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Ist Björn Höcke der uneheliche Sohn von Augstein oder Walser?

20. Januar 2017

hoeckeBjörn Höcke, geboren am 1. April (!) 1972 in Westfalen ist das Aushängeschild des rechts-völkischen Flügels der AfD. Knapp 75 Jahre nach der Wannseekonferenz, am 17. Januar 2017 jammerte Höcke in Dresden vor seinen rechtsradikalen Anhängern wegen der alliierten Bombardierung Dresdens, die er mit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki verglich, dabei den Naziterror relativierend:

“Die Bombardierung Dresdens war ein Kriegsverbrechen. Sie ist vergleichbar mit den Atombombenabwürfen über Hiroshima und Nagasaki. Mit der Bombardierung Dresdens und der anderen deutschen Städte wollte man nichts anderes als uns unsere kollektive Identität rauben. Man wollte uns mit Stumpf und Stiel vernichten, man wollte unsere Wurzeln roden. Und zusammen mit der dann nach 1945 begonnenen systematischen Umerziehung hat man das auch fast geschafft. Deutsche Opfer gab es nicht mehr, sondern es gab nur noch deutsche Täter. Bis heute sind wir nicht in der Lage, unsere eigenen Opfer zu betrauern.“

Was Höcke und seine Patrioten nicht hören wollen: Von deutschen Städten wie Dresden ging der Zweite Weltkrieg aus und Dresden war eine der Hochburgen des Nazireiches. Dabei führte die deutsche Wehrmacht unter anderem von 1941 bis 1944 einen rassebiologischen Vernichtungskrieg gegen Juden, Kriegsgefangene und die Zivilbevölkerung, dem Millionen zum Opfer fielen. Über die Bombardierung von Dresden wurden bereits während des „Tausendjährigen Reiches“  Legenden gestrickt. So sprach schon Joseph Goebbels  von „militärisch sinnlosen Terrorangriffen“ und später bezeichnet die NPD die  Bombardierung Dresdens als „Bombenholocaust.“  Wer dagegen die Tagebücher von Victor Klemperer kennt, weiß dass durch die Bombardierung Dresdens viele Juden die noch in Dresden lebten nicht nach Auschwitz deportiert wurden und so den Krieg überlebten.

Das Holocaustmahnmahl in Berlin ist für Höcke und seine „patriotischen Anhänger“ ein „Denkmal der Schande“, in seiner Rede halluzinierte Björn Höcke weiter: „Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. (..) Und diese dämliche Bewältigungspolitik, die lähmt uns heute noch viel mehr als zu Franz Josef Strauß’ Zeiten. Wir brauchen nichts anderes als eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad! Wir brauchen so dringend wie niemals zuvor diese erinnerungspolitische Wende um 180 Grad, liebe Freunde. Wir brauchen keinen toten Riten mehr in diesem Land. Wir haben keine Zeit mehr, tote Riten zu exekutieren.“

Mit seiner Rede belegte Björn Höcke nicht nur inhaltlich seine Kompatibilität mit Joseph Goebbels, es hatte den Anschein dass der AfD-Mann sein scheinbares Idol auch in dessen Gestik und Duktus kopieren wollte. Erfreulich ist, dass Höcke, abgesehen von diversen Kameraden seiner Partei, derzeit nicht sehr viel Zuspruch erhält. Mittlerweile interessiert sich sogar der Verfassungsschutz für Höcke, das war eigenartigerweise vor 20 Jahren noch nicht so. Die geistigen Wegbereiter für Björn Höcke,  Martin Walser und Rudolf Augstein erhielten noch sehr viel Zuspruch für ihre nationalen „Befreiungs-Reden.“ Nur Ignaz Bubis kritisierte Martin Walser massiv nach dessen „Friedenspreisrede in der Paulskirche“ und warf ihm latenten Antisemitismus und “geistige Brandstiftung” vor.

Am 11. Oktober 1998 warnte Martin Walser in seiner Rede in der Frankfurter Paulskirche vor einer „Instrumentalisierung des Holocaust“. Walser meinte, die NS-Verbrechen würden dazu missbraucht werden, den Deutschen „weh zu tun“ und um politische Forderungen zu stützen. Laut Walser fühle sich derjenige, der ständig diese Verbrechen thematisiert, den Mitmenschen moralisch überlegen. Martin Walser prägte den Begriff der „Moralkeule“: „Auschwitz dürfe aber nicht zur „Moralkeule“ verkommen, gerade wegen seiner großen Bedeutung“. Das Berliner Holocaust-Mahnmal bezeichnete Walser als die „Monumentalisierung der Schande.“

Im Spiegel schrieb Rudolf Augstein kurz darauf, am 30.11. 1998 über das Berliner Mahnmal: „Nun soll in der Mitte der wiedergewonnenen Hauptstadt Berlin ein Mahnmal an unsere fortwährende Schande erinnern. Anderen Nationen wäre ein solcher Umgang mit ihrer Vergangenheit fremd. Man ahnt, daß dieses Schandmal gegen die Hauptstadt und das in Berlin sich neu formierendes Deutschland gerichtet ist. Man wird es aber nicht wagen, so sehr die Muskeln auch schwellen, mit Rücksicht auf die New Yorker Presse und die Haifische im Anwaltsgewand, die Mitte Berlins freizuhalten von solch einer Monstrosität.“

In unzähligen Artikeln des „Spiegels“ entlastete Augstein die Deutschen mit seiner Täter-Opfer-Umkehr. Mit seinen Artikeln gegen Israel zeigte Rudolf Augstein, wie später Jakob Augstein in seinen Kolumnen, dass er den Juden Auschwitz nie verzeihen würde. Björn Höcke, Rudolf Augstein und Martin Walser sind oder waren Brüder im Geiste. Sie unterscheiden sich zwar in Duktus und Intellekt voneinander, aber inhaltlich dürfte was die „Auschwitzkeule“ gegen die „deutsche Nation“ betrifft weitgehend Einigkeit bestehen. Jakob Augstein kann die Kompatibilität seiner Väter mit Höcke freilich nicht verstehen, in seiner Spiegelkolumne schreibt die Nummer 9 dieser Tage:

„Schandmal“, „New Yorker Presse“, „Monstrosität“ – das sind wahrlich keine schönen Formulierungen. Muss da nicht jedem Neurechten geradezu das Herz aufgehen? Nein, Kameraden. Der alte Augstein lässt sich nicht vor euren dreckigen Karren spannen. Er gehörte zur Generation der Täter, die an der Schuld buchstäblich zerbrochen ist. In jenem Artikel, den die Rechten fleddern wollen, heißt es auch: „In uns, die wir von der ‚Endlösung‘ nichts wußten, sträubte sich alles, und es dauerte, bis wir uns als Deutsche zu der Erkenntnis durchringen konnten, daß ein einmaliges Verbrechen geschehen war.“

„Schandmal“, „New Yorker Presse“, „Monstrosität“  oder die „Ahnungslosigkeit“ bezüglich der „Endlösung“ , das sind „wahrlich keine schönen Formulierungen.“ In seiner hilflosen Verzweiflung wirkt Jakob Augstein beinahe sympathisch. Nur für wenige Hundertstelsekunden versteht sich.

Conatus in suo esse perseverandi.* Über Spinozas „Ethik“

11. Januar 2017

„Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“

Hegel, Vorrede zur Phänomenologie des Geistes

„Das Bestreben, womit jedes Ding in seinem Sein zu verharren strebt,- ist nichts als das wirkliche Wesen des Dinges selbst.“

Spinoza, Ethik III, 7

 

*Das Streben in seinem Sein zu beharren. (Ethik III, 7)

spinoza_ethica

Faksimile der Erstausgabe der Ethik 1677.

 

Spinoza gehört zu den großen Unbekannten der Philosophiegeschichte. Die Qualifikationen die sein Werk erfahren hat sind so vielfältig wie die Geschichte der philosophischen Ideen selbst und hängen davon ab in welchem Kontext man sich verortet. Ich, um einmal so zu beginnen, habe mich immer für Außenseiter interessiert und ihren Widerstand gegen die opportunistische Konformität bewundert, mit der sie sich gegen alle Hindernisse stemmten, die ihnen aufgezwungen wurden.  Der Außenseiter Spinoza, verstoßen von seiner eigenen Gemeinde, angefeindet von den bigotten Wächtern der öffentlichen Moral, dutzende Male von intellektuell minder Begabten erledigt oder als „toter Hund“ (Lessing) beschimpft ist eine Figur und ein Denker, an dem sich jedes kritische Bewusstsein schulen kann, das wissen will was eine non-konformistische Haltung kostet. Er war kein Held, sondern ein einsamer, isolierter Mann, von dem nicht einmal bekannt ist, ob er je eine physische Beziehung zu irgendeinem anderen Menschen eingegangen ist. Irgendwann nahm er die Einsamkeit an und produzierte etwas Außergewöhnliches. Trotzdem war er nicht verbittert, sondern sprach von Freude, Liebe und Glück, und lebte als einer der sich Hass, Eifersucht, Neid und Zorn entschieden verweigerte. Er war kein Prediger, er sammelte keine Jünger um sich und wollte nicht verehrt werden, er versprach keine Belohnung im Himmel, sondern empfahl bloß sich um die „amor intellectualis dei“, die intellektuelle Liebe zu Gott zu bemühen, die am Ende aller Erkenntnis und allen Wissens stehen würde.

Spinoza lehrt uns, als Menschen und als Teil der Natur in unserem Sein zu beharren, das Ganze und das subtilste Detail mit allergrößter Aufmerksamkeit zu betrachten, nichts für unwichtig zu halten und dennoch die eigene Besonderheit, die eigenen unverwechselbare Präsenz mit aller Energie zu vervollkommnen.

Spinoza schrieb die „Ethik“ in Latein. Alle Passagen, aus denen ich zitiere entstammen der Übersetzung von Jakob Stern aus dem Jahre 1888, die im Reclam Verlag 1990 erschienen ist.

 

1.

In fünf Büchern, beginnend mit Gott, entwickelt Spinoza in Form von Definitionen, Lehrsätzen und Beweisen seine Philosophie. Zwischen den Lehrsätzen werden in den Beweisen und Anmerkungen, den sogenannten Scholien die Prinzipien nochmals ausführlich erläutert und anhand praktischer Beispiele erklärt. Der Aufbau ist strikt logisch und bildet ein Netzwerk, in dem sich alle Teile aufeinander beziehen. Die „Ethik“ ist ein philosophisches System, das einzige das Hegel als gleichberechtigt neben dem seinen  anerkannt hat und eines, das die Stringenz mathematischer Beweise und die Präzision der Naturwissenschaften in Philosophie übersetzen will. Während die meisten vor und nach ihm beim Kleinsten beginnen, von den menschlichen Begierden und Leidenschaften weiter zur Struktur der Gesellschaft gehen um dann aufzusteigen zum Allergrößten, beginnt Spinoza ohne Umschweife beim höchsten Punkt, bei Gott. Die Perspektive ist entscheidend, weil es immer ums Ganze geht und die Sicht darauf niemals außer Acht gelassen werden soll. Spinoza beginnt also bei Gott, den er als  „Deus sive natura“ anspricht. Gott oder die Natur ist „causa sui“, Ursache ihrer selbst, unendlich und unbegrenzt und nur aus sich und durch sich erklärbar. Es gibt kein Außen, nur das selbstreferentielle Feedback des Systems. Schon im Tractatus Theologico-Politicus wandte sich Spinoza gegen einen personalen Schöpfergott, der nur deshalb die Bühne betritt weil sich die Menschen Gott nach ihrem eigenen Bild erschaffen. Die aus Furcht und Unwissenheit Gott (und Göttern) zugeschriebenen Eigenschaften sind Limitierungen des Verstandes, der sich weigert die Unendlichkeit zu denken.  Aber der Gott Spinozas, dem auch Einstein bereit war zu folgen, ist keine Person, kein teleologisches Prinzip das von irgendeinem niedrigen zu einem höheren Punkt aufsteigt, sondern die Natur selbst. Sie ist nach allen Richtungen gleich mächtig und existent. „Denn die Natur ist immer dieselbe, und ihre Kraft und ihr Vermögen zu wirken ist überall gleich.“ (Ethik III, Vorwort) Gott gehorcht Regeln, die seinem eigenen Wesen gemäß sind und damit Naturgesetzen gleichkommen, ja die Naturgesetze selbst sind. „Deus sive natura“ bedeutet, dass Gott absolut und unendlich ist, aber gleichzeitig den eigenen Naturgesetzen verpflichtet. Wunder und Mirakel, wie sie in den heiligen Schriften der Offenbarungsreligionen berichtet werden sind darum schon allein deshalb Unsinn, weil Gott nichts gegen die eigene Logik oder Vernunft der Natur unternehmen kann, die er selbst ist. Gott spricht nicht, handelt nicht und hat keinen anderen Willen als zu existieren und als Natur existiert Gott „sub specie aeternitatis“ (Ethik V, 29), unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit. „Da es nun in der Ewigkeit kein Wann gibt, kein Vorher und kein Nachher, so folgt hieraus, nämlich aus der bloßen Vollkommenheit Gottes, daß Gott nie etwas anderes beschließen konnte oder daß Gott vor seinen Beschlüssen nicht gewesen ist noch ohne sie sein kann.“ (Ethik I, 23)

Ein weiterer Name dafür, den Spinoza in Folge verwenden wird ist Substantia, Substanz. Substantia ist ein Begriff der scholastischen Theologie und hier liegt ein wesentliches Verständnisproblem heutiger Leserinnen und Leser bei der Lektüre Spinozas. Er verwendet alte Sprache, um etwas Neues zu sagen. Die Begriffe und Kategorien der Ethik stammen aus der jüdischen und christlichen Theologie und sind ungewohnt für zeitgenössisches Denken. Die Philosophie des 17. Jahrhunderts löst sich langsam und schrittweise von den Begriffen und Ideen der Theologie, muss aber die Auseinandersetzung mit diesen erst zu Ende bringen.  Spinozas Gegenüber im 17. Jahrhundert, Descartes, verwendet ebenfalls den Begriff der Substanz wenn er die Welt und das Universum beschreibt. Descartes proklamierte allerdings zwei Substanzen, die durch einen vermittelnden Schöpfergott zusammen gehalten werden: die „res cogitans“, das Denken, den Geist und die „res extensa“, die Ausdehnung, den Raum. An diesem Punkt beginnt Spinozas revolutionäre Umwertung aller bisherigen Philosophie. Er proklamiert: „Eine Substanz für alle Attribute“. Deus sive natura sive substantia hat sogenannte Attribute, also Eigenschaften, die die Unendlichkeit der Substanz auf eine einzige Art und Weise ausdrücken. „Das Denken ist also eins von den unendlichen Attributen Gottes, welches das ewige und unendliche Wesen Gottes ausdrückt…“ (Ethik II, 1)

Die Substanz hat unendlich viele Attribute, aber wir kennen nur zwei davon: Denken und Ausdehnung. Mit der in der Philosophiegeschichte als Monismus bezeichneten Wendung, dass es nur eine Substanz für alle Attribute gibt, bricht Spinoza als vermutlich erster Philosoph der Neuzeit mit dem Geist-Körper Dualismus der abendländischen Tradition. Es lassen sich auch durchaus Grundzüge der epikureischen Tradition darin erblicken, obwohl Spinoza weit über Epikur hinausgeht. Ideengeschichtlich lässt sich das Neue an Spinoza als Kritik der Rolle Platons in der Philosophiegeschichte verstehen, die den Geist und die Ideen über alle Maßen betont hat und die Rolle von Körper und physischer Arbeit hintanstellte.  Die materialistische Auseinandersetzung mit einer rein auf Ideen und Geist orientierten Denkweise wird von Spinoza erstmals systematisch mit einer – wenn man so will – ganzheitlichen Interpretation der menschlichen Natur auf den strengen Begriff gebracht. Man kann das als moderner Mensch vielleicht besser verstehen, wenn man es mit den Worten des Hirn und Gedächtnisforschers Eric Kandel betrachtet, der einmal schrieb: „Mind and brain are inseparable.“ Körper und Geist sind keine verschiedenen Dinge, sondern Geist und Ideen entspringen dem Körper, das Denken ist eine Idee des Körpers: „Die Vorstellungen der Dinge sind Erregungen des menschlichen Körpers…“ (Ethik III, 27) Man kann daran sehen, dass es dem Monismus Spinozas darum geht, Hierarchiefragen zu vermeiden, die in dualistischen Prinzipien stecken. Weil es eben unendlich viele Attribute gibt, existiert auch keine Hierarchie unter ihnen. Körper und Geist sind Teil desselben Systems und Denken kann nicht außerhalb einer körperlichen Erfahrung existierend gedacht werden.

Mit einer Radikalität, die sich sonst nur noch bei Nietzsche findet, bricht Spinoza mit den Zuordnungen dualistischer Konzeptionen, die das Geistige über das Körperliche stellen und Verstand versus Sexualität und körperliche Erfahrung in Mann/Frau Gegensätze spalten. Auf diese Weise kritisiert er politische Herrschaft über den Menschen die immer auch quasi natürliche Geschlechtergegensätze und Klassenunterschiede identifiziert. Obwohl Spinoza selbst, hier ganz Kind seiner Zeit bizarrer weise die politische Gleichberechtigung von Frauen ablehnte (Ethik III, 35)[1], denkt seine Philosophie weit darüber hinaus. Die zivilisatorischen Fortschritte des letzten Jahrhunderts, die Homosexualität, Diversity und weibliche Selbstbestimmung kulturell und politisch als untrennbare Eigenschaften demokratischer Gesellschaften etabliert haben sind auf eine gewisse Art und Weise Spätfolgen spinozistischer Philosophie. Spinozas Ethik ist eine Ethik der unverletzbaren Integrität des menschlichen Körpers, seiner Selbstbestimmung und mit dieser der Ausgangspunkt jeder demokratischen Ordnung. Der französische Marxist Etienne Balibar, ein Schüler Althussers schrieb in seinem Text „Spinoza, the Anti-Orwell“[2], dass Spinoza den menschlichen Körper selbst als das größte Hindernis für totalitäre Herrschaft betrachten würde. Herrschaft könne niemals total sein, weil der Körper selbst sich auf Dauer jeder Kontrolle widersetzt, die versucht seine natürlichen Grenzen einzuschränken. Orwells Dystopie beschrieb eine Diktatur, die durch Propaganda eine Sprache schafft, die jeden Gedanken an Widerstand unmöglich macht. Aber wie Spinoza schreibt, kann ein Gedanke bloß durch einen anderen Gedanken begrenzt werden und die Fähigkeit der Körper zur Affektion niemals vollständig durch eine sprachliche Operation kontrolliert. Balibar hat wohlweislich darauf vergessen, dass Spinoza darum nicht nur ein Anti-Orwell, sondern auch ein Anti-Foucault ist.

 

2.

Von den Attributen geht es abwärts zu den Modi, deren wichtigstes Merkmal ist, endlich zu sein. Menschen, Gegenstände, überhaupt alle physischen Phänomene sind Ausdrücke des Modus, der sowohl Substanz als auch Attribute ist, aber eben immer in endlichen und messbaren Kategorien. Jeder Modus wird durch Affekte beeinflusst, die das Vermögen des Modus erhöhen oder reduzieren, weitere (und stärkere) Affekte anzunehmen oder abzugeben. Im hierarchischen System Substanz, Attribut, Modus nehmen Menschen keinen besonderen Platz ein, ganz genau so wie in den Bäumen evolutionärer Abhängigkeiten, in denen Homo Sapiens bloß die Unterart einer Unterart einer weiteren Unterart ist und Natur als abstrakte Struktur keine Unterschiede zwischen Spezies kennt, die eine besondere Rolle rechtfertigen würden. Während der Humanismus der folgenden Jahrhunderte eine Essenz des Menschen propagiert, die religiös als „Krone der Schöpfung“ einen besonderen Platz des Menschen in der natürlichen Ordnung beansprucht und politisch in der Hierarchie der menschlichen „Rassen“ anthropologisch begründet wird, denkt Spinoza Mensch sein als anti-essentialistisches Netzwerk von Körpern und Affekten. Der Unterschied zwischen einem Stein und einem Menschen ist, dass ein Stein in seinem Sein zu beharren bloß eine geringe Menge an Affekten auf sich beziehen kann, während lebendige Strukturen von einfachsten Tieren und Pflanzen aufwärts zu den komplexesten Lebewesen ihr Sein zu beharren gegen und mit einer Vielzahl an Affekten bestreiten. Louis Althusser, der größte marxistische Philosoph des 20. Jahrhunderts formulierte seinen Begriff des Anti-Humanismus auf der Grundlage von Spinozas materialistischer Metaphysik, die den humanistischen Essentialismus als Ideologie einer religiös und rassistisch gefärbten Ausnahmestellung des Menschen in der Natur kritisierte. Althusser stand mit diesen Ideen aber innerhalb der marxistischen Linken weitgehend allein, wenn man Antonio Negri einmal außer Acht lässt. Sowohl christliche Theologie als auch hegelianischer Marxismus haben mit Spinoza das gleiche Problem: es gibt kein Subjekt, das sich telelogisch in der Zeit bewegt. Weder die religiöse Anthropologie einer „Krone der Schöpfung“ noch die gesetzmäßige Vollendung eines revolutionären Subjekts der Geschichte können mit Spinozas Philosophie einen Sinn ergeben. Der Hauptkritikpunkt Hegels, der Spinozas Auffassung von der Substanz eine „morgenländische Anschauung“ nannte, ist, dass es eben nirgendwo in seiner Philosophie ein Subjekt gibt, das die Bewegung des absoluten Geistes zu sich selbst entwickeln könnte. „Diese Spinozistische Idee ist als wahrhaft, als begründet zuzugeben. Die absolute Substanz ist das Wahre, aber sie ist noch nicht das ganze Wahre; sie muß auch als in sich tätig, lebendig gedacht werden und eben dadurch sich als Geist bestimmen.“[3] Spinozas Philosophie ist eine Ablehnung jeder teleologischen Bewegung der Natur, hin zu einem Ziel oder einer Vollendung. Darin steckt auch die viel später aufkommende Theorie chaotischer Systeme, deren innere Dynamik durch unbekannte Variablen unvorhersehbar ist. Das, was man sehen kann ist nur unvollkommen erkennbar und durch eine natürliche Grenze der Erkenntnisfähigkeit bestimmt, aber es gibt bei Spinoza anders als bei Hegel keine Negativität dialektischer Widersprüche. Alles ist, wie Antonio Negri betont hat, „multitudo“ oder Vielheit.

Spinozas Universum besteht ganz einfach gesagt aus einer unbegrenzten Vielzahl an Dingen, von denen sich jedes vom anderen unterscheidet, so gering der Unterschied auch sein mag. Sie konstituieren für sich keine Besonderheit, die unabhängig vom Ganzen zu denken wäre. Menschen sind keine Subjekte, sondern unverwechselbare Singularitäten, die sich zwar isolieren, betrachten, erforschen lassen, aber nur in ihrem strukturellen Eingebundenheit im Netzwerk der Natur erfassbar sind. Dass es ein Prinzip namens „Mensch“ gibt ist reine Abstraktion, die für sich keine Essenz besitzt. Die moderne Evolutionsbiologie, die jeden anthropologischen Exzeptionalismus ablehnt steht Spinoza näher als Hegel, obwohl sich eher Hegels Subjekt zentrierte Auffassung von Geschichte durchgesetzt hat. Es soll hier auch nicht der Eindruck erweckt werden, dass der eine dem anderen vorzuziehen sei, sondern empfohlen werden wie Pierre Macherey es in seinem bis heute nicht ins Deutsche übersetzten Klassiker „Hegel ou Spinoza“ (1979) getan hat, die Unterschiede und Widersprüche zwischen beiden stehen zu lassen. Die Gleichheit (nicht die Identität) der Dinge ergibt sich daraus, dass sie alle gleichermaßen in ihrem Sein zu beharren bestrebt sind, also ihre Existenz und ihr Dasein in sich als Qualität tragen, unabhängig davon wie sie tatsächlich mit ihrer Umwelt interagieren.

„Jedes Ding vielmehr, mag es mehr oder weniger vollkommen sein, wird mit derselben Kraft, mit der es zu existieren angefangen hat, immer in der Existenz verharren können, so daß in dieser Hinsicht alle Dinge einander gleich sind.“ (Ethik IV, Vorwort)

Die Realität als eine unbegrenzte Anzahl von Dingen zu betrachten, die sich durch eine Universalisierung der Differenz beschreiben lässt („Omnis determinatio est negatio“[4]), macht Spinoza zu einem Denker der Immanenz. Das bedeutet einerseits, dass jedes Ding, jeder Modus und jede Modifikation als von inneren Logiken und Strukturen aufgefasst werden muss, die für sich verstanden und untersucht werden sollten und andererseits, dass die Realität kein Jenseits hat, das in irgendeiner Beziehung zu ihm stehen würde. Es gibt wie in der aristotelischen Tradition der Scholastik keinen „ersten Beweger“ mehr, sondern die Definition der Substanz als „causa sui“ erfordert das Verständnis eines Universums, das einerseits nur durch und aus sich selbst erklärbar ist und andererseits aus Phänomenen besteht, die durch ihre eigenen Logiken und Strukturen erkennbar, erforschbar und identifizierbar sein müssen. Die Physik der festen Körper, wie sie im 17. Jahrhundert entwickelt und formuliert wurde, deklariert Objekte, die in determinierten Ordnungen existieren und durch Kräfte und Abhängigkeiten wie Masse, Trägheit, Beschleunigung miteinander vernetzt sind, in der es keine äußeren nicht immanenten Ursachen gibt. Spinozas Immanenzbegriff, ein Universum der Dinge, steht in einer Tradition, die in der Mathematik des 17. Jahrhunderts durch Newton und Leibnitz unabhängig voneinander als Problem des Grenzwerts unendlicher Folgen in der Differentialrechnung formalisiert wurde. Alle Körper, Gegenstände und Modi sind für sich isolierbar, aber selbst bereits Anordnungen, die in weitere diskrete Hierarchien zerlegt werden können. In neuerer Zeit haben die Mathematiker Gregory Chaitin und Stephen Wolfram vor allem mit Rückgriff auf Leibnitz, der in seinem Werk „Monadologie“ eine eigene Version eines „Universums der Dinge“ propagiert, die Idee weiter entwickelt, dass das Universum diskret sei und nicht kontinuierlich[5].

Immanenz ist eine Aufforderung an die Erkenntnisfähigkeit. „Man soll die Welt nicht belachen, nicht beweinen, sondern begreifen.“ lautet einer der berühmtesten Spinoza zugeschriebenen Sätze, die sich zwar in seinem Werk so nicht finden lassen, aber dennoch den Geist ausdrücken, der ihn bewegt hat.

 

3.

Die Konzentration von Spinozas Philosophie auf den menschlichen Körper als Ausgangspunkt jeder Erkenntnis wird im dritten Teil „Über den Ursprung und die Natur der Affekte“ und im vierten Teil „Über die menschliche Unfreiheit und die Macht der Affekte“ ausgearbeitet. Körper, Modi, Gegenstände sind als endliche Entitäten verschiedensten Einflüssen ausgesetzt, sogenannten Affekten und ein Modus ist umso mächtiger je intensiver er von Affekten affiziert wird und je intensiver er selbst andere Modi affizieren kann. Körper und Gegenstände stehen also nicht isoliert, sondern sind prinzipiell durch Affekte miteinander verbunden oder stehen auch im Gegensatz zueinander, aber jedes Objekt hat Wirkungen, erzeugt Gegenwirkungen und wird durch äußere Einwirkungen beeinflusst. Dies entspricht genau dem von Newton erst später formulierten Gesetz der Trägheit. Spinoza ist nur durch diesen engen Kontakt zu einem sich gerade entwickelnden szientistischen Weltbild seiner Zeit zu verstehen, in der er in Prosa übersetzt, was durch Mathematik, Geometrie und der physikalischen Durchdringung der Welt in der Luft lag, aber eben noch längst keine einheitliche und von allen akzeptierte Wahrheit gewesen ist. Die Attribute der Substanz realisieren sich in den Modi als endliche Affekte und Gegenaffekte und weder die Gesellschaft noch der menschliche Verstand kann unabhängig von der physikalischen Realität existieren, auch wenn Menschen in Unkenntnis der wahren Ursachen anderes behaupten mögen. Die Theorie der Affekte beinhaltet eine spezifische Auffassung von Moral. Das Buch heißt „Ethik“, weil es darum geht ein geglücktes und erfülltes Leben zu führen, aber es sind nicht moralische Normen und Vorschriften, die ein solches Leben ermöglichen, sondern die tätige Erhöhung des eigenen Vermögens zu affizieren und affiziert zu werden. Moralische Einsichten kommen nicht aus Geboten, sondern aus adäquaten Ideen. Dazu mehr weiter unten. Die Affekte sind für sich betrachtet ebenfalls Modi, die Substanz und Attribute in endlicher Form ausdrücken. Endlichkeit hat auch zur Folge, dass jeder Affekt natürlich begrenzt ist.

„Endlich in seiner Art heißt ein Ding, das durch ein anderes von gleicher Natur begrenzt werden kann. Ein Körper z.B. heißt endlich, weil wir stets einen andern größeren begreifen. Ebenso wird ein Gedanke durch einen andern Gedanken begrenzt. Dagegen wird ein Körper nicht durch einen Gedanken noch ein Gedanke durch einen Körper begrenzt.“ (Ethik I, Def. 2)

Die Macht der menschlichen Vorstellungskraft wird nicht gering geschätzt, aber sie steht in starkem Widerspruch zu einem ideologischen Konzept, das den Körper abwertet oder bloß als Übergang zu einem anderen Zustand betrachtet. Wir reden vom Geist, aber wir wissen nicht was der Körper kann, sagt Spinoza.

„Was freilich der Körper alles vermag, hat bis jetzt noch niemand festgestellt; d.h., niemand hat sich bis jetzt auf dem Wege der Erfahrung darüber unterrichtet, was der Körper nach den bloßen Gesetzen seiner Natur, sofern sie nur als eine körperliche betrachtet wird, tun kann und was er nicht tun kann, wenn er nicht vom Geiste dazu bestimmt wird.“ (Ethik III, 2)

Es wäre durchaus möglich, an die von Foucault betriebene Kritik der Humanwissenschaften, die in seiner Darstellung zur Disziplinierung und Kontrolle der Körper entwickelt wurde, zu denken, aber Spinoza hätte die gewaltigen Fortschritte in der Medizin und der biologischen Forschung zweifelsohne zustimmend begrüßt. Sein Szientismus war darauf ausgerichtet heraus zu finden, was alles möglich und machbar ist, und dachte dabei noch wenig an möglicherweise negative Folgeerscheinungen. Affekte sind ständig anwesend und drücken sich in Leidenschaften, Phantasien und Begierden ebenso aus wie in physischer Arbeit, sportlicher Anstrengung und täglichen Routinen. Das Netzwerk der Körper steht in ständigem Austausch und ununterbrochener Beeinflussung untereinander und formt sich zu einer politischen Anthropologie. Spinoza denkt das Politische wie fast alle Philosophie als begrenzende Ordnung, das jedoch durch die Ideen der menschlichen Körper ständig in schlechte Balancen kommt. Antonio Negri entdeckte in der „multitudo“ der Affekte, die durch ihre körperliche Lebendigkeit und ihrem Streben im Sein zu beharren die bestehende Ordnung in Frage stellen, seine (post)operaistische Theorie von den „Singularitäten, die gemeinsam handeln“[6].

Alle Körper definieren sich durch die Eigenschaft Affekte aufzunehmen und abzugeben. Dabei gibt es positive Affekte, die das Vermögen (potentia) eines Körpers in seinem Sein zu beharren erhöhen und andere, die dieses Vermögen reduzieren. Die positiven sind solche wie Liebe, Zuneigung, Vertrauen und Freundschaft und die negativen sind Hass, Eifersucht, Neid und Geiz. Die spürbare und sichtbare politische Gewalt seiner Zeit ordnete Spinoza dem Übergewicht negativer Affekte zu, die durch Manipulation und Unterdrückung zur Instrumentalisierung der Massen durch die politische Herrschaft forciert wurde. Dem Leiden, das durch die schlechten Affekte entstehen würde könne jedoch mit adäquaten Ideen begegnet werden. „Ein Affekt, der ein Leiden ist, hört auf, ein Leiden zu sein, sobald wir eine klare und deutliche Idee von ihm bilden.“ (Ethik V, 3) Eine klare und deutliche Idee bedeutet vor allem, dass wir über Ursache und Wirkung Bescheid wissen und diese sinnvoll unterscheiden können. Menschen wissen oft zu wenig über die Ursache ihrer Leiden, Begierden und Wünsche und können diese nicht einordnen, was mehr negative Affekte zur Folge hat. Das bedeutet auch, dass Menschen kaum oder niemals frei sind, wenn man darunter ein gewisses Maß an Kontrolle und Steuerungsfähigkeit versteht, die eine Kenntnis der Ursachen und Logiken der eigenen Persönlichkeit und körperlichen Grenzen voraussetzt. „Die Menschen täuschen sich darin, daß sie glauben, sie seien frei. Diese Meinung besteht bloß darin, daß sie ihrer Handlungen sich bewußt sind, die Ursachen aber, von welchen sie bestimmt werden, nicht kennen. Das also ist die Idee ihrer Freiheit, daß sie keine Ursache ihrer Handlungen kennen. Denn wenn sie sagen, die menschlichen Handlungen hängen vom Willen ab, so sind das Worte, von welchen sie keine Idee haben.“ (Ethik I, 35)

Freiheit muss man sich nach Spinoza durch adäquate Ideen erarbeiten. Die Kontrolle der Leidenschaften und Begierden, oder um es mit Freud zu sagen: Triebverzicht, sind unabdingbare Erfordernisse um überhaupt so frei sein zu können, die natürlichen Begrenzungen des eigenen Körpers wahrzunehmen. Freiheit ist stets die Ausweitung des Vermögens positive Affekte anzunehmen und abzugeben. Adäquate Ideen, die das ermöglichen sollen beschreibt Spinoza so:

„Unter adäquater Idee verstehe ich eine Idee, welche, sofern sie an sich und ohne Beziehung zum Objekt betrachtet wird, alle Eigenschaften oder innerlichen Merkmale einer wahren Idee hat.

Erläuterung: Ich sage innerlichen, um das auszuschließen, was äußerlich ist, nämlich die Übereinstimmung der Idee mit ihrem Gegenstand.“ (Ethik II, Def. 4)

Das „innerliche“ heißt im lateinischen Original „intrinsecas“, also intrinsisch, was ein anderes Wort für „immanent“ ist. Adäquate Ideen sind immanente Ideen über einen Gegenstand. Jedes Objekt ist aus sich als physisches Phänomen zu verstehen und adäquat bedeutet, seine innere Funktionsweise begriffen zu haben.

Menschliche Freiheit ist nicht Isolation und Einsamkeit als Naturzustand, wie man Sartre manchmal böswillig unterstellt hat, und nicht das von Heidegger geprägte Bild durch das Geworfen werden auf die Lichtung sei Freiheit bloß ein Wort für die metaphysische Trennung vom Sein. Auch Kris Kristoffersens berühmte Zeile in „Me an Bobby McGee“, „Freedom’s just another word for nothing left to lose“[7] deckt sich nicht mit Spinozas Haltung dazu. Spinoza denkt Mensch sein auch nicht als Abweichung vom Naturzustand, wie ihn Rousseau später noch propagierte, sondern Menschen sind immer soziale Wesen und sie sind immer schon Teil einer Sozietät, deren Grenzen sie überbrücken können oder auch nicht. Da Freiheit nur aus adäquaten Ideen kommt ist sie auch verwundbar durch inadäquate Ideen, die negative Affekte produzieren, die das Vermögen eines Körpers adäquate Ideen zu entwickeln reduzieren. Demokratie so Spinoza sei deshalb die vernünftigste Regierungsform, weil sie die Balance der Affekte im Auge hätte, um das Vermögen aller zur Freiheit zu erhöhen. Kurz gesagt ist Freiheit für Spinoza das unausgeschöpfte Potential des eigenen Vermögens, das darauf wartet affiziert zu werden. Die einzige dafür in der Philosophiegeschichte akzeptierte Formulierung ist der paradoxe Term „materialistische Metaphysik“.

 

4.

Es sei an dieser Stelle einmal genug. Das fünfte Buch der Ethik, das für Antonio Negri der Höhepunkt der abendländischen Philosophie ist, beschreibt die Wirkungsweise der Affekte im Hinblick auf die Entwicklung ihrer Potentiale zur „amor intellectualis dei“, zur intellektuellen Liebe zu Gott, die im Wesentlichen die Verbindung von wissenschaftlicher Präzision mit der sensibelsten Intuition gleich schaltet. Dass dieses Ideal selbst kein Ziel sein kann, sondern nur ein Nebeneffekt glücklicher Begleitumstände, lässt sich an Spinozas Leben selbst zeigen, das am allerwenigsten von glücklichen Begleitumständen geprägt war. Die Orientierung ist das Leben selbst, nicht ein Zustand darin. Wir sind alle sterblich, aber für Spinoza ist der Tod nichts woran ein freier Mensch denken sollte. „Der freie Mensch denkt über nichts weniger als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben.“ (Ethik IV, 67)

Wo Heidegger mit dem Sein zum Tode wieder eine teleologische Hintertür gegen das Sein einbaute und Sartre sich nie entscheiden konnte ob der Freiheitsimpuls des Existentialismus nicht die Täuschung selbst war, gegen die er ankämpfte, beschließt der einsame und heimatlose Spinoza, dass nichts wertvoller und unschätzbarer ist, als das Sein selbst, so vermittelt und gefiltert durch Ideologie und spinnenartige Dispositive es auch verzerrt sein mag. Zu leben ist das Einzige, das uns in der Immanenz eine Präsenz als Individuen garantiert, und uns dabei in unserem Streben unterstützt in unserem Sein zu beharren.  Conatus in suo esse perseverandi.

 

Verwendete Literatur:

 

Balibar, Spinoza and Politics (1998)

Balibar, Masses Classes Ideas (1994)

Deleuze, Spinoza und das Problem des Ausdrucks in der Philosophie (1993)

Macherey, In a materialist way (1998)

Montag & Stolze (Edit.), The New Spinoza (1997)

Moreau, Spinoza. Versuch über die Anstößigkeit seines Denkens (1994)

Newberger-Goldstein, Betraying Spinoza (2006)

 

[1] Siehe auch: Irvin Yalom, Das Spinoza Problem (2012)

[2] In: Balibar, Masses Classes Ideas (1994)

[3] Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie (S. 161)

[4] Jede Bestimmung ist eine Verneinung. (Spinoza an Jelles 1674)

[5] Siehe: Chaitin, Algorithmic information theory (1987) und Wolfram, A New Kind of Science (2002)

[6] Hardt/Negri, Empire (2004) S.123

[7] Freiheit ist nur anderes Wort dafür, dass man nichts mehr zu verlieren hat. (Kris Kristoffersen/Fred Foster, 1969)

Spinozas Religionskritik

30. Dezember 2016

spinoza_tractatus_theologico-politicus

Faksimile der Erstausgabe des TTP 1670.

Spinoza holds the view that interpreting the Bible is identical with the method of interpreting nature. The reading of the book of nature consists in inferring the definitions of natural things from the data supplied by ‘natural history’. In the same way, the interpretation of the Bible consists in inferring the thought of the biblical authors, or the definitions of the biblical subjects qua biblical subjects from the data supplied by the ‘history of the Bible’.

Leo Strauss, How to study Spinoza’s Theologico-Political Treatise

 

Seit sich der politische Islam als Kraft von Bedeutung in die Diskurse westlicher Gesellschaften gedrängt hat, ist viel von Aufklärung und der europäischen Tradition der Religionskritik die Rede. Aber wie mir scheint wird hier von gemachten Tatsachen ausgegangen, deren konkrete Geschichte entweder unbekannt ist oder sich zu sehr in Diskussionen fachorientierter Spezialisten bewegt. Dieser Beitrag soll, so unakademisch wie das möglich ist, den geneigten Leserinnen und Lesern näher bekannt machen, wie die europäische Religionskritik durch das Werk Baruch de Spinozas (1632-1677) begann und mit welchen Widerständen sie zu kämpfen hatte. Der Autor weist ausdrücklich darauf hin, dass in diesem Kontext und innerhalb dieses Mediums Verkürzungen und Auslassungen eher die Regel sind und daher konstruktive Kritik dies berücksichtigen sollte.

Spinoza gehört zu den Unbekannten der Philosophiegeschichte. Obwohl man ihn in jeder Ahnengalerie findet und er häufig erwähnt wird, kennt doch kaum jemand den Inhalt seiner Schriften. Während man von seinen Zeitgenossen Leibniz und Newton in der Schule lernt, dass sie unabhängig voneinander die Infinitesimalrechnung erfunden haben, oder von Hobbes weiß, dass er in seinem Buch „Leviathan“ vom „Krieg aller gegen alle“ gesprochen hat, kann von Spinoza kaum etwas Vernünftiges gesagt werden, das nicht heftiges Rätselraten auslöst. Es ist daher nützlich sich mit den Umständen und der historischen Wirklichkeit zu beschäftigen, in der Spinoza gelebt hat.

Holland ist zu Beginn des 17. Jahrhunderts ein Zentrum der bekannten Welt und Amsterdam gilt als wichtigste Hauptstadt Europas. Holland ist ein zu dieser Zeit politisch sehr instabiles Land im Brennpunkt konkurrierender Großmächte. Vom Land her von Spanien und den Habsburgern bedroht, zur See im Wettbewerb mit den Engländern und allen anderen seefahrenden Großmächten, vor allem Portugal und Spanien. Habsburgische Ansprüche und katholische Gegenreformation sind Faktoren für Unruhe und konfessionelle Konflikte zwischen Katholiken und Protestanten drohen jederzeit in offenen Bürgerkrieg auszubrechen. Die sieben Provinzen werden Ende des 16. Jahrhunderts zum Vereinigten Königreich Niederlande zusammengefasst und entgehen dadurch den Massakern des 30-jährigen Krieges, der Deutschland so entsetzlich verwüstet.

Die holländischen Kaufleute vereinigen 1602 ihre Kräfte, als die Holländische Ost-Indische Gesellschaft gegründet wird, ein zunächst noch loser Zusammenschluss von Reedern, Bankiers, Handelsgesellschaften, aristokratischen Politikern und Schiffsbauern. Immanuel Wallerstein hat die Geschichte dieses ersten globalen Konzerns in seinem dreibändigen Werk „Das moderne Weltsystem“ in Band II ausführlich beschrieben.

In diesem Klima entstand in Holland die modernste Gesellschaft ihrer Zeit. Die Modernisierung Hollands verdankt sich einer intensiven Migration, die von einer äußerst integrationsfreudigen Bevölkerung empfangen wurde und kein besonderes Augenmerk auf religiöse Bekenntnisse nahm. Jeder war willkommen, solange die Neuankömmlinge auf politische Agitation verzichteten. Holland sammelte die technische Intelligenzija Europas auf, um die besten und widerstandsfähigsten Schiffe zu bauen. Schiffe, die es bis Japan und den Südpazifik und – ökonomisch bedeutsam – auch wieder zurück schafften.

Durch ein ausgeklügeltes System hochgradiger Arbeitsteilung stellen holländische Werften in kurzer Zeit Schiffe von gleich bleibender Qualität her. Als Peter der Große Russland zur Seemacht ausbauen will, holt er holländische Schiffsbauer nach Russland und siedelt sie in der Nähe von St. Petersburg an.

Während die großen europäischen Kolonialmächte Spanien, England, Frankreich und Portugal den amerikanischen Kontinent unter sich aufteilten, wurde das technologisch hoch entwickelte Holland zu Englands einzigem ernsthaften Konkurrenten auf See. Der einzige ernsthafte Konkurrent der Holländischen Ost-Indien Gesellschaften war deshalb auch die Britische Ost-Indien Gesellschaft, die nur wenig später gegründet wurde. Durch die Mobilität und Schnelligkeit seiner Flotte erarbeitete sich das Königreich Holland seinen Reichtum mit Schiffen, die hin und wieder zurück kamen, wo andere scheiterten. Dieser Vorteil kam ganz besonders beim Gewürzhandel zum Tragen, der nur durch den Zugang zu schwer erreichbaren Inseln und Archipelen möglich war. Der im Lauf der nächsten drei Jahrhunderte erwirtschaftete Reichtum der Holländischen Ost-Indischen Gesellschaft wurde einerseits durch ein Monopol auf bestimmte Gewürze, im Besonderen die Muskatnuss, zu Wege gebracht, andererseits konnten die holländischen Schiffe ihren Frachtraum an alle anderen Seemächte vermieten, weil Holland meistens neutral war.

Historisch dominiert im 17. Jahrhundert der Krieg zwischen den Konfessionen. Während Deutschland durch die entsetzlichen Massaker des 30-jährigen Kriegs auf Jahrhunderte in seiner Entwicklung zurück geworfen wird, kann sich das Königreich Holland vor den schlimmsten Folgen schützen. Trotzdem bekämpfen sich Katholiken und Protestanten auch in Holland aufs Schärfste. Einig sind sie sich bloß in der Verfolgung agnostischer und atheistischer Zeitgenossen.

Wissenschaftliche Entdeckungen und Neuerungen prägen das Jahrhundert nachhaltig. Galileo Galilei (er stirbt 1642) und seine empirischen Beweise der heliozentrischen Sichtweise Keplers setzen sich bei allen Gebildeten Europas und auch der Katholischen Kirche durch. Der Streit Galileis mit dem Vatikan hatte anders als heute angenommen wird, wenig mit der Position der Erde im Sonnensystem zu tun, sondern war ein Streit um die Unabhängigkeit der Wissenschaft und ob sie bei den religiösen Autoritäten um Zustimmung ersuchen musste. Die Erde – und damit der Mensch – stehen nicht mehr im Zentrum des Universums, die privilegierte Stellung der christlichen Kirche ist damit genauso in Frage gestellt, wie die ganze Hierarchie der alteuropäischen Gesellschaften. Trotzdem und das ist das eigentliche Bemerkenswerte an dieser Entwicklung gibt es nach 1700 weder von religiöser noch von politischer Seite Widerstand gegen den Aufstieg der Naturwissenschaften. Die oftmals behauptete Ablehnung der wissenschaftlichen Erfassung der Welt durch die christlichen Kirchen ist ein Mythos, der einem postmodern atheistischen Narrativ geschuldet ist, das in den letzten 60 Jahren seine eigenen Dogmen und Glaubenssätze geschaffen hat. Der Konflikt von dem wir reden, wenn es um Spinoza geht ist ein politischer Kampf um Deutungshoheit und Hegemonie. Aber dazu später.

Neben der Struktur des Sonnensystems findet parallel dazu auch die Physik der festen Körper ihre Form. Die Fortschritte in der Mathematik, in der analytische und geometrische Methoden schrittweise und unabhängig voneinander entwickelt wurden, sind bei allen gebildeten Menschen auf die eine oder andere Art bekannt und werden an allen Bildungseinrichtungen intensiv fortgeführt. Die Beobachtung, dass Eisenspäne von magnetischen Flächen angezogen wurden, hat zur Annahme geführt, dass Planeten Anziehungskraft besitzen müssen, ohne dass das nach klassischen Methoden beweisbar gewesen ist. Wie Schwerkraft etwa mit den Hebelgesetzen zusammenhängt, blieb noch im Dunkeln. Die meisten Phänomene wie Schwerkraft, Trägheit und Masse waren aber bereits bekannt, bevor ihnen Newton in der „Philosophiae Naturalis Principia Mathematica“ aus dem Jahre 1687 eine mathematische Form gab, die mit der euklidischen Geometrie vereinbar war. Newton’s Universum (und das der folgenden Jahrhunderte) war ein endlicher, deterministischer Raum, in dem die Naturgesetze immer gelten und erst im frühen 20. Jahrhundert durch Quantenmechanik und Relativitätstheorie durch eine neuerliche Revolution des wissenschaftlichen Denkens irreversibel verändert wird.

Im von Katholiken und Protestanten umkämpften Holland kommt Baruch de Spinoza 1632 in Amsterdam zur Welt. Seine Eltern sind Marranen, jüdische Auswanderer, die von der Inquisition aus Portugal und Nordspanien vertrieben worden waren.

Holland ist im Gegensatz zu seinen absolutistischen Nachbarn der einzige Staat in Europa, der schon Züge rechtsstaatlicher Institutionen trägt und dessen Regime ein starkes Interesse an den ökonomischen Potentialen dieser Zuwanderung hatte. Das gilt gleichermaßen für deutsche und französische Protestanten, wallonische Katholiken, spanische Juden und englische Piraten.

Sein Vater genießt in der jüdischen Gemeinde hohes Ansehen und baut ihn zu einem jungen Hoffnungsträger des Rabbinats auf. Spinoza gilt als Wunderkind in Sachen Talmud und Tora Expertise. Er lernt, was damals alle gebildeten Menschen lernen, lateinisch und ein bisschen griechisch, Mathematik, hier vor allem Geometrie und wird durch einige Reisen ermutigt Descartes und Hobbes zu lesen. Schon zu dieser Zeit kommen ihm starke Zweifel an religiösen Dogmen. Anders als die meisten seiner Mitschüler formuliert Spinoza jedoch seine Kritik explizit und trägt sie bis an ihr bitteres Ende. 1665 wird er von der jüdischen Gemeinschaft Amsterdams ausgeschlossen, die jeden Kontakt ihrer Mitglieder mit ihm verbietet.

Will und Ariel Durant schreiben in Band 13 ihrer „Kulturgeschichte der Menschheit“: „Es wurde oft darauf hingewiesen, aber es muss immer von neuem daran erinnert werden, daß sich die Vorsteher der jüdischen Gemeinde Amsterdams gegenüber Ketzereien, die an die Fundamente nicht nur des jüdischen, sondern auch des christlichen Glaubens rührten, in einer heiklen Lage befanden. Die Juden erfreuten sich in der Republik Holland einer religiösen Duldung wie sonst nirgendwo in christlichen Landen; diese konnte ihnen aber entzogen werden, wenn sie unter sich Ideen duldeten, die die religiöse Grundlage der Sittlichkeit und der Gesellschaftsordnung gefährdeten.“ (Durant 1982, 155ff)

Nach einem Mordanschlag jüdischer Fanatiker zieht er zunächst nach Leiden, dann in die kleine Stadt Rijnsburgh und schließlich nach Den Haag, wo er 1677 auch stirbt. Spinoza schließt sich zeit seines Lebens keiner Religion mehr an, obwohl ihm Freunde (und Gegner) eine Konversion zum Christentum anraten oder empfehlen. Um seinen Lebensunterhalt zu verdienen arbeitet er als Optiker, der Linsen für wissenschaftliche Instrumente schleift. Von seinen Werken erscheint zu seinen Lebzeiten nur der anonym veröffentlichte „Theologisch-Politische Traktat“. Die „Ethik“, die er erst kurz vor seinem Tod vollendet, wird kurz darauf erstmals gedruckt.

Der „Theologisch-Politische Traktat“ (in folgenden: TTP), veröffentlicht 1670, ist ein bemerkenswertes Buch, das nach seinem Erscheinen enorme Schockwellen durch die intellektuelle Landschaft Europas zieht. Seine Gegner bezichtigen ihn des Atheismus, des Pantheismus, der Gotteslästerung und des Umsturzes aller Ordnung. Selbst Freunde und Bewunderer wie Leibnitz müssen sich öffentlich von Spinoza distanzieren, um ihre Stellung nicht zu verlieren. Der Hass, den der exkommunizierte Jude auf sich zieht reicht von der Katholischen Kirche über die Protestanten bis zur jüdischen Orthodoxie. Es gibt im TTP zwei große Themen: die Kritik an der wortwörtlichen Interpretation der Bibel und die Kritik der politischen autoritären Herrschaft, die Spinoza als sich gegenseitig bedingende Faktoren betrachtet. Grundlage seines Denkens bleibt jedoch die an der jüdischen Tradition geschulte Textexegese und eine an sprachlicher und etymologischer Genauigkeit orientierte Lektüre.

„Er erkannte und bewies die Schwierigkeit, das Hebräische des Alten Testaments zu verstehen; die Vokalisierung und Akzentuierung des Massora-Textes beruhte teilweise auf Vermutungen und konnte schwerlich als unanfechtbare Urfassung gelten.“ (Durant 1982, S. 159) Es sei an dieser Stelle auf ein Werk des britisch-pakistanischen Islamkritikers Ibn Warraq verwiesen, „Virgins. What Virgins?“ (New York 2010), das versucht diese Art von Kritik für die islamische Textkultur einzuführen und zu sehr ähnlichen Schlussfolgerungen kommt. Spinoza jedenfalls kann im biblischen Text und seiner Überlieferung zahlreiche Fehler, Inkonsistenzen und Widersprüche finden und zeigt, dass die Autoren der biblischen Texte auch als Propheten niemals über ihren eigenen Horizont hinaus gedacht haben und auch für 1670 völlig veraltete Auffassungen etwa über die Position der Erde im Sonnensystem vertraten. Anders als seine Feinde (und auch Freunde) meinen, war Spinoza kein Atheist oder Pantheist, sondern ein religiöser Mensch, wie alle seine Zeitgenossen. Es ging ihm nicht um die Abschaffung der Religion, sondern um die Begrenzung politischer Macht und religiöser Autorität in einem säkularen Gemeinwesen.

Obwohl man mit dem Begriff im Kontext des 17. Jahrhunderts vorsichtig sein muss plädiert Spinoza für eine Form der Demokratie und der Vernunft, die autoritäre Herrschaft ebenso ablehnt wie die Ideologisierung der Gesellschaft durch organisierte Religion, denn „die grosse Menge denkt nicht daran, nach den Lehren der heiligen Schrift zu leben; alle ihre eigenen Erdichtungen giebt sie für Gottes Wort aus und strebt nur unter dem Vorwand der Religion, Andere zu gleicher Meinung zu nöthigen.“ (TTP Kap. VII, S 170) Die Willkür der unkritischen Religionspraxis entspricht der Willkür politischer Herrschaft, die Religion instrumentalisiert. Wenn wir an das Elend heutiger Islamapologie denken, dann sollten wir immer darauf bestehen, dass der Missbrauch der Religion für machtpolitische Zwecke die Folge einer unkritischen Praxis der Religion selbst ist und nicht bloß ihr Nebenprodukt. Seit Spinoza sind Demokratie und Vernunft Eckpfeiler einer Philosophie, die textbasierte jüdische Exegese Tradition mit dem naturwissenschaftlichen Rigorismus der kommenden Aufklärung verbindet und dadurch die Kritik der Religion auch zum Vorteil der Religion selbst betreibt.

Der zu den besten jüdischen Schriftgelehrten seiner Zeit zählende Spinoza interpretiert den biblischen Text nicht wie die gesamte Tradition zuvor, nach dogmatischen Interpretationsregeln religiöser Notwendigkeiten, sondern als sinnvoll zu erfassenden Text, dessen Lektüre immanenten inneren Logiken gehorchen muss. Er kritisiert: „Die Theologen sind meist nur bedacht, ihre Erfindungen und Einfälle aus der heiligen Schrift herauszupressen und mit göttlichem Ansehn zu umgeben. Mit wenig Bedenken und mit um so grösserer Frechheit legen sie die Bibel oder die Gedanken des heiligen Geistes aus, und haben sie noch eine Sorge, so ist es nicht die, dem heiligen Geist einen Irrthum anzuheften und von dem Wege des Heils abzuirren, sondern nur von Anderen nicht widerlegt zu werden, damit ihr eignes Ansehn nicht unter die Füsse komme und von Anderen verachtet werde.“ (ebd.)

Anders als Thomas Jefferson, der ein Jahrhundert später seine eigene Version der Bibel vorlegt, in der sämtliche dem zeitgemäßen modernen Verständnis widersprechende Stellen getilgt sind, bleibt Spinoza nicht dabei stehen, das was unsinnig oder wissenschaftlichem Denken absurd erscheint zu kritisieren. Es geht ihm darum zu zeigen, dass die Predigt der Bibel wo sie Vernunft und gesundem Menschenverstand widerspricht ein Mittel der politischen Herrschaft ist.

„Die Verwalter oder Inhaber der Herrschaft suchen für Alles, was sie thun, immer den Schein Rechtens zu gewinnen und das Volk von der Rechtmässigkeit desselben zu überreden; sie vermögen dies leicht, da die Auslegung des Rechts nur ihnen zusteht.“ (TTP, Kap XVII, S. 386) Die kritisch rationalistische Interpretation der Bibel dient dazu der Freiheit der einzelnen in einem demokratischen Gemeinwesen zu ihrem Recht zu verhelfen. Und dies ist was den gewalttätigen Hass der Eliten und religiösen Autoritäten erklärt, mit denen Spinozas Denken mehr als zwei Jahrhunderte konfrontiert war.

Was er später in der „Ethik“ systematisieren wird ist, dass die Massen gegen die Vernunft und damit auch gegen die Natur in Knechtschaft gehalten werden, weil die menschlichen Gesellschaften noch nicht weit genug sind die Gesetze der Natur zu begreifen. Menschliche Begierden und Ignoranz sind jedoch keine Fehlleistungen sondern selbst Ausdruck der Natur der Menschen, die sich ihrer eigenen Verhältnisse (noch) nicht bewusst ist. Die große Leistung Spinozas, die im TTP erst angedeutet und in der „Ethik“ zu einem mächtigen philosophischen System ausgearbeitet wird, ist heute fast selbstverständlich: dass menschliche Gesellschaften Gesetzmäßigkeiten folgen, die nur durch naturwissenschaftliche Abstraktion erkennbar sind und dass jeder metaphysische Erklärungsansatz historisch verortet werden muss. Verkürzt gesagt vollendet Spinoza die Verwissenschaftlichung der Welt indem er den Begriff der Immanenz in die Philosophiegeschichte einführt, der jedes Phänomen als von eigenen inneren Logiken und Strukturen dominiertes Gebilde ansieht, dessen Genese nur strikt historisch erfasst werden kann. Spinoza war keineswegs der erste, der Religion und Gesellschaft zu entmystifizieren versuchte, aber niemand vor ihm kam jemals so weit darin, dies als universales Paradigma so überzeugend und philosophisch zwingend zu formulieren.

 

Verwendete Literatur:

Leo Strauss: http://www.ntslibrary.com/PDF%20Books/strauss%20on%20How%20to%20Study%20Spinoza%20Theologico.pdf

Spinoza, TTP:http://www.linke-buecher.de/texte/romane-etc/Spinosa–Theologisch-politische%20Abhandlung.pdf

Rebecca Newberger Goldstein: Betraying Spinoza (New York 2006)

Will und Ariel Durant, Kulturgeschichte der Menschheit (Band 13): Vom Aberglauben zur Wissenschaft, München 1982

Immanuel Wallerstein, Das moderne Weltsystem II – Der Merkantilismus, Wien 1998

 

Der islamische Kreuzzug und der ratlose Westen

23. Dezember 2016

schirmbeckSamuel Schirmbeck studierte Soziologie und Philosophie bei Adorno und Horkheimer und  baute 1991 das ARD-Fernsehstudio Algier auf. Von dort berichtete er viele Jahre lang über den algerischen Bürgerkrieg und die Entwicklungen in Marokko und Tunesien. Als Samuel Schirmbeck nach Algier kam waren die Strände voll von Frauen in Badeanzügen, und das Land hoffte auf Demokratie. Die Islamisten machten dem ein Ende, sie drohten den „Ungläubigen“ mit dem Tod und es blieb nicht nur bei Drohungen. Der Islam macht Angst, denn in seinem Namen werden brutale Kriege geführt, furchtbare Verbrechen begangen, Hass und Intoleranz gepredigt. Seine Intoleranz gegenüber anderen Lebensweisen, Homosexuellen und Nichtmuslimen, seine Frauenverachtung,  seine Brutalität in der Rechtsprechung und seine unnachgiebige Verfolgung aller kritischen Stimmen ist ein Angriff auf die Zivilisation. Dennoch tut sich eine radikale Islamkritik hierzulande schwer, steht sie doch häufig im Verdacht des versteckten Rassismus. Samuel Schirmbeck findet diese Haltung unbegreiflich und skandalös. Viele muslimische Islamkritiker von Bäuerinnen bis hin zu Gelehrten, Schriftstellern und Künstlern die die rasende Rückwärtsentwicklung Ihrer Religion und die Tyrannei ihrer Anhänger nicht länger hinnehmen wollen, können nicht verstehen warum sie von Westeuropas Intelligenz kaum Unterstützung erfahren. Schirmbeck lässt viele dieser mutigen muslimischen Islamkritiker in seinem Buch ausführlich zu Wort kommen.

Während der „schwarzen Jahre“ in Algerien, als Islamisten einen Bürgerkrieg mit über 150.000 Toten auslösten, kam es vielfach zu Säureattentaten auf sichtbare Frauenbeine, Hunderte wegen gemischter Klassen abgebrannten Schulen, Hammam-Betreiber und alle möglichen „Ungläubige“ wurden geköpft, Weinregale durch Kalaschnikow-Salven zerstört. Schirmbeck erzählt von Muslimen, die öffentliche Anti-Ramadan-Picknicks in Marokko und Algerien veranstalteten,  um gegen den Glaubenszwang und für Gewissensfreiheit zu demonstrieren. Er erzählt von 14-jährigen Mädchen die ihren 15-jährigen Freund geküsst haben und deshalb mit dem Tod bedroht wurden.  »Tötet ihn!«, riefen  Studenten an der Universität von El Jadida in Marokko, nachdem der Dekan eine Vorlesung über das Werk des marokkanischen Schriftstellers Abdellah Taia gestattet hatte. Nur durch Flucht konnte der Mann verhindern, gelyncht zu werden. Die Verfolgung von Andersdenkenden und die Unterdrückung  von Frauen erfolgt nicht durch einen „Islamismus“, sondern aufgrund des Alltags-Islam, wie er sich in den Gesetzen Marokkos und Algeriens widerspiegelt. Überall dort wo der Islam Macht bekommt, werden Frauenrechte und Gedankenfreiheit eingeschränkt und Minderheiten verfolgt.

„Wir sollten ehrlich sein und zugeben: Mehr als der islamistische Terror ist es die Dauerberieselung durch einen uns allen von den Machthabern aufgezwungenen sinnentleerten religiösen Diskurs, die zu den Extremismen führt. Die Vernunft daran zu hindern, sich wirklich ernsthaft bei uns einzurichten, ist die wahre Katastrophe“, meinte der marokkanische Schriftsteller Abdellah Taia und riss damit die Schutzmauer zwischen Islam und Islamismus ein. Abdellah Taia ist nicht der einzige muslimische  Aufklärer Nordafrikas, der die Trennwand, zwischen Islam und Islamismus einreißt. Der algerische Islamforscher und Journalist Said Djabelkhir schrieb nach dem Attentat auf „Charlie Hebdo“: „Der traditionelle religiöse Diskurs rechtfertigt in der Tat diese Gewalt. Es fordert uns viel Mut ab, das anzuerkennen, aber nichtsdestoweniger ist es die Realität.“ Die beste Möglichkeit zur Bekämpfung des Terrorismus liegt laut Djabelkhir  darin, „die religiösen „Texte und archaischen Interpretationen und Diskurse anzugreifen, die immer noch Terrorismus hervorbringen und ihn rechtfertigen.“

Der muslimische Philosoph Abdennour Bidar schrieb 2014 in seinem „Offenen Brief an die muslimische Welt“: „Ich sehe dich ein Monster hervorbringen, das den Namen Islamischer Staat für sich beansprucht. Das Schlimmste aber ist, dass ich dich deine Zeit und deine Ehre damit verlieren sehe, dich zu weigern, zuzugeben, dass dieses Monster aus dir geboren ist, aus deinen Irrwegen, deinen Widersprüchen, deinem unaufhörlichen Hin- und Hergerissensein zwischen Vergangenheit und Gegenwart, deiner schon zu lang andauernden Unfähigkeit, deinen Platz in der menschlichen Zivilisation zu finden.“

Nach 9/11 lud die Doyenne aller muslimischen Islamkritikerinnen, die Marokkanerin Fatima Mernissi, zu einem Treffen von Muslimen und Christen in Marrakesch ein, an dem Schirmbeck teilnahm und bei dem sie für ein gemeinsames Vorgehen gegen den Fundamentalismus eintrat. Auch Fatima Mernissi trennte nicht zwischen „Islam“ und „Islamismus.“ Für die Gewalt ihrer Religion machte sie die Entwicklung des Islam selbst verantwortlich und sagte: „Diesen Islam der Paläste und der Henker, der seiner rationalen Dimension beraubt wurde, zwingt man heute als islamisches Erbe unserem Bewusstsein auf.“

Hassan al-Banna (1906-1949), der Gründer der antijüdischen  Muslimbruderschaft, hatte in seinem Programm zum Hass gegen den Westen aufgerufen, die Tilgung alles Westlichen aus dem Bildungssystem gefordert sowie den Anschluss der Grundschulen an die Moscheen. Mit seiner Idee des kriegerischen Djihad und der Todessehnsucht des Märtyrers war 1928 der islamische Fundamentalismus der Neuzeit geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb Hassan al-Banna: „Hier, seht den Westen! Nachdem er Ungerechtigkeit, Knechtschaft und Tyrannei gesät hat, liegt er nun danieder und zappelt an seinen Widersprüchen; es würde genügen, dass eine mächtige Hand aus dem Orient eingreift, unter dem Banner Gottes mit dem Zeichen des Korans, einer Standarte, die der mächtigen Armee des Glaubens vorangetragen wird; unter der Führung des Islam wird die Welt dann wieder zu Gerechtigkeit und Frieden finden.“

Abdekwahab Meddeb schrieb 2002 in „Die Krankheit des Islam“ zu den Sätzen von Hassan al-Banna: „Ich hätte solche Aussagen gern in ihrer Unsinnigkeit, Leere und eigenartige Logik beiseitegelassen, wenn sie nicht zu einer gefährlichen Triebkraft für die Verbreitung des Hasses geworden wären, der, wie der 11. September beweist, fähig ist, extreme Verbrechen zu begehen. In al-Bannas‘ Text ist die Matrix der Gegnerschaft gegen den Westen zu finden, in einem einfach gestrickten Diskurs, der seine Überzeugungen frech als Beweise hinstellt.“ Genau diesen Diskurs führt heute nicht nur der „Islamische Staat“, sondern auch viele deutsche Kulturrelativisten folgen ihm, was die Bestrafung des Westens angeht. Hassan al-Banna und seine anti-westlichen Kampfschriften sind Produkte des Islam und nicht eines Islamismus.

Gewaltfördernd ist in vorderster Hinsicht die islamische Trennung der Welt in Gläubige und Ungläubige, die den Koran prägt. Der Glaube der Muslime ist ungleich ungebrochener  als der durch die Aufklärung gefilterte Glaube der Christen. Der Kampf gegen die Ungläubigen gleicht einer islamischen Obsession. Widersprechende Muslime müssen mit dem Schlimmsten rechnen. Sure 2, Vers 217 sagt: „… Und der Versuch, Gläubige zum Abfall vom Islam zu verführen, wiegt schwerer als Töten. Und werden nicht aufhören, gegen euch zu kämpfen, bis sie euch von eurer Religion abbringen — wenn sie können. Und diejenigen von euch, die sich von ihrer Religion abbringen lassen und als Ungläubige sterben, deren Werke sind ins Diesseits und im Jenseits hinfällig. Sie werden Insassen des Höllenfeuers sein lind ewig darin weilen.“ Öffentlich zu verkünden „Ich glaube nicht“ oder „Ich will nicht zum Glauben gezwungen sein“  wäre lebensgefährlich.

Der algerische Schriftsteller Boualem Sansal erklärte das Echo, das sein Roman „2084 — Das Ende der Welt“, in dem eine religiöse Diktatur beschrieben wird: „Der Westen wird gerade von meiner Welt bedroht. Da ist es normal, dass man mir zuhört.“ Der algerische Schriftsteller Kamel Daoud erklärte 2016: „Wir haben ein Recht, normal zu leben.“ Kamel Daoud spricht im Namen Hunderttausender Muslime Nordafrikas wenn er die Allmacht des Religiösen beklagt: „Ich weigere mich, an Diskursen teilzunehmen, die sagen, wir, in der arabischen Welt, können nichts dafür, dass es den Islamischen Staat, den Terrorismus und das wirtschaftliche Versagen gibt. Der Islamische Staat, das müssen wir begreifen, ist auch ein Teil von uns. Wir sind selbst schuld an dem, was passiert. Und wir sind diejenigen, die etwas ändern können.“

Als Samuel Schirmbeck nach Algerien ging hatte Huntington sein Buch „Zusammenprall der Kulturen“ noch nicht geschrieben, er gehörte zur Linken als er mit dem Islam Bekanntschaft machte. Es hat sich gewundert, welche Vorsichtsmaßnahmen Frauen trafen wenn man sich am Tag zu einem Interview verabredet hatte. Es war unmöglich, Journalistinnen einer bekannten Tageszeitung abends zum Essen einzuladen. Nur Männer kamen, brachten aber nie ihre Frauen mit. Wie zerstörerisch sich der Alltagsislam auf Frauen auswirken kann  belegt Schirmbeck an vielen Beispielen. Beispielsweise als  Korrespondent in Marokko wollte Schirmbeck das Leben auf dem Land filmen. Er fragte einen arabischen Kellner ob man bei ihm zu Hause filmen dürfe. Dieser stimmte zu und man fuhr über eine Hängebrücke in ein absolut touristenfreies  Gebiet. Der  Kellner Abdalla hatte zwei Schwestern, denen es verboten war über die Hängebrücke zu gehen, da sie ansonsten auf westliche Touristen treffen konnten.  Während des Interviews erfuhr Schirmbeck  dass Abdullah für seine Schwestern einen Ehemann besorgen will:„Der Islam hat uns Gesetze gegeben. Danach bin ich der Tutor meiner Schwestern, da mein Vater sich nicht mehr um sie kümmern kann.“ Die 17-jährige Khadidjas galt als verrückt, da sie sich ihren Mann selbst aussuchen wollte und der Bruder nur Schwierigkeiten mit ihr hatte. Obwohl  Khadidja nie einen  westlichen Touristen sah, sie keine  westlichen Medien je zu Gesicht bekam war der „westliche Virus“ in ihr eingepflanzt, sie wollte sich ihren Mann selbst aussuchen. Khadidja wurde natürlich zwangsverheiratet, blieb aber noch viele Jahre rebellisch. Deutsche Kulturrelativisten sprechen über diese Frauenverachtung ungern.

Später im Buch geht Schirmbeck auf die widersprüchlichen Ansichten von Politikern wie Heiko Maas und anderen ein. Justizminister Heiko Maas besuchte nach den Anschlägen von Paris eine Moschee in Berlin, zwei Tage nach der Erschießung von elf Angehörigen der „Charlie-Hebdo“ Redaktion und dem Anschlag auf einen jüdischen Supermarkt in Paris lobte er die Erklärung von Religionsvertretern, Religion hat mit Terror nichts zu tun: „Bibel, Thora und Koran sind Bücher der Liebe, nicht des Hasses.“ Die muslimische Religionslehrerin Lamya Kaddor sah keine Notwendigkeit, sich als Muslima  von den Attentaten zu distanzieren: „Es ist den Attentätern egal, wen sie töten, es ist ihnen egal, ob Muslime dabei sind.“ Als ob man sich von der Gewalt des Stalinismus nicht distanzieren bräuchte weil auch Russen unter den Opfern waren. Der evangelische Theologe Heinrich Bedford-Strohm empfahl angesichts des Terrors von Paris, „die Kostbarkeit des Lebens“ wahrzunehmen« und mit der „Unsicherheit des Lebens umgehen“ zu lernen. Er fragte nicht, warum der Islam seit Jahrzehnten mehr und mehr Gläubige hervorbringt, die diese „Kostbarkeit“ mit Füßen treten, weil sie mit der „Unsicherheit des Lebens“ nicht zurechtkommen, im Dogma Halt suchen und ihren Hass auf die Gesellschaft konfessionalisieren. Er fragte auch nicht, warum sie sich dafür ausgerechnet den Islam und nicht eine andere Religion aussuchen. Heiko Maas fragte nicht, warum nur der Islam sich seit Jahrzehnten zu einem immer schrecklicheren „Missbrauch“ eignet, mit dem er, Maas zufolge, „nichts zu tun“ hat. Lamya Kaddor sah – da die Terroristen auch Muslime, die möglicherweise im „Bataclan“ oder auf den Cafeterrassen waren und also in deren Augen „schlechte« Muslime waren, nicht verschonten – den Islam außerhalb der Schusslinie. Als ob das Christentum zu Zeiten der Inquisition nichts mit dieser zu tun gehabt hätte, weil damals Christen Christen quälten, die sie nicht für Christen hielten. Der islamische Terrorismus hat seine Quelle im Islam.

Der Islamologe Abdelwahab Meddeb dagegen meint: Der Islam wird nicht „missbraucht“. Das Übel steckt in ihm selbst, wie der muslimische Philosoph Abdennour Bidar in seinem „Offenen Brief an die muslimische Welt“ schrieb. Weiter so zu tun, als sei er heil, als werde das Übel von selbst verschwinden, wenn man es nur lang genug verschweige, ist die Strategie der deutschen Politik, der Islamverbände und der Linksmilieus. Sie wird die „trostlose Fahrt in den Tod“ verlängern, sie beschleunigen und die Zahl ihrer Opfer noch vermehren, auch in Deutschland, so Schirmbeck.

Am Ende seines Buches schreibt Samuel Schirmbeck: “Es gab Gesten von Muslimen, die ich nie vergessen werde. Seit einem Monat filmten wir im Jahr 1993 an Gräbern, in denen von Islamisten ermordete Intellektuelle bestattet wurden. Man begegnete in diesen Momenten jeweils dem Islam der Kultur und dem Islam der Gewalt zugleich, dessen Opfer zu Grabe getragen wurden und deren Angehörige verzweifelt waren. Eines Tages wurde bekannt, dass auch der renommierte algerische Soziologe Mahfoud Boukhobza von Islamisten umgebracht worden war. Getarnt als Handwerker hatten die Untergrundislamisten sich Einlass in seine Wohnung verschafft, ihn auf einen Stuhl gefesselt und ihm die Kehle durchgeschnitten. Seine Ehefrau, die Tochter und der 17-jährige Sohn hatten es miterlebt. Dieses Vorgehen gegen „Feinde Gottes“ begann damals erst, Routine gewalttätiger Islamisten zu werden. Es handelte sich um nie Dagewesenes, um einen Intellektozid. Ich beschloss, für „Titel, „Thesen, Temperamente“ darüber zu berichten. Aber wie sollte man in eine solche Wohnung gehen, ein Interview mit Menschen machen, denen solches widerfahren war? Eine Zeitlang war ich mit meinem arabischen Kameramann um das Mietshaus gekreist und hatte dann schließlich geklingelt. Ein Verwandter bat uns, gegen Abend wiederzukommen. Dann sei die Witwe Boukhobza da. Als wir zurückkamen, sprachen wir der Familie unser Beileid aus. Jedes weitere Wort über den Mord verbot sich als zu läppisch angesichts des Geschehenen. Doch es musste etwas gesagt werden, während der Kameramann seine Gerätschaft für das Interview aufbaute. Der Sohn schaute stumm zu, während ich an das Unaussprechliche dachte, dass diese Augen gesehen hatten. Nicht er, sondern ein Freund des Ermordeten würde das Interview geben. Dieser fragte mich, wie es mir als Neuling in Algier gehe. In meiner Hilflosigkeit sprach ich über Lappalien wie die Schwierigkeit, ein Taxi oder einen Interviewpartner bei der Regierung zu bekommen und über den schon Wochen andauernden Milch-, Kaffee- und Waschmaschinenmangel, ehe das erlösende Gespräch vor der Kamera begann. „Boukhobza gehörte zu den Besten“, sagte der Mann mit leiser Stimme, „immer töten sie die Besten.“ Nachdem wir unser Material eingepackt hatten und Frau Boukhobza uns durch den Korridor bis an die Tür begleitete, drückte sie mir die Hand. Ich spürte etwas Weiches, ein Pfund Kaffee.“

Das Buch von Samuel Schirmbeck ist aktueller denn je und trotz einiger Wiederholungen sehr zu empfehlen. Vor wenigen Tagen hat der Islamist Anis Amri einen LKW in Berlin gekapert, den polnischen Fahrer erschossen und ist mit dem LKW in einen Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz gefahren um möglichst viele „Ungläubige“ zu ermorden. Die Reaktionen auf den Berliner Anschlag von Politik und Medien waren kaum überraschend: „Wir leben weiter wie bisher“ und “jetzt erst recht auf Weihnachtsmärkte gehen“ oder „das alles hat nichts mit dem Islam zu tun“ und  „es gibt keine absolute Sicherheit, wir müssen mit dem Terror leben.“ Höhepunkt war ein Plakat mit der Aufschrift: #Terror hat keine Religion #Berliner Muslime gegen Terror – mit Logos von diversen islamistischen Islamverbänden vom Islamrat bis Milli Görüs.

Die islamistische Moderne bekämpft den westlichen Lebensstil, ermordet Ungläubige auf Weihnachtsmärkten und benutzen dafür „ohne zu zögern die Mittel und Technologien der Ungläubigen.“ Die Trennung von Islam und Islamismus  erfolgt ohne jede rationale Argumentation, ohne jede Grundlage. Wer kann den Unterschied zwischen Islam und Islamismus erklären? Gehört die Scharia, die islamische Rechtsordnung noch zum Islam oder schon zum Islamismus? Ist die Verschleierung des weiblichen Haares religiöse islamische Pflicht oder sind solche Ansichten islamistisch? Gehört die strikte Geschlechtertrennung, die Verfolgung von Homosexuellen, Apostaten und Andersdenkenden noch zum Islam oder ist das schon Islamismus?

Solange Islamkritik den Rechten überlassen wird, die sich nicht gegen den Islam sondern gegen die Muslime richtet, solange sich Linke und Linksliberale hinter ihrem Kulturrelativismus verschanzen, solange die Sorge von Christen und christlichen Parteien bezüglich der Sicherung von Religionsfreiheit über allem steht wird sich die islamische Wirklichkeit nicht ändern. Zur Erinnerung: Als die islamische Welt wegen der paar Mohammed-Karikaturen außer Rand und Band geriet, setzte sich Edmund Stoiber von der CSU nicht für die Meinungsfreiheit ein, er wollte den Blasphemie-Paragraphen verschärfen.

Das hiesige Appeasement an den Islam belegt ihre Gleichgültigkeit gegenüber den vielen Opfern der islamischen Ideologie. Michael Müller, der Bürgermeister von Berlin hat die gläubige Muslimin Sawsan Chebli zu Staatssekretärin gemacht. Sie bezeichnet das Kopftuch als eine religiöse Pflicht und hält die Scharia für grundgesetzkompatibel. Wenn es nicht so traurig wäre könnte man darüber schmunzeln. Es ist längst an der Zeit, dass in den muslimischen Communities in Europa der innerislamische Diskurs über die Widersprüche dieser außer Rand geratenen gewalttätigen Religion beginnt. Eine Diskussion über den Islam in Europa ist die Voraussetzung für die längst fällige Domestizierung des Islam. In Algerien, Marokko und beispielsweise im Iran gibt es viele mutige Muslime die gegen die Zumutungen des Islam unter dem Einsatz ihres Lebens protestieren. Diese oppositionellen Menschen hoffen seit vielen Jahren auf Unterstüzung aus dem scheinbar aufgeklärten Westen. Bisher hoffen sie vergebens.

Vorsicht Falle: Jutta Ditfurth in Nepper, Schlepper, Bauernfänger

16. Dezember 2016

edeIn einem Fernsehinterview nannte Jutta Ditfurth den Mahnwachenredner Jürgen Elsässer einen „glühenden Antisemiten.“ Darauf kam es vor dem Landgericht München I zum Prozess. Mit einer nicht nachvollziehbaren Begründung durch die Richterin Grönke-Müller bekam Elsässer Recht. Im Juni 2015 verpflichtete sich Ditfurth, Elsässer nicht mehr als „glühenden Antisemiten“, wohl aber einen „Antisemiten“ zu nennen. Im Berufungsverfahren am Oberlandesgericht ging es nur noch um die Übernahme der Prozesskosten. Ditfurth verlor abermals. Darauf erhob Ditfurth im November 2015 Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht.

Die Verfassungsbeschwerde von Jutta Ditfurth gegen die abgewiesene Berufung in der gerichtlichen Auseinandersetzung mit Jürgen Elsässer wurde  am 8. Juni 2016 unter dem Aktenzeichen – 1 BvR 2774/15 nicht zur Entscheidung angenommen. „Diese Entscheidung ist unanfechtbar“ sagte die 3. Kammer des Ersten Senats des Bundesverfassungsgerichts durch den Vizepräsidenten Kirchhof, den Richter Masing und die Richterin Baer.

Diese Niederlage verheimlicht Jutta Ditfurth ihren Anhängern seit nun einem halben Jahr. Seit dem November 2015 bittet Jutta Ditfurth auf ihrer Homepage und auf ihrer Facebook-Seite bis heute um Spendengelder für ihre Klage vor dem Bundesverfassungsgericht:

„Die Erfolgsaussichten sind gut. Aber das Warten könnte lang werden: 1 bis 2 Jahre. … Nur Dank der Solidarität und Hilfe vieler Menschen habe ich die ersten Instanzen geschafft. Jetzt bitte ich noch einmal herzlich um Spenden für die Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht.  Bitte entweder auf dieses Konto: Kontoinhaberin: ÖkoLinX-Antirassistische Liste  Verwendungszweck: »Elsässer-Prozess«  Bank: Postbank Frankfurt/Main oder via PayPal …“

Nachdem  Jutta Ditfurth im Oktober mit ihrer Unaufrichtigkeit konfrontiert wurde meinte sie am 10. Oktober in Facebook:

„Prozess gegen den Antisemiten Jürgen Elsässer (Compact) Ich beobachte kopfschüttelnd und zugleich amüsiert, wie politische Gegner*innen von rechten Antideutschen über Elsässer selbst bis zu Nazis falsche Informationen über den Elsässer-Prozess verbreiten. Liebe freundliche Menschen, lasst Euch davon nicht irre machen. Ich werde aus guten Gründen im November den Stand der Dinge veröffentlichen.“

Der November ist längst vorbei und Jutta Ditfurth hat sich noch immer nicht erklärt, dafür hat sie mit der Jungle World gesprochen:

„Im Gespräch mit der Jungle World sagt Ditfurth: „Wie frei ist dann die Meinung, wenn nur Wohlhabende sie sich leisten können?“ Sie sehe sich gezwungen, den Streit mit Elsässer vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu tragen. „Raus aus Deutschland“, wie sie verbittert anmerkt. Erneut muss Ditfurth Spenden für das Verfahren sammeln, es geht um weitere 9 000 Euro.“

Zuvor ist in der Jungle World beiläufig über die 2015 erhobene Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht zu lesen: „Doch das Gericht lehnte es im Juni 2016 ab, die Beschwerde zu prüfen.“  Kaum erwähnenswert ist, dass die Erfolgsaussichten von dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte gegen Null tendieren.

Isoliert betrachtet liegt Jutta Ditfurth in der Sache gegen Jürgen Elsässer natürlich richtig. Ihr Kampf gegen den Antisemitismus ist freilich völlig unglaubwürdig, sie selbst ist in ihrer antiimperialistischen Ideologie gefangen, ihre eigene „Israelkritik“, ihre distanzlose Meinhof-Biographie und ihre solidarischen Freundschaften zu extremen „Israelkritikern“ sind Belege dafür.

Darüber hinaus ist das besondere Verhältnis der Kapitalismuskritikerin zur Geldbeschaffung problematisch. Jutta Ditfurths Aufrufe zu Geldspenden waren von Anfang an dubios und absolut intransparent. Eine detaillierte Aufstellung über die Spendengelder und die Soli-Einnahmen wurde nicht veröffentlicht. Der diesbezügliche negative Höhepunkt ist zweifellos Ditfurths Aufforderung  über sechs Monate Geld für eine nicht existente Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht zu spenden. Ihre bis zum heutigen Tag auf ihrer Homepage nachlesbare Behauptung, für ihren Sieg beim Bundesverfassungsgericht gäbe es „gute Aussichten“  und ihr eiskaltes Statement, „ich beobachte kopfschüttelnd und zugleich amüsiert … falsche Informationen über den Elsässer-Prozess verbreiten“ sind nicht nur gruselig, sondern beinahe schon mitleiderweckend.

Die treu-naive Anhängerschaft von Jutta Ditfurth sei jedenfalls gewarnt: Vorsicht Falle – Eduard Zimmermann (oder irgendein Nachfolger)  übernehmen sie.

Die Fusion: Wird der „israelkritische Freitag“ unter Jürgen Todenhöfer noch antizionistischer?

11. Dezember 2016

toauDer ehemalige Mudschahedin-Unterstützer Jürgen Todenhöfer wird voraussichtlich ab Januar 2017 der neue Herausgeber der antiisraelischen Wochenzeitung „Der Freitag.“ Der vom Simon Wiesental Center wegen seiner antisemitischen Aussagen 2010 „prämierte“ Jakob Augstein erhofft sich unter den 700.000 Facebook-Todenhöfer-Fans viele neue Leser für sein bisher eher auflagenschwaches Projekt. So wächst nun endlich zusammen was längst zusammengehört. In einem TAZ-Interview meinte der Antisemitismus-Experte Augstein: „Ich habe keinen Hinweis darauf, dass Todenhöfer Antisemit ist. Er lehnt die israelische Siedlungspolitik ab, das tue ich auch. Aber das ist doch noch nicht antisemitisch.“

Im „Freitag“ wird seit vielen Jahren einerseits in tausenden Artikeln und Kommentaren gegen den Judenstaat agitiert und andererseits wird der islamistische Terror gegen Israel und die westliche Welt, gegen die westliche Moderne verharmlost, tabuisiert, geleugnet oder gutgeheißen.

Die obligatorischen „Israelkritiker“ wie Mohssen Massarrat, Uri Avnery, Felicia Langer, Norman Paech, Ludwig Watzal, Avraham Burg, Susann Witt-Stahl, Moshe Zuckermann oder Martin Lejeune verbreiten im „Freitag“ seit Jahren ihre kruden Ansichten. Der Ressortchef Politik des „Freitags“ Lutz Herden verglich Israel mit dem Apartheitsstaat Südafrika, er zitierte eine Aussage der PLO, die Zionismus mit Rassismus gleichsetzt, er meinte, „Israel kann sich in seiner rücksichtslosen Kriegführung gegenüber der Zivilbevölkerung bestätigt fühlen“, er behauptete, dass die israelische Armee den Gaza-Streifen eingeäschert hat, nachdem sie ihn zuvor jahrelang blockiert und belagert hat“ und unter anderem schreibt er vom „Vernichtungsfeldzug gegen die palästinensische Bevölkerung“ im Gaza-Streifen. In den Artikeln des „Freitags“ der letzten Jahre war zum Beispiel von der „wohlgezielten Schlachtung von Klein- und Schulkindern“ durch die israelische Armee, vom „israelischen Apartheitsstaat“ vom „Zionismus und der viehischen Gewalttätigkeit seiner realen Vertreter“,  von der skurilen Daseinsberechtigung Israels“  zu lesen. Der Autor Matteo Fagotto bezeichnete den  mörderischen Terror der Hisbollah am 23.07.2012 als Kunst, er schrieb im „Freitag“: „Die Hisbollah feiert in einem Freiluftmuseum ihren Kampf gegen Israel in ästhetisierter Form. Auch sonst will die Organisation ihre politischen Ideen in Kultur verwandeln.“

Der Antikommunist, Islamistenversteher, Märchenonkel, Kritiker der westlichen Moderne, der Hasan al-Banna der deutschen Friedenssehnsucht,  Jürgen Todenhöfer unterstützte bereits 1980 die islamistischen Mudschahedin gegen die Sowjetunion, später die Taliban und noch später alle möglichen Islamisten und Despoten gegen die USA und den Westen. Während des Gazakrieges 2014 ließ sich Todenhöfer auf den Trümmern eines Hauses mit kurz zuvor gekauften Spielsachen fotografieren. Ähnlich wie Augstein sieht Todenhöfer die Israelis als ein „Herrenvolk“, die das „gedemütigte und entrechtete kleine Volk“ der Palästinenser „in einem großen Käfig“ halten, es in ein „Ghetto“ eingesperrt haben. Nach islamischen Terrorakten, die laut Todenhöfer nichts mit dem  Islam zu tun haben können,  beschwört dieser gerne die Sure 5:32 des Koran: „Wenn jemand einen unschuldigen Menschen tötet, so ist es, als habe er die gesamte Menschheit getötet.“ Den ganzen und den darauffolgenden Vers verschweigt Todenhöfer lieber, wie so viele „westliche“ Fans des Korans:

„Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einen Menschen das Leben hält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach beginnen viele von ihnen Ausschreitungen im Lande. Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“

Mit dem neuen Dream-Team der Publizistik dürfte die Auflage des „Freitags“ in ungeahnte Höhen steigen. Neue spannende Interviews mit Islamisten und Antisemiten aller Couleur, vielleicht sogar in den Terror-Tunnels der Hamas, warten auf die entsprechende Leserschaft. Wird der „israelkritische Freitag“ unter Jürgen Todenhöfer also noch antisemitischer? Geht das überhaupt? Als der Artikelschreiber des Freitags, Fritz Teich im Jahr 2010 im „Freitag“ kommentierte: “Wenn ein Terrorist eine Bombe auf einen israelischen Bus schmeißt, wird er keine Unschuldigen treffen” hatte dies für ihn keine redaktionellen Konsequenzen, Fritz Teich schrieb noch jahrelang seine „israelkritischen Artikel“ für den „Freitag.“ Aber sind solcherlei Angriffe auf die Zivilisation überhaupt im negativen Sinne steigerbar?

In der Redaktion des „Freitags“ dürfte sich arbeitsrechtlich nur geringfügig etwas ändern. Für die weiblichen Redaktionsmitglieder wird eventuell die Kopftuchpflicht eingeführt und an Ramadan geht es vermutlich für alle ran an den Speck. Das wird dem ein oder anderen übergewichtigen  Redaktionsmitglied nicht unbedingt schaden. Ob für Xavier Naidoo und seine „Reichsbürger“ noch ein Plätzchen in der Redaktion des „Freitags“ frei werden wird, bleibt abzuwarten.

Jean Améry und die ideologische Verwahrlosung der Linken

5. Dezember 2016

jeanGeboren wurde Jean Améry, sein jüdischer Name war Chaim, als Hans Mayer am 31. Oktober 1912 im 4. Bezirk in Wien. Der jüdische Vater Paul Maier, der nie in einer Synagoge war, ist als Tiroler Kaiserjäger am 1.8.1917 gefallen und die katholische Mutter Valerie Maier in Wien am 1.7.1939 gestorben.

Nach ersten Veröffentlichungen lebt er als Bohemien und Gelegenheitsarbeiter 1929 in Berlin. 1930 beginnt er, wieder zurück in Wien, eine Buchhandelslehre und literarische Studien und tritt 1933 aus der jüdischen Gemeinde aus. 1934 schreibt Améry den Roman „Die Schiffsbrüchigen“, der Thomas Mann und Robert Musil zur Begutachtung vorgelegt wird. „Ich war 19 Jahre alt, als ich von der Existenz einer jüdischen Sprache vernahm, wiewohl ich andererseits genau wusste, dass meine religiös und ethnisch vielfach gemischte Familie den Nachbarn als eine jüdische galt“, schreibt Améry später in Jenseits von Schuld und Sühne. In „Weiterleben“ schreibt Améry: „Ich gehörte niemals der jüdischen Glaubensgemeinschaft an, wurde vielmehr katholisch erzogen.“ Die „Nürnberger Gesetze“ machten den intellektuellen Agnostiker zum Juden. Nachdem Améry wieder der  jüdischen Gemeinde beitrat, heiratet er 1937 die Jüdin Regine Berger-Baumgarten, mit der er im Dezember 1938 über Köln nach Antwerpen flieht, wo er sich dem Belgischen Widerstand gegen die Nazis anschließt. Am 23. Juli 1943 wird Améry in Brüssel bei der Verteilung von Flugzetteln verhaftet. In „Jenseits von Schuld und Sühne“ schreibt Améry: „Auf einem der Flugblätter, die ich im Augenblick meiner Festnahme bei mir trug, stand ebenso bündig wie propagandistisch ungeschickt: ‘Tod den SS-Banditen und Gestapohenkern‘.“ Im Auffanglager Breendonk bei Antwerpen wird Améry gefoltert: “Was mir in Breendonk zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. (..) Dass man aber den lebenden Menschen so sehr verfleischlichen und damit im Leben schon halb und halb zum Raub des Todes machen kann, dies hat er erst durch die Tortur erfahren. Wer der Folter erlag kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen.“

Im  Januar 1944 kommt Améry nach Auschwitz. In der Hierarchie der Gefangenen kamen erst die Schwerverbrecher, dann die Kommunisten  und an absolut letzter Stelle waren die Juden.  Kommunisten und religiöse Gefangene konnten, laut Améry,  Folter und Grausamkeit „besser“ ertragen als er, der Atheist. Sie glaubten an „etwas“,  dass ihnen Kraft gab. Den Glauben an „Gott“ oder die „Gewissheit“, dass der Kommunismus auch nach den KZs noch bestehen wird und die Kameraden einen  rächen werden, hatte Améry  nicht.  Améry  wusste,  dass seine Mithäftlinge einer Illusion erlagen, aber zumindest einer sehr beruhigenden und hilfreichen. Er überlebt als Schreiber in einem Werk der I. G. Farben. Im Februar 1945 wurde er in das unterirdische Arbeitslager Mittelbau-Dora nach Thüringen verlegt.  Im April kam Améry nach Bergen-Belsen, wo er zwei Wochen später befreit wurde. Jean Améry war 642 Tage in deutschen Lagern, seine Auschwitznummer 172 364, schrieb er einst, lese sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gebe zudem gründlicher als diese Auskunft über eine jüdische Existenz. Mit 45 Kilogramm Lebendgewicht kehrt er am 29. April 1945 nach Brüssel zurück, wo er erfährt dass seine geliebte Frau, die sich in Brüssel versteckt gehalten hat, am 24.4.1944 an Herzversagen im Alter von 28 Jahren gestorben ist.

Améry bleibt in Brüssel und schreibt für verschiedene Schweizer Zeitungen Artikel über Politik und Kultur, die er ab 1955 unter den Namen Jean Améry veröffentlicht. Im selben Jahr heiratet er Maria Leitner. Neben Tausenden von Zeitungsartikeln und Radio-Essays veröffentlicht er zahlreiche Bücher. „Jenseits von Schuld und Sühne“, „Unmeisterliche Wanderjahre“ und „Örtlichkeiten“ gehören zu seinen autobiografischen Schriften. Mit seinem Werk „Jenseits von Schuld und Sühne“ , dass er 1966 veröffentlichte, wurde Jean Améry weltbekannt und so hat der humanistische Linke zahlreiche Auftritte im bundesdeutschen Fernsehen. Jean-Paul Sartres atheistischem Existentialismus mit seinem Freiheitsbegehren fühlte sich Améry wie seinem Widerspruch gegen den antiisraelischen Antisemitismus verpflichtet.

Améry Essay „Der ehrbare Antisemitismus“ von 1969 hat heute noch anklagende Gültigkeit für die antizionistische Linke. „Israelkritkern“  wie Jakob Augstein oder Inge Höger schrieb Améry ins Stammbuch: „Und von Blüher – aber auch von Streicher, denn allerwegen ebnet der Antisemitismus die intellektuellen Höhenunterschiede ein – könnte stammen, was der Unterrichtsminister des progressiven Staates Syrien an den Generaldirektor der UNESCO schrieb: “Der Haß, den wir unseren Kindern einprägen, ist ein heiliger Hass.” Es wäre das alles kaum der Aufnotierung wert, und der närrische Blüher könnte im Frieden des Vergessens schlafen, hätte nicht die intellektuelle Linke Westeuropas (einschließlich übrigens einiger vom Selbsthass verstümmelter Juden wie Maxim Rodinson) sich dieses Vokabulars bemächtigt und das vom Wortschatz vermittelte Normensystem angenommen. Wenn aus dem geschichtlichen Verhängnis der Juden- beziehungsweise Antisemitenfrage, zu dem durchaus auch die Stiftung des nun einmal bestehenden Staates Israel gehören mag, wiederum die Idee einer jüdischen Schuld konstruiert wird, dann trägt hierfür die Verantwortung eine Linke, die sich selber vergißt. “Der Antizionismus ist ein von Grund auf reaktionäres Phänomen, das von den revolutionären progressistischen antikolonialistischen Phrasen über Israel verschleiert wird”, sagte neulich Robert Misrahi, ein französischer Philosoph, der, gleich dem vorhin zitierten Claude Lanzmann, zur weiteren Sartre-Familie gehört. Der Augenblick einer Revision und neuen geistigen Selbstbestreitung der Linken ist gekommen; denn sie ist es, die dem Antisemitismus eine ehrlose dialektische Ehrbarkeit zurückgibt. Die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben. Leute wie der polnische General Moczar können sich die Umfälschung des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten: Die Linke muss redlicher sein. Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus. Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen “Überlegungen zur Judenfrage”: “Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.”

Améry kannte die Abhängigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Kalten Krieges: „Die Linke im weiteren und weitesten Sinne aber, und ganz besonders die protestierende äußerste Linke, der ich mich auf weiten Strecken verbunden weiß, hat diese Großmacht-Ausflucht nicht. Sie ist, nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten, zur Einsicht verpflichtet; zur Einsicht in die tragische Schwäche des jüdischen Staates und jedes einzelnen Juden in der Diaspora, zur Einsicht in das, was hinter den Kulissen eines jüdisch-bürgerlichen Mittelstandes, hinter dem Mythos des Geld- und Gold-Juden (vom Jud Süß bis zu den kontemporären Rothschilds und ein paar jüdischen Hollywood-Größen) sich verbirgt.“ (Der ehrbare Antisemitismus) Der KZ-Überlebende wusste welche Blüten der Antikommunismus seiner Zeit trieb: „Wie in den hohen Tagen der Dulles-Ära gab man sich dem kalkulierten Rausch amalgamierender  Ächtung hin: die Sowjetunion, Mao, Castro, Dutschke, Cohn Bendit, das war, das ist für die Rechte ein einziger Komplex, der „Kommunismus“ eben, dessen düsteres Symbol der Panzer der UdSSR auf dem Wenzelsplatz ist und dem gegenüber man den zugleich raffinierten und geistesschlichten Manichäismus als einzig mögliche Haltung empfiehlt und sogar drohend fordert.“ (Kann man noch Linksintellektueller sein – 1968)

In „Die Grenzen liberaler Toleranz“ setzt sich Améry 1971 mit dem Liberalismus des Westens auseinander.  Améry sieht das Elend dieser Welt und er bescheinigt dem herkömmlichen Liberalismus mit seiner Lobhudelei des Konkurrenzkapitalismus den Tod. „Die liberalistische Ökonomie wird ihre Erbsünden nicht los: Die Menschenschinderei als böse Tat zeugt weiter und gebiert fortwährend Böses. Von der Kinderarbeit des neunzehnten Jahrhunderts führt eine direkte historische Straße in die Defoliations-Ödnis des renitenten Imperialismus. Da drängt als erste Feststellung sich auf: Der Liberale glaubt an Freiheit und Vernunft als an komplementäre Fundamente des Humanen. Er hat aber, soweit man sehen kann, weder diese noch jene je definiert. Das wird ihm künftighin nicht erspart bleiben. Von den Marxisten kann und muss er lernen, dass es formale Freiheiten gibt, die notwendige, aber nicht ausreichende Bedingungen materialer sind. Aus der Logik kann er herauslesen, dass „die Freiheit“ nicht auffindbar ist, sondern man allerwegen nur spezifische Freiheiten erkennt, die definierbar sind durch die ihnen jeweils im Wege stehenden Unfreiheiten. Auch zur Vernunft wird der Liberale ein neues Verhältnis zu suchen haben.“  Darüber hinaus schreibt Améry in „Gewalt und Gefahr der Utopie“: „So wie Ideologiekritik, angefangen mit Marx selber, eine Sache der Linken war, wurde Utopiekritik, da doch die konkretisierten Utopien nur allzu verwundbare Stellen zeigten, zur Sache der Rechten — rechts hier in sehr weitem, auch den bürgerlichen Reformliberalismus umgreifenden Sinne verstanden.“

Améry war im Gegensatz zu weiten Teilen der heutigen Linken in der Lage zu differenzieren. In seinem Text „Zwischen Vietnam und Israel“ thematisiert er die Verbrechen der USA während des Kalten Krieges und gleichzeitig solidarisiert er sich, nicht nur mit dem von der Auslöschung bedrohten Staat Israel, er unterstützt, jeder Logik entsprechend, den  größten Beschützer Israels zu der Zeit, die USA: „Es hat aber diese Gewaltpolitik der USA nichts zu schaffen mit der Nahostkrise, denn nicht Amerika ist es, das dort ein kleines Land mit der Auslöschung bedroht. Es hat den Anschein, als hätten die jüdischen Linksintellektuellen noch nicht in vollem Umfang begriffen, dass angesichts der Ereignisse an den Grenzen Israels ihr Auftreten als Linksintellektuelle nicht mehr gilt. Es wird ein schlimmes Erwachen für sie sein, wenn sie sich erst vor der unabweislichen Tatsache sehen, dass sie nicht zu wählen, nicht Stellung zu beziehen haben, weil sie schon gewählt wurden und ihre Position ihnen zugewiesen ist. Warum dies? Nun, es ist klar: für jeden Juden in der Welt, er stehe politisch wo auch immer, er sei ein Intellektueller oder ein Kaufmann oder ein Handwerker, ist der Bestand des kleinen Judenstaates eine »existentielle« Frage, denn in Israel haben die Juden, wie Ernst Bloch in einem anderen Zusammenhang es nennt, den „aufrechten Gang“ gelernt und haben den starken Schritt, die grade Haltung auch jenen Juden eingeübt, die in der Diaspora wohnen und allenfalls keine Absicht haben, Israel auch nur zu einem Ferienaufenthalt zu besuchen. Der israelische Staat hat die dümmsten antisemitischen Legenden — die Juden seien feige, sie könnten mit dem Geldschein zwar umgehen, nicht aber mit dem Pflug, sie seien unfähig zur Staatenbildung — so schlagend dementiert, dass heute nicht einmal der verbissenste Alt- oder Neunazi sie zu wiederholen wagt.“

Nach der Spaltung der Neuen Linken 1991 während des Golfkrieges in traditionelle, meist antisemitische Antiimperialisten und antinationale proisraelische  Ideologiekritiker, spaltete sich die Fraktion der Ideologiekritiker, der ich mich bisher auf weiten Strecken verbunden wusste, im letzten Jahr nach der Flüchtlingskrise und der Kölner Silvesternacht erneut. Während vereinfacht gesagt, die Jungle-World-Fraktion kaum mehr über den Islamismus nach den islamistischen Anschlägen von Paris und Ansbach reden wollte, die sexuellen Übergriffe der Kölner Silvesternacht tabuisierte oder verharmloste und den grapschenden Migranten im Connie Island „gutes Gelingen dabei wünschte, diese Inseln selbstgerechter Saturiertheit zu verwüsten“ (diesmal veröffentlicht in Konkret), verurteilt die Bahamas-Fraktion zurecht solcherlei Ansichten als reaktionär und verwerflich. Wie Kritik am Stalinismus keine Kritik an Russen, Kritik am Christentum keine Kritik an Europäern war, so ist Kritik am Islam keine Kritik an Türken, Tunesiern oder Nigerianern. Letztendlich ist der vorgebliche Antirassismus der Antirassisten rassistisch, denn er stellt sich gegen alle aufgeklärten Muslime, die unter dem Einsatz ihres Lebens in der islamischen Welt gegen den Islamismus und seine Menschenverachtung ankämpfen.

Auf der anderen Seite freuen sich „liberale“ Ideologiekritiker über den Tod von Fidel Castro und einen Nachruf auf Castro bezeichnet einer von ihnen als „unerträglichen, unverzeihlichen, von Grund auf verharmlosenden und verlogenen Kitsch.“ Vermutlich haben diese zumeist jungen Kritiker sehr wenig Ahnung über die Konfliktlinien und Begebenheiten des Kalten Krieges. Die Truman-Doktrin, der Tonkin-Zwischenfall in Vietnam, das Wirken von United Fruit in Guatemala, der Contras in Nicaragua, der Todesschwadronen in El Salvador, von Mac Arthur in Korea lag vermutlich vor ihrer Zeit. Wer freilich Pershing für eine neue englische Biermarke hält und wem die Umstände des Rüstungswettlaufes nicht geläufig sind, dem dürfte die eine oder andere Reaktion des jeweiligen Blocks oder verbündeten Staates unendlich rätselhaft bleiben. Wenn sich Superliberale, Erzkonservative oder Batista-Anhänger über den Tod von Fidel Castro freuen ist das völlig in Ordnung und nachvollziehbar. Wenn aber irgendwie Linke die Alternative zur Kubanischen Revolution, die Realität in Lateinamerika, mit seinen hungernden Kindern in Haiti, den Straßenkindern von Brasilien und den 68 Millionen lateinamerikanischen Obdachlosen ignorieren oder verharmlosen, tendiert die Moral dieser Linken gegen Null, denn Links ist auch da wo das Herz ist.

Eine Linke die den Stalinismus verharmlost und selbst antisemitisch ist, eine Linke die über den Islam, mit seinem Terror, seinem Antisemitismus,  seiner Frauenverachtung, seiner Verfolgung von Andersdenkenden und Homosexuellen nicht reden will, eine Linke die, das Elend Lateinamerikas ignorierend, sich über den Tod Fidel Castros freut ist überflüssig wie ein Kropf. Die Hoffnung Jean Amérys auf eine redliche, realistische, israelsolidarische Linke hat sich nicht erfüllt, gleichwohl wäre eine solche emanzipatorische Linke nötiger denn je.

Während Israel in Flammen steht, von einer „Feuer-Intifada“ heimgesucht wird und Islamisten dies in den sozialen Medien feiern, schreibt Frauke Petry von der AfD: „Während wir über das Ausmaß der Zerstörung entsetzt und erschüttert sind, jubeln weltweit Islamisten über die vermeintliche Rache Allahs und eine mögliche Vernichtung Israels. Auch in Deutschland und vor allem auch im Internet. Dort kursieren bereits diverse Hashtags und tausende israelfeindliche und antisemitische Beiträge. Hier könnte Justizminister Maas nun markig sein Lieblingswort einsetzen, welches er gern im Zusammenhang mit der #AfD benutzt: „Widerlich!“ Doch bisher schweigt er, ebenso wie die meisten Politiker der deutschen Regierungsparteien.“

Wenn die AfD im Herbst um die 20 Prozent der Wählerstimmen erhalten wird, sind hilflose Erklärungsversuche und gegenseitige Schuldzuweisungen bereits heute vorprogrammiert. Die rechtsradikale AfD wird sich dann ihren weiteren Projekten, dem Ausstieg aus dem Ausstieg der Atomkraft, dem Verbot des Schwangerschaftsabbruchs, der Wiedereinführung der Wehrpflicht, weiteren Maßnahmen gegen Ausländer und einer radikalen Rückkehr zur Nation widmen.

Zwei Jahre nachdem er das Buch „Hand an sich legen“ veröffentlichte, wählte Jean Améry am 17. Oktober 1978  den Freitod mit Schlaftabletten im Hotel „Österreichischer Hof“ in Salzburg.  Auf dem Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 40, Nummer 132 liegt Jean Améry begraben.

Quellen: Jean Améry-Werkausgabe, 9 Bände, Klett-Cotta, 2002

Fidel Castro ist tot

28. November 2016

fidelDer Comandante ist tot, er starb am 25. November 2016 im Alter von 90 Jahren friedlich in seinem Bett in Havanna. Die mythischen Rebellen um Fidel Castro wollten unter dem Einsatz ihres Lebens eine gerechtere und sozialere Welt. Der „Maximo Lider“ war wie Kuba ein Gefangener des Kalten Krieges und des antiimperialistischen Denkens dieser Zeit. Während des Kalten Krieges bekleckerten sich bekanntlich beide Supermächte nicht gerade mit Ruhm. Seit der Kubanischen Revolution bot das kleine Kuba mit Fidel Castro an der Spitze dem großen Gegenspieler aus dem Norden die Stirn und erreichte dabei bemerkenswerte soziale Erfolge, die bis heute von Mexiko über Haiti bis Chile seinesgleichen suchen. Ob Fidel Castros realpolitische Kontakte mit ölreichen Antisemiten wie Hugo Chavez oder Mahmoud Ahmadinejad alternativlos notwendig waren sei dahingestellt. Fidel Castro versuchte seine Revolution auch dadurch zu retten, dass er sich mit Figuren wie Saddam Hussein oder dem Papst sehen ließ. Unverzeihlich bleibt darüber hinaus der Einsatz von kubanischen Soldaten während des Jom-Kippur-Krieges 1973 gegen Israel. Kuba wird sich nach dem Tod Castros weiter öffnen und was von der Revolution übrig bleiben wird ist offen.

Geboren wurde Fidel Alejandro Castro Ruz am 13. August 1926 in Birán der Provinz Oriente Kubas als nichteheliches Kind des Zuckerrohrplantagenbesitzers Ángel Castro Argiz und dessen Hausköchin Lina Ruz González. Trotz des Reichtums der Familie kam der katholisch erzogene Fidel häufig mit der armen Landbevölkerung in Kontakt. 1945 begann Castro ein Jura-Studium an der Universität von Havanna, wo er im Jahr 1950 zum Doktor des Zivilrechts, Spezialgebiet Diplomaten- und Konsularrecht promovierte. In Havanna eröffnete Castro eine Rechtsanwaltskanzlei, die er bis 1953 führte. Bereits 1947 schloss er sich der Orthodoxen Partei von Eduardo Chibás an, die gegen die korrupte Regierung von Carlos Prío  eintrat.

Im Juni 1952 wollte Castro mit der Orthodoxen Partei bei den Parlamentswahlen antreten, doch der Putsch des Generals und späteren Massenmörders Fulgencio Batista verhinderte dieses Vorhaben. Kuba war vor und während der Diktatur Batistas das „Bordell“ der USA. Die USA kontrollierten 75% des Handels. Sie besaßen 90% der Minen des Landes und 50% des Bodens. Die Bevölkerung lebte in bitterer Armut, rund fünfzig Prozent waren mehr oder weniger Analphabeten und es gab kaum medizinische Versorgung. Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung ist zu der Zeit dauerhaft arbeitslos. Besonders betroffen sind die Schwarzen und Mulatten, rund ein Viertel der damals 6,5 Millionen Einwohner. Die Landbewohner, die rund die Hälfte der Einwohner stellen sind am meisten benachteiligt. Sie leben in Palmhütten ohne Wasser und Strom. Über ein Drittel der Landbevölkerung leidet unter Mangelernährung und Parasitenerkrankungen. 27 Prozent der städtischen und 61 Prozent der Kinder vom Lande besuchen keine Schule.

Während Batistas Amtszeit wurden rund 20.000 Kubaner und Kubanerinnen, teilweise nach bestialischer Folter, von Batistas Schergen ermordet. Zur Einschüchterung der Bevölkerung wurden viele der Ermordeten aus Autos auf die belebten Straßen geworfen. Die meisten oppositionellen Gruppierungen, wurden verboten und von der Geheimpolizei Batistas erbarmungslos verfolgt. Batista ließ systematisch einsperren, foltern und morden. Das Organ der Großgrundbesitzer, die sogenannte Dorfpolizei, ging mit Gewalt und Willkür gegen die Bauern vor.

Fidel Castro organisierte eine bewaffnete Bewegung und ging in den Untergrund. Der Kern  seiner Mannschaft bestand aus Mitgliedern der „liberalen“ Ortodoxo Partei. Castro vermied enge Kontakte mit der PSP, die in Cuba relativ isoliert war. Zudem wollte er sich nicht der kommunistischen Partei unterordnen. Castro wollte kein diszipliniertes Mitglied der PSP sein, sah darin kaum eine Möglichkeit Verbesserungen für sein Land zu erreichen.

Am 26. Juni 1953 versuchte Fidel Castro mit 150 Männern und zwei Frauen die mit circa 700 Soldaten schwer bewaffnete, verhasste Moncada-Kaserne im Süden Kubas in Santiago de Cuba zu stürmen. Castro wollte mit der fast aussichtslosen Aktion, die zweitgrößte Kaserne Kubas zu überfallen, ein Fanal für einen landesweiten Aufstand auslösen und seine „Untergrundarmee“ mit Waffen versorgen. Um 5.15 Uhr früh machte sich eine Gruppe mit 111 Männer und Frauen auf den Weg zur Moncada Kaserne. Die zweite Gruppe bereitet einen Angriff auf die weiter westlich gelegene Kaserne „Carlos Manuel de Céspedes“ in Bayamo vor. Wegen des Karnevals rechnet Castro mit vielen betrunkenen Soldaten. Durch die Karnevalszüge und Umtriebe erreichen die Revolutionäre zu unterschiedlichen Zeiten die Kaserne. Eine Militärpatrouille fing bereits vor der Kaserne einige Männer ab. Die Aktion endet in Desaster und Chaos. Während des Angriffs sind 19 Soldaten und 9 Männer Castros zunächst umgekommen. 61 weitere Rebellen, darunter Castros Stellvertreter Abel Santamaría Cuadrado werden nach ihrer Gefangennahme von den Soldaten auf grausamste Weise gefoltert und umgebracht. Ihnen werden Augen ausgestochen sowie die Genitalien und einzelne Gliedmaßen abgeschnitten. Castro kann mit einem kleinen Trupp  zunächst fliehen, wird aber nach fünf Tagen gestellt. Ein schwarzer Offizier, Pedro Manuel Sarria, rettet ihm das Leben, er kann verhindern dass Castro von den Regierungssoldaten gelyncht wird. Sarria wird kurz darauf deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt. Die breite Öffentlichkeit war schockiert, und sogar in liberalen Kreisen wuchs die Sympathie für die jungen Männer um Fidel Castro, die bereit waren, für ihre Ziele das eigene Leben zu riskieren. Santiagos Erzbischof Enrique Pérez Serantes forderte ein Ende des Massakers und erreichte, dass die Rebellen vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Im folgenden Prozess wurden 29 Rebellen verurteilt, darunter Castros Bruder Raul zu 13 Jahren, während Fidel Castro zu 15 Jahren Haft verurteilt wird. Seine berühmt gewordene, frei gehaltene Verteidigungsrede, mit den Worten, „Verurteilt mich, das hat nichts zu bedeuten, die Geschichte wird mich freisprechen“, wird zum Manifest des „Castroismus“. Spätestens nach seinem Prozess war Castro „in aller Munde“ in Kuba. Castro kommt als Gefangener Nummer 3859 auf die Gefängnisinsel Isla de Pinos.

Am 15. Mai 1955, nach 19 Monaten Haft werden Castro und seine Leute auf Druck der Öffentlichkeit und einer Generalamnestie aus der Haft vorzeitig entlassen. Kurz darauf gründete Fidel Castro die Bewegung des 26. Juli, M-26-7. Am 7. Juli verlässt Castro Kuba in Richtung Mexiko, nachdem ein Mordanschlag auf ihn, befohlen von Batista scheiterte. Kurz nachdem Castro in Mexiko angekommen ist, trifft er den argentinischen Arzt und Marxisten Ernesto Guevara. Am 2. Dezember 1956 kehrten Fidel und Raúl Castro zusammen mit Che Guevara und weiteren 82 Revolutionären auf der Yacht Granma nach Kuba zurück. Die Tage nach der Landung überleben nur 17 Männer. Alle übrigen waren, nachdem sie gefangen genommen und gefoltert wurden, tot. Dieser Gruppe von 17 Rebellen schlossen sich immer mehr Bauern und Bewohner Kubas an, weshalb sie Batistas Armee innerhalb von wenigen Jahren besiegen konnten.

Als entscheidende Schlacht gilt der Kampf um Santa Clara.  Mit Camilo Cienfuegos und der  zweiten Kolonne griff Che Guevaras den Tren Blindado an, einen von Batista gepanzerten Zug voller Waffen und Munition. Mit einem Täuschungsmanöver überfiel Guevara mit seinen zahlenmäßig weit unterlegenen Kämpfern den Zug, wobei kein, auch kein gegnerischer Soldat ums Leben kam. Am Morgen des 1. Januar 1959 floh Batista in die Dominikanische Republik und am Abend verkündete Fidel Castro in Santiago de Cuba vom blauen Balkon den Sieg der Revolution.

Nach dem Sieg der Revolution kam es zur „Großen Abrechnung“, zu den Schnellgerichtsverfahren gegen die Folterer der Batista-Diktatur, welche von der Bevölkerung und den Medien damals vehement gefordert wurden. In den Medien wurde täglich über neue geheime Friedhöfe, die Ermordung unbewaffneter Jugendlicher und Vergewaltigungen durch das Batista-Regime berichtet. Castro verglich die Verbrecher der Batista-Diktatur mit den Angeklagten der „Nürnberger Prozesse.“ Wie in den „Nürnberger Prozessen“ und den alliierten Militärgerichten kam es zu vielen Todesurteilen. Die Art und Weise wie diese Schauprozesse initiiert und durchgeführt wurden bezeichnete Fidel Castro lange Zeit später als einen schweren Fehler. Vor und lange Zeit nach 1959 war die kubanische Gesellschaft schwulenfeindlich und die kubanischen Revolutionäre begegneten den Homosexuellen dementsprechend, auch dafür übernahm Castro Jahrzehnte später, die Schuld eingestehend, die Verantwortung.

In den ersten Monaten des Jahres 1959 werden beinahe 1500 Gesetze, Dekrete und Erlasse verabschiedet. Mit der Reform des Wohnungswesens wurden die Mieten drastisch gesenkt. Durch eine Landreform wurden Großgrundbesitzer enteignet und Kleinbauern wurde Land zugewiesen. Amerikanische Firmen wurden enteignet, unter Batistas von Politikern und Militärs unter zweifelhaften Umständen erworbenes Eigentum wurde konfisziert. Private Stände mussten für die gesamte Öffentlichkeit geöffnet werden. Kurz darauf erlassen die USA ein Handels-, Wirtschafts- und Finanzembargo gegen Kuba, das in mehreren Schritten verschärft, teilweise wieder gelockert wurde und bis heute anhält. Neben der Aufhebung der Rassendiskriminierung kommt es zu umfangreichen Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen. Die Gleichberechtigung der Frau wird festgeschrieben. Alle Bevölkerungskreise erhalten einen gleichberechtigten, kostenlosen Zugang zur medizinischen Versorgung und zu einer angemessenen Bildung. Die große Alphabetisierungskampagne setzt 1961 ein und hat schnell Modellcharakter unter den Ländern der Dritten Welt.

Im jährlich herausgegeben Index der menschlichen Entwicklung (HDI) belegte Kuba beispielsweise 2014 Platz 44 auf dem Index und lag damit gleichauf mit Bahrain und vor Bulgarien, dass auf Platz 58 kam. Kuba hat nach der Kubanischen Revolution im Vergleich zum Rest Lateinamerikas und Teilen der restlichen Welt eine niedrigere Kindersterblichkeitsrate (4,9 von 1000 Kindern sterben), eine Lebenserwartung von 79,3 Jahren und praktisch keinen Analphabetismus. Im Gegensatz zu so gut wie allen mittel- und südamerikanischen Ländern gibt es in Kuba keine “Favelas.” Wenn es in der Region ein Land gibt, in dem Soziale Gerechtigkeit auf der Staatsagenda ganz oben steht, das ist es Kuba.

Von 1959 an gab es Sabotageakte und Bombenangriffe von den Gegnern der Revolution auf kubanische Kindergärten, Schulen, Industrieeinrichtungen, Lokalen oder anderen belebten Plätzen mit vielen zivilen Toten. Bis 1965 terroisierten von der CIA unterstützte Exil-Kubaner, vergleichbar wie später die islamistischen Mudhahedin in Afghanistan, die kubanische Zivilbevölkerung. Sechs Jahre lang operierten bis zu 5.000 Konterrevolutionäre unter der Führung von Eloy Gutierrez Menoyo, finanziert aus Miami im Escambray Gebirge in Zentralkuba gegen das neue Kuba. Aus USA kommend flogen wiederholt kleine Zivil-Flugzeuge Terrorangrife gegen Passanten und bombardierten Zuckerfabriken und Industrieanlagen. Beispielsweise flog der Exilkubaner Diaz Lanz bombend und schießend am 21. Oktober 199 einen kamikazeartigen Tieffliegerangriff auf Havanna und ermordet und verletzt dabei 47 Menschen. Mit dabei war höchstwahrscheilich der CIA Agent Frank Sturgis, der später bei verdeckten Operationen und Mordanschlägen im Verbund mit der amerikansichen Mafia gegen Fidel Castro noch von sich Reden machen sollte.

Der vorläufige Höhepunkt des Terrors war die Landung von 1.300 Exilkubanern am 17. April 1961 in der Schweinebucht Kubas. Unter den von den USA und deren US-Marine unterstützten Exilkubanern waren viele ehemalige Folterer des Batista-Regimes. Zuvor bombardierten am 15. April 1961 B-26-Flugzeuge der US Air Force drei kubanische Flugplätze. Die Invasion der USA scheiterte, die kubanischen Verteidiger verloren 161 Menschenleben, während 90 Exilkubaner ihr Leben verloren und über 1.000 gefangen genommen und später für rund  53 Millionen Doller von den USA freigekauft wurden. Nach dem Angriff in der Schweinebucht verstärkte Fidel Castro die kommunistische Ausrichtung der kubanischen Revolution.

Zur Verteidigung Kubas und auf Drängen Fidel Castros wollte die Sowjetunion kurz nach der Invasion in der Schweinebucht Atomsprengköpfe auf Kuba stationieren. Während die USA in Europa vor der Haustüre der Sowjetunion atomar bestückte Mittelstreckenraketen stationierte gestand sie der Sowjetunion im Gegenzug nicht dasselbe zu. Während des sowjetischen Schifftransports nach Kuba drohte die amerikanische Regierung unter Präsident John F. Kennedy, sie werde nötigenfalls Atomwaffen einsetzen, um die Stationierung der Atomraketen auf Kuba zu verhindern, was fast im 3. Weltkrieg endete. Die Sowjetunion gab nach und die USA beschränkten sich auf ihre geheimdienstlichen Mordversuche gegen Fidel Castro.

Nach dem Ende der Sowjetunion 1991 verlor Kuba seinen wichtigsten Verbündeten und stand kurz vor dem Zusammenbruch, konnte sich doch durch einige Reformen und vor allem durch die Öffnung für den Tourismus über Wasser halten und wieder stabilisieren. Fidel Castros Reden fanden noch immer viele Anhänger. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Sieges der Revolution sagte Fidel Castro in Santiago de Cuba am 1. Januar 1999 unter anderem: „Die vorherrschende Ordnung hat zu kämpfen mit Inflation, Rezession, Deflation, möglichen Überproduktionskrisen, einem anhaltenden Sinken der Produkte des Grundbedarfs. So unendlich reiche Länder wie Saudi Arabien haben bereits Haushalts- und Handelsbilanzdefizite, obwohl sie acht Millionen Barrels Erdöl pro Tag exportieren. Die optimistischen Wachstumsprognosen lösen sich in Rauch auf. Es gibt nicht die geringste Vorstellung, wie die Probleme der Dritten Welt zu lösen sind. Welches Kapitalvermögen, welche Technologien, Vertriebsnetze, Exportkredite stehen den unterentwickelten Ländern zur Verfügung, mit denen sie sich Zutritt zu Märkten verschaffen, konkurrieren und exportieren könnten? Wo sind die Verbraucher ihrer Produkte? Wie können die Mittel für das Gesundheitswesen in Afrika bereitgestellt werden, wo 22 Millionen Menschen HIV-positiv sind und die Bekämpfung nur dieser einen Krankheit nach dem heutigen Preisniveau 200 Milliarden Dollar jährlich kosten würde? Wie viele werden noch sterben müssen, bis ein schützender Impfstoff oder ein die Krankheit heilendes Medikament zur Verfügung steht?  Sechs Milliarden Menschen leben auf diesem Planeten. Es ist fast sicher, daß es in nur fünfzig Jahren 9,5 Milliarden sein werden. Die Gewährleistung von Nahrungsmitteln, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Kleidung, Schuhwerk, Wohnraum, Trinkwasser, Elektrizität und Transport für eine derart große Anzahl von Menschen, die ausgerechnet in den ärmsten Ländern leben werden, wird eine kolossale Herausforderung sein. Man wird zuerst die Konsumptionsmuster definieren müssen, denn wir dürfen nicht weiterhin den Geschmack und den Lebensstil des Verschwendungsmodells der Industriegesellschaften nachahmen wollen. Das wäre Selbstmord. Die Entwicklung der Welt darf nicht den transnationalen Konzernen und den chaotischen Gesetzen des Marktes überlassen werden.“

Zwischen 1990 und 2000 war ich mehrere Male in Kuba. Die Sonne Kubas und das Meer an den Naturstränden von Cayo Saetía bleiben unvergesslich. Ich wunderte mich, selbst in den entlegensten Gebieten und in den einfachsten Häusern war Stromanschluss und ein rund um die Uhr laufender Fernseher obligatorisch. In Trinidad bewunderte ich die Lebenslust und die Feierlaune an einem Wochenende und sah den Alltag in den Randgebieten dieser Stadt. In Gesprächen mit jungen Kubanern in Santa Clara stellte ich eine beinahe religiöse Verehrung von Che Guevara fest. In Baracoia besuchte ich die Stelle, wo Christoph Kolumbus am 28. Oktober 1492 Kuba entdeckte und sprach dort und in anderen Orten mit oftmals kritischen Einheimischen über die Innenpolitik Kubas. Die jungen Kubaner verehrten Che Guevara und kritisierten Fidel Castro. Bemerkenswert bei den jungen Kritikern war, die ansonsten in vielen Dingen gute Argumente hatten, dass die kostenlose Bildung, die kostenlose medizinische Versorgung oder die kostenlose Antibabypille eine nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit sei. Die älteren Kubaner dagegen waren in diesen Diskussionen ihrem „Maximo Lider“ und dessen Politik meist innig verbunden. Einig waren wir uns mehrheitlich, Kuba ist keine parlamentarische Demokratie und Reformen, demokratische Mitbestimmung wären bitter nötig. Kuba war aber auch nie eine Volksdemokratie nach östlichem Vorbild, mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht. Während eines kurzen Abstechers nach Jamaika sah ich die soziale Ungleichheit und die Gewalt im Unterschied zur kubanischen Gesellschaft. Kurz vor meiner Ankunft wurde ein Jamaikaner wegen fünf Dollar ermordet, die Polizei machte darüber nicht viel Aufhebens, denn Gewalt und soziale Not ist in den Nachbarländern Kubas an der Tagesordnung. Nach meiner Rückkehr nach Kuba und einer anstrengenden Wanderung in der Sierra Maestra, teilweise geführt durch militärisches Gebiet und Stützpunkte der Revolution, kam ich nach Santiago de Cuba. Auf dem dortigen Friedhof Cementerio Santa Ifigenia befindet sich das Grabmal des Nationalhelden, Dichters und am  19. Mai 1895 gefallenen José Martí. Das 24 Meter hohe, aus weißem Kalkstein errichtete Mausoleum von José Martí ist so ausgerichtet dass die Sonne Kubas jeden Tag auf den Sarg Martís fällt.  Auf diese Weise folgte man einem Gedicht Martís, in dem er sagt, er wolle nicht wie ein Verräter im Dunkeln sterben, sondern mit dem Gesicht in der Sonne.

Donald Trump – Working Class Hero, Freund Israels und Verhinderer der iranischen Atombombe?

25. November 2016

spiegelDonald Trump hat entgegen der Vorhersagen der meisten Demoskopen und gegen die amerikanischen Medien die Wahl, gegen seine Konkurrentin Hillary Clinton, zum 45. Präsidenten  gewonnen. Der designierte Präsident ist ein amerikanischer Unternehmer, der sich in einem der schmutzigsten Wahlkämpfe der USA sexistisch, primitiv pöbelnd, nationalistisch und ansonsten in beinahe allen Politikfeldern widersprüchlich äußerte. Wegen seiner unterirdischen Rhetorik machte sich Trump während des Wahlkampfs viele Gegner auch in seiner eigenen Partei.

Nach dem Wahlergebnis feierte der Antiamerikanismus in Deutschland neue Höchststände. Auf dem Cover des Spiegels wurde Trump als eine Art Feuerball abgebildet, der die Erde vernichtet. Der ansonsten durch seine antisemitischen Ansichten auffallende Jakob Augstein schlussfolgerte in seiner Kolumne: „Donald Trumps Sieg bedeutet das Ende des Westens. Die Ära des Liberalismus ist vorüber. Ein neuer Faschismus kommt an die Macht. Ob sie wollen oder nicht: Die Deutschen werden ihr Heil in den Grenzen der Nation suchen müssen.“ ARD, ZDF, Arte, RTL, die FAZ, SZ, die TAZ und wie sie sonst noch alle heißen, schlugen in abgewandelter Form, zumeist nicht so extrem nationalistisch, aber doch in dieselbe antiamerikanische Kerbe.

Ihren Antiamerikanismus für kurze Zeit ausgeblendet haben die AfD und die Linkspartei. Frauke Petry gratulierte dem Republikaner und bezeichnete seine Wahl als „historische Chance“ die „fehlerhaften wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen“ auf der Welt anzugehen. Ähnlich äußerte sich Oskar Lafontaine von der Linkspartei, er meinte bei „Maischberger“, die amerikanischen Wählerinnen und Wähler hätten das System abgewählt, sie hätten gegen die Banken, Großunternehmer und korrupten Eliten gestimmt. Fraglich sei nur, was Trump daraus machen könne, so Lafontaine.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte Trump einen „Hassprediger“ und die deutsche Bundeskanzlerin erinnert Trump nach seiner Wahl an die gemeinsamen Werte und machte eine eventuelle Zusammenarbeit von der Einhaltung dieser Werte abhängig. Als sich Thomas Jefferson 1801 als dritter Präsident der USA für die Trennung von Religion und Staat einsetzte versuchten die reaktionären europäischen Monarchien die Auswirkungen der Französischen Revolution einzudämmen. Das amerikanische System gründet auf der Verfassung von 1787. Von daher ist eine deutsche Überheblichkeit  gegenüber den USA kaum angebracht, aber vielleicht sind die alten Wunden der alliierten Reeducation noch immer nicht verheilt. Das Parteiensystem der USA unterscheidet sich jedenfalls  grundlegend vom europäischen. Die Macht des Präsidenten wird durch ein umfassendes System an Machtkontrollen (Checks and Balances) ausgeglichen, so hat beispielsweise nur der Kongress (Repräsentantenhaus & Senat) die Befugnis Kriege zu erklären. Andererseits stellen die Republikaner mit Donald Trump nicht nur den Präsidenten, sie haben die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Anders als in der Amtszeit von Obama haben Trump und die Republikaner die Mehrheit in beiden Häusern.

Die republikanische Partei besteht heute wie damals aus unterschiedlichen Strömungen. Gewählt wurde Donald Trump  von Evangelikalen, konservativen Wirtschaftsliberalen, abgehängten „Proletariern“ und sonstigen Gegnern des Establishments. Seit dem 11. September betonen Republikaner die nationale Sicherheit, was die Sicherung der Grenzen mit einschließt. Während die republikanischen Präsidenten im Gegensatz zu Barak Obama und Jimmy Carter die konsequentere Außenpolitik machten, versuchten demokratische Präsidenten, wie Bill Clinton oder Barak Obama mit sozialer Politik im Inneren ihre Wähler zu überzeugen. Laut Wahlanalysen hat die „weiße Arbeiterklasse“ in den industriell geprägten US-Bundesstaaten mehrheitlich für Trump gestimmt. Verbitterte Stahlarbeiter, enttäuschte Automobilbauer, arbeitslose Textilarbeiter, alte weiße Männer und Frauen waren unzufrieden mit den Demokraten.

Welche konkreten Auswirkungen die Wahl von Donald Trump haben wird ist schwer zu prognostizieren, zumal sich seine widersprüchlichen Aussagen während des Wahlkampfes nach seinem Sieg bedeutend moderater anhören. Seine Position zum Thema Folter habe er nach einem langen Gespräch mit dem Vier-Sterne-General James Mattis geändert, dem  internationalen Klimaabkommen stehe er nun offen gegenüber und im Umgang mit den Millionen von Menschen ohne Bleiberecht in den USA plane er einen „fairen und menschlichen“ Ansatz,  so Trump in den letzten Tagen. Unter Barak Obama wurden übrigens jedes Jahr durchschnittlich über 350.000 illegale Einwanderer abgeschoben, mehr als unter jedem anderen Präsidenten zuvor. Dem moderaten Stabschef für das Weiße Haus, Reince Priebus stellt Trump den umstrittenen Steve Bannon, Herausgeber des rechten Breitbart-Magazins (1) als Chefstrategen gegenüber. Steve Bannon wird den „Alt-Right“ zugerechnet. Die Alternative Rechte steht für die Neuformulierung rassistisch-nationalistischer Ideen, vergleichbar mit der Neuen Rechten in Deutschland. Falls sich Trump mit seiner republikanischen Partei, die aus unterschiedlichsten Strömungen besteht, einigen wird und die Partei ihren Präsidenten im Zaum halten kann, könnte in einige Politikfelder tatsächlich Bewegung kommen. Über Trumps angekündigte mit Staatsschulden finanzierte Wirtschaftspolitik schreibt Gerhard Scheit: “Vor allem die in Aussicht gestellten landesweiten Investitionen in die Infrastruktur lassen – so seltsam das klingt – an den New Deal Roosevelts denken, der im Übrigen in seiner Wirtschaftspolitik zunächst auch kaum mehr als ein Sammelsurium von logischen Widersprüchen und willkürlichen Maßnahmen nach dem Motto trial and error bot. „Die Regierung Obama“, so die NZZ, habe es kaum vermocht, „marktfreundliche Reformen zu verabschieden. In gewisser Weise lag die Last der Wirtschaftspolitik auf der Geldpolitik und damit auf der Zentralbank.“ Die neue Einschätzung der Börsianer, die ja durchaus überraschend kam, ist nicht so ohne weiteres abzutun: Sie hoffen offenbar „auf einen Paradigmenwechsel unter Trump: Der Geldpolitik wird wieder eine aktive, marktfreundliche Wirtschaftspolitik zur Seite gestellt.“

Die Außenpolitik von Barak Obama war vor allem für den Nahen Osten ein Albtraum. Obamas defensives Lavieren im Syrienkrieg, sein Iran-Deal, mit der Aussicht einer Atommacht Iran,  die Kumpanei mit Islamisten während des Arabischen Frühlings, die Bombardierung Libyens zur Chaoszone, die bevorstehende Niederlage gegen die Taliban in Afghanistan kennzeichneten die Außenpolitik der USA in den letzten acht Jahren. Trumps Ankündigung den Iran-Deal zu kippen oder zumindest nachzuverhandeln, vermindern die Wahrscheinlichkeit einer iranischen Atombombe. In den USA das ist Abkommen mehr denn je umstritten und die USA halten nach wie vor an einigen Sanktionen fest. Eine Atombombe in den Händen von klerikal-faschistischen Mullahs wäre nicht nur eine Katastrophe für Israel, sie wäre das Ende der humanen Welt. Dazu Gerhard Scheit:  „Das aber lässt doch auch hoffen, dass die künftige Außenpolitik der USA kein böser Alptraum wird, sondern vielmehr einen solchen beendet. Die Haltung der USA zum Deal mit der Islamischen Republik Iran, die bei Clinton sich wohl im Wesentlichen kaum verändert hätte, könnte nun theoretisch zum zentralen Bezugspunkt einer Rückgewinnung hegemonialer Politik werden.“

Andererseits dürfte die syrische Opposition von Trump keine Unterstützung zu erwarten haben. Es ist vorhersehbar, dass die USA, in welchem Umfang auch immer, mit Russland und dem Assad-Regime im Kampf gegen den Islamischen Staat gemeinsame Sache machen werden. Inwieweit der Iran dabei mit einbezogen wird, ist offen. Zu hoffen bleibt, dass sich Trump in der Republikanischen Partei nicht durchsetzen wird, künftig die Ausgaben für militärische Auslandseinsätze zu kürzen oder die NATO zu schwächen und die Ankündigungen sich militärisch aus dem Nahen Osten zurückzuziehen wahr macht.

Die Beziehungen zwischen den USA und Israel waren während Barak Obamas Amtszeit  auf einem Tiefpunkt. In der Demokratischen Partei tummeln sich mehrheitlich seit vielen Jahrzehnten „Israelkritiker“ und Antizionisten. Jimmy Carter  und Bernie Sanders vom linken Flügel gehören zu den prominenteren Israelgegnern und mit Hillary Clinton als Präsidentin wären neue Zerwürfnisse mit Israel vorprogrammiert gewesen. Mit Donald Trump dürfte der konfrontative Kurs gegenüber Israel beendet sein. Israels Premierminister Netanjahu würdigt den gewählten Präsidenten Trump als „wahren Freund Israels“, während die stellvertretende Außenministerin Tzipi Hotovely Trump mahnt, sein Versprechen einzulösen, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen.

Donald Trump hat die Wahl in einem gespaltenen Land gewonnen, so hat die Präsidentschaftswahl auch Amerikas Juden tief entzweit. Die europäischen und speziell die deutschen Wortmeldungen zu Donald Trump belegen die Differenz innerhalb dieser Gesellschaften. Am deutlichsten ist dieser Bruch innerhalb der deutschen Linken zu erkennen. Nach der Spaltung der Linken in (mehr oder weniger) Antiimperialisten und Antideutsche, spaltete sich die antideutsche „Fraktion“ während des letzten  Jahres nach  der „Flüchtlingskrise“, dem islamischen Terror von Paris und Ansbach, den sexuellen Übergriffen von Köln während der Sylvester-Nacht oder Leipzig-Connewitz im Conne Island und nun der Wahl Trumps erneut. Der Umgangston und die Diskussionskultur innerhalb dieser Linken in den sozialen Medien ist atemberaubend. Von daher gilt nicht nur nach der Wahl in den USA, es kann alles immer noch schlimmer kommen.

Ein wichtiger Gradmesser der letzten Jahre bleibt auch in den kompliziertesten Zeiten bestehen: Wenn Jakob Augstein, der Israel als die größte Gefahr für den Weltfrieden betrachtet, der Gaza ein Lager nennt, der halluziniert, Netanjahu führe die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs, für den US-Republikaner Nutznießer islamistischen Terrors sind, wenn Augstein behauptet Trumps Sieg bedeutet das Ende des Westens, dann dürften in der Wahl Trumps durchaus Chancen liegen.

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 ging es um die Befreiung von der Sklaverei. Die Republikanische Partei sah  die Sklaverei als Hemmschuh und als moralisches Übel und sie versprachen den mittellosen „Proletariern“ Landverteilung.  Friedrich Engels prognostizierte 1864 den Aufstieg der USA einschließlich des Siegeszugs imperialer Politik. Hätten Konstantin Wecker, der Trump den Tod wünscht oder Jakob Augstein bereits damals gelebt, wären sie vermutlich unter dem Motto „Kein Blut für Baumwolle“ gegen geldgierige Yankees auf die Straße gegangen und hätten damit die Konföderation der Sklavenhalter gestärkt.

(1) Update 14.12.16: Die Bezeichnung „antisemitischen Breitbart-Magazin“ wurde in „rechten Breitbart-Magazins“ abgeändert, siehe dazu Caroline Glick, Die Ellison Challenge

Weckerleuchten: Der Mann mit dem Koks ist wieder da

14. November 2016

cohen_trumpDer sehr deutsche „Liedermacher“ und „Friedensbotschafter“ Konstantin Wecker (neuerdings Teil des Traumpaares mit Margot Käßmann, der „EKD-Ratsvorsitzenden der Herzen“)  schrieb am 11.11. 2016 auf seiner Facebookseite in einem Beitrag:

„Liebe Freunde, Leonard Cohen ist tot und Donald Trump ist Präsident der USA. Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen.“

Nachdem einige Facebook-Nutzer den „Friedensbotschafter“ darauf aufmerksam machten, jemand anderen den Tod zu wünschen, zeuge davon, wie viel Hass einer in sich trage, löschte Wecker seinen Beitrag und präzisierte seine Ansichten, in dem er ausführlich seine Todeswünsche wiederholte. Am nächsten Tag, am 12. November um 10:56 schrieb der bei den antisemitischen „Montagsmahnwachen“ und „israelkritischen“ Nachdenkseiten beliebte „Liedermacher“:

„Liebe Freunde, die letzten beiden Beiträge mussten wir gestern leider löschen, weil uns ein Shitstorm in einer für uns ungewohnten Größenordnung ereilt hat. Und da wir es uns zur Regel gemacht haben Hasskommentare sowie rassistische, homophobe und sonstige Unflätigkeiten von meiner Seite zu entfernen, kamen wir schlichtweg nicht mehr nach. Natürlich stehe ich weiterhin zu dem was ich geschrieben habe, vor allem tut es mir leid um die vielen klugen und besonnenen Kommentare von euch, ob nun zustimmend oder aber auch kritisierend, aber eben in einer Art und Weise formuliert, wie es sich für denkende und fühlende Menschen gebührt. Ja – ihr Trumpisten, ihr sogenannten „zornigen, weissen, alten Männer“ , ihr selbsternannten Herrenmenschen, ihr vor jeder Emanzipation zu Tode erschreckten ängstlichen Männlein, ich bleibe dabei: Es gibt durchaus gute Gründe mit einem Gott zu hadern, der einen Trump Präsident werden lässt und einen Leonard Cohen in Jenseits abberuft. Seit dieser unsäglichen Wahl werden Frauen mit Kopftüchern in den USA terrorisiert, weisse Kinder verprügeln dunkelhäutige und berufen sich auf Trump, an Universitäten tauchen Flyer auf, die dazu aufrufen, eine Bürgerwehr zu bilden und gegen Universitätsleiter vorzugehen, die sich für Diversität einsetzen. Dem größten Übel der Menschheitsgeschichte, dem Rassismus, ist durch diesen schrecklichen Präsidenten Tür und Tor geöffnet. (..) Die großartige Naomi Klein hat gestern im „The Guardian“ geschrieben: „So let’s get out of shock as fast as we can and build the kind of radical movement that has a genuine answer to the hate and fear represented by the Trumps of this world. Let’s set aside whatever is keeping us apart and start right now“.  (..)

Die „großartige“ Naomi Klein bekämpft seit Jahren, unter anderem mit Boykottaufrufen das demokratische Israel. Die antiimperialistische Globalisierungskritikerin meinte beispielsweise, dass Israels Wirtschaft vom internationalen Terrorismus profitiere und 9/11 die israelische Volkswirtschaft gerettet habe. Naomi Klein belegte außerdem ihren linken Antisemitismus in dem sie Gaza als ein „Gefängnis“ und Israel als ein „Apartheidsstaat“ bezeichnet.

Kein Wunder also, dass Konstantin Wecker von Naomi Klein begeistert ist. Vor und während des Irakkrieges, im Frühjahr 2003, reiste der „Friedenskämpfer“ als „lebendes Schutzschild“ nach Bagdad um das Regime von Sadam Hussain zu beschützen. Als die Hamas Israel tausendfach mit Raketen beschoss wollte sich der „Liedermacher“ aber nicht in Gefahr begeben. Konstantin Wecker macht keinen Hehl daraus auf welcher reaktionären, islamistischen, frauenfeindlichen, menschenverachtenden Seite er steht.

Konstantin Wecker unterstützte beispielsweise mit den obligatorischen Israelhassern Norbert Blüm, Günther Grass, Felicia Langer und Jean Ziegler, mit seiner Unterschrift die antisemitischen Nabka-Ausstellungen in Deutschland. Als Günter Grass wegen seinem antisemitischen Gedicht gegen Israel in der Kritik stand, sprang ihm Konstantin Wecker auf seiner Homepage mit „Respekt vor dem Lebenswerk und der politischen Bedeutung dieses Mannes“ bei: „Jetzt, wo man mit einem geradezu hysterischen Aktionismus versucht den Nobelpreisträger Günter Grass zu vernichten, und ihm auch viele, die ihm noch nie das Wasser reichen konnten, versuchen, nicht nur Anstand, sondern auch Verstand absprechen – jetzt sieht man nur allzu deutlich, wie gefährlich die Lage wirklich ist. Ich bin in den letzten Jahrzehnten hellhörig geworden, wenn die Kriegstrommel gerührt wird, und wenn ich sehe, wie sich die politischen Meinungen zum diesem Thema an Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit zu übertreffen versuchen, wird mir Angst und bang.“

Leonard Cohen war im Gegensatz zu den mehrfach erwähnten linken Antisemiten ein Freund Israels. Während des Jom-Kippur-Krieges im Jahr 1973 flog er nach Israel und sang in den schwersten Tagen des Staates für die Soldaten neben Ariel Sharon im Sinai sein berühmtes Lied „Lover come back to me.

Aber das konnte Konstantin Wecker nicht wissen. Leonard Cohen spielte in einer für Wecker in jeder Beziehung unerreichten Liga. Festzuhalten bleibt wieder einmal: Wer sich über angebliche Hasskommentare von anderen aufregt, aber nicht in der Lage ist seinen eigenen antiamerikanischen, antiisraelischen Hass zu erkennen, steht entweder unter Drogen oder hat ganz grundsätzlich ein Problem mit der Realität.