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Die Krise des Islam. In Memoriam Bernard Lewis (1916 – 2018)

25. Mai 2018

„I do not intend to offer any predictions of the future of Europe or of Islam, but one thing can legitimately be expected of the historian, and that is to identify trends and processes – to look at trends in the past, at what is continuing in the present, and therefore see the possibilities and choices that will face us in the future.”

(Bernard Lewis, Faith and Power)

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Im Frühjahr 1976 veröffentlichte der damals 60-jährige britische Nahostexperte Bernard Lewis, der erst vor kurzem einen Lehrstuhl an der amerikanischen Princeton Universität angenommen hatte, einen längeren Beitrag im konservativen Commentary Magazine, der allein durch seinen Titel, „The Return of Islam“[1] einige Aufregung verursachte.

Der Schah von Persien, Reza Pahlevi saß noch auf seinem Pfauenthron, Anwar El-Sadat regierte Ägypten mit harter Hand und hatte die Muslimbrüderschaft zu einer unbedeutenden Oppositionsgruppe degradiert und ein junger saudi-arabischer Student namens Osama Bin-Laden war gerade dabei seine Ausbildung zur Betriebswirtschaftslehre auf einer renommierten Universität des wahabitischen Königreichs zu beginnen. In jenen Zeiten waren Worte wie Salafismus, Ayatollah und Djihad in der westlichen Welt gänzlich unbekannt. Man ärgerte sich über hohe Ölpreise, verfolgte den Bürgerkrieg im Libanon mit geringem Interesse und man war allgemein mehr mit den möglichen Schrecken eines atomaren Konfliktes zwischen den Großmächten beschäftigt. Nichts, aber auch gar nichts deutete darauf hin, dass der Islam, ein Wort mit dem man in Europa und den USA vielleicht noch die Märchen aus 1001 Nacht oder die Erzählungen Wilhelm Hauffs über „Die Karawane“ verband irgendeine Rolle im Leben der Menschen, hier wie dort spielen würde, geschweige denn er käme in irgendeiner Weise zurück. In den entsprechenden Wissenschaften und Instituten, die sich mit der Region beschäftigten galt es Mitte der 70er als ausgemacht, dass sich die Menschen des Nahen und Mittleren Ostens langsam zwar, aber doch stetig von der Religion abwandten und sich auf dem Weg in die Modernisierung ihrer Staaten befanden, zwischen den Trümmern des Kolonialismus und den Parolen des Panarabismus nach einer neuen Identität suchend.[2]

Der Großteil der akademischen Welt stand Bernard Lewis Prognose, dass sich mit dem Islam gerade erst eine neue politische Kraft zu etablieren begann ablehnend gegenüber. Aber was genau hatte Lewis eigentlich gesehen?  Und zwar vor allen anderen, entgegen jeder Konjunktur und mit einem sicheren Gespür für zukünftige Trends, als niemand sonst sie sah? Zum einen konstatierte er in diesem Text eine weitgehende Ahnungslosigkeit der westlichen Eliten über die islamische Welt. So wie christliche Autoren des Mittelalters den Islam mit Begriffen und Bilder aus ihrem eigenen christlichen Vorstellungen beurteilten, so würden moderne Kommentare die zeitgenössischen Konflikte mit ihren eigenen europäischen Gegensätzen beschreiben, etwa wenn der Bürgerkrieg im Libanon als Auseinandersetzung zwischen linken und rechten Kräften verzerrt würde. Aber sie verkennen damit, so Lewis, die überragende Bedeutung der islamischen Religion für alle politischen Ausdrucksformen der islamischen Welt. Sowohl säkulare Regime als auch theokratisch regierte Staaten könnten auf eine islamische Legitimation ihrer Macht nicht verzichten, auch wenn einige dies mehr tun müssten als andere. Die einzigen tatsächlich alle Staats und Regierungsformen überdauernden Organisationen mit politischen Ambitionen, mögen sie offiziell zugelassene politische Parteien oder im Untergrund agierende verschworene Netzwerke sein, seien daher Bewegungen wie die ägyptische Muslimbruderschaft. Wer also im Jahre 1976 sich ein Bild von der möglichen Zukunft islamischer Länder machen möchte, müsste genau dorthin sehen und sich überlegen welche Politik mit diesen Phänomenen zu machen sei. Die punktgenaue Treffsicherheit der Diagnose von Lewis wird nur durch die unglaubliche Ignoranz übertroffen, mit der die Eliten der westlichen Welt diese Warnung in den Wind schossen. Erst der viel geschmähte George W. Bush war bereit auf ihn zu hören, vermutlich zu spät und vermutlich mit zu wenig Nachdruck. Was für die ägyptische Muslimbruderschaft gilt, ist auch für die von der palästinischen Fatah unter Yassir Arafat kontrollierten PLO gültig, die bis heute völlig unverdient die Hoffnungen auf eine säkulare palästinensische Alternative bei vielen westlichen Linken nährt. Der gelernte Arabist Lewis schreibt: „Das Wort Fatah ist ein technischer Begriff für eine Eroberung die im heiligen Krieg für den Islam gewonnen wird.“[3] Keine einzige relevante politische Bewegung der islamischen Welt kommt ohne Andeutungen, Referenzen und Namen aus, die in irgendeiner Weise die islamische Bildung der Massen ansprechen und die ihre historische Mission nicht auf das goldene Zeitalter islamischer Imperien und der Wiedererrichtung ihrer einstigen Größe zurück führt. In den Zeiten der Krise, und davon gibt es eine Menge, würden die durch die Religion erzeugten islamischen Loyalitäten alle anderen überschreiben, die noch eine Rolle spielen könnten. Angriffe und Pogrome auf Juden (wo sie überhaupt noch existieren) und Christen würden eine prinzipielle Haltung in der islamischen Welt widerspiegeln, „die von der islamischen Tradition auf eine – vermutlich fälschlicherweise, obwohl das keine Rolle spielt – dem Propheten zugeschriebene Redewendung zurückgeführt wird, dass der Unglaube eine Nation sei. (…) Die Welt ist in zwei Teile gespalten. Der eine ist die Gemeinschaft der Muslime, die andere die der Ungläubigen, deren mögliche Unterschiede zweitrangig sind.“[4]

Der 1916 in London geborene Lewis entstammte einer mäßig religiösen jüdischen Familie und interessierte sich früh für Sprachen. Neben Englisch wuchs er mit Hebräisch auf, sprach aber auch Französisch und ein wenig Deutsch, Dänisch und Russisch und hat sich im Laufe seiner Karriere hervorragende Kenntnisse des Arabischen, des Persischen, des Türkischen und Aramäischen angeeignet, die wie er einmal ironisch anmerkte zu seiner Zeit als notwendig für das Studium des Islam und des Nahen Ostens betrachtet, heute aber „als gefährliche Disqualifikation gelten“, die „einer akademischen Karriere hinderlich seien und einem höchstens den Ruf eines Orientalisten einbringen würden“[5]. Aufgrund seiner fundierten Ausbildung und Sprachkenntnisse arbeitete Lewis im 2. Weltkrieg für den britischen Geheimdienst und übersetzte Dokumente, Briefe und diplomatische Depeschen aus dem Arabischen ins Englische. Nach dem Krieg versuchte er vergeblich in arabischen Ländern Quellenforschung für seine Studien zu betreiben. Während einige jüdische Orientalisten ihre Identität verbargen, um im arabischen Raum forschen zu können, weigerte er sich das zu tun. Dem bekennenden Zionisten wurden Einreisegenehmigungen und Visa verwehrt, und seine Beiträge dazu, die er trotzdem schrieb wurden von den Experten in der Region als unnütz verworfen, weil er „kein Araber, kein Moslem und ein Jude sei“[6]. Stattdessen fand er in den 50ern in der Türkei ein zum damaligen Zeitpunkt praktisch unerforschtes Gebiet und nutzte die Öffnung der Archive osmanischer Geschichte durch die kemalistische Türkei dazu sich zu einem der weltweit wichtigsten Experten auf diesem Feld zu machen. Aus Dankbarkeit und auch Eigennutz lieferte er dabei dem türkischen Staat den Dienst, den Genozid an den Armeniern zumindest zu verharmlosen. Es ist dies der einzige wirkliche Makel seiner Karriere, der ihm gerade jetzt nach seinem Tod wohl nie wirklich verziehen werden wird.[7] Man sollte dies im Angesicht seines Todes weder verschweigen noch überbewerten. Seine überragende Leistung die osmanische Geschichte für ein breites Publikum sichtbar gemacht zu haben wird dadurch nicht geschmälert. Sein enorm lesbarer Schreibstil, der mit schwarzem Humor und unerreichter Fachkenntnis die komplizierten historischen Entwicklungen des Islam in drei verschiedenen Kulturkreisen nachzeichnete verdienen jedenfalls nach wie vor Beachtung und sind eine unverzichtbare Quelle für jeden, der sich damit beschäftigt.

Lewis konstatierte öfters, dass Historiker keine Propheten oder Wahrsager seien, sie würden sich mit der Vergangenheit beschäftigen. Seine Prognose war reine Deduktion historischer Entwicklungen und erschloss sich aus seiner tiefen Kenntnis muslimischen Denkens, das er wie kein anderer auf den Punkt brachte. Seine Skepsis, dass sich die muslimischen Länder keineswegs in Richtung Moderne befanden, sondern geradewegs auf entgegen gesetztem Kurs befanden speiste sich, lange vor allen UN Human Development Reports auf zumindest drei grundlegenden Befunden, die er in über 30 Büchern[8] und zahllosen Beiträgen in Zeitungen und Fachzeitschriften veröffentlichte: der Mangel an Demokratie, der Mangel an Frauenrechten und das historisch gewachsene Desinteresse der islamischen Regionen an einer Auseinandersetzung mit nicht islamischen Zivilisationen.

Der Mangel an Demokratie, wie er in konservativen islamischen Gesellschaften wie Saudi Arabien Teil der Kultur war, war genauso in anderen islamischen Ländern spürbar. Lewis ortete in den  Entwicklungsdiktaturen in Ägypten, Algerien, Tunesien, Irak, Libyen  und Syrien oder dem aus heutiger Sicht noch geradezu liberalen Iran unter der Herrschaft des Schah denselben Mangel an Meinungsfreiheit und demokratischem Pluralismus. Unterdrückung, Bespitzelung, Rechtlosigkeit, Gewalt gegen Opposition, Terror gegen Intellektuelle und staatliche Zensur waren überall die Norm und nahmen den Bevölkerungen jede Luft zum Atmen. Die maßlose Gewalt der Folterdiktaturen im Irak und in Syrien delegitimierte die säkulare Staatlichkeit und trieb große Teile der Bevölkerung, die sich durch Misswirtschaft und Korruption ihrer Chancen auf ein anständiges Leben beraubt sah in die Arme jener Gruppen, die unter dem Banner eines politischen Islam die einzige ideologische Alternative darstellte, die von den Regimen nicht völlig unterdrückt werden konnte, wollten sie nicht jeden Kredit bei ihren Untertanen verlieren. Die islamische Neuorientierung ehemals säkularer Intellektueller hatte bereits 1976 ein Ausmaß erreicht, das den Experten Lewis zu dringlichen Warnungen an die westlichen Politiker veranlasste, die Reste demokratischer nicht-religiöser Bevölkerungsschichten nicht gänzlich im Stich zu lassen. Seine Warnungen blieben ungehört. Noch wenige Wochen vor dem Sturz des Schah von Persien war US Präsident Carter von seinem Geheimdienst mitgeteilt worden, dass der mieselsüchtige Volkstribun Ruhollah Khomeini keine Gefahr für die Stabilität des Iran darstellte. Die linke Begeisterung für die Entwicklungsdiktaturen Saddam Husseins, Muammar Ghaddafis oder Hafez Al-Assads und deren anti-imperialistische Rhetorik tat ein Übriges die Gefahr des Islamismus in westlichen Gegenden fundamental zu unterschätzen.

An mehreren Stellen seines Werks lieferte Lewis eine historisch fundierte Begründung, warum dieser Mangel an Demokratie zwangsläufig entstehen musste. Während in der christlichen Welt immer Staat und Kirche nebeneinander (oder auch gegen einander) existiert hatten und so einen natürlichen institutionellen Hintergrund bildeten, auf dem sich säkulare Trennungen vollziehen ließen, war eine solche Trennung im Islam niemals Teil der Realität. Staat und Religion mussten immer eins sein, aber die Macht des Kalifen oder Sultans war trotzdem niemals total, weil gerade der Islam immer dafür gesorgt hatte, dass es einen Interessenausgleich zwischen Zentrum und Peripherie gab. Über Jahrhunderte hinweg waren die islamischen Großreiche von dynastischen Kämpfen geprägte Institutionen, deren Gesellschaften trotzdem kulturell stabile Einheiten blieben, weil die islamische Religion zwischen Herrschaft und Beherrschten vermittelte, die Legitimität des Herrschers durch die Ulema einen fairen Anteil für die Bevölkerung erzwang. Mit dem Einbruch der technologischen Moderne änderte sich das. Der traditionelle Interessensausgleich wurde durch die Zentralisierung der Macht gebrochen und die modernen Mittel der Kommunikation, der Import westlicher Waffen und die Institutionalisierung von staatlicher Repression lösten die neuen Herrscher von allen Zwängen ihre Macht irgendwie konsensual zu teilen. Stattdessen errichteten sie Diktaturen und Organe der Gewalt, die alle inneren Mechanismen zerstörten mit der diese Gesellschaften ihr eignes Funktionieren gewährleistet hatten. Nach Lewis kam die Moderne für die islamischen Länder immer zu spät und zu früh, gleichzeitig. Dass er dabei den westlichen Kolonialismus niemals aus seiner Verantwortung entließ und die westliche Politik niemals als bloßen Zaungast betrachtete, sondern die Regierungen Europas und der USA wegen ihres mangelnden Einsatzes für mehr Demokratie direkt für den Aufstieg des Islamismus kritisierte, bemerkten nur jene Kritiker nicht, die ihn stets als orientalistischen Ideologen denunzierten und in ihm einen imperialen Kriegstreiber sahen.[9]

Obwohl Bernard Lewis nur wenig Substantielles über die Lage der Frauen in der muslimischen Geschichte geschrieben hat, war ihm stets bewusst, dass die Unterdrückung des weiblichen Teils der Bevölkerung, ihrem Ausschluss aus der Politik und dem öffentlichen Leben ein wesentlicher Teil der Misere zugeschrieben werden muss, die islamische Gesellschaften heute plagen. Der Mangel an Demokratie hängt mit dem Ausschluss von Frauen aus Politik und Kultur fundamental zusammen. Vor allem im 19. Jahrhundert sahen viele muslimische Intellektuelle, Araber, Perser und Türken gleichermaßen, dass ein wesentliches Entwicklungshindernis ihrer Gesellschaften darin bestand, dass die Hälfte der Bevölkerung von Bildung, Arbeit und politischer Teilhabe fern gehalten wurde. Dass es in dieser Frage nicht nur Rückschritte sondern auch Verbesserungen gibt sollte dennoch nicht verschwiegen werden. Fast die Hälfte aller Abschlüsse in naturwissenschaftlichen Studien und im Ingenieurswesen in muslimischen Ländern wird von Frauen erworben, während dieser Anteil in westlichen Ländern immer noch erschreckend niedrig ist.[10] Der Denunziation des Feminismus und der Frauenrechte als „westlicher Imperialismus“, wie sie heutzutage von linken AnhängerInnen des Anti-Imperialismus geäußert wird steht jedenfalls Bernard Lewis‘ kritischer Befund gegenüber, das sich westliche Kolonialisten niemals für das Schicksal der Frauen in den von ihnen kontrollierten Regionen interessiert hätten und gerade aus Gründen der Aufrechterhaltung von Herrschaft und Stabilität niemals versucht haben die patriarchalen Strukturen anzutasten. Für Lewis selbst stand die Frage nach Frauenrechten in muslimischen Ländern in einem größeren Kontext des islamischen Rechts, der Scharia, die eine strikte Unterscheidung zwischen Muslim, Freier, Mann auf der einen und Ungläubiger, Sklave, Frau auf der anderen vorsah. Während sich im Kontext der kapitalistischen Globalisierung also tatsächlich gesellschaftliche Umbrüche vollziehen, die fortschrittliche Gesetzgebungen, wie zuletzt in Tunesien unterstützt, und mehr Rechte, Mobilität und Teilhabe für die weibliche Bevölkerung bewirkt, steht mit dem politischen Islam ein regressiver Gegner dieser Entwicklung bereit, überall dort wo er zur Macht kommt diese Errungenschaften sofort wieder rückgängig zu machen. Die Debatten um das Kopftuch haben gezeigt, dass islamistische Kräfte mit Hilfe ihrer westlichen Verbündeten sehr erfolgreich sind, Begriffe und Lebensrealitäten erfolgreich in ihrem Sinne um zu codieren. Was ein solcher Feind an Zerstörung und Barbarei auszurichten vermag, wenn er sich festsetzen kann, hat der Islamische Staat in Syrien und im Irak bewiesen.

Der dritte Punkt, der sich durch das gesamte Werk von Bernard Lewis zieht und der meiner Meinung nach einer der faszinierendsten Aspekte seiner Arbeit gewesen ist, betrifft das Problem der Wahrnehmung, das islamische Gesellschaften von anderen Kulturen und Zivilisationen in ihrer ganzen Geschichte bis heute haben. Dazu muss man zunächst den von Edward Said vom Zaun gebrochenen Streit betrachten, den dieser in seiner berühmten Studie „Orientalismus“ los getreten hatte und dessen Nachwirkungen bis heute spürbar sind. Said, ein palästinensisch stämmiger Amerikaner mit Vorliebe für klassische Musik und europäische Literatur hatte britische und französische Islamwissenschaftler beschuldigt mit ihrer Arbeit die ideologische und kulturelle Kolonialisierung des arabisch-muslimischen Raumes voran getrieben zu haben, indem sie das kolonialistische Bild und seine rassistischen Untertöne mit wissenschaftlicher Legitimation versorgt hätten. Alles, was Europäer oder Amerikaner über den Islam und den Orient zu sagen hätten, wäre rassistischer Eurozentrismus, eine Projektion, die nur dazu dienen würde den orientalischen Anderen zu einer Figur der Angst zu machen, die man kontrollieren und kolonialisieren müsste. Die gesamte westliche Orientwissenschaft sei ein Vorwand die systematische Abwertung und Degradierung der muslimischen Araber als Wilde und Barbaren zu gewährleisten. Saids Argumente und Methodologie sind von verschiedener Seite ausführlich kritisiert worden und lassen fast 40 Jahre später kaum etwas davon übrig, zumindest wenn man ihre Relevanz in wissenschaftlicher Forschung betrachtet.[11] Aber Saids Intentionen waren vor allem politischer Natur und sie zielten darauf ab die Reputation von Bernard Lewis, seinem Lieblingsfeind, und einigen anderen Doyens der westlichen Islamwissenschaft zu zerstören, was ihm in vielen Kreisen auch gelungen ist. Neben einigen historischen Fehlern, die ihm unterliefen, entblödete er sich nicht Lewis vorzuwerfen, er würde Araber zu Tieren zu erklären, weil dieser in einem Text die Wurzeln des arabischen Begriffes für Politik etymologisch als Wort für „auf ein Pferd zu steigen“ hergeleitet hatte.[12] Said, der selbst nur eingeschränkt Kenntnisse des Arabischen besaß und sich weitaus besser in der amerikanischen und englischen Literatur des 19. Jahrhunderts auskannte als in der Arabistik, wurde von Lewis nicht ernst genommen. Obwohl er registriert haben muss, dass Saids Wirkung auf die politischen Flügel der humanities enormen Einfluss gehabt hat und zahlreiche Bücher inspirierte, die von Leuten geschrieben wurden, die ebenfalls sehr wenig Ahnung von den Orientwissenschaften haben, war ihm die Auseinandersetzung mit Said nicht wichtig genug, um sie intensiver zu betreiben. Was man heute, vierzig Jahre später jedoch sagen kann ist, dass das Werk von Lewis vor allem zu Tage fördert, dass es vielleicht einen Orientalismus gegeben hat, der Saids Idee irgendwie nahe kam, aber eben keinen „Okzidentalismus“ islamischer Prägung. Es ist nicht auszuschließen, dass sich Said, der sich intensiv für die palästinische Sache engagierte aber von der PLO selbst aus deren Gremien vertrieben wurde in seiner Wut deshalb so in Lewis Werk verbissen hat, weil sich aus seiner – möglicherweise auch berechtigten – Kritik an der westlichen Islamwissenschaft keine einzige politische und kulturelle Alternative ableiten ließ. Er konnte zwar für viele seiner AnhängerInnen überzeugend zeigen, dass die westliche Perspektive auf den Islam falsch, rassistisch und kulturalistisch gewesen sein mag, aber er konnte keine arabische oder islamische Perspektive zeigen, die zumindest auf demselben Niveau eine andere Art über die Dinge nachzudenken und intellektuell zu reflektieren anzubieten imstande war. Es war, als ob genau jene Leute, für die sich Said so einsetzte ihm ausgerechnet dabei jede Gefolgschaft verweigerten.

Eines der interessantesten Bücher die Lewis je geschrieben hat ist „The Muslim discovery of Europe“ (dt. 1987: Die Welt der Ungläubigen. Wie der Islam Europa entdeckte) aus dem Jahre 1982, das sich der damals (und heute noch) selten gestellten Frage widmet, wie muslimische Gesellschaften eigentlich Europa sahen, und welche Schlussfolgerungen sie aus dem Aufeinandertreffen von muslimischen Orient und christlichem Okzident zogen. Lewis Ergebnisse sind bis heute sehr überraschend und werden, wie vieles was er im Lauf seines Lebens geschrieben hat, immer noch ignoriert. In diesem Buch entfaltet er das Bild einer mächtigen Zivilisation, die vom 8. bis etwa ins 13. Jahrhundert von Erfolg zu Erfolg eilte, weite Teile Asiens und große Teile Süd und Osteuropas unterwarf und bis tief in den afrikanischen Kontinent hinein das Maß aller Dinge war. Die Größe des islamischen Einflussgebiets entsprach dem Ausmaß des eigenen Selbstbewusstseins. In der Selbstwahrnehmung der muslimischen Eliten und ihrer Bevölkerungen war es bloß eine Frage der Zeit bis die ganze Welt bekehrt und Teil des Hauses des Islam werden sollte. Man war das Zentrum der Welt, intellektueller Höhepunkt und unüberschreitbarer kultureller Horizont zugleich, der aus seinen eigenen Ressourcen unerschöpfliche Reichtümer materieller wie geistiger Art erzeugen konnte. Die erste Unterbrechung dieses Erfolgslaufs war die Vernichtung des Kalifats von Bagdad durch die mongolischen Reiterheere 1258, ein entsetzliches Massaker mit katastrophalen Spätfolgen für den gesamten arabischen Raum. Im Lauf der nächsten drei Jahrhunderte verschob sich das Machtzentrum im Islam von der arabischen Halbinsel nach Kleinasien und begünstigte so den Aufstieg des osmanischen Reiches zum größten Imperium der islamischen Welt. Obwohl die Eindringlinge aus den asiatischen Steppen bereits zwei Jahre später, 1260 in der Schlacht bei Ain Djalut, wieder zurück geschlagen werden konnten, scheint sich die muslimische Kultur des Nahen Ostens davon nie richtig erholt zu haben. Genauer gesagt ist die Vernichtung Bagdads in der muslimischen Geschichtsschreibung bis heute ein weitaus wichtigeres Ereignis als jene Episode, die im europäisch/christlichen Sprachraum als Ära der Kreuzzüge bekannt ist. Die islamische Zivilisation hatte knapp zwei Generationen vor der Vernichtung Bagdads den Einfall der Kreuzfahrer überstanden und das christliche Königreich Jerusalem wieder aus dem Nahen Osten vertrieben. Europa war für sie ein kalter barbarischer Landstrich im Norden, der keine interessante Kultur anbot und von so geringem Interesse war, dass man erst im 19. Jahrhundert den Begriff „Kreuzzug“ für die arabisch/muslimische Diskussion über diese kaum beachtete Episode der Geschichte adaptierte. Das interessante Detail dieses damals sicher begründeten Desinteresses an europäischer Innenpolitik ist nun, dass dieses Desinteresse wie Lewis mehrmals bekräftigt auch bis weit ins 19. Jahrhundert dauerte. Was Lewis in „The Muslim discovery of Europe“ entfaltet ist ein Panorama der Wahrnehmung der islamischen und christlich/europäischen Welten voneinander, das asymmetrischer nicht sein kann.

Lewis definiert einige sehr interessante Unterschiede in den Ausgangsbedingungen dieser Konfrontation. Das Interesse der Europäer an dieser Region war zunächst religiöser Natur. Die heiligen Stätten des Christentums liegen in Jerusalem, genau wie die der Juden und einige der Muslime, und der Nahe Osten war bis zur Geburt des Islams noch von sehr vielen christlichen Gemeinden bewohnt, ehe der südliche Mittelmeerraum zum Kerngebiet der islamischen Welt wurde. Europäische Pilger und später die Kreuzfahrer hatten also ein enormes Interesse daran, einerseits die Kultstätten zu bewahren, andererseits den politischen Einfluss wieder zu gewinnen, den sie durch den Vormarsch des Islam verloren hatten. Ganz anders die muslimische Bevölkerung des Nahen und Mittleren Ostens: Es gab keine heiligen Stätten in Europa und es lebten dort auch im Gegensatz zu heute keine muslimischen Minderheiten, die Verbindungen notwendig und Austausch attraktiv gemacht hätten.

Eine weitere Ausgangsbedingung des Verhältnisses zwischen dem Islam und Europa bezieht sich auf die Rolle der Sprache. Während der islamische Raum neben sehr vielen Dialekten auf eine einzige Hochsprache, arabisch, komprimierbar gewesen ist, war den Europäern immer schon die Notwendigkeit bewusst gewesen, dass man in mehreren Sprachen kommunizieren muss. Zwar gab es auch mit Latein eine Hochsprache, aber dem christlichen Glauben wohnt das Erbe vieler anderer Sprachen vom Hebräischen zum Aramäischen über das Griechische bis zum Arabischen inne. Übersetzung und Übersetzungsarbeit gehören zu den wichtigsten kulturellen Leistungen der mönchischen Arbeit des Christentums. Während sich die christliche Ausbreitung langsam vollzog und in feindlichen Umgebungen erst daran arbeiten musste anerkannt zu werden, breitete sich der Islam enorm schnell aus, und kam als siegreicher Eroberer, der allen Unterworfenen seine Sprache, seine Kultur und sein Rechtssystem anzubieten imstande war. Der gebildete Muslim konnte sich vom 9. Jahrhundert an zwischen dem westlichen Nordafrika über Kleinasien und dem nördlichen Kaukasus bis zu den Rändern des Himalaja in praktisch einem Idiom bewegen, das einen universalen kulturellen Kanon anbot. Übersetzungen oder gar das Erlernen fremder Sprachen erschienen überflüssig und wurden nicht gefördert. Lewis betont mehrmals, dass im gesamten Mittelalter bis weit nach 1300 kein einziges Buch aus dem Lateinischen ins Arabische übersetzt worden ist. Die islamische Philosophie dieser Epoche kannte weder Augustinus noch Thomas von Aquin und schon gar nicht Duns Scotus. Diese Feststellung muss zunächst nicht viel mehr heißen, als bis zur Neuzeit wenig Literatur von der einen Seite zur anderen kam, aber Lewis betont, dass dies auch für spätere Jahrhunderte galt, als die osmanischen Heere schwere Niederlagen erlitten und der Aufstieg der europäischen Mächte zu den bestimmenden Kräften zwischen den Weltmeeren auch für die islamische Welt eine sichtbare Tatsache geworden sein muss. Die Ignoranz anderer Kulturen gegenüber ist selbstverständlich kein islamisches Spezifikum und Lewis merkt ironisch an, dass ein Muslim des 18. Jahrhunderts von Europa ebenso viel wusste, wie ein durchschnittlicher Europäer des 19. Jahrhunderts vom Inneren Afrikas. Das schlichtweg Erstaunliche daran ist, dass diese Verweigerung einer intensiveren Auseinandersetzung selbst dann noch anhielt, als die negativen Konsequenzen für die eigenen Gesellschaften bereits unübersehbar geworden waren. Selbst im 19. Jahrhundert, als das osmanische Reich einen akuten Reformbedarf in Fragen der Verwaltung, der Infrastruktur und natürlich der militärischen Schlagkraft ortete und zum ersten Mal in größerem Umfang osmanische Beamte zum Studieren in den Westen schickte, beschränkte sich dieses Engagement vor allem auf militärische Fragen, den Import von Waffen oder waffenfähiger Technologie und das Know-how für die Ausbildung der Armee. Zwar wurde das Ausmaß der industriellen Revolution von Strategen und Beamten als Faktor wahrgenommen, aber ihre Empfehlungen wurden nicht umgesetzt oder verworfen. Das wie gesagt Erstaunliche daran ist nicht, dass es diese Ignoranz gab und manchmal heute noch gibt, oder dass sie etwas spezifisch Muslimisches wäre, sondern dass diese Ignoranz selbst dann nicht aufgegeben wurde, als sie schwere Konsequenzen für die eigene Gesellschaft hatten. Was in der Politik modus operandi war, galt natürlich auch für die Wissenschaften und die intellektuelle Kultur. Obwohl die muslimisch-arabische Tradition einige Bücher des Aristoteles bewahrte und wichtige Teile der griechischen Tradition erst für Europa zugänglich machte, ignorierte sie Homer völlig und schenkte der dramatischen Kunst eines Aischylos, Sophokles, Euripides keinerlei Aufmerksamkeit. Obwohl Grundzüge platonische Ideenlehre innerhalb der islamischen Schriftkultur verbreitet gewesen sind, ist Platon und sein Werk selbst niemals im Arabischen verfügbar gewesen. Rüdiger Arnzen schreibt:“(…) die gesamte Tradition arabischer und persischer Erörterungen und Theorien Platonischer Formen und Platonischer Urbilder [enthält] keinen einzigen Verweis auf diese Schriften oder irgendeinen anderen platonischen Dialog…“ (Arnzen, Platonische Ideen in der arabischen Philosophie, S. 4) Dieses System einer äußerst selektiven Wahrnehmung zieht sich durch die gesamte islamische Geschichte, wenn es um die Auseinandersetzung mit anderen Kulturen geht.

Lewis erwähnt einen großen osmanischen Historiker vor 1700, Katib Celebi, der in seiner Universalgeschichte der bekannten Welt den europäischen Entwicklungen nur ein paar Seiten einräumt. Das Christentum beschreibt er ausschließlich durch das frühes Schisma der Nestorianer im 5. Jahrhundert und von den wenige Jahrzehnte zurück liegenden Auswirkungen der Reformation, die eine komplette Neuordnung der europäischen Politik auslösten schweigt er und interessiert sich offenbar auch nicht dafür. Obwohl das osmanische Reich in unmittelbarer Gegenwart 1683 vor Wien eine schwere Niederlage erlitten hatte, blieb selbst eine eingehende Einschätzung des Feindes durch eine Analyse etwa des 30 jährigen Krieges, der Auswirkungen der Reformation auf die politische Struktur der europäischen Monarchien, ihre Spaltung in katholische und protestantische Schismen vollständig aus. Literatur von Shakespeare, Cervantes oder gar Rabelais fand keinen Eingang in die islamische Kultur, gleiches gilt für die Enzyklopädisten, die Physiker und die Philosophen der europäischen Aufklärung. Glaubt man Bernard Lewis gab es dafür auf islamischer Seite schlicht kein Interesse. Es gab keine Übersetzer, keine Wörterbücher und keine Neugier auf die Entwicklungen jenseits des Mittelmeers. Das verwundert nicht nur, sondern wird durch die noch merkwürdigere Tatsache konterkariert, dass es auf europäischer Seite ein enormes Interesse an arabischer, persischer und türkischer Sprache gab, das dazu führte, dass vom 16. Jahrhundert an fast alle europäischen Universitäten Lehrstühle für diese Sprachen einrichteten, Wörterbücher und Grammatiken veröffentlichten und arabische Bücher sammelten, um sie wissenschaftlich zugänglich zu machen. In der Medizin lasen die Europäer Bücher von Abu Bekr Mohammed ibn Zakariya al-Razi (880–932), einem Perser der bei uns Rhazes genannt wurde, von dem u.a. die erste klinische Beschreibung der Pocken, ihren möglichen Ursachen und Heilungsmethoden stammte, aber es gab erheblichen Widerstand dagegen Paracelsus in die islamische Wissenschaft einzuführen. Wie konnte es zu einem solchen Ungleichgewicht kommen, das auch noch anhielt, als die Folgen und Konsequenzen dieser Ignoranz bereits überall sichtbar waren?

Bedeutende Teile (bei weitem nicht alle) des antiken Wissen der Griechen, ihre Texte und das sprachliche Erbe wurden wie allgemein bekannt ist, durch die arabische Übersetzungen in Europa eingeführt. Wie ich an anderer Stelle zeigen konnte ist diese allgemein bekannte Tatsache weniger eine Tatsache, als eine komplizierte Übertreibung.[13] Der französische Religionswissenschaftler Remi Brague hat einmal angemerkt, dass diese arabischen Übersetzungen aus dem Griechischen ausschließlich von christlichen oder jüdischen Autoren stammen, also Menschen mit Fremdsprachenkenntnissen und Know-how in Übersetzungsarbeit. Da diese christlichen und jüdischen Gemeinden in der frühen Zeit des Islam noch sehr gut behandelt wurden, konnten sie ihr Fremdsprachen Know-how in die islamische Renaissance einbringen. Es erstaunt dennoch, dass gerade diese Fähigkeit insgesamt sehr unterschätzt wurde und das bis weit in die Neuzeit. Solange sich die islamische Welt in dem Gefühl baden konnte, die erste Zivilisation des Planeten zu sein, erwies sie sich als erstaunlich weltoffen und tolerant. Aber diesem totalen Überlegenheitsgefühl wohnte auch eine große Überheblichkeit inne, die sich heute furchtbar gerächt hat. Fremde Sprachen, gar Auseinandersetzung mit einem als unbedeutend empfundenen Feind galten als überflüssig, waren sozial nicht anerkannt und wurde den Nichtmuslimen überlassen, die im Herrschaftsbereich des Islam einen anerkannten Rechtsstatus genossen. Nach dem 13. Jahrhundert wurden die „Tore des Idschtihād“ geschlossen. „Idschtihād“ bezeichnet die selbstständige Interpretation der Rechtsquellen, also Koran und Hadithen. Wie Tilman Nagel in der „Geschichte der islamischen Theologie“ beschreibt, wurde die offizielle Auslegung der heiligen Schriften nach dem 13. Jahrhundert danach beurteilt, wie eng sie sich an die Interpretationen der klassischen Rechtsschulen anlehnte. Neuerungen waren nicht mehr erwünscht und galten als wertlos oder sogar ketzerisch. Mit der Schließung der Tore des „Idschtihād“, die dazu gedacht war die Rechtsprechung eindeutig zu standardisieren, wurden jedoch vor allem intellektuelle Neuerungen verhindert und die große Wissenschaftskultur des Islam verfiel. Ein sehr bedeutender Unterschied zwischen Europa und der islamischen Welt liegt daher in der Tatsache, die Remi Brague in mehreren seiner Texte verarbeitet hat. Europa hat sich immer schon mit außerhalb liegenden Horizonten beschäftigt. Allein das antike Erbe der griechischen Tradition fand ja mehr in Kleinasien statt als auf dem europäischen Festland, das Christentum kommt aus dem Nahen Osten und die Expansionen der Neuzeit verweisen wie Peter Sloterdijk in „Der Weltinnenraum des Kapitals“ gezeigt hat, auf ein spezifisches Framework der Wahrnehmung, das seinen Blick ständig auf Neues, Unbekanntes werfen muss. Europa ist der Blick über den Horizont, während das islamische Imperium fast vollständig aus sich selbst heraus entstand. Die im Koran offenbarte Wahrheit, eine Einheit aus Religion, Politik, Kultur und Recht ermöglichte einer bis dahin unbedeutenden und zerstrittenen Stammesgesellschaft den Aufstieg zur Weltmacht innerhalb eines Jahrhunderts, schneller als das bis dahin irgendeine vergleichbare Kraft zustande gebracht hatte. Aus welchen Gründen, äußeren und inneren Ursachen, sie sich entschloss den Antrieb zur Weiterentwicklung fast völlig aufzugeben ist keine leicht zu beantwortende Frage.

Es gibt keinerlei Entsprechung in der muslimischen Kulturgeschichte, die sich mit Europa, dem Christentum und seinen Wurzeln beschäftigt hätte, um die Vielfalt der Sprachen mit den enormen Unterschieden in den ethnischen und linguistischen Diversifikationen zu untersuchen. Und es entstand keine Kultur, die einen „Okzidentalismus“ hervorgebracht und eine Auseinandersetzung oder gar Wettstreit um das antike Erbe von Platon und Aristoteles gesucht hätte. Die großen Philosophen der islamischen Renaissance (und selbst von diesen nicht alle) blieben die einzigen Quellen dieses Raums, und so wurden Kant, Rousseau oder Spinoza einfach ignoriert. Man kann wie Bernard Lewis das getan hat nur Bedauern über diese Tatsache zum Ausdruck bringen.

Neben Großbritannien, Frankreich und Russland zählt der deutschsprachige Raum zu den Zentren der Islamstudien außerhalb islamischer Länder. Die reiche Tradition der deutschen Arabistik hat bedeutende Beiträge zur Entstehung des Korans, die linguistische Durchdringung der arabischen Sprache und die kritische Historisierung der islamischen Frühgeschichte geliefert. Typisch für Edward Saids politische Absichten ist, dass er den Rang der deutschen Arabistik für die Islamstudien in den islamischen Ländern selbst praktisch völlig negiert, weil er nachweisen muss, dass die Orientalistik hauptsächlich der ideologische Vorwand für den englischen und französischen Imperialismus ist. Arabische Studien und Auseinandersetzung über den Islam haben sich aber schon mindestens drei Jahrhunderte vor dieser Zeit an den europäischen Universitäten etabliert.

Die gegenseitige Wahrnehmung von Christentum und Islam ist ebenfalls ein Brennpunkt zahlloser Missverständnisse. Für den christlichen Europäer ist der Islam vor allem eine andere Religion. Das Bild des Fremden und des Anderen, das sich in den Kritiken am Orientalismus manifestiert, hat also mit der Distanz zu tun, die das christliche Erbe im europäischen Denken hinterlassen hat, wenn es zu Begegnungen mit dem Islam kam. Der Islam ist ein Platzhalter für das Fremde und darum eine beliebte Andockstelle für rassistische Agitation. Aber dieselbe Fremdheit und Distanz, die rechtsextreme Politiken zu befördern trachten, ist auch Grund für eine intensive akademische Auseinandersetzung. Etwas, das fremd ist, kann man mit geeigneten Methoden untersuchen und studieren. Die Tradition der Arabistik hat in der Dimension des Fremden, das der Islam darstellt, sicher eine ihrer Ursachen.

Aber wie sieht es aus der anderen Perspektive aus? Für den Islam ist das Christentum (und das Judentum) nichts Fremdes. Der Islam wurde in einem regionalen Kontext geboren, in dem viele Christen und Juden lebten und schon Jahrhunderte lang gelebt hatten. Zum einen benutzt der Koran Altes und Neues Testament (in unterschiedlicher Gewichtung) als Quellen und zum anderen wird die Offenbarung des Propheten als direkte Fortsetzung und Abschluss christlichen und jüdischen Schrifttums gesehen. Aus muslimischer Sicht sind Christen und Juden also direkte Vorläufer des Islam, die es aber aus bestimmten Gründen nicht über die Ziellinie geschafft haben oder besser: Judentum und Christentum sind sozusagen Betaversionen des Islam. Wo der europäische Blick also vor allem etwas fremdartig Rätselhaftes sieht, sieht der Muslim mit mehr oder weniger respektvoller Langeweile etwas längst Vertrautes, das hoffnungslos veraltet ist und sich durch Übernahme heidnischer Riten vom rechten Weg entfernt hat. Der Blick des Islam auf das Christentum kann durch einen bemerkenswerten Satz Hegels aus der Phänomenologie beschrieben werden: „Das Bekannte überhaupt ist darum, weil es bekannt ist, nicht erkannt.“ Wenn man Bernard Lewis‘ akribischer Dokumentation dieser intellektuellen Diskrepanz folgt, dann ist es bei weitem nicht mehr so unverständlich, warum sich die Länder des Islam seit Jahrhunderten in einer permanenten Krise befinden. Die Krise des Islam ist, so Lewis, keine Folge des westlichen Imperialismus, sondern der Imperialismus konnte nur deshalb eine solche Krise auslösen, weil sich die Gesellschaften der islamischen Welt schon zuvor in Auflösung und Zerfall befanden.

Es gehört zu den großen Verdiensten von Bernard Lewis, durch seine überragende Kenntnis der Quellen und seiner tief verankerten Liebe zur Sprache die schwierigen Klippen, die uns in  der Auseinandersetzung mit dem Islam begegnen kartographiert zu haben. Er beurteilte Islam und Christentum als zwei eigenständige Zivilisationen, deren gemeinsame Vermittlung das Judentum darstellt, das in seinem Verständnis keine eigene Zivilisation hervor gebracht hat, sondern in beiden sich zurecht finden musste. Eine Vermittlung zwischen verschiedenen Welten zu sein und beiden den jeweils anderen zu zeigen hat er immer als seine Aufgabe betrachtet. Wir wollen ihn so und nicht anders in Erinnerung behalten.

 

 

[1] https://www.commentarymagazine.com/articles/the-return-of-islam/

[2] https://mosaicmagazine.com/essay/2016/06/the-return-of-bernard-lewis/

[3] https://www.commentarymagazine.com/articles/the-return-of-islam/

[4] Ebd.

[5] Donner Lecture, Toronto, Mai 2002

[6] Lewis, Islam and the West (1993)

[7] https://en.wikipedia.org/wiki/Bernard_Lewis#Armenian_Genocide

[8] https://en.wikipedia.org/wiki/Bernard_Lewis_bibliography

[9] Siehe Lewis: The End of Modern History in the Middle East (2011), Faith and Power. Religion and Politics in the Middle East (2010), The Political Language of Islam (1988)

[10] http://www.slate.com/blogs/better_life_lab/2017/11/09/the_stem_paradox_why_are_muslim_majority_countries_producing_so_many_female.html

[11] Siehe: Robert Irwin: The Lust For Knowing (2007), Martin Varisco: Reading Orientalism (2007), Ibn Warraq: Defending the West (2007)

[12] Lewis, Islam and the West (1993), siehe auch: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/hoch-schule/zum-tod-von-bernard-lewis-15602086.html

[13] https://dieweltohneuns.wordpress.com/2018/03/03/die-silhouette-im-spiegel-ueber-mohammed-abed-al-jabris-kritik-der-arabischen-vernunft/

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3 Kommentare leave one →
  1. 25. Mai 2018 17:05

    Vielen Dank für den wunderbaren Nachruf auf Bernard Lewis. Sehr gut der Hinweis auf die dunkle Seite seines Schaffens, der Verharmlosung des Genozids an den Armeniern. See ich auch so, man sollte diese Fehleinschätzung nicht überbewerten.

    Drei Bücher von Lewis stehen in meinem Bücherschrank: „Treibt sie ins Meer“, „Die Araber“ und „Die Wut der arabischen Welt“. Stimmt die Schriften von Lewis sind leicht zu verschlingen, also sehr flüssig zu lesen.

    In jedem Fall lag Bernard Lewis mit seinen Warnungen vor dem politischen Islam sehr richtig.

    Gefällt 1 Person

    • 25. Mai 2018 17:38

      Vielen Dank!

      Ich habe so um 2005 begonnen seine Bücher zu lesen, die eine auch für nicht Experten lesbare Lektüre anbieten. Wenn man seine Texte liest, dann wird man einfach mitgenommen weil er ein unerhörtes Talent besessen die komplizierte Quellenlage akkurat zusammen zu fassen. Es gibt da viele kleine Geschichten und Episoden aus Texten der osmanischen und arabischen Literatur, die er mit schwarzem Humor wieder gibt und trotzdem fundiertes Wissen darstellen.
      Was die Armenien Frage betrifft, so hat mich letztlich schwer irritiert, dass der deutschsprachige Wikipedia Eintrag fast ausschließlich seine Revisionen dazu behandelt und alles andere völlig außen vor lässt. Der englischsprachige Beitrag dazu ist viel ausführlicher und genauer. Ein lesenswertes Buch zum Einsteigen ist jedenfalls „What went wrong“, das vor 2001 geschrieben wurde, aber erst danach veröffentlicht.

      https://www.theatlantic.com/magazine/archive/2002/01/what-went-wrong/302387/

      Man findet außerdem jede Menge Vorträge, Interviews und Gespräche im Netz, die sehr erhellend sind und seine überragende Bildung zeigen, die er trotzdem auf eine sehr populäre Weise vorzutragen wusste. Sein Vortragsstil hat mich immer beeindruckt und war stets ein Vorbild. Was bei ihm auch auffällt war seine stets sehr ruhige Art auf Fragen von Israelkritikern zu antworten. Dank seines enormen Wissens konnte er stets einen geschichtlichen Kontext einbringen, der vielen dieser Kritiker sofort den Wind aus den Segeln nahm, ohne in die gefährlichen Fahrwasser dieses Themas zu geraten. Ich habe nirgendwo einen Hinweis gefunden, ob er Muhammed Al-Jabri gekannt oder wahrgenommen hat (oder umgekehrt). Ich hätte es sehr interessant gefunden die beiden in einem Dialog zu beobachten. Mögen sie beide in Frieden ruhen.

      Gefällt 2 Personen

    • 26. Mai 2018 10:52

      Bernard Lewis sagte bereits vor Jahrzehnten die mörderische und terroristische Re-Islamisierung des Nahen Ostens voraus, dazu meinte er sinngemäß: Entweder wir bringen ihnen die Freiheit oder sie werden uns zerstören.

      Ich werde demnächst mal wieder seine Bücher lesen.

      Gefällt 2 Personen

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