die Dividendeneinnahmen flossen bisher 700 Millionen Euro an Krankenhäuser in die Krebsforschung, in Sport und Bildungseinrichtungen, für den Klimaschutz und gegen Antisemitismus. Auf der anderen Seite drohte Hopp ehemals seinen Angestellten, als die auf die Idee kamen, einen Betriebsrat zu gründen, den Firmensitz ins Ausland zu verlegen und sein beschwichtigender Umgang mit der NS-Vergangenheit seines Vaters, einem Lehrers und SA-Führer, der an der Vertreibung der Sinsheimer Juden beteiligt war, sind zweifellos Schattenseiten seiner Biographie.

Watzke und den Funktionären anderer Klubs geht es nicht um irgendwelche Werte, sondern um den eigenen Erfolg, um Geld und um Macht und RB Leipzig oder die TSG Hoffenheim sind unliebsame finanzstarke Konkurrenten.  Von Fußballvereinen zu erwarten ohne Euro-Millionen erfolgreich zu sein ist nostalgische Träumerei und so ist die Kommerzialisierung des Fußballs nicht aufzuhalten. Profi-Fußball funktioniert wie alle Unternehmen in der Marktwirtschaft funktionieren. Angebot und Nachfrage regeln die Preise und gute Trainer und Spieler kosten viel Geld. Die Beleidigungen, die Mordaufrufe der Ultraszenen in den Stadien transportieren die Moralität von Debilen. Das zweierlei Maß, die doppelten Standards belegen auch eine hässlichste Eigenschaft des Menschen, den Neid. Auf einer Konferenz der Linkspartei sprach kürzlich eine Rednerin von dem „einen Prozent“ der Reichen, die „nach ‘ner Revolution“ erschossen werden, auf dem Podium reagierte der Parteichef Bernd Riexinger mit den Worten: „Wir erschießen sie nicht, sondern setzen sie für nützliche Arbeit ein.“ Die ehemalige Occupy-Bewegung behauptete sie wären die 99 Prozent und das restliche ein Prozent wäre schuld am Elend dieser Welt. Wenige Protestierer bilden sich ein die überwältigende Mehrheit zu vertreten und erklären ohne Argument und ohne Differenzierung das eine Prozent der Superreichen zum Sündenbock. In den Fußballstadien erkennt man das Spiegelbild der jeweiligen Gesellschaft. In der Masse fühlen sich Fans, die vermutlich noch nie selbst auf einem Fußballplatz standen und sich Beleidigungen fremder und Pfiffe eigenen Fans angehört haben, sicher und stark, im eins gegen eins sind sie aller Voraussicht schwach und unsicher. Was wohl los wäre wenn auf einer AfD-Veranstaltung Angela Merkel auf Plakaten im Fadenkreuz gezeigt werden würde? Zu recht würden sich die Kommentatoren in den Medien überschlagen und justiziable Schritte wären vermutlich die Folge.

Aus der Masse heraus beleidigen Zuschauer, die oftmals nie in ihrem Leben gegen den Ball getreten haben, seit je her fremde, aber auch hin und wieder eigene Spieler. Nachdem Schalke Fans ihren jungen Torwart Alexander Nübel beschimpften weil dieser in der kommenden Saison zu Bayern wechseln wird und im Spiel einen Fehler beging, verließ dieser nach dem Schlusspfiff weinend den Platz. Hin und wieder finden es Spieler nicht so toll wenn sie beleidigt werden und so kletterte kürzlich Eric Dier auf die Tribüne, um sich einen Zuschauer vorzuknöpfen. Manchester-Legende Eric Cantona attackierte 1995 einen gegnerischen Fan über die Werbebande mit einem Kung-Fu-Sprung weil er von Palace-Fan Matthew Simmons rassistisch beleidigt und bespuckt wurde. Nach vielen Jahren bereute er und sagte: „Ich habe ihn nicht hart genug getreten. Ich hätte ihn härter treten sollen.“ Andrés Escobar war ein kolumbianischer Fußballspieler. Aus verbalen Beleidigungen werden körperliche Angriffe und Psychopaten werden skrupellos, da es ihnen bekanntlich an Empathie mangelt. Während der Weltmeisterschaft am 22. Juni 1994 schoss er  im Spiel gegen die USA ein Eigentor zum 0:1; Kolumbien verlor 1:2 und schied aus dem Turnier aus. Kurz darauf, am 2. Juli 1994 wurde Escobar in Medellín durch sechs Schüsse von einem wütenden Fan ermordet.

Beleidigende Ultras gehören identifiziert und mit Stadien-Verboten belegt und im Wiederholungsfall den Fanklubs die Dauerkarten entzogen, das wäre der erste Schritt einer Humanisierung des Fußballes und in der Folge des Gemeinwesens. Die Verdienste der „Schickeria München“, die beim Stand von 6:0 für die Bayern 15 Minuten vor Schluss, sich mit den Schlägertruppen aus Dortmund solidarisierten, in Hoffenheim mit ihren Beleidigungen gegen Dietmar Hopp einen Spielabbruch und den Verlust von drei Punkten für die Bayern riskierten, sind seitdem obsolet. Die Zuschauer, die Ultras sind nicht die Hauptsache bei einem Fußballspiel, entscheidend ist was auf dem Platz passiert. Die Ultras nehmen sich zu wichtig, sie haben keine 99 Prozent, sie sind eine kleine Minderheit. Die Ultras aus München sollten sich auflösen und dem Vorschlag von Julian Nagelsmann folgen, der sinngemäß auf einer Pressekonferenz sagte: „Wenn ich bei Torsten zum Geburtstag eingeladen bin und komme rein und sage: ‚Torsten ist ein Vollidiot‘, dann darf ich wahrscheinlich nicht bei der Party von Torsten bleiben und muss gehen. Wenn ich alles Scheiße finde. außer mich selber, dann muss ich halt zu Hause bleiben, nur ein Spiel gucken und mich selber ankucken und alle anderen in Ruhe lassen. Ansonsten wird es von außen vorgegeben. Dann bin ich irgendwann nicht mehr dabei und kann mir das am Fernsehen angucken und im Wohnzimmer schreien, was ich will.“

 

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Eine kurze Geschichte des Zinses

17. Februar 2020

Das 17. Jahrhundert nannte man in den Niederlanden wegen der wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit, das „Goldene Zeitalter“. Mit steigendem Wohlstand wurden die aus der Türkei importierten Tulpen unter den wohlhabenden Niederländern immer beliebter, so erzielten seltene Sorten hohe Preise. Eine Zwiebel der Sorte Semper Augustus kostete im Jahr 1624 knapp 1.200 Gulden. Man konnte sich somit mit einer Zwiebeltulpe in Amsterdam ein Haus kaufen. Die Nachfrage aus ganz Europa war größer als das Angebot. Der anschließende Boom wurde mit Krediten finanziert. Mit der Zeit gingen keine Tulpen mehr über den Warentisch, es wurden nur noch Tulpenwertpapiere getauscht. Am Höhepunkt des Booms kostete die Semper Augustus 6.000 Gulden. Im Februar 1637 kam es zum Crash und die Tulpenpreise fielen ins Bodenlose und die wertlosen Tulpenscheine wurden in Staatsanleihen umgetauscht. Die Globalisierung, Derivate, Hedgefonds, BlackRock waren damals noch unbekannt.

Im Jahr 1873 brach die seit 1850 anhaltende stürmische Entwicklung des Kapitalismus abrupt ab. In Deutschland wurde der Boom durch Reparationszahlungen Frankreichs und den entstandenen neuen Märkten befördert. Im Jahre 1873 brachen die Finanzmärkte weltweit zusammen, der Ausgangspunkt der Krise von 1873 und der „Großen Depression“ war der Zusammenbruch des Kapitalmarktes für Eisenbahnaktien und die Erschöpfung des Eisenbahnbaus als „Strategischer Leitsektor“. Als so genannter „Gründerkrach“ wird der Börsencrash von 1873 bezeichnet, dem eine Überhitzung der Konjunktur durch eine galoppierende Industrialisierung vorausgegangen war. Nach der Gründerkrise verstaatlichte Bismarck die Eisenbahnen, denn sie waren systemrelevant für das Militär sowie für den Transport von Arbeitskräften und Waren. Bereits damals führte die Gründerkrise zu Verschwörungstheorien, welche in erster Linie der angeblich jüdischen Hochfinanz die Schuld an der Krise gaben. In dieser Wahrnehmung erfolgte bei diversen dubiosen Ökonomen dieser Zeit eine Trennung in einerseits das „raffende“ Finanzkapital und andererseits in das „schaffende“ Produktionskapital. Diese Trennung mit der entsprechenden Verteufelung des Zinses wurde bereits von Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) propagiert und später von Silvio Gesell (1862-1930) und den Nationalsozialisten um Gottfried Feder (1883-1941)  bis zu vielen aktuellen „Kapitalismuskritikern“ übernommen. Der „gute deutsche“ Fabrikbesitzer wurde während des Gründerkrachs dem „raffenden“, „gierigen“, „jüdischen“ Finanzkapitalisten entgegengestellt.

Bereits im 19. Jahrhundert wollte der Anarchist und Frühsozialist Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865)  den Kapitalismus abschaffen, zugunsten einer „wirklichen Marktwirtschaft“ mit Äquivalententausch. Proudhon sah in der Herrschaft des Zinses das größte Übel des Kapitalismus. Gäbe es das zinstragende Kapital nicht mehr, so dachte Proudhon, dann wäre Not und Elend endgültig abgeschafft. 1849 versuchte Proudhon mit der Gründung einer „Volksbank“, mit zinslosen Krediten, sein Reformprogramm in die Praxis umzusetzen. Proudhon hatte großen Einfluss auf Georges Sorel (1847-1922), den Vordenker des Syndikalismus. Auf Sorel wiederum beriefen sich viele Intellektuelle des Leninismus als auch des revolutionären Syndikalismus, von denen einige zum Faschismus übertraten. Ebenfalls auf die Theorien Proudhons bezog sich Silvio Gesell (1862- 1920). Seine absurde Wirtschaftstheorie, die er in seinem 1911 erschienen Hauptwerk „Die natürliche Wirtschaftsordnung“ niederschrieb, sieht die Lösung der kapitalistischen Probleme in der Abschaffung des Zinses mittels Schwundgeld und Tauschkreisen. Mit der Einführung eines „Schwundgeldes“ wollte Gesell verhindern, dass Geld gehortet und Zins abgeschöpft wird. Das Geld verliert ständig an Wert und muss dadurch ausgegeben werden, heizt also die Wirtschaft an. Gesell kritisiert ausschließlich den Geldkreislauf (raffendes Kapital), die Produktion, das „schaffende Kapital“ ist im Gegensatz dazu für ihn positiv besetzt. „Der Chiemgauer“ ist Schwundgeld, mit dem im Chiemgau (Oberbayern), seit einigen Jahren in bestimmten Läden die Ware bezahlt werden kann. Die regionalen Betriebe sollen mit dem Regionalgeld gefördert werden. Die Herausgeber (Waldorfschule Prien) des Chiemgauers beziehen sich explizit auf Silvio Gesells Freigeld-Theorie. Unterstützt wird die Schwundgeld/Regionalgeld-Theorie zudem von Globalisierungskritikern aus „Attac“. Neben seiner Freigeld-Theorie warb Silvio Gesell in seiner Freiland-Theorie für Menschenzucht mit eugenischen Zielen: Im ersten Schritt soll das Privateigentum an Boden abgeschafft, um anschließend an den Meistbietenden verpachtet zu werden. Staaten, die sich der Freiland-Theorie nicht anschließen werden, ziehen die „Arbeitsscheuen“ der ganzen Welt an. Der Kranke und Schwache hat keinen Platz in Gesells sozialdarwinistischer Welt. Die „Fortpflanzung des Fehlerhaften“, gelte es durch „das große Zuchtwahlrecht, dieses wichtigste Sieb bei der Auslesetätigkeit der Natur“ zu bekämpfen. Zu diesem Zweck, soll die fruchtbare Frau den Zugriff auf Grundrente und Boden nach Zahl ihrer Kinder erhalten. Frauen würden in speziellen Gemeinschaften ihre Kinder erziehen und von Zeit zu Zeit auf Reisen gehen, um eugenisch wertvolle Männer zu suchen und sich von ihnen erneut schwängern zu lassen. Durch dieses „Zuchtwahlrecht der Frauen“ werde es weniger Geburten geben, weil Frauen länger nach geeigneten Vätern suchen und nur „die Lebensbejahenden“ gebären. Die übrigen Frauen würden sich sterilisieren lassen und lohnabhängig sein. Das „Naturweib“ lässt bei der „Gattenwahl in geschlechtlichen Fragen ihre Wünsche und Triebe für die vererbungsfähigen Vorzüge den Ausschlag geben“. „Statt des wesenlosen politischen Wahlrechts, können sie dann das große Zuchtwahlrecht“ ausüben. „Die „Manchesterschule“, mit Ausnahme der Privilegien von Grund und Geldbesitzes, war auf dem richtigen Weg“ so Silvio Gesell.

Gottfried Feder (1883-1941) war der Wortführer der NSDAP Wirtschaftspolitik, bezog sich auf Gesell und schrieb 1927 das 25 Punkte Grundsatzprogramm der NSDAP, welches bis 1945 Gültigkeit hatte. In dieser Schrift steht auszugsweise: „Die Wirtschaft, ob groß oder klein, Schwerindustrie oder Kleingewerbetreibender, kennen nur ein Ziel: „Profit“, sie haben nur eine Sehnsucht: „Kredit“, nur eine Aufwallung: die „gegen die Steuern“, nur eine Furcht und namenlose Hochachtung: die „vor den Banken“ und nur ein überlegenes Achselzucken über die nationalsozialistischen Forderung der „Brechung der Zinsknechtschaft“. Alle drängen sich danach, „Schulden zu machen“. Die maßlosen Wuchergewinne der Banken, die ohne Müh und Arbeit, als Tribut vom Leihkapital erpresst werden, findet man durchaus in der Ordnung. Man gründet eigene „Wirtschaftsparteien“ und stimmt für die Dawesgesetze, die die Grundursache für die maßlosen Steuerlasten sind. Man stürzt sich in tiefe Zinsknechtschaft, schimpft über Steuern und Zinsen und erstirbt vor Hochachtung vor jedem Bankier und Börsenpriaten. Verwirrt sind die Hirne! Die Ganze Wirtschaft ist entedelt, entpersönlicht, in Aktiengesellschaften umgewandelt worden. Die Schaffenden haben sich selbst ihren größten Feinden in die Hände gegeben, dem Finanzkapital. Tief verschuldet, bleibt den Werteschaffenden in Werkstatt, Fabrik und Kontor nur karger Lohn, jeder Gewinn der Arbeit fließt in die Taschen der anonymen Geldmacht als Zins und Dividende.“ Wie Gesell und Proudhon unterschied die NSDAP zwischen gutem „schaffenden und bösem raffenden Kapital“, dem „internationalen Finanzjudentum“.

Die nationalsozialistischen Kapitalismuskritiker waren davon überzeugt, dass mit der „Brechung der Zinsknechtschaft“, der Verstaatlichung der Banken und der Abschaffung des Zinses alle „Probleme“ des Kapitalismus beseitigt wären. Als  Hitler 1940 auf dem Höhepunkt seiner  Macht, als die Zustimmung seiner Politik so groß wie nie zuvor war, kam der Propagandafilm Jud Süß in die deutschen Kinos. Die 19 Millionen Besucher von „Jud Süß“ wurden nicht gezwungen diesen Film anzusehen, sie wollten den Film sehen weil sie entsprechend fühlten und dachten. Der antisemitische  Propagandafilm spielt am Hofe des Königs von Württemberg. Dieser König kam in zunehmende Finanzschwierigkeiten und stellt sich den jüdischen Finanzberater Joseph Süß ein. Der geldgierige Joseph Süß, in dem Veit Harlan-Film, ein verschlagener hochraffinierter Jude der alle Finanztricks beherrscht, rettet den König in dem er mit seinen Tricks die Bevölkerung ausbeutet und dadurch immer mächtiger und einflussreicher wird. Das Geld wird der Masse der ehrlich arbeitenden Bevölkerung genommen. Es kommt dadurch zu sozialer Verelendung und zu Massendemonstrationen. Das Gegenbild zu der jüdischen Raffgier ist in dem Film die ehrliche deutsche Arbeit, die durch den Schmied mit seiner züchtigen Hausfrau symbolisiert und dessen Haus durch die  Finanzpolitik von Jud Süß zerstört wird. Der Widerstand der Bevölkerung wächst. Der gute ehrlich arbeitende Held mobilisiert die Massen und bringt die Wende. In der Schlüsselszene des Films ruft er den Massen zu: “Wie die Heuschrecken fallen sie über uns her“.  Nachdem der Jude gehängt wird, entspannt sich die Lage und die Menschen haben wieder eine glückliche Zukunft vor sich. Die Heuschreckenmetapher verwandte Alfred Rosenberg im „Völkischer Beobachter“ bereits am 29. Mai 1921: „Aber schon sehr bald zeigte es sich, dass alle Anlockungen durch Vorzugsrechte nicht recht anschlugen, dass der größte Schwarm der jüdischen Heuschrecken nach Amerika zog, der andere, nach Palästina abgefahrene Teil aber nicht recht arbeiten wollte, sondern von den Millionen zu zehren vorzog, die jüdische Milliardäre zur Organisation Palästinas ausgeworfen hatten“.

In Wahrheit sind die kapitalistischen Krisen von zyklischer Natur, sie gehören quasi zur Normalität kapitalistischer Entwicklung. Karl Marx (1818 – 1883) kritisierte im 3. Band des Kapitals die sich auf die „Zirkulationssphäre“ verkürzte „Kapitalismustheorie“ Proudhons vernichtend und machte ihn lächerlich. Die Kritik von Marx bezog sich auf das hochkonzentrierte Produktionskapital selbst und damit die kapitalistische Produktionsweise als solche. Der britische Ökonom John Maynard Keynes war der festen Auffassung der Staat müsse sich in Krisenzeiten mit Steuersekungen, Transferleistungen und staatlichen Investitionen verschulden (deficit spending) um die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Nach dem Vorbild des Ökonomen Keynes versuchten und versuchen Regierungen unterschiedlichster Couleur mit gepumptem Geld die Abschwünge zu bremsen in der Hoffnung  im Aufschwung das Geld wieder zurückzubekommen. Die aktuellen weltweiten Schuldenkrisen sind auch ein Resultat dieser Politik. Während immer mehr erfolglose Unternehmer vom Staat Geld haben wollen explodieren die Staatsschulden. Weil Staaten nichts produzieren, haben sie kein Kapital, sie können kein Kapital schaffen, sondern lediglich das vorhandene umverteilen.

Nikolai D. Kondratjew (1892-1938) war ein sowjetischer Wirtschaftswissenschaftler und gilt als einer der ersten Vertreter der zyklischen Konjunkturtheorie, er beschrieb die in langen fünfzig bis sechzigjährigen Wellen verlaufenden Schwankungen der Weltkonjunktur. Kondratiew setzte sich in der Sowjetunion für die Erhaltung marktwirtschaftlicher Strukturen in der russischen Landwirtschaft ein. Das wurde ihm zum Verhängnis, denn im Zuge der „Großen Säuberung“ unter Stalin  wurde er 1930 wegen antikommunistischer Agitationen verhaftet, nach Sibirien deportiert und am 17.9.1938 zum Tode verurteilt und am gleichen Tag hingerichtet. Laut Kontratjew sind Paradigmenwechsel der Ausgangspunkt für die „Langen Wellen“, denn am Beginn eines langfristigen Wirtschaftsaufschwungs steht eine neue, umwälzende Technik, die positive tief greifende Veränderungen in der Wirtschaft bewirkt.  Nachdem sich die Innovation durchgesetzt hat, verringern sich die Investitionen und es kommt erst nach vielen Jahrzenten wieder zum Abschwung.

Nach zwei Weltkriegen und nach der schweren Depression von 1929 folgte das „Wirtschaftswunder“, denn nach den gigantischen Zerstörungen des 2. Weltkrieges setzte ein exorbitanter Nachkriegsboom ein. In diesem fordistischen Nachkriegsboom, vor allem das „Wirtschaftswunder“ Deutschlands in den 1950er Jahren sei hier erwähnt, wurden bis in die 1970er Jahre Millionen von neuen Arbeitskräften benötigt um Massen von Waren herzustellen, welche die Arbeiter und Angestellten durch Vollbeschäftigung mit ihren Löhnen tatsächlich kaufen konnten. Nach der Sättigung der Märkte und den damit verbundenen ungeheuren Rationalisierungsmaßnahmen wurden immer weniger Menschen gebraucht um die Waren zu produzieren, die immer weniger Leute kaufen wollten oder konnten. Nach der Vollbeschäftigung in den 1970er Jahren stieg die Arbeitslosigkeit 1980 in Deutschland von 0,9 Millionen auf 3,3 Millionen im Jahre 1995 und auf über 6 Millionen im Jahr 2005.

Zeitgleich zwangen die Ölkrise und der Vietnamkrieg die finanziell angeschlagenen USA 1973 zur Kündigung von Bretton-Woods, der Goldeinlösegarantie des Dollars. Durch den Zusammenbruch des Währungssystems von Bretton Woods  begann eine neue Periode in der Geschichte des Kapitalismus.  Die realökonomischen Widersprüche konnte durch Konjunkturprogramme, Staatsinterventionen und keynesianische Regulation nicht verhindert werden.  Erst die zunehmende Liberalisierung der Finanzmärkte unter Ronald Reagean und später Gerhard Schröder und die monetaristische Politik der Neoliberalen boten eine Lösung, zumindest einen Aufschub.  Das Kapital, das in der Realwirtschaft keine rentable Anlagemöglichkeit mehr fand, konnte in den Bereich des „fiktiven Kapitals“ ausweichen. Die Krise wurde aufgeschoben, und der Neoliberalismus wurde zum weltweiten Programm. Anfang der 1980er Jahre setzten die großen Schuldenkrisen in den Entwicklungsländern ein. 1987 kam es zu einem erneuten Börsencrash. Anfang der neunziger Jahre gerieten die USA und Japan in eine Immobilien- und Bankenkrise. 1992 kam das Europäische Währungssystem ins Wanken. Währungs- und Wirtschaftskrisen gab es 1994/ 95 in Mexiko, 1997/98 in Asien, 1998 in Russland und 1999 in Lateinamerika. 2000 begann der weltweite Börsenkrach, darauf folgten der amerikanische Immobilienboom, das Platzen der Immobilienblase, die Weltwirtschaftskrise ab 2007, der  Zusammenbruch der US-amerikanischen Großbank Lehman Brothers und die jetzigen Schuldenkrisen der „wohlhabenden“ Industrieländer.  Im ständigen Platzen der Finanzblasen wird nichts anderes sichtbar als das verdrängte und kumulierte Krisenpotential von vier Jahrzehnten. Die gigantische Finanzblasen, die gigantischen Schuldenberge der Staaten sind nicht Ursache, sondern Wirkung der Krise des Fordismus, die einen qualitativen Einbruch in der kapitalistischen Geschichte markiert.

Immer mehr Geld strömte seit den 1980er Jahren in die Finanzmärkte, wohin sollte es denn auch sonst strömen? Die mit spekulativen Finanzoperationen erzielten Gewinne waren und sind längst ein wichtiger Posten im Haushalt von Privatleuten, Staaten und Unternehmen. Ohne diese Gewinne an den Finanzmärkten wären die Weltwirtschaft und die Produktionswirtschaft längst zusammengebrochen. Der spekulative Finanzsektor alimentiert den immer „unrentabler“ werdenden Bereich der Produktion, der spekulative Sektor generiert für die Produktion dringendst nötiges frisches Geld. Finanzspekulationen sind heute mehr denn je nicht mehr von den ökönomischen Vorgängen in der Produktion und in der Dienstleistung zu trennen. Würde man die Spekulation verbieten, funktionierte die Weltwirtschaft und die Produktionswirtschaft längst nicht mehr.  Die bis heute andauernde Euro- und Schuldenkrise hat nur sekundär etwas mit den Banken zu tun. Deutschland als Exportweltmeister will seine Waren im Ausland verkaufen. Griechenland, die entsprechenden Euroländer, die USA, sowie die Schwellenländer kauften ihre deutschen Waren auf Kredit. Die diversen Banken gaben die Kredite, damit Deutschland seine Waren verkaufen konnte. Deutschland konnte seine Waren auf dem Weltmarkt so gut verkaufen, weil die Reallöhne in Deutschland im Vergleich zu den Euroländern relativ gering sind.

Nachdem unter der Rot-Grünen Regierung die Deregulierung der Kapitalmärkte massiv fortgesetzt wurde, bemühte Franz Müntefering wieder die Heuschrecken-Metapher um gegen Hedgefonds und das Finanzkapital zu agitieren.  Ver.di übernahm ebenfalls das Bild der Heuschrecke und gab das  Flugblatt „Finanzkapitalismus – Geldgier in Reinkultur“ heraus. Ein Prozent der Menschheit ist für die Occupy-Bewegung  an der Krise schuld, ein Prozent bereichert sich auf geheimnisvolle Weise an der Arbeit aller anderen, ein Prozent kontrolliert Regierungen und sorgt für böse Kredite, Zinsen und Schulden. Die Nazis sprachen von “Zinsknechtschaft” und Jürgen Elsässer  spricht heute bei Occupy-Veranstaltungen von “Schuldknechtschaft”. Müntefering, die IG Metall und der überwiegende Teil der Occupy-Bewegung sind keine Nazis, aber ihre verkürzte, personalisierte Kritik am Kapitalismus ist gefährlich, denn wenn vermeintlich einige Wenige das Elend der Vielen verursachten, dann ist es bis zum Schritt der Eliminierung der „Bösen“ nicht mehr weit.

Der in anderen Spären schwebende Schlagersänger Christian Anders ist ein großer Anhänger Silvio Gesells und auch der völkische Querfrontmann Jürgen Elsässer schwärmt von Regionalgeld. Die rechtsextreme DVU beantragte im brandenburgischen Landtag 2007, die Regionalgeld-Gruppen im Land zu unterstützen und Marina Weisband von den Grünen fand Experimente mit Regionalgeld wichtig. Oskar Lafontaine entdeckte 2006 Schnittmengen mit dem Islam wegen dessen Zinsverbot (Zinsen werden bei „schariakonformen“ Anlagen nur nicht so genannt) und der Gesellianer und Volkswirtschaftsprofessor Bernd Senf debattierte 2002 im Rahmen der Berliner Islamwoche als Vertreter von Attac Deutschland über die kritische Haltung zum Zins in Christentum und Islam sowie bei Silvio Gesell. Die Anhänger der Schwundgeld-Phantasien sehen in den nun seit vielen Jahren andauernden Null-Zins-Zeiten, die sich mittlerweile schon in Negativ-Zins-Zeiten verwandeln, lächerlicher aus als je zuvor, mindestens so lächerlich wie die „schariakonformen“ Finanzprodukte. Die wichtigste Finanzierungsform islamischer Banken ist Murabaha. Ein frommer Kunde will beispielsweise ein neues Auto. Die „schariakonforme“ Bank kauft das Auto und verkauft es dem Kunden zu einem höheren Preis weiter, den der Kunde in Raten zurückbezahlt. Ein Auto beispielsweise das 30.000 Euro kostet wird für 33.000 Euro weiterverkauft, die in Raten abbezahlt werden, der Kunde zahlt also 10 Prozent Zins für den Kredit, der aber nicht so genannt wird und deshalb ist er halal, also erlaubt.

Seit es Geld gibt wird es gegen Zins ausgeliehen. Privatleute, vor allem aber große Unternehmen und Staaten, leihen sich direkt bei den Geldbesitzern Geld und versprechen dafür eine feste jährliche Zinszahlung sowie die Rückzahlung des geliehenen Geldes zu einem festen Termin. Unternehmen können sich am Kapitalmarkt Geld nicht nur über Anleihen, sondern auch über die Ausgabe von Aktien beschaffen. Geldbesitzer erhalten im Tausch für ihr Geld ein Wertpapier. Allerdings trägt der Kreditgeber ob nun Aktionär oder eine Bank das volle Risiko des Kreditausfalls. Geht das Unternehmen Konkurs, ist auch das geliehene Geld weg. Die zirkulierenden Ansprüche, wie Wertpapiere oder Aktien nennt man spekulativ angelegtes Kapital oder eben „fiktivesn Kapital.“ Aus sozialer Nächstenliebe und für ein Butterbrot verleiht keine Bank Geld, werden keine Wohnungen von Immobienkonzernen gebaut, arbeitet niemand für seinen Arbeitgeber, bezahlt kein Arbeitgeber Lohn für keine Leistung. Ohne Gewinn wird kein Unternehmen mittelfristig existieren können. Die Wirtschaftskrisen zeichnen sich durch den Widerspruch zwischen Überangebot und mangelnder Nachfrage aus. Eine Marktwirtschaft ohne Streben nach Maximalprofit und ohne fiktives Kapital war, ist und bleibt so undenkbar. Die so genannte Realwirtschaft und die Finanzsphäre können nur zusammen gedacht, kritisiert und somit die Probleme gemildert oder in Einzelfällen gelöst werden. Der Neoliberalismus war die Reaktion auf das Auslaufen des Fordismus, in dem Arbeitnehmerinteressen zurückgedrängt, staatliche Unternehmen privatisiert sowie eine Umverteilung von unten nach oben organisiert wurden. Ein großer dritter Krieg mit einem Zerstörungspotential des zweiten Weltkrieges mit einem entsprechenden Aufbauboom könnte eine Wiederholung der Geschichte sein, humaner wäre eine Währungsreform, kluge Investionen und diverse krisenabmildernde Maßnahmen. Gegen eine Finanztransaktionssteuer oder eine Entflechtung der Großbanken ist wenig einzuwenden, die Weltwirtschaftkrisen oder die Schuldenkrisen der entsprechenden Länder werden allerdings dadurch nicht verhindert. Der Rückfall in alte Muster, das Ausmachen von Sündenböcken wird kein Problem lösen, im Gegenteil ohne „fiktives Kapital“ gibt es keinen Tag länger die Realproduktion. Den Selbstzerstörungskräften der freien Marktwirtschaft sollte freilich keinesfalls ungebremst der freie Lauf zugestanden werden. Verbesserte Rahmenbedingungen für genossenschaftliche Unternehmen, ein höherer Spitzensteuersatz, höhere Löhne, eine dosierte Arbeitszeitverkürzung, würden zwar dem Wirtschaftsstandort Deutschland, seinen Status des Exportweltmeisters minimal gefährden, wären jedoch Schritte in eine richtige Richtung und schlecht ausgehandelte Zölle können durchaus noch einmal auf den Prüfstand. Eine staatlicherseits geförderte Revolutionierung der Mobilität, beispielsweise mittels der Brennstoffzelle wäre nicht die schlechteste der vorhandenen Möglichkeiten.

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Björn Höcke und seine tolldreisten Hofnarren

11. Februar 2020

Nach der Landtagswahl in Thüringen vom 27.10.2019 kam die rechtsextreme AfD unter Björn Höcke und die Linkspartei unter Bodo Ramelow auf 54,4 Prozent der Stimmen. Rot-Rot-Grün fehlten vier Stimmen zur Mehrheit. Nach über drei Monaten Verhandlungen versuchte Thomas Kemmerich von der FDP, mit seinen fünf Prozent, tolldreist die rot-rot-grüne Minderheitsregierung unter Bodo Ramelow zu verhindern, in dem er sich im 3. Wahlgang aufstellen ließ und mit den Stimmen von AfD und der CDU zum Ministerpräsidenten wählen ließ. Die AfD gab ihrem eigenen Kandidaten keine Stimme und der sich verblüfft gebende 5-Prozent-Mann nahm die Wahl an, obwohl vor der Wahl die CDU und die FDP jede Zusammenarbeit mit der AfD ausgeschlossen und die CDU/FDP gemeinsam nur 26,7 Prozent in der Landtagswahl erreicht haben. Zwanzig  Jahre nach dem Pisa-Schock wurde deutlich dass einige hochrangige FDP und CDU-Politiker inklusive viele ihrer Anhänger selbst die einfachsten Grundrechenarten nicht beherrschen, von der Prozentrechnung ganz zu schweigen. Durch den Coup von AfD, FDP und CDU ist Thüringen nun voraussichtlich für Monate regierungstechnisch blockiert und FDP wie CDU stehen vor einem Scherbenhaufen, den der Steuerzahler wohl bezahlen muss.

Politiker zumeist links von der CDU sprachen von einem Dammbruch. Janine Wissler von der Linkspartei schreibt zum Beispiel einerseits vom „Unfassbaren Dammbruch“ in Thüringen und andererseits schickte Wissler am 26.7.2914 auf einer von der islamistischen IRH veranstalteten Kundgebung  Solidaritätsgrüße in den mit Hakenkreuzfahnen übersäten Gazastreifen. Björn Höcke und Kemmerich werden mit Hitler und Hindenburg verglichen, dabei übersahen die „Experten“ dass nicht Höcke zum Ministerpräsidenten gewählt wurde, sondern der FDP-Mann. Erfurt ist also nicht Weimar, wie die Linkspartei nicht die SED und Ramelow der Sozialdemokratie politisch näher als der Linkspartei ist. Aber auch die AfD ist nicht die NSDAP und jede Gleichsetzung ist eine Verharmlosung des Nationalsozialismus. Die Gleichsetzung von Björn Höcke mit Adolf Hitler passt genauso wenig, wenngleich Höckes Weltbild durchaus als nationalsozialistisch bezeichnet werden kann.

Björn Höcke wurde am 1. April (!) 1972 in Westfalen als Sohn eines antikommunistischen nationalkonservativen Vaters, der die antisemitische Zeitschrift „Die Bauernschaft“ des Holocaustleugners Thies Christophersen abonniert hat, geboren. Geprägt wurde Höcke von den Erzählungen seiner Großeltern, die aus Ostpreußen vertrieben wurden. Im April 2013 war Höcke bei der Gründung der AfD in Thüringen dabei. Mit seiner „Erfurter Resolution“ im März 2015 wurde die Ablösung Bernd Luckes eingeleitet. Höcke war von Anfang an bestrebt die AfD immer weiter nach rechts außen zu treiben. Im Mai 2015 beschloss daher der AfD-Bundesvorstand ein Parteiverfahren mit dem Ziel, Höcke seiner Parteiämter zu entheben und zwei Jahre lang davon auszuschließen. Anfang 2017 beschloss der AfD-Bundesvorstand ein erneutes Parteiausschlussverfahren gegen ihn. Alice Weidel stimmte wegen seiner Dresdner Rede für das Ausschlussverfahren, doch Höcke überstand beide Verfahren. Höcke gilt als Schüler des Ideologen Götz Kubitschek, mit dem er sich rhetorisch wie ideologisch beim Machtkampf in der AfD abstimmt. Björn Höcke ist der Kopf des sogenannten „Flügels“, der für eine rechts-radikale Ausrichtung der Partei steht. Die Macht von Björn Höcke innerhalb der AfD scheint von Tag zu Tag anzusteigen, ein Parteiausschlussverfahren droht ihm nicht mehr, da niemand innerhalb der Partei dies noch wagt.

Im Jahr 2018 erschien der Gesprächsband mit Björn Höcke und Sebastian Hennig ,„Nie zweimal in denselben Fluss“, darin spricht Björn Höcke von der „Wiederverzauberung der Welt“ und im Sinne der „Konservativen Revolution“ wendet er ich gegen die Werte der Aufklärung, gegen Liberalismus und Universalismus. Höcke kritisiert den Kapitalismus von Rechts, wie einst der NSDAP Wirtschaftsexperte Gottfried Feder oder Alfred Rosenbergs in „Mythus des 20. Jahrhunderts“ von 1930. Höcke teilt wie sie in „gutes Produktionskapital“ und „schlechtes Finanzkapital“: „Mit Kapitalismus meine ich also nicht eine sinnvolle Marktwirtschaft, die in einer erneuerten Volkswirtschaft ihren wichtigen Platz haben wird, sondern die einseitige Dominanz und Extremisierung eines Produktionsfaktors – des Kapitals – unter Vereinnahmung der beiden anderen: Arbeit und Boden. Man kann dieses System mit der Formel zusammenfassen: Geld regiert die Welt! Dagegen stellen sich völlig zurecht linke wie rechte Globalisierungs- und Kapitalismuskritiker.“  Gottfried Feder schrieb im 25 Punkte-Programm der NSDAP ab Seite 22: „Die Wirtschaft, ob groß oder klein, Schwerindustrie oder Kleingewerbetreibender, kennen nur ein Ziel: “Profit”, sie haben nur eine Sehnsucht: “Kredit”, nur eine Aufwallung: die “gegen die Steuern”, nur eine Furcht und namenlose Hochachtung: die “vor den Banken” und nur ein überlegenes Achselzucken über die nationalsozialistischen Forderung der “Brechung der Zinsknechtschaft”. Gottfried Feder und andere nationalsozialistische Ideologen verstanden unter dem gutem  „schaffenden“ Kapital die einheimischen Betriebe und mit dem schlechten „raffenden“ Kapital den weltweiten Finanzsektor und Börsenhandel, wobei dieser mit dem Judentum gleichgesetzt wurde. Die gängige, antisemitische Verschwörungstheorie behauptete, dass eine globale „Hochfinanz“ als Instrument einer jüdischen Weltverschwörung fungiere, die Politik und Wirtschaft steuert und die Völker ins Verderben stürzt. Müßig zu erwähnen dass auch viele linke Kapitalismuskritiker von Pierre-Joseph Proudhon bis zu Attac in „gutes Produktionskapital“ und „schlechtes Finanzkapital“ aufteilen.

Björn Höcke strebt nach seiner völkischen Idee die Überwindung der Klassen durch die Volksgemeinschaft an: „ich sehe keinen Widerspruch zwischen einer patriotischen und einer dezidiert sozialen Position, im Gegenteil: Es ist die Verantwortung, die man als Patriot für das ganze Volk hat und nicht nur für eine bestimmte Oberschicht. Wir haben […] dafür den Begriff des solidarischen Patriotismus geprägt.“ (S. 245) Björn Höcke deutet an, dass er das Parteiensystem ablösen will und ein instrumentelles Verhältnis zur Demokratie pflegt. Die AfD soll die Parlamente nutzen, um deren Ende herbeizuführen: „Die Überwindung des Parteigeistes und die enge Verbindung mit den neutralen, sachkompetenten staatlichen Institutionen halte ich für entscheidend bei der Lösung der anstehenden Probleme. Bis dahin ist es die Aufgabe der AfD, eine unüberhörbare parlamentarische Stimme und Vertretung der Volksopposition im Land zu sein.“ (S. 232)

Viele Parteigenossen in der AfD haben ein Problem mit der deutschen Geschichte, so verharmlosen und relativieren sie in unterschiedlicher Intensität den Holocaust und die Verbrechen der Nationalsozialisten. Alexander Gauland relativierte beispielsweise den Holocaust und die Zeit des Nationalsozialismus in dem er meinte die Nazis seien „nur ein Vogelschiss“ in 1000 Jahren deutscher Geschichte. Später ruderte Gauland zurück und beteuerte es nicht so gemeint zu haben. Björn Höcke dagegen nannte das Holocaustmahnmahl in Berlin ein „Denkmal der Schande“ und in seiner Rede halluzinierte Björn Höcke weiter: „Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. (..) Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad! Wir brauchen so dringend wie niemals zuvor diese erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, liebe Freunde. Wir brauchen keinen toten Riten mehr in diesem Land. Wir haben keine Zeit mehr, tote Riten zu exekutieren.“

Am 17. Januar 2017 jammerte Höcke in Dresden vor seinen rechtsradikalen Anhängern wegen der alliierten Bombardierung Dresdens, die er mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki verglich, dabei den Naziterror relativierend: “Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen. Sie ist vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft. Deutsche Opfer gab es nicht mehr, sondern es gab nur noch deutsche Täter. Bis heute sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Opfer zu betrauern.“

In einem Interview von 2017 nannte Höcke es ein großes Problem, dass Hitler als „absolut böse“ dargestellt werde. In der Geschichte gebe es kein Schwarz und Weiß. Sogar der schlimmste Schwerverbrecher habe vielleicht irgendetwas Gutes. Auf Nachfrage, was an Hitler gut gewesen sei, erklärte er, er habe nicht gesagt, dass es etwas Gutes an ihm gebe, aber rein logisch sei ausgeschlossen, dass ein Mensch „nur dunkel ist“. Höcke und sein „Flügel“ relativierten das NS-Unrechtsregime des weiteren in einem „Alternativen Bericht“ zur Enquete-Kommission „Rassismus und Diskriminierung“  im September 2019, indem dort eine Dualität zwischen „Rassenwahn der Nationalsozialisten“ und dem „Rassismuswahn der Multikulturalisten“ konstruiert wird. Im Positionspapier „Leitkultur, Identität, Patriotismus“ vom Mai 2018 meint die Thüringer AfD, dass die Aufarbeitung der NS-Diktatur und des Holocausts dazu diene, „die Nation mit ihrer Geschichte verächtlich zu machen“ und „alles Deutsche aus der Welt zu schaffen“, um so „zu einem geschichtslosen Volk zu werden“.

Björn Höcke und seinem Lehrer Götz Kubitschek ist die Israelsolidarität des sogenannten Berliner Kreises innerhalb der AfD um Georg Pazderski und Beatrix von Storch, die unter anderem ein Verbot der Hisbollah fordern und die Bundesregierung für ihre Zusammenarbeit mit dem Iran kritisieren ein Dorn im Auge. Die AfD hat ein Problem mit den toten Juden, bis jetzt hat zumindest die Bundestagsfraktion, aus welchen Gründen auch immer, kein Problem mit den lebenden Juden in Israel, wenn es aber nach Götz Kubitschek und Björn Höcke geht soll sich das ändern, denn das könnte offenbar mehr Wählerstimmen von der NPD und von den anderen Parteien des Bundestages bringen.

Die AfD führt die anderen Parteien immer wieder am Nasenring durch die Manege. Die Vorgänge von Thüringen sind das aktuelle Beispiel dafür. Die momentane Stärke der AfD ist die Schwäche aller anderen Parteien. Eine Große Koalition die seit ihrem Bestehen nicht in dem benötigten Maße auf die Sorgen der Bevölkerung eingeht, die den Iran trotz seiner Menschenverachtung unterstützt, die Israel immer wieder im Stich lässt, die kaum etwas gegen die Zumutungen des Islam unternimmt,  die Jahre dazu braucht eine Grundrente einzuführen, hat ihren unrühmlichen Anteil an den hohen Prozentzahlen der AfD. Die AfD mit Björn Höcke, ihren Holocaustrelativierungen, ihrem Geschichtsrevisionismus und dem übrigen nationalsozialistischen Gedankengut ist zweifellos eine Gefahr für die Demokratie. Die Wahnsinnsaktion des Thomas Kemmerich, inklusive der Fehleinschätzungen von Kubicki und Lindner, könnte das Todesurteil für die FDP gewesen sein, was nicht weiter schlimm wäre, die aktuelle Orientierungslosigkeit der CDU allerdings macht Sorgen, denn mit einem grünen Bundeskanzler Habeck wird man nach sehr kurzer Zeit die schönen Zeiten mit Angela Merkel herbeisehnen.

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Alain Finkielkraut und die Niederlage des Denkens

21. Januar 2020

Als Sohn eines  jüdischen Lederwarenhändlers, der  Auschwitz überlebte, wurde der französische Philosoph Alain Finkielkraut am 30. Juni 1949 in Paris geboren. Finkielkraut lehrt Philosophie an der École polytechnique, ist Mitglied der Académie française und gehört mit André Glucksmann, Bernard-Henri Lévy, und Pascal Bruckner zu den bekanntesten Intellektuellen der „Neuen Philosophen“ die den Humanismus über gemeinschaftliche und ideologische Ideale stellen.

Einerseits bezeichnete Finkielkraut 2013 den Front National als „die einzige Partei, die die Franzosen mit ihrer verunsicherten Identität ernst“ nehme und beklagte zu gleich das Marine Le Pen sich dadurch herausnehmen kann, sich als Verteidigerin der republikanischer Werte darzustellen und andererseits unterstützte Finkielkraut bei den Vorwahlen der Linken den ehemaligen Premierminister Manuel Valls. Als Finkielkraut  im Februar 2019 am Rande einer Demonstration der Gelbwestenbewegung in Paris Opfer antisemitischer Pöbeleien und Übergriffe durch radikale Islamisten wurde, entbrannte in Frankreich erneut die Diskussion um den muslimischen Antisemitismus, der schon oftmals in Mord und Folter an französischen Juden seinen Höhepunkt fand, weswegen in Frankreich jedes Jahr zehntausende Juden nach Israel oder in die USA auswandern.

So hat beispielsweise in Toulouse im März 2012 der islamistische Terrorist Mohammed Merah in einer jüdischen Schule drei jüdische Kinder und einen jüdischen Lehrer jeweils mit einem aufgesetzten Kopfschuss ermordet.Einem angeschossenen jüdischen Mädchen lief er hinterher, packte es an den Haaren um es mit angelegter Pistole hinzurichten. In Frankreich werden Juden ermordet, weil sie Juden sind und die Abstände der islamischen und antisemitischen Morde werden immer kürzer, so wurde beispielsweise im Jahr 2006 Ilan Hamili aus Paris von einer Gruppe muslimischer Einwanderer über einen Zeitraum von drei Wochen zu Tode gefoltert. 2015 wurden vier Juden von einem Islamisten in einem koscheren Supermarkt erschossen, bevor die Polizei den Laden stürmte und die restlichen Geiseln befreite. Die jüdische Ärztin Sarah Halimi war im April 2018 von ihrem muslimischen Nachbarn misshandelt und aus dem Fenster geworfen worden, weil sie Jüdin war. Im selben Jahr wurde die 85-jährige Holocaust-Überlebende Mireille Knoll ermordet.

In seinem Essay „Die vergebliche Erinnerung – Vom Verbrechen gegen die Menschheit“ von 1989 setzt sich Finkielkraut mit der Verteidigung im Prozess von 1987 gegen den „Schlächter von Lyon“, den SS-Obersturmführer Klaus Barbie auseinander. Die drei Verteidiger Barbies, der Kongolese M’Bemba, der Algerier Bouaita und der Franzose Vergès traten im Prozess selbst als Ankläger auf. Sie relativierten während des Prozesses den Mord an den Juden um auf das „viel größere Verbrechen“ des  Rassismus abzulenken, „dass die Vernichtung der Juden ein Verbrechen von allenfalls lokalem Interesse, ein Blutstropfen Europas im Ozean des menschlichen Leidens sei und folglich allein das Gewissen der Weißen zu beunruhigen habe“, während in Wahrheit der unerklärte und von keinem Gericht geahndete Krieg der imperialistischen Staaten gegen die Dritte Welt den Gang der Geschichte bestimme: „Als Weiße vergießt ihr Tränen über das weiße Schicksal. Als Europäer bläht ihr einen Familienzwist zum Weltkonflikt und unverjährbaren Verbrechen auf. So von euch eingenommen wie ihr seid, so unempfindlich seid ihr für das Leid der wirklich Unterdrückten, ihr leckt eure eigenen Wunden und erhebt die Juden, das heißt euresgleichen, zu einer verfemten Nation, zu erwählten Märtyrern, um mit Hilfe jener Prüfungen, die ihr einmalig durchgemacht habt, leichter die Misshandlungen zu vergessen, die ihr ohne Unterlass die Völker des Südens erleiden ließet und lasst. Doch . . . so laute und so lange . . . Schluchzer über die Verbrechen der Nazis ihr auch hören lasst, so sind wir doch da, … und unsere polychrome Anwesenheit beweist, dass trotz all eurer Anstrengungen die Manipulation misslungen ist. Durch uns lacht die ganze Menschheit über euch und erklärt, dass euer Desaster nicht ihre Sache ist.“

So unfassbar es auch klingen mag, im antirassistischen Weltbild der Verteidiger Barbies ist die Feststellung von der Singularität der Shoah rassistisch. Der Barbie-Prozess wurde durch die Verteidiger Barbies laut Finkielkraut, durch „die  beispiellose Kumpanei von Repräsentanten der Dritten Welt mit einem Nazi-Folterspezialisten  zum Spottbild der Nürnberger Prozesse.“

Bereits in seinem wegweisenden Essay von 1987, der „Niederlage des Denkens“, welcher aktueller denn je ist, beginnt seine Kritik an „der Barbarei der modernen Welt“.  Johann Gottfried Herder, der mit seiner Behauptung  des „Volksgeistes“ als erster die übernationalen Werte der Aufklärung wieder auf nationale, regionale Gegebenheiten zurückführt, ist in dem Essay der Prototyp antiaufklärerischen Denkens. Der Text ist ein Rundumschlag gegen Neostrukturalisten, Identitäre, die damals noch „neue Rechte“ hießen, sowie Multikulti-Anhängern, die er „Dritte-Welt-Anhänger“ nannte. Finkielkraut wirft Ethnologen wie Lévy-Strauss, Soziologen wie Michel Foucault, antikolonialistischen Befreiungskämpfern wie Frantz Fanon, welche die „Zurückgebliebenheit“ der „primitiven Kulturen“ aufwerten, die den „Eurozentrismus“ des „weißen Mannes“ geißeln, antiaufklärerische Positionen vor. Alain Finkielkraut weist auf den Grundwiderspruch der Aufklärung hin: „Das Gebot der Toleranz gegenüber jedweden Ausdrucksformen anderer Kulturen stammt aus der Aufklärung und steht zugleich dem aufklärerischen Prinzip der Universalität des autonom denkenden Menschen entgegen.“ Finkielkraut kritisiert den Verfall des Denkens durch das „Wuchern“ des Kulturbegriffs. Damit würde das notwendige Spannungsfeld zwischen dem Respekt vor fremden Kulturen und der menschlichen Vernunft aufgehoben. Der weltweite Anspruch auf Einhaltung der Menschenrechte, den die Aufklärung formuliert und der in die Charta der Vereinten Nationen aufgenommen wurde, zerfällt. Scharf wendet sich Finkielkraut  gegen jeden Kulturrelativismus, denn die Kritik an der islamischen Ungleichheit zwischen Männern und Frauen zerstöre nicht deren Gemeinschaft, aber  die Toleranz gegenüber der Menschenverachtung der fremden Kulturen setzt ein überkommenes Denken in Begriffen der kulturellen Identität voraus. Finkielkraut kritisiert das antirassistische Weltbild, das sich selbst rassistischer Argumente bedient und das die Dimension von Auschwitz nicht verstanden hat.

Am Ende des Kapitels „Portrait des Entkolonialisierten“ schreibt Finkielkraut: „Um die erklärte Achtung der menschlichen Person in tatsächliche Anerkennung umzusetzen, haben sich die Ethnologie und mit ihr die gesamten Sozialwissenschaften an die Kritik des Geistes der Aufklärung gemacht. Um die großen humanitären Prinzipien von ihrem Formalismus, ihrer Abstraktion, ihrer Machtlosigkeit zu kurieren, unterbreitete die Leitung der American Anthropological Association schon 1947 den Vereinten Nationen den Entwurf einer Erklärung der Menschenrechte, deren erster Artikel folgendermaßen lautete: «Das Individuum verwirklicht seine Persönlichkeit durch die Kultur: die Achtung der individuellen Unterschiede erfordert demnach auch die Achtung der kulturellen Unterschiede.» Der Vorstoß war gut gemeint, doch ebenso ungeschickt wie derjenige des Bären, der dem Gärtner das Gesicht zerschmetterte, um die Fliege zu verjagen, die diesen in seinem Schlaf belästigte. Denn in dem Moment, wo man dem anderen Menschen seine Kultur zurückgibt, nimmt man ihm seine Freiheit: sein Eigenname verschwindet im Namen seiner Gemeinschaft, er ist nur noch ein Muster, der austauschbare Repräsentant einer bestimmten Klasse von Menschen. Unter dem Vorwand, ihn bedingungslos anzunehmen, verbaut man ihm jede Bewegungsfreiheit, jeden Ausweg, verbietet man ihm die Eigenständigkeit, lockt man ihn hinterhältig in die Falle seiner Andersartigkeit; man glaubt, vom abstrakten Menschen zum wirklichen Menschen überzugehen und hebt die Distanz zwischen der Person und ihrer Herkunftsgemeinschaft auf, die die Anthropologie der Aufklärung bestehen ließ und sogar zu festigen versuchte; aus Altruismus macht man den Anderen zu einem einheitlichen Block und opfert darin für dieses Gebilde die anderen in ihrer individuellen Realität. Eine solche Fremdenfreundlichkeit bringt die früheren Besitzungen Europas um die europäische Erfahrung mit der Demokratie.“

Die universellen Menschenrechte die durch die Aufklärung erkämpft wurden sollten nicht zugunsten einer „multikulturellen Gesellschaft“ aufgegeben werden. Beispielsweise die religiöse Rechtfertigung dass Frauen minderen Ranges seien ist inakzeptabel. Auch von Zugewanderten, wie von den Europäern selbst muss die Anpassung an die Aufklärung verlangt und die Menschenrechte müssten gegen mittelalterliche Religion und Aberglauben erkämpft und verteidigt werden. Die Gegenrenaissance hat viele Gesichter und sie ist verführerisch, weil sie uns „das Leben im Denken“ ersparen will.

Am Ende seines Essays schreibt Finkielkraut: „Die Barbarei hat sich zuletzt also doch der Kultur bemächtigt. Im Schatten dieses großen Wortes nehmen Intoleranz wie Infantilismus zu. Wenn die kulturelle Identität das Individuum nicht in seine Zugehörigkeit sperrt und ihm bei Strafe des Hochverrats den Zugang zu Zweifel, Ironie und Vernunft — zu allem, was es dem Schoß der Gemeinschaft entreißen könnte — verbietet, so tut dies die Freizeitindustrie, jene Schöpfung des technischen Zeitalters, die die Werke des Geistes zu Plunder (oder wie man in Amerika sagt, zu entertainment) macht. Und das „Leben mit dem Denken“ überlässt seinen Platz allmählich der schrecklichen und lächerlichen Gegenüberstellung von Fanatiker und Zombie.“

Der Multikulturalismus der die Gleichheit aller Kulturen propagiert, respektiert so gut wie alle kulturellen Bräuche ganz egal, wie reaktionär und menschenverachtend sie auch sein mögen. Laut ihrem Weltbild geht es Frauen in islamischen Gesellschaften nicht schlechter als in westlichen. Ehrenmorde werden mit Familiendramen gleichgesetzt und für den islamischen Terror wird der Westen oder die soziale Not der Terroristen verantwortlich gemacht. Für „antirassistische postkoloniale Linke“ ist die Kritik am Islam,  Kritik am islamischen Kopftuch rassistisch. So werden Frauenrechtlerinnen und Islamkritikerinen wie Alice Schwarzer, Necla Kelek, Zana Ramadani die das islamische Kopftuch als „Flagge des politischen Islams“ bezeichnen von Antirassisten des Rassismus bezichtigt.

Mitte Juni 2008 wollte der britische Historiker David Littman im Auftrag einer NGO bei einer Sitzung des Rats eine Protesterklärung zur Steinigung von Frauen und zur Verheiratung von Mädchen in Ländern, in denen die Scharia Praxis ist, verlesen. Dazu kam es nicht. Für die Vertreter der islamischen Staaten ist Kritik an der Scharia Rassismus der schlimmsten Stufe. Seither dürfen im UN-Menschenrechtsrat Religionen nicht verurteilt werden, da Kritik an Steinigungen von Frauen oder am Auspeitschen von Frauen wegen Verstößen gegen die Kleiderordnung nach Ansicht der islamischen Vertreter rassistisch ist.

Nachdem in Salzburg am 12. Januar 2020 eine Frau von drei Männern mit Migrationshintergrund überfallen, getreten, mit dem Messer bedroht und ausgeraubt wurde, gingen islamophile Antirassistinnen, für die jede Kritik am Islam ein unverzeihliches Sakrileg ist, in sozialen Netzwerken soweit das Opfer zum Täter zu machen und bezeichneten die überfallene Frau ohne jeden Beleg als „Nutte“, „Betrunkene“ oder Flittchen“, weil diese es wagte ohne Begleitung um Mitternacht über den Mirabell-Garten nach Hause zu gehen.

Als vor einigen Jahren in diversen links-alternativen Kneipen wie im Freiburger „White Rabbit“ oder im Leibziger Conne Island die Frauen, wegen sexueller Übergriffe durch Flüchtlinge  wegblieben und die entsprechenden Wirte einen Hilferuf aussendeten, warfen vermeintliche Antirassisten den links-alternativen Wirten, die nun mit der Realität konfrontiert wurden Rassismus vor und wünschen  den „jungen Männern mit Migrationshintergrund nur gutes Gelingen dabei“, „diese Inseln selbstgerechter Saturiertheit zu verwüsten“

Mit rechtlichen Mitteln versuchen mittlerweile in Frankreich islamische Organisationen  jüdische islamkritische Intellektuelle wie Alain Finkielkraut, Pascal Bruckner oder auch Georges  Bensoussan mundtot zu machen. Ihr „Vergehen“ sind vermeintliche rassistische Äußerungen. Islamischen Antirassisten, wie der ägyptische Prediger Yusuf al-Qaradawi wittern in rechtlichen Skandalen eine Chance: „Wir werden euch mit euren demokratischen Gesetzen kolonialisieren“, lässt dieser verlauten und bringt damit die Strategie eines Dschihad auf den Punkt. Dieser „juristische Dschihad“ nimmt gezielt das Rechtssystem ins Visier. Das Zauberwort ist Rassismus: Die zahlreichen, in Frankreich eingereichten Klagen beziehen sich nicht auf Beleidigung oder Blasphemie, sondern auf angeblich rassistische Äußerungen. Eine unheilvolle Phalanx aus Gläubigen und antirassistischen Aktivisten tut sich zusammen. „Eine wirksame Gegenstrategie kann nur darin bestehen, den Rechtsstaat mit Zähnen und Klauen zu verteidigen. Wer vor Keulen wie „Rassismus“ kuscht, hat schon verloren, schreibt Ute Cohen in der Jüdischen Allgemeinen.

Das antirassistische Weltbild ist geprägt von Antisemitismus, der Verharmlosung, der Relativierung oder gar der Leugnung der zumeist mittelalterlichen und grauenvollen Menschenrechtsverletzungen des politischen Islam und nicht zuletzt von wohlfeiler Heuchelei. Unterdrückte, überfallene, misshandelte oder ermordete Frauen, verfolgte Homosexuelle und diskriminierte, verfolgte oder ermordete Juden sind kaum erwähnenswerte Kollateralschäden für die postkolonialen Theoretiker. Islamische Terroranschläge wie die in Paris, in Madrid, in London oder Berlin werden entweder verharmlost oder der Islam wird davon freigesprochen. Wenn Frauen als Freiwild oder Menschen zweiter Klasse behandelt werden sprechen die ideologisch verblendeten Bauernfänger entweder von nicht erwähnenswerten Einzelfällen oder die Frauen sind selbst schuld daran, dass sie Opfer wurden. Diese Haltung der kulturalistischen Ideologen ist längst im Mainstream angekommen.

Rassismus ist eine Gesinnung nach der Menschen aufgrund äußerlicher Merkmale, wie meistens die Hautfarbe, als „Rasse“  beurteilt und meist diskriminiert werden. Solcherlei Rassismus ist fraglos scharf zu verurteilen und zu bekämpfen. Die Kritik an den Zumutungen des Islam eines Salman Rushdie oder Hamed Abdel-Samad ist wie die Kritik am Christentum eines Karl-Heinz Deschner dagegen keineswegs rassistisch, diese notwendige und mutige Kritik gehört zur Aufklärung wie das Weihwasser ins Weihwasserbecken. Der Rassismus, die Frauenverachtung und der Antisemitismus des antirassistischen Weltbildes ist wie die fehlende Empathie mit den Opfern ein Verrat an der Aufklärung.

 

Gleichzeitig in gekürzter Form veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Der islamische Gottesstaat Iran ist die größte Gefahr für den ohnehin brüchigen Weltfrieden

5. Januar 2020

Seit Wochen protestieren die Menschen im Iran gegen die dortige islamische Diktatur. Das Regime hat das Internet im Land abgeschaltet und schlägt den Aufstand mit mörderischer Gewalt nieder, auf Demonstranten wird mit scharfer Munition geschossen. Rund 1500 Protestierende wurden so bisher ermordet und Tausende wurden verletzt, ins Gefängnis geworfen und gefoltert. Die iranischen Geistlichen fordern öffentlich die Demonstranten „möglichst brutal zu quälen“ und anschließend hinzurichten und den Angehörigen der Opfer werden die Kugeln für die Ermordeten in Rechnung gestellt. Während im Iran die protestierenden Menschen gefoltert und ermordet werden unterlaufen Deutschland und die EU die Sanktionen der USA um die einträglichen Geschäfte mit den Mördern weiterhin am Laufen zu halten. Europas Politiker und mit ihnen vor allem die deutschen öffentlich-rechtlichen Medien fallen der Opposition im Iran wieder einmal in den Rücken. Wenn es um den Terror des Iran geht, dann schweigen ARD, ZDF, das Handelsblatt und die Süddeutsche Zeitung. Erst als am Freitag letzte Woche einer der mächtigsten iranischen Massenmörder des Nahen Ostens, der Chef der Al-Quds-Brigade Ghassem Soleimani von den USA in Bagdad vom Leben in den Tod befördert wurde, interessieren sich ARD und ZDF für den Iran.

Allerdings belegen die westlichen Medienberichte und die Äußerungen der europäischen Politik wieder einmal das peinliche Appeasement gegenüber dem mörderischen iranischen Steinzeit-Regime. Was Soleimani im Irak überhaupt zu suchen hatte wurde in den einseitigen Berichten kaum gefragt. Obwohl Soleimani persönlich verantwortlich ist für schwerste Kriegsverbrechen im syrischen Bürgerkrieg, für gezielte Angriffe auf Zivilisten und Krankenhäuser, für diverse Terroraktionen in der gesamten Region wird in so gut wie allen Berichten mehr oder weniger um den Vernichtungsantisemiten Soleimani getrauert, sich teilweise mit ihm solidarisiert und die Angst vor einem neuen Golfkrieg hervorgehoben. Diese politischen Kollaborateure und niederträchtigen Lohnschreiber haben offenbar kein Problem damit, dass der Iran Israel von der Landkarte löschen will und seine Bevölkerung seit über 40 Jahren terrorisiert. Nur im besten Fall haben sie sich nicht genügend mit der Geschichte und der aktuellen Politik des Irans beschäftigt.

Die Geschichte des Irans ist geprägt von Spaltungen und religiösen Konflikten. Im Jahr 1925 kam Reza Schah Pahlavi an die Macht und reformierte das Land. Die persischen Juden wurden aus dem Joch der Dhimma befreit, der Versuch wurde unternommen die Macht der Mullahs zu brechen und das Land in die Moderne zu führen. Westliche Kleidung wurde 1929 für Männer und Frauen für obligatorisch erklärt, das Tragen des Schleiers wurde verboten. Während des zweiten Weltkrieges marschierten britische und sowjetische Truppen in den Iran ein und zwangen den Schah zur Abdankung. Den Thron bestieg nun mit Billigung der Besatzungsmächte sein Sohn Mohammed Reza Schah, der bis 1979 regieren sollte. Wie nie zuvor herrschten unter Mohammed Reza Schah im Iran Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Pluralismus. Von Anfang an wurde der junge Schah von der kommunistischen Tudeh-Partei, dem Klerus, der seinen Einfluss wieder zurückgewinnen wollte, und den Nomadenstämmen bekämpft.

Am 29. April 1951 ernannte der Schah Mohammad Mossadegh zum Premierminister, nachdem am 7. März 1951 ein tödliches Attentat auf Premierminister Haj Ali Razmara begangen worden war. Bereits am 15. März 1951, hatte das Parlament das Gesetz zur Verstaatlichung der Ölförder- und Raffinerieanlagen verabschiedet. Die nationalistische und antiwestliche Wende der iranischen Politik unter Premierminister Mossadegh ging mit einer starken antisemitischen Propaganda einher, die vom schiitischen Klerus sowie von der nationalistischen und sozialistischen Bewegung Sumka ausging. Auch während späterer Perioden, speziell bei Aufruhr, wie etwa im Jahr 1963, zirkulieren antisemitische Schriften, und die Angriffe auf Juden häufen sich. In den folgenden zwei Jahren der Amtszeit Mossadeghs tobte der diplomatischer Kampf mit den Briten, die die Verstaatlichung rückgängig machen wollten. Mossadegh ließ erfolgreich das Parlament über ein Referendum auflösen um weitreichende Befugnisse als Ministerpräsident zu erhalten. Der Schah verlor die Kontrolle und floh 1953 aus dem Iran. Mossadeghs wichtigste Stütze war der damals populärste Geistliche, Ayatolla Abdul-Quasem Kashani. Der 1882 geborene Kashani gehörte zu den schillerndsten Figuren im Iran. Im 2. Weltkrieg war er Naziagent und von den Briten inhaftiert. Er war antiwestlich orientiert und propagierte die Rückkehr zur Sharia. Mit Mossadegh und Kashani war erstmals ein antiimperialistisches Bündnis an der Macht. Das Bündnis zwischen Navvab Safawi und Abdul-Kasim Kashani zerbrach. Kashani hatte Navvab Safawi als Religionsminister abgelehnt und damit die Fadayan gegen die Regierung aufgebracht. Als Mossadegh die Teheraner Verkehrsbetriebe verstaatlichen und das Frauenwahlrecht einführen wollte, zerbrach das auch Bündnis zwischen Kashani und Mossadegh. Die Religionsführer des Iran schlossen sich Kashani an und organisierten Demonstrationen gegen das Frauenwahlrecht. Aus Quom rief auch Khomeni zum Widerstand gegen Mossadegh auf. Am 19.8.1953 wurde Mossadegh gestürzt. Möglich wurde der Sturz durch den Aufstand, der von den religiösen Kräften angeführt wurde, dem zögerlichen Verhalten der Tudeh-Partei und nicht zuletzt durch die politische und finanzielle Unterstützung (Operation Ajax) der USA und Englands. Der Schah kehrte zurück und errichtete mit Unterstützung der USA eine Autokratie. Die antisemitische Propaganda unter Mossadegh endete, auch dank der Unterstützung der amerikanischen Geheimdienste.

1963 leitete der Schah die „Weiße Revolution“, ein umfangreiches Reformprogramm gegen den Widerstand der Mullahs ein. Aus einem Entwicklungsland wurde der Iran unter ihm ein aufstrebender Industriestaat. Neben einer Landreform wurde die Gleichberechtigung von Mann und Frau zum Ziel gesetzt. Frauen erhielten das aktive und passive Wahlrecht und das Familienschutzgesetz von 1967 erleichterte die Scheidung. Gegen den Widerstand klerikaler Kreise wurden über 50 Mädchenschulen gebaut. 1966 schlossen sich 55 Frauenvereinigungen zusammen, um zahlreiche Verbesserungen für die Frauen zu erreichen. Das Mindestalter für eine Heirat wurde heraufgesetzt. Für Frauen wurde es erleichtert, eine Scheidung einzureichen. Verpflichtende Unterhaltsleistungen für Frau und Kind bei Scheidung wurden eingeführt. Beim Tod des Ehegatten wurde die Sorgerechtszuweisung für gemeinsame Kinder an die Witwe verfügt. Die Abtreibung wurde legalisiert und für eine Mehr-Ehe brauchte der Mann die Zustimmung seiner Ehefrau, was die faktische Abschaffung der Mehr-Ehe bedeutete. Im Iran trugen schon bald wie in London oder Paris die Frauen Miniröcke. Der Schah ließ über sein Reformprogramm abstimmen. Viele Kleriker, allen voran Ruhollah Khomeini, lehnten trotz der überwältigenden Zustimmung der Iraner im Referendum vom 26. Januar 1963, die „Weiße Revolution“ weiter ab. Nach einer wütenden „Rede gegen den Tyrannen unserer Zeit“ von Khomeini gegen den Schah, gegen die Weiße Revolution wurde Khomeini am 5. Juni 1963 verhaftet und musste anschließend das Land verlassen. Der Schah war allerdings unfähig, das autoritäre System im Gleichschritt mit der Modernisierung zu lockern und in freiere politische Formen zu überführen.

Nach regelmäßigen Massendemonstrationen, Unruhen und Massenstreiks im Jahr 1978 ließen die USA und der Westen den Schah fallen und Ajatollah Ruhollah Khomeini kam am 1. Februar 1979 zurück aus dem Exil an die Macht. Noch im Februar wurde begonnen alle nicht-schiitischen, jüdischen, bürgerlichen, linken, marxistischen Oppositionsgruppen zu verfolgen. Nach einem Referendum im April 1979 wurde der Iran offiziell zur Islamischen Republik. Die gesamte Opposition wurde ab sofort erbarmungslos verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Auch die jüdische Minderheit bekommt die Folgen der revolutionären Welle, die Khomeini an die Macht bringt, sofort in spüren, die Rückkehr zur Dhimma war eingeleitet. Zu hunderten werden Juden in Haft genommen und meist ermordet. Selbst sein hohes Alter von 85 Jahren schützte den Schriftsteller Ali Dashti nicht, er wurde sofort verhaftet, misshandelt und gefoltert und starb an den Folgen der Folter im Jahr 1981. Am 4. November 1979 begann der „Aufstand aus dem Geist der Religion“. Am Vormittag dieses Tages brechen 400 mit Schlagstöcken und Ketten bewaffnete Khomeini-Anhänger das Tor zur amerikanischen Botschaft in Teheran auf, stürmen das Gelände und nehmen die 66 anwesenden Botschaftsmitarbeiter als Geiseln. Die 444 tägige Geiselhaft, mit Scheinerschießungen und Schlägen, dauert bis Januar 1981. Seit 1979 ist der Iran ein faschistoider islamischer Gottesstaat.

Laut Verfassung des iranischen Gottesstaates gilt, bis zur Wiederkehr des verborgenen Imans, die „Herrschaft des Rechtsgelehrten.“ Der 12. Imam, der Mahdi ist nach der Lehre der Zwölfer-Schia der letzte unmittelbare Nachkomme Mohammeds der im Jahr 874 als kleiner Junge spurlos verschwand. In der iranischen Verfassung ist festgelegt, wenn dieser „Imam“ irgendwann aus seiner Verborgenheit hervortritt wird ihm die Macht ihm Iran unverzüglich übertragen, da er die Welt von allen Übeln, also den Juden befreien wird. Staatsoberhaupt ist der „Oberste Führer“, das religiöse und politische Oberhaupt ist derzeit Ali Chamenei, der vom Expertenrat auf Lebenszeit gewählt wird. Die 86 Mitglieder des Expertenrates werden alle acht Jahre von der iranischen Bevölkerung gewählt. Zuvor prüft der Wächterrat, ob ihre Gesinnung mit der iranischen Verfassung und den islamischen Lehren übereinstimmt. Der Präsident wird alle vier Jahre vom Volk gewählt und leitet die Regierung, wobei der sogenannte Wächterrat bestimmt, ob er überhaupt zur Wahl zugelassen wird.

Gesetze werden im iranischen Parlament allein aus dem Koran und der islamischen Tradition hergeleitet. Im Iran gilt das islamische Recht, die Scharia. Die Scharia gilt als Ordnung Gottes und darf daher nicht durch menschliche Gesetze ersetzt werden. Die Frau ist im Iran wie in so gut wie allen islamischen Gesellschaften ein Mensch zweiter Klasse. So gut wie alle Reformen der „Weißen Revolution“, mit Ausnahme des Frauenwahlrechts, wurden nach 1979 rückgängig gemacht. In kaum einem anderen Land werden jedes Jahr so viele Todesurteile vollstreckt wie im Iran. Durch die kürzlich beschlossene Justizreform können Mädchen ab dem Alter von neun und Jungen ab 15 Jahren zum Tode verurteilt werden. Allein in der ersten Jahreshälfte 2015 wurden fast 700 Menschen hingerichtet und beispielsweise 2017 waren es mindestens 507. Die Gründe für die Todesurteile sind vorsätzlicher Mord, Ehebruch, Vergewaltigung, Homosexualität, Alkoholkonsum, Sodomie oder die Abkehr vom Islam. Die Hinrichtungen finden öffentlich, meistens Hängen auf Kranwagen, als auch im Geheimen, meist Erschießen, statt. Für Steinigungen gelten besondere Bestimmungen. Im Iran werden meist Frauen nach außerehelichem Geschlechtsverkehr, beispielsweise auch nach einer Vergewaltigung, zum Tod durch Steinigung hingerichtet. Per Strafgesetz, basierend auf der islamischen Scharia, werden die Frauen eingegraben und anschließend mit Steinen ermordet, dabei ist penibel die Größe der Steine und die Reihenfolge der Werfer festgelegt. Bei einer Steinigung werden Frauen bis zu den Schultern in der Erde eingegraben, Männer bis zu den Hüften. Danach werfen Männer, die im Kreis um die Hinzurichtenden stehen, Steine auf diese, bis sie tot sind.

Frauen müssen im Iran ihr Haar mit einem Kopftuch verdecken und weite Gewänder tragen, die verhindern sollen, dass sich ihre Figur darunter abzeichnet. Iranische Frauen die gegen diese Kleiderordnung verstoßen, also kein Kopftuch tragen und damit ihr Haar offen zeigen, werden im Iran zu Gefängnis oder zu Peitschenhieben verurteilt. Viele Frauen im Iran protestieren gegen diese islamische Unterdrückung, tragen den Schleier locker oder überhaupt nicht und riskieren dadurch eine archaische Bestrafung. Beispielsweise postete die Menschenrechtsanwältin Nasrin Sotudeh ein Video ihres unbedeckten Kopfes, worauf unverzüglich ihre Gefängnisstrafe verlängert wurde. Auch Verstöße im Ausland werden geahndet. Die iranische Schauspielerin Marzieh Vafamehr wurde im Jahr 2011 zu 90 Peitschenhieben und einem Jahr Gefängnis verurteilt , weil sie in einem australischen Film an mehreren Stellen mit kahlgeschorenem Kopf und ohne Kopftuch auftrat. Die Verschleierungspflicht sowie die Kleidungsvorschriften werden von der Sittenpolizei streng kontrolliert und mit Gefängnisstrafen und Verurteilungen mit Peitschenhieben durchgesetzt. Allein in der Hauptstadt Teheran werden dafür bis zu 7.000 Geheimagenten eingesetzt. Immer wieder kommt es nicht nur im Iran zu Säureanschlägen auf Frauen, wenn diese sich nicht „tugendhaft“ kleiden. Die Frauen sind dadurch oftmals ihr Leben lang entstellt. Jedes Jahr konfisziert die Verkehrspolizei im Iran tausende Fahrzeuge von Frauen, die im Auto ihr Haar nicht unter einem Kopftuch verborgen hatten. Die Autos wurden beschlagnahmt und die Fälle an die Justiz übergeben. Im Iran werden Homosexuelle unter Berufung auf das islamische Recht bedroht, gedemütigt, misshandelt und öffentlich an transportablen Baukränen hingerichtet. Das Mullah-Regime verfolgt jedes oppositionelle Denken mit grausamer Unterdrückung und Folter, Minderheiten wie die Bahai werden diskriminiert oder verfolgt.

Die Armee der Wächter der Islamischen Revolution sind die Revolutionsgarden (IRGC), deren Kommandeur aktuell Hussein Salami ist. Die Revolutionsgarden sind wirtschaftlich auf allen Gebieten aktiv und sind der größte Unternehmer des Landes. Die Revolutionsgarde unterhält eigenständige Truppenteile für Heer, Luftwaffe und Marine. Ihr Ziel ist es „abweichlerische Bewegungen“ auch weltweit im Ausland zu bekämpfen. Alleine die Marine der IRGC umfasst mindestens 20.000 Soldaten und über 3.000 Schnellboote. Mit dieser „Guerillaorganisation zur See“ kommt es immer wieder zu Angriffen auf Tanker im Golf von Oman. Im Januar 2019 kündigte Salami an: „Unsere Strategie ist es, Israel von der politischen Landkarte der Welt zu entfernen.“ Im Februar drohte er der Europäischen Union im Staatsfernsehen: „Die Raketenmacht der Islamischen Republik ist unaufhaltbar und unkontrollierbar, und wenn die Europäer sich auf irgendeine Weise verschwören sollten, uns unsere Raketenmacht wegzunehmen, dann werden wir einen strategischen Sprung machen.“ „Wir planen, Amerika, Israel und ihre Partner und Verbündeten zu brechen. Unsere Bodentruppen werden den Planeten vom Dreck ihrer Existenz reinigen“, sagte Salami bei einer am 19. Februar 2019 vom Staatsfernsehen IRINN ausgestrahlten Rede. Und weiter: „Wir werden unseren Feind brechen. Wir haben einen Plan. Wir sind organisiert und motiviert. Wir haben Vertrauen. Wir haben Märtyrertum. Wir haben Dschihad. … Wir sind nicht für diese Welt, sondern für den Dschihad geschaffen. … Wir werden sie (unsere Feinde) auf globaler Ebene bekämpfen, nicht nur an einem Ort. Unser Krieg ist kein lokaler Krieg. Wir werden die Weltmächte besiegen.“

Ayatollah Khomeini hatte bereits am 8. August 1979 den al-Quds-Tag, mit dem Ziel der Vernichtung Israels ins Leben gerufen. Seitdem demonstrieren und hetzen khomeinistische Islamisten und deren antisemitische Freunde am letzten Freitag des islamischen Fastenmonats in knapp siebzig Ländern dieser Erde für die Vernichtung des Staates Israel. Neben vielen anderen Repräsentanten des Regimes agitierte der wohl mächtigste Mann des Irans, Ali Chamenei, mehrfach vom „Krebsgeschwür Israel“. Am 3. Februar 2012 sagte er als Staatspräsident beim Freitagsgebet in der Universität Teheran: „Bald wird sich die Welt vom zionistischen Regime, diesem Krebsgeschwür, befreien. Iran wird jedem helfen, der das zionistische Regime bekämpft, so wie es schon in der Vergangenheit Hizbollah und Hamas geholfen hat.“ Bereits am 15. Dezember 2000 meinte Chamenei: „Es ist die Position des Iran, als erstes durch den Imam verkündet und viele Male von den Verantwortlichen wiederholt, dass das Krebsgeschwür, genannt Israel, aus der Region herausgerissen werden muss.“ Als Präsident Ahmadinejad im Oktober 2005 dazu aufrief, Israel von der Landkarte zu tilgen, gab es in Deutschland keine Massendemonstrationen gegen das iranische Regime, im Gegenteil man halluzinierte von einem Übersetzungsfehler.

Bei Militärparaden im Iran ist auf den Shahab-3 Raketen „Israel muss rausgerissen und aus der Geschichte getilgt werden“ zu lesen, auf allen möglichen öffentlichen Gebäuden gibt es Transparente mit der Drohung dass „Israel vom Angesicht der Erde zu tilgen“ ist. Was der Iran mit einer Atombombe vorhaben wird sagte unmissverständlich der in Europa als moderat geltende damalige iranische Präsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani anlässlich des al-Quds-Tages in Teheran am 14. Dezember 2001: „Wenn eines Tages, eines natürlich äußerst bedeutenden Tages, die islamische Welt mit Waffen ausgerüstet sein wird, über welche Israel schon heute verfügt, dann wird die imperialistische Strategie in eine Sackgasse geraten, denn die Anwendung auch nur einer Atombombe in Israel wird es vom Angesicht der Erde tilgen, während die islamische Welt lediglich Schaden erleiden wird“.

Neben den beinahe täglich veröffentlichten Vernichtungsdrohungen gegen Israel leugnen die staatlichen Organe des Irans mehrfach den Holocaust. So sagte Ahmadinedschad im August 2011: „Das zionistische Regime basiert auf vielen Enttäuschungen und Lügen, eine von ihnen war der Holocaust“. Die Holocaustleugnung verband Ahmadinedschad im libanesischen Fernsehsender al-Manar mit der Aussage, dass der Iran entschlossen sei Israel „auszulöschen“. Der Iran hält regelmäßig sogenannte Holocaust-Konferenzen ab in welchen radikale Antisemiten aller Welt eingeladen werden um den Holocaust zu „diskutieren“. Internationale „Judenkritiker“, Rechtsextremisten und Holocaustleugner wie Robert Faurisson, Horst Mahler, Herbert Schaller oder Hans Gamlich nahmen beispielsweise im Jahr 2006 daran teil.

Seinen menschenverachtenden islamistischen Zynismus bewies Mahmoud Ahmadinejad bereits während des Krieges gegen den Irak, als er 500.000 Plastikschlüssel aus Taiwan importieren ließ. Iranische Kinder ab 12 Jahren durften (mussten) die Minenfelder mit ihrem Körper, eingewickelt in Decken, räumen. Vor dem Einsatz wurde ihnen ein Plastikschlüssel aus Taiwan um den Hals gehängt, der ihnen, so die Zusicherung, die Pforte zum Paradies öffnen werde. Diese Kindermärtyrer, gehörten der von Khomeini ins Leben gerufenen Massenbewegung der Basitschi an. Die Bassitschi sind die Vorbilder der ersten Selbstmordattentäter, die in israelische Schulbusse steigen um vermeintlich ins Paradies zu gelangen. Der Kriegseinsatz der Bassidschi ist das Ursprungsverbrechen des politischen Islam: Hier hat der Kult des religiös motivierten Selbstmordattentats seinen Anfangspunkt. Die Bassidschi sind heute im Iran überall präsent und agieren in erster Linie als „Sittenpolizei“ und Schlägertrupps gegen Oppositionelle.

Der Iran versucht seine islamische Revolution mit mörderischer unbarmherziger Gewalt in den gesamten Nahen Osten und weit darüber hinaus zu exportieren, aktuell führt Teheran gleichzeitig Krieg in Syrien, Irak und im Jemen. Im Libanon gründete der Iran die Hisbollah, die „Partei Gottes“. Die islamische Terrororganisation entführt und ermordet all die „Ungläubigen“ die dem islamischen schiitischen Imperialismus entgegenstehen. Der Iran finanziert Terrororganisationen wie die Hisbollah, die Hamas um die Raketenpogrome und Terrorakte gegen Israel am Laufen zu halten. Die Hisbollah mordet auf Seiten des Assad-Regimes in Syrien und hat bereits einen Staat im Staat des Libanon erschaffen um von dort aus Israel mit Bombenterror anzugreifen. Unter dem Führer der iranischen Al-Quds-Brigaden, des Korps der islamischen Revolutionsgarden, Generalmajor Qassem Soleimani wurden so gut wie alle ausländischen Terroraktionen wie zum Beispiel im Irak, Afghanistan, Pakistan oder im Jemen koordiniert. Al-Quds ist das arabische Wort für Jerusalem, womit ursprünglich die beabsichtigte Eroberung Jerusalems gemeint war. Mit ihrem aggressiven islamischen Imperialismus ist der Iran hauptverantwortlich für die Instabilität in der gesamten Region.

Der Iran gilt als Urheber des Terroranschlages vom 18. Juli 1994 auf die jüdische Gemeinde von Buenos Aires in Argentinien, bei dem 85 Menschen ums Leben kamen und rund 300 weitere verletzt wurden. Bereits zwei Jahre zuvor ermordeten höchstwahrscheinlich wiederum iranische Gotteskrieger 29 Menschen der israelischen Botschaft. Restlos aufgeklärt wurden beide Anschläge bis heute nicht. Ebenfalls auf das Konto der Hisbollah geht der Anschlag am bulgarischen Flughafen Burgas am 18. Juli 2012 auf eine Gruppe israelischer Touristen bei dem fünf Israelis, der bulgarische Busfahrer sowie der Attentäter getötet und 35 weitere verletzt wurden. Am 17. September 1992 ermordeten im sogenannten Mykonos-Attentat, an dem der im Westen als moderat geltende Hassan Rohani als NSR-Sekretär beteiligt war, die islamische Republik in Berlin-Wilmersdorf vier iranisch-kurdische Exilpolitiker. Kurz nach dem Attentat gab Richard von Weizsäcker seiner „Hoffnung auf Vertiefung und Ausbau der guten Zusammenarbeit zwischen unseren beiden befreundeten Völkern Ausdruck.“ Unter dem „moderaten“ Präsidenten Hassan Ruhani wurden im Übrigen die Restriktionen bezüglich der Medien verschärft und die Opposition schärfer als die Jahre zuvor verfolgt, was die gestiegenen Hinrichtungszahlen außerdem belegen.

Seit den späten 1980er Jahren greift das faschistische Mullah-Regime nach der Atombombe um vor allem Israel von der Landkarte zu löschen. Deutschland und Europa tragen mit ihrer Appeasement-Politik, mit ihrem Festhalten am absurden „Iran-Deal“ und mit dem Umgehen der US-Sanktionen Mitverantwortung wenn dieser Griff zur Atombombe gelingen sollte und der Iran sein Ziel in die Tat umsetzen könnte. Deutschland und Europa fallen mit ihrer Kumpanei mit dem Terrorstaat den USA in den Arm und lassen Israel wieder einmal im Stich.

Seit jeher hat Deutschland die besten Beziehungen zu Persien oder später zum Iran. Besonders eng waren die Beziehungen zwischen 1933 und 1945. Im Jahr 1940/41 stammten 80% aller nach Iran gelieferten Maschinen aus Nazideutschland. Im August 1941 mussten britische und sowjetische Truppen mit Waffengewalt den lebensnotwendigen „persischen Korridor“ durch den, mit NS-Deutschland „verbündeten“ Iran durchsetzen. Die iranische Regierung unterstützte Angriffe und Sabotageakte auf die britischen Waffen- und Warenlieferungen, die durch den Iran an die kurz zuvor von NS-Deutschland angegriffene Sowjetunion geleitet wurden. Der ideologische Kitt zwischen Nazideutschland und dem damaligen Iran, war das gemeinsame „Ariertum“. Bereits im ersten Weltkrieg hatten einige schiitische Kleriker den deutschen Kaiser als Schutzpatron verehrt. Viele iranische „Geistliche“ sahen in Adolf Hitler die Gestalt, die von Gott als „Zwölfter Imam“ gesandt worden ist. Die guten Beziehungen blieben auch nach dem zweiten Weltkrieg bestehen.1984 hatte Hans-Dietrich Genscher als erster westlicher Außenminister dem Mullah-Regime seine Aufwartung gemacht. Seither sind die deutsche und die amerikanische Iranpolitik getrennte Wege gegangen. Während Washington sein nationales Embargo gegen die Sponsoren des Terrors immer weiter verschärfte, heizte Deutschland, dessen Diplomaten und Soldaten weder gekidnappt noch in die Luft gesprengt wurden, den Iranhandel mit immer großzügigeren Hermes-Bürgschaften an. Die rot-grüne Regierung setzte diese Politik nahtlos fort, steigerte sie sogar und die Große Koalition weicht bis heute nicht von diesem Kurs ab. Am 11. Februar 2019 betonte auch der Bundespräsident von der SPD, Frank-Walter Steinmeier in seinem Telegramm an die Mullah-Diktatur: „Die bilateralen Beziehungen unserer Länder sind traditionell eng und bauen auf einer breiten Grundlage auf.“ Wie „breit“ diese Grundlage ist haben die letzten 40 Jahre gezeigt.

Der Top-Terrorist Qassem Soleimani ist hauptverantwortlich für den iranischen Terror außerhalb des Irans, er ordnete unzählige Terrorattacken weltweit an, darunter auch Mordanschläge auf iranische Dissidenten in Europa, er ließ unter anderem jüdische Einrichtungen in Deutschland ausspähen, denn Irans Agenten planten Anschläge auf jüdische Kindergärten in Deutschland. Am Wochenende twitterte Heiko Maas tief bestürzt über Soleimanis Tod, dass die „ganze Region in Brand“ gerate, als sei der Nahe Osten nicht schon längst von Soleimani in Brand gesteckt. Während Heiko Maas und die Politikerklasse in Europa trauern, jubelt die iranische Oppositionsbewegung, die auch gegen die Terrorfinanzierung des Regimes protestierte. Die Hisbollah hat laut Verfassungsschutz rund 1.000 Mitglieder alleine in Deutschland, aber Heiko Maas und Co. weigern sich bis heute die Terrororganisation zu verbieten. Es wird Zeit dass sich die europäischen Regierungen, die europäischen Medien, die europäischen Linken und die europäischen „Friedenskämpfer“ auf die Seite der demonstrierenden iranischen Bevölkerung, auf die Seite des bedrohten Israel und der handelnden USA stellt und die Kumpanei mit dem iranischen islam-faschistischen Regime endlich aufgibt, ein faschistisches Regime das ernsthaft an die Wiederankunft des „Zwölften Imam“ glaubt und täglich seinen „Erlösungsantisemitismus“ offen zelebriert. Deutschland und Europa sollten nicht länger schweigen und endlich sagen was endlich gesagt werden muss. Donald Trump hat den Anfang gemacht, wir sollten ihn zumindest politisch und moralisch unterstützen. Wir sollten bereit sein Donald Trump hochleben zu lassen, Heiko Maas, Klaus Kleber und Co. zwingen uns dazu.

Quellen: Ulrike Marz – Kritik des islamischen Antisemitismus, Zur gesellschaftlichen Genese und Semantik des Antisemitismus in der islamsichen Republik Iran | Matthias Küntzel – Die Deutschen und der Iran | Stephan Grigat Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer | Joshua Teitelbaum – Die iranische Führung in ihren eigenen Worten über die Vernichtung Israels | Nathan Weinstock – Der zerrissene Faden: Wie die arabische Welt ihre Juden verlor | Monika Gronke – Geschichte Irans: Von der Islamisierung bis zur Gegenwart | Stefan Frank – Irans Revolutionsgarden: Terroristen zur See

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Update 12.1.20: Während der Iran am 8. Januar  2020 Raketen auf amerikanische Stützpunkte abfeuerte schossen die Mullahs auch ein ukrainisches Passagierflugzeug mit einer Boden-Luft-Rakete  in der Nähe von Teheran ab und ermordeten so weitere 176 Menschen.  Nachdem die iranischen Mörder es tagelang bestritten haben, räumen sie am 11. Januar um vier Uhr ein die Passagiermaschine abgeschossen zu haben. Seitdem gehen viele Iraner trotz Lebensgefahr wieder auf die Straßen um gegen die Lügner zu protestieren.

Hermann L. Gremliza ist tot

1. Januar 2020

Geboren wurde Hermann L. Gremliza am 20. November 1940 in Köln, aufgewachsen ist er in der Nähe von Stuttgart, der Vater arbeitete in hoher Position bei Daimler-Benz. Gremliza studierte in Tübingen und Berlin und ging danach als Redakteur zum Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Mit „zu großer Arroganz“ und Zielstrebigkeit wurde er bald leitender Redakteur. Gremliza initiierte mit anderen Redakteuren 1971 den großen „Spiegel“-Streik bei dem es um Mitbestimmung und Mitarbeiterbeteiligung ging. Von der Abfindung, die ihm Rudolf Augstein zahlen musste, kaufte er 1974 die linke Monatszeitschrift „Konkret“.

Jedes Heft war von nun an geprägt von Gremlizas Kolumne, die so gut wie immer den Leser zum Nachdenken und zum Diskutieren anregte und am Ende des Heftes gab es den „Gremlizas Express“, in dem die Stilblüten der bürgerlichen Presse schonungslos offengelegt wurden. Gremliza schrieb einige Bücher mit vielsagenden Titeln wie zum Beispiel: „Wie Hannelore Kohl die Russen bezauberte“ und er war Wallraffs Ghostwriter für sein Buch „Der Aufmacher“. In Konkret kamen sehr viele Autoren aus so gut wie allen Spektren der Linken und weit darüber hinaus zu Wort, aber auch Politiker und Funktionäre aus ideologisch völlig anderen Zusammenhängen. Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, dem FDP-Mitglied Ignatz Bubis, hatte Gremliza freundschaftlichen Kontakt und beide einte der Hass auf alles Antisemitische.

Der große Verdienst von Konkret und Hermann L. Gremliza war das Sichtbarmachen des linken Antisemitismus und die proisraelische Haltung, die es bis dahin in einer linken Zeitung nicht gab. Durch Konkret vor allem in den Jahren 1990 bis 2010 hat die Israelfeindschaft innerhalb der Linken ihre Unschuld verloren, was naturgemäß die Feindschaft der stalinistischen und antiimperialistischen Linken nach sich zog.

In Konkret schrieben unter vielen anderen humanistischen Autoren Dan Schueftan, der stellvertretender Direktor des Zentrums für Nationale Sicherheit an der Universität Haifa, israelsolidarische Publizisten wie Stephan Grigat, Eike Geisel, Alex Feuerherdt, Stefan Frank, Matthias Küntzel, Yaacov Lozowick oder Wolfgang Pohrt (5.5.1945 – 21.12.18). Im Jahr 1991 wurde beispielsweise der Essay von Jean Améry „Der ehrbare Antisemitismus“ abgedruckt und im September 2006 wurde das Buch vom Archivdirektor der Gedenkstätte Yad Vashem, Yaacov Lozowick über Israels Existenzkampf vorgestellt. Matthias Künzel schrieb einige Artikel in Konkret über den islamischen Dschihad und die Gefahren die vom Gottesstaat Iran ausgehen.

Während des Golfkrieges 1991 kam es zu antiamerikanischen Demonstrationen der Friedensbewegung. Die „Friedenskämpfer“ erinnerten mit Transparenten an die Bombennächte von Dresden, während die Bedrohung Israels durch mit deutschem Giftgas bestückten Mittelstreckenraketen kaum thematisiert wurde. Kein „Blut für Öl“ und „Heute Bagdad, gestern Dresden“ war auf den Plakaten der überwiegend linken Demonstranten zu lesen. Deutschland finanzierte den amerikanischen Krieg gegen Saddam Hussein, hatte jedoch zuvor den Irak durch massive technologische Unterstützung geholfen die Reichweite seiner Scud-Raketen zu erhöhen. Deutsche Firmen verhalfen mit Duldung der Bundesregierungen über Jahre dem Irak zu einer eigenen Giftgasproduktion. Dieses Giftgas setzte Hussein bereits drei Jahre zuvor gegen aufständische Kurden im Norden Iraks ein. Obwohl Israel nicht an diesem Krieg beteiligt war feuerte Hussein Scud-Raketen auf Israel ab, viele Raketen schlugen in israelischen Städten ein, wodurch israelische Zivilisten verletzt und getötet wurden. Hussein drohte Israel mit Giftgas auslöschen zu wollen. In Konkret 03/91 schrieb dazu Wolfgang Pohrt: “ …Diesmal hingegen steht etwas auf dem Spiel, unter anderem die Existenz des Staates Israel, und eine Neuauflage der Friedensbewegung bedeutet nun, dass die hiesige Linke im weitesten und im engen Sinn wirklich für alle Zeiten moralisch erledigt ist. Deutlicher gesagt: Verglichen mit der PDS ist der CIA eine hochmoralische Anstalt. Kein lustiger Brief also, eben (27.1. 17.00 Uhr) meldet Bagdad, dass es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, eine Absicht, die Israel gegebenenfalls hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen wird. …“

In derselben Konkret-Ausgabe schrieb Hermann L. Gremliza zum Irakkrieg: “Das Richtige aber, das hier hoffentlich getan wird, darf nicht gesagt werden: dass der Irak der Fähigkeit beraubt werden muss, Israel – wie von Saddam angekündigt – anzugreifen und zu liquidieren. Würde dieser einzig vertretbare Kriegsgrund genannt, liefe jenes Gesocks, welches die arabischen Vertreter der alliierten Weltmoral darstellen, sofort auseinander oder zu Saddam über. Dass die USA tagtäglich die israelische Regierung anweisen, die irakischen Angriffe nicht zu erwidern, und die europäischen Alliierten Israel tagtäglich dafür loben, dass es diese Anweisung befolgt, weil sonst das ganze schöne Bündnis mit den Saudis, den Mubaraks und den Assads zerbreche, lässt freilich auch bei einem Betrachter, der Politik nicht in der Selbsterfahrungsgruppe gelernt hat, Zweifel aufkommen, ob die USA und ihre europäischen Alliierten unter allen Umständen am richtigen Zweck ihres Krieges festhalten werden oder schon heute mit dem Preis spekulieren, zu welchem sie Israel morgen an ihre arabischen Alliierten verkaufen würden. …“

Christian Ströbele, von den Grünen hatte dagegen erklärt: „Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels“ Auf die Frage ob denn Israel selber schuld sei, es mit Raketen beschossen wird, antwortete Ströbele: „Das ist die Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber, auch dem Irak gegenüber.“ Ströbeles Position wurde weitgehend von vielen antizionistischen Linken geteilt. Wegen seiner antisemitischen Hetze verlor Ströbele allerdings seinen Sprecherposten bei den Grünen. Wolfgang Pohrt und Hermann L. Gremliza wurden von ewig gestrigen Autoren wie Jutta Ditfurth und vielen prominenten antiimperialistischen Linken wegen ihrer porisraelischen und pro-amerikansichen Haltung massiv attackiert. Ditfurth und andere schrieben nicht mehr in Konkret und über Nacht verlor die Zeitschrift hunderte von Abonnenten.

Ein paar Jahre zuvor warnte Wolfgang Pohrt vor linken Weltfriedensrichtern wie folgt: „Vormundschaft und Sorgerecht für das Opfer werden dem Täter zugesprochen. Mit den Verbrechen, die Deutschland an den Juden und an der Menschheit beging, hat es sich eigenem Selbstverständnis gemäß das Vorrecht, die Auszeichnung und die Ehre erworben, fortan besondere Verantwortung zu tragen. Der Massenmord an den Juden verpflichte, so meint man, Deutschland dazu, Israel mit Lob und Tadel moralisch beizustehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde. Zwei angezettelte Weltkriege böten, so meint man weiter, die besten Startbedingungen, wenn es um den ersten Platz unter den Weltfriedensrichtern und Weltfriedensstiftern geht — frei nach der jesuitischen Devise, dass nur ein großer Sünder das Zeug zum großen Moralisten habe“

Konkret blieb seiner proisraelischen Linie treu, so schrieb Gremliza beispielsweise 2006: „So schwer es dem Freund des Friedens fallen mag, das zu begreifen: Israel führt nicht Krieg, wie die Deutschen ihre Kriege geführt haben und führen, nicht um Raum für ihr Volk ohne Raum, um den Zugriff auf Rohstoffe oder um weltpolitische Bedeutung. Israel führt Krieg, um den Juden, die der Hass der Völker nach Palästina getrieben hat, endlich ein Leben in Sicherheit zu bieten. Die Juden versuchen nicht, andere unter ihre Herrschaft zu zwingen oder zu ihrem Gott zu bekehren. Sie versuchen, sich zu retten.“

In „Allahs willige Vollstrecker“ schrieb Gremliza in seiner Kolumne im Jahr 2004 über die „dreihundertneununddreißig Toten, viele von Freiheitskämpfern in den Rücken geschossene Kinder“, den Anschlag von Islamisten in Beslan: „Dreimal täglich wie die Muezzine vom Minarett riefen die Meinungsmacher ihre Landsleute auf, um Himmels willen nicht dem Islam anzulasten, was sie da auf dem Bildschirm gesehen hatten. Der Islam, der wahre Islam, sei etwas ganz anderes als dieser falsche, fanatische, der Islamismus, von dessen Taten man nicht auf die Gemeinschaft aller an Allah Gläubigen schließen dürfe. Wie es aber kommt, daß die Taten der Islamisten bei den geistlichen wie den politischen Führern des guten Islam so gut wie keinen Widerspruch finden, sagten sie nicht. Das ist verständlich, denn guter und böser Islam sind keine Unterscheidung, sondern eine Unterstellung. Als jüngst Israels Luftwaffe bei einem Angriff auf ein Trainingslager der Hamas 14 Kämpfer dieser von den Freunden des guten Islam dem bösen Islamismus zugerechneten Truppe beim Einüben des Judenmords tötete, nannte der palästinensische Ministerpräsident Kurei dies ein »nicht zu akzeptierendes Verbrechen« und eine Antwort der Hamas darauf »gerechtfertigt«. Was immer Allahs Gläubige nämlich sonst trennen mag, es eint sie die Überzeugung, daß man mit Ungläubigen machen darf, was man will. Es liegt also durchaus so falsch nicht, wer den Terroranschlag auf die Schule in Beslan als kaukasischen Kopftuchstreit versteht. Allahs willige Vollstrecker, Chatami wie Mohammed Atta, die Taliban wie der Al-Aksa-Brigadier, sind nicht vom Himmel gefallen.“ Auch Gremlizas fundamentale Kritik am Islam brachte seiner Konkret viele Kündigungen.

Im Juni 2010 informierte ich Herman L. Gremliza und Stefan Frank über die antisemitischen Umtriebe in Jakob Augsteins Freitag. Stefan Frank schrieb mir: “Was Sie schreiben, ist alles sehr richtig, und Ihr Kampf gegen den Antisemitismus sehr wichtig, insbesondere, weil sie die Gefechte ins Hinterland des Feindes tragen. Nun wundere ich mich allerdings, dass Sie sich darüber zu wundern scheinen, dass der Feind sich das nicht länger bieten lassen will.“ Am 29.6.2010 antwortete mir Hermann L. Gremliza: (..) zurück von einer fernen Insel schnell einen Gruß, mit dem ich mich Stefan Franks Antwort anschließe. Wer mit Paech oder Watzal diskutieren will, soll es tun. Ich geh solange Sarah Silverman gucken. Ihr Gremliza“

Spätestens ab 2014 merkte man dem Herausgeber von Konkret seine schwere Krankheit in seinen Texten und in der Auswahl der in Konkret veröffentlichten Texte an. Einer dieser Tiefpunkte war ein Artikel von Bernhard Torsch in Konkret. Im Oktober veröffentlichte das Plenum des alternativen Kulturzentrums Conne Island in Leipzig eine Erklärung, in der es sich mit den gehäuften sexuellen Übergriffen durch überwiegend Flüchtlinge auseinandersetzt und offenbart das Scheitern ihres Versuches, sich „der Welle der Willkommenskultur“ anzuschließen. In Konkret 12/2016 bezichtigt der Konkret-Autor Bernhard Torsch das links-alternative Conne Island deshalb des Rassismus und wünschte den „jungen Männern mit Migrationshintergrund nur gutes Gelingen dabei“, „diese Inseln selbstgerechter Saturiertheit zu verwüsten“

Einige ähnliche Ungeheuerlichkeiten in Konkret der letzten Jahre verursachten unliebsame Kratzer und Beulen an Gremlizas Lebenswerk, seine Verdienste gegen linken Antisemitismus in seinen jahrzehntelangen Glanzzeiten machen ihn wie Wolfgang Pohrt trotz alledem unsterblich. Am 20. Dezember ist Hermann L. Gremliza nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren verstorben.

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Die braunen Wurzeln der Grünen

21. Dezember 2019

Mehmet Scholl war einer der intelligentesten und humorvollsten Fußballspieler des FC Bayern München auf und neben dem Fußballplatz. „Wenn ich in den Spiegel schaue, sehe ich 67 Kilo geballte Erotik“, sagte er 1993 in einem Interview mit der FAZ und wenig später antwortete er auf die Frage nach seinem Lebensmotto: „Hängt die Grünen, so lange es noch Bäume gibt!“

Die Empörung war groß. Ein Politiker der Grünen übersah wie die Partei den paradoxen Hintersinn, die Dialektik der Aussage und erstatte Anzeige wegen Volksverhetzung und „Aufruf zum Mord“. Der bayrische Landesverband der Grünen forderte Bayern München auf, sofort alle Jahrbücher aus dem Verkehr zu ziehen oder jedem Exemplar ein Entschuldigungsschreiben beizulegen. Gegen eine Zahlung von 15.000 Mark für einen wohltätigen Zweck wurde das peinliche Verfahren eingestellt. Auf die Frage welche Partei er wählen wird sagte Scholl, er wird die Grünen wählen: „Ich kann sie ja nicht hängen lassen.“ Mehmet Scholl ist zuzutrauen bereits damals die Wurzeln der Grünen gekannt zu haben.

Die Umweltbewegung startete Ende des 19. Jahrhunderts als Lebensreformbewegung in Deutschland, die rasante Industrialisierung war Auslöser und Motor dieser Bewegung.  Die Entwicklungen der Moderne wurden in dieser Bewegung als Verfallserscheinungen angesehen und eine “Erlösung” versprachen sich die überwiegend völkischen, antisemitischen und eugenischen Esoteriker mit ihren “Reformen”. Die Lebensreformbewegung propagierte ein einfaches, natürliches Leben mit gesunder Ernährung, frischer Luft und Bewegung, statt Erotik eine nordische Freikörperkultur plus Rassenhygiene und Eugenik, einer Menschenzucht, die sich am Ideal blond, groß, muskulös orientierte. Ihr angeblicher dritter Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus beinhaltete einen agrarisch-handwerk­lichen “fairen” Kleinkapitalismus, vor­zugsweise in ländlichen Siedlungen und mit zinsfreiem Geld. Die Ernährungsreform, Landkommunen, die Gartenstadtbewegung, die Anthroposophie von Rudolf Steiner (1861-1925), Silvio Gesells Freiland- und Freigeldlehre sowie die Reformpädagogik  waren weitere wichtige Bereiche der Lebensreform. Rudolf Steiners “völkische Revolution”, war durchtränkt von Antihumanismus, Irrationalität, Rassismus und Antisemitismus. Er gab einflussreiche Anregungen für die Waldorfpädagogik, die anthroposophische Architektur,  Medizin,  sowie für die biologisch-dynamische Landwirtschaft. In Silvio Gesells (1862-1930)   Hauptwerk “Die natürliche Wirtschaftsordnung”  versprach der Zinskritiker, der in „gutes schaffendes“ und „böses raffendes Kapital“ unterschied,  die Lösung der kapitalistischen Widersprüche.

Die Lebensreformbewegung lieferte den Nazis nicht nur Ideen sondern auch Personal. Der führende NS-Rassenhygieniker Alfred Ploetz kam aus der Lebensreformbewegung, der Eugeniker und Antisemit Theodor Fritsch engagierte sich in der Gartenstadt-Bewegung. Der Landschaftsarchitekt Alwin Seifert  sorgte als „Reichslandschaftsanwalt“ dafür, dass die Seitenstreifen der neuen Autobahnen mit heimischen Bäumen bepflanzt wurden. Steppenlandschaften bezeichnete er als „undeutsch“ und forderte, von der Wehrmacht die im Osten eroberten Gebiete mittels Feldhecken „einzudeutschen“. Außerdem war Seifert für den Kräutergarten der SS im KZ Dachau beteiligt, in dem biologisch-dynamische Anbaumethoden getestet wurden. Seifert wurde nach dem Krieg Ehrenvorsitzender des Bundes Naturschutz. Der „grüne Flügel“ in der NSDAP  um Walther Darré und Alwin Seifert  schwärmte für regenerative Energien, alternative Heilkunst und biologische Landwirtschaft. Landwirtschaftsminister Walther Darré kooperierte mit Demeter, Weleda und den anthroposophischen, biologisch-dynamischen Landwirten. Die Artamanen innerhalb der NSDAP verbanden den völkischen Okkultismus der Ariosophie mit der Naturschwärmerei der Lebensreform, den Ideen der Naturschutzbewegung und dem Kulturpessimismus Oswald Spenglers. Sie verherrlichten die Bauern als die einzigen “organischen Menschen” und predigten die Abkehr von der “internationalen Asphaltkultur der Großstädte”.

Eine zweite Wurzel der Umweltbewegung ist die Esoterik, die seit Ende der 1960er Jahre  Westeuropa erreichte und seitdem unaufhörlich boomt. Unter dem Begriff New Age prophezeien allerlei Esoteriker ein „Neues Zeitalter“, in dem kosmische, göttliche Gesetze unser Leben regeln. Ein führender Ideologe der Öko-Esoterik war beispielsweise Rainer Langhans oder Dieter Duhm und bei den Anthroposophen Christoph Strawe. Beispielsweise versuchte die Öko-Sekte ZEGG mit ihrem Chefideologen Dieter Duhm, Ex-Sozialist und Aktivist der 68er-Studentenbewegung mit ökologischen Themen Anhänger zu rekrutieren und bezeichnete sich als „Forschungsstätte für ökologischen Humanismus“. Das Ziel sei „ein neues Konzept des Zusammenlebens und ein nettes Konzept der Liebe zu entwickeln“. Rassismus und die als „Ökokatastrophe“ bezeichnete Verschlechterung der Umweltbedingungen sind für die ZEGG ein Ergebnis der Unterdrückung der Sexualität. In den 1970er Jahren gab es eine Pädophilenbewegung die eine Senkung der Schutzaltersgrenzen für einvernehmliche pädosexuelle Kontakte forderte. So verwunderte eine Passage im Wahlprogramm der Alternativen Liste Berlin von 1981 nicht, im dem gefordert wurde sexuelle Handlungen mit Kindern nur dann zu bestrafen, wenn Gewalt angewendet oder ein Abhängigkeitsverhältnis ausgenutzt wird. Von Nostradamos, den Sonnentemplern, den Zeugen Jehovas über Helena Petrovna Blavatsky, der Tiefenökologie bis zu den Zeugen Greta Thunbergs ist es nicht weit.

In den Wirtschaftswunderjahren der Nachkriegszeit war der Naturschutz eher randständig, erst in den 1970er Jahren entstanden tausende von Bürgerinitiativen, wie beispielsweise die Anti-AKW-Bewegung. 1977 kam es zu einer „Beratungskonferenz“ unter anderem mit dem „Nazi-Journalisten“ August Haußleiter, Anthroposophen wie Joseph Beuys oder Leuten wie Rudi Dutschke im anthroposophischen Zentrum in Achberg bei Ravensburg, um Chancen einer Kooperation von „rechten“ und „linken“ Umweltschützern auszuloten. Gegründet wurden die Grünen schließlich 1980 in Karlsruhe, von überwiegend rechten Gruppen, die ihre Wurzeln in der Lebensreformbewegung hatten. In Baden-Württemberg mischte zudem der wichtigste Ideologe und Begründer der sogenannten Neuen Rechten, Henning Eichberg kräftig mit. Die ökosozialistische Fraktion, die sich aus den sogenannten K-Gruppen rekrutierte, hatten marxistische wirtschaftspolitische Forderungen. Diese Linken hatten bis dahin in Großstädten wie Berlin, Hamburg, München oder Freiburg eigene bunte und alternative Listen aufgebaut. August Haußleiter, der auf dem Saarbrücker Parteitag 1980 zu einem von drei gleichberechtigten Vorsitzenden gewählt wurde, war nach dem Krieg in der rechten Splitterpartei „Deutsche Gemeinschaft“ und nannte die Nürnberger Prozesse „das dümmste und infamste aller Strafgerichte“ und warf den Alliierten vor, die Konzentrationslager weiter zu benutzen. Während Leute wie Haußleiter für die Aufnahme der linken Listen plädierte, bekämpfte die Fraktion um die Rechtsaußen Herbert Gruhl und den Biobauern Baldur Springmann,  einem ehemaligen NSDAP-Mitglied dies vergeblich, so gelang bei der Bundestagswahl 1983 erstmals der Einzug in den Bundestag. Herbert Gruhl erlangte bereits 1975 mit seinem Buch  Ein „Planet wird geplündert größere Bekanntheit. So sind die Grünen aus linken und rechten Ruinen auferstanden.

Die Grünen waren von Anfang an eine elitäre Partei, eine Partei der überwiegend Besserverdienenden, die sich nur vordergründig für humane Werte, wie Gleichberechtigung der Frau, Aufklärung, Menschenrechte oder Religionskritik einsetzte.  Nur in ihrer Anfangszeit, in der Opposition setzen sich die Grünen, zumindest scheinbar für antiautoritäre Basisdemokratie, Pazifismus und Frauenrechte ein. Spätestens als die Grünen 1998 in der Regierung ankamen, zeigten sie ihren bedingungslosen Willen zur Macht und ihr vermeintlicher Umweltschutz wird seither zumeist auf Kosten der sozial Schwachen gefordert. Die aktuelle Diskussion um die Pendlerpauschale im Zusammenhang mit der CO2-Bepreisung belegt diesen Umstand  eindrucksvoll. Nicht zufällig wurde unter der rot-grünen Regierung Hartz IV eingeführt, Millionen Menschen die ihre Leben lang in die Arbeitslosenversicherung einbezahlt haben gingen in die Armut um nur ein weiteres Beispiel zu nennen.

Unter dem Beifall von CDU und FDP führten die „pazifistischen“ Grünen mit der SPD den ersten Angriffskrieg Deutschlands nach 1945. Am 24.03.1999 führte die rot-grüne Regierung den Unrechtskrieg gegen Jugoslawien, unter Missachtung des Grundgesetzes, des Völkerrechts, der Genfer Konvention, des Nato-Vertrages und gegen die 2+4- Verträge. Der Außenminister der Partei „Die Grünen“, Joschka Fischer, begründete diesen Krieg mit Auschwitz! Weil das nationalsozialistische Deutschland in Auschwitz sechs Millionen Juden fabrikmäßig ermordete, war man nun scheinbar gezwungen zum dritten Male im 20. Jahrhundert Serbien zu überfallen und in Schutt und Asche legen. Die deutschen Tornados flogen in knapp drei Monaten 390 Einsätze und schossen 244 Harm-Raketen ab. Im Verbund mit amerikanischen und britischen Bombern ermordeten Schröders, Scharpings und  Fischers Soldaten Kinder in Schulbussen, bombten auf zivile Ziele, auf Produktionsstätten von Autos, Kühlschränken oder auf die chinesische Botschaft um die faschistische albanische UCK zu unterstützen. Die grün dominierte Friedensbewegung protestierte kaum gegen die 78-tägige Jugoslawienbombardierung. Während Politiker der Grünen den Einmarsch der Sowjetunion 1979 in Afghanistan massiv verurteilten, nichts gegen die islamistischen „Freiheitskämpfer“ um Gulbuddin Hekmatyar und Osama Bin Laden und ihre Terrorangriffen auf afghanische Schulen und Krankenhäuser von sich gaben, beschlossen dieselben grünen Politiker im Jahr 2001 mit Gerhard Schröder deutsche Soldaten in den Krieg gegen die Taliban nach Afghanistan zu schicken.

Während sich grüne PolitikerInnen für gendergerechte Sprache, für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, für die Gleichberechtigung von Mann und Frau einsetzen, scheint sie die Ungleichbehandlung von Mann und Frau in islamisch geprägten Gesellschaften nicht zu tangieren. So meinte Claudia Roth am 8. Januar 2016 nach der Frauenjagt in Köln an Sylvester 2015: „Es gibt auch im Karneval oder auf dem Oktoberfest immer wieder sexualisierte Gewalt gegen Frauen. Ein großer Teil der derzeitigen Empörung richtet sich aber nicht gegen sexualisierte Gewalt, sondern auf die Aussagen, dass die potenziellen Täter nordafrikanisch und arabisch aussehen.“ Die grünen Tabuisierungen und Verharmlosungen bezüglich der Zumutungen des Islam, vor allem des islamischen Terrors, spätestens seit dem 11. September 2001 würden ganze Bücherschränke füllen. 

Die Grünen haben vermutlich wegen ihrer Wurzeln ein größeres Antisemitismusproblem. Das fanatische Festhalten der Grünen am sogenannten Iran-Deal ist kein Zufall. Als der Irak 1990 tödliche Scud-Raketen auf Israel abfeuerte und Bagdad vermeldete, dass es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, meinte der antiimperialistische Grüne Christian Ströbele: „Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels“ und auf die Frage ob denn  Israel selber schuld sei, dass es mit Raketen beschossen wird, antwortete Ströbele: „Das ist die Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber, auch dem Irak gegenüber.“  Nachdem Ströbele deshalb zurücktreten musste, solidarisierte sich Jutta Ditfurth unverzüglich mit Ströbele und meint wie er, die Juden sind selbst schuld am Antisemitismus. Stöbeles Partner Dieter Kunzelmann war von 1983 bis 1985 Abgeordneter der Alternativen Liste in Berlin, er steht beispielgebend für den Antisemitismus der Grünen. So reiste Kunzelmann mit seinen Berliner Tupamaros 1969 in die jordanischen Ausbildungslager der Judenmörder von der Fatah. In seinem „Brief aus Amman“ forderte er „die verzweifelten Todeskommandos“ der Palästinenser durch „besser organisierte zielgerichtete Kommandos zu ersetzen, die von uns selbst durchgeführt werden“. Die vermeintliche Tatenlosigkeit deutscher Linker führte Kunzelmann auf ihren „Judenknax“ zurück. Im Auftrag von Dieter Kunzelmann legte Albert Fichter am 9. November 1969 eine Bombe in das Jüdische Gemeindehaus in Berlin. In der folgenden Nacht werden antifaschistische Denkmäler in der Stadt mit den Worten „Schalom Napalm Al Fatah“ beschmiert. Die Liste der frauenfeindlichen, antisemitischen und teilweise  gegen die eigenen Grundsätze gekehrten Aussagen ist beinahe unendlich und würde hier jeden Rahmen sprengen.

Wenn man dies alles beiseitelässt, die aktuell beinahe religiös anmutende Hysterie der grünen Endzeit-Apokalyptiker kurzzeitig vergisst, dann sollten die Verdienste der Grünen nicht unerwähnt bleiben. Die Grünen haben zweifellos das Umweltbewusstsein aller Parteien und der Zivilgesellschaft geschärft. 1980 bedrohte der saure Regen den Wald, im Rhein gab es größtenteils kein Leben mehr, Firmen wie Bayer in Leverkusen vergifteten die Flüsse mit ihren giftigen Chemikalien beinahe unkontrolliert, im Ruhrgebiet konnte man keine weiße Wäsche aufhängen weil sie ein paar Stunden später schwarz gewesen wäre und rund 50 Prozent der Weltbevölkerung hungerte. Viele dieser Probleme wurden nach 1980 endlich von der Politik angegangen und entweder gelöst oder zumindest gemindert.  Abgasfilter für Autos und Fabrikkamine wurden vorgeschrieben und strengere Wasserkontrollen eingeführt. Der Ausstieg aus der Kernkraft ist beschlossen und der Ausstieg aus der Kohle ist nicht mehr aufzuhalten und das ist sehr gut so. Das Problem der Endlagerung der radioaktiven Abfälle ist unlösbar, niemand will in der Nähe seines Wohnortes ein atomares Endlager, Radioaktivität ist gesundheitsschädlich oder tödlich und Atomkraftwerke sind in Zeiten islamischen Terrors unkalkulierbare Risiken. Am Widerstand gegen die geplante Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und dem damit verbundenen Einstieg in die Plutoniumwirtschaft hatten die Grünen massiven Anteil. So haben die Grünen schon den ein oder anderen Erfolg zu verbuchen und nicht zuletzt hatten die Grünen den besten Politiker, der jemals in den Bundestag gewählt wurde, den Oberbayern Hias Kreuzeder in ihren Reihen:

Bei der Bundestagswahl 1987 zog neben Otto Schily der Paradebayer, der „anarchistische“ Biobauer aus Freilassing, der Che Guevara aus Oberbayern Hias Kreuzeder für die Grünen in den Bundestag ein. Zur konstituierenden Sitzung erschien er in Lederhose, in seiner Messertasche steckte der obligatorische Hirschfänger. Unvergessen seine erste Rede im Bundestag. Der „Oskar Maria Graf“ des Bundestages sprach rücksichtslos bairisch ohne sich anzupassen. Kaum einer der Abgeordneten verstand ein Wort, worauf ihn die Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger Kreuzeder unterbrach und ihn bat hochdeutsch zu sprechen. Es sei ja nicht seine Schuld, konterte Kreuzeder, wenn einige im hohen Haus Bildungslücken hätten. „I versteh euer Preißisch ja aa“, meinte der Hias und setzte ohne mit der Wimper zu zucken seine Rede in dem bairisch fort wie wir es in Oberbayern sprechen. In seiner Zeit als Parlamentarier hat der Freilassinger über 170.000 Mark gespendet, für sich selbst hat er pro Monat 3000 Mark behalten. Er hat sich immer geschämt für solch eine Arbeit so viel Geld zu bekommen. 1988 besuchte eine russische Delegation die Bundesrepublik. Kreuzeder nahm  am offiziellen Empfang von Martin Bangemann teil und brüskiert mit seiner Rede alle Anwesenden: „Glauben Sie ja den schönen Worten nicht, die Sie gerade gehört haben“, warnt er die erstaunten Gäste, „in Wirklichkeit will die deutsche Industrie Ihr Land bis auf die Socken ausziehen.“ Dann verließ er den Saal. Die Russen eilten ihm nach und baten um Aufklärung, wie habe er das gemeint wurde er gefragt. Wie ich es gesagt habe, entgegnete der Hias. Am 24. Februar dieses Jahres ist der Hias Kreuzeder 70 Jahre alt geworden, die Fahne von Che Guevara mit dem Motto „Kämpfen bis zum Sieg“ hängt noch immer an seinem Gartenzaun. Bei den Grünen ist er sehr schnell ausgetreten, Matthias Kreuzeder engagiert sich noch immer für die russischen Biobauern und ihre dortigen kleinbäuerlichen Strukturen.

Ob der Klimawandel nun zu 30 oder zu 100 Prozent menschengemacht ist, gegen eine gute Luft, frei von Radioaktivität und sonstigen Schadstoffen kann kaum jemand etwas einwenden, die diversen Umweltprobleme dieser Welt können nur mit Vernunft und sozialverträglich gelöst werden, irrationale Dieselfahrverbote sind jedenfalls nicht die Lösung. Die kanadische Firma Ballard Power ist der Marktführer der Brennstoffzelle. Brennstoffzellenautos, angetrieben mit Wasserstoff, gefördert von der Politik wären ein Schritt in die richtige Richtung. Wasserstoff wäre ein Energiespeicher mit dem der überschüssig hergestellte Ökostrom durch Photovoltaik und Windkraft gespeichert werden könnte. In Japan will Toyota Wasserstoff-Autos massentauglich machen, mit Hilfe gigantischer Subventionen. Der Mirai kostet aktuell noch 56.800 Euro und Toyota will in den kommenden Jahren davon 30.000 im Jahr verkaufen. Das ist Umweltschutz mit Vernunft, ohne die Esoterik und irrationale Hysterie der hiesigen Endzeit-Apokalyptiker. Die WKN von Ballard Power ist A0RENB und die von Toyota 853510.

Quellen: Peter Bierl – Grüne Braune, Umwelt, Tier und Heimatschutz von rechts | Peter Bierl – Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn

Ebenfalls veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

Karl Wolff und seine Tochter Fatima

7. Dezember 2019

Karl Wolff trat 1931 der NSDAP und der SS bei, er wurde 1935 SS-Brigadeführer und am 30. Januar 1937 zum SS-Gruppenführer ernannt und kurz vor Kriegsbeginn wurde Wolff Himmlers Verbindungsführer zum Führerhauptquartier. Am 30. Januar 1942 wurde der Chef des „Persönlichen Stabes“ von Heinrich Himmler zum SS-Obergruppenführer und General der Waffen-SS befördert. Im September 1943 bis zum Kriegsende wurde er als bevollmächtigter General der Deutschen Wehrmacht in Italien zugleich Generalbevollmächtigter bei Mussolini und damit höchster SS- und Polizeiführer in Italien.

Karl Wolff war an der Deportation von mindestens 300.000 Juden in das Vernichtungslager Treblinka beteiligt. In einem Brief vom 13. August 1941 hatte Wolff seiner Genugtuung darüber Ausdruck verliehen, dass während der letzten zwei Wochen täglich ein Transport mit mindestens 5000 „Angehörigen des auserwählten Volkes“ nach Treblinka abgegangen sei. Karl Wolff sorgte für neue Transportkapazitäten um die Juden leichter aus den Gettos oder aus anderen Gebieten deportieren zu können. Außerdem leistete Wolff, der in „beratender Funktion“ an der „Endlösung“ teilgenommen hat“,  in seiner Funktion als Himmlers Stabschef, Beihilfe bei der Erschießung von Juden und Partisanen hinter der Front bei Minsk. Ende Februar 1945 war Wolff überzeugt, dass der Krieg verloren sei und nahm in Zürich Kontakt mit dem US-Geheimdienstchef Allen Dulles auf und leitete somit die Kapitulation der deutschen Streitkräfte in Norditalien ein. Auch deshalb wurde der SS-General in Nürnberg nicht vor Gericht gestellt, sondern trat als Zeuge der Anklage auf. Obwohl Wolff als engster Mitarbeiter Himmlers von Anfang an über die Gewalttaten des NS-Regimes informiert war, er so gut wie alle Konzentrationslager besucht hat, er in entscheidender Funktion die Deportierung der Juden organisiert hat, behauptete Wolff nach dem Krieg, von der Vernichtung der Juden erst 1945 erfahren zu haben.

Nachdem Krieg wurde Karl Wolff ein erfolgreicher Werbeagent in Köln und baute sich so seine Villa am Ufer des Starnberger Sees. Nach der Veröffentlichung seiner Memoiren im Jahre 1961 wurden die Öffentlichkeit und auch die bayerische Justiz auf ihn aufmerksam. Die „Aktivitäten“ als Schlüsselfigur in Himmlers unmittelbarer Umgebung führten am 30. September 1964, wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 300.000 Fällen zum Urteil von 15 Jahren Zuchthaus und zu 10 Jahren Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte.  Nach immerhin fünf Jahren Gefängnis  wurde Karl Wolff 1969 Haftverschonung wegen „krankheitsbedingter Vollzugsunfähigkeit“ gewährt, die ihm fünfzehn weitere glückliche Jahre in Freiheit bescherten.  In dieser Zeit konvertierte Karl Wolff zum Islam.

Während des 2. Weltkrieges kämpften weit über 250.000 Muslime für die deutsche Wehrmacht und in SS-Einheiten. Spätestens nach den ersten Niederlagen nach 1941 versuchte das NS-Regime zunehmend, Muslime zum Kampf gegen die gemeinsamen Feinde, die Briten, die Sowjetunion und die Juden zu mobilisieren. An den Kämpfen auf der Halbinsel Krim beispielsweise nahm auf deutscher Seite eine gemischte Sondereinheit der Wehrmacht mit dem Codenamen „Bergmann“ teil. Die Truppe in Bataillonsstärke wurde noch gegen Ende 1941 aufgestellt, Hitler und Himmler, waren da schon längst vom Islam fasziniert. So meinte der deutsche Führer: „Ich halte nur die Mohammedaner für zuverlässig, alle anderen für unzuverlässig (…) Diese Bataillone aus rein kaukasischen Völkern zusammenzustellen, halte ich im Augenblick für sehr riskant, dagegen sehe ich keine Gefahr in der Aufstellung rein mohammedanischer Einheiten.“ Auch Heinrich Himmler begeisterte sich für die muslimischen Freiwilligenverbände und suchte die Nähe zum Großmufti von Jerusalem. Beispielshalber die „13. Waffen-Gebirgs-Division der SS „Handschar“  war eine Gebirgs-Divisionen der Waffen-SS und bestand aus muslimischen Freiwilligen, die vom SS-Mitglied und Führer der Palästinenser al-Husseini, dem Großmufti von Jerusalem organisiert wurde.

Nach der deutschen Niederlage wurden all die Freiwilligen, die auf deutscher Seite mit deutscher Uniform gekämpft hatten von Stalin unerbittlich verfolgt. Die Hauptstadt der Bewegung, München war kurz nach dem Krieg die Stadt mit dem größten muslimischen Bevölkerungsanteil. Die Süddeutsche Zeitung nannte für das Jahr 1955 die Zahl von rund eintausend Menschen, die sich zum Islam bekannten. Die meisten dieser Flüchtlinge hatten während des Zweiten Weltkriegs auf deutscher Seite gekämpft und waren nun zwischen dreißig und vierzig Jahre alt. Unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit und trotz schwieriger Umstände bauten sie sich im armen Nachkriegsbayern eine neue Existenz auf. Bald entstanden in Baracken erste Betstuben und Treffpunkte. Tataren, Usbeken und viele andere zentralasiatische Freiwillige der Wehrmacht trafen sich zu Gebeten. Der tatarische Imam Abdullah Ilyas betreute beispielsweise die Gemeinden in München und Dingolfing. Der im Kaukasus geborene Ibrahim Gacaoglu  hatte sich 1942 der Wehrmacht angeschlossen, war Verbindungsoffizier der Freiwilligenverbände in Norditalien und war der Vorsitzende der ersten registrierten islamischen Gemeinschaft in Deutschland. Am 1. März schuf er mit anderen freiwilligen der Wehrmacht, der SS die „Religiöse Gemeinschaft Islam“  in der Achatstraße in Karlsfeld zwischen München und Dachau.  So verankerten Muslime aus der Sowjetunion den Islam in Deutschland. Politiker wie der rechtsextreme Theodor Oberländer, der das Bundesvertriebenenministerium leitete, halfen mit den Islam im Sinne der Bundesrepublik nutzbar zu machen. Oberländer war Wehrmachtstoffizier auf der Krim, er war einer der Wegbereiter der „Freiwilligenbewegung“. Das Bataillon „Bergmann“ nahm unter Oberländer an der Sommeroffensive 1942 teil. Laut Götz Aly war Oberländer der „Vordenker der Vernichtung“. In einem Sitzungsprotokoll von 1957 aus dem Bonner Vertriebenenministerium ist beispielsweise zu lesen: „Herr Namangani erhält den Auftrag,  zunächst einmal die mohammedanischen heimatlosen Ausländer und nichtdeutschen Flüchtlinge als religiöse Gemeinde um sich zu sammeln, um dann erst einmal den unliebsamen amerikanischen Einfluss, der der Bundesrepublik schädlich werden kann, auszuschalten und evtl. auch später (…) die Mohammedaner fremder Staatsangehörigkeit in seine religiöse Gemeinde herein zu bekommen.“

Eine große Moschee sollte in München gebaut werden, so schuf man dafür 1957 mit Unterstützung der deutschen Politik eine „Moscheebau-Kommission“. Der Vorsitzende der Kommission wurde Nuredin Namangani, ein ehemaliger SS-Führer aus Usbekistan, der bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes dabei war. Für die Münchener Moschee kämpfte auch der Muslimbruder Said Ramadan und fehlende Mittel steuerte letztlich das libysche Staatsoberhaupt Muammar al-Gaddafi bei. Das „Islamische Zentrum München“ und seine beschriebenen Vorläufer waren der Ausgangsort der Verankerung und Verbreitung des politischen Islam in Deutschland. Deutsche Konvertiten wie Axel Ayyub Köhler, Ahmad von Denffer, Tilman Schaible, Halima Krausen oder Fatima Grimm schlossen sich dieser Gemeinde an und spielten bei der Verbreitung des politischen Islam eine tragende Rolle.

Fatima Grimm wurde am 25. Juli 1934 als Helga Lili Wolff in München als Tochter des SS-Obergruppenführers und Generals der Waffen-SS Karl Wolff geboren. Bereits im Jahr 1960 legte sie in München das islamische Glaubensbekenntnis ab. 1962 zog sie mit ihrem damaligen Ehemann Omar Abdul Aziz nach Pakistan. Drei Jahre später kehrte sie mit ihrem Mann wieder nach München zurück um sich in der muslimischen Gemeinde zu engagieren. 1983 wurde die Ehe einvernehmlich geschieden. 1984 heiratete sie den verwitweten deutschen Konvertiten Abdul Karim Grimm und zog zu ihm nach Hamburg. Fatima Grimm zählt seitdem zu den wichtigsten und einflussreichsten Stimmen des politischen Islam in Deutschland. Jahrelang wirkte sie als Funktionärin in einer der ältesten noch bestehenden islamischen Vereinigung der Bundesrepublik, der „Deutschen Muslim-Liga Hamburg“. Die fundamentalistische Feministin Zainab al-Ghazali, die Begründerin der „Organisation Muslimischer Frauen“, dem weiblichen Pendant zur „Muslimbruderschaft“, zählte zu Fatima Grimms engen Bekannten. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland ernannte Fatima Grimm bereits vor Jahren zum Ehrenmitglied. Auffallend ist: Bei vielen dieser Organisationen gab und gibt es Berührungspunkte zur Ideenwelt der Muslimbruderschaften.

Die Mutter von fünf Kindern schrieb viele Bücher, zahlreiche Artikel und errag große Bedeutung als Übersetzerin von bahnbrechenden islamischen Büchern, darunter „Dieser Glaube – der Islam von Sayyid Qutb“. Sayyid Qutb (1906-1966), trat 1951 der Muslimbruderschaft bei. Er gilt als einer der wichtigsten islamistischen Denker des 20. Jahrhunderts. „Sein Essay „Unser Kampf mit den Juden“, der nach 1967 millionenfache Verbreitung fand und bis heute findet, macht die Juden für den weltweiten moralischen und sexuellen Verfall verantwortlich. Das Hauptthema von Fatima Grimm waren die Erziehung der Kinder und die Rolle der Frau im Islam. In einem Artikel für Al-Islam stellt sie wie in ihrem Buch „Frau und Familienleben im Islam“ die im Koran erlaubte Mehrehe des Mannes nicht in Frage. Sie verteidigte diese ebenso wie arrangierte Hochzeiten. Fatima Grimms bestätigte das Rollenbild, das sich im politischen Islam durchsetzt. Die Verantwortung der Frau als Anker der Familie, der Mann als Ernährer, der sich mit den Widrigkeiten der Außenwelt auseinanderzusetzen hat und so zwangsläufig die Führungsrolle übernimmt. In der Publikation von Fatima Grimm „Die Erziehung unserer Kinder“, die von islamischen Buchhandlungen gerne zum Kauf angeboten wird, setzt sie sich für ihr reaktionäres Familienbild, den „Dschihad“ ein und verwendet Begrifflichkeiten wie „dar ul-harb“, wörtlich übersetzt „Haus des Krieges“.

In dieser weit verbreiteten Broschüre schreibt Fatima Grimm: „Ich meine, dass wir etwa um das 15. Lebensjahr herum damit rechnen dürfen, unsere Kinder für den Begriff des Dschihad aufgeschlossen zu finden. Wir müssen ihnen dann zeigen, auf welchen Gebieten unser Glaube den Angriffen des dar ul-harb ausgesetzt ist, und ihnen Wege eröffnen, die es ihnen einmal ermöglichen sollen, die Verteidigung erfolgreich in die eigenen Hände zu nehmen. Dazu gehört, dass wir als Mütter nicht feige und ängstlich darauf bedacht sind, unsere Söhne vor jeder Gefahr zu bewahren. Wir könnten es sowieso nicht, denn wenn Gott ihre Stunde für gekommen hält, kann sie ebenso ein Auto überfahren oder eine Krankheit heimsuchen. Vielmehr sollten wir ihnen immer vor Augen führen, was für eine großartige Auszeichnung es für jeden Muslim ist, für die Sache des Islam mit der Waffe in der Hand kämpfen zu können. Einen größeren Verdienst kann er sich ja durch nichts auf Erden erwerben.“ Sollte der junge Mann nicht in der Lage sein, gegen die Feinde des Islam zu kämpfen, dann könne man „ebenso mit Wort und Schrift für die Sache Gottes streiten, man kann als Arzt kranken und verwundeten Muslimen helfen, man kann als Ingenieur wichtige technische Geräte entwickeln, als Architekt lebensnotwendige Gebäude errichten — diese Reihe ließe sich bis ins Unendliche fortsetzen“. Fatima Grimms Ansichten zur Erziehung von Mädchen sind nicht weniger reaktionär: Sie unterstützt zwar „eine gute Ausbildung“, auf der anderen Seite fordert sie „entgegen dem allgemeinen Trend unserer Zeit“ eine echte Begeisterung für die Aufgaben als Frau und Mutter. Frauen sollten sich mit Enthusiasmus der „islamischen Erziehung“ widmen: „Und dann wird uns mit Gottes Hilfe auch der Erfolg beschieden sein, der einmal den endgültigen Triumph des Islam auf Erden herbeiführen wird.“

Fatima Grimm starb 2013 in Hamburg. Der von Lamya Kaddor. gegründete „Liberal-Islamische Bund“ in dem Grimm Mitglied war, schreibt in einem Nachruf auf die „herausragende Persönlichkeit, der zahllose Muslime und Musliminnen in Deutschland sehr viel zu verdanken haben“ verbunden mit dem Wunsch: „Möge Gott sie ins Paradies aufnehmen…, und möge sie immer einen Platz in unserer dankbaren Erinnerung einnehmen.“  Aktuelle Vorsitzende des LIB ist Odette Yılmaz,  die Nachfolgerin der aus Funk und Fernsehen bekannten, als liberal geltenden „Islamwissenschaftlerin“ Lamya Kaddor. Die Karriere der ehemaligen Hauptschullehrerin Lamya Kaddor ist, laut Stefan Frank eng mit dem Aufstieg des Islamischen Staates im Irak und in Syrien verbunden. Fünf IS-Terroristen, die Lamya Kaddor persönlich kannte und unterrichtete, beschlossen bekanntlich in Syrien ihre Ideen zu verwirklichen.

Karl Wolff starb am 15. Juli 1984 im Krankenhaus Rosenheim und wurde am 21. Juli 1984 auf dem Friedhof von Prien am Chiemsee beigesetzt. An seinem Grab sprach die Tochter Fatima Grimm in Anwesenheit von Vertretern des Islamischen Zentrums in München das islamische Totengebet. Wenige Meter von diesem Friedhof entfernt, vor einem Supermarkt hat im April 2017 ein Asylbewerber aus Afghanistan eine zum Christentum konvertierte Afghanin in aller Öffentlichkeit vor den Augen ihrer beiden fünf und elf Jahre alten Söhne  bestialisch ermordet.  Die 38 Jahre alte Mutter wurde von hinten angriffen, der Täter versuchte ihr den Kopf abzuschneiden und stach mindestens 16 Mal auf sie ein. Einschreitende mutige Passanten konnten den fanatisierten Dschihadisten erst zu spät überwältigen, sie konnten nur verhindern dass dem Opfer der Kopf ganz abgeschnitten wurde. Das „Vergehen“ der vierfachen Mutter war vom Islam zum Christentum überzutreten und laut islamischer Überlieferung wird gefordert: „Wer seine Religion wechselt, den tötet.“ Das Landgericht Traunstein verurteilte den Gotteskrieger zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe und stellte eine besondere Schwere der Schuld fest. Die Verteidigung ging in Revision, da aus ihrer Sicht keine besondere Schwere der Schuld zu erkennen war. Während bei fast allen politisch motivierten Reden, Taten und Morden zu Recht die zugrundeliegende Ideologie hinterfragt und kritisiert wird, ist dies bei islamisch motivierten Reden und Taten kaum festzustellen. Eine Diskussion über die Ideologie des Islam löste die Tat von Prien weder überregional, europaweit, geschweige denn beim „Liberal-Islamischen Bund“  aus. Warum nur?

Quellen: Stefan Meining: Eine Moschee in Deutschland. Nazis, Geheimdienste und der Aufstieg des politischen Islam im Westen. Beck Verlag, München 2011 | Robert S. Wistrich: Wer war wer im Dritten Reich: Anhänger, Mitläufer, Gegner aus Politik, Wirtschaft, Militär, Kunst und Wissenschaft

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