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Hermann L. Gremliza ist tot

1. Januar 2020

Geboren wurde Hermann L. Gremliza am 20. November 1940 in Köln, aufgewachsen ist er in der Nähe von Stuttgart, der Vater arbeitete in hoher Position bei Daimler-Benz. Gremliza studierte in Tübingen und Berlin und ging danach als Redakteur zum Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“. Mit „zu großer Arroganz“ und Zielstrebigkeit wurde er bald leitender Redakteur. Gremliza initiierte mit anderen Redakteuren 1971 den großen „Spiegel“-Streik bei dem es um Mitbestimmung und Mitarbeiterbeteiligung ging. Von der Abfindung, die ihm Rudolf Augstein zahlen musste, kaufte er 1974 die linke Monatszeitschrift „Konkret“.

Jedes Heft war von nun an geprägt von Gremlizas Kolumne, die so gut wie immer den Leser zum Nachdenken und zum Diskutieren anregte und am Ende des Heftes gab es den „Gremlizas Express“, in dem die Stilblüten der bürgerlichen Presse schonungslos offengelegt wurden. Gremliza schrieb einige Bücher mit vielsagenden Titeln wie zum Beispiel: „Wie Hannelore Kohl die Russen bezauberte“ und er war Wallraffs Ghostwriter für sein Buch „Der Aufmacher“. In Konkret kamen sehr viele Autoren aus so gut wie allen Spektren der Linken und weit darüber hinaus zu Wort, aber auch Politiker und Funktionäre aus ideologisch völlig anderen Zusammenhängen. Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, dem FDP-Mitglied Ignatz Bubis, hatte Gremliza freundschaftlichen Kontakt und beide einte der Hass auf alles Antisemitische.

Der große Verdienst von Konkret und Hermann L. Gremliza war das Sichtbarmachen des linken Antisemitismus und die proisraelische Haltung, die es bis dahin in einer linken Zeitung nicht gab. Durch Konkret vor allem in den Jahren 1990 bis 2010 hat die Israelfeindschaft innerhalb der Linken ihre Unschuld verloren, was naturgemäß die Feindschaft der stalinistischen und antiimperialistischen Linken nach sich zog.

In Konkret schrieben unter vielen anderen humanistischen Autoren Dan Schueftan, der stellvertretender Direktor des Zentrums für Nationale Sicherheit an der Universität Haifa, israelsolidarische Publizisten wie Stephan Grigat, Eike Geisel, Alex Feuerherdt, Stefan Frank, Matthias Küntzel, Yaacov Lozowick oder Wolfgang Pohrt (5.5.1945 – 21.12.18). Im Jahr 1991 wurde beispielsweise der Essay von Jean Améry „Der ehrbare Antisemitismus“ abgedruckt und im September 2006 wurde das Buch vom Archivdirektor der Gedenkstätte Yad Vashem, Yaacov Lozowick über Israels Existenzkampf vorgestellt. Matthias Künzel schrieb einige Artikel in Konkret über den islamischen Dschihad und die Gefahren die vom Gottesstaat Iran ausgehen.

Während des Golfkrieges 1991 kam es zu antiamerikanischen Demonstrationen der Friedensbewegung. Die „Friedenskämpfer“ erinnerten mit Transparenten an die Bombennächte von Dresden, während die Bedrohung Israels durch mit deutschem Giftgas bestückten Mittelstreckenraketen kaum thematisiert wurde. Kein „Blut für Öl“ und „Heute Bagdad, gestern Dresden“ war auf den Plakaten der überwiegend linken Demonstranten zu lesen. Deutschland finanzierte den amerikanischen Krieg gegen Saddam Hussein, hatte jedoch zuvor den Irak durch massive technologische Unterstützung geholfen die Reichweite seiner Scud-Raketen zu erhöhen. Deutsche Firmen verhalfen mit Duldung der Bundesregierungen über Jahre dem Irak zu einer eigenen Giftgasproduktion. Dieses Giftgas setzte Hussein bereits drei Jahre zuvor gegen aufständische Kurden im Norden Iraks ein. Obwohl Israel nicht an diesem Krieg beteiligt war feuerte Hussein Scud-Raketen auf Israel ab, viele Raketen schlugen in israelischen Städten ein, wodurch israelische Zivilisten verletzt und getötet wurden. Hussein drohte Israel mit Giftgas auslöschen zu wollen. In Konkret 03/91 schrieb dazu Wolfgang Pohrt: “ …Diesmal hingegen steht etwas auf dem Spiel, unter anderem die Existenz des Staates Israel, und eine Neuauflage der Friedensbewegung bedeutet nun, dass die hiesige Linke im weitesten und im engen Sinn wirklich für alle Zeiten moralisch erledigt ist. Deutlicher gesagt: Verglichen mit der PDS ist der CIA eine hochmoralische Anstalt. Kein lustiger Brief also, eben (27.1. 17.00 Uhr) meldet Bagdad, dass es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, eine Absicht, die Israel gegebenenfalls hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen wird. …“

In derselben Konkret-Ausgabe schrieb Hermann L. Gremliza zum Irakkrieg: “Das Richtige aber, das hier hoffentlich getan wird, darf nicht gesagt werden: dass der Irak der Fähigkeit beraubt werden muss, Israel – wie von Saddam angekündigt – anzugreifen und zu liquidieren. Würde dieser einzig vertretbare Kriegsgrund genannt, liefe jenes Gesocks, welches die arabischen Vertreter der alliierten Weltmoral darstellen, sofort auseinander oder zu Saddam über. Dass die USA tagtäglich die israelische Regierung anweisen, die irakischen Angriffe nicht zu erwidern, und die europäischen Alliierten Israel tagtäglich dafür loben, dass es diese Anweisung befolgt, weil sonst das ganze schöne Bündnis mit den Saudis, den Mubaraks und den Assads zerbreche, lässt freilich auch bei einem Betrachter, der Politik nicht in der Selbsterfahrungsgruppe gelernt hat, Zweifel aufkommen, ob die USA und ihre europäischen Alliierten unter allen Umständen am richtigen Zweck ihres Krieges festhalten werden oder schon heute mit dem Preis spekulieren, zu welchem sie Israel morgen an ihre arabischen Alliierten verkaufen würden. …“

Christian Ströbele, von den Grünen hatte dagegen erklärt: „Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels“ Auf die Frage ob denn Israel selber schuld sei, es mit Raketen beschossen wird, antwortete Ströbele: „Das ist die Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber, auch dem Irak gegenüber.“ Ströbeles Position wurde weitgehend von vielen antizionistischen Linken geteilt. Wegen seiner antisemitischen Hetze verlor Ströbele allerdings seinen Sprecherposten bei den Grünen. Wolfgang Pohrt und Hermann L. Gremliza wurden von ewig gestrigen Autoren wie Jutta Ditfurth und vielen prominenten antiimperialistischen Linken wegen ihrer porisraelischen und pro-amerikansichen Haltung massiv attackiert. Ditfurth und andere schrieben nicht mehr in Konkret und über Nacht verlor die Zeitschrift hunderte von Abonnenten.

Ein paar Jahre zuvor warnte Wolfgang Pohrt vor linken Weltfriedensrichtern wie folgt: „Vormundschaft und Sorgerecht für das Opfer werden dem Täter zugesprochen. Mit den Verbrechen, die Deutschland an den Juden und an der Menschheit beging, hat es sich eigenem Selbstverständnis gemäß das Vorrecht, die Auszeichnung und die Ehre erworben, fortan besondere Verantwortung zu tragen. Der Massenmord an den Juden verpflichte, so meint man, Deutschland dazu, Israel mit Lob und Tadel moralisch beizustehen, damit das Opfer nicht rückfällig werde. Zwei angezettelte Weltkriege böten, so meint man weiter, die besten Startbedingungen, wenn es um den ersten Platz unter den Weltfriedensrichtern und Weltfriedensstiftern geht — frei nach der jesuitischen Devise, dass nur ein großer Sünder das Zeug zum großen Moralisten habe“

Konkret blieb seiner proisraelischen Linie treu, so schrieb Gremliza beispielsweise 2006: „So schwer es dem Freund des Friedens fallen mag, das zu begreifen: Israel führt nicht Krieg, wie die Deutschen ihre Kriege geführt haben und führen, nicht um Raum für ihr Volk ohne Raum, um den Zugriff auf Rohstoffe oder um weltpolitische Bedeutung. Israel führt Krieg, um den Juden, die der Hass der Völker nach Palästina getrieben hat, endlich ein Leben in Sicherheit zu bieten. Die Juden versuchen nicht, andere unter ihre Herrschaft zu zwingen oder zu ihrem Gott zu bekehren. Sie versuchen, sich zu retten.“

In „Allahs willige Vollstrecker“ schrieb Gremliza in seiner Kolumne im Jahr 2004 über die „dreihundertneununddreißig Toten, viele von Freiheitskämpfern in den Rücken geschossene Kinder“, den Anschlag von Islamisten in Beslan: „Dreimal täglich wie die Muezzine vom Minarett riefen die Meinungsmacher ihre Landsleute auf, um Himmels willen nicht dem Islam anzulasten, was sie da auf dem Bildschirm gesehen hatten. Der Islam, der wahre Islam, sei etwas ganz anderes als dieser falsche, fanatische, der Islamismus, von dessen Taten man nicht auf die Gemeinschaft aller an Allah Gläubigen schließen dürfe. Wie es aber kommt, daß die Taten der Islamisten bei den geistlichen wie den politischen Führern des guten Islam so gut wie keinen Widerspruch finden, sagten sie nicht. Das ist verständlich, denn guter und böser Islam sind keine Unterscheidung, sondern eine Unterstellung. Als jüngst Israels Luftwaffe bei einem Angriff auf ein Trainingslager der Hamas 14 Kämpfer dieser von den Freunden des guten Islam dem bösen Islamismus zugerechneten Truppe beim Einüben des Judenmords tötete, nannte der palästinensische Ministerpräsident Kurei dies ein »nicht zu akzeptierendes Verbrechen« und eine Antwort der Hamas darauf »gerechtfertigt«. Was immer Allahs Gläubige nämlich sonst trennen mag, es eint sie die Überzeugung, daß man mit Ungläubigen machen darf, was man will. Es liegt also durchaus so falsch nicht, wer den Terroranschlag auf die Schule in Beslan als kaukasischen Kopftuchstreit versteht. Allahs willige Vollstrecker, Chatami wie Mohammed Atta, die Taliban wie der Al-Aksa-Brigadier, sind nicht vom Himmel gefallen.“ Auch Gremlizas fundamentale Kritik am Islam brachte seiner Konkret viele Kündigungen.

Im Juni 2010 informierte ich Herman L. Gremliza und Stefan Frank über die antisemitischen Umtriebe in Jakob Augsteins Freitag. Stefan Frank schrieb mir: “Was Sie schreiben, ist alles sehr richtig, und Ihr Kampf gegen den Antisemitismus sehr wichtig, insbesondere, weil sie die Gefechte ins Hinterland des Feindes tragen. Nun wundere ich mich allerdings, dass Sie sich darüber zu wundern scheinen, dass der Feind sich das nicht länger bieten lassen will.“ Am 29.6.2010 antwortete mir Hermann L. Gremliza: (..) zurück von einer fernen Insel schnell einen Gruß, mit dem ich mich Stefan Franks Antwort anschließe. Wer mit Paech oder Watzal diskutieren will, soll es tun. Ich geh solange Sarah Silverman gucken. Ihr Gremliza“

Spätestens ab 2014 merkte man dem Herausgeber von Konkret seine schwere Krankheit in seinen Texten und in der Auswahl der in Konkret veröffentlichten Texte an. Einer dieser Tiefpunkte war ein Artikel von Bernhard Torsch in Konkret. Im Oktober veröffentlichte das Plenum des alternativen Kulturzentrums Conne Island in Leipzig eine Erklärung, in der es sich mit den gehäuften sexuellen Übergriffen durch überwiegend Flüchtlinge auseinandersetzt und offenbart das Scheitern ihres Versuches, sich „der Welle der Willkommenskultur“ anzuschließen. In Konkret 12/2016 bezichtigt der Konkret-Autor Bernhard Torsch das links-alternative Conne Island deshalb des Rassismus und wünschte den „jungen Männern mit Migrationshintergrund nur gutes Gelingen dabei“, „diese Inseln selbstgerechter Saturiertheit zu verwüsten“

Einige ähnliche Ungeheuerlichkeiten in Konkret der letzten Jahre verursachten unliebsame Kratzer und Beulen an Gremlizas Lebenswerk, seine Verdienste gegen linken Antisemitismus in seinen jahrzehntelangen Glanzzeiten machen ihn wie Wolfgang Pohrt trotz alledem unsterblich. Am 20. Dezember ist Hermann L. Gremliza nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 79 Jahren verstorben.

Gleichzeitig veröffentlicht bei Fisch & Fleisch

10 Kommentare leave one →
  1. Karl Held permalink
    2. Januar 2020 12:07

    Gremlizas Israelsolidarität war wichtig und hat viele Linke in Deutschland zweifellos verändert. Die beste Kolumne war für mich „Allahs willige Vollstrecker“ aus dem Jahr 2004:“Dreimal täglich wie die Muezzine vom Minarett riefen die Meinungsmacher ihre Landsleute auf, um Himmels willen nicht dem Islam anzulasten, was sie da auf dem Bildschirm gesehen hatten.“

    Wer dasselbe heute sagt ist ein vermeintlicher Rechter.

    RIP HLG

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    • 3. Januar 2020 12:16

      Sehe ich genauso. Man sollte zudem bedenken dass er die Kolumne 2004 geschrieben hat, also lange vor den Anschlägen von Paris, dem Breitscheitplatz…

      Wegweisen auch der Schlußabsatz von Allahs willige Vollstrecker:

      „Diese islamistische Internationale ist die größte Gefahr, die den Siegern aller bisherigen Geschichte droht. Weder Afrika noch Lateinamerika verfügen über vergleichbare Stärke, und wie China fehlt auch ihnen jene ideologische Waffe, die den islamischen Kämpfer noch weniger verwundbar macht als den germanischen Siegfried das Bad im Drachenblut: die Verachtung menschlichen Lebens, auch des eigenen. Gegen Selbstmörder ist dem militärisch-industriellen Komplex kein Kraut gewachsen.

      Und erst gegen Märtyrer mit Atombombe. Mühsam hatten die deutsche, die französische und die englische Regierung die Iraner überredet, auf die Herstellung atomwaffenfähigen Materials zu verzichten. Wie zu erwarten, hält das islamistische Regime diese Verabredung für so wenig bindend wie jeder andere Gläubige jede andere mit Ungläubigen getroffene, und nun wird dem Berliner Moslem-Paten ganz mulmig. »Es besteht das Risiko einer Fehlkalkulation in Teheran«, jammerte Außenminister Fischer, wenn »iranische Regierungsvertreter meinten, sich verabschieden zu können von der Vereinbarung, die wir getroffen haben, und die Konsequenzen dabei falsch einschätzen.« Sollte der Iran die Vereinbarung nicht erfüllen, »werden wir eine ernste Situation haben. Ich hoffe, daß das gesehen und begriffen wird.«

      Was Fischer fürchtet, ist offenkundig: daß Israels Luftwaffe, wie 1981, als sie den irakischen Reaktor Osirak binnen siebzig Sekunden einebnete, die iranische Atomanlage in Bushehr zerbombt und damit das durch Kopftuchverbote dürftig kaschierte antiamerikanische Bündnis Deutsch-Europas mit dem Islamismus auffliegen läßt. Denn ein Staat, der in solcher Lage für das Recht des Iran auf eine eigene Atombombe einträte, spielte mit seiner eigenen Existenz. Der Bundesaußenminister jedenfalls scheint nicht anzunehmen, daß die USA in Demut zuwarten, bis die Gotteskrieger mit Atomwaffen anrücken, anstatt das eigene Arsenal so aufzurüsten, daß die Gefahr beseitigt werden kann, ohne die Erde unbewohnbar zu machen.

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  2. 2. Januar 2020 15:24

    Hermann L. Gremliza war sicher einer der größten Journalisten die es in Deutschland je gegeben hat. Die letzten Jahre war konkret allerdings ungenießbar. Ich habe mich über seine seine Texte zunehmend geärgert.

    Wie du schon schreibst 1990 – 2010 war seine beste Zeit, dafür bin ich ihm und seiner Zeitung dankbar.

    Möge er in Frieden ruhen.

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    • 3. Januar 2020 12:18

      Michael Wuliger hat in der Jüdischen Allgemeinen einen schönen Nachruf geschrieben:

      „Diese Haltung, die auch die Linie der von ihm 45 Jahre lang herausgegebenen Monatszeitschrift »konkret« war, trug mit dazu bei, Gremliza in der deutschen Linken zu isolieren. Das war ein Preis, den er gern zahlte. Er war sich seiner politischen Erfolglosigkeit bewusst; gelegentlich kokettierte er sogar damit. Paradoxerweise war es ausgerechnet seine Haltung zu Israel, mit der er tatsächlich reale Wirkung hatte. Die israelsolidarische Linke, die es so nur in Deutschland gibt, hat Hermann L. Gremliza maßgeblich geprägt.“

      https://www.juedische-allgemeine.de/kultur/ein-kommunist-fuer-israel/

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  3. 3. Januar 2020 12:20

    Die Größe Gremlizas zeigte sich auch im Eingeständiss seiner Fehler. Der Konflikt zwischen Broder und Gremliza ist beispielgebend:

    Auf den Seiten 96 bis 97 schreibt Henryk M. Broder über Gremliza in dem Standartwerk über den linken Antisemitismus, „Der ewige Antisemit – Über Sinn und Form eines beständigen Gefühls“ im Jahr 1986:

    (…) Hannah Arendt hat diesen Satz vor fast vier Jahrzehnten geschrieben, aber das unbegründete Vorurteil, von dem sie spricht, wird immer noch mit derselben Hartnäckigkeit gehegt. Die kuriose und von keinen Tatsachen zu störende Vorstellung, der Antisemitismus sei ein Phänomen der Reaktion, ist offenbar nicht aus der Welt und nicht aus den Köpfen zu schaffen. Sie gehört nach wie vor zum Standard-Repertoire der liberalen öffentlichen Meinung wie auch marxistischer Glaubensbekenntnisse. Walter Boehlich hat mir einmal in einer Diskussion entgegengehalten, es könne schon deswegen keinen linken Antisemitismus und keine linken Antisemiten geben, weil es keine in sich geschlossene linke Antisemitismus-Theorie gebe, wie zum Beispiel die Theorie von der jüdischen Weltverschwörung, welche die Basis für den rechten Antisemitismus sei. Und Hermann Gremliza, Herausgeber der sozialistischen Monatszeitschrift KONKRET, hat noch im Jahre 1984 in seinem Blatt geschrieben, es sei eine »im Hause Springer erfundene These, Kritik am Zionismus, Ablehnung der israelischen Politik und Solidarität mit den Palästinensern seien die Fortsetzung der nationalsozialistischen Judenverfolgung mit anderen Mitteln«.

    Für Gremliza, der sich gerne auf Karl Kraus beruft, wogegen es keine rechtliche Handhabe gibt, ist die Welt noch in Ordnung, wenn die Klischees stimmen. Ihm genügt es, eine Sache Springer in die Schuhe zu schieben, um sie damit für indiskutabel, erledigt zu erklären. (Im Kalten Krieg genügte, andersherum, der Hinweis auf »kommunistische Unterwanderung«.) Vermutlich hat er Amery, Arendt, Poliakov und Sartre bis heute nicht gelesen und deswegen nicht gemerkt, dass sie genau das behaupten, was er für eine »im Hause Springer erfundene These« hält. Sind auch sie Springer-Lakaien, oder leisten sie sich nur eine Freiheit der Gedanken, die der Bewusstseinspolizist Gremliza für subversiv halten muss? Und geht es nur um so harmlose Bagatellen wie Kritik am Zionismus und Ablehnung der israelischen Politik? Gremliza bedient sich eines alten Tricks. Er dementiert, was nicht behauptet wurde. Kritik am Zionismus ist so zulässig wie die an der freien und sozialen Marktwirtschaft, Ablehnung der israelischen Politik so berechtigt wie die jeder anderen Regierung in jedem beliebigen Land. Darum geht es nicht. Die antisemitische Virulenz der antizionistischen Maskerade fängt jenseits solcher Vorbehalte an, die »Fortsetzung der nationalsozialistischen Judenverfolgung mit anderen Mitteln« setzt woanders ein. Zum Beispiel bei dem von Gremliza im gleichen Zusammenhang formulierten Satz, Israel sei »das staatsförmige Eingreifkommando der USA im Nahen Osten«, weswegen eine Linke, »die sich ernst nimmt«, einen solchen Staat nicht verteidigen kann (auch wenn es dieselbe Linke ist, welche die staatliche Souveränität Ugandas unter allen Umständen verteidigenswert findet und, wie in KONKRET geschehen, das Terror-Regime des Ayatollah Khomeini rechtfertigt).

    Wenn ein Sozialist wie Gremliza, im dialektischen Denken geübt, sagt, ein Land sei »das staatsförmige Eingreifkommando der USA«, dazu noch »ein Außenposten der westlichen ausbeutenden Welt mitten in einem Teil der ausgebeuteten«, dann sind das keine akademischen Feststellungen. Eine solche »Einschätzung der Lage« enthält implizit den Vorschlag zu ihrer Veränderung: die Liquidierung, um im militärischen Jargon zu bleiben, eben dieses Eingreifkommandos, die Auflösung dieses Außenpostens der ausbeutenden Welt mitten in der ausgebeuteten, als wäre es eine Aktiengesellschaft nach der Art der United Frui Company und nicht, immerhin, ein Land mit vier Millionen Einwohnern, die vielleicht auch ein Wort über ihre Staatsform und ihre politische Zukunft mitreden möchten, statt die Entscheidung darüber einem Hamburger Salon-Sozialisten zu überlassen, der von seinem Schreibtisch aus genau weiß, wo die Trennlinie zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten verläuft und was Sache ist im Nahen Osten, in Nicaragua, auf den Seychellen und in der ganzen Welt.(..)“

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    • 3. Januar 2020 12:21

      Hermann L. Gremliza schrieb (noch) in Konkret 3/1991 in „Richtig falsch“:

      “ Daß viele Menschen sterben müssen, damit andere leben können; daß daran mit Appellen zu Gewaltlosigkeit so wenig zu ändern ist wie mit klugscheißerischen Ratschlägen an die Insassen von Schutzräumen; daß also das Schreckliche, das jetzt geschieht, das jetzt Richtige ist, rechtfertigt nicht die Politik und die Politiker, die diese Lage geschaffen haben. Vor acht Jahren hat jemand geschrieben, »daß der Staat Israel nicht nur ein Ort ist, an dem Juden endlich frei von der Angst vor Pogromen leben können, sondern leider zugleich ein Außenposten der westlichen, ausbeutenden Welt mitten in einem Teil der ausgebeuteten. Israel ist auch das staatsförmige Eingreifkommando der USA im Nahen Osten« (KONKRET 1/83). Damals hat Henryk M. Broder an diesem Satz, bevor er ihn ein bißchen passend zurechtfälschte, »die antisemitische Virulenz« des Autors erkannt und dessen Wunsch, Israel zu liquidieren. Der Antisemit war ich. Heute schreibt der israelische Psychoanalytiker Aron Ronald Bodenheimer (an jener Stelle der gaskammervollen Tageszeitung, an der sonst Broders Kommentare stehen): »Dort unten auf dem Globus, mitten im Süden, befindet sich der Staat Israel; als Außenposten der nördlichen Demokratien; als feindliches System mithin… «

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    • 3. Januar 2020 12:22

      Und in der Jubiläumsausgabe 50 Jahre KONKRET. Fehler über Fehler“ bekennt Gremliza im September 2007:

      Kein Fehler der letzten Jahrzehnte reicht an den heran, den KONKRET (und auch in diesem Fall leider ich) 1982 machte, als ich schrieb:

      … daß sich die besten deutschen Freunde der israelischen Politik aus dem Lager der dumpfsten NS-Mitläufer rekrutieren. Was es von links gibt, sind Dummheiten, und es ist gewiß nicht auszuschließen, daß manche davon ihre Ursachen in Bereichen haben, wo Tiefenpsychologen zuständig sind. Aber die politische Abkehr der Linken von Israel war ein zu schmerzhafter Prozeß, als daß man sie mit Verdrängungszwängen und Kompensationswünschen erklären könnte. Die bundesdeutsche Linke ist, von ein paar Idioten abgesehen, antifaschistisch und steht an der Seite der Opfer von Auschwitz und Treblinka. Deshalb hat sie so lange gebraucht zu begreifen, daß der Staat Israel nicht nur ein Ort ist, an dem Juden endlich frei von der Angst vor Pogromen leben können, sondern leider zugleich ein Außenposten der westlichen, ausbeutenden Welt mitten in einem Teil der ausgebeuteten. Israel ist auch das staatsförmige Eingreifkommando der USA im Nahen Osten. Einen Staat, der diese Rolle mit aller Gewalt spielt, kann Carstens (SA) verteidigen, nicht aber eine Linke, die sich ernst nimmt.

      Alles war richtig und alles falsch. Richtig die Nazis für Israel, die es gab und gibt, falsch die betonte Differenz zu einer deutschen Linken, die, weil von Antisemitismus frei, sich nur unter Schmerzen gegen den Judenstaat habe wenden können. Jean Améry, den KONKRET später nachdrucken sollte, hatte recht: Eine Linke, die sich ernst nimmt, muß Israel verteidigen. Spätestens seit jener ominösen Wende, bis zu welcher der Bestand dieses Staats – als Teil des einen Blocks im Kampf gegen den andern und seine Araber – nie in Gefahr geraten konnte. …

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  4. 7. Januar 2020 09:49

    Sehr traurig, dass er jetzt gestorben ist. Gremliza hat mich sehr beeinflußt, vor allem in den 90ern. Ich konnte mit seiner dogmatischen Art später nicht mehr und hab „Konkret“ seit Jahren nicht mehr gelesen.

    Er war stets in einem Zwiespalt, das hat mir sehr gut an ihm gefallen. Und solange er diesen Zwiespalt, das Dilemma linksradikal und ein Freund Israels zu sein, als etwas betrachtete, um das man streiten und debattieren mußte, konnte man „Konkret“ lesen. Erst als er und seine Redaktion sich entschied lieber mehr links als Israel freundlich zu sein, konnte ich mit dem was er schrieb und was in der Zeitung stand nichts mehr anfangen.

    R.I.P. Hermann Gremliza. Du wirst uns fehlen.

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    • 7. Januar 2020 16:06

      Das kann ich alles unterschreiben. Konkret ist seit Jahren nicht mehr lesbar, nur noch zum Ärgern. Das ist schade und traurig, wie der Tod von Gremliza.

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