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Karl Kautsky, Sigmar Gabriel und der sozialdemokratische Antizionismus

25. April 2017

Als stärkste sozialdemokratische Partei Europas war die SPD des Kaiserreichs richtungsweisend innerhalb der internationalen Sozialdemokratie. Der deutsch-tschechische Philosoph und sozialdemokratische Politiker Karl Kautsky (1854–1938), war nach dem Tod von Friedrich Engels (1820–1895) der führende Theoretiker  der Sozialdemokratie. Kautskys Schrift „Rasse und Judentum“ von 1914 fasste alle seinerzeit von sozialistischer Seite gegen den Zionismus vorgebrachten „Argumente“ zusammen.  Die „Zionismusanalyse“ von Karl Kautsky bildete die Grundlage nicht nur für die SPD sondern auch für die russischen Bolschewiki und die spätere DDR. In Kautskys Schriften manifestieren sich bereits die antisemitischen Tendenzen, die den gegen Israel gerichteten Antizionismus vorwegnahmen.

Das Verhältnis der SPD zum Antisemitismus war gespalten und oberflächlich. Als der Philosoph und Nationalökonom Eugen Dühring (1833-1921) Mitte der 1870er Jahre seine anarchistisch gefärbte, „nationale“ Konzeption des Sozialismus  mit antisemitischen Angriffen auf Karl Marx wie Ferdinand Lassalle verbreitete, blieben die Politiker der SPD weitgehend stumm.  Erst als ab 1878 das Sozialistengesetz in Kraft trat und als die Christlich-Soziale Arbeiterpartei mit dem protestantischen Hofprediger Adolf Stoecker als ultrakonservative Konkurrenzpartei in Erscheinung trat, begann die SPD deren Antisemitismus zu verurteilen. Friedrich Engels bezog als erster Arbeiterführer unzweideutig gegen den anwachsenden politischen Antisemitismus Position. In seinem Brief „Über den Antisemitismus“  im Mai 1890 von der Wiener Arbeiter-Zeitung veröffentlicht, analysierte er den in Europa deutlich von Ost nach West zunehmenden Antisemitismus als „das Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur.“ Engels widersprach der Gleichsetzung von Juden und Kapital und verwies dabei auf die in Armut lebenden Menschen des jüdischen Proletariats.

1892 verabschiedete die SPD auf ihrem Parteitag eine Resolution gegen den Antisemitismus, allerdings nicht auf der Ebene grundsätzlicher politischer Prinzipien, sondern mit der Begründung, der „einseitige Kampf des Antisemitismus gegen das jüdische Ausbeuterthum muß nothwendig erfolglos sein, weil die Ausbeutung […] keine speziell jüdische, sondern einer der bürgerlichen Gesellschaft eigenthümliche Erwerbsform ist.“ Diese Formulierung macht klar, dass trotz der klaren Ablehnung des politischen Antisemitismus innerhalb der deutschen Sozialdemokratie der antisemitische Topos vom relativen Übergewicht der Juden in der deutschen Wirtschaft akzeptiert war. Auf dem Kölner Parteitag der SPD 1893 hielt August Bebel (1840-1913) seine berühmte Rede „Sozialdemokratie und Antisemitismus.“  In ihr legte Bebel dar, dass die Geschichte der Ausgrenzung der Juden die zentrale Ursache für deren spezifische Berufsstruktur sei. Er  versuchte Antisemiten aus der rationalen Angst vor der teilweise starken jüdischen Konkurrenz und den realen Erfahrungen mit jüdischen Händlern, Kreditgebern zu erklären. Dass der Kapitalismus und nicht das Judentum das Übel sei, „diese Erkenntnis wird den untergehenden Mittelschichten immer mehr dämmern“ und so prognostizierte Bebel dass der Antisemitismus „mit Notwendigkeit revolutionär werden muss, und damit uns […] in die Hände arbeitet.“

Mit dem Rückgang der Wählerstimmen für die Antisemiten-Parteien ab 1900 schwand auch das Interesse der SPD am Antisemitismus.  Die SPD sah im Antisemitismus ein vorübergehendes Phänomen, er  galt als eine Ideologie dem Untergang geweihter vorkapitalistischer Schichten. Die Hauptursache für die Entstehung des Antisemitismus lag für die SPD in der realen ökonomischen schwierigen  Lage des Antisemiten. Für die SPD hatte dies zumindest scheinbar etwas mit den Juden zu tun. Bebels Rede auf dem Kölner Parteitag zeigte, dass durch dieses Zusammenwirken von Ökonomismus und Widerspiegelungstheorie die Analyse der SPD unwillentlich den traditionellen Stereotypen verhaftet blieb: „Wer sind […] zum größten Teil die Wucherer? Unleugbar Juden.“ So verwundert es nicht, dass in der sozialdemokratischen Presse und in politischen Karikaturen ab 1890 immer wieder die Gleichsetzung Jude-Geld oder die Ablehnung bestimmter „jüdischer Eigenschaften“ auftauchte. Infolge des Fehlens einer entsprechenden Ideologietheorie konnten weder der Zusammenhang zwischen Nationalismus und Antisemitismus noch die Antriebe des Antisemitismus, noch seine Dynamik und seine Gefährlichkeit wahrgenommen werden.

Der Entwicklung des Zionismus, mit seinen sozialistischen Spielarten, infolge des stetig anwachsenden Antisemitismus in Europa und der existenziellen Notlage der Juden in Osteuropa stand die SPD ablehnend gegenüber.  Laut Kautsky sei das zionistische Vorhaben aus pragmatischen Erwägungen „eine „undurchführbare Utopie“ und deshalb abzulehnen. Laut Kautsky sind Juden Stadtmenschen und sie können nicht wieder zu Bauern gemacht werden, weshalb sie wieder aus Palästina emigrieren würden und Kautsky meinte deshalb: „Je mehr für den Zionismus die ökonomische Grundlegung versagt, desto mehr muss der so bequeme Begriff der Rasse aushelfen. […] Palästina als Weltgetto zur Absonderung der jüdischen Rasse von den anderen Rassen, das ist das Ziel des Zionismus geworden.“ Deshalb sei der Zionismus als eine reaktionäre Ideologie abzulehnen: Nicht nur würden die „zionistischen Patrioten““ gegen die historische Tendenz die Erhaltung des Judentums verfechten und den Assimilationsprozess bekämpfen; sie würden vor allein ein jüdisches „Volk“ und eine jüdische „Nation“ propagieren: “In diesem Streben begegnet sich der Zionismus mit dem Antisemitismus wie nicht minder darin, die gesamte Judenschaft aus den heutigen Staaten zu entfernen“, schreibt Thomas Haury in „Antisemitismus von links.“

Thomas Haury weiter: „1921 fügte Kautsky in die zweite Auflage von „Rasse und Judentum“ noch das Kapitel „Der Zionismus nach dem Weltkrieg“ ein, da sich in Palästina die politischen Verhältnisse entscheidend verändert hatten. Zwar habe die britische Regierung den Juden 1917 in der Balfour-Deklaration eine „nationale Heimstatt“ in Palästina zugesichert, doch trotzdem hätten sich die politischen Chancen des zionistischen Projekts verschlechtert. Kautsky nennt an erster Stelle ein Argument, das in der bisherigen Diskussion kaum eine Rolle gespielt hatte: „Bei den zionistischen Berechnungen wird die arabische Bevölkerung meist völlig ignoriert oder als ein Umstand behandelt, um den man sich nicht viel zu kümmern braucht. Nur gelegentlich erinnert man sich der Tatsache, dass Palästina bereits ein besiedeltes Land ist. Dann nimmt man einfach an, dass seine bisherigen Bewohner verdrängt werden, um den zuziehenden Juden Platz zu machen.“  Der Zionismus verleugne das Recht der arabischen Bevölkerung auf Selbstbestimmung und proklamiere ihm gegenüber den „Anspruch einer Nation auf Wiederherstellung der Grenzen ihres Staatswesens, wie sie vor Jahrhunderten unter ganz anderen Verhältnissen bestanden hatten“; dieses von den Zionisten reklamierte „historische Recht“ sei aber »unter den vielen veralteten Rechtsansprüchen […] der vermodertste  […]Nach dem Recht der Arbeit wie nach dem demokratischer Selbstbestimmung gehört heute Palästina nicht den Juden in Wien oder London oder New York, die es für das Judentum reklamieren, sondern den Arabern im Lande selbst, der großen Mehrheit der Bevölkerung.“ Diese aber drängten bereits jetzt nach Selbstbestimmung gegenüber den Kolonialmächten und lehnten die jüdische Siedlungstätigkeit ab. Daher müsse die jüdische Kolonisation untergehen, sobald die englisch-französische Vorherrschaft über Vorderasien zusammenbreche. Somit bewirke die Politik des Zionismus „nichts anderes […] als dass sie mit ungeheuren Kosten und den größten Opfern der Beteiligten [die Juden] aus Gebieten, in denen die Judenpogrome ihrem Ende entgegengehen, in Gebiete transportiert, in denen solche Pogrome mit größter Macht einsetzen werden, wenn das zionistische Programm auch nur einigermaßen zur Ausführung kommt.“

Kautskys Zionismus-Kritik richtet sich gegen den real existierenden Zionismus als nationalistische Ideologie und Bewegung mit dem Ziel einer Staatsgründung in Palästina. Ohne den Antisemitismus als Entstehungsursache des Zionismus zu vergessen, lehnt Kautsky letzteren aus seinen politisch-theoretischen Positionen zu „Nationalismus“ und dem Selbstbestimmungsrecht der Völker heraus ab. Kautsky hält das Ziel des Zionismus für ökonomisch unmöglich und politisch fatal und glaubt, dass die internationale Klassensolidarität und der Sozialismus alle Probleme lösen würden.

Die Haltung der SPD zum Zionismus und zum Staat Israel hat sich in den letzten hundert zwanzig Jahren seit Karl Kautsky nicht wesentlich verändert. Als Israel während des Jom-Kippur-Krieges 1973 einer arabischen Endlösung der Judenfrage so nah war wie nie zuvor, sperrte die deutsche sozialdemokratische Bundesregierung unter Willy Brandt deutsche Flugplätze und Häfen für amerikanische Nachschublieferungen, die in Israel dringend gebraucht wurden. “Die Neutralität und Ausgewogenheit der Bonner Nahost-Politik gebiete dies“, beschönigte damals Staatssekretär Paul Frank.

Nach einem Besuch in Israel ließ der der damalige SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel seiner „Israelkritik“ freien Lauf. Gabriel schrieb auf seiner Facebookseite am 14. März 2012: „Ich war gerade in Hebron. Das ist für Palästinenser ein rechtsfreier Raum. Das ist ein Apartheid-Regime, für das es keinerlei Rechtfertigung gibt.“ Kein Wort von Sigmar Gabriel über den antisemitischen Terror und keinerlei Verständniss für die erforderlichen Schutzmaßnahmen der israelischen Regierung seine Einwohner gegen den mörderischen Terror der Palästinenser zu schützen.

Am 12. Februar 2014 provozierte der damalige Präsident des Europäischen Parlaments und heutige SPD Kanzlerkandidat  Martin Schulz vor dem israelischen Parlament und erzeugte dadurch Tumulte in der Knesset: „Ich habe vor zwei Tagen mit jungen Menschen in Ramallah gesprochen, die wie junge Menschen überall auf der Welt eine Ausbildung machen, studieren, reisen, eine Arbeit finden und eine Familie gründen wollen. Sie haben aber auch einen Traum, der für die meisten jungen Menschen selbstverständlicher Alltag ist: frei in ihrem eigenen Land zu leben, frei von Gewalt, ohne Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. Das palästinensische Volk hat wie das israelische Volk ein Recht darauf, seinen Traum von einem eigenen, lebensfähigen und demokratischen Staat zu erfüllen. Die Palästinenser haben genauso wie Israelis ein Recht auf Selbstbestimmung und Gerechtigkeit. Einer der Fragen dieser jungen Menschen, die mich am meisten bewegt hat, war: Wie kann es sein, dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17?“

Es ist bezeichnend dass sich Martin Schulz auf die Zahlen der „jungen Menschen aus Ramallah“ verlässt. In Wahrheit verbraucht ein Israeli 150 Kubikmeter Wasser pro Kopf und Jahr und bei den Palästinensern sind es 140 Kubikmeter Wasser. „Der Antisemitismus ist das Gerücht über die Juden“, schrieb einst Adorno. Der SPD Kanzlerkandidat Martin Schulz war es auch, der  sich für die „inspirierende Ansprache“ von Mahmud Abbas in Brüssel vor der UNO bedankte.  In seiner antisemitischen Hetzrede sagte Abbas vor der UNO: „Bestimmte Rabbis in Israel haben ihre Regierung sehr klar dazu aufgefordert, dass unser Wasser vergiftet werden sollte, um Palästinenser zu töten.“ Zum Antisemitismus von Abbas applaudierte nicht nur die UNO, auch Martin Schulz war begeistert.

Sigmar Gabriel, der den Holocaustleugner und Antisemiten Mahmud Abbas, seinen Freund nennt, besuchte nun als SPD-Außenminister Israel. Gabriel will sich in Israel mit der linksgerichteten Nicht-Regierungs-Organisation „Schweigen brechen“ treffen. Die von Jehuda Schaul gegründete Organisation hat es sich zur Aufgabe gemacht, Soldaten nach vermeintlichen Verbrechen der israelischen Armee zu befragen und das dann in aller Welt zu veröffentlichen.

Mit anonymen Berichten von Soldaten versucht die vor allem aus Europa finanzierten Organisation „Breaking the Silence“ seit Jahren, der israelischen Armee Verbrechen nachzuweisen. Kürzlich wurde die Unglaubwürdigkeit von „Breaking the Silence“ nachgewiesen: Denn viele der Zeugenaussagen sind entweder nachweislich falsch oder lassen sich nicht verifizieren. Jehuda Schaul war es auch, der Gabriel 2012 durch die jüdische Enklave in Hebron geführt hatte, worauf Gabriel Israel bezichtigte, ein „Apartheid-Regime“ zu sein. Es war Jehuda Schaul, der das Gerücht in die Welt setzte, wonach Israelis das Wasser von Palästinensern vergiften würden.  Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat nun damit gedroht, das für den heutigen Dienstag vorgesehene Treffen mit Bundesaußenminister Sigmar Gabriel abzusagen. Sigmar Gabriel machte allerdings auch deutlich, dass er trotz allem an dem Termin mit NGO-Vertretern festhalten werde. „Es ist ganz normal, dass wir bei Auslandsbesuchen auch mit Vertretern der Zivilgesellschaft sprechen“, sagte er.

Was wohl in Deutschland los wäre wenn sich ein Staatsgast vor einem vereinbarten Besuch mit der Bundeskanzlerin mit einer dubiosen Organisation treffen würde, die offen für die Abschaffung Deutschlands eintritt? Wenn zum Beispiel Putin oder Trump vor dem Besuch der Bundeskanzlerin sich öffentlichkeitswirksam mit Vertretern der Reichsbürger treffen würde? Was wäre dann von Dunja Hayali oder Klaus Kleber in ARD und ZDF zu hören?

In Jerusalem gedachte Sigmar Gabriel bei einem Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem der Opfer des Holocaust. Sigmar Gabriel liebt und ehrt die toten Juden. Nur mit den lebenden Juden hat er wie die SPD ein Problem und das nicht nur im Wahlkampf.

Ali Dashti und die 23 Jahre des Propheten

27. März 2017

„Wenn wir die Geschichte des Islam objektiv betrachten, dann stellen wir fest, dass sie nichts außer einer Aufeinanderfolge von Machtkämpfen ist, von permanenten Bemühungen der Machthungrigen um Herrschaft und Führung. Die Religion Islam wird nur als Mittel behandelt, und nicht als Zweck.“ Ali Dashti

Am 22. März 2017 fuhr der Islamist Khalid Masood in London absichtlich mit einem Fahrzeug in eine Menschenmenge, tötete dabei drei und verletzte 37  Menschen teilweise schwer, anschließend ermordete er mit einem Messer einen Polizisten vor dem britischen Parlament. Am 19. Dezember 2016 erschoss der tunesische Islamist Anis Amri den Fahrer eines Sattelzuges, raubte den LKW und raste damit absichtlich in eine Menschenmenge auf dem Weihnachtsmarkt des Berliner Breitscheidplatzes und ermordete dadurch elf Besucher und verletzte 55 weitere teilweise lebensgefährlich. Bei dem islamistischen Anschlag am 14. Juli 2016 mit einem LKW in Nizza ermordete der Gotteskrieger Mohamed Lahouaiej Bouhlel 86 Passanten und mehr als 400 wurden zum Teil schwer verletzt. Glauben diese  Selbstmordattentäter tatsächlich wegen ihrer Mordtaten ihrem Gott zu dienen und an eine Belohnung im Paradies?  Warum haben viele Muslime Probleme mit der Integration in die westlichen Gesellschaften? Warum begehen beispielsweise Jesiden weder in der ersten noch in der dritten Generation vergleichbare Attentate? Warum hörte man kaum etwas von den Integrationsproblemen der Vietnamesen?

In den Ländern der islamischen Welt ist die Frau unzweifelhaft ein Mensch zweiter Klasse. Beispielsweise müssen sich Frauen in vielen islamischen Ländern verschleiern. Zuwiderhandlung gegen diese Kleiderordnung wird oftmals mit Gefängnis oder mit Peitschenhieben bestraft. Allein in der Hauptstadt Teheran werden dafür bis zu 7.000 Geheimagenten eingesetzt. Im Jahr 2015 konfiszierte die iranische Verkehrspolizei mehr als 40.000 Fahrzeuge von Frauen, die im Auto ihr Haar nicht unter einem Kopftuch verborgen hatten. Die Autos wurden beschlagnahmt und die Fälle an die Justiz übergeben. Die iranische Frauenrechtlerin Nasrin Sotoudeh wurde von einem Teheraner Revolutionsgericht zu einer elfjährigen Freiheitsstrafe verurteilt, davon fünf Jahre, weil sie in einer im Iran nie gezeigten Videobotschaft kein Kopftuch getragen hatte.  Im Iran werden Frauen wegen außerehelichem Geschlechtsverkehr nach der Scharia zur Steinigung verurteilt und hingerichtet, dabei wird vom Gesetzgeber penibel die Größe der Steine und die Reihenfolge der Werfer festlegt. Die Frauen werden bis zur Brust im Boden eingegraben und dann von einer Menschenmenge mit Steinen beworfen, bis der qualvolle Tod eintritt. In Saudi Arabien ist es Frauen überhaupt verboten Auto zu fahren. Homosexuelle werden in den islamischen Ländern mit dem Tod bedroht, wie im Iran an Baukränen erhängt oder wie vom Islamischen Staat von hohen Häusern gestürzt. Freie Meinungsäußerung, Pluralität, Gewaltenteilung, Demokratie, Organisationsfreiheit und eine freie Presse sind in der islamischen Welt nicht anzutreffen. Der eliminatorische Antisemitismus wie die Ablehnung der westlichen Lebensart gehören dagegen in den meisten islamischen Ländern zur Staatsräson. Worin liegen die Ursachen für diese Phänomene?

Kritik am Islam ist erfahrungsgemäß lebensgefährlich. Tausende muslimische Islamkritiker von Algerien über den Iran bis hin zu Indonesien wurden bereits ermordet oder sind von der Ermordung bedroht. Dem renommierten algerischen Soziologen Mahfoud Boukhobza wurde vor den Augen seiner Familie von Islamisten die Kehle durchgeschnitten. Islamkritiker leben auch in Europa sehr gefährlich. Am 2. November 2004 wurde der niederländische Islamkritiker und Filmemacher Theo van Gogh von einem in den Niederlanden geborenen Islamisten grausam ermordet. Erst wurde er angeschossen und dann schnitt ihm der Gotteskrieger die Kehle durch und heftete ihm mit fünf Messerstichen ein Bekennerschreiben, mit einer Morddrohung gegen Ayaan Hirsi Ali  auf die Brust. Theo van Gogh drehte mit Ayaan Hirsi Ali  den Film Submission, der über die Unterdrückung der Frau im Islam handelt. Am 7. Januar 2015 drangen zwei islamische Gotteskrieger in Paris in die Redaktionsräume der islamkritischen Satirezeitschrift Charlie Hebdo ein und ermordeten elf Redakteure, Zeichner und Besucher. Gleichzeitig erschoss in Paris ein weiterer Islamist in einem koscheren Supermarkt vier Juden weil sie Juden waren. Der deutsche Islamkritiker Hamed Abdel-Samad steht unter ständigem Polizeischutz, wie bei Salman Rushdie hängt eine Fatwa über ihm, die zu seiner Ermordung aufruft. Warum kann man gefahrlos den Papst oder das Christentum kritisieren, aber nicht den Islam?

Die Antworten auf diese Fragen gab bereits im letzten Jahrhundert der iranische Journalist und Politiker Ali Dashti. Ali Dashti wurde 1894 in Kerbela in eine schiitisch-religiöse Familie geboren. Nach dem Putsch im Februar 1921 durch Reza Khan bewegte sich der Iran zaghaft in Richtung westlicher Moderne. Ali Dashti war zunächst gegen Reza Schah und veröffentlichte seine Meinung in verschiedenen Zeitschriften. Wegen seiner kritischen Artikel wurde Dashti mehrmals in seinem Leben verhaftet. Reza Schah leitete verschiedene Reformen ein und gründete nach westlichem Vorbild verschiedene Ministerien. Frauen bekamen Zutritt zu den Universitäten und die Pflicht zur Verschleierung wurde abgeschaft. Die Menschen sollten sich nach europäischem Vorbild kleiden. Ali Dashti und andere fortschrittliche Iraner waren begeistert über die Reformen. 1927 wurde Dashti zum zehnten Jahrestag der russischen Revolution eingeladen. Er verlängerte die Reise und besuchte verschiedene westeuropäische Länder und sammelte Eindrücke. 1928 wurde er als Abgeordneter für die Edalat-Partei (Gerechtigkeits-Partei) in das iranische Parlament gewählt. Unter Mohammad Mossadegh wurde Ali Dashti zum Senator ernannt. Nachdem die Regierung Mosaddeg durch einen von amerikanischer und britischer Seite, sowie dem iranischen Klerus unterstützten Militärputsch gestürzt wurde, kam  Reza Schah wieder an die Macht und schlug die kommunistischen und nationalistischen Parteien blutig nieder, sein Geheimdienst SAVAK war gefürchtet. Unter dem Schah kam es jedoch auch zur sogenannten „Weißen Revolution“ mit einer Landreform, dem Frauenwahlrecht, der Abschaffung der Leibeigenschaft, der Beteiligung der Arbeiter am Gewinn der Fabriken und einer allgemeinen Schulpflicht. Das Mindestalter für eine Heirat wurde heraufgesetzt. Für Frauen wurde es erleichtert, eine Scheidung einzureichen. Verpflichtende Unterhaltsleistungen für Frau und Kind bei Scheidung wurden eingeführt. Beim Tod des Ehegatten wurde die Sorgerechtszuweisung  für gemeinsame Kinder an die Witwe verfügt. Die Abtreibung wurde legalisiert und für eine Mehr-Ehe brauchte der Mann die Zustimmung seiner Ehefrau, was die faktische Abschaffung der Mehr-Ehe bedeutete. Diese Reformen der „Weißen Revolution“ im Iran der 1960er Jahre stießen wiederum auf erheblichen Widerstand des schiitischen Klerus. Nach der islamischen Revolution von 1979 wurden, bis auf das Wahlrecht für Frauen, alle Reformen rückgängig gemacht. Zur Integrationsfigur der religiösen Reformgegner entwickelte sich bereits damals Ruhollah Khommeini vom schiitischen Wallfahrtszentrum Qom. In den 70er Jahren war Ali Dashti einer der intellektuellen Gegenspieler des Ayatollah Khomeini. Ali Dashti verfolgte mit großer Besorgnis die extremistische politische Entwicklung im Iran. Viele Jahre schrieb er in Abhandlungen und Büchern gegen die fanatischen Ziele des Fundamentalismus. Bereits 1937 verfasste Ali Dashti das Buch „23 Jahre“, gab das Manuskript aber erst 1972 seinem Freund, dem  Sozialwissenschaftler Bahram Choubine in München, der das Manuskript unter Pseudonym in Fortsetzungen in der Zeitschrift Kaweh ab 1973 veröffentlichte. Ali Dashti damals zu Choubine: „Ich bin in Karbala, der Hochburg der schiitischen Schulen und Gesellschaft groß geworden, und meine Familie war geprägt von Vorurteilen, Aberglauben und dogmatischer Frömmigkeit. Die von Vorurteilen besessenen Fanatiker und deren Weltanschauung habe ich an Leib und Seele erfahren. Deshalb weiß ich, was für ein Unheil der Fanatismus anrichtet, und es ist meine Pflicht zu tun, was in meiner Macht steht, gegen dieses schmerzhafte Phänomen zu kämpfen.“

Nach dem Sieg der islamischen Revolution im Iran 1979 wurde Ali Dashti sofort verhaftet und trotz seines hohen Alters von 85 Jahren misshandelt und gefoltert.  Dabei erlitt er so starke Verletzungen, dass er unter der Aufsicht von Revolutionsgardisten in das Jam-Krankenhaus eingeliefert wurde wo er kurz darauf am 22. Dezember 1981 verstarb.

Das Buch „23 Jahre – die Karriere des Propheten“ von Ali Dashti wurde nach der Revolution im Untergrund verteilt und gehört bis heute zu den beliebtesten Lektüren im Iran. Ali Dashti entlarvt die Widersprüchlichkeiten und Ungereimtheiten der muslimischen „Offenbarung“ und zeigt zugleich schonungslos das extremistische Potential des Islam auf und er beschreibt kritisch die dreiundzwanzig Jahre des „Wirkens“ von Mohamed. Ali Dashti bestritt, dass der Koran von Gott selbst komme und er beschreibt das Leben von Mohamed in Mekka, wo er über Glauben und Mitgefühl gepredigt hat und seinen Sinneswandel in Medina.

In Mekka wurde Mohameds Sekte verfolgt und verachtet. In dieser Zeit forderte Mohamed Toleranz und sorgte sich um Waisen und bekämpfte die Kindstötung von Mädchen, wie sie bei den Beduinen der Brauch war. Die wenigen Christen und die vielen Juden umwarb er friedlich, sich doch seinem Glauben anzuschließen. Der Frühislam in Mekka setze sich für die Minderprivilegierten ein, welche unter der Gewalt der mekkanischen Oberschicht zu leiden hatte. In den ersten dreizehn Jahren des Islam konnten, trotz des bescheidenen Lebensstils Mohameds, seiner Beredsamkeit, seiner Warnungen über die zu erwartenden Strafen im Jenseits nur wenige Menschen gewonnen werden zum Islam überzutreten. In Mekka predigte Mohamed den Frieden weil der Frieden ihm genutzt hat. Mohamed war Pragmatiker. Nach der Prophetenbiographie wanderte Mohamed im Jahr 622 mit seinen Anhängern nach Yathrib aus. In  Yathrib (Medina)  lebten  zwei  befehdete  arabische  Stämme, die  Aus  und  die  Khasraj,  von denen jeder freundschaftliche Verbindungen zu einem oder zwei der jüdischen Stämme pflegte. In Yathrib nutzte ihm die Friedfertigkeit nicht mehr, denn Mohamed erkannte wie man den Islam weiterverbreiten konnte, mit Gewalt und mit dem Schwert! Mord und Gewalt wurden nun schonungslos als Mittel zur Machterweiterung eingesetzt und die entsprechenden Suren dazu „überliefert.“ Gewalt war freilich lange vor Mohamed ein weit verbreitetes Mittel der Araber. Nur in vier Monaten des Jahres, den Haram-Monaten ruhten die Waffen in der Region und als ungeschriebenes Gesetz galt der Verzicht des Überfalles auf Karawanen, denn von den Karawanen lebten die Stämme in der Region. Mohamed hielt sich nicht daran und er befahl den Überfall auf die Karawanen. Auf dem Weg von Syrien nach Mekka wurde auf einem Rastplatz in Nahkle die Karawane mit einer großen Anzahl von Gütern überfallen und der Karawanenführer ermordet. Der Überfall verursachte großen Aufruhr, weil er zudem am ersten Tag des Monats Rajab stattgefunden hat und in eben diesem Monat waren Kämpfe nach altem arabischem Brauch verboten. Mohamed brach nicht nur diesen Kodex. Ebenfalls war es zu der Zeit tabu Kriegsgefangene zu enthaupten, was Mohamed nicht davon abhielt unzählige Kriegsgefangene zu enthaupten. Die ersten Hauptangriffsziele waren die jüdischen Stämme und die benachbarten Gebiete.

In Yatrib lebten zu der Zeit drei jüdische Stämme, die Qanoqa, die Nadir und die Qorayza. Sie waren in der Landwirtschaft, im Handel und im Handwerk sehr erfolgreich. Die Juden hatten dank ihres religiösen Unterrichtes gute Schreibkenntnisse und ein höheres kulturelles Niveau als die übrigen Stämme. Solange die Muslime schwach waren gab es keine Zwischenfälle. Nachdem ein Muslim einen jüdischen Goldschmied ermordete und dieser dann von Juden ermordet wurde kam es zum Aufruhr, worauf die Wohnviertel der Qaynoqu fünfzehn Tage lang belagert wurden und keine Lebensmittellieferungen passieren konnten, gaben die Qaynoqu auf. Sie nahmen das Angebot an, dass ihr Leben verschont würde wenn sie die Stadt verlassen und ihren Besitz, mit Ausnahme was sie auf ihre Esel verladen konnten, an die bedürftigen Muslime übergeben. Mit dem jüdischen Stamm der Nadir wurde kurz darauf ähnlich verfahren. Später wurde der letzte bedeutende jüdische Stamm, die Banu Qorayza belagert, allerdings erwarte sie ein anderes Schicksal. Die Männer wurden enthauptet und die Frauen und Kinder wurden versklavt. Auf diese Art und Weise wurden die finanziellen Mittel für die Gründung eines islamischen Staates geschaffen und der Expansion des Islams stand nichts mehr im Wege. Innerhalb von hundert Jahren reichte die kriegerische islamische Expansion von Spanien über Ägypten, Arabien, Persien bis an die Grenzen Indiens und Chinas. Erst nach knapp 500 Jahren islamischen Imperialismus, inklusive islamischen Sklavenhandels begannen die christlichen Kreuzzüge.

In Medina wurde das Weintrinken und das Glücksspiel verboten, die Armensteuer verpflichtend eingeführt und das Gesetz zum Heiligen Krieg zur absoluten Pflicht gemacht. Ali Dashti schreibt in seinem Buch: „Ist der Gebrauch des Schwertes, um Menschen zum Bekenntnis zu einer Lehre oder einer Religion zu nötigen ehrenwert? Lässt sich das mit den Idealen der Gerechtigkeit und Menschlichkeit vereinbaren?“ Mohamed, der in Mekka über Glauben und Mitgefühl gepredigt hat, änderte in Medina seinen Kurs und empfängt beispielsweise folgende „Offenbarungen“: „Der Krieg ist euch vorgeschrieben“ Sure 2 Vers 212 oder „Tötet diejenigen.., welche nicht glauben!“ Sure 9 Vers 29 oder “ Und wenn ihr die Ungläubige trefft, dann herunter mit dem Haupt, bis ihr ein Gemetzel unter ihnen angerichtet habet. Die übrigen legt in Ketten (dass sie nicht fliehen können)“ Sure 47 Vers 4. Zahlreiche weitere, ebenso harte Koranverse wurden in Medina offenbart.

In sechs Kapiteln klärt Ali Dashti über die 23 Jahre der „Offenbarungszeit“ Mohameds auf. Den Frauen im Islam und Mohameds Problemen mit den Frauen widmet Ali Dashti eigene Kapitel. In der islamischen Rechtsordnung werden die Frauen als schwache Geschöpfe angesehen. Männer dürfen bis zu vier Frauen heiraten, aber umgekehrt Frauen nicht mehrere Männer. Laut Koran stehen die Männer über den Frauen. Wenn die Frau ihrem Mann nicht gehorcht, darf er sie laut Koran schlagen. Beispielsweise ist der Anteil des männlichen Erben doppelt so hoch wie der einer Frau. Das männliche Zeugnis vor Gericht zählt doppelt so viel wie das einer Frau. Eine gute Frau ist die Frau die ihrem Mann gehorcht. In der Sure 4 werden die Rechte und die Pflichten für Männer und Frauen vorgeschrieben. Laut dem Propheten sind Frauen für Männer eine ständige Versuchung und deshalb müssen sie sich auch verhüllen. Dashti schreibt ebenso über die Kindheit, wie über die Berufung Mohameds, er schreibt über die politischen Morde Mohameds und räumt mit dem Wunderglauben im Koran auf. Mohamed war ein widersprüchlicher Mensch der süchtig nach Macht und Anerkennung war. Alles was er je gesagt oder getan hat wurde von der muslimischen Geistlichkeit zum Muster der Vollkommenheit und der Verkündigung von Gottes Willen erhoben. Ali Dashti forderte die Muslime dazu auf, die Überhöhung von Koran und Mohamed in Frage zu stellen. In den letzten acht Jahren seines Lebens führte der Prophet über achtzig Kriege. Die letzten Suren des Korans legten mit ihrer Kriegsverherrlichung und der Verdammung der Ungläubigen die Saat für den islamistischen Terror unserer Zeit.

Heutige Islamkritiker wie Hamed Abdel-Samad weisen, wie bereits Ali Dashti zu seinen Lebzeiten, auf Gewalt, religiöse Intoleranz gegenüber Juden, Christen, Frauen und Homosexuellen im Islam hin. Der Koran unterteilt gnadenlos in Gläubige und in Ungläubige und er weist an wie mit diesen umzugehen ist. Der Hauptunterschied des Korans zu den Schriften anderer Religionen liegt in der verpflichtenden Treue zum Text. Für gläubige Muslime ist der Koran eine Handlungsanweisung, sind die Hadidthen wie der Koran Gottes letzte Botschaft, die für alle Zeiten Gültigkeit haben, mit dem Auftrag die islamische Lehre in der Welt durchzusetzen. Ein Interpretationsspielraum ist bei den angeblichen Worten „Gottes“ nicht möglich. Gottes Wort ist für Gläubige nicht reformierbar! Sehr wohl aber ist das Denken der Muslime reformierbar. Dazu kommt das Prinzip der „Abrogation.“ Im Zweifelsfall gilt in der islamischen Rechtswissenschaft die Aussage der chronologisch nachfolgenden Sure und am Ende des Korans stehen bekanntlich die dschihadistischen Gebote.

Die Mischung aus Minderwertigkeitskomplex und Allmachtsvision macht den Dschihad aus. Ohne die islamische Ideologie könnten islamistische Terroristen nicht ihren mörderischen Dschihad führen. Der islamische Terror gegen „Ungläubige“, die Unterdrückung der Muslime in der islamischen Welt hat ein Vorbild, den Propheten mit seinen Worten und mit seinen Taten. Die Mörder von Charlie Hebdo und Theo van Gogh handelten wie die Gefährten Mohameds,  die ihre Liebe zum Propheten unter Beweis indem sie Menschen ermordeten, die sich abfällig über ihn äußerten. Die Enthauptungen „Ungläubiger“ des Islamischen Staates vor laufender Kamera haben Mohamed zum Vorbild.

Islamische Terroristen legitimieren mit dem Koran ihren Dschihadismus und friedliebende Muslime leiten mit den wenigen Friedenspassagen aus dem Koran die Friedfertigkeit des Islams her. Beides ist in einer aufgeklärten Welt einerseits lächerlich und andererseits furchteinflößend. Das westliche Appeasement an den Islam und der dadurch vollzogene Verrat an der Aufklärung ist dabei nicht viel weniger beängstigend als der politische Islam mit seinem menschenverachtenden Terror.

Der Niedergang der islamischen Welt, seine inneren und externen Konflikte und Kriege, der Zusammenbruch vieler islamischen Länder, ihre wirtschaftlichen Probleme, die wissenschaftliche Erfolglosigkeit der islamischen Welt, der weltweite islamische Terror können nur zurückgedrängt und vielleicht irgendwann besiegt werden, wenn endlich offen die Widersprüche dieser Religion diskutiert und wenn endlich die säkularen muslimischen Oppositionellen in ihrer Aufklärungsarbeit von westlicher Seite massiv unterstützt und geschützt werden. Ohne die Aufklärung stünde das christliche Europa noch im Mittelalter, ohne Aufklärung wird die islamische Welt weiter im Mittelalter verharren und viele Menschen weiterhin sehr unglücklich machen.

Quellen: Ali Dashti, 23 Jahre – Die Karriere des Propheten Muhammad | Hamed Abdel-Samad, Mohamed – Eine Abrechnung

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch + Fleisch

Die Wildente

20. Februar 2017

Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich. Voltaire

wildenteWährend alle auf den Schauspieler warteten, der ihnen versprochen hatte, nach der Aufführung der Wildente gegen halb zwölf zu ihrem künstlerischen Abendessen in die Benzgasse zu kommen, beobachtete ich die Eheleute Solowinski genau von jenem Ohrensessel aus, in welchem ich vor einigen Jahren schon einmal gesessen war, und dachte, dass es ein gravierender Fehler gewesen ist, die Einladung der Solowinski anzunehmen. Viele Jahre habe ich von den Eheleuten Solowinski nichts mehr wissen wollen und viele Jahre habe ich die Eheleute Solowinski nicht mehr gesehen und in diesen Jahren hatten mir die Eheleute Solowinski allein bei Nennung ihres Namens durch Dritte Übelkeit verursacht, dachte ich auf dem Ohrensessel.

Die Scheußlichkeit seiner Beine habe ich die ganze Zeit beobachtet, die in grobgestrickten grauen Trachtenstutzen steckten, seinen von nichts als von Perversität rhythmisierten Gang, seinen haarlosen Hinterkopf. Er passte sehr gut zu seinen verkommenen Freunden, zwei Brüdern wahrscheinlich, religiösen Fanatikern, glühenden Judenhassern, wie ich damals dachte, dachte ich im Ohrensessel, dass ich mich vor Ekel geschüttelt umdrehte Richtung Stephansplatz, als die drei im Abbruchhaus auf dem Moslem-Markt-Platz verschwunden waren, tatsächlich  hatte ich meine Abscheu gegenüber den dreien so weit getrieben, dass ich mich, um zu übergeben, an die Wand vor dem Aidakaffehaus gedreht hatte; aber da schaute ich in einen Aidakaffehausspiegel und sah direkt in mein eigenes verkommenes Gesicht und sah meinen eigenen verkommenen Körper und es ekelte mich vor mir selbst viel mehr, als mich vor dem Solowinski und seinen Freunden geekelt hatte und ich drehte mich wieder um und ging, so schnell ich konnte, auf den Stephansplatz und auf den Graben und auf den Kohlmarkt und schließlich ins Cafe Eiles um mich in einem Haufen Zeitungen zu stürzen um die Begegnung mit dem Solowinski und seinen Begleitern zu vergessen, dachte ich auf dem Ohrensessel.

Die Solowinskis meinten auf einmal, dass sie nur mehr noch eine Viertelstunde warten würden mit dem Abendessen, höchstens bis halb eins, so die Solowinski zur feist und fett und hässlich gewordenen Schriftstellerin Juliette Dillroth, mit welcher sie sich schon eine Zeitlang unterhielt, naturgemäß über Israel, mit welcher die Schriftstellerin Juliette Dillroth, die sich immer als die Virginia Woolf von Wien vorgekommen ist, während sie es doch höchstens bis zu einer sentimentalen geschraubten Schwätzerin und ganz üblen Politproduzentin auf dem Papier gebracht hat in ihren Gedichten und Erzählungen. Die in ihrem schwarzen selbstgestrickten Wollkleid erschienene Schriftstellerin Juliette Dillroth hatte eine Zweitwohnung im Zweiten Wiener Gemeindebezirk ganz in der Nähe der Praterhauptallee und existierte tatsächlich schon jahrzehntelang in der Einbildung, die größte Schriftstellerin, ja Dichterin Europas zu sein, auch an diesem Abend, besser, in dieser Nacht in der Benzgasse, hatte sie nicht einen Augenblick gezögert, der Solowinski zu versichern, dass sie in ihrem letzten Buch einen Schritt weitergegangen als die Virginia Woolf, was ich hörte, weil ich so gute Ohren habe, vornehmlich in der Nacht, ihr Buch übertreffe bei weitem Virginia Woolfs Wellen, meinte sie und zündete sich eine Zigarette an und kreuzte die Beine. Sie werde sich die in der Presse so hochgelobte Wildente ein zweites mal anschauen, diesen hintergründigen Ibsen, sagte sie zur Solowinski, ihr Versuch allerdings, die Wildente in einer Wiener Buchhandlung zu erstehen, sei gescheitert, keine einzige Buchhandlung in der Inneren Stadt habe die Wildente auf Lager gehabt, nicht einmal eine Ausgabe in der Reclam-Universalbibliothek habe sie auftreiben können. Aber sie kenne natürlich die Wildente, liebe Ibsen, vor allem den Peer Gynt, meinte sie in die Nebelschwaden hinein, die sie selbst erzeugte. Sie war eine starke Raucherin und hatte vom Rauchen eine raue Stimme und vom Weißweintrinken ein aufgequollenes Gesicht. In der Zeit, in welcher ich mit den Eheleuten Solowinski verkehrt hatte, war ich auch mit der Schriftstellerin Juliette Dillroth zusammen gewesen, viel zu viel und mit beinahe selbstmörderischer Intensität, wie ich denke.

Anfang der Sechzigerjahre hatte die Juliette die erste offizielle Literaturzeitschrift Frankfurts als Herausgeberin übernommen, von da an war diese Zeitschrift nicht mehr zum Lesen gewesen, im Grunde ein völlig wertloses und also kopfloses und durch und durch langweiliges Blatt geworden, das dieser scheußliche, widerliche und konfuse Staat subventionierte und in welchem immer nur das Abgeschmackteste und Dümmste abgedruckt gewesen ist, vor allem immer wieder die Werke der Juliette Dillroth selbst, die ja nicht nur in dem Glauben gewesen war, eine Nachfolgerin und ja sogar eine Übertrefferin der Virginia Woolf zu sein, sondern auch noch, sie sei eine direkte Nachfolgerin und Übertrefferin der Droste und schreibe die besten Bücher Europas. Aber sie schrieb nur schlechte Bücher, in welchen weder Gefühle noch Gedanken auch nur den geringsten literarischen Wert hatten. Fünfzehn Jahre gab sie die stumpfsinnige Literatur in der Zeit heraus, bis man sie ihr mit dem Versprechen, ihr eine lebenslängliche Rente auszuzahlen, aus der Hand genommen hat.

Einen Fogosch um dreivierteleins Uhr nachts wegen eines Burgschauspielers, in dessen Barthaaren sich jetzt, da er seine Kartoffelsuppe mit der größten Geschwindigkeit, also wie ausgehungert, halb ausgelöffelt hatte, diese Kartoffelsuppe verfangen hatte. Der Ekdal, sagte er und löffelte die Suppe, der Ekdal ist schon jahrzehntelang meine Wunschrolle gewesen, und er sagte, wieder Suppe löffelnd, und zwar alle zwei Wörter einen Löffel Suppe nehmend, also er sagte der Ekdal und löffelte Suppe und sagte war schon und löffelte Suppe und immer meine und löffelte Suppe und sagte Lieblingsrolle gewesen und löffelte Suppe und er hatte auch noch zwischen zwei Suppenlöffeln seit Jahr- und dann wieder nach zwei Suppenlöffeln zehnten gesagt und das Wort Wunschrolle genauso, als redete er von einer Mehlspeise, denke ich. Mehrere Male sagte er der Ekdal ist meine Lieblingsrolle, und ich fragte mich sofort, ob er auch dann immer wieder von dem Ekdal als seiner Lieblingsrolle gesprochen hätte, wenn er keinerlei Erfolg mit seinem Ekdal gehabt hätte. Hat ein Schauspieler in einer Rolle Erfolg, sagt er, es sei seine Lieblingsrolle, hat er mit seiner Rolle keinen Erfolg, sagt er nicht, dass es seine Lieblingsrolle ist, dachte ich. Immer wieder löffelte der Burgschauspieler die Kartoffelsuppe und sagte, der Ekdal sei seine Lieblingsrolle. Als ob nur er etwas zu sagen hätte, sagten alle anderen lange Zeit nichts, löffelten ihre Suppe und starrten den Burgschauspieler an.

Der Burgschauspieler hat schon wenigstens zwei oder drei Gläser Champagner getrunken bei seinem Eintritt in die Benzgassenwohnung dachte ich, als er sagte, die Dichtung wird ja erst lebendig wenn ein guter Schauspieler sie zum Leben erweckt. Darauf legte er beide Hände auf den Tisch und reckte seinen Schauspielerkopf in die Höhe und sagte zu seinem Gastgeber, dem Solowinski: Ihr sagenhaftes Interview, lieber Freund, habe ich sehr genossen. Darauf hatten alle geschwiegen und gedacht, der Fogosch werde aufgetragen, aber sie irrten, die Köchin war ohne jede Speise eingetreten und hatte nur gefragt, ob der Fogosch serviert werden könne. Die Solowinski bedeutete der Köchin, der Fogosch könne nun aufgetragen werden.

Wenn die Burgschauspieler sehen würden, wie miserabel sie Theater spielen, müssten sie sich doch alle umbringen. Mit Ausnahme Ihrer Person, sagte der Solowinski und leerte sein Glas. Ja, wissen Sie, sagte darauf der Burgschauspieler, wenn Sie eine solche Ansicht vom Burgtheater haben, warum gehen Sie denn dann überhaupt hin? Worauf der Solowinski sagte, dass er schon zehn Jahre nicht mehr im Burgtheater gewesen sei. Die Solowinski verbesserte ihren Mann aber augenblicklich und meinte, sie sei mit ihm erst vor zwei Wochen im Aufschub gewesen. Achja, im Aufschub, sagte darauf der Solowinski, dieser Idiotenscheiß von diesem ochsenfroschhaften Maulhelden, dass es mir den Magen umgedreht hat und dass ich es auch gleich wieder vergessen habe. Der Burgschauspieler hatte nicht gleich gewusst, wie er auf den Solowinski reagieren solle. Das Burgtheater hat immer Feinde gehabt, wie alles, das letztenendes doch das Beste ist, sagte er. Das Burgtheater ist immer vor allem von denen angefeindet worden, die unbedingt an das Burgtheater wollten, die das Burgtheater aber abgelehnt hat. Der Burgschauspieler dann, wo sehen Sie denn eine solche Wildente, wie die, die wir gerade im Akademietheater spielen, nirgends, da können Sie hingehen, wo Sie wollen, eine solche Wildente wird nirgendwo gespielt. Nirgendwo, sagte der Solowinski darauf, wenn Sie doch selbst gerade vorher gesagt haben, dass diese Wildente im Akademietheater missglückt ist, dass nur Ihr Ekdal gelungen sei, wie die Kritiker schreiben, Ihr Ekdal ein grandioser Ekdal ist, die Aufführung aber überhaupt nichts wert. So kann man es auch nicht sagen, sagte der Burgschauspieler darauf, man kann nicht sagen, diese Wildente ist nichts wert, wenn sie auch missglückt ist. Aber selbst diese missglückte Wildente ist noch um vieles besser, als alle andern Wildenten, die ich jemals gesehen habe, und ich habe alle Wildenten, die in den letzten Jahrzehnten aufgeführt worden sind, gesehen. Ich habe die Wildente seinerzeit in Berlin gesehen, die erste Nachkriegswildente, sagte der Burgschauspieler, in der Freien Volksbühne, aber auch die Wildente im Schillertheater. Lauter missglückte Aufführungen, sagte der Burgschauspieler, auch in München und in Stuttgart. Das deutsche Theater wird doch nur von ganz inkompetenten Leuten gelobt, die selbst nicht wissen, was das Theater überhaupt ist.  Diese Wildente im Akademietheater ist die beste Wildente, die ich jemals gesehen habe und ich bin nicht voreingenommen, sagte er, wenn ich auch in dieser Wildente den Ekdal spiele, sie ist mit Abstand die beste Wildente. Ich habe einmal die Wildente in Stockholm gesehen, sagte der Burgschauspieler, Vildanden heißt die Wildente auf Schwedisch. Sie gefiel mir gar nicht. Ich glaubte, nach Stockholm reisen zu müssen, um die beste Wildente zu sehen, die zu sehen ist, aber diese Wildente war eine einzige Enttäuschung. Es ist nicht so, dass die nordischen Theater die nordischen Stücke am besten spielen. Ich habe einmal eine Wildente in Augsburg gesehen, die hat mir viel besser gefallen. Natürlich hängt in der Wildente alles vom Ekdal ab. Ist der Ekdal schlecht, ist das ganze Stück schlecht, ist die ganze Aufführung schlecht. Glauben Sie ja nicht, dass Sie in Salzburg oder in Wien den idealen Mozart zu hören und zu sehen bekommen.

Da nur die Schriftstellerin Juliette die Wildente im Akademietheater gesehen hatte und die übrigen überhaupt nicht gewusst hatten, was die Wildente eigentlich ist, erst mit der Zeit, dass es sich um ein Theaterstück handle, waren sie zum Schweigen verurteilt, ab und zu nickten sie, schauten direkt in das Gesicht des Burgschauspielers oder augenblicklich von diesem weg auf die Tischdecke, oder ganz einfach in ihrer Ausweglosigkeit in ihr Gegenüber; sie hatten gar keine Chance, sich an dem zu beteiligen, das der Burgschauspieler zum Besten gegeben hat, deshalb so ungeniert, weil ihn kein Mensch daran gehindert, im Gegenteil, die Solowinski ihn immer wieder dazu aufgefordert hatte, zu reden, und da er gerade aus der Wildente gekommen war, redete er naturgemäß andauernd von der Wildente im Akademietheater und ihren Zusammenhängen.

Ich habe meinen Text immer vollständig im Gedächtnis, wenn die Probe beginnt. Aber es ist ekelhaft, wenn die Kollegen ihren Text nicht können. Das ist ekelhaft, wiederholte der Burgschauspieler und nahm sich noch ein Stück Fogosch, der zu einer mit viel zu viel Kapern angereicherten Sauce serviert wurde. Ein halbes Jahr lang habe er den Ekdal studiert, sich für dieses Ekdalstudium sogar einmal auf drei Wochen auf eine einsame Berghütte zurückgezogen, da in dieser tatsächlichen Einsamkeit, sagte der Burgschauspieler, sei ihm der Ekdal erst richtig aufgegangen. Der Ekdal war immer meine Wunschrolle, sagte er, aber ich hatte den Ekdal nie richtig verstanden. Erst als ich in der Berghütte mich auf nichts anderes konzentrierte, begriff ich, was dieser Ekdal ist, überhaupt, was die Wildente ist. Während der Burgschauspieler sagte, dieser Ekdalerfolg war ja überhaupt nicht vorauszusehen, beobachtete ich die Schriftstellerin Juliette Dillroth, die schon unruhig geworden war, weil sie sich zurückgesetzt fühlte, an diesem Abend nicht der Mittelpunkt sein konnte, der sie immer hatte sein wollen, durch die Bemerkungen des Burgschauspielers nicht zum Reden gekommen war bis jetzt, obwohl sie andauernd etwas sagen hatte wollen und es nicht sagen hatte können. Aber jetzt, als der Burgschauspieler gesagt hatte, dass der Ekdal die schwierigste Rolle sei, die er jemals einstudiert und gespielt habe, sagte sie, dass sie finde, der strindbergsche Edgar sei doch die schwierigere Rolle, der Edgar ist doch viel schwieriger, sagte sie, als der Ekdal, sie habe jedenfalls immer den Eindruck, wenn sie den Edgar lese, dass der Edgar viel schwieriger sei, als der Ekdal, den Ekdal habe sie niemals als eine schwierige Rolle betrachtet, wenn sie davon absehe, dass alle Rollen, also gleich welche, schwierige seien, wenn sie gut gespielt werden wollen und gut gespielt werden, sie empfinde beim Lesen immer, dass der Edgar viel schwieriger sei als der Ekdal. Nein! rief der Burgschauspieler, die schwierigere Rolle ist der Ekdal, das ist doch ganz klar. Da könne sie dem Burgschauspieler nicht zustimmen, meinte die Juliette Dillroth, und sie ließ durchblicken, dass sie einmal Theaterwissenschaft studiert habe, übrigens bei dem berühmten Professor Kindermann, also auch an diesem Abend wieder das gesagt hatte, was sie immer bei solchen Gelegenheiten gesagt hat, dass sie eine Schülerin Kindermanns sei; vielleicht müsse ein Schauspieler, sagte die Juliette Dillroth, denken, der Ekdal sei die schwierigere Rolle, während es doch die des Edgar sei. Nein wissen Sie meine liebe Freundin, sagte der Burgschauspieler zur Schriftstellerin Juliette Dillroth, wenn man so, wie ich, Jahrzehnte Schauspieler ist und noch dazu auf dem Burgtheater und seit man überhaupt zurückdenken kann, nur erste Rollen spielt, weiß man doch, wovon man redet. Natürlich, als Theaterwissenschaftler hat man von dem Theater überhaupt andere Ansichten, sagte der Burgschauspieler, aber es sei doch gar keine Frage, dass der Ekdal die schwierigere, der Edgar die viel leichtere Rolle sei, leichter, was das Spielen einer solchen Rolle betrifft, vergessen Sie das nicht, sagte der Burgschauspieler zur Juliette Dillroth. Diese gab sich mit dem, das der Burgschauspieler gesagt hatte, nicht zufrieden und sagte, dass es doch, seit es den Edgar und den Ekdal gebe, immer erwiesen gewesen sei, dass der Ekdal die leichter zu spielende Rolle sei, nicht der Edgar. Das habe Kindermann, ihr Lehrer, ja auch in einer Schrift ganz eindeutig klar gestellt, die Kindermannsche Schrift trage den Titel Edgar und Ekdal, ein Vergleich, ob der Burgschauspieler diese Schrift denn nicht gelesen habe, fragte ihn die Juliette Dillroth, worauf der Burgschauspieler sagte, er kenne diese Kindermannsche Schrift nicht. Das sei bedauerlich, meinte die Juliette Dillroth, denn wenn der Burgschauspieler die Kindermannschen Ausführungen über Edgar (von Strindberg) und Ekdal (von Ibsen) gelesen hätte, bevor er den Ekdal zu probieren angefangen habe, hätte er sich sehr viel Unangenehmes, die Erarbeitung der Wildente betreffend, erspart, und der Solowinski, der schon die ganze Zeit auf der Lauer gesessen war, um auch einmal etwas zu sagen, sagte plötzlich: Igitt, ein wochenlanger Aufenthalt auf einer Berghütte, was für ein Idiotenscheiß! worauf der Burgschauspieler selbst auf einmal ein anderes Thema wünschte, denn er sagte, dass er auf dem Weg in die Benzgasse einen seiner Handschuhe verloren habe. Wäre er nicht schon zu spät in die Benzgasse unterwegs gewesen, er wäre umgekehrt, um den verlorenen Handschuh zu suchen. So aber habe er nicht umkehren können, um die Solowinskischen nicht noch mehr auf die Folter zu spannen. Die Solowinski, die einen zweiten Fogoschgang an den Tisch hatte bringen lassen, meinte, dass es doch bedauerlich sei, dass der Burgschauspieler auf dem Weg in die Benzgasse einen seiner Handschuhe verloren habe, einen Handschuh verlieren, meinte sie, sei doch genauso schlimm, wie alle beide, denn ein einziger Handschuh sei wertlos. Ja, meinten alle am Tisch, alle hätten sie schon einmal einen Handschuh verloren und das gleiche gedacht. Möglicherweise habe aber der Finder des Handschuhs diesen abgegeben. Ja, igitt wo denn abgegeben? fragte der Solowinski seine Frau und war auch schon in ein Gelächter ausgebrochen, das gleich auch alle andern zu einem eigenen Gelächter herausgefordert hatte und sie lachten über die Solowinskische Frage an seine Frau, wer denn wo diesen verlorenen Handschuh abgegeben habe oder noch abgeben könnte und darauf berichtete tatsächlich jeder an dem Tisch Sitzende seine Handschuhgeschichte, denn jeder am Tisch hatte schon einmal einen seiner Handschuhe verloren und den Verlust eines seiner Handschuhe genauso schmerzlich empfunden, wie den Verlust von einem ganzen Handschuhpaar.

Die Solowinski ging mit einem Glaskrug voll Weißwein von einem zum andern, die ganze Gesellschaft war aber auf einmal so müde geworden, dass sie kaum mehr an Wein oder anderen Getränken Interesse zeigte, nur der Solowinski selbst trank auch jetzt noch, wie gesagt werden kann, ununterbrochen. Das wahrscheinlich seine Aufnahme in die sogenannte Trinkerheilstätte Kalksburg wieder einmal kurz bevorstehe, dachte ich, ihn von der Seite betrachtend, seine eingefallenen Schläfen, an welchen dicke wässerige Backen hingen; wenn dieser Anblick nicht so abstoßend gewesen wäre, hätte ich ihn ganz einfach als grotesk empfunden, aber das konnte ich nicht, denn in Wahrheit bedauerte ich doch den Zustand des Solowinski aufs tiefste.

Dieser Mensch saß aufgeblasen und aufgeschwemmt neben mir und hatte nur mehr noch die Möglichkeit, durch zeitweiliges Lallen auf sich aufmerksam zu machen. Wieder hat er diese grotesken Strickstrümpfe an, dachte ich, diese letztenendes doch nur geschmacklose gewalkte Bauernjacke, dieses an ihm noch mehr als an einem Andern lächerliche buntbestickte Naturleinenhemd mit dem Stehkragen. Die Solowinski litt ganz offensichtlich an dem pervers-geisteskranken Zustand ihres Mannes, konnte diesen Zustand nicht ändern, sie hatte den Solowinski eine Stunde vorher schon aus der Gesellschaft hinaus und zu Bett bringen wollen, aber es war ihr nicht geglückt, ein weiterer Versuch, ihren Mann, den alles in allem durch Trunksucht infantilen Solowinski, aus dem Fauteuil und also aus dem Musikzimmer hinaus und ins Bett zu bringen, scheiterte jetzt; der Solowinski hat sie mit dem vollen Weinglas in der Hand weggestoßen und sie dabei am Auge verletzt und außerdem den ganzen Wein auf dem Boden verschüttet und sie, wie schon den ganzen Abend, immer nur eine dumme inkontinente Gans genannt. Ab und zu war der Solowinski ja noch in der Lage, etwas zu sagen, sogar ganze Sätze gelangen ihm noch, etwa der Satz Igitt, dieser Bretmbrgrrr ist mit Abstand der blödeste und inkoninenteste Typ, der mich jemals angepisst hat,  mit welchem er jetzt mehrere Male die Aufmerksamkeit dieser Musikzimmergesellschaft auf sich gezogen hatte, den er immer wiederholte, als Schriftsteller mit exakt-mathematischer Rhythmisierung. Oder den Satz Bähh, mit seinen vertrottelten Triumphposen kann der die Meinungsmaschine, aber nicht mich beeindrucken oder den Satz Igitt, diese inkontinente Null gehört in die Gummizelle, bähh. Diese Sätze kannte ich nur zu gut, um sie noch als originell zu empfinden, aber sie waren mir an diesem Abend auch nicht mehr peinlich gewesen, wie vielleicht den Andern, die diese Sätze noch nicht von ihm gehört hatten, noch nicht von ihm kannten, wie der Burgschauspieler, der diese Solowinskischen Sätze offensichtlich vor diesem Abend noch nicht gehört hatte und für den sie peinlich gewesen waren, wie ich feststellte. Aber mein lieber Solowinski, was haben Sie denn? sagte der Burgschauspieler auf einmal, was regen Sie sich denn so auf.

Die Juliette Dillroth saß auch im Musikzimmer mir gegenüber, sie sagte nichts, beobachtete die Szene zwischen dem Solowinski und dem Burgschauspieler, von welchem sie sich noch im Speisezimmer eine sogenannte geistige Unterhaltung, wie sie das immer bezeichnet hat, gewünscht hatte, die aber nicht zustande gekommen war, weil der Burgschauspieler tatsächlich auf keine ihrer Fragen eingegangen ist, sich mit ihr überhaupt nicht in ein Gespräch eingelassen hat, ihr nicht die geringste Chance gegeben hat, eine geistige Unterhaltung mit ihr zu führen, der Burgschauspieler hatte es vorgezogen, sich dem echten Fogosch zu widmen und sich ganz auf seine Anekdoten zurückzuziehen. Der Solowinski, den Juliette Dillroth allen Ernstes als einen Novalis des Antirassismus bezeichnet hat, war längst unzurechnungsfähig gewesen und lallte von Zeit zu Zeit nur mehr noch unverständliches, nachdem er um viertel nach vier Uhr nachts, wahrscheinlich um ein letztes Mal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft im Musikzimmer auf sich zu ziehen, urplötzlich sein Unterkiefergebiss aus dem Mund genommen und dem Burgschauspieler wie eine Trophäe vor das Gesicht gehalten hat mit der Bemerkung, dieser Bretmbrgrrr, dieser philosemitische Moslemhasser, denunziatorische Trottel und sentimentale Schwätzer mit seinem Idiotenscheiß gehört weggesperrt in die Gummizelle, was den Burgschauspieler mehrere Male das Wort geschmacklos hatte sagen lassen, während der Solowinski sein Gebiss wieder in seinen Mund zurücksteckte, die Solowinski aber naturgemäß wieder einmal in ihrem Sessel aufspringen hatte lassen in der Absicht, ihren Mann aus dem Musikzimmer in das Schlafzimmer zu befördern, was ihr aber wieder nicht gelungen war; der Solowinski drohte seiner Frau mit dem Umbringen und stieß sie weg, so dass sie gegen den Burgschauspieler stolperte, der sie aber aufgefangen und in seine Arme genommen hat. Ach wie geschmacklos, igitt! Hatte der Solowinski selbst ein paarmal ausgerufen und war dann in seiner  Bauernlodenjoppe eingenickt.

Als der Burgschauspieler schon mehr getrunken gehabt hat, als ihm im Grunde zuträglich, hat er angefangen, fortwährend den Satz, über die Jahrhunderte der Diaspora hat sich bei Juden ein fast schizophrener Verfolgungswahn entwickelt, auszusprechen, daraufhin prosteten nach kurzem anfänglichem Schweigen, die beiden fanatischen Brüder dem Burgschauspieler begeistert zu. Als der Burgschauspieler daraufhin noch sagte Ich dachte, das neue freie Deutschland hätte sich langsam aus den sich selbst auferlegten Fesseln gelöst, man wird doch was gegen einen Vernichtungskrieg mit ethnischen Säuberungen sagen dürfen erschien der Abend für den Burgschauspieler als ein einziger Triumph. Die Juliette Dillroth tat erst so als ob sie nichts gehört hätte und rückte verlegen ihr schwarzes selbstgestricktes Wollkleid zurecht, sagte dann aber über die Wortwahl lässt sich diskutieren,  mein guter Freund, aber den Rassismus und die Brutalität dieses Staates muss man wahrlich kritisieren dürfen, dass sind wir den Helden des Befreiungskampfes unbedingt schuldig. Das Widerwärtige war hier schon immer widerwärtiger, das Abgeschmackte schon immer abgeschmackter und das Lächerliche schon immer lächerlicher.

Als der Burgschauspieler sich verabschiedet und der Solowinski die Hand geküsst hat auf seine schmierige Burgtheaterweise, wie er dann auch noch der Juliette Dillroth ein Kompliment gemacht hat, ein völlig überflüssiges, unsinniges Kompliment, ein unverschämtes, indem er ihr, während er ihr die Hand küsste, gesagt hat, dass ihm ihr geistiger Wagemut gefalle, tatsächlich, er hat gesagt, Ihr geistiger Wagemut gefällt mir, war er mir der noch widerliche Mensch und noch widerliche Burgschauspieler, der er mir von allem Anfang an gewesen war.

Ich hatte auch viel getrunken, mehr als mir gut tut, denke ich, aber doch nicht so viel, wie der Burgschauspieler, ganz zu schweigen vom Solowinski, der gar nicht mehr aufgewacht ist, bevor sie alle die Benzgasse verlassen hatten, auch die beiden Brüder der islamistischen Plattform, die nur immer von ihrer religiösen Pflicht gefaselt hatten, ohne sagen zu können, warum nun alle diese Pflicht erfüllen sollen, waren schließlich total betrunken gewesen und hatten Mühe, von ihren Sitzplätzen aufzustehen. Am Ende war der Burgschauspieler allein jener, der von allen noch die Kraft und dazu auch noch die Fähigkeit gehabt hatte, sich nicht nur ordentlich, sondern auf die höflichste Weise, wie gesagt werden kann, aus der Benzgasse zurückzuziehen, denn alle anderen waren dazu nicht mehr imstande gewesen. Was für ein ausgezeichneter Fogosch es doch gewesen sei, meinte der Burgschauspieler am Ende zur Solowinski und ging dann als Erster und ganz allein die Vorhaustreppe hinunter, während ihm die Solowinski noch lange Zeit nachschaute. Er torkelt nicht einmal, dachte ich, wie ich den die Vorhaustreppe hinuntergehenden Burgschauspieler von oben, also noch an der Wohnungstür stehend, beobachtete.

Ich lief die Vorhaustreppe hinunter, als wäre ich zwanzig Jahre jünger, zwei, drei, ja vier Stufen auf einmal nehmend. Im Vorhaus unten sagte ich mir, dass es unsinnig gewesen ist, der Solowinski zum Abschied die Stirn zu küssen,  dachte ich; mich ärgerte diese Tatsache auf dem ganzen Weg aus der Benzgasse in die Stadt. Die Stirn hast du ihr geküsst, wenigstens nur die Stirn, sagte ich mir dann die ganze Zeit auf meinem Weg durch die noch finstere Stadt und ärgerte mich über diese Tatsache. Wie verlogen ich doch selbst war, ihr sogenanntes künstlerisches Abendessen sei mir ein Vergnügen gewesen, wo es mir doch nichts weniger als abstoßend gewesen war. Um uns aus einer Situation zu erretten, denke ich, sind wir selbst genauso verlogen wie die, denen wir diese Verlogenheit andauernd vorwerfen und derentwegen wir alle diese Leute fortwährend in den Schmutz ziehen und verachten, das ist die Wahrheit; wir sind überhaupt um nichts besser, als diese Leute, die wir andauernd nur als unerträgliche und widerliche Leute empfinden, als abstoßende Menschen, mit welchen wir möglichst wenig zu tun haben wollen, während wir doch, wenn wir ehrlich sind, andauernd mit ihnen zu tun haben und genauso sind wie sie.

Als ich das Haus verlassen hatte und lief und lief und dachte, dass ich, wie allem Fürchterlichen, auch diesem fürchterlichen sogenannten künstlerischen Abendessen in der Benzgasse entkommen bin und dass ich über dieses sogenannte künstlerische Abendessen in der Benzgasse schreiben werde, ohne zu wissen, was, ganz einfach etwas darüber schreiben werde und ich lief und lief und dachte, ich werde sofort über dieses sogenannte künstlerische Abendessen in der Benzgasse schreiben, egal was, nur gleich und sofort über dieses künstlerische Abendessen in der Benzgasse schreiben, sofort, dachte ich, gleich immer wieder, durch die Innere Stadt laufend, gleich und sofort und gleich und gleich, bevor es zu spät ist.

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Nach dem Roman Holzfällen von Thomas Bernhard. Im Gegensatz zu Holzfällen beruht die Wildente auf keinerlei wahren Begebenheiten. Die Personen und die Handlung und die Redewendungen der Wildente sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.  Die Veröffentlichung von Holzfällen löste einen Skandal aus, weil sich ein Bekannter und früherer Freund Bernhards, der österreichische Komponist Gerhard Lampersberg, in der Figur des Herrn Auersberger zu erkennen glaubte und Ehrenbeleidigungsklage einreichte. Das Urteil des darauf folgenden Prozesses verfügte die Beschlagnahmung der gedruckten Exemplare. So stürmten bewaffnete Polizisten österreichische Buchhandlungen und beschlagnahmten Holzfällen. Kurz darauf zog Lampersberg die Klage zurück und das Buch durfte wieder verkauft werden.

In seinen autobiographischen Schriften schreibt Thomas Bernhard über seine Kindheit in Oberbayern. Was Thomas Bernhard mit Paul Breitner, Papst Benedikt, Klaus Croissant und Andreas Baader zu tun haben könnte ist in Die Brezen der Bäckerei Hilger nachzulesen.

Spinoza und das Judentum

3. Februar 2017

 

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Spinozas Bann, Portugees-Israëlitische Gemeente, Amsterdam    (© Wikipedia)

 

Bevor ich mit dem dritten Teil die kurze Serie über Spinoza abschließen werde, möchte ich noch zwei Korrekturen zum ersten Teil „Spinozas Religionskritik“ anbringen. Der Ausschluss Spinozas aus der jüdischen Gemeinde Amsterdams fand 1656 statt und nicht 1665, ein äußerst peinlicher Tippfehler.  Ich habe ihn bereits korrigiert.

Die andere Korrektur hat mir ein aufmerksamer Leser zugetragen, dem folgendes Zitat von Will und Ariel Durant aufgefallen ist: „Er erkannte und bewies die Schwierigkeit, das Hebräische des Alten Testaments zu verstehen; die Vokalisierung und Akzentuierung des Massoratextes beruhte teilweise auf Vermutungen und konnte schwerlich als unanfechtbare Urfassung gelten kann.“ (Durant 1982, S.159)

Der Leser, der ein Experte auf dem Gebiet alter Sprachen ist, und auch des Althebräischen mächtig schrieb mir: „Was Durant da schrieb ist vollkommen falsch. (…) Es ist hingegen so, dass der alttestamentarische Text auch problemlos ohne Vokalisierung gelesen werden kann. Da es sich hier um eine fast „mathematisch“ genaue Sprache handelt, gibt es fast keine Probleme des Verständnisses, es sei denn der Originaltext war schon leicht beschädigt, was manchmal tatsächlich vorkommt. Von Spinoza wissen wir, dass er eine ausgesprochene Aversion gegen das Hebräische hatte. Die Massora war eigentlich für jene gedacht, die die Sprache nur mangelhaft beherrschten. (…) Ich weise noch darauf hin, dass die großen und fast vollständigen Qumran-Texte sämtlich ohne Vokalisierung sind, sprachlich den biblischen Texten sehr nahe stehen und hinsichtlich des Verständnisses überhaupt keine Probleme darstellen. Jeder Orientalistik-Student heutzutage muss unvokalisierte hebräische Texte lesen können.“

Da ich die Meinung dieses Experten sehr schätze kann ich nur darauf verweisen, dass es immer ratsam ist, sich nicht auf eine einzige Quelle zu verlassen. Das Missverständnis Durants dürfte vor allem mit der Kritik Spinozas der Quellen im TTP zu tun haben, die wenig Angaben darüber machen, ob es um rein interpretatorische oder konkret inhaltliche Fehler geht, die er in den alttestamentarischen Texten fand. Spinoza nahm an, dass seine Leser um den Kontext Bescheid wussten und hielt sich mit solchen Details nicht auf.

Gleichzeitig enthält diese Anmerkung einen sehr wertvollen Hinweis, mit dem ich beginnen will den Bruch Spinozas mit dem Judentum oder wie er das wohl sehen würde, den Bruch des Judentums mit Spinoza in einen Kontext zu stellen.

1.

Als Spinoza 1656 aus der jüdischen Gemeinde ausgeschlossen wurde war er noch keine 24 Jahre alt. Er gehörte damals einer kleinen Gruppe der jüdischen Gemeinde an, die im Austausch und Dialog mit der intellektuellen Elite Amsterdams stand. Zu den Leuten, die in diesem Zusammenhang immer wieder genannt werden gehörte Spinozas Lehrer Uriel da Costa und der Arzt und Philosoph Juan de Prado. Beide vertraten ketzerische Ansichten in Bezug auf die Unsterblichkeit der Seele. Da Costa wurde mehrmals ausgeschlossen und wiederaufgenommen und erschoss sich nach der letzten Exkommunikation, als Spinoza acht Jahre alt war. De Prado wurde 1658 exkommuniziert und kehrte nach Ablehnung einer Bitte um Aufhebung des Banns so wie Spinoza nie wieder in die Gemeinde zurück. Dem Ausschluss selbst waren monatelang Gespräche der Gemeindeoberen mit Spinoza voran gegangen, in denen sie ihn mit den Vorwürfen konfrontierten, die Spinoza eins um andere Mal bestätigte oder abstritt, aber schließlich siegte seine Unerbittlichkeit, die ihn dazu bewog keine Lügen zu erzählen, wenn es um seine persönlichen Zweifel am Glauben ging. Das Dokument, das seine Exkommunikation bestätigte und ihm nicht näher beschriebene „abscheuliche Häresien“ und „bösartige Ansichten“ vorwarf, erschöpfte sich in wütenden Flüchen über seine Person, der Prognose seiner Strafen im Leben danach und dass alle Vorwürfe von glaubwürdigen Zeugen bestätigt worden seien.[1] Bis heute gibt es keine sicheren Angaben darüber welche Häresien konkret Spinoza zur Last gelegt wurden. Es gibt in der Bibliographie kein Werk, das er vor 1656 geschrieben hat, also muss sich der Vorwurf der Häresie auf Gespräche und Angaben von Ohrenzeugen bezogen haben, die Spinoza mit anderen vom Bann bedrohten Mitgliedern der Gemeinde geführt haben mag und in denen es um den Zweifel an der Authentizität der Bibel und der Heiligen Schrift gegangen sein dürfte. Die einzige zeitgenössische Quelle, die sich über die Vorwürfe an Spinoza äußert, findet sich ausgerechnet im Bericht eines Informanten der Spanischen Inquisition, der an seine Vorgesetzten von Spinozas Ausschluss berichtet, dass die inkriminierten Ansichten gewesen sein: das (jüdische) Gesetz, die Halacha repräsentiere keine höhere Wahrheit, die Seele würde mit dem Körper sterben und Gott existiere bloß in einem philosophischen Sinn.[2] Der Vorwurf Spinoza würde dem jüdischen Gesetz, wie es in den jüdischen Gemeinden seit alters her zur Regelung des täglichen Lebens verwendet wurde, feindlich gegen über stehen, geht aus seinen kritischen Überlegungen zur Authentizität der Heiligen Schriften eindeutig hervor. Er hatte nichts für Speisevorschriften, Beschneidungsrituale oder der Einhaltung des Sabbaths übrig und verwarf sie als überholte Traditionen ohne wirklichen Sinn und einem an der Vernunft orientierten Leben als hinderlich. Dass die Seele mit dem Körper sterben und es somit keinen Himmel, Hölle oder irgendein Jenseits geben würde, geht aus der Ethik hervor, die endliche Modi deklariert, die aus ihrer eigenen Natur heraus keine Dimension des Unendlichen annehmen können. Die Behauptung, dass Gott nur in einem philosophischen Sinne existiert, ist missverständlich. Spinoza behauptet, dass kein personaler Schöpfergott existiert, sondern nur ein abstraktes Prinzip, das mit der Natur identisch ist. Er ist in diesem Sinne auch kein Atheist gewesen, weil er anders als der neuzeitliche Atheismus an einer metaphysischen Dimension jener Natur fest hielt. Interessant an diesem Bericht ist außerdem, dass Spinozas wesentliche Ideen bereits sehr früh bei ihm manifest gewesen sind. Es kann jedenfalls keinen Zweifel daran geben, dass keine religiöse Autorität solche Meinungen unter sich dulden konnte, aber dies ist trotzdem nicht der einzige Grund für die Schärfe mit der dieses Dokument daher kommt.

Bann und Ausschluss aus der Gemeinde kamen öfter vor, aber die meisten Bannsprüche waren temporär und die meisten wurden nach Widerruf und öffentlicher Reue wieder aufgenommen.[3] Nicht so Spinoza. Wie im cherem, dem Dokument seines Ausschlusses fest gehalten wird, haben sich die Oberhäupter der Gemeinde zwar bemüht seine fehlerhaften Ansichten zu korrigieren und hatten ihn zuvor mehrmals verwarnt, aber schließlich hatte Spinoza sich geweigert seine frevelhaften Ansichten zurück zu nehmen. Die Rabbiner waren so besorgt, dass sie ihm sogar eine lebenslange Rente anboten, wenn er seine Ansichten für sich behalten sollte. Aber auch dies lehnte Spinoza kategorisch ab.[4] Der Bann wird durch das unmissverständliche Verbot beendet, dass niemand aus der Gemeinde mit ihm reden, ja sich nicht einmal bis auf eine bestimmte Distanz nähern durfte und es wurde jedem dezidiert verboten einen von Spinoza geschriebenen Text zu lesen oder gar zu verbreiten.

Die jüdische Gemeinde Amsterdams bestand zu einem großen Teil aus den sogenannten Marranen, so wurden die Juden aus Portugal und Spanien bezeichnet, die vor der Reconquista geflohen waren oder noch Jahrzehnte danach als conversos unter dem Terror der Inquisition gelitten hatten. Als conversos bezeichnete man jene, die zwangschristianisiert wurden, aber ihr jüdisches Erbe trotz brutalster Verfolgung im Geheimen weiter gelebt hatten. Immer wieder wurden von der Inquisition conversos verhaftet und nach Schauprozessen ermordet. Die in Holland Neuankommenden wurden von den etablierten Rabbinern außerdem mit Argwohn betrachtet, weil die conversos viele Teile der Halacha unter dem Druck der Verfolgung nicht mehr kannten oder seit Generationen nicht mehr praktiziert hatten. Den Vorstehern der Gemeinde oblag es die Neulinge wieder ein geordnetes Leben unter dem jüdischen Gesetz zu ermöglichen und ihre Rabbiner in die theologische Arbeit einzugliedern. Die geflüchteten Marranen hatten eine Kultur der Angst und der größtmöglichen Wachsamkeit mitgebracht. Sie waren dankbar für die Duldung durch den holländischen Staat und konnten sich dank ihrer Verbindungen rasch im Geschäftsleben der Amsterdamer Elite etablieren. Gleichzeitig registrierten sie sehr feinfühlig die geringsten Erschütterungen politischer Tektonik und bemühten sich nach Kräften mit allen um die Macht konkurrierenden Eliten immer im Einvernehmen zu bleiben.[5] Die ehemals Verfolgten waren ganz besonders strenggläubig und dogmatisch und misstrauten Ideen von außen. Ihnen muss das Aufkommen dieser häretischen Ideen und eine mögliche öffentliche Denunziation durch die Machthaber als konstantes Bedrohungsbild gegenwärtig gewesen sein. Die Erfahrung hatte sie gelehrt, dass ihr Überleben davon abhing keiner Autorität von sich aus einen Grund zu geben sie zu verfolgen. Das Glück der jüdischen Gemeinde war es, dass Holland keine einheitliche christliche Bevölkerung hatte. Neben einigen wenigen Katholiken, waren die Protestanten in unterschiedliche Kirchen verschiedener Bekenntnisse zerfallen, deren Macht und Einfluss zwar immer noch groß, aber nicht vergleichbar mit dem enormen Apparat der spanischen Kirche gewesen ist. Calvinisten galten als intoleranter als Lutheraner und jene galten als weniger duldsam als die Anhänger Zwinglis.[6] Nichtsdestotrotz konnten antisemitische Populisten jederzeit für Unruhe sorgen und das Klima unsicher machen, wenn sich mächtige Adelige beim gemeinen Volk beliebt machen wollten. Für den jungen Spinoza, der bereits in Holland geboren wurde, mag das alles bloß Ausdruck eines altmodischen und konservativen Opportunismus gewesen sein, den er als unnötig betrachtete. Die Inquisition war weit weg und hatte keine Macht in Amsterdam. Er selbst hatte unter den Gebildeten und Parteigängern der sogenannten „Staatsgesinnten“ Freunde und Unterstützung gefunden, die ihm das Gefühl gaben am Puls der Zeit zu sein.

2.

Zwei Jahre vor Spinozas cherem war Jan de Witt zum Ratspensionär von Amsterdam ernannt worden, das höchste Amt, das ein nicht Adeliger in der Stadt einnehmen konnte. De Witt kontrollierte durch eine kluge Heirat die Ostindienkompanie und war als oberster Beamter der Stadt auch Hollands wichtigster Politiker.[7] Er schaffte es in kurzer Zeit enorme politische Macht in seinen Händen zu akkumulieren, modernisierte die Stadtverwaltung, förderte die Wissenschaft und die Kunst und drängte für die nächsten anderthalb Jahrzehnte den Einfluss der Oranier Prinzen zurück, deren dynastische Kämpfe und Nachfolgestreitigkeiten die Geschäfte der holländischen Kaufleute empfindlich störten. Die Kaufmannsgilde Amsterdams war das eigentliche Machtzentrum dieser Zeit. Das Drängen der frühen venture capital getriebenen kapitalistischen Märkte nach einer kompletten Durchdringung der ganzen Gesellschaft mit den Ideen der Aufklärung traf auf eine noch feudalistisch dominierte Kultur, die sich dem Reichtum der Ostindienkompanien zwar nicht entziehen konnte, aber immer versuchte den gesellschaftspolitischen Auswüchsen wie Religionskritik und Zweifel an der Existenz Gottes mit aller Gewalt Herr zu werden. In diesem Spannungsfeld befindet sich Spinozas Philosophie. Ihm selber muss es in der Gesellschaft der Gebildeten und Mächtigen Amsterdams erschienen sein, als befände sich das alte Regime bereits in seinen letzten Zügen. Das politische Programm der „Staatsgesinnten“ deklarierte unter anderem das Ziel eines dauerhaften Friedens in Europa, das für die Geschäftstätigkeiten der Kaufmannsgilde zu diesem Zeitpunkt enorm nützlich betrachtet wurde. Also war die erste große Tat de Witts einen Krieg mit England zu beenden. Jan de Witt hat trotzdem mehrere Kriege, u.a. mit England und Frankreich geführt, um die Interessen der Amsterdamer Kaufleute und Investoren zu schützen, aber es ist interessant, dass überhaupt jemand in den Zeiten  der grausamsten Bürgerkriege der europäischen Geschichte solche Visionen formulierte. Die christlichen Kirchen und die alten Regime sollten nach dem Willen der Staatsgesinnten verschwinden oder ins zweite Gliede zurück treten, um der neuen aufgeklärten bürgerlichen Macht die Gestaltung des Staates mit den Ideen der Vernunft zu überlassen.  Mit seiner Partei der „Staatsgesinnten“ erscheint de Witt heute als ideale Verkörperung eines aufgeklärten Machtpolitikers, der sein Land in ein Zeitalter der Vernunft führen wollte. Obwohl es keinen dokumentierten Beweis gibt, dass sich de Witt und Spinoza jemals getroffen haben, kann es keinen Zweifel daran geben, dass Spinoza bis zum tragischen Tod de Witts 1672 dessen Schutz genoss. Weil de Witt offenbar wenig Interesse an Public Relations hatte, konnten seine Feinde und Konkurrenten die Bevölkerung gegen ihn aufbringen, die loyal zu den Oraniern stand. Nach einer Reihe von schweren politischen und militärischen Niederlagen, die de Witt angelastet wurden musste er 1672 zurück treten. Sein Bruder Cornelis de Witt wurde unter absurden Vorwänden der Planung eines Attentats auf den Oranier Prinzregenten Wilhelm beschuldigt und verhaftet. Als ihn Johan de Witt aus dem Gefängnis holen wollte wurde das Gebäude von einem wütenden Mob gestürmt und beide Brüder gelyncht und die Leichen anschließend verstümmelt. Eine häufig erzählte Geschichte aus dem Leben Spinozas ist, dass er nach dem Bekanntwerden von de Witts Tod auf die Straße laufen wollte, um dem jubelndem Mob „ultimi barbarorum“ ins Gesicht zu brüllen, aber sein Hauswirt hinderte ihn daran das Haus zu verlassen.[8] Der furchtbare Tod de Witts demonstriert jedoch, was die jüdische Gemeinde 16 Jahre zuvor befürchtet hatte. Spinozas Verbindung zu den „Staatsgesinnten“ und seine allen ihren Gegnern nützliche Verunglimpfung als Häretiker, Gotteslästerer und Atheist war in ihrer Konsequenz den Verfolgung gewohnten Marranen klarer und deutlicher als Spinoza selbst, der sich wohl sicher war, dass die Errichtung des Reiches der Vernunft kurz bevor stand, auch wenn die Unterstellung messianischer Gedanken nicht aus seiner Philosophie abgeleitet werden kann.  Es sollte aus heutiger Sicht jedenfalls nicht verwundern, dass Spinozas Ausschluss bei aller Gehässigkeit, die in ihrem Bannspruch zu finden ist, eine weitsichtige politische Sensibilität enthält. Man könnte auch sagen, dass die holländischen Juden zwar das Wort selbst nicht kannten, aber ganz genau wussten, was repressive Toleranz bedeutet.

3.

Obwohl sich der erste Premierminister Israels David Ben Gurion persönlich für eine offizielle Aufhebung des Banns gegen Spinoza verwendete, wurde ihm von der Orthodoxie abschlägig beschieden.[9] Der Konflikt des Judentums mit Spinoza wurde niemals beigelegt, obwohl Spinoza selbst von der Geschichte und von seinen Interpreten als „Jude“ wahrgenommen wird. Spinoza konvertierte niemals zum Christentum, aber er schrieb in Latein, der Sprache scholastischer Theologie und wandte sich damit an ein intellektuelles christliches Publikum.  Spinoza  wird von Zionisten und Anti-Zionisten als Parteigänger vereinnahmt und bis heute ist er Teil des ungelösten Streits innerhalb des Judentums, was eigentlich der Kern dessen ist, was Juden ausmacht oder sie zu Juden werden lässt.  Es ist nützlich an dieser Stelle an die Philosophin Judith Butler zu erinnern, die in ihrer Streitschrift gegen den Zionismus und Israel „Am Scheideweg. Judentum und die Kritik am Zionismus“ das Judentum nur als beharrlichen Zustand der Diaspora gelten lässt. In ihrer Vorstellung ist das Jüdische ein dezentriertes Subjekt, das in der Diaspora und unter der Bedrohung des Antisemitismus ein universalistisches Prinzip der Gewaltlosigkeit und abstrakten Gleichheit verkörpert. Die ethische Dimension des Judentums ist letztlich für sie das Verfolgt sein. Und da der Zionismus selbst als Verfolger wahrgenommen wird, kann er auch kein Modell für das Judentum an sich sein. Jüdisch sein heißt in diesem Kontext, dass man als Opfer die Diskriminierung erleidet und erduldet und dadurch ein Beispiel abgibt, wie die reale Gewalt zu transzendieren sei, ohne sie zu wiederholen. Oder wie Micha Brumlik schrieb: „Ohne Rücksicht auf mögliche Folgen ihres Engagements, befreit von der Pflicht, über die Verwirklichung der eigenen Prinzipien auch nur einen Gedanken zu verlieren, genießt die Moralistin die Reinheit ihrer Überzeugungen und damit sich selbst.“[10]

Wie, stellt sich die Frage, hätte Spinoza das gesehen? Es ist natürlich unbeantwortbar, wie Spinoza heute zu Fragen des Zionismus gestanden wäre. Aber dass ihm, dem antiautoritären Freigeist keine Kritik an israelischer Politik, Gesellschaft und dem Einfluss der Religion eingefallen wäre, darf als unwahrscheinlich betrachtet werden. Aber von einem philosophischen Standpunkt aus kann durchaus gefragt werden, ob sich Judith Butlers Diaspora Ethik mit Spinozas Einsamkeit und Ausgestoßen sein in Deckung bringen lässt. Um das zu beantworten, sollte man sich Judith Butlers Argument einmal durch den Kopf gehen lassen. Sie glaubt allen antiessentialistischen Glaubensgrundsätzen zum Trotz an eine Prädisposition der jüdischen Erfahrung, eben jene der Diaspora und gibt ihm damit einen teleologischen Spin, obwohl doch postmoderne Philosophie alle teleologischen Bestimmungen des Seins ablehnt. Hinzu kommt, dass Butler durch diesen Kniff eine besondere Stellung der Juden im Gefüge des Seins wieder als Thema aufnimmt, das sie jedoch als negative Zuschreibung dem Zionismus und Israels Staatlichkeit umhängt. Durch die Sünde des „kolonialistischen Siedlerprojekts“ würde das ethisch Besondere der jüdischen Existenz ausgelöscht. Aber für Spinoza hat das Leben kein telos und einer seiner häretischen Ansichten ist immer gewesen, dass die Juden vielleicht ein auserwähltes Volk sein mögen, aber er selbst deshalb noch lange nicht. Im TTP heißt es: „Es ergiebt sich hieraus, da Gott Allen gleich gewogen ist, und die Juden nur in Beziehung auf ihre Gemeinschaft und ihren Staat von Gott auserwählt worden, dass der einzelne Jude außerhalb dieser Gemeinschaft und dieses Staats, für sich betrachtet, keine Gabe von Gott vor den Andern empfangen hat, und dass kein Unterschied zwischen ihm und den Heiden besteht.“ (TTP, Kap. 3) Wenn er also aus taktischen Gründen das Konzept des „auserwählten Volkes“ nicht direkt abstreitet, verwirft er doch seine kulturalistische Bedeutung. Etwas verklausuliert bestreitet Spinoza hier, dass eine Essenz des Jüdischen existiert, die außerhalb einer arbiträren politischen Instrumentalisierung liegt. Während also die antiessentialistische Philosophin ein teleologisches Wesen im Judentum entdeckt, das von den Individuen insofern abstrahiert, als sie nur in ihrer Entscheidung für oder gegen diese Teleologie vorkommen können, verbittet er sich auf ein „Jüdisch sein“ reduziert zu werden, das seine Individualität in Frage stellt. Das heißt nicht, dass er bestreiten würde jüdisch zu sein, sondern dass es ihm schlicht egal ist. Man kann dies als Kritik an der postmodernen Identitätspolitik betrachten, die auch Judith Butler mit geprägt hat. Dass diese Position dem Komplex dessen was wir als jüdische Tradition kennen näher steht, als alles was Judith Butler jemals geschrieben hat, versteht sich von selbst. Spinoza steht hier gegen den Antisemitismus als transhistorischem Phänomen indem er die projektiv zugewiesene Essentialisierung der jüdischen Existenz als solche aufgibt. Und er entlarvt Judith Butlers grobe Verletzung ihrer eigenen philosophischen Prinzipien, die sie ausgerechnet dort fallen lässt, wo ihre abstrakte Ethik sich auf Individuen einlassen müsste. Oder anders gesagt: Man kann an Spinozas Haltung zu den Besorgnissen der Rabbiner, die ihn schließlich hinaus warfen, kritisieren, dass er den Antisemitismus unterschätzt hat, Judith Butler hat ihn hingegen ganz vergessen. Und das ist an ihrer anti-zionistischen Teleologie bei weitem nicht das Schlimmste. Aber das soll uns hier nicht weiter interessieren.

4.

Zum Abschluss möchte ich die Aufmerksamkeit auf einen ganz anderen Ort und eine ganz andere Zeit richten, in denen Spinoza seine Spuren hinterlassen hat. In seiner von Alex Haley kompilierten Autobiographie schreibt Malcolm X diesen kurzen Absatz:

„Spinoza impressed me for a while when I found out that he was black. A black Spanish Jew. The Jews excommunicated him because he advocated a pantheistic doctrine, something like the „allness of God“ or „God in everything.“ The Jews read their burial services for Spinoza, meaning that he was dead as far as they were concerned; his family was run out of Spain, they ended up in Holland, I think.“[11]

Obwohl er über die genauen Umstände von Spinozas Leben nicht Bescheid weiß, ist es bemerkenswert, dass er ihn überhaupt erwähnt. Spinoza, der Zeit seines Lebens ein Dissident gewesen ist, von seiner eigenen Gemeinde ausgestoßen, a „black spanish jew“, konnte zu einem Spiegel werden, in dem sich Malcolm X selbst erblicken konnte. Das ist nach meinem Dafür halten eine außergewöhnliche Wirkungsmacht und ein Zeugnis für die Radikalität seines Denkens. Ausgestoßen von der eigenen Community, damit man sich in einer „allness of God“, dem Universalismus der Vernunft wieder findet, das gehört zu den paradoxen Echos, die Spinoza in die Denkräume der Kultur geworfen hat. Seine Bedeutung kann man darin ermessen, dass diese Echos immer wieder zu uns zurückkehren.

 

[1] http://www.tau.ac.il/~kasher/pspin.htm

[2] Ebd.

[3] Newberger Goldstein, Betraying Spinoza

[4] Durant, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 13

[5] Newberger Goldstein, Betraying Spinoza

[6] Ebd.

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Johan_de_Witt

[8] Durant, Kulturgeschichte der Menschheit, Bd. 13

[9] http://jungle-world.com/artikel/2001/51/24742.html

[10] http://www.zeit.de/2013/45/judith-butler-am-scheideweg-judentum-zionismus

[11] Malcolm X & Alex Haley, The Autobiography of Malcom X (S. 118)

Kay Sokolowsky, seine Islamophilie und das „blütenweiße Hemd aufgeknöpft bis zum Nabel der Welt“

31. Januar 2017

sokoDie deutschen Sympathien für die islamische Ideologie haben eine lange Tradition. Bereits 1898 reiste Kaiser Wilhelm II. nach Damaskus und verkündete am Grab Saladins er sei „der Freund der 300 Millionen Mohammedaner.“ Während des ersten Weltkrieges war, laut Diplomat Max von Oppenheim, der „Islam eine der wichtigsten Waffen gegen England“ und das Osmanische Reich war bekanntlich der unverbrüchliche Waffenbruder der Deutschen. Während des Nationalsozialismus ergab sich, wie man weiß, eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen dem Dritten Reich und dem Führer der palästinensischen Araber, dem extrem antisemitischen Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini. In den 1970er Jahren ließen sich Ulrike Meinhof, Andreas Baader mit Kollegen in jordanischen Terrorlagern, mit Hitlerbildern in den Unterkünften, ausbilden und als Höhepunkt der Zusammenarbeit darf die Flugzeugentführung einer Air-France-Maschine durch Winfried Böse und Brigitte Kuhlmann, bei der Juden von Nichtjuden selektiert wurden, gelten. Das Leid der Palästinenser und die damit einhergehende Verurteilung der Juden ist für viele Blut-und- Boden-Linke jedweder Couleur eine Herzensangelegenheit. So verwundert es auch nicht weiter, wenn in Zeiten des islamischen Terrors, wo tief gläubige Muslime tausendfach  tatsächlichen oder vermeintlichen Ungläubigen die Köpfe abtrennen, Juden ermorden weil sie Juden sind, feiernde Menschen wie im Bataclan oder Homosexuelle wie in Orlando ermorden, „unsittliche“ Frauen wie in Köln sexuell bestrafen oder vermeintliche „Ungläubige“ auf Weihnachtsmärkten von LKWs überfahren, linke herzensgute Menschen ihre Sympathie für den Islam zum Ausdruck bringen.

Der Fall des Kay Sokolowsky, Journalist unter anderem der Jungen Welt, TAZ und Konkret, ist beispielgebend für die ideologische Verwahrlosung der antiemanzipatorischen Linken. Sokolowsky gilt einerseits als Medienkritiker und andererseits ist er Fels in der Brandung gegen die Kritik am reaktionären Islam. Der Fall des Kay Sokolowsky ist ein neudeutscher Aufstieg, von der antiautoritären Bewegung zur islamischen Autorität, die es sich nicht länger gefallen lassen mag, dass der fortschreitenden Magisierung der Welt Grenzen gesetzt werden.

In seinem Buch „Feindbild Moslem“ vermittelt Sokolowsky den Eindruck  rechte Webblogs wie „Politically Incorrect“ wären das Maß aller Dinge in der Islamkritik. Fortschrittliche auf Emanzipation ausgerichtete Islamkritik wird von Sokolowsky ignoriert. Kay Sokolowsky verbittet sich einerseits von Ehrenmord-Beispielen oder islamistischen Terrorakten auf generelle Tendenzen zu schließen, während er im umgekehrten Fall, also in Sachen Islamkritik nichts anderes macht. Für Sokolowsky ist praktisch jede Islamkritik tendenziell rassistisch. Weil beispielsweise Necla Kelek von Migranten forderte, die Sprache des Landes, in dem sie zukünftig leben, auch schnell zu lernen macht er sie in seinem Buch kurzerhand zur Rassistin. Die Unterdrückung der Frau im Islam, die Verfolgung und die Gewalt gegen Ungläubige, Linke und Juden sind scheinbar kein Thema in Sokolowskys einseitigem Werk.

In Konkret 10/2009 behauptet Kay Sokolowsky entgegen jeder Realität: “Der Islam ist eine Offenbarungsreligion, keine Ideologie.“ Mit seiner grotesken Aussage ignoriert Sokolowsky jede Lebenswahrheit in den islamischen Staaten vom Iran bis Saudi Arabien, er ignoriert die Charta der Hamas und jeden islamischen Terrorakt gegen den westlichen Lebensstil. Im selben Konkret-Heft verharmlost Sokolowsky wie einst Wolfgang Benz den Antisemitismus:

„Der Antisemitismus braucht keine Juden, der Moslemhaß braucht keine Moslems. Was die brauchen, ist „der andere“. Im übrigen ist es kein Wunder, daß die Moslemfeinde sich aus dem Fundus des Antisemitismus bedienen, weil das eben verkappte Nazis sind. Wenn Wolfgang Benz das gleichsetzt, verniedlicht er doch nicht den Antisemitismus.“

Im selben Jahr gab Sokolowsky dem islamischen Portal Qantara ein Interview und bestätigte seine Ignoranz aus Konkret. Auf die Frage „Ist die von Ihnen beschriebene Islamfeindschaft vergleichbar mit dem historischen Antisemitismus?“ antwortet Sokolowsky:

„Ja. Die Muster und die Themen der Hetze gleichen sich bis aufs Haar. Der Muslimhasser unterstellt seinem Feind eine Weltverschwörung, die zum Ziel habe, alle Menschen unter die Knute des Islams zu zwingen. Er nennt die Muslime, die unter uns leben, „Fremdkörper“ und „Parasiten“, er unterstellt ihnen, pausenlos zu lügen, sich auf Kosten der „autochthonen“ Bevölkerung schamlos zu bereichern. Er wird nicht müde, davon zu faseln, dass die Kultur und Religion der Muslime völlig unvereinbar mit „unseren westlichen Werten“ seien.“

Ob Sokolowsky klar ist was er da sagt? Der historische Antisemitismus hatte Auschwitz und sechs Millionen von Deutschen ermordete Juden zur Folge. Die jahrhundertelangen Ressentiments gegen Juden entbehrten jeder Grundlage. Juden versuchten keineswegs Ungläubige, gar mit Gewalt zu missionieren oder ihren Lebensstil anderen mit Gewalt und Terror aufzudrängen. Juden entführten keine Flugzeuge um damit in Hochhäuser zu fliegen um möglichst viele Ungläubige zu ermorden. Der islamische Terror ist dagegen Bestandteil der islamischen Ideologie und er ist wie die Lebensverhältnisse in der islamischen Welt traurige Realität.

Die kritiklose Islamophilie ging so weit, dass Kay Sokolowsky am 19.10.2009 mit dem islamistischen und antisemitischen Webportal Muslim-Markt kooperierte und diesem ein Interview gab. MuslimMarkt.de ist ein schiitisches, vom Verfassungsschutz überwachtes Internetportal der Brüder Yavuz und Gürhan Özoguz. Laut der Brüder Özoguz habe „nur der Gottesstaat allein“ eine wirkliche Verfassung.  Zum 31. Jahrestag der islamistischen iranischen Diktatur hetzte beispielshalber Yavuz Özuguz auf seinem Webportal gegen „verkommene Exiliraner“ und preist das Regime Khameneis und Ahmadinejads als „Symbol für die Zukunft“ an. Israel wird im Muslim-Markt als „Pseudostaat“  oder „zionistisches Gebilde“, „der auf geraubten und enteignetem Boden aufgebaut ist“ bezeichnet. Im Muslim-Markt wird zum Boykott israelischer Waren, mit „schwarzen Listen“ der zu boykottierenden Produkte aufgerufen. Im Muslim-Martk kann man sich darüber hinaus informieren „wann Deutschland endlich islamisch“ wird. Der Experte Yavuz Özoguz stellt dabei Fragen wie: „Wird das Abendland untergehen, wenn einige Frauen nicht erlauben, dass jeder Mann sie berührt und umgekehrt? Oder können die praktizierenden Muslime die Ehe in Deutschland retten helfen?“ Auf die Frage der islamistischen Antisemiten „Waren Sie über das Ausmaß der Islamfeindlichkeit überrascht?“ antwortet Sokolowsky zur Freude der Muslim-Markt-Gemeinde:

„Mich entsetzt es, welcher Respekt diesen Leuten für ihre üblen Thesen gezollt wird, wie sie durch die Talkshows geradezu mit Händen getragen und mit Ehrungen überhäuft werden. Das ist ein Riesenskandal, über den so gut wie gar nicht geredet wird. Im Gegenteil – ein großer Teil der deutschen Medien und des deutschen Publikums ist Autoren wie Broder und Kelek geradezu dankbar für ihre Schmähungen und ihre Tiraden gegen Muslime.“

Zudem behauptet Kay Sokolowsky im Interview mit den Islamisten ohne jeden Beleg, Henryk M. Broder „unterstellt jedem gläubigen Muslim, er sei ein Feind der Menschenrechte, der Aufklärung, der westlichen Werte, er sei ein Schmarotzer, ein Dieb, ein Betrüger, ein Sadist und potenzieller Terrorist. Das ist purer Rassismus und blanke Volksverhetzung.“ Thomas von der Osten-Sacken schreibt auf seinem Blog über die Kooperation von Sokolowsky mit dem Muslim-Markt, bezugnehmend auf Henryk M. Broder: „Nun kann der Sokolowsky selbstredend nicht beweisen, was er da behauptet, weil es schlicht gelogen ist, und bleibt deshalb beim Geraune, aber die Leser vom Muslimmarkt werden solches Geschwätz nicht nur goutieren, sondern auch verstehen, was zwischen den Zeilen ihrer Meinung noch gesagt wird. Juden, die zur Volksverhetzung aufrufen: das ist so wahrhaft nach ihrem Geschmack. Vor allem wenn die Unterstellungen noch aus dem Stall der Konkret kommen, die dem Muslimmarkt ansonsten als zionistisches Organ gilt. Aber damit nicht genug, für den Konkret Autoren gibt es gleichwertig Hassprediger, hier Imame, die zu Djihad und Judenmord aufrufen, dort so fiese Gestalten wie Broder, Necla Kelek und Ralph Giordano. Die einen wie die anderen, wobei letztere irgendwie noch schlimmer sind „wollen uns einreden, dass „der Andere“ kein Mensch ist, sondern eine Bedrohung, eine Gefahr, ein Feind.“ Seran Ates Leben wird akut bedroht, Giordano überlebte den Holocaust. (Vergessen wir einen Moment mit wem er sie in einem Zug nennt, PI und Ulfkotte, das macht es nur noch ekliger) Es muss dem Sokolowsky so richtig auf der Seele gebrannt haben, dem Muslimmarkt derart den Denunzianten zu machen.“

Bereits 2011 belegt Kay Sokolowsky die Affinität von Islamismus und Antisemitismus als er in Konkret, Heft 5 über den jüdischen Philosophen und Publizisten Bernard-Henri Lévy (mit „Samson-Frisur“) wie folgt agitiert:

„Die Triumphpose eines Trottels imponiert der Meinungsmaschine, die einen wie ihn so dringend braucht wie der Brechdurchfall den Zwieback. Zur Medientauglichkeit trägt er sein Mögliches bei: Der ungezähmte Schopf demonstriert wahlweise Löwenmut oder die übermenschliche Kraft eines Samson, und weil ihm ständig der Kragen platzt, trägt er das blütenweiße Hemd aufgeknöpft bis zum Nabel der Welt. Einem groben Mißverständnis zufolge, an dem er eifrig mitwirkt, gilt Lévy als Linker. Dabei ist er nichts weiter als ein sentimentaler Schwätzer, der „das Unrecht“ bekämpft, sofern man ihn dabei nur fotografieren kann.“

Inwieweit Islamismus-Verharmlosung mit Antisemitismus-Tabuisierung konform gehen kann belegte Kay Sokolowsky darüber hinaus am 24.02.2015 als er Kritik an rabiatem Antisemitismus als eine „Obsession“ bezeichnet hat und kundtat diese Kritik am Antisemitismus nicht teilen zu wollen:

Jutta Ditfurths Mitstreiter gegen die Montagsmahnwachen, Georg von Grote sorgte sich herz­zer­rei­ßend um die Palästinenser und meinte unter anderem „Israel führe einen Vernichtungskrieg mit ethnischen Säuberungen gegen die Palästinenser wobei die „durchgeknallten Staatsterroristen wie Netanjahu, Liebermann, Bennet, Feigelt und Konsorten ihre Killertruppe von der Kette lassen.“ Günter Grass und seinem antisemitischen Gedicht sprang Georg von Grote wie folgt bei: „Ich dachte, das neue freie Deutschland hätte sich langsam aus den sich selbst auferlegten Fesseln gelöst. Grass hat gezeigt, dass dem so nicht ist“(..) „Je öfter ich in Israel war, desto unschuldiger fühlte ich mich“ (..) „Über die Jahrhunderte der Diaspora hat sich bei Juden – und ich sag jetzt bewußt Juden und nicht Israelis – ein fast schizophrener Verfolgungswahn entwickelt“ Laut Grote ist darüber hinaus der „Zentralrat der Juden ist ein verbales Killerkommando.“ Wie Jutta Ditfurth hatte offenbar auch Kay Sokolowsky kein Problem mit den antijüdischen Aussagen des Mahnwachen-Mitkämpfers. Im Gegenteil, auf der „Grote-ist-kein-Antisemit-Facebook-Seite“ von Jutta Ditfurth schrieb Kay Sokolowsky am 24.02.2015 über mich:

 „Dein angeblicher Kampf gegen Antisemitismus‘ – was für ein aufgeblasener, geradezu ochsenfroschhafter Maulheld! Dessen größte Heldentaten offensichtlich darin bestehen, Menschen, die seine Obsessionen nicht teilen mögen, mit Denunziation zu drohen. Bäh.“

Wer die antijüdischen Ansichten des Georg von Grote, wie ich kritisiert und sie als antisemitisch bezeichnet und Jutta Ditfurth auf die Problematik ihrer Kooperation aufmerksam macht, ist für Kay Sokolowsky ein „ochsenfroschhafter Maulheld“ und die Kritik an diesem Antisemitismus eine „Obsession.“ Als Kay Sokolowsky am 28. Januar 2017 in Facebook mit seiner Solidaritätserklärung für Georg von Grote und Jutta Ditfurth konfrontiert wurde und er damit die Gelegenheit erhielt sich davon zu distanzieren, meinte Kay Sokolowsky ohne jedes Argument und ohne jeglichen eigenen Erkenntnisgewinn oder Selbstkritik am 29. Januar um 01:10:

„Manfred Breitenberger, Herold der Wahrheit! Ist hoffentlich schön warm in Ihrer Gummizelle.“

Dreißig Minuten später, um 1:40 Uhr änderte Sokolowsky seine Ansichten in „Manfred Breitenberger, Herold der Wahrheit! Ist hoffentlich schön warm in der Gummizelle“ ab, was Sokolowskys beleidigende Aussage nicht viel besser oder humaner machte. Islamophilie kann einerseits den Schlaf rauben und in besonders krassen Fällen sehr peinlich werden. Wer keine Argumente hat, dem bleibt nur die primitive Beleidigung. Wenn sich islamophile Linke wie Kay Sokolowsky argumentfrei nur mit Beleidigungen, wie beispielsweise „Triumphpose eines Trottels“, „sentimentaler Schwätzer“,  aufgeblasener, geradezu ochsenfroschhafter Maulheld“,  „Bäh“,  „Wenn’s auch sonst an allem fehlt, zumal Hirn“, „Igitt usw. zu helfen wissen oder ihre Kontrahenten in die „Gummizelle“ wünschen, sieht man wie tief bestimmte Teile der reaktionären Linken gesunken sind. Das Diskussions-Niveau von Islam-Apologeten ist so unterirdisch, dass es unter einem Teppich mühelos einen Handstand machen könnte.

Unbestritten ist die vielfältig sich artikulierende Fremdenfeindlichkeit und unzählige rechtsradikale Anschläge auf Asylbewerberheime verbreiten Angst und Schrecken. Der Rechtsruck in Europa und in den USA hat jedoch vielfältige Gründe. Eine Ursache ist die Arroganz und die Ignoranz von großen Teilen der Linken, die den Islamismus, die islamische Ideologie verharmlosen und verniedlichen, die sogar Islamkritik mit Antisemitismus gleichsetzen und dabei nicht zufällig oder ausnahmsweise mit Antisemiten kooperieren. Für diese reaktionäre Linke sind vergewaltigte Frauen von islamistisch sozialisierten Männern kaum der Rede wert, sind die von Islamisten ermordeten Opfer von New York, Berlin, Madrid, London, Orlando, Tel Aviv, Jerusalem oder Beslan kaum erwähnenswerte Kollateralschäden und die Frauenunterdrückung mit Kopftuchzwang, Geschlechterseparierung, Verfolgung von linken oder liberalen Andersdenkenden oder Homosexuellen mit „andere Länder andere Sitten“ zu erklären.

Als junger hochgewachsener Stürmer wurde ich öfters von kleinen, bissigen Verteidigern gelegt. Im Leben irgendwie zu kurz gekommen holen sich bestimmte kleine Verteidiger, so ihr Selbstvertrauen und ihre Daseinsberechtigung. Je kleiner und je fußballerisch schwächer der Verteidiger umso mehr braucht er Fouls um Tore zu verhindern. Berti Vogts war ein kleiner Verteidiger, der mit dem Ball nicht viel anfangen konnte, wenig Ahnung von Fußball und ein eigenartiges Frauenbild hatte und trotzdem oder gerade deshalb Bundestrainer der Deutschen wurde.

Vielleicht ist Kay Sokolowsky der Berti Vogts des deutschen Journalismus.

Björn Höcke und seine Wegbereiter

20. Januar 2017

hoeckeBjörn Höcke, geboren am 1. April (!) 1972 in Westfalen ist das Aushängeschild des rechts-völkischen Flügels der AfD. Knapp 75 Jahre nach der Wannseekonferenz, am 17. Januar 2017 jammerte Höcke in Dresden vor seinen rechtsradikalen Anhängern wegen der alliierten Bombardierung Dresdens, die er mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki verglich, dabei den Naziterror relativierend:

“Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen. Sie ist vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft. Deutsche Opfer gab es nicht mehr, sondern es gab nur noch deutsche Täter. Bis heute sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Opfer zu betrauern.“

Was Höcke und seine Patrioten nicht hören wollen: Von deutschen Städten wie Dresden ging der Zweite Weltkrieg aus und Dresden war eine der Hochburgen des Nazireiches. Dabei führte die deutsche Wehrmacht unter anderem von 1941 bis 1944 einen rassebiologischen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung, dem Millionen zum Opfer fielen. Über die Bombardierung von Dresden wurden bereits während des „Tausendjährigen Reiches“  Legenden gestrickt. So sprach schon Joseph Goebbels  von „militärisch sinnlosen Terrorangriffen“ und später bezeichnet die NPD die  Bombardierung Dresdens als „Bombenholocaust.“  Wer dagegen die Tagebücher von Victor Klemperer kennt, weiß dass durch die Bombardierung Dresdens viele Juden die noch in Dresden lebten nicht nach Auschwitz deportiert wurden und so den Krieg überlebten.

Das Holocaustmahnmahl in Berlin ist für Höcke und seine „patriotischen Anhänger“ ein „Denkmal der Schande“, in seiner Rede halluzinierte Björn Höcke weiter: „Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. (..) Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad! Wir brauchen so dringend wie niemals zuvor diese erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, liebe Freunde. Wir brauchen keinen toten Riten mehr in diesem Land. Wir haben keine Zeit mehr, tote Riten zu exekutieren.“

Mit seiner Rede belegte Björn Höcke nicht nur inhaltlich seine Kompatibilität mit Joseph Goebbels, es hatte den Anschein dass der AfD-Mann sein scheinbares Idol auch in dessen Gestik und Duktus kopieren wollte. Erfreulich ist, dass Höcke, abgesehen von diversen Kameraden seiner Partei, derzeit nicht sehr viel Zuspruch erhält. Mittlerweile interessiert sich sogar der Verfassungsschutz für Höcke, das war eigenartigerweise vor 20 Jahren noch nicht so. Die geistigen Wegbereiter für Björn Höcke,  Martin Walser und Rudolf Augstein erhielten noch sehr viel Zuspruch für ihre nationalen „Befreiungs-Reden.“ Nur Ignaz Bubis kritisierte Martin Walser massiv und öffentlichkeitswirksam nach dessen „Friedenspreisrede in der Paulskirche“ und warf ihm latenten Antisemitismus und “geistige Brandstiftung” vor.

Am 11. Oktober 1998 warnte Martin Walser in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche vor einer „Instrumentalisierung des Holocaust“. Walser meinte, die NS-Verbrechen würden dazu missbraucht werden, den Deutschen „weh zu tun“ und um politische Forderungen zu stützen. Laut Walser fühle sich derjenige, der ständig diese Verbrechen thematisiert, den Mitmenschen moralisch überlegen. Martin Walser prägte den Begriff der „Moralkeule“: „Auschwitz dürfe aber nicht zur „Moralkeule“ verkommen, gerade wegen seiner großen Bedeutung“. Das Berliner Holocaust-Mahnmal bezeichnete Walser als die „Monumentalisierung der Schande.“

Im Spiegel schrieb Rudolf Augstein kurz darauf, am 30.11. 1998 über das Berliner Mahnmal: „Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierendes Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“

In unzähligen Artikeln des „Spiegels“ entlastete Augstein die Deutschen mit seiner Täter-Opfer-Umkehr. Mit seinen Artikeln gegen Israel zeigte Rudolf Augstein, wie später Jakob Augstein in seinen Kolumnen, dass er den Juden Auschwitz nie verzeihen würde. Björn Höcke, Rudolf Augstein und Martin Walser sind oder waren Brüder im Geiste. Sie unterscheiden sich zwar in Duktus und Intellekt voneinander, aber inhaltlich dürfte was die „Auschwitzkeule“ gegen die „deutsche Nation“ betrifft weitgehend Einigkeit bestehen. Jakob Augstein kann die Kompatibilität seiner Väter mit Höcke freilich nicht verstehen, in seiner Spiegelkolumne schreibt die Nummer 9 dieser Tage:

„Schandmal“, „New Yorker Presse“, „Monstrosität“ – das sind wahrlich keine schönen Formulierungen. Muss da nicht jedem Neurechten geradezu das Herz aufgehen? Nein, Kameraden. Der alte Augstein lässt sich nicht vor euren dreckigen Karren spannen. Er gehörte zur Generation der Täter, die an der Schuld buchstäblich zerbrochen ist. In jenem Artikel, den die Rechten fleddern wollen, heißt es auch: „In uns, die wir von der ‚Endlösung‘ nichts wußten, sträubte sich alles, und es dauerte, bis wir uns als Deutsche zu der Erkenntnis durchringen konnten, daß ein einmaliges Verbrechen geschehen war.“

„Schandmal“, „New Yorker Presse“, „Monstrosität“  oder die „Ahnungslosigkeit“ bezüglich der „Endlösung“, das sind „wahrlich keine schönen Formulierungen.“ In seiner hilflosen Verzweiflung wirkt Jakob Augstein beinahe sympathisch. Nur für wenige Hundertstelsekunden versteht sich.

Update 21.1.2017: Der Titel dieses Textes wurde abgeändert.

Conatus in suo esse perseverandi.* Über Spinozas „Ethik“

11. Januar 2017

„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“

Hegel, Vorrede zur Phänomenologie des Geistes

„Das Bestreben, womit jedes Ding in seinem Sein zu verharren strebt,- ist nichts als das wirkliche Wesen des Dinges selbst.“

Spinoza, Ethik III, 7

 

*Das Streben in seinem Sein zu beharren. (Ethik III, 7)

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Faksimile der Erstausgabe der Ethik 1677.

 

Spinoza gehört zu den großen Unbekannten der Philosophiegeschichte. Die Qualifikationen die sein Werk erfahren hat sind so vielfältig wie die Geschichte der philosophischen Ideen selbst und hängen davon ab in welchem Kontext man sich verortet. Ich, um einmal so zu beginnen, habe mich immer für Außenseiter interessiert und ihren Widerstand gegen die opportunistische Konformität bewundert, mit der sie sich gegen alle Hindernisse stemmten, die ihnen aufgezwungen wurden.  Der Außenseiter Spinoza, verstoßen von seiner eigenen Gemeinde, angefeindet von den bigotten Wächtern der öffentlichen Moral, dutzende Male von intellektuell minder Begabten erledigt oder als „toter Hund“ (Lessing) beschimpft ist eine Figur und ein Denker, an dem sich jedes kritische Bewusstsein schulen kann, das wissen will was eine non-konformistische Haltung kostet. Er war kein Held, sondern ein einsamer, isolierter Mann, von dem nicht einmal bekannt ist, ob er je eine physische Beziehung zu irgendeinem anderen Menschen eingegangen ist. Irgendwann nahm er die Einsamkeit an und produzierte etwas Außergewöhnliches. Trotzdem war er nicht verbittert, sondern sprach von Freude, Liebe und Glück, und lebte als einer der sich Hass, Eifersucht, Neid und Zorn entschieden verweigerte. Er war kein Prediger, er sammelte keine Jünger um sich und wollte nicht verehrt werden, er versprach keine Belohnung im Himmel, sondern empfahl bloß sich um die „amor intellectualis dei“, die intellektuelle Liebe zu Gott zu bemühen, die am Ende aller Erkenntnis und allen Wissens stehen würde.

Spinoza lehrt uns, als Menschen und als Teil der Natur in unserem Sein zu beharren, das Ganze und das subtilste Detail mit allergrößter Aufmerksamkeit zu betrachten, nichts für unwichtig zu halten und dennoch die eigene Besonderheit, die eigenen unverwechselbare Präsenz mit aller Energie zu vervollkommnen.

Spinoza schrieb die „Ethik“ in Latein. Alle Passagen, aus denen ich zitiere entstammen der Übersetzung von Jakob Stern aus dem Jahre 1888, die im Reclam Verlag 1990 erschienen ist.

 

1.

In fünf Büchern, beginnend mit Gott, entwickelt Spinoza in Form von Definitionen, Lehrsätzen und Beweisen seine Philosophie. Zwischen den Lehrsätzen werden in den Beweisen und Anmerkungen, den sogenannten Scholien die Prinzipien nochmals ausführlich erläutert und anhand praktischer Beispiele erklärt. Der Aufbau ist strikt logisch und bildet ein Netzwerk, in dem sich alle Teile aufeinander beziehen. Die „Ethik“ ist ein philosophisches System, das einzige das Hegel als gleichberechtigt neben dem seinen  anerkannt hat und eines, das die Stringenz mathematischer Beweise und die Präzision der Naturwissenschaften in Philosophie übersetzen will. Während die meisten vor und nach ihm beim Kleinsten beginnen, von den menschlichen Begierden und Leidenschaften weiter zur Struktur der Gesellschaft gehen um dann aufzusteigen zum Allergrößten, beginnt Spinoza ohne Umschweife beim höchsten Punkt, bei Gott. Die Perspektive ist entscheidend, weil es immer ums Ganze geht und die Sicht darauf niemals außer Acht gelassen werden soll. Spinoza beginnt also bei Gott, den er als  „Deus sive natura“ anspricht. Gott oder die Natur ist „causa sui“, Ursache ihrer selbst, unendlich und unbegrenzt und nur aus sich und durch sich erklärbar. Es gibt kein Außen, nur das selbstreferentielle Feedback des Systems. Schon im Tractatus Theologico-Politicus wandte sich Spinoza gegen einen personalen Schöpfergott, der nur deshalb die Bühne betritt weil sich die Menschen Gott nach ihrem eigenen Bild erschaffen. Die aus Furcht und Unwissenheit Gott (und Göttern) zugeschriebenen Eigenschaften sind Limitierungen des Verstandes, der sich weigert die Unendlichkeit zu denken.  Aber der Gott Spinozas, dem auch Einstein bereit war zu folgen, ist keine Person, kein teleologisches Prinzip das von irgendeinem niedrigen zu einem höheren Punkt aufsteigt, sondern die Natur selbst. Sie ist nach allen Richtungen gleich mächtig und existent. „Denn die Natur ist immer dieselbe, und ihre Kraft und ihr Vermögen zu wirken ist überall gleich.“ (Ethik III, Vorwort) Gott gehorcht Regeln, die seinem eigenen Wesen gemäß sind und damit Naturgesetzen gleichkommen, ja die Naturgesetze selbst sind. „Deus sive natura“ bedeutet, dass Gott absolut und unendlich ist, aber gleichzeitig den eigenen Naturgesetzen verpflichtet. Wunder und Mirakel, wie sie in den heiligen Schriften der Offenbarungsreligionen berichtet werden sind darum schon allein deshalb Unsinn, weil Gott nichts gegen die eigene Logik oder Vernunft der Natur unternehmen kann, die er selbst ist. Gott spricht nicht, handelt nicht und hat keinen anderen Willen als zu existieren und als Natur existiert Gott „sub specie aeternitatis“ (Ethik V, 29), unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit. „Da es nun in der Ewigkeit kein Wann gibt, kein Vorher und kein Nachher, so folgt hieraus, nämlich aus der bloßen Vollkommenheit Gottes, daß Gott nie etwas anderes beschließen konnte oder daß Gott vor seinen Beschlüssen nicht gewesen ist noch ohne sie sein kann.“ (Ethik I, 23)

Ein weiterer Name dafür, den Spinoza in Folge verwenden wird ist Substantia, Substanz. Substantia ist ein Begriff der scholastischen Theologie und hier liegt ein wesentliches Verständnisproblem heutiger Leserinnen und Leser bei der Lektüre Spinozas. Er verwendet alte Sprache, um etwas Neues zu sagen. Die Begriffe und Kategorien der Ethik stammen aus der jüdischen und christlichen Theologie und sind ungewohnt für zeitgenössisches Denken. Die Philosophie des 17. Jahrhunderts löst sich langsam und schrittweise von den Begriffen und Ideen der Theologie, muss aber die Auseinandersetzung mit diesen erst zu Ende bringen.  Spinozas Gegenüber im 17. Jahrhundert, Descartes, verwendet ebenfalls den Begriff der Substanz wenn er die Welt und das Universum beschreibt. Descartes proklamierte allerdings zwei Substanzen, die durch einen vermittelnden Schöpfergott zusammen gehalten werden: die „res cogitans“, das Denken, den Geist und die „res extensa“, die Ausdehnung, den Raum. An diesem Punkt beginnt Spinozas revolutionäre Umwertung aller bisherigen Philosophie. Er proklamiert: „Eine Substanz für alle Attribute“. Deus sive natura sive substantia hat sogenannte Attribute, also Eigenschaften, die die Unendlichkeit der Substanz auf eine einzige Art und Weise ausdrücken. „Das Denken ist also eins von den unendlichen Attributen Gottes, welches das ewige und unendliche Wesen Gottes ausdrückt…“ (Ethik II, 1)

Die Substanz hat unendlich viele Attribute, aber wir kennen nur zwei davon: Denken und Ausdehnung. Mit der in der Philosophiegeschichte als Monismus bezeichneten Wendung, dass es nur eine Substanz für alle Attribute gibt, bricht Spinoza als vermutlich erster Philosoph der Neuzeit mit dem Geist-Körper Dualismus der abendländischen Tradition. Es lassen sich auch durchaus Grundzüge der epikureischen Tradition darin erblicken, obwohl Spinoza weit über Epikur hinausgeht. Ideengeschichtlich lässt sich das Neue an Spinoza als Kritik der Rolle Platons in der Philosophiegeschichte verstehen, die den Geist und die Ideen über alle Maßen betont hat und die Rolle von Körper und physischer Arbeit hintanstellte.  Die materialistische Auseinandersetzung mit einer rein auf Ideen und Geist orientierten Denkweise wird von Spinoza erstmals systematisch mit einer – wenn man so will – ganzheitlichen Interpretation der menschlichen Natur auf den strengen Begriff gebracht. Man kann das als moderner Mensch vielleicht besser verstehen, wenn man es mit den Worten des Hirn und Gedächtnisforschers Eric Kandel betrachtet, der einmal schrieb: „Mind and brain are inseparable.“ Körper und Geist sind keine verschiedenen Dinge, sondern Geist und Ideen entspringen dem Körper, das Denken ist eine Idee des Körpers: „Die Vorstellungen der Dinge sind Erregungen des menschlichen Körpers…“ (Ethik III, 27) Man kann daran sehen, dass es dem Monismus Spinozas darum geht, Hierarchiefragen zu vermeiden, die in dualistischen Prinzipien stecken. Weil es eben unendlich viele Attribute gibt, existiert auch keine Hierarchie unter ihnen. Körper und Geist sind Teil desselben Systems und Denken kann nicht außerhalb einer körperlichen Erfahrung existierend gedacht werden.

Mit einer Radikalität, die sich sonst nur noch bei Nietzsche findet, bricht Spinoza mit den Zuordnungen dualistischer Konzeptionen, die das Geistige über das Körperliche stellen und Verstand versus Sexualität und körperliche Erfahrung in Mann/Frau Gegensätze spalten. Auf diese Weise kritisiert er politische Herrschaft über den Menschen die immer auch quasi natürliche Geschlechtergegensätze und Klassenunterschiede identifiziert. Obwohl Spinoza selbst, hier ganz Kind seiner Zeit bizarrer weise die politische Gleichberechtigung von Frauen ablehnte (Ethik III, 35)[1], denkt seine Philosophie weit darüber hinaus. Die zivilisatorischen Fortschritte des letzten Jahrhunderts, die Homosexualität, Diversity und weibliche Selbstbestimmung kulturell und politisch als untrennbare Eigenschaften demokratischer Gesellschaften etabliert haben sind auf eine gewisse Art und Weise Spätfolgen spinozistischer Philosophie. Spinozas Ethik ist eine Ethik der unverletzbaren Integrität des menschlichen Körpers, seiner Selbstbestimmung und mit dieser der Ausgangspunkt jeder demokratischen Ordnung. Der französische Marxist Etienne Balibar, ein Schüler Althussers schrieb in seinem Text „Spinoza, the Anti-Orwell“[2], dass Spinoza den menschlichen Körper selbst als das größte Hindernis für totalitäre Herrschaft betrachten würde. Herrschaft könne niemals total sein, weil der Körper selbst sich auf Dauer jeder Kontrolle widersetzt, die versucht seine natürlichen Grenzen einzuschränken. Orwells Dystopie beschrieb eine Diktatur, die durch Propaganda eine Sprache schafft, die jeden Gedanken an Widerstand unmöglich macht. Aber wie Spinoza schreibt, kann ein Gedanke bloß durch einen anderen Gedanken begrenzt werden und die Fähigkeit der Körper zur Affektion niemals vollständig durch eine sprachliche Operation kontrolliert. Balibar hat wohlweislich darauf vergessen, dass Spinoza darum nicht nur ein Anti-Orwell, sondern auch ein Anti-Foucault ist.

 

2.

Von den Attributen geht es abwärts zu den Modi, deren wichtigstes Merkmal ist, endlich zu sein. Menschen, Gegenstände, überhaupt alle physischen Phänomene sind Ausdrücke des Modus, der sowohl Substanz als auch Attribute ist, aber eben immer in endlichen und messbaren Kategorien. Jeder Modus wird durch Affekte beeinflusst, die das Vermögen des Modus erhöhen oder reduzieren, weitere (und stärkere) Affekte anzunehmen oder abzugeben. Im hierarchischen System Substanz, Attribut, Modus nehmen Menschen keinen besonderen Platz ein, ganz genau so wie in den Bäumen evolutionärer Abhängigkeiten, in denen Homo Sapiens bloß die Unterart einer Unterart einer weiteren Unterart ist und Natur als abstrakte Struktur keine Unterschiede zwischen Spezies kennt, die eine besondere Rolle rechtfertigen würden. Während der Humanismus der folgenden Jahrhunderte eine Essenz des Menschen propagiert, die religiös als „Krone der Schöpfung“ einen besonderen Platz des Menschen in der natürlichen Ordnung beansprucht und politisch in der Hierarchie der menschlichen „Rassen“ anthropologisch begründet wird, denkt Spinoza Mensch sein als anti-essentialistisches Netzwerk von Körpern und Affekten. Der Unterschied zwischen einem Stein und einem Menschen ist, dass ein Stein in seinem Sein zu beharren bloß eine geringe Menge an Affekten auf sich beziehen kann, während lebendige Strukturen von einfachsten Tieren und Pflanzen aufwärts zu den komplexesten Lebewesen ihr Sein zu beharren gegen und mit einer Vielzahl an Affekten bestreiten. Louis Althusser, der größte marxistische Philosoph des 20. Jahrhunderts formulierte seinen Begriff des Anti-Humanismus auf der Grundlage von Spinozas materialistischer Metaphysik, die den humanistischen Essentialismus als Ideologie einer religiös und rassistisch gefärbten Ausnahmestellung des Menschen in der Natur kritisierte. Althusser stand mit diesen Ideen aber innerhalb der marxistischen Linken weitgehend allein, wenn man Antonio Negri einmal außer Acht lässt. Sowohl christliche Theologie als auch hegelianischer Marxismus haben mit Spinoza das gleiche Problem: es gibt kein Subjekt, das sich telelogisch in der Zeit bewegt. Weder die religiöse Anthropologie einer „Krone der Schöpfung“ noch die gesetzmäßige Vollendung eines revolutionären Subjekts der Geschichte können mit Spinozas Philosophie einen Sinn ergeben. Der Hauptkritikpunkt Hegels, der Spinozas Auffassung von der Substanz eine „morgenländische Anschauung“ nannte, ist, dass es eben nirgendwo in seiner Philosophie ein Subjekt gibt, das die Bewegung des absoluten Geistes zu sich selbst entwickeln könnte. „Diese Spinozistische Idee ist als wahrhaft, als begründet zuzugeben. Die absolute Substanz ist das Wahre, aber sie ist noch nicht das ganze Wahre; sie muß auch als in sich tätig, lebendig gedacht werden und eben dadurch sich als Geist bestimmen.“[3] Spinozas Philosophie ist eine Ablehnung jeder teleologischen Bewegung der Natur, hin zu einem Ziel oder einer Vollendung. Darin steckt auch die viel später aufkommende Theorie chaotischer Systeme, deren innere Dynamik durch unbekannte Variablen unvorhersehbar ist. Das, was man sehen kann ist nur unvollkommen erkennbar und durch eine natürliche Grenze der Erkenntnisfähigkeit bestimmt, aber es gibt bei Spinoza anders als bei Hegel keine Negativität dialektischer Widersprüche. Alles ist, wie Antonio Negri betont hat, „multitudo“ oder Vielheit.

Spinozas Universum besteht ganz einfach gesagt aus einer unbegrenzten Vielzahl an Dingen, von denen sich jedes vom anderen unterscheidet, so gering der Unterschied auch sein mag. Sie konstituieren für sich keine Besonderheit, die unabhängig vom Ganzen zu denken wäre. Menschen sind keine Subjekte, sondern unverwechselbare Singularitäten, die sich zwar isolieren, betrachten, erforschen lassen, aber nur in ihrem strukturellen Eingebundenheit im Netzwerk der Natur erfassbar sind. Dass es ein Prinzip namens „Mensch“ gibt ist reine Abstraktion, die für sich keine Essenz besitzt. Die moderne Evolutionsbiologie, die jeden anthropologischen Exzeptionalismus ablehnt steht Spinoza näher als Hegel, obwohl sich eher Hegels Subjekt zentrierte Auffassung von Geschichte durchgesetzt hat. Es soll hier auch nicht der Eindruck erweckt werden, dass der eine dem anderen vorzuziehen sei, sondern empfohlen werden wie Pierre Macherey es in seinem bis heute nicht ins Deutsche übersetzten Klassiker „Hegel ou Spinoza“ (1979) getan hat, die Unterschiede und Widersprüche zwischen beiden stehen zu lassen. Die Gleichheit (nicht die Identität) der Dinge ergibt sich daraus, dass sie alle gleichermaßen in ihrem Sein zu beharren bestrebt sind, also ihre Existenz und ihr Dasein in sich als Qualität tragen, unabhängig davon wie sie tatsächlich mit ihrer Umwelt interagieren.

„Jedes Ding vielmehr, mag es mehr oder weniger vollkommen sein, wird mit derselben Kraft, mit der es zu existieren angefangen hat, immer in der Existenz verharren können, so daß in dieser Hinsicht alle Dinge einander gleich sind.“ (Ethik IV, Vorwort)

Die Realität als eine unbegrenzte Anzahl von Dingen zu betrachten, die sich durch eine Universalisierung der Differenz beschreiben lässt („Omnis determinatio est negatio“[4]), macht Spinoza zu einem Denker der Immanenz. Das bedeutet einerseits, dass jedes Ding, jeder Modus und jede Modifikation als von inneren Logiken und Strukturen aufgefasst werden muss, die für sich verstanden und untersucht werden sollten und andererseits, dass die Realität kein Jenseits hat, das in irgendeiner Beziehung zu ihm stehen würde. Es gibt wie in der aristotelischen Tradition der Scholastik keinen „ersten Beweger“ mehr, sondern die Definition der Substanz als „causa sui“ erfordert das Verständnis eines Universums, das einerseits nur durch und aus sich selbst erklärbar ist und andererseits aus Phänomenen besteht, die durch ihre eigenen Logiken und Strukturen erkennbar, erforschbar und identifizierbar sein müssen. Die Physik der festen Körper, wie sie im 17. Jahrhundert entwickelt und formuliert wurde, deklariert Objekte, die in determinierten Ordnungen existieren und durch Kräfte und Abhängigkeiten wie Masse, Trägheit, Beschleunigung miteinander vernetzt sind, in der es keine äußeren nicht immanenten Ursachen gibt. Spinozas Immanenzbegriff, ein Universum der Dinge, steht in einer Tradition, die in der Mathematik des 17. Jahrhunderts durch Newton und Leibnitz unabhängig voneinander als Problem des Grenzwerts unendlicher Folgen in der Differentialrechnung formalisiert wurde. Alle Körper, Gegenstände und Modi sind für sich isolierbar, aber selbst bereits Anordnungen, die in weitere diskrete Hierarchien zerlegt werden können. In neuerer Zeit haben die Mathematiker Gregory Chaitin und Stephen Wolfram vor allem mit Rückgriff auf Leibnitz, der in seinem Werk „Monadologie“ eine eigene Version eines „Universums der Dinge“ propagiert, die Idee weiter entwickelt, dass das Universum diskret sei und nicht kontinuierlich[5].

Immanenz ist eine Aufforderung an die Erkenntnisfähigkeit. „Man soll die Welt nicht belachen, nicht beweinen, sondern begreifen.“ lautet einer der berühmtesten Spinoza zugeschriebenen Sätze, die sich zwar in seinem Werk so nicht finden lassen, aber dennoch den Geist ausdrücken, der ihn bewegt hat.

 

3.

Die Konzentration von Spinozas Philosophie auf den menschlichen Körper als Ausgangspunkt jeder Erkenntnis wird im dritten Teil „Über den Ursprung und die Natur der Affekte“ und im vierten Teil „Über die menschliche Unfreiheit und die Macht der Affekte“ ausgearbeitet. Körper, Modi, Gegenstände sind als endliche Entitäten verschiedensten Einflüssen ausgesetzt, sogenannten Affekten und ein Modus ist umso mächtiger je intensiver er von Affekten affiziert wird und je intensiver er selbst andere Modi affizieren kann. Körper und Gegenstände stehen also nicht isoliert, sondern sind prinzipiell durch Affekte miteinander verbunden oder stehen auch im Gegensatz zueinander, aber jedes Objekt hat Wirkungen, erzeugt Gegenwirkungen und wird durch äußere Einwirkungen beeinflusst. Dies entspricht genau dem von Newton erst später formulierten Gesetz der Trägheit. Spinoza ist nur durch diesen engen Kontakt zu einem sich gerade entwickelnden szientistischen Weltbild seiner Zeit zu verstehen, in der er in Prosa übersetzt, was durch Mathematik, Geometrie und der physikalischen Durchdringung der Welt in der Luft lag, aber eben noch längst keine einheitliche und von allen akzeptierte Wahrheit gewesen ist. Die Attribute der Substanz realisieren sich in den Modi als endliche Affekte und Gegenaffekte und weder die Gesellschaft noch der menschliche Verstand kann unabhängig von der physikalischen Realität existieren, auch wenn Menschen in Unkenntnis der wahren Ursachen anderes behaupten mögen. Die Theorie der Affekte beinhaltet eine spezifische Auffassung von Moral. Das Buch heißt „Ethik“, weil es darum geht ein geglücktes und erfülltes Leben zu führen, aber es sind nicht moralische Normen und Vorschriften, die ein solches Leben ermöglichen, sondern die tätige Erhöhung des eigenen Vermögens zu affizieren und affiziert zu werden. Moralische Einsichten kommen nicht aus Geboten, sondern aus adäquaten Ideen. Dazu mehr weiter unten. Die Affekte sind für sich betrachtet ebenfalls Modi, die Substanz und Attribute in endlicher Form ausdrücken. Endlichkeit hat auch zur Folge, dass jeder Affekt natürlich begrenzt ist.

„Endlich in seiner Art heißt ein Ding, das durch ein anderes von gleicher Natur begrenzt werden kann. Ein Körper z.B. heißt endlich, weil wir stets einen andern größeren begreifen. Ebenso wird ein Gedanke durch einen andern Gedanken begrenzt. Dagegen wird ein Körper nicht durch einen Gedanken noch ein Gedanke durch einen Körper begrenzt.“ (Ethik I, Def. 2)

Die Macht der menschlichen Vorstellungskraft wird nicht gering geschätzt, aber sie steht in starkem Widerspruch zu einem ideologischen Konzept, das den Körper abwertet oder bloß als Übergang zu einem anderen Zustand betrachtet. Wir reden vom Geist, aber wir wissen nicht was der Körper kann, sagt Spinoza.

„Was freilich der Körper alles vermag, hat bis jetzt noch niemand festgestellt; d.h., niemand hat sich bis jetzt auf dem Wege der Erfahrung darüber unterrichtet, was der Körper nach den bloßen Gesetzen seiner Natur, sofern sie nur als eine körperliche betrachtet wird, tun kann und was er nicht tun kann, wenn er nicht vom Geiste dazu bestimmt wird.“ (Ethik III, 2)

Es wäre durchaus möglich, an die von Foucault betriebene Kritik der Humanwissenschaften, die in seiner Darstellung zur Disziplinierung und Kontrolle der Körper entwickelt wurde, zu denken, aber Spinoza hätte die gewaltigen Fortschritte in der Medizin und der biologischen Forschung zweifelsohne zustimmend begrüßt. Sein Szientismus war darauf ausgerichtet heraus zu finden, was alles möglich und machbar ist, und dachte dabei noch wenig an möglicherweise negative Folgeerscheinungen. Affekte sind ständig anwesend und drücken sich in Leidenschaften, Phantasien und Begierden ebenso aus wie in physischer Arbeit, sportlicher Anstrengung und täglichen Routinen. Das Netzwerk der Körper steht in ständigem Austausch und ununterbrochener Beeinflussung untereinander und formt sich zu einer politischen Anthropologie. Spinoza denkt das Politische wie fast alle Philosophie als begrenzende Ordnung, das jedoch durch die Ideen der menschlichen Körper ständig in schlechte Balancen kommt. Antonio Negri entdeckte in der „multitudo“ der Affekte, die durch ihre körperliche Lebendigkeit und ihrem Streben im Sein zu beharren die bestehende Ordnung in Frage stellen, seine (post)operaistische Theorie von den „Singularitäten, die gemeinsam handeln“[6].

Alle Körper definieren sich durch die Eigenschaft Affekte aufzunehmen und abzugeben. Dabei gibt es positive Affekte, die das Vermögen (potentia) eines Körpers in seinem Sein zu beharren erhöhen und andere, die dieses Vermögen reduzieren. Die positiven sind solche wie Liebe, Zuneigung, Vertrauen und Freundschaft und die negativen sind Hass, Eifersucht, Neid und Geiz. Die spürbare und sichtbare politische Gewalt seiner Zeit ordnete Spinoza dem Übergewicht negativer Affekte zu, die durch Manipulation und Unterdrückung zur Instrumentalisierung der Massen durch die politische Herrschaft forciert wurde. Dem Leiden, das durch die schlechten Affekte entstehen würde könne jedoch mit adäquaten Ideen begegnet werden. „Ein Affekt, der ein Leiden ist, hört auf, ein Leiden zu sein, sobald wir eine klare und deutliche Idee von ihm bilden.“ (Ethik V, 3) Eine klare und deutliche Idee bedeutet vor allem, dass wir über Ursache und Wirkung Bescheid wissen und diese sinnvoll unterscheiden können. Menschen wissen oft zu wenig über die Ursache ihrer Leiden, Begierden und Wünsche und können diese nicht einordnen, was mehr negative Affekte zur Folge hat. Das bedeutet auch, dass Menschen kaum oder niemals frei sind, wenn man darunter ein gewisses Maß an Kontrolle und Steuerungsfähigkeit versteht, die eine Kenntnis der Ursachen und Logiken der eigenen Persönlichkeit und körperlichen Grenzen voraussetzt. „Die Menschen täuschen sich darin, daß sie glauben, sie seien frei. Diese Meinung besteht bloß darin, daß sie ihrer Handlungen sich bewußt sind, die Ursachen aber, von welchen sie bestimmt werden, nicht kennen. Das also ist die Idee ihrer Freiheit, daß sie keine Ursache ihrer Handlungen kennen. Denn wenn sie sagen, die menschlichen Handlungen hängen vom Willen ab, so sind das Worte, von welchen sie keine Idee haben.“ (Ethik I, 35)

Freiheit muss man sich nach Spinoza durch adäquate Ideen erarbeiten. Die Kontrolle der Leidenschaften und Begierden, oder um es mit Freud zu sagen: Triebverzicht, sind unabdingbare Erfordernisse um überhaupt so frei sein zu können, die natürlichen Begrenzungen des eigenen Körpers wahrzunehmen. Freiheit ist stets die Ausweitung des Vermögens positive Affekte anzunehmen und abzugeben. Adäquate Ideen, die das ermöglichen sollen beschreibt Spinoza so:

„Unter adäquater Idee verstehe ich eine Idee, welche, sofern sie an sich und ohne Beziehung zum Objekt betrachtet wird, alle Eigenschaften oder innerlichen Merkmale einer wahren Idee hat.

Erläuterung: Ich sage innerlichen, um das auszuschließen, was äußerlich ist, nämlich die Übereinstimmung der Idee mit ihrem Gegenstand.“ (Ethik II, Def. 4)

Das „innerliche“ heißt im lateinischen Original „intrinsecas“, also intrinsisch, was ein anderes Wort für „immanent“ ist. Adäquate Ideen sind immanente Ideen über einen Gegenstand. Jedes Objekt ist aus sich als physisches Phänomen zu verstehen und adäquat bedeutet, seine innere Funktionsweise begriffen zu haben.

Menschliche Freiheit ist nicht Isolation und Einsamkeit als Naturzustand, wie man Sartre manchmal böswillig unterstellt hat, und nicht das von Heidegger geprägte Bild durch das Geworfen werden auf die Lichtung sei Freiheit bloß ein Wort für die metaphysische Trennung vom Sein. Auch Kris Kristoffersens berühmte Zeile in „Me an Bobby McGee“, „Freedom’s just another word for nothing left to lose“[7] deckt sich nicht mit Spinozas Haltung dazu. Spinoza denkt Mensch sein auch nicht als Abweichung vom Naturzustand, wie ihn Rousseau später noch propagierte, sondern Menschen sind immer soziale Wesen und sie sind immer schon Teil einer Sozietät, deren Grenzen sie überbrücken können oder auch nicht. Da Freiheit nur aus adäquaten Ideen kommt ist sie auch verwundbar durch inadäquate Ideen, die negative Affekte produzieren, die das Vermögen eines Körpers adäquate Ideen zu entwickeln reduzieren. Demokratie so Spinoza sei deshalb die vernünftigste Regierungsform, weil sie die Balance der Affekte im Auge hätte, um das Vermögen aller zur Freiheit zu erhöhen. Kurz gesagt ist Freiheit für Spinoza das unausgeschöpfte Potential des eigenen Vermögens, das darauf wartet affiziert zu werden. Die einzige dafür in der Philosophiegeschichte akzeptierte Formulierung ist der paradoxe Term „materialistische Metaphysik“.

 

4.

Es sei an dieser Stelle einmal genug. Das fünfte Buch der Ethik, das für Antonio Negri der Höhepunkt der abendländischen Philosophie ist, beschreibt die Wirkungsweise der Affekte im Hinblick auf die Entwicklung ihrer Potentiale zur „amor intellectualis dei“, zur intellektuellen Liebe zu Gott, die im Wesentlichen die Verbindung von wissenschaftlicher Präzision mit der sensibelsten Intuition gleich schaltet. Dass dieses Ideal selbst kein Ziel sein kann, sondern nur ein Nebeneffekt glücklicher Begleitumstände, lässt sich an Spinozas Leben selbst zeigen, das am allerwenigsten von glücklichen Begleitumständen geprägt war. Die Orientierung ist das Leben selbst, nicht ein Zustand darin. Wir sind alle sterblich, aber für Spinoza ist der Tod nichts woran ein freier Mensch denken sollte. „Der freie Mensch denkt über nichts weniger als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben.“ (Ethik IV, 67)

Wo Heidegger mit dem Sein zum Tode wieder eine teleologische Hintertür gegen das Sein einbaute und Sartre sich nie entscheiden konnte ob der Freiheitsimpuls des Existentialismus nicht die Täuschung selbst war, gegen die er ankämpfte, beschließt der einsame und heimatlose Spinoza, dass nichts wertvoller und unschätzbarer ist, als das Sein selbst, so vermittelt und gefiltert durch Ideologie und spinnenartige Dispositive es auch verzerrt sein mag. Zu leben ist das Einzige, das uns in der Immanenz eine Präsenz als Individuen garantiert, und uns dabei in unserem Streben unterstützt in unserem Sein zu beharren.  Conatus in suo esse perseverandi.

 

Verwendete Literatur:

 

Balibar, Spinoza and Politics (1998)

Balibar, Masses Classes Ideas (1994)

Deleuze, Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie (1993)

Macherey, In a materialist way (1998)

Montag & Stolze (Edit.), The New Spinoza (1997)

Moreau, Spinoza. Versuch über die Anstößigkeit seines Denkens (1994)

Newberger-Goldstein, Betraying Spinoza (2006)

 

[1] Siehe auch: Irvin Yalom, Das Spinoza Problem (2012)

[2] In: Balibar, Masses Classes Ideas (1994)

[3] Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (S. 161)

[4] Jede Bestimmung ist eine Verneinung. (Spinoza an Jelles 1674)

[5] Siehe: Chaitin, Algorithmic information theory (1987) und Wolfram, A New Kind of Science (2002)

[6] Hardt/Negri, Empire (2004) S.123

[7] Freiheit ist nur anderes Wort dafür, dass man nichts mehr zu verlieren hat. (Kris Kristoffersen/Fred Foster, 1969)

Spinozas Religionskritik

30. Dezember 2016

spinoza_tractatus_theologico-politicus

Faksimile der Erstausgabe des TTP 1670.

Spinoza holds the view that interpreting the Bible is identical with the method of interpreting nature. The reading of the book of nature consists in inferring the definitions of natural things from the data supplied by ‘natural history’. In the same way, the interpretation of the Bible consists in inferring the thought of the biblical authors, or the definitions of the biblical subjects qua biblical subjects from the data supplied by the ‘history of the Bible’.

Leo Strauss, How to study Spinoza’s Theologico-Political Treatise

 

Seit sich der politische Islam als Kraft von Bedeutung in die Diskurse westlicher Gesellschaften gedrängt hat, ist viel von Aufklärung und der europäischen Tradition der Religionskritik die Rede. Aber wie mir scheint wird hier von gemachten Tatsachen ausgegangen, deren konkrete Geschichte entweder unbekannt ist oder sich zu sehr in Diskussionen fachorientierter Spezialisten bewegt. Dieser Beitrag soll, so unakademisch wie das möglich ist, den geneigten Leserinnen und Lesern näher bekannt machen, wie die europäische Religionskritik durch das Werk Baruch de Spinozas (1632-1677) begann und mit welchen Widerständen sie zu kämpfen hatte. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass in diesem Kontext und innerhalb dieses Mediums Verkürzungen und Auslassungen eher die Regel sind und daher konstruktive Kritik dies berücksichtigen sollte.

Spinoza gehört zu den Unbekannten der Philosophiegeschichte. Obwohl man ihn in jeder Ahnengalerie findet und er häufig erwähnt wird, kennt doch kaum jemand den Inhalt seiner Schriften. Während man von seinen Zeitgenossen Leibniz und Newton in der Schule lernt, dass sie unabhängig voneinander die Infinitesimalrechnung erfunden haben, oder von Hobbes weiß, dass er in seinem Buch „Leviathan“ vom „Krieg aller gegen alle“ gesprochen hat, kann von Spinoza kaum etwas Vernünftiges gesagt werden, das nicht heftiges Rätselraten auslöst. Es ist daher nützlich sich mit den Umständen und der historischen Wirklichkeit zu beschäftigen, in der Spinoza gelebt hat.

Holland ist zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein Zentrum der bekannten Welt und Amsterdam gilt als wichtigste Hauptstadt Europas. Holland ist ein zu dieser Zeit politisch sehr instabiles Land im Brennpunkt konkurrierender Großmächte. Vom Land her von Spanien und den Habsburgern bedroht, zur See im Wettbewerb mit den Engländern und allen anderen seefahrenden Großmächten, vor allem Portugal und Spanien. Habsburgische Ansprüche und katholische Gegenreformation sind Faktoren für Unruhe und konfessionelle Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten drohen jederzeit in offenen Bürgerkrieg auszubrechen. Die sieben Provinzen werden Ende des 16. Jahrhunderts zum Vereinigten Königreich Niederlande zusammengefasst und entgehen dadurch den Massakern des 30-jährigen Krieges, der Deutschland so entsetzlich verwüstet.

Die holländischen Kaufleute vereinigen 1602 ihre Kräfte, als die Holländische Ost-Indische Gesellschaft gegründet wird, ein zunächst noch loser Zusammenschluss von Reedern, Bankiers, Handelsgesellschaften, aristokratischen Politikern und Schiffsbauern. Immanuel Wallerstein hat die Geschichte dieses ersten globalen Konzerns in seinem dreibändigen Werk „Das moderne Weltsystem“ in Band II ausführlich beschrieben.

In diesem Klima entstand in Holland die modernste Gesellschaft ihrer Zeit. Die Modernisierung Hollands verdankt sich einer intensiven Migration, die von einer äußerst integrationsfreudigen Bevölkerung empfangen wurde und kein besonderes Augenmerk auf religiöse Bekenntnisse nahm. Jeder war willkommen, solange die Neuankömmlinge auf politische Agitation verzichteten. Holland sammelte die technische Intelligenzija Europas auf, um die besten und widerstandsfähigsten Schiffe zu bauen. Schiffe, die es bis Japan und den Südpazifik und – ökonomisch bedeutsam – auch wieder zurück schafften.

Durch ein ausgeklügeltes System hochgradiger Arbeitsteilung stellen holländische Werften in kurzer Zeit Schiffe von gleich bleibender Qualität her. Als Peter der Große Russland zur Seemacht ausbauen will, holt er holländische Schiffsbauer nach Russland und siedelt sie in der Nähe von St. Petersburg an.

Während die großen europäischen Kolonialmächte Spanien, England, Frankreich und Portugal den amerikanischen Kontinent unter sich aufteilten, wurde das technologisch hoch entwickelte Holland zu Englands einzigem ernsthaften Konkurrenten auf See. Der einzige ernsthafte Konkurrent der Holländischen Ost-Indien Gesellschaften war deshalb auch die Britische Ost-Indien Gesellschaft, die nur wenig später gegründet wurde. Durch die Mobilität und Schnelligkeit seiner Flotte erarbeitete sich das Königreich Holland seinen Reichtum mit Schiffen, die hin und wieder zurück kamen, wo andere scheiterten. Dieser Vorteil kam ganz besonders beim Gewürzhandel zum Tragen, der nur durch den Zugang zu schwer erreichbaren Inseln und Archipelen möglich war. Der im Lauf der nächsten drei Jahrhunderte erwirtschaftete Reichtum der Holländischen Ost-Indischen Gesellschaft wurde einerseits durch ein Monopol auf bestimmte Gewürze, im Besonderen die Muskatnuss, zu Wege gebracht, andererseits konnten die holländischen Schiffe ihren Frachtraum an alle anderen Seemächte vermieten, weil Holland meistens neutral war.

Historisch dominiert im 17. Jahrhundert der Krieg zwischen den Konfessionen. Während Deutschland durch die entsetzlichen Massaker des 30-jährigen Kriegs auf Jahrhunderte in seiner Entwicklung zurück geworfen wird, kann sich das Königreich Holland vor den schlimmsten Folgen schützen. Trotzdem bekämpfen sich Katholiken und Protestanten auch in Holland aufs Schärfste. Einig sind sie sich bloß in der Verfolgung agnostischer und atheistischer Zeitgenossen.

Wissenschaftliche Entdeckungen und Neuerungen prägen das Jahrhundert nachhaltig. Galileo Galilei (er stirbt 1642) und seine empirischen Beweise der heliozentrischen Sichtweise Keplers setzen sich bei allen Gebildeten Europas und auch der Katholischen Kirche durch. Der Streit Galileis mit dem Vatikan hatte anders als heute angenommen wird, wenig mit der Position der Erde im Sonnensystem zu tun, sondern war ein Streit um die Unabhängigkeit der Wissenschaft und ob sie bei den religiösen Autoritäten um Zustimmung ersuchen musste. Die Erde – und damit der Mensch – stehen nicht mehr im Zentrum des Universums, die privilegierte Stellung der christlichen Kirche ist damit genauso in Frage gestellt, wie die ganze Hierarchie der alteuropäischen Gesellschaften. Trotzdem und das ist das eigentliche Bemerkenswerte an dieser Entwicklung gibt es nach 1700 weder von religiöser noch von politischer Seite Widerstand gegen den Aufstieg der Naturwissenschaften. Die oftmals behauptete Ablehnung der wissenschaftlichen Erfassung der Welt durch die christlichen Kirchen ist ein Mythos, der einem postmodern atheistischen Narrativ geschuldet ist, das in den letzten 60 Jahren seine eigenen Dogmen und Glaubenssätze geschaffen hat. Der Konflikt von dem wir reden, wenn es um Spinoza geht ist ein politischer Kampf um Deutungshoheit und Hegemonie. Aber dazu später.

Neben der Struktur des Sonnensystems findet parallel dazu auch die Physik der festen Körper ihre Form. Die Fortschritte in der Mathematik, in der analytische und geometrische Methoden schrittweise und unabhängig voneinander entwickelt wurden, sind bei allen gebildeten Menschen auf die eine oder andere Art bekannt und werden an allen Bildungseinrichtungen intensiv fortgeführt. Die Beobachtung, dass Eisenspäne von magnetischen Flächen angezogen wurden, hat zur Annahme geführt, dass Planeten Anziehungskraft besitzen müssen, ohne dass das nach klassischen Methoden beweisbar gewesen ist. Wie Schwerkraft etwa mit den Hebelgesetzen zusammenhängt, blieb noch im Dunkeln. Die meisten Phänomene wie Schwerkraft, Trägheit und Masse waren aber bereits bekannt, bevor ihnen Newton in der „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ aus dem Jahre 1687 eine mathematische Form gab, die mit der euklidischen Geometrie vereinbar war. Newton’s Universum (und das der folgenden Jahrhunderte) war ein endlicher, deterministischer Raum, in dem die Naturgesetze immer gelten und erst im frühen 20. Jahrhundert durch Quantenmechanik und Relativitätstheorie durch eine neuerliche Revolution des wissenschaftlichen Denkens irreversibel verändert wird.

Im von Katholiken und Protestanten umkämpften Holland kommt Baruch de Spinoza 1632 in Amsterdam zur Welt. Seine Eltern sind Marranen, jüdische Auswanderer, die von der Inquisition aus Portugal und Nordspanien vertrieben worden waren.

Holland ist im Gegensatz zu seinen absolutistischen Nachbarn der einzige Staat in Europa, der schon Züge rechtsstaatlicher Institutionen trägt und dessen Regime ein starkes Interesse an den ökonomischen Potentialen dieser Zuwanderung hatte. Das gilt gleichermaßen für deutsche und französische Protestanten, wallonische Katholiken, spanische Juden und englische Piraten.

Sein Vater genießt in der jüdischen Gemeinde hohes Ansehen und baut ihn zu einem jungen Hoffnungsträger des Rabbinats auf. Spinoza gilt als Wunderkind in Sachen Talmud und Tora Expertise. Er lernt, was damals alle gebildeten Menschen lernen, lateinisch und ein bisschen griechisch, Mathematik, hier vor allem Geometrie und wird durch einige Reisen ermutigt Descartes und Hobbes zu lesen. Schon zu dieser Zeit kommen ihm starke Zweifel an religiösen Dogmen. Anders als die meisten seiner Mitschüler formuliert Spinoza jedoch seine Kritik explizit und trägt sie bis an ihr bitteres Ende. 1656 wird er von der jüdischen Gemeinschaft Amsterdams ausgeschlossen, die jeden Kontakt ihrer Mitglieder mit ihm verbietet.

Will und Ariel Durant schreiben in Band 13 ihrer „Kulturgeschichte der Menschheit“: „Es wurde oft darauf hingewiesen, aber es muss immer von neuem daran erinnert werden, daß sich die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Amsterdams gegenüber Ketzereien, die an die Fundamente nicht nur des jüdischen, sondern auch des christlichen Glaubens rührten, in einer heiklen Lage befanden. Die Juden erfreuten sich in der Republik Holland einer religiösen Duldung wie sonst nirgendwo in christlichen Landen; diese konnte ihnen aber entzogen werden, wenn sie unter sich Ideen duldeten, die die religiöse Grundlage der Sittlichkeit und der Gesellschaftsordnung gefährdeten.“ (Durant 1982, 155ff)

Nach einem Mordanschlag jüdischer Fanatiker zieht er zunächst nach Leiden, dann in die kleine Stadt Rijnsburgh und schließlich nach Den Haag, wo er 1677 auch stirbt. Spinoza schließt sich zeit seines Lebens keiner Religion mehr an, obwohl ihm Freunde (und Gegner) eine Konversion zum Christentum anraten oder empfehlen. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen arbeitet er als Optiker, der Linsen für wissenschaftliche Instrumente schleift. Von seinen Werken erscheint zu seinen Lebzeiten nur der anonym veröffentlichte „Theologisch-Politische Traktat“. Die „Ethik“, die er erst kurz vor seinem Tod vollendet, wird kurz darauf erstmals gedruckt.

Der „Theologisch-Politische Traktat“ (in folgenden: TTP), veröffentlicht 1670, ist ein bemerkenswertes Buch, das nach seinem Erscheinen enorme Schockwellen durch die intellektuelle Landschaft Europas zieht. Seine Gegner bezichtigen ihn des Atheismus, des Pantheismus, der Gotteslästerung und des Umsturzes aller Ordnung. Selbst Freunde und Bewunderer wie Leibnitz müssen sich öffentlich von Spinoza distanzieren, um ihre Stellung nicht zu verlieren. Der Hass, den der exkommunizierte Jude auf sich zieht reicht von der Katholischen Kirche über die Protestanten bis zur jüdischen Orthodoxie. Es gibt im TTP zwei große Themen: die Kritik an der wortwörtlichen Interpretation der Bibel und die Kritik der politischen autoritären Herrschaft, die Spinoza als sich gegenseitig bedingende Faktoren betrachtet. Grundlage seines Denkens bleibt jedoch die an der jüdischen Tradition geschulte Textexegese und eine an sprachlicher und etymologischer Genauigkeit orientierte Lektüre.

„Er erkannte und bewies die Schwierigkeit, das Hebräische des Alten Testaments zu verstehen; die Vokalisierung und Akzentuierung des Massora-Textes beruhte teilweise auf Vermutungen und konnte schwerlich als unanfechtbare Urfassung gelten.“ (Durant 1982, S. 159) Es sei an dieser Stelle auf ein Werk des britisch-pakistanischen Islamkritikers Ibn Warraq verwiesen, „Virgins. What Virgins?“ (New York 2010), das versucht diese Art von Kritik für die islamische Textkultur einzuführen und zu sehr ähnlichen Schlussfolgerungen kommt. Spinoza jedenfalls kann im biblischen Text und seiner Überlieferung zahlreiche Fehler, Inkonsistenzen und Widersprüche finden und zeigt, dass die Autoren der biblischen Texte auch als Propheten niemals über ihren eigenen Horizont hinaus gedacht haben und auch für 1670 völlig veraltete Auffassungen etwa über die Position der Erde im Sonnensystem vertraten. Anders als seine Feinde (und auch Freunde) meinen, war Spinoza kein Atheist oder Pantheist, sondern ein religiöser Mensch, wie alle seine Zeitgenossen. Es ging ihm nicht um die Abschaffung der Religion, sondern um die Begrenzung politischer Macht und religiöser Autorität in einem säkularen Gemeinwesen.

Obwohl man mit dem Begriff im Kontext des 17. Jahrhunderts vorsichtig sein muss plädiert Spinoza für eine Form der Demokratie und der Vernunft, die autoritäre Herrschaft ebenso ablehnt wie die Ideologisierung der Gesellschaft durch organisierte Religion, denn „die grosse Menge denkt nicht daran, nach den Lehren der heiligen Schrift zu leben; alle ihre eigenen Erdichtungen giebt sie für Gottes Wort aus und strebt nur unter dem Vorwand der Religion, Andere zu gleicher Meinung zu nöthigen.“ (TTP Kap. VII, S 170) Die Willkür der unkritischen Religionspraxis entspricht der Willkür politischer Herrschaft, die Religion instrumentalisiert. Wenn wir an das Elend heutiger Islamapologie denken, dann sollten wir immer darauf bestehen, dass der Missbrauch der Religion für machtpolitische Zwecke die Folge einer unkritischen Praxis der Religion selbst ist und nicht bloß ihr Nebenprodukt. Seit Spinoza sind Demokratie und Vernunft Eckpfeiler einer Philosophie, die textbasierte jüdische Exegese Tradition mit dem naturwissenschaftlichen Rigorismus der kommenden Aufklärung verbindet und dadurch die Kritik der Religion auch zum Vorteil der Religion selbst betreibt.

Der zu den besten jüdischen Schriftgelehrten seiner Zeit zählende Spinoza interpretiert den biblischen Text nicht wie die gesamte Tradition zuvor, nach dogmatischen Interpretationsregeln religiöser Notwendigkeiten, sondern als sinnvoll zu erfassenden Text, dessen Lektüre immanenten inneren Logiken gehorchen muss. Er kritisiert: „Die Theologen sind meist nur bedacht, ihre Erfindungen und Einfälle aus der heiligen Schrift herauszupressen und mit göttlichem Ansehn zu umgeben. Mit wenig Bedenken und mit um so grösserer Frechheit legen sie die Bibel oder die Gedanken des heiligen Geistes aus, und haben sie noch eine Sorge, so ist es nicht die, dem heiligen Geist einen Irrthum anzuheften und von dem Wege des Heils abzuirren, sondern nur von Anderen nicht widerlegt zu werden, damit ihr eignes Ansehn nicht unter die Füsse komme und von Anderen verachtet werde.“ (ebd.)

Anders als Thomas Jefferson, der ein Jahrhundert später seine eigene Version der Bibel vorlegt, in der sämtliche dem zeitgemäßen modernen Verständnis widersprechende Stellen getilgt sind, bleibt Spinoza nicht dabei stehen, das was unsinnig oder wissenschaftlichem Denken absurd erscheint zu kritisieren. Es geht ihm darum zu zeigen, dass die Predigt der Bibel wo sie Vernunft und gesundem Menschenverstand widerspricht ein Mittel der politischen Herrschaft ist.

„Die Verwalter oder Inhaber der Herrschaft suchen für Alles, was sie thun, immer den Schein Rechtens zu gewinnen und das Volk von der Rechtmässigkeit desselben zu überreden; sie vermögen dies leicht, da die Auslegung des Rechts nur ihnen zusteht.“ (TTP, Kap XVII, S. 386) Die kritisch rationalistische Interpretation der Bibel dient dazu der Freiheit der einzelnen in einem demokratischen Gemeinwesen zu ihrem Recht zu verhelfen. Und dies ist was den gewalttätigen Hass der Eliten und religiösen Autoritäten erklärt, mit denen Spinozas Denken mehr als zwei Jahrhunderte konfrontiert war.

Was er später in der „Ethik“ systematisieren wird ist, dass die Massen gegen die Vernunft und damit auch gegen die Natur in Knechtschaft gehalten werden, weil die menschlichen Gesellschaften noch nicht weit genug sind die Gesetze der Natur zu begreifen. Menschliche Begierden und Ignoranz sind jedoch keine Fehlleistungen sondern selbst Ausdruck der Natur der Menschen, die sich ihrer eigenen Verhältnisse (noch) nicht bewusst ist. Die große Leistung Spinozas, die im TTP erst angedeutet und in der „Ethik“ zu einem mächtigen philosophischen System ausgearbeitet wird, ist heute fast selbstverständlich: dass menschliche Gesellschaften Gesetzmäßigkeiten folgen, die nur durch naturwissenschaftliche Abstraktion erkennbar sind und dass jeder metaphysische Erklärungsansatz historisch verortet werden muss. Verkürzt gesagt vollendet Spinoza die Verwissenschaftlichung der Welt indem er den Begriff der Immanenz in die Philosophiegeschichte einführt, der jedes Phänomen als von eigenen inneren Logiken und Strukturen dominiertes Gebilde ansieht, dessen Genese nur strikt historisch erfasst werden kann. Spinoza war keineswegs der erste, der Religion und Gesellschaft zu entmystifizieren versuchte, aber niemand vor ihm kam jemals so weit darin, dies als universales Paradigma so überzeugend und philosophisch zwingend zu formulieren.

 

Verwendete Literatur:

Leo Strauss: http://www.ntslibrary.com/PDF%20Books/strauss%20on%20How%20to%20Study%20Spinoza%20Theologico.pdf

Spinoza, TTP:http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf

Rebecca Newberger Goldstein: Betraying Spinoza (New York 2006)

Will und Ariel Durant, Kulturgeschichte der Menschheit (Band 13): Vom Aberglauben zur Wissenschaft, München 1982

Immanuel Wallerstein, Das moderne Weltsystem II – Der Merkantilismus, Wien 1998

 

Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen

23. Dezember 2016

schirmbeckSamuel Schirmbeck studierte Soziologie und Philosophie bei Adorno und Horkheimer und  baute 1991 das ARD-Fernsehstudio Algier auf. Von dort berichtete er viele Jahre lang über den algerischen Bürgerkrieg und die Entwicklungen in Marokko und Tunesien. Als Samuel Schirmbeck nach Algier kam waren die Strände voll von Frauen in Badeanzügen, und das Land hoffte auf Demokratie. Die Islamisten machten dem ein Ende, sie drohten den „Ungläubigen“ mit dem Tod und es blieb nicht nur bei Drohungen. Der Islam macht Angst, denn in seinem Namen werden brutale Kriege geführt, furchtbare Verbrechen begangen, Hass und Intoleranz gepredigt. Seine Intoleranz gegenüber anderen Lebensweisen, Homosexuellen und Nichtmuslimen, seine Frauenverachtung,  seine Brutalität in der Rechtsprechung und seine unnachgiebige Verfolgung aller kritischen Stimmen ist ein Angriff auf die Zivilisation. Dennoch tut sich eine radikale Islamkritik hierzulande schwer, steht sie doch häufig im Verdacht des versteckten Rassismus. Samuel Schirmbeck findet diese Haltung unbegreiflich und skandalös. Viele muslimische Islamkritiker von Bäuerinnen bis hin zu Gelehrten, Schriftstellern und Künstlern die die rasende Rückwärtsentwicklung Ihrer Religion und die Tyrannei ihrer Anhänger nicht länger hinnehmen wollen, können nicht verstehen warum sie von Westeuropas Intelligenz kaum Unterstützung erfahren. Schirmbeck lässt viele dieser mutigen muslimischen Islamkritiker in seinem Buch ausführlich zu Wort kommen.

Während der „schwarzen Jahre“ in Algerien, als Islamisten einen Bürgerkrieg mit über 150.000 Toten auslösten, kam es vielfach zu Säureattentaten auf sichtbare Frauenbeine, Hunderte wegen gemischter Klassen abgebrannten Schulen, Hammam-Betreiber und alle möglichen „Ungläubige“ wurden geköpft, Weinregale durch Kalaschnikow-Salven zerstört. Schirmbeck erzählt von Muslimen, die öffentliche Anti-Ramadan-Picknicks in Marokko und Algerien veranstalteten,  um gegen den Glaubenszwang und für Gewissensfreiheit zu demonstrieren. Er erzählt von 14-jährigen Mädchen die ihren 15-jährigen Freund geküsst haben und deshalb mit dem Tod bedroht wurden.  »Tötet ihn!«, riefen  Studenten an der Universität von El Jadida in Marokko, nachdem der Dekan eine Vorlesung über das Werk des marokkanischen Schriftstellers Abdellah Taia gestattet hatte. Nur durch Flucht konnte der Mann verhindern, gelyncht zu werden. Die Verfolgung von Andersdenkenden und die Unterdrückung  von Frauen erfolgt nicht durch einen „Islamismus“, sondern aufgrund des Alltags-Islam, wie er sich in den Gesetzen Marokkos und Algeriens widerspiegelt. Überall dort wo der Islam Macht bekommt, werden Frauenrechte und Gedankenfreiheit eingeschränkt und Minderheiten verfolgt.

„Wir sollten ehrlich sein und zugeben: Mehr als der islamistische Terror ist es die Dauerberieselung durch einen uns allen von den Machthabern aufgezwungenen sinnentleerten religiösen Diskurs, die zu den Extremismen führt. Die Vernunft daran zu hindern, sich wirklich ernsthaft bei uns einzurichten, ist die wahre Katastrophe“, meinte der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taia und riss damit die Schutzmauer zwischen Islam und Islamismus ein. Abdellah Taia ist nicht der einzige muslimische  Aufklärer Nordafrikas, der die Trennwand, zwischen Islam und Islamismus einreißt. Der algerische Islamforscher und Journalist Said Djabelkhir schrieb nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“: „Der traditionelle religiöse Diskurs rechtfertigt in der Tat diese Gewalt. Es fordert uns viel Mut ab, das anzuerkennen, aber nichtsdestoweniger ist es die Realität.“ Die beste Möglichkeit zur Bekämpfung des Terrorismus liegt laut Djabelkhir  darin, „die religiösen „Texte und archaischen Interpretationen und Diskurse anzugreifen, die immer noch Terrorismus hervorbringen und ihn rechtfertigen.“

Der muslimische Philosoph Abdennour Bidar schrieb 2014 in seinem „Offenen Brief an die muslimische Welt“: „Ich sehe dich ein Monster hervorbringen, das den Namen Islamischer Staat für sich beansprucht. Das Schlimmste aber ist, dass ich dich deine Zeit und deine Ehre damit verlieren sehe, dich zu weigern, zuzugeben, dass dieses Monster aus dir geboren ist, aus deinen Irrwegen, deinen Widersprüchen, deinem unaufhörlichen Hin- und Hergerissensein zwischen Vergangenheit und Gegenwart, deiner schon zu lang andauernden Unfähigkeit, deinen Platz in der menschlichen Zivilisation zu finden.“

Nach 9/11 lud die Doyenne aller muslimischen Islamkritikerinnen, die Marokkanerin Fatima Mernissi, zu einem Treffen von Muslimen und Christen in Marrakesch ein, an dem Schirmbeck teilnahm und bei dem sie für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Fundamentalismus eintrat. Auch Fatima Mernissi trennte nicht zwischen „Islam“ und „Islamismus.“ Für die Gewalt ihrer Religion machte sie die Entwicklung des Islam selbst verantwortlich und sagte: „Diesen Islam der Paläste und der Henker, der seiner rationalen Dimension beraubt wurde, zwingt man heute als islamisches Erbe unserem Bewusstsein auf.“

Hassan al-Banna (1906-1949), der Gründer der antijüdischen  Muslimbruderschaft, hatte in seinem Programm zum Hass gegen den Westen aufgerufen, die Tilgung alles Westlichen aus dem Bildungssystem gefordert sowie den Anschluss der Grundschulen an die Moscheen. Mit seiner Idee des kriegerischen Djihad und der Todessehnsucht des Märtyrers war 1928 der islamische Fundamentalismus der Neuzeit geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb Hassan al-Banna: „Hier, seht den Westen! Nachdem er Ungerechtigkeit, Knechtschaft und Tyrannei gesät hat, liegt er nun danieder und zappelt an seinen Widersprüchen; es würde genügen, dass eine mächtige Hand aus dem Orient eingreift, unter dem Banner Gottes mit dem Zeichen des Korans, einer Standarte, die der mächtigen Armee des Glaubens vorangetragen wird; unter der Führung des Islam wird die Welt dann wieder zu Gerechtigkeit und Frieden finden.“

Abdekwahab Meddeb schrieb 2002 in „Die Krankheit des Islam“ zu den Sätzen von Hassan al-Banna: „Ich hätte solche Aussagen gern in ihrer Unsinnigkeit, Leere und eigenartige Logik beiseitegelassen, wenn sie nicht zu einer gefährlichen Triebkraft für die Verbreitung des Hasses geworden wären, der, wie der 11. September beweist, fähig ist, extreme Verbrechen zu begehen. In al-Bannas‘ Text ist die Matrix der Gegnerschaft gegen den Westen zu finden, in einem einfach gestrickten Diskurs, der seine Überzeugungen frech als Beweise hinstellt.“ Genau diesen Diskurs führt heute nicht nur der „Islamische Staat“, sondern auch viele deutsche Kulturrelativisten folgen ihm, was die Bestrafung des Westens angeht. Hassan al-Banna und seine anti-westlichen Kampfschriften sind Produkte des Islam und nicht eines Islamismus.

Gewaltfördernd ist in vorderster Hinsicht die islamische Trennung der Welt in Gläubige und Ungläubige, die den Koran prägt. Der Glaube der Muslime ist ungleich ungebrochener  als der durch die Aufklärung gefilterte Glaube der Christen. Der Kampf gegen die Ungläubigen gleicht einer islamischen Obsession. Widersprechende Muslime müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Sure 2, Vers 217 sagt: „… Und der Versuch, Gläubige zum Abfall vom Islam zu verführen, wiegt schwerer als Töten. Und werden nicht aufhören, gegen euch zu kämpfen, bis sie euch von eurer Religion abbringen — wenn sie können. Und diejenigen von euch, die sich von ihrer Religion abbringen lassen und als Ungläubige sterben, deren Werke sind ins Diesseits und im Jenseits hinfällig. Sie werden Insassen des Höllenfeuers sein lind ewig darin weilen.“ Öffentlich zu verkünden „Ich glaube nicht“ oder „Ich will nicht zum Glauben gezwungen sein“  wäre lebensgefährlich.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erklärte das Echo, das sein Roman „2084 — Das Ende der Welt“, in dem eine religiöse Diktatur beschrieben wird: „Der Westen wird gerade von meiner Welt bedroht. Da ist es normal, dass man mir zuhört.“ Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud erklärte 2016: „Wir haben ein Recht, normal zu leben.“ Kamel Daoud spricht im Namen Hunderttausender Muslime Nordafrikas wenn er die Allmacht des Religiösen beklagt: „Ich weigere mich, an Diskursen teilzunehmen, die sagen, wir, in der arabischen Welt, können nichts dafür, dass es den Islamischen Staat, den Terrorismus und das wirtschaftliche Versagen gibt. Der Islamische Staat, das müssen wir begreifen, ist auch ein Teil von uns. Wir sind selbst schuld an dem, was passiert. Und wir sind diejenigen, die etwas ändern können.“

Als Samuel Schirmbeck nach Algerien ging hatte Huntington sein Buch „Zusammenprall der Kulturen“ noch nicht geschrieben, er gehörte zur Linken als er mit dem Islam Bekanntschaft machte. Es hat sich gewundert, welche Vorsichtsmaßnahmen Frauen trafen wenn man sich am Tag zu einem Interview verabredet hatte. Es war unmöglich, Journalistinnen einer bekannten Tageszeitung abends zum Essen einzuladen. Nur Männer kamen, brachten aber nie ihre Frauen mit. Wie zerstörerisch sich der Alltagsislam auf Frauen auswirken kann  belegt Schirmbeck an vielen Beispielen. Beispielsweise als  Korrespondent in Marokko wollte Schirmbeck das Leben auf dem Land filmen. Er fragte einen arabischen Kellner ob man bei ihm zu Hause filmen dürfe. Dieser stimmte zu und man fuhr über eine Hängebrücke in ein absolut touristenfreies  Gebiet. Der  Kellner Abdalla hatte zwei Schwestern, denen es verboten war über die Hängebrücke zu gehen, da sie ansonsten auf westliche Touristen treffen konnten.  Während des Interviews erfuhr Schirmbeck  dass Abdullah für seine Schwestern einen Ehemann besorgen will:„Der Islam hat uns Gesetze gegeben. Danach bin ich der Tutor meiner Schwestern, da mein Vater sich nicht mehr um sie kümmern kann.“ Die 17-jährige Khadidjas galt als verrückt, da sie sich ihren Mann selbst aussuchen wollte und der Bruder nur Schwierigkeiten mit ihr hatte. Obwohl  Khadidja nie einen  westlichen Touristen sah, sie keine  westlichen Medien je zu Gesicht bekam war der „westliche Virus“ in ihr eingepflanzt, sie wollte sich ihren Mann selbst aussuchen. Khadidja wurde natürlich zwangsverheiratet, blieb aber noch viele Jahre rebellisch. Deutsche Kulturrelativisten sprechen über diese Frauenverachtung ungern.

Später im Buch geht Schirmbeck auf die widersprüchlichen Ansichten von Politikern wie Heiko Maas und anderen ein. Justizminister Heiko Maas besuchte nach den Anschlägen von Paris eine Moschee in Berlin, zwei Tage nach der Erschießung von elf Angehörigen der „Charlie-Hebdo“ Redaktion und dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt in Paris lobte er die Erklärung von Religionsvertretern, Religion hat mit Terror nichts zu tun: „Bibel, Thora und Koran sind Bücher der Liebe, nicht des Hasses.“ Die muslimische Religionslehrerin Lamya Kaddor sah keine Notwendigkeit, sich als Muslima  von den Attentaten zu distanzieren: „Es ist den Attentätern egal, wen sie töten, es ist ihnen egal, ob Muslime dabei sind.“ Als ob man sich von der Gewalt des Stalinismus nicht distanzieren bräuchte weil auch Russen unter den Opfern waren. Der evangelische Theologe Heinrich Bedford-Strohm empfahl angesichts des Terrors von Paris, „die Kostbarkeit des Lebens“ wahrzunehmen« und mit der „Unsicherheit des Lebens umgehen“ zu lernen. Er fragte nicht, warum der Islam seit Jahrzehnten mehr und mehr Gläubige hervorbringt, die diese „Kostbarkeit“ mit Füßen treten, weil sie mit der „Unsicherheit des Lebens“ nicht zurechtkommen, im Dogma Halt suchen und ihren Hass auf die Gesellschaft konfessionalisieren. Er fragte auch nicht, warum sie sich dafür ausgerechnet den Islam und nicht eine andere Religion aussuchen. Heiko Maas fragte nicht, warum nur der Islam sich seit Jahrzehnten zu einem immer schrecklicheren „Missbrauch“ eignet, mit dem er, Maas zufolge, „nichts zu tun“ hat. Lamya Kaddor sah – da die Terroristen auch Muslime, die möglicherweise im „Bataclan“ oder auf den Cafeterrassen waren und also in deren Augen „schlechte« Muslime waren, nicht verschonten – den Islam außerhalb der Schusslinie. Als ob das Christentum zu Zeiten der Inquisition nichts mit dieser zu tun gehabt hätte, weil damals Christen Christen quälten, die sie nicht für Christen hielten. Der islamische Terrorismus hat seine Quelle im Islam.

Der Islamologe Abdelwahab Meddeb dagegen meint: Der Islam wird nicht „missbraucht“. Das Übel steckt in ihm selbst, wie der muslimische Philosoph Abdennour Bidar in seinem „Offenen Brief an die muslimische Welt“ schrieb. Weiter so zu tun, als sei er heil, als werde das Übel von selbst verschwinden, wenn man es nur lang genug verschweige, ist die Strategie der deutschen Politik, der Islamverbände und der Linksmilieus. Sie wird die „trostlose Fahrt in den Tod“ verlängern, sie beschleunigen und die Zahl ihrer Opfer noch vermehren, auch in Deutschland, so Schirmbeck.

Am Ende seines Buches schreibt Samuel Schirmbeck: “Es gab Gesten von Muslimen, die ich nie vergessen werde. Seit einem Monat filmten wir im Jahr 1993 an Gräbern, in denen von Islamisten ermordete Intellektuelle bestattet wurden. Man begegnete in diesen Momenten jeweils dem Islam der Kultur und dem Islam der Gewalt zugleich, dessen Opfer zu Grabe getragen wurden und deren Angehörige verzweifelt waren. Eines Tages wurde bekannt, dass auch der renommierte algerische Soziologe Mahfoud Boukhobza von Islamisten umgebracht worden war. Getarnt als Handwerker hatten die Untergrundislamisten sich Einlass in seine Wohnung verschafft, ihn auf einen Stuhl gefesselt und ihm die Kehle durchgeschnitten. Seine Ehefrau, die Tochter und der 17-jährige Sohn hatten es miterlebt. Dieses Vorgehen gegen „Feinde Gottes“ begann damals erst, Routine gewalttätiger Islamisten zu werden. Es handelte sich um nie Dagewesenes, um einen Intellektozid. Ich beschloss, für „Titel, „Thesen, Temperamente“ darüber zu berichten. Aber wie sollte man in eine solche Wohnung gehen, ein Interview mit Menschen machen, denen solches widerfahren war? Eine Zeitlang war ich mit meinem arabischen Kameramann um das Mietshaus gekreist und hatte dann schließlich geklingelt. Ein Verwandter bat uns, gegen Abend wiederzukommen. Dann sei die Witwe Boukhobza da. Als wir zurückkamen, sprachen wir der Familie unser Beileid aus. Jedes weitere Wort über den Mord verbot sich als zu läppisch angesichts des Geschehenen. Doch es musste etwas gesagt werden, während der Kameramann seine Gerätschaft für das Interview aufbaute. Der Sohn schaute stumm zu, während ich an das Unaussprechliche dachte, dass diese Augen gesehen hatten. Nicht er, sondern ein Freund des Ermordeten würde das Interview geben. Dieser fragte mich, wie es mir als Neuling in Algier gehe. In meiner Hilflosigkeit sprach ich über Lappalien wie die Schwierigkeit, ein Taxi oder einen Interviewpartner bei der Regierung zu bekommen und über den schon Wochen andauernden Milch-, Kaffee- und Waschmaschinenmangel, ehe das erlösende Gespräch vor der Kamera begann. „Boukhobza gehörte zu den Besten“, sagte der Mann mit leiser Stimme, „immer töten sie die Besten.“ Nachdem wir unser Material eingepackt hatten und Frau Boukhobza uns durch den Korridor bis an die Tür begleitete, drückte sie mir die Hand. Ich spürte etwas Weiches, ein Pfund Kaffee.“

Das Buch von Samuel Schirmbeck ist aktueller denn je und trotz einiger Wiederholungen sehr zu empfehlen. Vor wenigen Tagen hat der Islamist Anis Amri einen LKW in Berlin gekapert, den polnischen Fahrer erschossen und ist mit dem LKW in einen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahren um möglichst viele „Ungläubige“ zu ermorden. Die Reaktionen auf den Berliner Anschlag von Politik und Medien waren kaum überraschend: „Wir leben weiter wie bisher“ und “jetzt erst recht auf Weihnachtsmärkte gehen“ oder „das alles hat nichts mit dem Islam zu tun“ und  „es gibt keine absolute Sicherheit, wir müssen mit dem Terror leben.“ Höhepunkt war ein Plakat mit der Aufschrift: #Terror hat keine Religion #Berliner Muslime gegen Terror – mit Logos von diversen islamistischen Islamverbänden vom Islamrat bis Milli Görüs.

Die islamistische Moderne bekämpft den westlichen Lebensstil, ermordet Ungläubige auf Weihnachtsmärkten und benutzen dafür „ohne zu zögern die Mittel und Technologien der Ungläubigen.“ Die Trennung von Islam und Islamismus  erfolgt ohne jede rationale Argumentation, ohne jede Grundlage. Wer kann den Unterschied zwischen Islam und Islamismus erklären? Gehört die Scharia, die islamische Rechtsordnung noch zum Islam oder schon zum Islamismus? Ist die Verschleierung des weiblichen Haares religiöse islamische Pflicht oder sind solche Ansichten islamistisch? Gehört die strikte Geschlechtertrennung, die Verfolgung von Homosexuellen, Apostaten und Andersdenkenden noch zum Islam oder ist das schon Islamismus?

Solange Islamkritik den Rechten überlassen wird, die sich nicht gegen den Islam sondern gegen die Muslime richtet, solange sich Linke und Linksliberale hinter ihrem Kulturrelativismus verschanzen, solange die Sorge von Christen und christlichen Parteien bezüglich der Sicherung von Religionsfreiheit über allem steht wird sich die islamische Wirklichkeit nicht ändern. Zur Erinnerung: Als die islamische Welt wegen der paar Mohammed-Karikaturen außer Rand und Band geriet, setzte sich Edmund Stoiber von der CSU nicht für die Meinungsfreiheit ein, er wollte den Blasphemie-Paragraphen verschärfen.

Das hiesige Appeasement an den Islam belegt ihre Gleichgültigkeit gegenüber den vielen Opfern der islamischen Ideologie. Michael Müller, der Bürgermeister von Berlin hat die gläubige Muslimin Sawsan Chebli zu Staatssekretärin gemacht. Sie bezeichnet das Kopftuch als eine religiöse Pflicht und hält die Scharia für grundgesetzkompatibel. Wenn es nicht so traurig wäre könnte man darüber schmunzeln. Es ist längst an der Zeit, dass in den muslimischen Communities in Europa der innerislamische Diskurs über die Widersprüche dieser außer Rand geratenen gewalttätigen Religion beginnt. Eine Diskussion über den Islam in Europa ist die Voraussetzung für die längst fällige Domestizierung des Islam. In Algerien, Marokko und beispielsweise im Iran gibt es viele mutige Muslime die gegen die Zumutungen des Islam unter dem Einsatz ihres Lebens protestieren. Diese oppositionellen Menschen hoffen seit vielen Jahren auf Unterstüzung aus dem scheinbar aufgeklärten Westen. Bisher hoffen sie vergebens.

Veröffentlicht auch bei Fisch und Fleisch

Vorsicht Falle: Jutta Ditfurth in Nepper, Schlepper, Bauernfänger

16. Dezember 2016

edeIn einem Fernsehinterview nannte Jutta Ditfurth den Mahnwachenredner Jürgen Elsässer einen „glühenden Antisemiten.“ Darauf kam es vor dem Landgericht München I zum Prozess. Mit einer nicht nachvollziehbaren Begründung durch die Richterin Grönke-Müller bekam Elsässer Recht. Im Juni 2015 verpflichtete sich Ditfurth, Elsässer nicht mehr als „glühenden Antisemiten“, wohl aber einen „Antisemiten“ zu nennen. Im Berufungsverfahren am Oberlandesgericht ging es nur noch um die Übernahme der Prozesskosten. Ditfurth verlor abermals. Darauf erhob Ditfurth im November 2015 Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht.

Die Verfassungsbeschwerde von Jutta Ditfurth gegen die abgewiesene Berufung in der gerichtlichen Auseinandersetzung mit Jürgen Elsässer wurde  am 8. Juni 2016 unter dem Aktenzeichen – 1 BvR 2774/15 nicht zur Entscheidung angenommen. „Diese Entscheidung ist unanfechtbar“ sagte die 3. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch den Vizepräsidenten Kirchhof, den Richter Masing und die Richterin Baer.

Diese Niederlage verheimlicht Jutta Ditfurth ihren Anhängern seit nun einem halben Jahr. Seit dem November 2015 bittet Jutta Ditfurth auf ihrer Homepage und auf ihrer Facebook-Seite bis heute um Spendengelder für ihre Klage vor dem Bundesverfassungsgericht:

„Die Erfolgsaussichten sind gut. Aber das Warten könnte lang werden: 1 bis 2 Jahre. … Nur Dank der Solidarität und Hilfe vieler Menschen habe ich die ersten Instanzen geschafft. Jetzt bitte ich noch einmal herzlich um Spenden für die Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht.  Bitte entweder auf dieses Konto: Kontoinhaberin: ÖkoLinX-Antirassistische Liste  Verwendungszweck: »Elsässer-Prozess«  Bank: Postbank Frankfurt/Main oder via PayPal …“

Nachdem  Jutta Ditfurth im Oktober mit ihrer Unaufrichtigkeit konfrontiert wurde meinte sie am 10. Oktober in Facebook:

„Prozess gegen den Antisemiten Jürgen Elsässer (Compact) Ich beobachte kopfschüttelnd und zugleich amüsiert, wie politische Gegner*innen von rechten Antideutschen über Elsässer selbst bis zu Nazis falsche Informationen über den Elsässer-Prozess verbreiten. Liebe freundliche Menschen, lasst Euch davon nicht irre machen. Ich werde aus guten Gründen im November den Stand der Dinge veröffentlichen.“

Der November ist längst vorbei und Jutta Ditfurth hat sich noch immer nicht erklärt, dafür hat sie mit der Jungle World gesprochen:

„Im Gespräch mit der Jungle World sagt Ditfurth: „Wie frei ist dann die Meinung, wenn nur Wohlhabende sie sich leisten können?“ Sie sehe sich gezwungen, den Streit mit Elsässer vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu tragen. „Raus aus Deutschland“, wie sie verbittert anmerkt. Erneut muss Ditfurth Spenden für das Verfahren sammeln, es geht um weitere 9 000 Euro.“

Zuvor ist in der Jungle World beiläufig über die 2015 erhobene Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht zu lesen: „Doch das Gericht lehnte es im Juni 2016 ab, die Beschwerde zu prüfen.“  Kaum erwähnenswert ist, dass die Erfolgsaussichten von dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen Null tendieren.

Isoliert betrachtet liegt Jutta Ditfurth in der Sache gegen Jürgen Elsässer natürlich richtig. Ihr Kampf gegen den Antisemitismus ist freilich völlig unglaubwürdig, sie selbst ist in ihrer antiimperialistischen Ideologie gefangen, ihre eigene „Israelkritik“, ihre distanzlose Meinhof-Biographie und ihre solidarischen Freundschaften zu extremen „Israelkritikern“ sind Belege dafür.

Darüber hinaus ist das besondere Verhältnis der Kapitalismuskritikerin zur Geldbeschaffung problematisch. Jutta Ditfurths Aufrufe zu Geldspenden waren von Anfang an dubios und absolut intransparent. Eine detaillierte Aufstellung über die Spendengelder und die Soli-Einnahmen wurde nicht veröffentlicht. Der diesbezügliche negative Höhepunkt ist zweifellos Ditfurths Aufforderung  über sechs Monate Geld für eine nicht existente Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht zu spenden. Ihre bis zum heutigen Tag auf ihrer Homepage nachlesbare Behauptung, für ihren Sieg beim Bundesverfassungsgericht gäbe es „gute Aussichten“  und ihr eiskaltes Statement, „ich beobachte kopfschüttelnd und zugleich amüsiert … falsche Informationen über den Elsässer-Prozess verbreiten“ sind nicht nur gruselig, sondern beinahe schon mitleiderweckend.

Die treu-naive Anhängerschaft von Jutta Ditfurth sei jedenfalls gewarnt: Vorsicht Falle – Eduard Zimmermann (oder irgendein Nachfolger)  übernehmen sie.