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Karl Marx und die „Judenfrage“

24. Oktober 2017

Linker Antisemitismus, antisemitische Sozialisten, Antiimperialisten oder Kommunisten waren und sind fassungslos machende Phänomene der letzten  Jahrhunderte. Die antisemitischen Spiegel-Kolumnen eines Jakob Augstein, die judenfeindlichen Aussagen oder Taten diverser bundesdeutscher Politiker der Linkspartei, von Annette Groth bis Inge Höger oder Antiimperialisten von Ulrike Meinhof bis Wilfried Böse, KPD-Politikern der Weimarer Republik, von Ruth Fischer bis Karl Radek, sozialdemokratischen Theoretikern wie Karl Kautsky, Stalinisten wie Major Smolá bis zurück zu den Frühsozialisten Pierre Joseph Proudhon, Charles Fourier oder den Anarchisten Michail Bakunin sind beispielgebende traurige Beweise für diesen Tatbestand. Zum Slánský-Prozess 1951 in der CSSR berichtet der ehemalige stellvertretende tschechoslowakische Außenminister Arthur London, damals selbst jüdischer Mitangeklagter,  über die Methoden des kommunistischen Staatsanwalts Smolá: „Er packte mich an der Gurgel und brüllte: Sie und Ihre dreckige Rasse, wir werden sie schon noch ausrotten. Nicht alles, was Hitler getan hat, war richtig, aber er hat die Juden vernichtet, und das war gut! Es sind noch viel zu viele von euch der Gaskammer entkommen.“ Das ZK-Mitglied Ruth Fischer agitierte am 25. Juli 1923 auf einer Versammlung von kommunistischen StudentInnen, zu denen auch völkische Kommilitonen eingeladen waren: „Sie rufen auf gegen das Judenkapital, meine Herren? Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber, meine Herren, wie stehen Sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner?“   Der führende Theoretiker der Sozialdemokratie Karl Kautsky fasste bereits 1914 in seiner Schrift „Rasse und Judentum“ alle seinerzeit von sozialistischer Seite gegen den Zionismus vorgebrachten „Argumente“ zusammen. Nach dem Pogrom von Kischinew erklärte Kautsky, dass neben dem revolutionären Denken der Volksmassen, „die Auflösung des Judentums“ das beste Mittel gegen den Antisemitismus sei. Der französische Frühsozialist Carles Fourier bezeichnete die Juden als Parasiten, deren Emanzipation „der beschämendste aller gesellschaftlichen Fehler“ gewesen sei. Pierre Joseph Proudhon, Zinskritiker und ebenfalls ein Frühsozialist verlangte, alle Juden aus Frankreich zu vertreiben und der russische Anarchist Michail Bakunin nannte die Juden eine ausbeuterische Sekte, ein blutsaugendes Volk, alles verschlingende Parasiten die einander fest verbunden sind.

Den einflussreichsten Versuch, den „linken Antisemitismus“ ideengeschichtlich herzuleiten, unternahm der Historiker Edmund Silberner in seinem 1962 erschienenen Buch „Sozialisten zur Judenfrage.“ Edmund Silberner behauptet in seinem Werk, dass vor allem Karl Marx der Wegbereiter, insbesondere seine Schrift „Zur Judenfrage“, für einen eigenständigen sozialistischen Antisemitismus war. Der Soziologe Thomas Haury belegt in seinem Standardwerk „Antisemitismus von links“, dass der Antisemitismusvorwurf gegenüber Marx nicht gerechtfertigt ist und er widerlegt die Behauptung Silberners, die Marxsche Schrift habe einen prägenden Einfluss auf die Stellung der sozialistischen Bewegung zu jüdischen Fragen ausgeübt. Bei der Analyse der verschiedenen Aussagen von Sozialisten oder Linken zu Juden, Zionismus und Antisemitismus, bei der Frage nach deren antisemitischem Gehalt wie nach den Ursachen dieses Antisemitismus zeigt sich, dass hierfür das jeweilige Weltbild und die jeweiligen Grundstrukturen zu den Grundmustern antisemitischen und nationalistischen Denkens und die Definition des Antisemitismus von großer Bedeutung sind.

Ab dem Jahr 1840 wurde im Rheinland die Gleichstellung der Juden öffentlich breit diskutiert. Innerhalb der liberalen Rheinischen Zeitung wurde diese Gleichstellung von Karl Marx, dem Chefredakteur der Zeitung, als ein Schritt zur allgemeinen Freiheit eindeutig unterstützt. Der deutsche Philosoph und Wirtschaftstheoretiker Karl Marx  (5. Mai 1818 in Trier – 14. März 1883 in London) war ein Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft und der Religion. Der junge Karl Marx radikalisierte sich zwischen 1843 bis 1846 von einem Kritiker der politischen Verhältnisse zu einem radikalen Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft. Die Entstehung seiner materialistischen Gesellschaftstheorie war erst am Beginn, wie seine Kritik an den Hegelschen und junghegelschen Denkweisen. Vorläufiger Höhepunkt dieser Entwicklung war 1846 seine Schrift „Die deutsche Ideologie“ mit seiner Verurteilung der damaligen deutschen Philosophie von Ludwig Feuerbach bis Max Stirner.“

Der linke Junghegelianer und antisemitische Religionskritiker Bruno Bauer veröffentlichte 1843 seine antijüdische Schrift „Die Judenfrage“. Bruno Bauer spricht sich darin gegen die politische Emanzipation der Juden aus, solange sie nicht ihren Sonderglauben aufgeben würden. Laut Bruno Bauer hätten die Juden in der Vergangenheit nur deshalb zu leiden gehabt, weil sie dem menschlichen Fortschritt feindlich gegenübergestanden und sich der Gesellschaft, in deren Mitte sie lebten, nicht hatten anpassen wollen.  Egoismus und Hochmut machten laut Bauer die Juden glauben, sie hätten ein Recht auf Privilegien, sie seien kein wirkliches Volk, sondern nur ein „Volk der Schimäre.“ In einem weiteren  Essay, „Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden“, versucht Bauer die jüdische Emanzipation mit der der Menschheit überhaupt in Zusammenhang zu bringen. Er stellt das Christentum als den vollendeten Religionstypus und das Judentum als eine niedrigere Glaubensform dar. Um ein freier Mensch zu werden, habe der Christ laut Bauer nur sein Christentum, der Jude dagegen sich „ganz und gar“ aufzugeben. Bruno Bauer meinte: „Wie die Götter Epikurs in den Zwischenräumen der Welt wohnen, [..] so haben sich die Juden [..] in den Ritzen und Spalten der bürgerlichen Gesellschaft eingenistet.“

1843 verfasste Karl Marx die Rezension zu Bruno Bauers Schriften „Zur Judenfrage“. Der erste Teil der kritischen Replik bezieht sich auf Bauers Abhandlung „Die Judenfrage.“ Das Hauptargument in der Frühschrift von Karl Marx gegen Bauer war, dass dieser die Frage nach der Emanzipation ausschließlich religiös und von daher falsch stelle. Der behauptete Widerspruch zwischen Judentum und Christentum macht ein gesellschaftlich praktisches zu einem religiös-idealistischen Problem und verkenne daher das Wesen des modernen politischen Staates als auch jenes der politischen Emanzipation. Am Beispiel der USA erklärt Marx, dass dieser politische Staat keineswegs Religionen zum Verschwinden bringe, sondern ganz im Sinne der Menschenrechte, lediglich zur Privatsache der Bürger wird.

Der zweite Teil der Marxschen Schrift, der weniger als ein Viertel des Artikels ausmacht, bezieht sich auf Bauers Aufsatz „Die Fähigkeit der heutigen Juden und Christen, frei zu werden“ und bezieht sich zudem aber auch immer wieder auf Bauers „Die Judenfrage.“ Bauer stellt die Frage ob der Christ oder der Jude emanzipationsfähiger sei. Die Kritik des Christentums führe laut Bauer zur generellen Auflösung von Religion, während die Juden „tief unter dieser Möglichkeit der Freiheit“ stünden. Auch hier bricht Marx mit der Bauerschen  Fassung und wendet seine gerade entwickelte Methode der Kritik auf das Judentum selbst an. Da Religion als „verkehrtes Weltbewusstsein“ nicht Ursache, sondern gerade Produkt einer „verkehrten Welt“ sei, müsse auch die jüdische Religion Produkt des konkreten Daseins der Juden sein, das Wesen des Judentums  gesellschaftlich gefasst werden. Marx will nicht den idealen „Sabbatjuden“ sondern den „wirklichen, weltlichen“, den „Alltagsjuden“ betrachten.

Thomas Haury schreibt zum zweiten Teil der Marxschen „Judenfrage“: „In den darauffolgenden Gedankengängen der sieben letzten Seiten des Textes finden sich alle jene Formulierungen, die von Silberner und anderen Autoren zitiert werden: „Welches ist der weltliche Grund des Judentums? Das praktische Bedürfnis, der Eigennutz. Welches ist der weltliche Kultus des Juden? Der Schacher. Welches ist sein weltlicher Gott? Das Geld.“ „Die chimärische Nationalität des Juden ist die Nationalität des Kaufmanns, überhaupt des Geldmenschen.“ Dieses praktische Leben drücke sich auch in den Grundlagen der jüdischen Religion aus: „Welches war an und für sich die Grundlage der jüdischen Religion? Das praktische Bedürfnis, der Egoismus. […] Der Gott des praktischen Bedürfnisses und Eigennutzes ist das Geld. Das Geld ist der eifrige Gott Israels […] Der Gott der Juden hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden.“ Denn „das Judentum erreicht seinen Höhepunkt mit der Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft; aber die bürgerliche Gesellschaft vollendet sich erst in der christlichen Welt. Nur unter der Herrschaft des Christentums, welches alle nationalen, natürlichen, sittlichen, theoretischen Verhältnisse dem Menschen äußerlich macht, konnte die bürgerliche Gesellschaft sich vollständig vom Staatsleben trennen, alle Gattungsbande des Menschen zerreißen, den Egoismus, das eigennützige Bedürfnis an die Stelle dieser Gattungsbande setzen, die Menschenwelt in eine Welt atomistischer, feindlich sich gegenüberstehender Individuen auflösen.“ Doch damit ist „der Jude, der als ein besonderes Glied in der bürgerlichen Gesellschaft steht, [. .] nur die besondere Erscheinung von dem Judentum der bürgerlichen Gesellschaft […] Aus ihren eignen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden.“

Zur Emanzipation der Juden behauptet Marx: „Der Jude hat sich auf jüdische Weise emanzipiert, nicht nur, indem er sich die Geldmacht angeeignet, sondern indem durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht und der praktische Judengeist zum praktischen Geist der christlichen Völker geworden ist.“ An diesem Punkt verbindet Marx seine Auffassung, Schacher und Geld seien die Ursachen der Auflösung der Gesellschaft und der Selbstentfremdung „menschlichen Menschen, mit seinen Gedanken einer menschlichen Emanzipation“ aus Teil I und fügt beide Argumentationsstränge zu dem scheinbar schlüssigen, apodiktischen Fazit zusammen: „Die Emanzipation von Schacher und vom Geld, also vom praktischen, realen Judentum wäre die unserer Zeit.“ Die Schrift schließt mit den immer wieder zitierten und interpretierten Sätzen: „Sobald es der Gesellschaft gelingt, das empirische Wesen des Judentums, den Schacher und seine Voraussetzungen, aufzuheben, ist der Jude unmöglich geworden, weil die subjektive Basis des Judentums, weil das praktische Bedürfnis vermenschlicht, weil der Konflikt der individuell-sinnlichen Existenz mit der Gattungsexistenz des Menschen aufgehoben ist. Die gesellschaftliche Emanzipation des Juden ist die Emanzipation der Gesellschaft vom Judentum.“

Edmund Silberner mit seiner eigenen Antisemitismusauffassung bezeichnet Marx vor allem wegen seiner Schrift „Zur Judenfrage“ als „ausgesprochenen Antisemiten.“ Thomas Haury weist darauf hin, dass bei Silberner, wie bei den Autoren die ihm folgen, eine Antisemitismus-Definition nicht existent ist. Thomas Haury bemerkt dazu, dass bei Marx nahezu alle Bestimmungsmomente des modernen Antisemitismus fehlen und begründet dies so:

„Dies gilt zum einen auf der Ebene der Inhalte: Marx macht „die Juden“ oder „das Judentum“ weder historisch noch moralisch für „Geld“ oder „Schacher“ verantwortlich, noch wird die bürgerliche Gesellschaft als Produkt der Juden behauptet. „Das Judentum erreicht seinen Höhepunkt mit der Vollendung der bürgerlichen Gesellschaft; aber die bürgerliche Gesellschaft vollendet sich erst in der christlichen Welt. Nur unter der Herrschaft des Christentums […] konnte die bürgerliche Gesellschaft […] alle Gattungsbande des Menschen zerreißen, den Egoismus, das eigennützige Bedürfnis an die Stelle dieser Gattungsbande setzen.“ Es ist die bürgerliche Gesellschaft, die Marx kritisieren und verändern will. Auch stellt Marx „den Juden“ in keiner Form als mächtigen Feind, als „wahren Herrscher“, Verschwörer oder Drahtzieher im Hintergrund dar.“ Vielmehr schreibt Marx, dass „durch ihn und ohne ihn das Geld zur Weltmacht“ geworden sei.  An keiner Stelle stellt Marx in irgendeiner Weise die Frage nach der Schuld von Personen oder Kollektiven, geschweige denn weist er diese den Juden oder der jüdischen Religion zu. „Der Jude, der als ein besonderes Glied der bürgerlichen Gesellschaft steht, ist nur die besondere Erscheinung von dem Judentum der bürgerlichen Gesellschaft. […] Aus ihren eignen Eingeweiden erzeugt die bürgerliche Gesellschaft fortwährend den Juden.“

Insbesondere auf der Ebene der Denkstrukturen finden sich, wie aus diesen Zitaten deutlich wird, bei Marx gerade nicht die Kennzeichen des modernen Antisemitismus. Weder personifiziert der Jude die Moderne noch behauptet Marx eine jüdische Weltverschwörung. Ebenso findet sich bei ihm auch keinerlei Manichäismus, der alle Erscheinungen binär in wesensmäßig Gutes oder Böses einteilt, identitäre Kollektive konstruiert und hierzu etwa „Deutsche“ oder Christen „den Juden“ gegenüberstellt. Noch weniger kann Marx unterstellt werden, er suche nach einer deutschen „nationalen Identität“ und benutze daher „die Juden“ als Feindbild, um durch ihre Bekämpfung ein „deutsches Volk“ zu formieren und die Einheit von diesem und einem „deutschen Volksstaat“ herzustellen. Folgerichtig findet sich bei Marx auch nirgends eine Andeutung, dass die Juden als Juden zu bekämpfen seien (vielmehr bezog Marx im Gegensatz zu Bauer eindeutig Position für die politische Emanzipation der Juden; 1843 hatte er ein dahingehendes Bittgesuch unterstützt). Es ist aber gerade ein zentrales Kennzeichen des modernen Antisemitismus, dass er durch Maßnahmen gegen die Juden — Rücknahme der Emanzipation, Diskriminierung, Vertreibung oder gar Vernichtung — die zentralen gesellschaftlichen Probleme lösen zu können behauptet. Marx aber wollte klar die Gesellschaft selbst, die Beziehungen der Menschen zueinander grundlegend ändern.

Der Unterschied wird nicht nur augenfällig bei der Betrachtung zeitgenössischer Schriften des Früh-Antisemitismus, in denen die Juden als Feinde konstruiert und ihre Vertreibung, Vernichtung oder gar Ausrottung gefordert wird. Auch im Vergleich mit den judenfeindlichen Äußerungen von Frühsozialisten oder Anarchisten wird dies deutlich. Bei ihnen fungieren die Juden eindeutig nicht nur als Chiffre für Geld, sondern als Personifizierung von Ausbeutung und geheimer Herrschaft; Schuldzuweisung, Verschwörungstheorie und Manichäismus sind ebenso offensichtlich wie die bis zu Ausrottungsmetaphern gehende Aggression gegen die als absoluten Feind konstruierte Gruppe.“

Marx benutzt an mehreren Stellen die Juden als Chiffre um beispielsweise die von ihm behauptete Entfremdung zu erkennen. Die Ursache der Entfremdung sah Marx zu der Zeit noch nicht im Kapitalismus, sondern in „Geld und Schacher“, also in der Zirkulation. Das Judenstereotyp in den Schriften von Marx war nach seiner Wendung zur materialistischen Gesellschaftstheorie und seiner Analyse, dass nicht die Sphäre der Zirkulation, sondern jene der Produktion die Basis von Kapitalismus und  Ausbeutung bilde, nie wieder von Bedeutung.  So macht sich Marx beispielsweise im 3. Band des Kapitals über die Zinskritik von Pierre Joseph Proudhon lustig. Abgesehen von dem Anlass, Bauer zu kritisieren, waren Juden im Denken von Marx ganz einfach unwichtig. Rezeptionsgeschichtliche Untersuchungen belegen zudem eine marginale Verbreitung sowie einen geringen Einfluss des frühen Marxschen Textes auf Theorie wie Politik der Arbeiterbewegung. Die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“, in denen „Die Judenfrage“ 1844 erschien, wurden größtenteils beschlagnahmt und galten als verschollen.  In kleiner Auflage wurde „Die Judenfrage“ zwar nachgedruckt, ungleich populärer war allerdings der Brief von Friedrich Engels „Über den Antisemitismus“ in dem er sich gegen die Gleichsetzung von Juden und Kapital wandte und auf die tausenden jüdischen Proletarier verwies, die in elendsten Verhältnissen lebten.

Für Thomas Haury ist der Text von Marx weder antisemitisch noch fand er eine erwähnenswerte Verbreitung. Für den linken Antisemitismus, für die Ausbildung des antisemitischen Antizionismus, waren, ohne die Affinitäten von Marxismus-Leninismus und Antisemitismus zu negieren, ganz andere Faktoren als der Marxsche Text „Zur Judenfrage“ maßgeblich. Der philosophiegeschichtliche Kontext, der in nicht leicht zugänglicher junghegelianischen Diktion verfassten Schrift, sollte berücksichtigt werden. Auf der anderen Seite führt das Bestreben Marx bezüglich seiner Frühschrift bedingungslos zu verteidigen zu einer genauso undifferenzierten Sichtweise. Zu kritisieren ist Marx in jedem Fall dafür,  dass er absolut kritiklos die zeitgenössischen judenfeindlichen Stereotype für seine politischen und philosophischen Zwecke benutzt hat. Marx kritisiert nicht den Inhalt des judenfeindlichen Bildes der jüdischen Religion, als Religion des Egoismus, sondern führt mit diesen Bildern auf die ökonomische Praxis „der Juden“ hin. Dem jungen Marx war vermutlich nicht bewusst, dass sein Bild von der jüdischen Religion von einem gemeinsamen Dritten, dem Stereotyp der Verbindung Juden-Schacher bestimmt ist. Laut Thomas Haury besticht „Die Judenfrage“ durch die virtuose Handhabung dialektischer Denkfiguren, durch ihren apodiktisch-thetischen Charakter und ihren gelungenen Chiasmen: „Die Überlegenheit von Marx‘ Methode der „materialistischen Umstülpung“ schien augenfällig, reproduzierte und bestätigte aber realiter die judenfeindlichen Stereotype, unabhängig von Marx‘ eigentlichen Intentionen, zugleich eine kritische Erkenntnis der bürgerlichen Gesellschaft und eine Erkenntniskritik der idealistischen junghegelianischen Philosophie zu leisten.“

Quellen: Thomas Haury – Antisemitismus von links ; Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR | Edmund Silberner – Sozialisten zur Judenfrage | Karl Marx – Zur Judenfrage | Bruno Bauer – Die Judenfrage

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch+Fleisch

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11 Kommentare leave one →
  1. 24. Oktober 2017 14:29

    Super, dass du es geschafft hast wieder einen Beitrag unter zu bringen.

    Ich finde die Idee von Haury und dir ganz auf der Ebene der Sprache zu agieren und vor allem das was Marx nicht sagt zu untersuchen sehr interessant.
    Marx war – und das stimmt natürlich – kein Antisemit, weil ihm die Gemütslage von Antisemiten überall jüdische Verschwörungen zu sehen völlig fremd war. Die Formulierungen in der „Judenfrage“ sind deshalb heute besonders verstörend, weil wir in einer historischen Phase nach der Shoah leben und uns die tödliche Dimension simpler Stereotype viel mehr bewusst ist. Es gibt auch von Rosa Luxemburg sehr verächtliche Bemerkungen über die osteuropäischen Juden, aber auch Leute wie Freud hatten so ihre Ressentiments über die Emigranten aus der galizischen Provinz.

    Marx und Engels, auch das muss man sagen, sparten nicht mit antisemitischen Bemerkungen und Klischees in ihren Briefwechseln wenn sie über Dritte herzogen. Lasalle wurde von Marx einmal ganz verächtlich als „jüdischer Nigger“ bezeichnet und auch Engels konnte sich bei solchen Gelegenheiten nicht zurück halten. Aber dies waren private Konversationen, die vermutlich wenig Aufsehen in dieser Zeit erregt hätten.

    Die interessante Frage, die man sich allerdings stellen sollte ist, ob Marx auch ein Anti-Zionist gewesen wäre. Seien Ablehnung eines jüdischen Nationalismus in Deutschland würde das zumindest nahe legen. Es steht sich auch die Frage, ob Marx mit dem Wissen eines post-Shoah Zustands diese Ablehnung aufrecht erhalten hätte.

    Dies ist auch ein Punkt, bei dem es um die innermarxistischen Rivalitäten zwischen Anti-Imps und Anti-Deutschen geht. Wäre Marx eher Anti Imperialist oder eher Anti-Deutscher gewesen?

    Gefällt 6 Personen

    • 24. Oktober 2017 17:12

      Vielen Dank für deinen Kommentar, Jurek.
      Über Marx und seine Judenfrage sind wir uns einig, ich teile deine Einschätzung.
      Marx verwendet zweifellos in dem Text „Zur Judenfrage“ antisemitische Stereotype und er benutzt diese ohne Skrupel für seine Erkenntniskritik und trotzdem ist er kein Antisemit. Die antisemitischen Bemerkungen und Klischees in den Briefwechseln sind mir aus dem Buch von Silberner bekannt, laut Haury sind zwar nicht alle belegt, aber verstörend sind sie in jedem Fall, wie du es schön formulierst.

      Deine Frage ob Marx mit dem Wissen eines Post-Shoah Zustands heute ein Antizionist wäre ist sehr interessant, aber freilich schwer zu beantworten. Zum einen ist es schon länger her dass ich mich mit Marx beschäftigt habe, gelesen habe ich in erster Linie die Schriften über seine Kritik an der politischen Ökonomie, bei seinen philosophischen Schriften bin ich nicht gerade sattelfest, bekanntlich hat sich Marx zu Juden und Antisemitismus kaum geäußert, ich würde dem heutigen Marx aus dem Bauch heraus eine proisraelische Position zutrauen, ohne das aber irgendwie belegen zu können.

      Aber vielleicht hast du Anhaltspunkte ob der heutige Marx eher Anti-Imperialist oder eher Anti-Deutscher wäre?

      Gefällt 2 Personen

      • 24. Oktober 2017 17:49

        Na ja, die Frage hab ich aufgeworfen, weil ich wissen wollte ob es da überhaupt Meinungen und begründete Theorien gibt. Meinem Gefühl nach wäre Marx heute eher Anti-Zionist, allerdings einer der ruhigen Sorte. Er war jedenfalls kein Anti-Imp im heutigen Sinne. Er begrüßte die Abschaffung der Sklaverei durch britische und amerikanische Marineeinheiten und sagt einmal, dass der englische Kolonialismus in Indien „die soziale einzige Revolution“ gewesen sei, die jemals auf asiatischem Boden statt gefunden hätte.
        Das Schwierige an der ursprünglichen Frage ist, dass sowohl Anti-Imps als auch Anti-Deutsche sich auf Marx berufen und dafür auf entsprechende Belege vorweisen können. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er keine Freund der Sowjetunion gewesen wäre hätte er ihre Entwicklung verfolgen können. Das Problem des akademischen Marxismus ist, dass er sich um solche Fragen sehr gekonnt herum drückt. Das gilt für Trotzkisten, Althusserianer oder auch klassische Marxismen. Der einzige zeitgenössische Philosoph, der mir heute einfiele was Antworten auf schwierige Fragen betrifft, ist der Berliner Wolfgang Fritz Haug und sein Argument Verlag. Seine Texte zur Automatisierung und seinen Sicht auf die Globalisierung haben mir sehr gefallen, obwohl ich heute die Anti-Imp Passagen nicht wirklich lesen kann. Negri macht mir gar keinen Spass mehr, auch Althusser ist mühsam und Marx Werke selbst haben noch diesen schweren Schleier über sich, die es schwer macht das aufs Heute umzulegen.

        Der Grund warum wir diese Frage überhaupt stellen, ist dass der klassische Marxismus klinisch tot ist und solche Fragen, die auch die eigenen Identität betreffen gar nicht stellen kann. Dabei wäre eine Marx Interpretation heute sehr wichtig, die sich den Fragen der Zeit stellen kann. Engels z.B. der in einem Text über das Urchristentum in einer Fußnote über den Islam geschrieben hat, er wäre eine Religion die sich ständig in kreisen bewegt und keine wirkliche Veränderung der Eigentumsverhältnisse herbei führen würde, wäre heute ein islamophober Rassist, genau wie Marx natürlich. Auch der Vorwurf „orientalistischer“ Sichtwiesen ließe sich da locker beweisen.

        Es ist seltsam, dass das von den postmodernen Theoriepaketen nicht einmal im Ansatz bearbeitet worden ist.

        Gefällt 3 Personen

      • 25. Oktober 2017 14:09

        Deinen Kommentar habe ich gerne und zustimmend gelesen. Dass Marx insgesamt kein Freund der sowjetischen Politik, insbesondere des Stalinismus gewesen sein dürfte steht außer Frage. Interessant fand ich die Position von Engels zum Islam. Ich werde mal ein bisschen stöbern, vielleicht finde ich noch ein paar Passagen die noch etwas Licht ins Dunkel bringen.

        Gefällt 1 Person

  2. Toman Rolf permalink
    26. Oktober 2017 01:04

    Der Artikel hat mich beeindruckt.

    Ich wusste nicht gewusst, dass der Judenhass bei den alten Sozialisten und Kommunisten schon derartig verbreitet war.

    Gefällt 2 Personen

  3. Rex permalink
    26. Oktober 2017 10:08

    Danke vielmals für diesen informativen Artikel. Ergänzend sei noch gesagt, dass die Medienlandschaft in Deutschland wie besonders in Österreich nichts dagegen macht den Antisemitismus einzuengen. Ganz im Gegenteil.

    Gefällt 3 Personen

  4. SilviaJ permalink
    26. Oktober 2017 22:12

    Spannendes Thema.
    Linker Judenhass ist das ziemlich das Abgedrehste was es gibt.

    Danke

    Gefällt 3 Personen

  5. steinbaer permalink
    27. Oktober 2017 10:43

    Hervorragender Text. Ich beurteile Marx genau wie du.
    Marx benutzt antisemitische Stereotype, das liegt auf der Hand.
    Während der Entstehung des Textes war Marx noch nicht der Kritiker der politischen Ökonomie ist, wie wir ihn aus dem Kapital kennen.

    Gefällt 2 Personen

  6. 27. Oktober 2017 13:27

    Danke für den guten, lesenswerten Artikel!!

    In einem Beitrag aus dem Jahre 1927 nimmt der Sozialdemokrat Eduard Bernstein Karl Marx in Schutz, aus dessen Aufsatz „Zur Judenfrage“ Antisemiten derzeit Fragmente zitierten.

    http://schlamassel.blogsport.de/2012/02/25/karl-marx-und-die-juden/

    Gefällt 2 Personen

  7. Detlef zum Winkel permalink
    17. Dezember 2017 18:55

    Antisemitismus steckt meiner Meinung schon in der leider auch von Marx benutzten Wortschöpfung einer „Judenfrage“. Nicht nur die Judenfrage wurde zu seinen Lebzeiten heftig diskutiert, auch die deutsche Frage. Er ist aber nicht auf die Idee gekommen, von einer jüdischen Frage einerseits und einer Deutschenfrage andererseits zu reden, obwohl es eine verhältnismäßig leichte Übung in dialektischem Denken ist. Die Tücke dieser sprachlichen Wendungen liegt in den implizierten Bedeutungen über Objekt und Subjekt der jeweiligen „Fragen“. Mit der Judenfrage meint die deutsche Sprache nicht die jüdische Frage, über die auch in der jüdischen Community gesprochen wird und die von Juden zu lösen ist. Vielmehr meint sie mit der Judenfrage ein Problem, das in Gestalt der Juden auf den Deutschen lastet und von diesen beantwortet oder „gelöst“ werden müsse, früher durch Endlösung.

    Dies gibt mir die Gelegenheit, von einer Episode zu berichten, die es verdient öffentlich gemacht zu werden. Jean-Paul Sartres bedeutende Schrift „Réflexions sur la question juive“ (1946) erschien in deutscher Übersetzung zunächst beim Europa Verlag unter dem Titel „Betrachtungen zur Judenfrage“ (1948). Im Zuge der von Traugott König initiierten und geleiteten Herausgabe des Sartre Gesamtwerks durch Rowohlt wurden fast alle Schriften des französischen Philosophen übersetzt und neu übersetzt, weil die vorhandenen alten Übertragungen vom Denken und Stil der fünfziger Jahre geprägt waren und teilweise brachiale, sinnentstellende Fehler enthielten. Nach Königs Tod (1991) wurden die Réflexions als eines der letzten Bücher von Vincent von Wroblewski neu übersetzt. 1994 erschien der Band als „Überlegungen zur Judenfrage“.

    Damit war ausgerechnet der Titel, der die Notwendigkeit einer Neuübersetzung schon auf den ersten Blick offenbarte, beibehalten worden. Wroblewski, der mM eine gute und genaue Arbeit abgeliefert hat und der eine „question juive“ sehr wohl von einer „question des juifs“ zu unterscheiden wusste, trifft daran keine Schuld; die Entscheidung fällte der Rowohlt Verlag. Ich beschwerte mich bei dessen damaligem Leiter Michael Naumann und wies ihn auf die Absurdität hin, dass ein bahnbrechendes Werk über Antisemitismus auf deutsch unter einem Nazititel erscheint. Naumann schrieb zurück, er könne meine Argumentation nachvollziehen. Doch wolle er die Bedeutung eines Begriffs nicht den Nazis überlassen. Judenfrage sei schon im 19. Jahrhundert ein gängiges und nicht durchweg antisemitisch gemeintes Wort gewesen. Als Beweis verwies er auf Karl Marx.

    Wenn wir heute zu dem Schluss kommen, dass Marx kritiklos die zeitgenössischen judenfeindlichen Stereotype für seine politischen und philosophischen Zwecke benutzt hat, müssen wir registrieren, dass diese Tradition immer noch sehr lebendig ist. Naumann ist sicher kein Antisemit. Aber der honorige Rowohlt Verlag benutzt ebenfalls judenfeindliche Stereotype für seine verlegerischen Zwecke. Das ist Marktwirtschaft. Das Buch war so eingeführt worden, und dann bleibt man eben dabei. Aber der Autor hat unzweideutig von der „jüdischen Frage“ gesprochen. Der deutsche Titel ist also eine Fälschung, „fake“ wäre mir in diesem Fall zu milde.

    Gefällt 10 Personen

    • 18. Dezember 2017 12:22

      Lieber Detlef,

      vielen Dank für den informativen Kommentar, die Episode über den Rowohlt-Verlag und dem mehr als berechtigten Hinweis auf die „Tücke von sprachlichen Wendungen.“

      Der bezeichnende Diskurs zwischen Michael Nauman und dir zu Sartres Neuübersetzung ist für mich äußerst interessant und aufschlussreich.

      In meinem Bücherregal stehen noch die „Betrachtungen zur Judenfrage“ von Sartre, nach deinem Kommentar werde ich mir die Neuübersetzung „Überlegungen zur Judenfrage“ auch noch zulegen müssen.

      Gefällt 4 Personen

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