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Georges Sorel, Benito Mussolini und die Entstehung der faschistischen Ideologie

24. März 2013

„Wenngleich sich die faschistische Ideologie nicht als einfache Reaktion auf den Marxismus bezeichnen lässt, so entstand sie doch als unmittelbares Ergebnis einer spezifischen Marxismusrevision. Das vorliegende Buch will diese antimaterialistische und antirationalistische Revision untersuchen. Denn die Kristallisation der Grundidee des Faschismus, seiner Philosophie und Mythologie, bleibt unverständlich, wenn man sie nicht auch als eine Revolte gegen den Materialismus begreift.“ (Zeev Sternhell)

Georges Sorel, Benito Mussolini Von allen großen Ideologien des 20. Jahrhunderts ist die faschistische die einzige die in diesem Jahrhundert geboren wurde. Als dritter Weg zwischen Liberalismus und marxistischem Sozialismus bot er  die vermeintliche Lösung für die Probleme der europäischen Gesellschaften dieser Epoche an. Faschismus war die Selbstbezeichnung der von Benito Mussolini gegründeten rechtsgerichteten Bewegung, die Italien unter von 1922 bis 1943 beherrschte. Wesentliche Elemente des Faschismus sind Nationalismus, Führerkult, Antikommunismus, Gewaltverherrlichung, Militarismus, ein korporatives Wirtschaftsmodell und extremste Parteienkritik. Ideengeber und großes Vorbild für Mussolini war der französische  Sozialphilosoph Georges Sorel.

Georges Eugène Sorel (1847-1922) war ein Vordenker des Syndikalismus und ein entschiedener Gegner der liberalen Demokratie, der Gewalt als positives Element begriff weil sie angeblich der Gesellschaft  verlorene Kraft zurückgebe. Sorel hat die bürgerliche Gesellschaft immer verabscheut, ihre geistigen, moralischen und politischen Werte, ebenso den kartesianischen Rationalismus, den Optimismus, den Utilitarismus, den Positivismus und den Intellektualismus, die Naturrechtsphilosophie und die Errungenschaften der Aufklärung, die um die Jahrhundertwende allgemein mit der liberalen Demokratie in Verbindung gebracht wurden. Sorel bezog sich auf den Anarchismus und die Gedanken von Pierre-Joseph Proudhon (1809-1865) und von Karl Marx (1818 – 1883) übernahm er die Idee des Klassenkampfes. Die marxistische Kritik am Kapitalismus lehnte Sorel entschieden ab, er plädierte für das Recht auf Eigentum und für eine freie Marktwirtschaft.  Sorel, der von je her von den Mythen der Kulturgeschichte  fasziniert war,  veränderte den Marxismus mit gröbster Simplifikation. Seine Kritik an der parlamentarischen Demokratie ging kaum über das Niveau von Beschimpfungen hinaus. Einerseits glaubte Sorel, dass osteuropäische Juden Ritualmorde an christlichen Kindern begingen und andererseits unterschrieb er eine Petition in der die Revision des Fehlurteils gegen Alfred Dreyfus gefordert wurde. Seine antimaterialistische Marxismusrevision verband er mit der Theorie des Heldenmythos und der Gewalt als Erzeuger von Moral und Tugend. In seiner Abhandlung aus dem Jahre 1908 „Über die Gewalt“ stellte er Gewalt als reinigenden Akt der Selbsterschaffung gegen die Dekadenz der bürgerlichen Gesellschaft dar. Beeinflusst war Sorel außerdem vom deutschen Sozialdemokraten und Soziologen Robert Michels (1876 – 1936), einem der bedeutendsten politiksoziologischen Parteienkritiker des 20. Jahrhunderts. Michels wechselte 1907 nach Italien, wandte sich dem Syndikalismus und später dem Faschismus zu. 1928 errichtete ihm Mussolini einen Lehrstuhl in Perugia um die Theorie des Faschismus weiterzuentwickeln.

Die ersten beiden Jahrzehnte im 20. Jahrhundert Italiens waren geprägt von inneren Kämpfen der Sozialistischen Partei Italiens (PSI) mit dem Resultat verschiedener Abspaltungen. Innerhalb der Sozialistischen Partei gründete 1902 eine Gruppe um Arturo Labriola eine Fraktion, die den Anspruch erhob ihr revolutionärer Flügel zu sein. Diese Gruppe, die ganz unter dem Einfluss Sorels stand und sich „revolutionäre Syndikalisten“ nannte, forderte die gesamte Arbeiterklasse auf sich in Kampfgewerkschaften zu organisieren um der Bourgeoisie den Produktionsprozess zu entreißen, um dann anschließend  einen Gewerkschafts-Sozialismus zu etablieren. Im Jahr 1907 verließen die Syndikalisten die PSI und beschlossen 1912 eine eigene Gewerkschaft zu gründen. Während die Sozialistische Partei eine strikt antimilitärische Linie beibehielt waren die Syndikalisten anfangs in dieser Frage noch zerstritten bis sie 1915 den Eintritt Italiens in den Krieg forderten. Die Anführer der Syndikalisten meldeten sich konsequenterweise nur wenige Tage nach dem Kriegseintritt als Freiwillige für das Militär. Die Annäherung von Syndikalisten und Nationalisten wurde durch den Kriegseintritt gewaltig beschleunigt. Mit dem Mythos vom revolutionären Krieg erreichte die sozialistisch-nationale Synthese in Italien einen neuen Höhepunkt. Am Ende des Krieges berief sich der revolutionäre Syndikalismus, der inzwischen zum Nationalsyndikalismus geworden war auf die ideologische Strömung der „Carta del Carnaro“. Neben Aussagen wie „Das Vaterland verleugnet man nicht, man erobert es“ und anderen Details des spä­te­ren faschistischen Systems, enthielt die Carta auch fortschrittlichere Forderungen wie die Gleich­be­rech­ti­gung von Mann und Frau oder eine strik­te Tren­nung von Staat und Kirche.

Unter den italienischen Revolutionären, die nach dem Ersten Weltkrieg das bestehende Regime stürzen wollten, nimmt Benito Mussolini (1883 -1945)  eine zentrale Stellung ein. Während des ersten Weltkrieges übernahm Mussolini die Marxismuskritik von Sorel und entschied sich für einen nationalen Sozialismus um anschließend als Symbolfigur des Faschismus in Italien in die Geschichte einzugehen. In Mussolinis Augen stellte Sorel die wahre Überleitung von Marx zum Syndikalismus dar, und wie der französische Denker sah er in der Gewalt eine historische Notwendigkeit, die einzig wirksame Waffe gegen die herrschende Bourgeoisie. Vor dem ersten Weltkrieg war Mussolini Funktionär der Sozialistischen Partei Italiens, der  im Marxismus „die wissenschaftliche Doktrin der Revolution der Klassen“ sah. Während ihm die Partei den Weg zur Spitze ebnete, während er sich als Führer profilierte, brach Mussolini nach und nach mit den traditionellen Ideen des Sozialismus. So verwarf  sich Mussolini während des Krieges mit dem pazifistischen Antiimperialismus der Sozialisten und äußerte sich zunehmend nationalistisch und kriegsbejahend. Seine Parteifreunde warfen ihm vor, ein von den Westmächten bestochener Verräter des Sozialismus zu sein und schlossen ihn am 25. November 1914 aus der Sozialistischen Partei aus. Um den ehemaligen Herausgeber der Zeitung Avanti! sammelten sich nach dem Krieg seine früheren Genossen des linken Flügels der Sozialistischen Partei, des  revolutionären Syndikalismus sowie die Nationalisten und Futuristen, die einen Condottiere suchten. Mussolini verkörperte für die italienischen Linksdissidenten und Nationalisten den perfekten Anführer. Im März 1919 wurde die Faschistische Partei Italiens gegründet und 1922 ernannte der italienische König  der „starken Mann“ in den Wirren der Nachkriegszeit zum Regierungschef. Am Vorabend der Ernennung Mussolinis zum Regierungschef stellte Camillo Pellizzi das Konzept der großen antimaterialistischen Revolution vor: „Der Faschismus ist die praktische Verneinung des historischen Materialismus und mehr noch die Absage an den demokratischen Individualismus, den Rationalismus der Aufklärung, er proklamiert die Prinzipien der Tradition, der Hierarchie, der Autorität, des persönlichen Opfers für ein historisches Ideal. Er ist die praktische Verkörperung der geistigen und geschichtlichen Persönlichkeit (des Menschen, des Volkes, der Menschheit) im Gegensatz zur Vernunft des abstrakten und empirischen Individualismus der Aufklärung, der Positivisten und Utilitaristen.“

Der Faschismus in Italien war das Ergebnis verschiedener, aber zusammenlaufender Strömungen. Der italienische Faschismus kann  keineswegs mit dem deutschen Nationalsozialismus gleichgesetzt werden, obwohl beide Ideologien, beide Bewegungen und beide Regime Gemeinsamkeiten aufweisen. Ein entscheidender Unterschied ist der biologische Determinismus des deutschen Nationalsozialismus mit der Vernichtung von sechs Millionen Juden in der Konsequenz. Auch wenn manche italienische Faschisten als militante Antisemiten auftraten, so wurden die Rassengesetze in Italien erst 1938 erlassen und in den Kriegsjahren waren Juden in Nizza oder Hochsavoyen unter italienischer Besatzung weit weniger gefährdet als etwa in Marseille unter dem Vichy-Regime. Der deutsche Nationalsozialismus war die Diktatur der Volksgemeinschaft die weder der „Stütze“ des deutschen Militärs noch der deutschen Arbeiter bedurfte, weil beide in ihr aufgingen, soweit sie den Vernichtungskrieg vorbereiteten und ausführten. Der Rassismus ist also keine notwendige Voraussetzung für den Faschismus, er trägt jedoch zum faschistischen Eklektizismus bei.

Georges Sorel schrieb am 16. April 1922 in einem Brief: „Die Faschisten haben nicht ganz unrecht, wenn sie sich auf meine Ansichten berufen, denn ihre Macht zeigt ganz offenbar die Vorzüge der triumphierenden Gewalt.“ Dieser Kult der Gewalt war es der alle Dissidenten von den Futuristen, den Sorelianern bis zu den Nationalisten einte. Die Demokratiefeindlichkeit dieser Kräfte wurzelte  in der Furcht, „dass die Massengesellschaft das hohe Niveau der Kultur erdrücken könnte“. Es waren die Sorelianer in Frankreich und Italien, die Theoretiker des revolutionären Syndikalismus, die mit ihrer neuen und eigenständigen Revision des Marxismus begannen die Geburt der faschistischen Ideologie einzuleiten. Der Antiliberalismus und die Überhöhung der „Nation“ sind treibende Elemente des Faschismus. Von daher sollten aufgeklärte Linke das eigene Bedürfnis nach kollektiver und damit potentiell nationaler Identität reflektieren, denn die Ablehnung des Prinzips Nation ist der immunisierende Faktor gegen die antimarxistische Revision des Sozialismus. Marxismusrevisionisten von Georges Sorel über Pierre-Joseph Proudhon bis Silvio Gesell  (1862 – 1930) liefern noch heute Andockmöglichkeiten zu reaktionärer Ideologie. Die führenden Theoretiker des Faschismus waren ganz überwiegend „rechte Leute von links“, die aus dem revolutionären Syndikalismus hervorgegangen waren. Zeev Sternhell benennt in seinem Buch die Bruchstellen innerhalb der Linken, die dieses „Hinüberwandern“ einiger ihrer Unterströmungen und ihre Verbindung zu rechten reaktionären Elementen ermöglichten.

Im Epilog von „Die Entstehung der faschistischen Ideologie“ schreibt am Ende Zeev Sternhell: „Wenn der Antirationalismus zu einem politischen Werkzeug wird, zu einem Mittel für die Mobilisierung der Massen und zu einer Waffe gegen den Liberalismus, den Marxismus und die Demokratie, wenn er mit einem starken Kulturpessimismus, einem ausgeprägten Kult der Gewalt und der aktivistischen Eliten einhergeht, dann führt er zwangsläufig zu faschistischem Denken.“

—————————–

Zeev Sternhell, Mario Sznajder, Maia Asheri: Die Entstehung der faschistischen Ideologie – Von Sorel zu Mussolini – Hamburger Edition 1999 – 409 Seiten

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12 Kommentare leave one →
  1. HenningM permalink
    25. März 2013 04:41

    Zitat: „Von daher sollten aufgeklärte Linke das eigene Bedürfnis nach kollektiver und damit potentiell nationaler Identität reflektieren, denn die Ablehnung des Prinzips Nation ist der immunisierende Faktor gegen die antimarxistische Revision des Sozialismus.“
    Genau das ist der springende Punkt!!! Dieses (fast schon reflexhafte) Starren auf größere Einheiten, sei es Klasse, Kollektiv, Gruppe, manchmal NATION (Weimar: Radek usw.: Nationalbolschewisten) o.ä. ist der Geburtsfehler der Linken. Das Aufgehen in einem „Größeren“, „Stärkeren“, „Mächtigeren“ ist der Ausfluss von intellektuellem Selbst-Ekel für der vermeintlichen „fraktions-bildenden“ Individualität. Was not tut, wäre ein gesunder individualistischer Sozialismus, in dem es kein MEnsch mehr nötig hat, sich zugunsten eines Größeren aufzugeben.

    Noch eine Bemerkung. Die NPD hat (natürlich anti-authentisch und damit eher abstoßend, aber immerhin) dieses Motto „Wer nach rechts will, muss von links kommen“ umgesetzt zB durch ihren Untertitel: „Die soziale Heimatpartei“, et voila, da haben wir gleich zwei schöne, warme Gedanken der Deutschen: Das Soziale und die Heimat. Mensch, wer will mehr, als sozial und patriotisch zu sein! Im Namen natürlich des DEUTSCHEN VOLKES!
    Ein Glück, dass die NPDler strunzdoof sind!

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  2. 25. März 2013 09:20

    “Wenn der Antirationalismus zu einem politischen Werkzeug wird, zu einem Mittel für die Mobilisierung der Massen und zu einer Waffe gegen den Liberalismus, den Marxismus und die Demokratie, wenn er mit einem starken Kulturpessimismus, einem ausgeprägten Kult der Gewalt und der aktivistischen Eliten einhergeht, dann führt er zwangsläufig zu faschistischem Denken.”

    Bei „Antirationalismus zu einem politischen Werkzeug“ fallen mir einige aktuelle Regierungen und Bewegungen ein, die iranische Regierung und ihre Ableger an erster Stelle.

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  3. 25. März 2013 16:59

    Es gibt viele Menschen die das Wort Faschismus fortwährend in den Mund nehmen und sehr wenig inhaltlich und ideengeschichtlich darüber wissen. Faschismus ist eine in sich geschlossene Ideologie und erschreckend dabei ist die Kürze des Weges der radikalen Linken zum Faschismus. Der Franzose Le Faisceau definierte kurz und prägnant den Faschismus als Nationalismus + Sozialismus. Sternhells Buch ist eine einzige Kampfansage an Nolte und die Totalitarismus-, die Zwillingstheorie, den Antiimperialismus oder die verkürzte Kapitalismuskritik der Antiglobalisierungsbewegung.

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    • 26. März 2013 12:37

      Die Propheten rechter Ideologie mit ihrem Antisemitismus, Nationalismus, Antiimperialismus und ihrer verkürzten Kapitalismuskritik locken den geistig minderbemittelten politischen Menschen, sich für diese reaktionäre Ideologie einzusetzen. Die Andockmöglichkeiten für faschistisches Denken erschufen damals rechte Leute von links, wie Proudhon, Sorel, Gesell und wie sie sonst noch alle hießen. Oftmals beziehen sich heutige Populisten auf diese Leute und ihre Ideologie. Einfache Lösungen und Schuldzuweisungen waren und sind für einfache Menschen offenbar sehr verlockend. Was gibt es einfacheres für die Probleme dieser Welt als einen Sündenbock verantwortlich machen zu können, ganz egal wie irrational die Beschuldigen auch sein mögen. Für Proudhon und Sorel waren es die Juden. Für die heutigen rechten Leute von links wie Elsässer oder gewisse „kritische Journalisten“ sind die Sündenböcke immer noch die Juden, egal ob sie in Israel oder in den USA leben.

      Aufklärung tut also not. Die Ignoranten und die Verharmloser und Relativierer dieser reaktionären Ideologie sollten Gegenwind erfahren, ihre primitive Agitation darf nicht unwidersprochen bleiben.

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  4. elke permalink
    26. März 2013 00:23

    Mussolini war bei weitem nicht die einzige Person, die diesen Weg einschlug. Ein Vierteljahrhundert später wurde dieselbe Einschätzung der Ereignisse von einer Anzahl von Männern nachvollzogen, die zu den dynamischsten Figuren der europäischen sozialistischen Bewegung gehörten, und die alle auf eine langjährige Gegnerschaft zu Mussolinis System verweisen konnten. Der brillianteste dieser Männer war zweifellos Sir Oswald Mosley, der jüngste Minister im Kabinett McDonald.

    Gleich nach ihm rangierte Marcel Déat, der zu den wenigen Menschen gehörte, die in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in Europa noch Beiträge zur Theorie des Sozialismus lieferten, und der Sozialminister in einer Regierung gewesen war, die der Volksfront den Weg geebnet hatte. Vergleichbar verhielt es sich mit Jacques Doriot, einem Kandidaten des Zentralkomitees der Französischen Kommunistischen Partei, der den Fehler begangen hatte, zum falschen Zeitpunkt Recht zu haben, und mit Henri de Man, dem Vorsitzenden der Belgischen Arbeiterpartei und einem der originellsten sozialistischen Philosophen des 20. Jahrhunderts, der im Juli 1940 »den Zusammenbruch des parlamentarischen Regimes und der kapitalistischen Plutokratien in den so genannten Demokratien« als das Ereignis des neuen Zeitalters begrüßte: »Für die Arbeiterklassen und für den Sozialismus ist dieser Untergang einer verlebten Welt weit davon entfernt, ein Desaster zu sein, sondern es handelt sich um eine Befreiung.« Denn »die sozialistische Ordnung wird ganz und gar nicht als die Sache einer Klasse oder einer Partei verwirklicht werden können, sondern als Sache aller, im Namen einer nationalen Solidarität, die bald den Kontinent, wenn nicht die ganze Welt, umspannen wird.«

    Im September des gleichen Jahres zählte Marcel Déat die wesentlichen Bestandteile des Faschismus auf: »Unter Berücksichtigung aller Faktoren glaube ich, dass es sich auf diese eine Beobachtung reduziert: die treibende Kraft der Revolution besteht nicht länger im Interesse der Klasse, sondern ist das Interesse der Allgemeinheit geworden; wir haben uns vom Begriff der Klasse zu dem der Nation bewegt.« Und er fügte eine Anmerkung hinzu, die vollkommen charakteristisch für das faschistische Denken ist: »Ich werde nicht versuchen abzuwägen, welche Anteile in dieser Unternehmung die nationale und die soziale Frage hatten, noch aufzudecken, ob es sich um eine Frage der Sozialisierung der Nation oder um eine der Nationalisierung des Sozialismus handelte. Was ich weiß, ist, dass … es diese, im besten Sinne des Wortes, explosive Mischung ist, kräftig genug, all die treibenden Kräfte der Geschichte zu entzünden.«

    http://jungle-world.com/artikel/2002/16/24099.html

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  5. 27. März 2013 00:03

    dass Mussolini als Sozialist begonnen hatte, ist auch vielen Italienern nicht bekannt.

    zwischen Faschisten und Kommunisten gab es immer starke Gemeinsamkeiten.

    Kapitalismus und die USA wurden von beiden abgelehnt – nach Ende des 2. Weltkriegs insbesondere von den außerparlamentarischen Rechtsradikalen Gruppen wie „Ordine Nuovo“ und „Avanguardia Nazionale“

    in der Buchhandlung des Rechtsradikalen wurde auch linksradikale Literatur verkauft.

    Franco Freda bezeichnete sich selbst als Nazi-Maoist.

    in den von Linken gesponnenen Legenden über Italiens „bleierne Jahre“ werden die Rechtsradikalen stets zu einem rechtsradikal-antikommunistisch-proamerikanischen Block zusammengefasst, den es so jedoch nie gab:

    http://aron2201sperber.wordpress.com/2008/08/24/italiens-bleierne-jahre/

    wenn ein links-radikaler Terrorist z.B, wie Mario Merlino eine rechtsradikale Vergangenheit hatte, wurde dies als Beweis für eine staatlich/rechte Unterwanderung angesehen, auch wenn der „in Wahrheit Rechte“ die langen Haare und den Bart auch nach 20 Jahren behielt

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    • 27. März 2013 16:02

      Gemeinsamkeiten zwischen Faschisten und gewissen Linken sind nicht von der Hand zu weisen. Beispiele gibt es viele, vom gemeinsamen Streik der KPD mit der NSDAP 1932 in Berlin, dem gemeinsamen dortigen Auftritt von Walter Ulbricht und Joseph Goebbels bis zu den Biographien von Jürgen Elsässer oder Bernd Rabehl. Die Frage ist immer was man unter „links sein“ versteht. Jakob Augstein oder Jürgen Elsässer werden sich wahrscheinlich als Linke verstehen, wobei ersterer vermutlich nie ein Buch von Marx gelesen hat. Das Beispiel Faschismus in Italien mit Sorel / Mussolini belegt, dass eine reaktionäre Kritik an Marx der Anfang allen Übels ist. Marx hat sich bereits zu Lebzeiten im 3. Band des Kapitals über Proudhons verkürzte Kapitalismuskritik lustig gemacht.

      Sorels Kulturpessimismus und seine konservative Gesinnung sind die Bezugspunkte der „Konservativen Revolution“ um die Deutschnationale Volkspartei der Weimarer Republik. Ernst Jünger hat in seinen Büchern (Stahlgewitter) wie Sorel die „reinigende Kraft des Krieges“ glorifiziert. Jünger, einer der Wegbreiter des Nationalsozialismus bekam übrigens von der Adenauer-Bundesrepublik das Bundesverdienstkreuz.

      An der amerikanischen Außenpolitik von 1945 bis 1989 ist vieles zu kritisieren. Die USA war gegen die Gründung des Staates Israel, während die Sowjetunion Israel bei der Gründung und im Unabhängigkeitskrieg unterstützt hat. Wenige Jahre später änderten sich die Bündnispartner wegen des Kalten Krieges und dem Erdöl in den arabischen Ländern. Die Weltbild-Koordinaten haben sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verändert, was viele Linke bis heute nicht zur Kenntnis genommen haben. Das Bündnis der Linken mit den Terrorgruppen von Hamas und Hisbollah gehört zu den widerlichsten Erscheinungen unserer Zeit.

      Wie es Linke, besser „Blut und Boden-Linke“ fertigbringen konnten und immer noch können, sich mit völkischen, islamfaschistischen Bewegungen zu solidarisieren oder zu identifizieren, bleibt trotz allen Versuchen dies zu verstehen letztendlich rätselhaft. Als sich die RAF oder die Tupamaros in Jordanien von der Fatah ausbilden ließen befanden sich in ihren Unterkünften und Schulungsräumen Hitlerbilder und Hitler wird noch immer von den arabischen Terroristen verehrt. Marxisten oder Leute die sich auf Marx berufen müssten spätestens beim Anblick der Hitlerbilder und den Millionenauflagen von „Mein Kampf“ oder den „Protokollen der Weisen von Zion“ im arabischen Raum ins Grübeln kommen.

      Ich wagte übrigens im Jahre 2010 das Experiment in Jakob Augsteins antisemitischer Community einige aufklärerische Artikel über Israel einzustellen, dabei stellte ich fest, dass der Antisemitismus der NPD absolut austauschbar ist mit dem Antisemitismus dieser scheinbar linken Community. Dummköpfe gibt es also nicht nur in der NPD.

      Im 19. Jahrhundert war es die Konfliktlinie Fortschritt und Reaktion, die sich gegenüberstanden und seit dem 20. Jahrhundert sind die Gesellschaften geprägt von den Antipoden Freiheit und Gleichheit. Ich meine humane Gesellschaften sind ohne Gleichheit und ohne Freiheit kaum erreichbar.

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      • 30. März 2013 15:53

        Ich nehme an, Du meinst eine normative Gleichheit, d.h. dass alle Menschen normativ als gleich gelten sollen, obwohl sie naturgemäß nicht tatsächlich gleich sind. Darauf beruht die Idee des Egalitarismus. Der Begriff Gleichheit ist eng mit dem der Gerechtigkeit verbunden. Auch Freiheit und Gerechtigkeit sind dialektische Begriffe. Je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit, und je mehr Gerechtigkeit, desto weniger Freiheit. Dies hatte Marx nicht gesehen.

        Wenn Linke trotz veränderter Welt ihr altes Koordinatensystem immer weiter verwenden, aus Angst ihre altbekannte „Heimat“ zu verlieren, diese ihre „Heimat“ also konservieren und damit konservativ sind, dann sind sie irgendwann keine Linken mehr, denn links ist da, wo keine Heimat ist, wie Améry zutreffend bemerkte.

        lg LL

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        • 1. April 2013 21:21

          Ich meine mit Gleichheit soziale Gerechtigkeit und zur Freiheit gehört zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsäußerung. Richtig, die heimatverbundenen „Blut und Boden-Linken“ sind mir seit jeher suspekt. Da lob ich mir Jean Améry und verstehe seinen Weltschmerz.

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  6. 30. März 2013 22:23

    Die Terroranschläge von Carlos, der PFLP, der IRA oder der Hamas waren vom Kult der Gewalt benebelt. Diese Verbindung von Mythos und Gewalt erinnert an die theoretischen Ansichten des Vorreiters von sozialer Dekadenz, nämlich Georges Sorel.

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  7. Sax permalink
    26. November 2013 14:44

    „Denn die Kristallisation der Grundidee des Faschismus, seiner Philosophie und Mythologie, bleibt unverständlich, wenn man sie nicht auch als eine Revolte gegen den Materialismus begreift.”

    Diskussion hier:

    http://www.ossiforum.de/t4731f71-Systemanalyse-warum-Nationalsozialismus-Sozialismus-war-und-warum-Sozialismus-totalitaer-ist-1.html

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