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Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen

8. April 2019

„Mit Verlaub: Das ist unerträglicher, unverzeihlicher, von Grund auf verharmlosender und verlogener Kitsch (auf Basis eines Wikipedia-Artikels). Zumindest ist mir jetzt das Che-Profilbild, das mir immer ein Rätsel war, verständlicher.“ Dieter Sturm über den Nachruf auf Fidel Castro am 28.11.2016

„Ich finde es ja ein bisschen lustig, dass der Mann mit Fiedel Castro als Profilbild sich über geschmacklose Käseblätter aufregt, die tabu zu sein haben“ Matthias Achenbach am 7.3.2018

„Der Spaß daran, Exekutionen persönlich vorzunehmen, scheint vom Che-Titelbild auf jeden Fall abzufärben. Ich finde eine solch aktive und perfide Kollaboration mit Massenmördern wirklich schlimm. Ich werde eine Petition starten.“ Martin Stobbe am 7.3.2018

Kuba: Die Moncada-Kaserne | Der Blaue Balkon in Santiago des Cuba | Schulkinder in Holguin | Zwei Schuster in Trinidad | Entgleister Zug in Santa Clara

Sie beziehen sich auf Karl Marx und sie sprechen sich in ihrer Blase mit „Genosse“ an, sie halluzinieren von Che Guevara, dem „Massenmörder“ und verteidigen Jakob Augstein trotz seines Antisemitismus leidenschaftlich. Sie verwechseln Che Guevara mit Fidel Castro und können noch nicht einmal dessen Namen richtig schreiben. Was ist nur los mit dieser „Ideologiekritischen“ Linken?

Brasilien hat aktuell zwölf Millionen Analphabeten. 25 Millionen jugendliche Brasilianer drücken nicht die Schulbank weil sie, um nicht zu verhungern arbeiten, betteln, stehlen oder morden. Ein Viertel der Brasilianer lebt in extremster Armut und Brasilien hat mit über 60.000 Morden pro Jahr eine der höchsten Mordraten der Welt. Nicht nur in den Favelas in Rio de Janeiro gibt es keine funktionierende Kanalisation, selbst in den Wohngegenden der Mittelschicht laufen die Fäkalien in offenen Rinnsalen über hunderte von Metern in Richtung Strand und in der Nacht schlafen die unzähligen obdachlosen Eltern mit ihren Kindern auf Matratzen, neben eben diesen Rinnsalen auf der Straße. Aus El Salvador oder aus Honduras, in Ländern in denen die Gewalt und die Hoffnungslosigkeit noch größer ist als in Brasilien, fliehen derzeit tausende von verzweifelten Menschen in Richtung USA. Eine funktionierende Krankenversorgung, ein Sozialsystem, eine bezahlbare menschenwürdige Unterkunft oder Schulbildung sind Fremdwörter in den meisten Ländern Süd- und Mittelamerikas. Der Hinterhof der USA steht am Abgrund, denn Hunderttausende kämpfen täglich um ihr Überleben.

Durch einen Militärputsch kam 1952 der General und spätere Massenmörder Fulgencio Batista in Kuba an die Macht. Die Bevölkerung lebte unter Batista in bitterster Armut, rund fünfzig Prozent der Kubaner waren mehr oder weniger Analphabeten und es gab kaum medizinische Versorgung. Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung war zu der Zeit dauerhaft arbeitslos. Die Landbewohner, die rund die Hälfte der Einwohner in Kuba stellen waren am meisten benachteiligt. Sie lebten in Palmhütten ohne Wasser und Strom. Über ein Drittel der Landbevölkerung litt unter Mangelernährung und Parasitenerkrankungen. 27 Prozent der städtischen und 61 Prozent der Kinder vom Lande besuchten keine Schule. Batista ermordete in seinem System des Terrors mit seinen Schergen rund 20.000 Kubaner und Kubanerinnen, teilweise nach bestialischer Folter. Zur Einschüchterung der Bevölkerung wurden viele der Ermordeten aus Autos auf die belebten Straßen geworfen. Die meisten oppositionellen Gruppierungen wurden verboten und von der Geheimpolizei Batistas erbarmungslos verfolgt. Batista ließ systematisch einsperren, foltern und morden und nebenbei war Kuba das Bordell der USA.

1958 ließ der Massenmörder Fulgenico Batista Ernest Hemingways Farm durchstöberten, wobei der Hund von Hemingway erschossen wurde. Fidel Castro, Che Guevara, Camilo Cienfuegos und mit ihnen tausende Revolutionäre bekämpften und besiegten zu der Zeit, getragen von der überwältigen Mehrheit der kubanischen Bevölkerung, das Terrorregime Batistas.  Für Hemingway war dies ein Signal zur Rückkehr nach Finca Vigia, die mittlerweile unter dem Schutz eines Mitgliedes der neuen Castro-Regierung stand. Auf dem Flughafen von Havanna wurde er von einer jubelnden Menge begrüßt, küsste die kubanische Fahne, missbilligte die Feindseligkeiten der USA gegen das neue Kuba und sagte, er fühle sich als echter Kubaner.

In Kuba kam es unter Fidel Castro zu umfangreichen Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen. Die Gleichberechtigung der Frau wurde festgeschrieben. Alle Bevölkerungskreise erhielten einen gleichberechtigten, kostenlosen Zugang zur medizinischen Versorgung und zu einer angemessenen kostenlosen Bildung. Die große Alphabetisierungskampagne setzt 1961 ein und hatte schnell Modellcharakter unter den Ländern der Dritten Welt. Im jährlich herausgegeben Index der menschlichen Entwicklung (HDI) belegte Kuba beispielsweise im Jahr 2014 Platz 44 und  lag damit gleichauf mit Bahrain und vor Bulgarien. Kuba hat nach der Kubanischen Revolution im Vergleich zum Rest Lateinamerikas und großen Teilen der restlichen Welt eine sehr niedrigere Kindersterblichkeitsrate, eine Lebenserwartung von knapp 80 Jahren und praktisch keinen Analphabetismus. Im Gegensatz zu so gut wie allen mittel- und südamerikanischen Ländern gibt es in Kuba keine “Favelas.”

Nach der siegreichen kubanischen Revolution kam es in La Cabana aber auch zur „Großen Abrechnung“. In La Cabana hatten die revolutionären Gerichte „1“ und „2“ ihren Sitz. Das erste richtete über Batistas Polizisten und Militärs und das zweite, das keine Todesstrafen aussprach, über Zivilpersonen. Den Vorsitz über das Gericht „1“ hatte Miguel Angel Duque de Estrada. Che Guevara gehörte keinem der beiden Tribunale an, jedoch überprüfte er als Garnisonskommandant die Berufungen. Castro verglich die Verbrecher der Batista-Diktatur mit den Angeklagten in den „Nürnberger Prozessen“. Im „Nürnberger Prozess“ wurden nach dem zweiten Weltkrieg Politiker, NS-Ideologen und Militärs, sowie Wirtschaftsführer der NS Diktatur angeklagt. Bekanntlich kam es dabei zu vielen Todesurteilen. Beispielsweise wurden Hans Frank, Wilhelm Frick, Alfred Jodl, Fritz Sauckel, Alfred Rosenberg, Joachim von Ribbentrop oder Wilhelm Keitel zum Tod durch den Strang von den Alliierten verurteilt. Neben den „Nürnberger Prozessen“ verurteilten in den drei Westzonen alliierte Militärgerichte insgesamt 5025 deutsche Angeklagte. In 806 Fällen wurden Todesurteile ausgesprochen, von denen 486 vollstreckt wurden. Die Nürnberger Prozesse haben eine Anzahl von Anwälten hervorgebracht, deren revisionistische Verteidigungsstrategien die Einstellung von Teilen der Bevölkerung in Deutschland damals und heute stark beeinflusst haben. Nicht nur rechtsradikale, antidemokratische Gruppierungen kritisieren seit über 60 Jahren diese Todesurteile. Zum 60. Jahrestag der Nürnberger Prozesse meinte der Ex-SDS Mann und heutige NPD/DVU Sympathisant, Bernd Rabehl: „Hier hätten „Killer über Killer zu Gericht“ gesessen. Der Prozess sei lediglich eine „Farce“ gewesen.“

In der Tradition von Bernd Rabehl phantasieren seit einiger Zeit allerlei Leute, auch aus dem linken Spektrum vom „Massenmörder“ Che Guevara. Wenn sich Superliberale, Erzkonservative oder Batista-Anhänger über den Tod von Fidel Castro freuen und Che Guevara verachten ist das wegen der entsprechenden Ideologie durchaus nachvollziehbar. Die hungernden Kinder in Haiti, die 68 Millionen Obdachlosen in Lateinamerika, die Straßenkinder von Brasilien brauchen doch nur die Ärmel heraufstülpen und endlich vernünftig arbeiten dann werden sie auch ein prima Leben haben.

Batistas linke Kombattanten aus dem „ideologiekritischem Spektrum“ müssen sich allerdings erstens  fragen lassen, wenn Che Guevara ein „Massenmörder“ war, wie verhält es sich dann mit „Bomber“ Arthur Harris, mit Mosche Dajan, Francis Beverley Biddle, Georgi Konstantinowitsch Schukow oder Yoni Netanyahu? Waren sie alle Massenmörder? Und zweitens sind die halluzinierenden „Ideologiekritiker“ Antworten auf die sozialen Fragen in Südamerika bisher schuldig geblieben, aber vielleicht kommt da ja in den nächsten 500 Jahren noch etwas.

Faszinierend bleibt jedenfalls einmal mehr die Linke mit all ihren exklusiven Strömungen. Den oftmals sehr jungen „Ideologiekritikern“ kann zu Gute gehalten werden dass sie den Kalten Krieg, mit seiner eigenwilligen Berichterstattung, in Ost oder West nicht live miterlebt haben. Wer in seinem Leben noch nie etwas von der Truman-Doktrin, von United Fruit in Guatemala, von den Contras in Nicaragua, von Mac Arthur in Korea, vom Tonkin-Zwischenfall in Vietnam gehört hat oder wem der Unterschied zwischen SS-20 und Pershing nicht geläufig ist oder wer Pershing für eine neue englische Biermarke hält, wer Che Guevara und Fidel Castro nicht auseinanderhalten kann, dem sollte man nicht böse sein, sie alle tun ihr vermeintlich Bestes, zu mehr reicht es eben nicht.

Es hilft im Übrigen dieser „ideologiekritischen“  Linken wenig, so lobenswert dies auch sein mag, wenn sie sich dem aktuellen Islamismus mit all seinen menschenverachtenden Ausprägungen entgegenstellt. Jedes Engagement dieser Leute gegen Antisemitismus, für die Vernunft und für die Aufklärung wird unter anderem durch ihre Ahnungslosigkeit und Ignoranz unglaubwürdig. In einer Zeit in der irgendwie „ideologiekritische“  Linke froh über Fidel Castros Tod sind, sie Che Guevara als Massenmörder bezeichnen und sie dann auch noch Jakob Augstein, vermutlich wiederum aus Ahnungslosigkeit, trotz seines elenden Antisemitismus bis aufs Blut verteidigen, in dieser Zeit wird das Elend der deutschen Ideologie wieder einmal beklemmend offenbar.

Man sollte sich freilich über Ideologen mit versteinerten Herzen nicht allzu sehr aufregen und sich den wichtigeren Dingen zuwenden. Bayern München, der Verein der in der Zeit des Nationalsozialismus als der „Judenverein“ galt, der zerschlagen werden musste, hat am Samstag den börsennotierten „Arbeiterverein“ aus Dortmund 5:0 geschlagen und ist auf dem besten Weg zur siebten Deutschen Meisterschaft in Folge. So bietet das Leben auch immer wieder seine Sonnenseiten.

 

Ebenfalls veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

11 Kommentare leave one →
  1. 8. April 2019 23:50

    Klasse. Volle Zustimmung! Der Irrsinn macht mittlerweile Furore. Eine kleine Ergänzung zu Fulgencio Batista. Der bekam 1957 auch noch das bundesdeutsche Verdienstkreuz!

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  2. Max Weber permalink
    9. April 2019 09:05

    Es gibt Linke die sind so links dass sie schon wieder rechts sind.

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  3. Andi Fux permalink
    9. April 2019 09:25

    Bin zwar nicht unbedingt ein Bayern-Fan, aber ansonsten habe ich den Artikel gerne und mit viel Kopfnicken gelesen. Die Opfer von Che sind größtenteils Anhänger und Vollstrecker des Diktators Batista. Es gibt den gerechten Krieg und Che hat ihn geführt.

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  4. Ernst Jandl permalink
    9. April 2019 10:41

    lechts und rinks.
    kann man nicht velwechsern.
    werch ein illtum!

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  5. 9. April 2019 11:06

    Warum haben Che und Castro nicht versucht Batista und seine Schergen mit Lichterketten zu vertreiben. Vielleicht hätten auch ein paar Gebete geholfen. Die Nazis hätte man doch auch mit Verhandlungen für eine vernünftigere Politik überreden können.

    Widdewiddewitt und Drei macht Neune. Ich mach‘ mir die Welt Widdewidde wie sie mir gefällt

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  6. Paul May permalink
    10. April 2019 07:33

    Ich kenne Martin Stobbe aus verschiedenen Artikeln. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er sowas gesagt hat. Gibt es irgendwelche Links?

    Gefällt 1 Person

  7. steinbaer permalink
    10. April 2019 09:41

    Klasse Beitrag! Die Doppelmoral dieser Leute bringt mich zur Verzweiflung. Vermutlich liegt es wirklich daran, dass die noch sehr jung sind.

    „Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen“, diese Überschrift bringt es auf den Punkt!

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  8. Logout permalink
    10. Dezember 2019 18:14

    Bayern München wurde wegen genau zwei Leuten, nämlich Präsident Kurt Landauer und Trainer Dombi, Judenverein genannt, obwohl er bereits am 9. April 1933 in der Stuttgarter Erklärung den Ausschluss aller jüdischen Mitglieder ankündigte und ihn 1935 mit einem Arierparagraphen in der Vereinssatzung umsetzte. Davon abgesehen war der BVB der einzige Fußballverein Deutschlands der für den Ausbau von Yad Vashem gespendet. Wenn alle Artikel hier so schlammpig recherchiert werden …

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    • 10. Dezember 2019 18:23

      Nein es waren nicht nur „zwei Leute“! Wenn Sie auf den Link „Bayern München“ geklickt hätten, dann hätten Sie meinen Artikel über Landauer und Bayern München gelesen. Hier ein Auszug:

      Beim MTV München hatten die konservativen und reaktionären Turner das Sagen und so kam es unweigerlich zur Rebellion der andersdenkenden Fußballer um Franz John und Josef Pollack. Am 27. Februar 1900 verließen elf fest entschlossene Fußballer im Gasthaus „Bäckerhöfl“ eine Sitzung der Fußballabteilung des MTV München um am gleichen Abend im Restaurant „Gisela“ in Schwabing unter der Mithilfe der „Freiburger Paten“ um Gus Manning den FC Bayern München zu gründen. Mit 17 Jahren trat 1901 Kurt Landauer diesem FC Bayern bei, der bis zum Jahr 1933 die prägende Figur des Vereins werden sollte. Seine Eltern waren die wohlhabenden jüdischen Kaufmannseheleute Otto und Hulda Landauer. Die großbürgerliche Familie Landauer war bildungs-, kunst- und kulturbeflissen, dachte standesbewusst und politisch liberal und man pflegte rege Kontakte zu Künstlern und Literaten. In Deutschland, wo nie eine richtige bürgerliche Revolution stattgefunden hatte, wo Juden als Verursacher der Aktienmarktkrise von 1873 denunziert wurden war ein jüdischer Präsident eines Fußballvereins keine Selbstverständlichkeit. In Münchens Verwaltung sowie in der Öffentlichkeit grassierte schon sehr früh eine antisemitische Stimmung und bereits 1920 wurden Hunderte von Juden aus München vertrieben. Beim FC Bayern waren Juden und Ausländer dagegen willkommen und so wurde Kurt Landauer 1913 Präsident des FC Bayern. Kurt Landauer entwickelte eine moderne Vereinsstruktur mit internationalen Fußballmaßstäben. Er sah die Notwendigkeit einer Jugendarbeit und installierte mit Otto Albert Beer einen Koordinator für diesen Bereich. Otto Albert Beer wurde 1941 nach Litauen deportiert und dort, wie seine Frau und seine beiden Söhne ermordet.

      Am 27. Juli 1919 besiegte der „Judenclub“ MTK Budapest den FC Bayern vor einer Rekordkulisse an der Marbachstraße mit 7:1. Die Begegnung war von prägendem Einfluss für die weitere spielkulturelle Entwicklung der BayernNach dem Ersten Weltkrieg und nach der Zerschlagung der Münchner Räterepublik nahm der Antisemitismus vor allem in München an Fahrt auf, was jedoch die Politik der Münchner Bayern kaum beeinflusste. Während Agitatoren wie Eugen Dühring, Paul Lagarde und Wilhelm Marr den Juden ihr „Undeutschsein“ vorwarfen, sie als von Natur aus fremde Elemente bezeichneten, leistete sich Bayern München in den Weimarer Jahren nicht nur einen jüdischen Präsidenten, sondern auch gleich vier jüdische Trainer. Als andere Vereine Turnvater Jahn und das Deutschtum huldigten, praktizierte Kurt Landauer seinen Internationalismus in dem er, im Gegensatz zu anderen deutschen Vereinen, Spiele gegen internationale Mannschaften organisierte. Keine der vielen internationalen Begegnungen war so nachhaltig wie der Besuch des MTK Budapest in München. Der MTK wurde von 1905 bis 1940 von Albert Brüll geführt, der später wegen seiner jüdischen Herkunft in Auschwitz ermordet wurde. Mit dem MTK begrüßten die Bayern die damals wohl beste kontinentaleuropäische Fußballmannschaft. Die Hälfte des MTK-Kaders bestand aus Juden und ihr „Donaufußball“ war ein moderner Gegenentwurf zum englischen „Kick-and-Rush“. Mit 7:1 gewannen die Budapester gegen die Bayern und ganz München schwärmte von Kertész und dem fußballerischen Gegenentwurf aus Ungarn. Die Bayern waren vom Spiel des MTK überwältigt und verpflichteten in den folgenden Jahren eine Reihe von ungarisch-österreichischen Trainern, die alle Juden waren. Vier Tage nach dem Spiel in München war auch in Ungarn das rätekommunistische Experiment gescheitert und wie in München wurde auch in Budapest das Ende der Räterepublik von einem antisemitischen Furor begleitet. An der ungarischen Räterepublik waren viele Juden beteiligt und als Verlierer des ersten Weltkrieges musste Ungarn Gebiete abtreten und wie in Deutschland machte man die Juden dafür verantwortlich. Etwa 3000 ungarische Juden wurden Opfer des „weißen Terrors“ und so verließen viele jüdische Fußballer des MTK das Land in Richtung Österreich und Deutschland.

      1930 verpflichtete Kurt Landauer den österreichisch-ungarischen-jüdischen Coach Richard „Little Dombi“ Kohn. Mit dem damals teuersten und bekanntesten Trainer auf dem Kontinent gelang nach einigen vergeblichen Anläufen 1932 die erste Deutsche Meisterschaft. Im letzten Meisterschaftsfinale vor der nationalsozialistischen Machtübernahme standen sich zwei Vereine gegenüber, in denen Juden eine wichtige Rolle spielten und die deshalb verächtlich als Judenclubs bezeichnet wurden, den FC Bayern München sowie die Eintracht aus Frankfurt, deren Hauptmäzen die von jüdischen Besitzern geführte Schuhfabrik J.& C.A. Schneider war. Im Endspiel am 12. Juni 1932 in Nürnberg vor 55.000 Zuschauern besiegten die „Rothosen“ Frankfurt mit 2:0. Die Abwehr um Kapitän Conny Heidkamp und Sigmund Haringer ließ kaum Tormöglichkeiten für die Frankfurter zu und die Tore für die Bayern erzielten Oskar Rohr per Elfmeter und Franz Kumm. Der attraktive Fußball der Münchner war erfolgreich und so stand im Jahr 1932 der FC Bayern vor einer großen sportlichen Zukunft. „Doch den Nazis, die einige Monate später an die Macht kamen, galt der FC Bayern als „Judenklub“. Gemeinsam mit willfährigen Helfern im DFB machten sie sich daran, eine liberale und weltoffene Fußballkutur zu zerschlagen“, so Dietrich Schulze-Marmeling.

      Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme begann sofort der sportliche Abstieg des FC Bayern. Der DFB unter Präsident Felix Linnemann, dem großen Gegenspieler von Kurt Landauer, nutzte die „Zeitenwende“ und zementierte unter anderem den verlogenen Amateurstatus. Die jüdischen Funktionsträger und Mitglieder in den Vereinen wurden verfolgt und vertrieben. Viele jüdische Mitglieder des FC Bayern München wurden von den Nazis in Auschwitz ermordet. Meistertrainer Richard Dombi verließ wie Oskar Rohr umgehend Deutschland. Richard Dombi ging in die Niederlande, wo er mit Feyenoord Rotterdam 1936 und 1938 Meister wurde und den Krieg überlebte. 1932 verlor Kurt Landauer wegen seiner jüdischen Herkunft seine Arbeitsstelle bei den Münchener Neuesten Nachrichten. Im März 1933 musste er als Bayern-Präsident zurücktreten. Während der Reichspogromnacht 1938 wurden in München ungefähr 1.000 männliche Juden verhaftet, ins KZ Dachau verschleppt und dort verprügelt, gequält und gedemütigt. Unter den Verhafteten befand sich auch Kurt Landauer, den die Nazis aus der Wäschefirma Rosa Klauber abholten und in die Baracke Nummer acht sperrten. Kurt Landauer gelang nach seiner Freilassung die Flucht in die Schweiz, dorthin, wo auch sein bereits 1934 verstorbener Freund Walther Bensemann Zuflucht gefunden hatte. In Genf lebten bereits Angehörige der Familie Klauber, die Landauer bei der Einwanderung halfen. Anders als im DFB oder anderen Vereinen gab es beim FC Bayern Menschen die versuchten den Klub auf größtmögliche Distanz zum Nazi-Regime zu halten. So wurde der überzeugte Nationalsozialist Josef Sauter erst 1943 Präsident bei den Bayern. Bevor Bayern München am 7. November 1943 in Zürich gastierte, wurden die wehrmachtsfähigen Spieler ins Sicherheitsamt befohlen und ihnen verboten mit deutschen Emigranten Kontakt aufzunehmen. Die Mannschaft ließ es sich trotzdem nicht nehmen, ihrem langjährigen Präsidenten auf dem Platz zuzuwinken, wofür einige Spieler später mit Repressalien oder einem Fronteinsatz bestraft wurden.

      Kurt Landauer überlebte den Zweiten Weltkrieg im Schweizer Exil, vier seiner Geschwister fielen jedoch den Nazis zum Opfer. Kurt Landauers Geschwister Dr. Paul, Franz und Leo wurden von den Nazis ermordet. Paul wurde im November 1941 in den Osten deportiert. Mit etwa 1.000 anderen Juden wurde er am 25. November 1941 in Litauen von Angehörigen der Einsatzgruppe A erschossen. Franz Landauer kam 1943 im KZ Westerbork ums Leben. Leo Landauer, der 1939 nach Berlin gezogen war kam in Majdanek um. Gabriele Landauer, verheiratete Rosenthal, wurde am 4. April 1942 nach Piaski deportiert und gilt seither als verschollen. Außer Kurt überlebte nur noch eine weitere Schwester namens Henny den Nazi-Terror. Henny Landauer hatte 1919 den Rechtsanwalt Dr. Julius Siegel geheiratet. 1934 emigrierte das Paar nach Palästina. Im März 1933 wurde der Vetter und Sozius von Dr. Julius Siegel, Michael Siegel von den Nazis mit abgeschnittenen Hosen durch die Stadt gejagt. NS-Sturmtruppen hatte die Schaufenster des Kaufhauses Uhlfelder zerstört. Anwalt Michael Siegel ging zur Hauptpolizeiwache, um eine Anzeige aufzugeben, worauf er r von der SS so stark verprügelt wurde, dass ihm einige Zähne herausfielen und das Trommelfell platzte. Danach zerschnitten sie ihm seine Hose und anschließend wurde er von der SS barfüßig mit einem großen Schild um den Hals hängend auf dem stand „Ich werde mich nie mehr bei der Polizei beschweren“ durch die Münchner Innenstadt gehetzt. Henny Landauer-Siegel starb 1973 in Israel. Ihr Sohn Uri kehrte Mitte der 1950er Jahre nach München zurück, wo er in die Fußstapfen seines Vaters trat und als Rechtsanwalt arbeitete. 1947 kehrte Kurt Landauer nach München zurück und „baute“ den FC Bayern wieder auf, bis 1951 war er Präsident bei den Bayern. Am 21. Dezember 1961 starb Kurt Landauer. Er liegt auf dem Neuen Israelitischen Friedhof begraben. ..

      Hier der ganze Artikel: https://thinktankboy.wordpress.com/2013/04/02/kurt-landauer-und-der-fc-bayern-munchen/

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