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Die Wildente

20. Februar 2017

Da ich nun einmal nicht imstande war, die Menschen vernünftiger zu machen, war ich lieber fern von ihnen glücklich. Voltaire

wildenteWährend alle auf den Schauspieler warteten, der ihnen versprochen hatte, nach der Aufführung der Wildente gegen halb zwölf zu ihrem künstlerischen Abendessen in die Benzgasse zu kommen, beobachtete ich die Eheleute Solowinski genau von jenem Ohrensessel aus, in welchem ich vor einigen Jahren schon einmal gesessen war, und dachte, dass es ein gravierender Fehler gewesen ist, die Einladung der Solowinski anzunehmen. Viele Jahre habe ich von den Eheleuten Solowinski nichts mehr wissen wollen und viele Jahre habe ich die Eheleute Solowinski nicht mehr gesehen und in diesen Jahren hatten mir die Eheleute Solowinski allein bei Nennung ihres Namens durch Dritte Übelkeit verursacht, dachte ich auf dem Ohrensessel.

Die Scheußlichkeit seiner Beine habe ich die ganze Zeit beobachtet, die in grobgestrickten grauen Trachtenstutzen steckten, seinen von nichts als von Perversität rhythmisierten Gang, seinen haarlosen Hinterkopf. Er passte sehr gut zu seinen verkommenen Freunden, zwei Brüdern wahrscheinlich, religiösen Fanatikern, glühenden Judenhassern, wie ich damals dachte, dachte ich im Ohrensessel, dass ich mich vor Ekel geschüttelt umdrehte Richtung Stephansplatz, als die drei im Abbruchhaus auf dem Moslem-Markt-Platz verschwunden waren, tatsächlich  hatte ich meine Abscheu gegenüber den dreien so weit getrieben, dass ich mich, um zu übergeben, an die Wand vor dem Aidakaffehaus gedreht hatte; aber da schaute ich in einen Aidakaffehausspiegel und sah direkt in mein eigenes verkommenes Gesicht und sah meinen eigenen verkommenen Körper und es ekelte mich vor mir selbst viel mehr, als mich vor dem Solowinski und seinen Freunden geekelt hatte und ich drehte mich wieder um und ging, so schnell ich konnte, auf den Stephansplatz und auf den Graben und auf den Kohlmarkt und schließlich ins Cafe Eiles um mich in einem Haufen Zeitungen zu stürzen um die Begegnung mit dem Solowinski und seinen Begleitern zu vergessen, dachte ich auf dem Ohrensessel.

Die Solowinskis meinten auf einmal, dass sie nur mehr noch eine Viertelstunde warten würden mit dem Abendessen, höchstens bis halb eins, so die Solowinski zur feist und fett und hässlich gewordenen Schriftstellerin Juliette Dillroth, mit welcher sie sich schon eine Zeitlang unterhielt, naturgemäß über Israel, mit welcher die Schriftstellerin Juliette Dillroth, die sich immer als die Virginia Woolf von Wien vorgekommen ist, während sie es doch höchstens bis zu einer sentimentalen geschraubten Schwätzerin und ganz üblen Politproduzentin auf dem Papier gebracht hat in ihren Gedichten und Erzählungen. Die in ihrem schwarzen selbstgestrickten Wollkleid erschienene Schriftstellerin Juliette Dillroth hatte eine Zweitwohnung im Zweiten Wiener Gemeindebezirk ganz in der Nähe der Praterhauptallee und existierte tatsächlich schon jahrzehntelang in der Einbildung, die größte Schriftstellerin, ja Dichterin Europas zu sein, auch an diesem Abend, besser, in dieser Nacht in der Benzgasse, hatte sie nicht einen Augenblick gezögert, der Solowinski zu versichern, dass sie in ihrem letzten Buch einen Schritt weitergegangen als die Virginia Woolf, was ich hörte, weil ich so gute Ohren habe, vornehmlich in der Nacht, ihr Buch übertreffe bei weitem Virginia Woolfs Wellen, meinte sie und zündete sich eine Zigarette an und kreuzte die Beine. Sie werde sich die in der Presse so hochgelobte Wildente ein zweites mal anschauen, diesen hintergründigen Ibsen, sagte sie zur Solowinski, ihr Versuch allerdings, die Wildente in einer Wiener Buchhandlung zu erstehen, sei gescheitert, keine einzige Buchhandlung in der Inneren Stadt habe die Wildente auf Lager gehabt, nicht einmal eine Ausgabe in der Reclam-Universalbibliothek habe sie auftreiben können. Aber sie kenne natürlich die Wildente, liebe Ibsen, vor allem den Peer Gynt, meinte sie in die Nebelschwaden hinein, die sie selbst erzeugte. Sie war eine starke Raucherin und hatte vom Rauchen eine raue Stimme und vom Weißweintrinken ein aufgequollenes Gesicht. In der Zeit, in welcher ich mit den Eheleuten Solowinski verkehrt hatte, war ich auch mit der Schriftstellerin Juliette Dillroth zusammen gewesen, viel zu viel und mit beinahe selbstmörderischer Intensität, wie ich denke.

Anfang der Sechzigerjahre hatte die Juliette die erste offizielle Literaturzeitschrift Frankfurts als Herausgeberin übernommen, von da an war diese Zeitschrift nicht mehr zum Lesen gewesen, im Grunde ein völlig wertloses und also kopfloses und durch und durch langweiliges Blatt geworden, das dieser scheußliche, widerliche und konfuse Staat subventionierte und in welchem immer nur das Abgeschmackteste und Dümmste abgedruckt gewesen ist, vor allem immer wieder die Werke der Juliette Dillroth selbst, die ja nicht nur in dem Glauben gewesen war, eine Nachfolgerin und ja sogar eine Übertrefferin der Virginia Woolf zu sein, sondern auch noch, sie sei eine direkte Nachfolgerin und Übertrefferin der Droste und schreibe die besten Bücher Europas. Aber sie schrieb nur schlechte Bücher, in welchen weder Gefühle noch Gedanken auch nur den geringsten literarischen Wert hatten. Fünfzehn Jahre gab sie die stumpfsinnige Literatur in der Zeit heraus, bis man sie ihr mit dem Versprechen, ihr eine lebenslängliche Rente auszuzahlen, aus der Hand genommen hat.

Einen Fogosch um dreivierteleins Uhr nachts wegen eines Burgschauspielers, in dessen Barthaaren sich jetzt, da er seine Kartoffelsuppe mit der größten Geschwindigkeit, also wie ausgehungert, halb ausgelöffelt hatte, diese Kartoffelsuppe verfangen hatte. Der Ekdal, sagte er und löffelte die Suppe, der Ekdal ist schon jahrzehntelang meine Wunschrolle gewesen, und er sagte, wieder Suppe löffelnd, und zwar alle zwei Wörter einen Löffel Suppe nehmend, also er sagte der Ekdal und löffelte Suppe und sagte war schon und löffelte Suppe und immer meine und löffelte Suppe und sagte Lieblingsrolle gewesen und löffelte Suppe und er hatte auch noch zwischen zwei Suppenlöffeln seit Jahr- und dann wieder nach zwei Suppenlöffeln zehnten gesagt und das Wort Wunschrolle genauso, als redete er von einer Mehlspeise, denke ich. Mehrere Male sagte er der Ekdal ist meine Lieblingsrolle, und ich fragte mich sofort, ob er auch dann immer wieder von dem Ekdal als seiner Lieblingsrolle gesprochen hätte, wenn er keinerlei Erfolg mit seinem Ekdal gehabt hätte. Hat ein Schauspieler in einer Rolle Erfolg, sagt er, es sei seine Lieblingsrolle, hat er mit seiner Rolle keinen Erfolg, sagt er nicht, dass es seine Lieblingsrolle ist, dachte ich. Immer wieder löffelte der Burgschauspieler die Kartoffelsuppe und sagte, der Ekdal sei seine Lieblingsrolle. Als ob nur er etwas zu sagen hätte, sagten alle anderen lange Zeit nichts, löffelten ihre Suppe und starrten den Burgschauspieler an.

Der Burgschauspieler hat schon wenigstens zwei oder drei Gläser Champagner getrunken bei seinem Eintritt in die Benzgassenwohnung dachte ich, als er sagte, die Dichtung wird ja erst lebendig wenn ein guter Schauspieler sie zum Leben erweckt. Darauf legte er beide Hände auf den Tisch und reckte seinen Schauspielerkopf in die Höhe und sagte zu seinem Gastgeber, dem Solowinski: Ihr sagenhaftes Interview, lieber Freund, habe ich sehr genossen. Darauf hatten alle geschwiegen und gedacht, der Fogosch werde aufgetragen, aber sie irrten, die Köchin war ohne jede Speise eingetreten und hatte nur gefragt, ob der Fogosch serviert werden könne. Die Solowinski bedeutete der Köchin, der Fogosch könne nun aufgetragen werden.

Wenn die Burgschauspieler sehen würden, wie miserabel sie Theater spielen, müssten sie sich doch alle umbringen. Mit Ausnahme Ihrer Person, sagte der Solowinski und leerte sein Glas. Ja, wissen Sie, sagte darauf der Burgschauspieler, wenn Sie eine solche Ansicht vom Burgtheater haben, warum gehen Sie denn dann überhaupt hin? Worauf der Solowinski sagte, dass er schon zehn Jahre nicht mehr im Burgtheater gewesen sei. Die Solowinski verbesserte ihren Mann aber augenblicklich und meinte, sie sei mit ihm erst vor zwei Wochen im Aufschub gewesen. Achja, im Aufschub, sagte darauf der Solowinski, dieser Idiotenscheiß von diesem ochsenfroschhaften Maulhelden, dass es mir den Magen umgedreht hat und dass ich es auch gleich wieder vergessen habe. Der Burgschauspieler hatte nicht gleich gewusst, wie er auf den Solowinski reagieren solle. Das Burgtheater hat immer Feinde gehabt, wie alles, das letztenendes doch das Beste ist, sagte er. Das Burgtheater ist immer vor allem von denen angefeindet worden, die unbedingt an das Burgtheater wollten, die das Burgtheater aber abgelehnt hat. Der Burgschauspieler dann, wo sehen Sie denn eine solche Wildente, wie die, die wir gerade im Akademietheater spielen, nirgends, da können Sie hingehen, wo Sie wollen, eine solche Wildente wird nirgendwo gespielt. Nirgendwo, sagte der Solowinski darauf, wenn Sie doch selbst gerade vorher gesagt haben, dass diese Wildente im Akademietheater missglückt ist, dass nur Ihr Ekdal gelungen sei, wie die Kritiker schreiben, Ihr Ekdal ein grandioser Ekdal ist, die Aufführung aber überhaupt nichts wert. So kann man es auch nicht sagen, sagte der Burgschauspieler darauf, man kann nicht sagen, diese Wildente ist nichts wert, wenn sie auch missglückt ist. Aber selbst diese missglückte Wildente ist noch um vieles besser, als alle andern Wildenten, die ich jemals gesehen habe, und ich habe alle Wildenten, die in den letzten Jahrzehnten aufgeführt worden sind, gesehen. Ich habe die Wildente seinerzeit in Berlin gesehen, die erste Nachkriegswildente, sagte der Burgschauspieler, in der Freien Volksbühne, aber auch die Wildente im Schillertheater. Lauter missglückte Aufführungen, sagte der Burgschauspieler, auch in München und in Stuttgart. Das deutsche Theater wird doch nur von ganz inkompetenten Leuten gelobt, die selbst nicht wissen, was das Theater überhaupt ist.  Diese Wildente im Akademietheater ist die beste Wildente, die ich jemals gesehen habe und ich bin nicht voreingenommen, sagte er, wenn ich auch in dieser Wildente den Ekdal spiele, sie ist mit Abstand die beste Wildente. Ich habe einmal die Wildente in Stockholm gesehen, sagte der Burgschauspieler, Vildanden heißt die Wildente auf Schwedisch. Sie gefiel mir gar nicht. Ich glaubte, nach Stockholm reisen zu müssen, um die beste Wildente zu sehen, die zu sehen ist, aber diese Wildente war eine einzige Enttäuschung. Es ist nicht so, dass die nordischen Theater die nordischen Stücke am besten spielen. Ich habe einmal eine Wildente in Augsburg gesehen, die hat mir viel besser gefallen. Natürlich hängt in der Wildente alles vom Ekdal ab. Ist der Ekdal schlecht, ist das ganze Stück schlecht, ist die ganze Aufführung schlecht. Glauben Sie ja nicht, dass Sie in Salzburg oder in Wien den idealen Mozart zu hören und zu sehen bekommen.

Da nur die Schriftstellerin Juliette die Wildente im Akademietheater gesehen hatte und die übrigen überhaupt nicht gewusst hatten, was die Wildente eigentlich ist, erst mit der Zeit, dass es sich um ein Theaterstück handle, waren sie zum Schweigen verurteilt, ab und zu nickten sie, schauten direkt in das Gesicht des Burgschauspielers oder augenblicklich von diesem weg auf die Tischdecke, oder ganz einfach in ihrer Ausweglosigkeit in ihr Gegenüber; sie hatten gar keine Chance, sich an dem zu beteiligen, das der Burgschauspieler zum Besten gegeben hat, deshalb so ungeniert, weil ihn kein Mensch daran gehindert, im Gegenteil, die Solowinski ihn immer wieder dazu aufgefordert hatte, zu reden, und da er gerade aus der Wildente gekommen war, redete er naturgemäß andauernd von der Wildente im Akademietheater und ihren Zusammenhängen.

Ich habe meinen Text immer vollständig im Gedächtnis, wenn die Probe beginnt. Aber es ist ekelhaft, wenn die Kollegen ihren Text nicht können. Das ist ekelhaft, wiederholte der Burgschauspieler und nahm sich noch ein Stück Fogosch, der zu einer mit viel zu viel Kapern angereicherten Sauce serviert wurde. Ein halbes Jahr lang habe er den Ekdal studiert, sich für dieses Ekdalstudium sogar einmal auf drei Wochen auf eine einsame Berghütte zurückgezogen, da in dieser tatsächlichen Einsamkeit, sagte der Burgschauspieler, sei ihm der Ekdal erst richtig aufgegangen. Der Ekdal war immer meine Wunschrolle, sagte er, aber ich hatte den Ekdal nie richtig verstanden. Erst als ich in der Berghütte mich auf nichts anderes konzentrierte, begriff ich, was dieser Ekdal ist, überhaupt, was die Wildente ist. Während der Burgschauspieler sagte, dieser Ekdalerfolg war ja überhaupt nicht vorauszusehen, beobachtete ich die Schriftstellerin Juliette Dillroth, die schon unruhig geworden war, weil sie sich zurückgesetzt fühlte, an diesem Abend nicht der Mittelpunkt sein konnte, der sie immer hatte sein wollen, durch die Bemerkungen des Burgschauspielers nicht zum Reden gekommen war bis jetzt, obwohl sie andauernd etwas sagen hatte wollen und es nicht sagen hatte können. Aber jetzt, als der Burgschauspieler gesagt hatte, dass der Ekdal die schwierigste Rolle sei, die er jemals einstudiert und gespielt habe, sagte sie, dass sie finde, der strindbergsche Edgar sei doch die schwierigere Rolle, der Edgar ist doch viel schwieriger, sagte sie, als der Ekdal, sie habe jedenfalls immer den Eindruck, wenn sie den Edgar lese, dass der Edgar viel schwieriger sei, als der Ekdal, den Ekdal habe sie niemals als eine schwierige Rolle betrachtet, wenn sie davon absehe, dass alle Rollen, also gleich welche, schwierige seien, wenn sie gut gespielt werden wollen und gut gespielt werden, sie empfinde beim Lesen immer, dass der Edgar viel schwieriger sei als der Ekdal. Nein! rief der Burgschauspieler, die schwierigere Rolle ist der Ekdal, das ist doch ganz klar. Da könne sie dem Burgschauspieler nicht zustimmen, meinte die Juliette Dillroth, und sie ließ durchblicken, dass sie einmal Theaterwissenschaft studiert habe, übrigens bei dem berühmten Professor Kindermann, also auch an diesem Abend wieder das gesagt hatte, was sie immer bei solchen Gelegenheiten gesagt hat, dass sie eine Schülerin Kindermanns sei; vielleicht müsse ein Schauspieler, sagte die Juliette Dillroth, denken, der Ekdal sei die schwierigere Rolle, während es doch die des Edgar sei. Nein wissen Sie meine liebe Freundin, sagte der Burgschauspieler zur Schriftstellerin Juliette Dillroth, wenn man so, wie ich, Jahrzehnte Schauspieler ist und noch dazu auf dem Burgtheater und seit man überhaupt zurückdenken kann, nur erste Rollen spielt, weiß man doch, wovon man redet. Natürlich, als Theaterwissenschaftler hat man von dem Theater überhaupt andere Ansichten, sagte der Burgschauspieler, aber es sei doch gar keine Frage, dass der Ekdal die schwierigere, der Edgar die viel leichtere Rolle sei, leichter, was das Spielen einer solchen Rolle betrifft, vergessen Sie das nicht, sagte der Burgschauspieler zur Juliette Dillroth. Diese gab sich mit dem, das der Burgschauspieler gesagt hatte, nicht zufrieden und sagte, dass es doch, seit es den Edgar und den Ekdal gebe, immer erwiesen gewesen sei, dass der Ekdal die leichter zu spielende Rolle sei, nicht der Edgar. Das habe Kindermann, ihr Lehrer, ja auch in einer Schrift ganz eindeutig klar gestellt, die Kindermannsche Schrift trage den Titel Edgar und Ekdal, ein Vergleich, ob der Burgschauspieler diese Schrift denn nicht gelesen habe, fragte ihn die Juliette Dillroth, worauf der Burgschauspieler sagte, er kenne diese Kindermannsche Schrift nicht. Das sei bedauerlich, meinte die Juliette Dillroth, denn wenn der Burgschauspieler die Kindermannschen Ausführungen über Edgar (von Strindberg) und Ekdal (von Ibsen) gelesen hätte, bevor er den Ekdal zu probieren angefangen habe, hätte er sich sehr viel Unangenehmes, die Erarbeitung der Wildente betreffend, erspart, und der Solowinski, der schon die ganze Zeit auf der Lauer gesessen war, um auch einmal etwas zu sagen, sagte plötzlich: Igitt, ein wochenlanger Aufenthalt auf einer Berghütte, was für ein Idiotenscheiß! worauf der Burgschauspieler selbst auf einmal ein anderes Thema wünschte, denn er sagte, dass er auf dem Weg in die Benzgasse einen seiner Handschuhe verloren habe. Wäre er nicht schon zu spät in die Benzgasse unterwegs gewesen, er wäre umgekehrt, um den verlorenen Handschuh zu suchen. So aber habe er nicht umkehren können, um die Solowinskischen nicht noch mehr auf die Folter zu spannen. Die Solowinski, die einen zweiten Fogoschgang an den Tisch hatte bringen lassen, meinte, dass es doch bedauerlich sei, dass der Burgschauspieler auf dem Weg in die Benzgasse einen seiner Handschuhe verloren habe, einen Handschuh verlieren, meinte sie, sei doch genauso schlimm, wie alle beide, denn ein einziger Handschuh sei wertlos. Ja, meinten alle am Tisch, alle hätten sie schon einmal einen Handschuh verloren und das gleiche gedacht. Möglicherweise habe aber der Finder des Handschuhs diesen abgegeben. Ja, igitt wo denn abgegeben? fragte der Solowinski seine Frau und war auch schon in ein Gelächter ausgebrochen, das gleich auch alle andern zu einem eigenen Gelächter herausgefordert hatte und sie lachten über die Solowinskische Frage an seine Frau, wer denn wo diesen verlorenen Handschuh abgegeben habe oder noch abgeben könnte und darauf berichtete tatsächlich jeder an dem Tisch Sitzende seine Handschuhgeschichte, denn jeder am Tisch hatte schon einmal einen seiner Handschuhe verloren und den Verlust eines seiner Handschuhe genauso schmerzlich empfunden, wie den Verlust von einem ganzen Handschuhpaar.

Die Solowinski ging mit einem Glaskrug voll Weißwein von einem zum andern, die ganze Gesellschaft war aber auf einmal so müde geworden, dass sie kaum mehr an Wein oder anderen Getränken Interesse zeigte, nur der Solowinski selbst trank auch jetzt noch, wie gesagt werden kann, ununterbrochen. Das wahrscheinlich seine Aufnahme in die sogenannte Trinkerheilstätte Kalksburg wieder einmal kurz bevorstehe, dachte ich, ihn von der Seite betrachtend, seine eingefallenen Schläfen, an welchen dicke wässerige Backen hingen; wenn dieser Anblick nicht so abstoßend gewesen wäre, hätte ich ihn ganz einfach als grotesk empfunden, aber das konnte ich nicht, denn in Wahrheit bedauerte ich doch den Zustand des Solowinski aufs tiefste.

Dieser Mensch saß aufgeblasen und aufgeschwemmt neben mir und hatte nur mehr noch die Möglichkeit, durch zeitweiliges Lallen auf sich aufmerksam zu machen. Wieder hat er diese grotesken Strickstrümpfe an, dachte ich, diese letztenendes doch nur geschmacklose gewalkte Bauernjacke, dieses an ihm noch mehr als an einem Andern lächerliche buntbestickte Naturleinenhemd mit dem Stehkragen. Die Solowinski litt ganz offensichtlich an dem pervers-geisteskranken Zustand ihres Mannes, konnte diesen Zustand nicht ändern, sie hatte den Solowinski eine Stunde vorher schon aus der Gesellschaft hinaus und zu Bett bringen wollen, aber es war ihr nicht geglückt, ein weiterer Versuch, ihren Mann, den alles in allem durch Trunksucht infantilen Solowinski, aus dem Fauteuil und also aus dem Musikzimmer hinaus und ins Bett zu bringen, scheiterte jetzt; der Solowinski hat sie mit dem vollen Weinglas in der Hand weggestoßen und sie dabei am Auge verletzt und außerdem den ganzen Wein auf dem Boden verschüttet und sie, wie schon den ganzen Abend, immer nur eine dumme inkontinente Gans genannt. Ab und zu war der Solowinski ja noch in der Lage, etwas zu sagen, sogar ganze Sätze gelangen ihm noch, etwa der Satz Igitt, dieser Bretmbrgrrr ist mit Abstand der blödeste und inkoninenteste Typ, der mich jemals angepisst hat,  mit welchem er jetzt mehrere Male die Aufmerksamkeit dieser Musikzimmergesellschaft auf sich gezogen hatte, den er immer wiederholte, als Schriftsteller mit exakt-mathematischer Rhythmisierung. Oder den Satz Bähh, mit seinen vertrottelten Triumphposen kann der die Meinungsmaschine, aber nicht mich beeindrucken oder den Satz Igitt, diese inkontinente Null gehört in die Gummizelle, bähh. Diese Sätze kannte ich nur zu gut, um sie noch als originell zu empfinden, aber sie waren mir an diesem Abend auch nicht mehr peinlich gewesen, wie vielleicht den Andern, die diese Sätze noch nicht von ihm gehört hatten, noch nicht von ihm kannten, wie der Burgschauspieler, der diese Solowinskischen Sätze offensichtlich vor diesem Abend noch nicht gehört hatte und für den sie peinlich gewesen waren, wie ich feststellte. Aber mein lieber Solowinski, was haben Sie denn? sagte der Burgschauspieler auf einmal, was regen Sie sich denn so auf.

Die Juliette Dillroth saß auch im Musikzimmer mir gegenüber, sie sagte nichts, beobachtete die Szene zwischen dem Solowinski und dem Burgschauspieler, von welchem sie sich noch im Speisezimmer eine sogenannte geistige Unterhaltung, wie sie das immer bezeichnet hat, gewünscht hatte, die aber nicht zustande gekommen war, weil der Burgschauspieler tatsächlich auf keine ihrer Fragen eingegangen ist, sich mit ihr überhaupt nicht in ein Gespräch eingelassen hat, ihr nicht die geringste Chance gegeben hat, eine geistige Unterhaltung mit ihr zu führen, der Burgschauspieler hatte es vorgezogen, sich dem echten Fogosch zu widmen und sich ganz auf seine Anekdoten zurückzuziehen. Der Solowinski, den Juliette Dillroth allen Ernstes als einen Novalis des Antirassismus bezeichnet hat, war längst unzurechnungsfähig gewesen und lallte von Zeit zu Zeit nur mehr noch unverständliches, nachdem er um viertel nach vier Uhr nachts, wahrscheinlich um ein letztes Mal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft im Musikzimmer auf sich zu ziehen, urplötzlich sein Unterkiefergebiss aus dem Mund genommen und dem Burgschauspieler wie eine Trophäe vor das Gesicht gehalten hat mit der Bemerkung, dieser Bretmbrgrrr, dieser philosemitische Moslemhasser, denunziatorische Trottel und sentimentale Schwätzer mit seinem Idiotenscheiß gehört weggesperrt in die Gummizelle, was den Burgschauspieler mehrere Male das Wort geschmacklos hatte sagen lassen, während der Solowinski sein Gebiss wieder in seinen Mund zurücksteckte, die Solowinski aber naturgemäß wieder einmal in ihrem Sessel aufspringen hatte lassen in der Absicht, ihren Mann aus dem Musikzimmer in das Schlafzimmer zu befördern, was ihr aber wieder nicht gelungen war; der Solowinski drohte seiner Frau mit dem Umbringen und stieß sie weg, so dass sie gegen den Burgschauspieler stolperte, der sie aber aufgefangen und in seine Arme genommen hat. Ach wie geschmacklos, igitt! Hatte der Solowinski selbst ein paarmal ausgerufen und war dann in seiner  Bauernlodenjoppe eingenickt.

Als der Burgschauspieler schon mehr getrunken gehabt hat, als ihm im Grunde zuträglich, hat er angefangen, fortwährend den Satz, über die Jahrhunderte der Diaspora hat sich bei Juden ein fast schizophrener Verfolgungswahn entwickelt, auszusprechen, daraufhin prosteten nach kurzem anfänglichem Schweigen, die beiden fanatischen Brüder dem Burgschauspieler begeistert zu. Als der Burgschauspieler daraufhin noch sagte Ich dachte, das neue freie Deutschland hätte sich langsam aus den sich selbst auferlegten Fesseln gelöst, man wird doch was gegen einen Vernichtungskrieg mit ethnischen Säuberungen sagen dürfen erschien der Abend für den Burgschauspieler als ein einziger Triumph. Die Juliette Dillroth tat erst so als ob sie nichts gehört hätte und rückte verlegen ihr schwarzes selbstgestricktes Wollkleid zurecht, sagte dann aber über die Wortwahl lässt sich diskutieren,  mein guter Freund, aber den Rassismus und die Brutalität dieses Staates muss man wahrlich kritisieren dürfen, dass sind wir den Helden des Befreiungskampfes unbedingt schuldig. Das Widerwärtige war hier schon immer widerwärtiger, das Abgeschmackte schon immer abgeschmackter und das Lächerliche schon immer lächerlicher.

Als der Burgschauspieler sich verabschiedet und der Solowinski die Hand geküsst hat auf seine schmierige Burgtheaterweise, wie er dann auch noch der Juliette Dillroth ein Kompliment gemacht hat, ein völlig überflüssiges, unsinniges Kompliment, ein unverschämtes, indem er ihr, während er ihr die Hand küsste, gesagt hat, dass ihm ihr geistiger Wagemut gefalle, tatsächlich, er hat gesagt, Ihr geistiger Wagemut gefällt mir, war er mir der noch widerliche Mensch und noch widerliche Burgschauspieler, der er mir von allem Anfang an gewesen war.

Ich hatte auch viel getrunken, mehr als mir gut tut, denke ich, aber doch nicht so viel, wie der Burgschauspieler, ganz zu schweigen vom Solowinski, der gar nicht mehr aufgewacht ist, bevor sie alle die Benzgasse verlassen hatten, auch die beiden Brüder der islamistischen Plattform, die nur immer von ihrer religiösen Pflicht gefaselt hatten, ohne sagen zu können, warum nun alle diese Pflicht erfüllen sollen, waren schließlich total betrunken gewesen und hatten Mühe, von ihren Sitzplätzen aufzustehen. Am Ende war der Burgschauspieler allein jener, der von allen noch die Kraft und dazu auch noch die Fähigkeit gehabt hatte, sich nicht nur ordentlich, sondern auf die höflichste Weise, wie gesagt werden kann, aus der Benzgasse zurückzuziehen, denn alle anderen waren dazu nicht mehr imstande gewesen. Was für ein ausgezeichneter Fogosch es doch gewesen sei, meinte der Burgschauspieler am Ende zur Solowinski und ging dann als Erster und ganz allein die Vorhaustreppe hinunter, während ihm die Solowinski noch lange Zeit nachschaute. Er torkelt nicht einmal, dachte ich, wie ich den die Vorhaustreppe hinuntergehenden Burgschauspieler von oben, also noch an der Wohnungstür stehend, beobachtete.

Ich lief die Vorhaustreppe hinunter, als wäre ich zwanzig Jahre jünger, zwei, drei, ja vier Stufen auf einmal nehmend. Im Vorhaus unten sagte ich mir, dass es unsinnig gewesen ist, der Solowinski zum Abschied die Stirn zu küssen,  dachte ich; mich ärgerte diese Tatsache auf dem ganzen Weg aus der Benzgasse in die Stadt. Die Stirn hast du ihr geküsst, wenigstens nur die Stirn, sagte ich mir dann die ganze Zeit auf meinem Weg durch die noch finstere Stadt und ärgerte mich über diese Tatsache. Wie verlogen ich doch selbst war, ihr sogenanntes künstlerisches Abendessen sei mir ein Vergnügen gewesen, wo es mir doch nichts weniger als abstoßend gewesen war. Um uns aus einer Situation zu erretten, denke ich, sind wir selbst genauso verlogen wie die, denen wir diese Verlogenheit andauernd vorwerfen und derentwegen wir alle diese Leute fortwährend in den Schmutz ziehen und verachten, das ist die Wahrheit; wir sind überhaupt um nichts besser, als diese Leute, die wir andauernd nur als unerträgliche und widerliche Leute empfinden, als abstoßende Menschen, mit welchen wir möglichst wenig zu tun haben wollen, während wir doch, wenn wir ehrlich sind, andauernd mit ihnen zu tun haben und genauso sind wie sie.

Als ich das Haus verlassen hatte und lief und lief und dachte, dass ich, wie allem Fürchterlichen, auch diesem fürchterlichen sogenannten künstlerischen Abendessen in der Benzgasse entkommen bin und dass ich über dieses sogenannte künstlerische Abendessen in der Benzgasse schreiben werde, ohne zu wissen, was, ganz einfach etwas darüber schreiben werde und ich lief und lief und dachte, ich werde sofort über dieses sogenannte künstlerische Abendessen in der Benzgasse schreiben, egal was, nur gleich und sofort über dieses künstlerische Abendessen in der Benzgasse schreiben, sofort, dachte ich, gleich immer wieder, durch die Innere Stadt laufend, gleich und sofort und gleich und gleich, bevor es zu spät ist.

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Nach dem Roman Holzfällen von Thomas Bernhard. Im Gegensatz zu Holzfällen beruht die Wildente auf keinerlei wahren Begebenheiten. Die Personen und die Handlung und die Redewendungen der Wildente sind frei erfunden. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen Begebenheiten oder lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.  Die Veröffentlichung von Holzfällen löste einen Skandal aus, weil sich ein Bekannter und früherer Freund Bernhards, der österreichische Komponist Gerhard Lampersberg, in der Figur des Herrn Auersberger zu erkennen glaubte und Ehrenbeleidigungsklage einreichte. Das Urteil des darauf folgenden Prozesses verfügte die Beschlagnahmung der gedruckten Exemplare. So stürmten bewaffnete Polizisten österreichische Buchhandlungen und beschlagnahmten Holzfällen. Kurz darauf zog Lampersberg die Klage zurück und das Buch durfte wieder verkauft werden.

In seinen autobiographischen Schriften schreibt Thomas Bernhard über seine Kindheit in Oberbayern. Was Thomas Bernhard mit Paul Breitner, Papst Benedikt, Klaus Croissant und Andreas Baader zu tun haben könnte ist in Die Brezen der Bäckerei Hilger nachzulesen.

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18 Kommentare leave one →
  1. 20. Februar 2017 13:39

    So köstlich habe ich mich schon lange nicht mehr amüsiert:

    „Der Solowinski, den Juliette Dillroth allen Ernstes als einen Novalis des Antirassismus bezeichnet hat, war längst unzurechnungsfähig gewesen und lallte von Zeit zu Zeit nur mehr noch unverständliches, nachdem er um viertel nach vier Uhr nachts, wahrscheinlich um ein letztes Mal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft im Musikzimmer auf sich zu ziehen, urplötzlich sein Unterkiefergebiss aus dem Mund genommen und dem Burgschauspieler wie eine Trophäe vor das Gesicht gehalten hat mit der Bemerkung, dieser Bretmbrgrrr, dieser philosemitische Moslemhasser, denunziatorische Trottel und sentimentale Schwätzer mit seinem Idiotenscheiß gehört weggesperrt in die Gummizelle, was den Burgschauspieler mehrere Male das Wort geschmacklos hatte sagen lassen, während der Solowinski sein Gebiss wieder in seinen Mund zurücksteckte, die Solowinski aber naturgemäß wieder einmal in ihrem Sessel aufspringen hatte lassen in der Absicht, ihren Mann aus dem Musikzimmer in das Schlafzimmer zu befördern, was ihr aber wieder nicht gelungen war; der Solowinski drohte seiner Frau mit dem Umbringen und stieß sie weg, so dass sie gegen den Burgschauspieler stolperte, der sie aber aufgefangen und in seine Arme genommen hat.“

    Dieser Solowinski kommt mir irgendwie bekannt vor.

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    • 21. Februar 2017 11:08

      Solowinskis gibt es viele, aber die Kombination aus dem Burgschauspieler, der Juliette Dillroth und dem Solowinski ist schon einmalig. Normalerweise schreibe ich ein Blog, lese es einmal und lese es vielleicht Monate oder Jahre später noch einmal. Bei der Wildente ist es anders, die habe ich die letzten Tage mindestens zehn Mal gelesen und jedes Mal musste ich an den unterschiedlichsten Stellen laut auflachen. Die Dialoge der Dillroth mit dem Burgschauspieler, die „Kindermannsche Schrift“, die Herausnahme des Unterkiefers, die dazugehörigen Gesten, die scheinbare Wichtigkeit, das elitäre Denken, trotz oder gerade wegen dem reaktionären Weltbild der Protagonisten, all das habe ich jeweils ganz konkret mit entsprechenden realen Personen vor Augen.

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  2. 20. Februar 2017 16:36

    Sehr schön. Vor allem dieser Satz ist waschechter Bernhard:

    „Wenn die Burgschauspieler sehen würden, wie miserabel sie Theater spielen, müssten sie sich doch alle umbringen.“

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    • 21. Februar 2017 16:08

      Thomas Bernhards Holzfällen habe ich einige Male gelesen und die Uraufführung seinerzeit in Salzburg gesehen. Es ist für mich immer wieder faszinierend wie die Personen aus Holzfällen mit ihren Charakteren, Ansichten, Selbstüberschätzungen und ihrer elitären Wichtigtuerei übertragbar sind auf reale Personen unserer Zeit. Thomas Bernhard war nicht nur ein Meister des Wortes, der gnadenlosen Beschreibung, manchmal denke ich er war ein Prophet, im allerbesten Sinne und mit einem Augenzwinkern versteht sich.

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      • 21. Februar 2017 16:49

        Thomas Bernhard war ja bis zu seinem Tod der verhassteste Schriftsteller des Landes. Obwohl seine Verbalinjurien gegen Österreich, die neonazistische Gesellschaft und die Katholische Kirche heute etwas übertrieben klingen, und in ihrer Schärfe auch oft unverständlich sind, haben seine Bücher und Theaterstücke das Land besser gemacht.
        Nach der Uraufführung von „Heldenplatz“ 1988 konnte niemand sagen, das Thema der österreichischen Nazivergangenheit interessiere ihn oder sie nicht. Ich war ja damals noch ein Schüler und so ziemlich jeder Mensch hatte eine Meinung dazu. Bernhard hat viele Menschen dazu gebracht sich mit der Nazigeschichte besser auseinander zu setzen, genau wie Waldheim übrigens.
        Dank der „Kronenzeitung“ und ihrer systematischen Denunziation der Bernhard’schen Prosa war das Stück ein Riesenaufreger und die beste PR, die ein Autor sich nur wünschen kann.

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      • 21. Februar 2017 17:18

        Mit Thomas Bernhard habe ich mich sehr viel auseinandergesetzt, viele Bücher von ihm gelesen. Ich liebe seine Sprache, seine Übertreibungen, seinen Witz und seine erbarmungslose Abrechnung mit allen möglichen Ideologien und Haltungen. Seine Abrechnung mit dem Islamismus unserer Zeit, würde Thomas Bernhard noch leben, wäre mit Sicherheit gnadenlos. Seine Kindheit verbrachte Bernhard ganz in meiner Nähe, als Jugendlicher gab es einige Berührungspunkte, die mir damals nicht bewusst waren. Erst im letzten Jahr besuchte ich in Ohsldorf bei Gmunden den Vierkanthof von Thomas Bernhard.

        Stimmt, Heldenplatz und Holzfällen waren die Riesenaufreger, aber auch wegen seiner autobiographischen Schriften gab es massiven Ärger. Die gerichtliche Beschlagnahme von Holzfällen sucht nach wie vor seinesgleichen. Ab Minute 41- Die Ehrenbeleidigungsklage:

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  3. Ludwig Well permalink
    21. Februar 2017 16:10

    Die Schriftsteller sind Übertreibungsspezialisten. Thomas Bernhard

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  4. 21. Februar 2017 16:18

    Vielen Dank für diese Wildente!
    Vom ersten bis zum letzten Satz ein einziger Genuss.

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  5. 21. Februar 2017 17:19

    Der Halbbruder von Thomas Bernhard, der Arzt Peter Fabjan betreute Bernhard in dessen letzten Lebensjahren wegen seiner unheilbaren Krankheit. Im Gespräch mit Suhrkamp-Cheflektor Raimund Fellinger berichtet Peter Fabjan über seinen Bruder Thomas Bernhard, das Erbe und die Häuser:

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  6. 21. Februar 2017 17:20

    Hier noch das legendäre Interview mit Krista Fleischmann von 1986 – Die Ursache bin ich selbst:

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    • 22. Februar 2017 21:13

      Er war schon ziemlich mühsam, so als Mensch mein ich.
      Seine manchmal sehr selbstgefällig wirkenden Bemerkungen ins Leere, die er mit einem „Nähn?“ abschließt, als ob er gerade was besonders Geistreiches gesagt hätte und eigentlich mehr dazu dienen zu signalisieren, dass er jetzt eigentlich keine Lust hat irgendwas Sinnvolles zu sagen, das überträgt er oft direkt in die Sprache seiner Bücher.
      Ein echt schwer auszuhaltender Grantscherben, wie man auf Wienerisch sagt.

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    • 23. Februar 2017 10:15

      Keine Frage, Thomas Bernhard war ein sehr, sehr schwieriger Mensch.

      Sein Vater hat seine Mutter bei seiner Geburt sitzengelassen. Bernhard sah seinem Vater nie, ihm aber extrem ähnlich, seine Mutter wurde also immer an den „Halunken“ erinnert und sie lies dies seinen Sohn spüren. Der Bettnässer Thomas Bernhard wurde mit den beinahe täglich gewaschenen und öffentlich ausgestellten Bettlacken und mit mütterlichen Aussagen wie „du hast mir gerade noch gefehlt“ von seiner Mutter gedemütigt (Ein Kind, Die Ursache). Noch nicht erwachsen sah Bernhard wegen seiner Lungenerkrankung in den Tod. Er war schon im Zimmer der Sterbenden, beschloss aber weiterzuleben (Die Kälte, Der Atem). Zehn Jahre vor seinem Tod hatte er die Gewissheit eine unheilbare Krankheit zu haben. Der Tod ist das große Thema in Bernhards Werk. „Im Angesicht des Todes ist alles lächerlich“(Bernhard).

      Der Skandal um Holzfällen ist beispielgebend für Bernhards Werk. Thomas Bernhard lebte in jungen Jahren im Anwesen der Lampersberger. Der Komponist Lampersberger förderte alle möglichen jungen Künstler, so wurde auch er von dem Ehepaar gefördert. 1960 kam es zum Bruch. Beim Frühstück eröffnete er dem Ehepaar wie verdorben und ekelhaft es sei, dabei klärte Bernhard die Eheleute Lampersberger über sein sexuelles, bis dahin geheimes Verhältnis zu beiden Eheleuten auf. Darauf wurde Bernhard unverzüglich des Hauses verwiesen. Nach fünfundzwanzig Jahren trafen sich die Eheleute und Thomas Bernhard in Wien in der Kärntnerstrasse und luden ihn zu dem besagten „künstlerischen Abendessen“ ein. Die ganze Geschichte um Holzfällen ist unfassbar und der Wortwitz und die Genialität der verschachtelten Sätze mit ihren Übertreibungen in beide Richtungen aus meiner Sicht unerreicht.

      Der Charakter von Bernhard wird beispielsweise auch sehr schön in dem Briefwechsel zwischen ihm und Siegfried Unseld beschrieben. Der Briefwechsel wurde bei einer Lesung mit Gert Voss und Peter Simonischek im Burgtheater Wien aufgeführt.

      Der Humor, der Wortwitz all das spricht mich einfach an. Ich habe zwar noch nicht alles von ihm gelesen, aber Bernhards Gesamtwerk steht bei mir im Bücherregal. Neben der Auslöschung und Holzfällen empfehle ich sehr gerne die Ursache und ein Kind. Als ich die Ursache das erste Mal vor rund 35 Jahren gelesen habe, hatte ich Tränen in den Augen, nicht vor Lachen versteht sich.

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  7. 21. Februar 2017 18:35

    Was denn nun die schwierigere Rolle ist, der Ekdal oder der Edgar. Dieser ewige Dialog gefiel mir am besten. Was soll ich sagen. Klasse!

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    • 23. Februar 2017 18:18

      Die Lieblingsrolle während der Kartoffelsuppe.

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    • 24. Februar 2017 17:50

      … wegen eines Burgschauspielers, in dessen Barthaaren sich jetzt, da er seine Kartoffelsuppe mit der größten Geschwindigkeit, also wie ausgehungert, halb ausgelöffelt hatte, diese Kartoffelsuppe verfangen hatte. Der Ekdal, sagte er und löffelte die Suppe, der Ekdal ist schon jahrzehntelang meine Wunschrolle gewesen, und er sagte, wieder Suppe löffelnd, und zwar alle zwei Wörter einen Löffel Suppe nehmend, also er sagte der Ekdal und löffelte Suppe und sagte war schon und löffelte Suppe und immer meine und löffelte Suppe und sagte Lieblingsrolle gewesen …

      lol

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  8. Paul Melchior permalink
    21. Februar 2017 18:40

    Viel Text ,doch nie langweilig, im Gegenteil, hab viel gelacht.
    Aber, wer ist denn nur dieser Solowinski?

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  9. 22. Februar 2017 11:02

    1970 wollte Thomas Bernhard, dem „Anti-Intellektuellen“, also der österreichischen Landbevölkerung sein Buch Das Kalkwerk näherbringen. Er lud in Ohlsdorf oder war es Gmunden, zu seiner Lesung des Kalkwerkes ein. Die Zuhörer nahmen die Einladung an und erschienen in festlicher Tracht. Ausgerechnet das Kalkwerk!

    Das Kalkwerk gehört zu den härtesten Stücken von Bernhard. Ein Konrad lebt mit seiner behinderten im Rollstuhl sitzenden Frau in einem Kalkwerk. Konrad arbeitet an einer Studie über das Gehör, die er niemals niederschreiben wird und Konrad quält seine Frau bis er sie ermordet. So experimentiert Konrad mit dem Gehör seiner hilflosen Frau indem er ihr beispielsweise aus verschiedenen Richtungen, mit verschiedenen Intonationen den Satz Man macht sich an den Menschen nur schmutzig vorsagt. Ein anderes mal bekommt sie von ihm tagelang nur Worte mit o, mit u zu hören, allein mit dem Wort Rinnsal experimentiert er zehn Jahre lang. Das Kalkwerk sollte nur lesen wer auch nicht einmal im Ansatz selbstmordgefährdet ist.

    Thomas Bernhard liest in Wien aus seinem Roman „Das Kalkwerk“

    Im Übrigen sind die Monologe auf Mallorca von
    Thomas Bernhard aufgenommen von Krista Fleischmann sehr empfehlenswert:

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  10. 7. März 2017 16:06

    „Der Solowinski, den Juliette Dillroth allen Ernstes als einen Novalis des Antirassismus bezeichnet hat, war längst unzurechnungsfähig gewesen und lallte von Zeit zu Zeit nur mehr noch unverständliches, nachdem er um viertel nach vier Uhr nachts, wahrscheinlich um ein letztes Mal die Aufmerksamkeit der Gesellschaft im Musikzimmer auf sich zu ziehen, urplötzlich sein Unterkiefergebiss aus dem Mund genommen und dem Burgschauspieler wie eine Trophäe vor das Gesicht gehalten hat mit der Bemerkung, dieser Bretmbrgrrr, dieser philosemitische Moslemhasser, denunziatorische Trottel und sentimentale Schwätzer mit seinem Idiotenscheiß gehört weggesperrt in die Gummizelle, was den Burgschauspieler mehrere Male das Wort geschmacklos hatte sagen lassen, während der Solowinski sein Gebiss wieder in seinen Mund zurücksteckte, die Solowinski aber naturgemäß wieder einmal in ihrem Sessel aufspringen hatte lassen in der Absicht, ihren Mann aus dem Musikzimmer in das Schlafzimmer zu befördern, was ihr aber wieder nicht gelungen war; der Solowinski drohte seiner Frau mit dem Umbringen und stieß sie weg, so dass sie gegen den Burgschauspieler stolperte, der sie aber aufgefangen und in seine Arme genommen hat.“

    Mannomann wenn ich sowas hören tu. Ich kenn so Leute vom meiner Pommesbude. Permanent prall und auf großen Macker tun. Dicke Hose und nix dahinter. Auf jeden Fall würde mich dieser Solowinsky problemlos unter den Tisch saufen. Da kriechste Bauchschmerzen von. Naja wers mag.

    Grüße aus Wanne
    Euer Erwin

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