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Heinar Kipphardt und die Eichmann-Haltung

1. November 2012

Der erste philosophische Gedanke, den ich erinnere, war am Zaun der Kohlenhandlung Herzog entlang gehend, daß Gott unmöglich sein könne, da er so massenhaft Abscheulichkeiten zulasse, z. B. daß der Kutscher H. sein altersschwaches gestürztes Pferd hoch-prügele oder mein Großvater mit nur 56 Jahren gestorben sei, der Präsident Hindenburg schon über 8o Jahre sei. Diese Erkenntnis unterzog ich einem Experiment: wenn Gott dennoch existiere, müsse er mich doch unbedingt strafen, wenn ich z. B. in ein Weihwasserbecken pinkelte oder ihn einen Halunken nennen würde. Beides tat ich, und da meine Handlungen folgenlos blieben, sah ich meine Erkenntnis als erwiesen an. Damals war ich fünf Jahre.

Heinar Kipphardt 1978 in „Ruckediguh-Blut ist im Schuh“

Der Schriftsteller Heinar Mauritius Kipphardt, geboren 1922 in Heidersdorf, gestorben 1982 in München, Dr. med., Fachrichtung Psychiatrie, gilt als einer der bedeutendsten Repräsentanten des Dokumentartheaters und war zudem Autor von Gedichten, Prosa und Fernsehspielen. Mit seinem Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ erlangte er Weltruhm. Heinar Kipphardts Methode war es geschichtliches Material zu sammeln, zu reflektieren und anschließend zu montieren um damit den historischen Dokumenten eine allgemeine Bedeutung zu geben. Durch das gesamte Werk Heinar Kipphardts ziehen sich die Themen Gehorsam und Widerstand, Mitläufertum und Unabhängigkeit, Pflicht und Gewissen, Schuld, Mitschuld und Verantwortung. Mit seinen Kriegserzählungen und Dokumentarstücken hat sich Kipphardt gegen die Verdrängung des Nationalsozialismus gewandt, wobei die Figuren in den Kriegsstücken, Pfeiffer und Rudat, unübersehbar einige autobiographische Züge aufweisen. In den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit war er sich stets sicher auf welcher Seite er zu stehen hatte, er brachte nicht nur seinen Kopf sondern seine gesamte Existenz ein.

Geboren und aufgewachsen ist Kipphardt in Schlesien. Sein Vater, ein Sozialdemokrat wurde nach der Machübernahme der Nazis mehrmals verhaftet und in verschiedene Konzentrationslager verschleppt. Die Verhaftung des Vaters war die erste Zäsur in Kipphardts Leben. Aus einer angesehenen Zahnarztfamilie wurden über Nacht politisch fragwürdige Existenzen. Nach dem Abitur 1949 wollte Heinar Kipphardt Arzt werden, sein Vater saß in Buchenwald im KZ, er studierte bis 1942 Medizin bis er eingezogen wurde und an die russische Front kam. Seine Kriegserlebnisse verarbeitet er in seinen Stücken, „Der Hund des Generals“, „Der Desserteuer“ und „Der Held des Tages“.

Im Januar 1945 setzte er sich von der Truppe ab, desertierte und versteckte sich bis zum Untergang der Hitlerei in Dahlbruch. Der Nationalsozialismus und die Erfahrungen des Krieges werden Kipphardt Zeit seines Lebens nicht mehr loslassen. Nach Kriegsende zieht Kipphardt mit seiner Familie nach Krefeld und nimmt in Düsseldorf wieder sein Medizinstudium auf. Kipphardt war entsetzt wie in der Bundesrepublik mit der Vergangenheit umgegangen wurde: „Es gab keine Nazis mehr und niemand hat das mindeste gewusst“. Die restaurierenden Tendenzen in Westdeutschland gefielen im nicht, in Ostdeutschland vermutete er, sei ein gründlicheres Umdenken möglich. Obwohl sich der Assistenzarzt keine großen Illusionen machte, siedelte er mit Frau und Kind nach Ostberlin über, wo er Arzt an der Charite, später den weißen Kittel ablegte, Chefdramaturg am Deutschen Theater und 1953 Mitglied der SED wurde.  Für das Schauspiel „Shakespeare dringend gesucht“, eine Saitre gegen die stalinistische Kulturpolitik, erhält er den Nationalpreis der DDR. Später folgten weitere Auszeichnungen, darunter der Schiller-Gedächtnispreis, der Gerhart-Hauptmann-Preis und der Adolf-Grimme-Preis.

Nachdem sich die Kulturpolitik der SED verschärfte und sich seine Arbeitsbedingungen rapide verschlechterten, kündigt Kipphardt 1958 seinen Vertrag am Deutschen Theater und übersiedelt 1960 nach Düsseldorf, von wo er 1961 mit seiner Familie nach München zieht. Im Gegensatz zu anderen Republikflüchtlingen distanziert sich Kipphardt nicht von der DDR. „Ein Schriftsteller, der an seinem alten Wohnort keine Arbeitsmöglichkeit mehr sah, ohne zum Lügner zu werden, ist an einen anderen Ort gezogen, das ist alles“, so Heiner Kipphardt in einem Brief an Heinrich Kilger.

1962 war „Der Hund des Generals“ fertiggeschrieben, die Uraufführung fand im April statt. Das Stück handelt von einer Untersuchungskommission, eingesetzt von der Justizministerkonferenz um bislang ungeahndete Verbrechen deutscher Staatsbürger aufzuklären, die im Kriege begangen wurden. Siebzehn Jahre nach Kriegsende soll sich General Rampf für einen Vorgang während des Krieges rechtfertigen. Er wird beschuldigt, 60 Soldaten aus persönlichen Motiven in den Tod getrieben zu haben, weil der Soldat Pfeiffer den Hund des Generals erschossen hatte, der ihn angefallen und seine Hose zerfetzt hatte. Der ehemalige Soldat Pfeiffer beschuldigt den General, er habe mit dem mörderischen Einsatzbefehl, einem sinnlosen Himmelfahrtskommando nur seinen Hund rächen wollen. Doch kann im Laufe der Verhandlung vor der Untersuchungskommission kein kausaler Zusammenhang zwischen diesen beiden Vorfällen schlüssig nachgewiesen werden. Schon aus formaljuristischen Gründen wird General Rampf freigesprochen. Die Verhandlung endet mit den Worten des Oberstaatsanwalts: Das sind utopische Gerechtigkeitswünsche , leider, aber Rechtsnorm ist Rechtsnorm, während der Historiker Schweigeis antwortet: Und Mord Mord.

Der literarische Durchbruch im Westen gelang Heinar Kipphardt mit dem Stück „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ im Jahre 1964. Das Stück hat die Verhandlung gegen den amerikanischen Physiker J. Robert Oppenheimer vor einem amerikanischen Untersuchungsausschuss zum Gegenstand. Unter der Leitung von Oppenheimer wurde 1943 im amerikanischen Los Alamos die erste Atombombe hergestellt. Von Anfang an gab es gegen Oppenheimer Sicherheitsvorbehalte, da sein Bruder Mitglied der Kommunistischen Partei war und er selbst mit den Kommunisten sympatisierte. Am 12. April 1954 begann die Verhandlung gegen Oppenheimer in welcher seine Loyalität gegenüber dem amerikanischen Staat in Frage gestellt wurde. Während der  McCarthy-Ära wurden, wie in vielen anderen westlichen Staaten, durch intensiven Antikommunismus und Gesinnungsschnüffelei, Andersdenkende stigmatisiert und verfolgt. Die Ermittlungen führten zur Verurteilung Oppenheimers. Heinar Kipphardts Stück hat den prinzipiellen Konflikt dieser Vorgänge zum Thema, das Verhältnis zwischen Moral und Macht, zwischen Gewissensentscheidung und der Loyalität dem Staat gegenüber. Am Fall Oppenheimer zeigt Kipphardt spiegelverkehrt, was er kurz zuvor in seinem Stück „Der Hund des Generals“ demonstriert hatte. Dort war das moralische Anliegen des Soldaten Pfeiffer juristisch nicht verhandelbar und den Fakten nicht mehr rekonstruierbar. Nun wird der umgekehrte Fall beschrieben. Im Dienste einer Ideologie, soll die Staatsmacht erhalten bleiben. In beiden Prozessen bleiben die Wahrheit und die Moral auf der Strecke. Wenn man beide Stücke, „Der Hund des Generals“ und „In der Sache J. Robert Oppenheimer“ vergleicht kommt man zu dem Ergebniss, dass das formale Recht im Dienste der Mächtigen steht.

1970 wird Kipphardt Chefdramaturg an den Münchner Kammerspielen. Er ermöglichte die Aufführungen der ersten realistischen und gesellschaftskritischen Stücke von Franz Xaver Kroetz. Zum größten Theaterskandal in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands kommt es wegen eines Programmheftes zum Stück „Dra-Dra“ von Wolf Biermann. Auf zwei Seiten des Programmheftes sollten 24 Persönlichkeiten der Politik und der Wirtschaft abgebildet werden. Die Abbildungen erschienen nicht, die Seiten blieben leer, die Idee dazu stammte nicht von Heinar Kippardt und er hat sie auch nicht „abgesegnet“, doch der Skandal war perfekt.  Besonders Hans Jochen Vogel, der Oberbürgermeister von München fühlte sich angegriffen. Die Politiker der Stadt übten Zensur und Kipphardt verlor sein Amt. Begleitet wurde der Rauswurf von einer Kolumne des SS-Freiwilligen und SPD Mitgliedes Günter Grass, der in der SZ den linken Konkurrenten Kipphardt zum „Abschuss“ frei gab. 1971 schrieb Heinar Kipphardt in einem Brief an Peter Hacks: „ … Es war für mich wirklich überraschend, wie nervenschwach die hiesigen Machtidioten sind. Wie schnell sie nach der Pistole langen. Sie scheinen sich nicht so sicher zu fühlen, wie sie tun. Am Ende gibt sogar einige, die wissen, was sie tun. Die Farce war ziemlich folgenreich, und der dämliche Grass sieht sich neben Springer und Strauß allesamt verfolgt von den mächtigen roten Kadern, die Vogel in München gerade noch mit Polizeieinsätzen in Schranken hält. Wenigstens im Bereiche der Kunst hat München den Ehrgeiz, zur Olympiade an die Traditionen von 1936 anzuschließen. …“

Neben vielen weiteren Veröffentlichungen, beispielsweise „Joel Brand, die Geschichte eines Geschäfts“, in dem Eichmann eine Million Juden gegen hunderttausend Lastkraftwagen bietet, und „März“, dem Roman über einen schizophrenen Dichter, sorgte „Bruder Eichmann“, das posthum 1983 uraufgeführt wurde, für großes Aufsehen und viele kontroverse Diskussionen. Adolf Eichmann, der an seinem Schreibtisch den Genozid an den europäischen Juden organisierte, erweist sich in Heinar Kipphardts Bühnenstück als eine Figur von beunruhigender Aktualität. „Das Monster, es scheint, ist der gewöhnliche funktionale Mensch, der jede Maschine ölt und stark im Zunehmen begriffen ist“, lässt Kipphardt den israelischen Polizeihauptmann Chass sagen, der Eichmann im Gefängnis verhört. In einmontierten Analogie-Szenen werden Beispiele der „Eichmann-Haltung“ aus unserer Gegenwart vorgeführt. Kritiker haben Kipphardt vorgeworfen er verharmlose den Massenmörder Eichmann. Die gewöhnliche, menschliche Seite Eichmanns ist zweifellos eine Provokation, die allerdings im Zusammenhang mit Eichmanns Bereitschaft zu „funktionieren“ gesehen werden sollte. Die Bereitschaft im Rahmen einer gegebenen Ordnung unter Ausschluss moralischer Erwägungen zu funktionieren und dabei andere Menschen, auch gewaltsam auszugrenzen ist in Kipphardts letztem Stück die Definition der „Eichmann-Haltung“. Rolf Hochhuth kritisierte an „Bruder Eichmann“, nicht ganz zu Unrecht, Kipphardt habe in dem Stück zu wenig an die Opfer gedacht. Problematischer sind vor allem aus heutiger Sicht einige dem Ost-West-Konflikt geschuldeten so genannten „antiimperialistischen“ Analogieszenen, die bereits 1983 von verschiedenen Häusern nicht gespielt wurden. Für Kipphardt war die Denkungsart die den Faschismus ermöglichte nicht verschwunden. Die Eichmann-Haltung war für ihn die bürgerliche Haltung schlechthin. In den Materialien von „Bruder Eichmann“ ist nachzulesen:

„Als Eichmann während der Verhöre durch die politische Polizei in Jerusalem gefragt wurde, ob er besondere Wünsche habe, hat er den vernehmenden Offizier, seine tägliche Zigarettenration von sechs auf zehn Zigaretten erhöhen zu lassen. Auch solle man, wenn dies möglich wäre, ihm zum Frühstück nicht mehr als drei Scheiben Brot geben und das Häufchen geschnittene Zwiebel beiseite lassen. Er sei kein starker Esser, und da er zu Zahnfleischentzündungen neige, würden sich die Zwiebelstückchen leicht in den Taschen seines Zahnfleisches festsetzen. Bis dahin hatte er stets alles Brot und auch die Zwiebeln gegessen. Er hatte als Kind gelernt: Was auf dem Teller ist, wird gegessen.“

Demnächst, am 18. November 2012 jährt sich der Todestag von Heinar Kipphardt zum dreißigsten Mal.

Quellen: Heinar Kipphardt – Werkausgabe – 10 Bände – Rowohlt

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16 Kommentare leave one →
  1. 1. November 2012 11:06

    In den 1980er Jahren habe ich das Gesamtwerk Heinar Kipphardts gelesen, besser gesagt verschlungen. Anfang 1980 sah ich in München den „Oppenheimer“ und Anfang 1983, wenige Wochen nach der Uraufführung, „Bruder Eichmann“ in Salzburg. Die 5-Stunden-Aufführung, in der nicht alle der Analogieszenen gespielt wurden, war bis auf den letzten Platz belegt. Heinar Kipphardts Fernsehspiele vom „Hund des Generals“ bis zu „Joel Brand“ sah ich mehrfach.

    Ich vermute mal, Heinar Kipphardt hat mich irgendwie beeinflusst.

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  2. 1. November 2012 13:51

    Bruder Eichmann, Traumprotokolle, März; und Kopien von Rezensionen und Aufführungskritiken darin, von ´77 bis ´82. – Klar, diese sofort vergilbte rororo-Werkausgabe!

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  3. 2. November 2012 10:25

    Auszug aus einem Interview mit Volker Halstenberg:

    Halstenberg: Sie bekamen den DDR-Nationalpreis, wurden aber bald sogenannter revisionistischer Tendenzen verdächtigt. 1959 kamen Sie dann in die Bundesrepublik und blieben, warum?

    Kipphardt: Ich wehrte mich stark mit vielen anderen Künstlern und Theaterleuten gegen die erneute Preisgabe des von uns erkämpften Freiraums. Weil ich das Gefühl hatte: man kann nicht arbeiten unter so blödsinniger Bevormundung. Wie jedermann wäre es mir natürlich möglich gewesen, aus taktischen Gründen nachzugeben. Aber ich wollte und konnte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr taktisch sein. Ich hatte das Gefühl, wenn ich das nicht durchstehen kann, ohne zu kuschen, dann muß ich dieses Land verlassen. Ich war aber willens, das zu tun, ohne meine Gedanken aufzugeben, meine Philosophie und ohne mich als Person zu ändern. Es war damals für einen jungen und unbekannten Schriftsteller gar nicht so leicht, sich dem Kalten Krieg zu entziehen.

    Halstenberg: Sie waren einmal Marxist, sind Sie auch heute noch Marxist?

    Kipphardt: Wenn Sie Marxismus verstehen, so wie ich das tue, als eine kritische und offene Wissenschaft, die ihre Praxis sucht, dann bin ich Marxist.

    Würde Heinar Kipphardt heute noch leben, hätte er sich vermutlich nach dem Ende der Sowjetunion weiterentwickelt und einige der Analogieszenen in „Bruder Eichmann“ gegen andere ersetzt. Kipphardt hat beispielsweise die Eichmannhaltung der amerikanischen Generäle bei ihren Genozid-Planungen zwar nicht auf eine Stufe gestellt, aber doch in gefährliche, relativierende Nähe gebracht. Gerhard Scheit spricht in Konkret 05/95 vom Dokumentartheater, das den Nationalsozialismus mit der Gegenwart des „Imperialismus“ analogisierte und nennt Heinar Kipphardts „Bruder Eichmann“ einen Höhepunkt und Endpunkt in dieser falschen Entwicklung. Eine fatale Entwicklung die in Teilen der Linken bis heute anhält.

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  4. 2. November 2012 12:33

    Über zwanzig Jahre war Heinar Kipphardt mit Peter Hacks befreundet, eine Freundschaft die 1977 abrupt endete, zu gegensätzlich waren die Charaktere. Der Eulenspiegel-Verlag gab 2004 den Briefwechsel (Du tust mir wirklich fehlen) heraus.

    Patrick Präg dazu in Konkret 03/05 (Buch & Deckel):

    Aus einer Arbeitsbeziehung – Kipphardt war Dramaturg am Deutschen Theater in Ostberlin, welches 1956 Hacks’ »Eröffnung des indischen Zeitalters« aufführte – , entstand eine Freundschaft, die fast zweieinhalb Jahrzehnte andauerte. Besieht man die ideologischen und ästhetischen Gegensätze und die wiederkehrenden Streitigkeiten zwischen Hacks und Kipphardt, so wundert man sich, daß die beiden überhaupt so lange miteinander korrespondierten. Kipphardt, der von der DDR enttäuschte Sozialist bzw. der »Defraudant« und »verkappte Marcusianer« (Hacks über Kipphardt) mit seinen engagierten Dokumentarstücken, beharkt sich fast unablässig mit Hacks, dem angehenden »Hätschelkind« der DDR-Kulturpolitik (Kipphardt über Hacks) bzw. dem »Hofpoeten« (Hacks über Hacks) und seinen postrevolutionären, historisch gekleideten Dramen. Kipphardts Übersiedlung in den Westen, Hacks’ Probleme mit der DDR-Kulturpolitik, sein »Zurückgehen hinter Schiller«, sprich seine Abwendung von den Zeitstücken, der Bau der Mauer und Hacks’ Verteidigung der Ausbürgerung Wolf Biermanns findet man aus zwei zumeist widerstreitenden Perspektiven geschildert. Kipphardts Ablehnung eines Romanmanuskripts von Hacks’ Freund André Müller ist nur mehr der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt und Hacks erklären läßt, er sei Kipphardts »ewige Verrätereien« satt.

    Vermehrt um einige neu aufgefundene Briefe, vier Traumprotokolle des Psychiaters Kipphardt und ein Namensregister liegt der bislang nur in der Kipphardt-Werkausgabe verstreut publizierte Briefwechsel jetzt gesammelt und in der gewohnten Kitschaufmachung von Eulenspiegel vor. Er läßt sich mit Gewinn lesen; auch finden sich, wie bei Hacks üblich, Sätze, die man kleinen Geschwistern getrost ins Poesiealbum schreiben kann.

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  5. 2. November 2012 18:57

    Auf den Gedanken, die Zwiebeln einfach nicht zu essen, das Essen der Zwiebeln einfach zu verweigern, verfällt der „funktionale Mensch“, der unhinterfragt und mit Kadavergehorsam alles erledigt, einfach nicht, also bittet er um „veränderte Vorgaben“, die aus seiner Sicht einzige Möglichkeit zur Verhinderung seiner Zahnfleischentzündung.

    Dieses schöne Muster einer „Eichmann-Haltung“ schimmert bei vielen Menschen immer wieder durch, die wider jeglicher Vernunft, sozusagen unter Schlachtung der Wahrheit einem Herdenverhalten folgend, ihre Linien- und Nibelungentreue gegenüber „ihrer Partei“, „ihrer Konfession“, „ihres Lagers“, „ihres Vereins, „ihrer Zeitung“, „ihrer Redaktion“, „ihres Forums“ usf. immer wieder unter Beweis stellen, nur um nicht abseits zu stehen, um nicht alleine denken zu müssen. Folge: Mitglied einer Denkgemeinde kann nur der Lagerdenker sein, der nach Adorno ein Vernichtungsdenker ist.

    Dies sollte auch UNS daran gemahnen, nur soweit einem „Lager“ zu folgen, soweit nicht Vernunft darunter leidet. So, und nun schläft mir der Moralfinger ein vom permanenten Hochhalten!

    lg LL

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    • 2. November 2012 22:34

      „Eichmann-Haltung“ zu analysieren wäre ‚Erste Klasse‘ für jede Schule. – Aber der implizite Institutionsauftrag ist ja leider das genaue Gegenteil … (Ich bin zu 99% für Antipädagogik).

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      • 3. November 2012 20:11

        Für Bernhard war die Institution „Schule“ eine katastrophale Verstümmelungsmaschinerie für den Geist, eine „Geistesvernichtungsanstalt“ sozusagen. Wozu muss man im Endreim durch Nacht und Wind galoppieren, wenn es reichen würde, Denken zu lernen?

        lg LL

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        • 4. November 2012 00:26

          Habe kürzlich zwei Antipädagogen mit zwei Kindern (auf Rügen aus Bonn) kennengelernt. Sie werden ihre Jungs nicht in eine staatliche Schule geben. Auch sonst waren sie ziemlich gegen alles Gegebene. – Sehr schön, der Tag mit solchen Menschen. Und so viel gemeinsam beim Plaudern beim endlosen am endlosen Strand.

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    • 3. November 2012 00:14

      Stimmt, Louis!

      Kadavergehorsam und Herdenverhalten ist in Parteien, Redaktionen und sogar in bestimmten Communitys anzutreffen. Wenn beispielsweise gewisse Deutsche einem Aufruf des von Abbas eingesetzten Großmuftis von Jerusalem, alle Juden dieser Welt zu ermorden ignorieren, sie diesen Aufruf relativieren oder gar rechtfertigen, dann ist das Muster einer Eichmann-Haltung für mich offensichtlich. Sie wollen nicht im Abseits stehen und die Vernunft wird ausgeschaltet. Eine aktuelle „Analogieszene“ für „Bruder Eichmann“ ist geboren.

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  6. Der Bassist permalink
    2. November 2012 19:21

    Ich habe gelesen, gerne:

    „Der erste philosophische Gedanke, den ich erinnere, war am Zaun der Kohlenhandlung Herzog entlang gehend, daß Gott unmöglich sein könne, da er so massenhaft Abscheulichkeiten zulasse …“

    „Heinar Kipphardts Methode war es, geschichtliches Material zu sammeln, zu reflektieren und anschließend zu montieren …“

    „… die Themen Gehorsam und Widerstand, Mitläufertum und Unabhängigkeit, Pflicht und Gewissen, Schuld, Mitschuld und Verantwortung … gegen die Verdrängung des Nationalsozialismus …“

    „In den politischen Auseinandersetzungen seiner Zeit war er sich stets sicher, auf welcher Seite er zu stehen hatte. Er brachte nicht nur seinen Kopf, sondern seine gesamte Existenz ein.“

    „Kipphardt war entsetzt wie in der Bundesrepublik mit der Vergangenheit umgegangen wurde: ‚Es gab keine Nazis mehr und niemand hat das mindeste gewusst‘. Die restaurierenden Tendenzen in Westdeutschland gefielen im nicht, in Ostdeutschland vermutete er, sei ein gründlicheres Umdenken möglich.“

    „1953 Mitglied der SED … Nationalpreis der DDR …“

    „übersiedelt 1960 nach Düsseldorf, von wo er 1961 mit seiner Familie nach München zieht. Im Gegensatz zu anderen Republikflüchtlingen distanziert sich Kipphardt nicht von der DDR.“

    >>Zum größten Theaterskandal in der Nachkriegsgeschichte Deutschlands kommt es wegen eines Programmheftes zum Stück “Dra-Dra”<<

    " … der dämliche Grass …"

    „Das Monster, es scheint, ist der gewöhnliche funktionale Mensch, der jede Maschine ölt und stark im Zunehmen begriffen ist“

    "Die Eichmann-Haltung war für ihn die bürgerliche Haltung schlechthin."

    Schöner Satz für linke Stehparties: Es war für mich wirklich überraschend, wie nervenschwach die hiesigen Machtidioten sind.

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  7. 6. November 2012 11:02

    Günter Grass projizierte damals die Verbindung von zwei leeren Seiten eines Programmheftes und der RAF. Grass am 30.4.1971 in der Süddeutschen: „Zurück aus Schleswig-Holstein, finde ich beschämendes Material“. Kipphardt warf er vor ein Hexenjäger zu sein, der mit Abschusslisten arbeite, der dumm und gemeingefährlich sei und dessen intellektuelle Qualitäten in dem „schmalen Bereich, der zwischen Joseph Goebbels und Eduard von Schnitzler liege.

    Dies alles obwohl Grass wusste, dass Kipphardt und Everding die Abbildungen verhinderten. Heinar Kipphardt wurde als presserechtlich verantwortlicher Chefdramaturg nach seiner Meinung befragt. Sein gedanklicher Einwand bestand darin, „dass hiesige Unterdrückung – Kapitalherrschaft und deren Vertretung – kaum zu personalisieren ist. Warum diese 24 Köpfe und nicht 240 andere?“

    Biermanns Stück Dra-Dra durfte in der DDR nicht aufgeführt werden. Kipphardt hat es für die BRD-Verhältnisse umgearbeitet und verlor deshalb seine Stelle an den Münchner Kammerspielen.

    Während Günter Grass mit seinem Erscheinen wohlkalkuliert oder zumindest vorhersehbar agierte, wurde Heinar Kipphardt der Kammerspiel-Skandal tatsächlich zum Verhängnis. An ihm wurde ein Exempel statuiert, sein Vertrag beim Theater wurde nicht verlängert, seine Existenzgrundlage stand ganz plötzlich auf dem Spiel.

    Dazu sehr lesenswert: Der Theaterskandal an den Münchner Kammerspielen – Eine Erwiderung auf Günter Grass’ fortschreitende Legendenbildung in „Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung“ (2010) – http://www.heinar-kipphardt.de/Dokumente/20110116GrassErwiderung.pdf

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    • 6. November 2012 11:14

      Bereits 1966 hat Kipphardt, dessen Vater in verschiedene Konzentrationslager verschleppt wurde, ein bissiges Gedicht über den Sozialdemokraten Günter Grass geschrieben, nicht ahnend, dass dieser freiwillig bei der SS war. Vermutlich wollte es der Grass dem Kipphardt 1971 auch nur heimzahlen.

      Als Gast bei der Bundeswehr

      Mein Kollege Günter Grass
      der hat in einem Starfighter gesessen
      im Cockpit, auf dem Boden
      von Associated Press fotografiert.
      „die Antworten der Piloten
      waren farbig und widerspruchsvoll.“
      Das hat ihn sehr beruhigt
      und mich
      und die Bildzeitung.
      Mein Kollege Günter Grass
      der hat die 4. Luftwaffendivision inspiziert,
      der Realist,
      wie Helmut Schmidt
      und Heinrich Lübke
      und unser Kai-Uwe von Hassel.
      Das hat ihm viel Mut gemacht
      und mir
      und unserem neuen Nationalgefühl.
      Da wird an seiner Tür nicht mehr gezündelt werden.

      aus Heinar Kipphardt: Zeitungsnotizen – Als Gast bei der Bundeswehr – Umgang mit Paradiesen. Gesammelte Gedichte

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  8. 7. November 2012 14:56

    Kipphardts „Der Hund des Generals“ wurde 1964 von Franz Peter Wirth verfilmt, mit Paul Hoffmann (General Rampf), Robert Graf (Gefreiter Pfeiffer) und Willy Semmelrogge (Obergefreiter Czymek) in den Hauptrollen. Die Erzählung gehört neben „Der Held des Tages“ zum Besten was von deutscher Seite über den Krieg in der Sowjetunion geschrieben wurde. Die Rolle des General a.D. Rampf wurde mit Paul Hoffmann überragend besetzt. Vielleicht kommt das Stück zum 30. Todestag Heinar Kipphardts demnächst im TV. Auch heute ist das Stück noch sehr empfehlenswert.

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    • Neuhaus permalink
      7. November 2012 19:43

      Im ZDF-Hystery-Zeit-Format?

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    • 9. November 2012 10:19

      Also ich hab den „Hund des Generals“ nicht nur auf einem Kultursender der ARD vor knapp 10 Jahren gesehen, ich hab das Stück auch auf DVD und es mir von daher schon einige Male reingezogen. Auch ich kann nur sagen: Sehr empfehlenswert und aufschlussreich nicht nur für Leute die „gedient“ haben. Die Strukturen, die Abhängigkeiten im Militär, im Kriege, die Psychologie der Generalität wird parabelhaft aufgezeigt. Nichts für Fans von Guido Knopp.

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  9. homo_deliberans permalink
    24. August 2014 00:24

    „Die Eichmann-Haltung ist die bürgerliche Haltung schlechthin!“ Ich habe jetzt den Bruder Eichmann, den Hund des Generals, den ersten Gedichtband, Sven Hanuschek sehr gutes Buch „Ich nenne das Wahrheitsfindung“ und einen Arm voll Artikal der Sekundärliteratur dazu gelesen und muss schon sagen: Ich hätte nicht gedacht, dass eine so schwache Arendt-Lektüre so ein breites Lob hinter sich her schleifen könnte („Theatralität und Gedächtnis“ ist eine wohltuende Abwechslung). Wenn ich das schon höre, respektive lese: „Die bürgerliche Haltung schlechthin“. Da schreibt/montiert/arrangiert jemand geschlagene 20 Jahre an einem (Doku)Drama, welches die Chance auf ungemein tiefe Blicke in unsere grundlegendsten Seinsweisen bietet und hat schließlich nichts besseres daraus abzuleiten als mit den übrigen dialektischen Materialisten um die Wette zu geifern wer der größere Entlarver falschen Bewusstseins ist? Schade.

    – Was ist Eichmann?
    – Funktionalismus. Der bloße Verstand.
    – Und wo kommt das nun her Herr Kipphardt?
    – Lohnarbeit. Alles die Lohnarbeit.
    – Sonst noch was?
    – Naja Psychologisieren kann ich zur Not auch noch…
    – Danke! Das genügt für’s Letzte.

    Andernfalls hätte er ja Arendt nicht als halbe Adorno lesen müssen, die Vorlesung über das Böse hinzuziehen und mit Schrecken feststellen, dass dieselbe eine Lektüre der sokratischen Dialoge, Plato, Aristoteles, Cicero, Kant, Nietzsche und – Marx bewahre – Heidegger voraussetzt. Ein gräßlicher Gedanke. Und so überaus bedauerlich; Kipphardt ist ein brillanter Beobachter. Auf der anderen Seite ist insbesondere seine Darstellung von Avner Werner Less eine Zumutung. Dazu vielleicht noch das posthume Werk: „Lüge! Alles Lüge!“ Höchst beachtlich.

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