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Fratzen des intersektionalistischen Antisemitismus. Über Cary Nelson’s „Israel Denial“ (2019)

9. März 2020

Das folgende Bild ist eine Aufnahme von Anfang April 1945, das im Konzentrationslager Mittelbau-Dora bei Nordhausen in Thüringen gemacht wurde, nachdem Teile davon Ziel eines britischen Bombenangriffs geworden waren. Es wird zwar auf der englischen, italienischen und französischen Ausgabe des Wikipedia Eintrags zu Mittelbau–Dora gelistet, aber nicht auf der deutschen. Mittelbau-Dora, ein Arbeitslager der Waffen-SS, beherbergte vor allem Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie, die in Stollen untertags für die Produktion von Raketen schuften mussten.

 

 

Viele Stimmen nach dem Krieg beklagten die Untätigkeit alliierter Streitkräfte, weil sie nicht die Schienenstränge der Zugstrecken nach Auschwitz oder die Kommandostruktur der Lager selbst bombardiert hätten. Wo sie es dennoch getan haben waren die Häftlinge zumeist die einzigen Opfer. Der Angriff im April 1945 selbst, der den Unterkünften der SS galt, kostete jedenfalls 1300 Insassen das Leben, weitere 6000 starben in diesem Teil des Lagers bis zur Befreiung noch an Unterernährung und Typhus, weil sie zu schwach zum Arbeiten gewesen sind.

Bereits 2013 fiel der Zeithistorikern Petra Marquardt-Bigman auf, dass dieses Bild als Dokument für das „Deir Yassin Massaker“ von 1948 benutzt wurde.

 

Die Bildrechte werden wie rechts oben zu sehen ist der Website des „Palestinian information center“ zugeschrieben.

 

2017 berichtete der Blog „Elder of Zyon“, dass das Foto vom Lager Mittelbau-Dora auch auf anderen Websites palästinensischer Institutionen auftaucht. Hier etwa in einem Beitrag der offiziellen Zeitung der palästinensischen Autonomiebehörde „Al-Quds“, der an den Jahrestag des „Kafr-Quasim Masskers“ von 1956 erinnern soll:

 

 

Eine weitere Version wurde von der jordanischen Zeitung Al-Ghad geliefert, die es für die Bebilderung des Massakers christlich-libanesischer Milizen an palästinensischen Flüchtlingen in Sabra und Shatila 1982 verwendet:

 

 

Elder of Zyon“ berichtete auch, dass ein Professor für Islamische Studien der Universität North Carolina, Omid Safi, ebenfalls bereits 2013 eine solche Fälschung für eines seiner Facebook Postings veröffentlicht hat:

 

 

Wer jetzt einwenden möchte, dass dies Einzelfälle oder randständige Ausreißer sein würden, irrt sich. Zwischen der Wahl Jeremy Corbyns zum Chef der Labour Party 2015 und seinem Rücktritt als Vorsitzender nach einer veritablen Niederlage bei den Wahlen 2019, hat sich in den Niederungen des Internets eine Armada von antisemitischen Aufmerksamkeitspiraten daran gemacht, auf ihren Twitter Accounts und Facebookseiten den Müll paranoider Verschwörungsmystik breit zu treten. Der englische Blogger David Collier hat in einem Dutzend Reports das Ausmaß an primitiver Dummheit und antisemitischen Genozid Fantasien, die in diesem Milieu üblich sind, ausführlich dokumentiert. Das meiste was in den sozialen Medien der Palestine Solidarity Campaign geschrieben und gepostet wird, könnte ohne Schwierigkeiten aus einem Neonazi Kanal in Thüringen oder Sachsen kommen, der von der NPD wegen Extremismus ausgeschlossen wurde. Die von zeitgenössischen Apologien gerne ins Treffen geführte Unterscheidung zwischen Antisemitismus und „berechtigter Kritik an Israel“ existiert nicht. Es gibt in der der ideologischen Blase namens „Israelkritik“ keinen Bemühungen zu erklären, was für anti-zionistische Ideologie diese Grenze darstellen könnte und keine Debatten darüber, welche Art von „Kritik“ dies betrifft. Dies hat einen guten Grund. Würden anti-zionistische Politikmodelle eine solche Unterscheidung treffen und verlangen dass sich alle daran halten, wären über Nacht 95% ihrer Mitglieder nicht mehr Teil der Bewegung, weil man sie aus den Zusammenhängen ausschließen müsste. Die anti-zionistische Propaganda kann es sich schlicht nicht leisten ihren eigenen Cluster mit solchen Gedanken zu behelligen, darum beschränkt man sich lieber auf das selbstmitleidige Gejammer, dass jede „Kritik an Israel“ natürlich sofort von der jüdischen Lobby mittels  Antisemitismus-Keule erschlagen werden würde. Mit dieser bequemen Ausrede können Millionen Antisemiten ihren Judenhass als „Kritik an Israel“ bemänteln, ohne dass sie befürchten müssen, von ihren Unterstützern in der westlichen Palästinasolidarität dafür zumindest Missbilligung zu erfahren.

Bilder aus dem Holocaust, die israelische Verbrechen beschreiben sollen, koexistieren mit den Verschwörungen der Rothschildt Banken, der Erschaffung des IS durch den Mossad, oder – natürlich – dem Inside Job von 9/11 und gehören zu den ökologischen Notwendigkeiten dieses Biotops, das ohne diese Verbalinjurien gar keine eigenständige Existenz beanspruchen kann. Zionismus ist für Leute, die in solchen Milieus zu Hause sind, ein Schimpfwort mit dem das Orchester von Daniel Barenboim genauso im Fokus von Störungen und Boykottaufrufen steht wie ein israelischer Ex-Militär, der Vorträge auf britischen Universitäten hält oder junge WissenschaftlerInnen, die in Israel ein Postgraduate Studium absolvieren wollen. Anti-Zionismus ist keine Opposition zu einer Partei in einem lokalen Konflikt, sondern ein weltweit anzustrebendes „Recht“, wie es in einem Papier der Anti-Imperialistischen Koordination heißt, einer österreichischen vom Trotzkismus beeinflussten Splittergruppe. Anti-Zionismus umfasst nicht nur die Zerstörung oder zumindest Schwächung und Isolierung Israels, sondern ist ein globales Phänomen, das palästinensische Fahnen und die Kufiya, das traditionelle von Männern getragene Halstuch zu Zeichen im postmodernen Krieg gegen Israel gemacht hat, der als uneingeschränkt kompatibel mit allen möglichen anderen Konflikten und Kämpfen betrachtet wird. Oder wie die Anti-Imperialistische Koordination (AIK) es formulierte: „(…) den Widerstand zu unterstützen und ihn so weit wie möglich expandieren zu lassen, wodurch alle Volksbewegungen weltweit das Recht auf Widerstand besonders gegen die amerikanische und zionistische Besatzung verteidigen könnten.“ Die „zionistische Besatzung“ ist „weltweit“, ebenso wie das Recht auf „Widerstand“ dagegen. Die Empörung über den Vorwurf des Antisemitismus, den solche Gestalten gerne inszenieren wäre eine eigene Untersuchung wert, würde den engen Rahmen dieses Beitrags jedoch übersteigen. Der Hass auf Israel ist der Hass auf die Juden und weil die palästinensischen Autokraten keine einzige politisch vorzeigbare Leistung in den letzten 70 Jahren zustande gebracht haben, ist die Aufrechterhaltung ihrer eigenen Existenz nur auf Kosten einer Bevölkerung möglich, die unter dem Würgegriff einer Ideologie des Todes sich selbst am allermeisten beschädigt.

Dass kein einziger der oben beschriebenen Fälle irgendeine Reaktion in der westlichen Linken ausgelöst hat, liegt wohl daran, dass zu wenig LeserInnen die arabisch-sprachigen Seiten des Internets verstehen, hat aber auch damit zu tun, dass man dies auf Seiten der Orientwissenschaften und Islamstudien einfach ignoriert. Selbst diejenigen, die es wahrnehmen, wie der Historiker Gilbert Achcar erklären sich die antisemitischen Auswüchse arabischer Medien als bloße Reaktion auf die zionistische Unterdrückung, weil sich Antisemiten nicht ganz überraschend auch den Antisemitismus antisemitisch erklären.

Die erste Frage, die sich stellt, wenn man sich mit diesen widerwärtigen Fälschungen beschäftigt ist: gibt es oder gab es je ein palästinensisches Narrativ, das jenseits einer antisemitischen Propagandakampagne im Stile von Goebbels existiert hat?

Die nächste: Warum verwenden palästinische, muslimische und arabische Medien solche Bilder und Memes, ohne mit rechtlichen Konsequenzen und internationaler Ächtung konfrontiert zu werden?

Oder gehen wir einen Schritt zurück. Warum verwendet die palästinensische Propaganda Bilder aus dem Holocaust, um angebliche oder tatsächliche Massaker aus dem israelischen Unabhängigkeitskrieg, dem Libanonkrieg oder aus anderen Konflikten zu illustrieren? Der Mangel an Bildmaterial von den angesprochenen Ereignissen kann viele Gründe haben. Bilder des Deir Yassin Massakers sind deshalb kaum verfügbar, weil Historiker wie Benny Morris gezeigt haben, dass der Tod von etwa 120 Menschen während einer Kampfhandlung im Unabhängigkeitskrieg kein geplantes Massaker gewesen ist und auch nicht als Symbol irgendeiner Politik betrachtet werden kann. Der als Kafr-Quasim Massaker bezeichnete Mord an 48 palästinensischen Wanderarbeitern durch israelische Grenzpolizisten 1956 war Gegenstand von mehreren Gerichtsverhandlungen und es sollte dafür eigentlich Bilder geben, die diese Greueltat erzählen können. Auch der Massenmord an hunderten Menschen, der im libanesischen Flüchtlingslager Sabra und Shatila 1982 von Phalangisten verübt wurde und bei denen israelische Armeeeinheiten, die unter dem Befehl von Ariel Sharon standen, zumindest Beihilfe geleistet haben ist gut dokumentiert. Der Grund für diese Fälschungen ist zweifelsfrei ein anderer, als Mangel an Bildern. Die genannten Ereignisse geben schlicht keine Bilder her, mit denen sich die Dämonisierung Israels so darstellen lässt, wie es sich elektronische Intifadas  wünschen.

Der israelisch-palästinensische Konflikt ist gemessen an seinen Opferzahlen und der Intensität seiner Kämpfe höchst unspektakulär. An einem schlechten Tag in Syrien sterben mehr Menschen, als jemals während aller Intifadas und militärischen Auseinandersetzungen insgesamt zu Tode gekommen sind. Die fiebergeplagten Phantasien von einem Genozid, gar „Holocaust“ an den Palästinensern sind blanker Nonsens, trotzdem ist die Identifizierung Israels als Wiedergänger des Dritten Reichs eine kognitive Störung pandemischer Natur. Das magere Mahl, über reale israelische Politik zu berichten und wie sie ins Leben der in den umstrittenen Gebieten lebenden Palästinenser eingreift, gibt nicht genug her, um irgendeine Reaktion auf internationalen Medien zu generieren, wenn in Nachbarländern seit Jahrzehnten Folter und Massenmord an der Tagesordnung sind. Die einzige Alternative ist eine hemmungslose Demagogie, die diesen Konflikt in eine Propaganda Phantasie verwandelt, die ohne Begrenzungen irgendeiner Realität auskommen kann. Die Strategie ist so erfolgreich, dass die Palästinenser mittlerweile selbst auf dem Abstellgleis arabisch-sunnitischer Politik angekommen sind, was dem antizionistischen Bedürfnis der westlichen Linken jedoch keinen Abbruch getan hat. (Eher hat es dieses verstärkt.) Ein Literaturnobelpreisträger wie Jose Saramago verstieg sich darin, Gaza als Äquivalent zu Auschwitz zu bezeichnen. Palästinensische Jugendliche im Dienst der Hamas inszenieren Fakevideos und gestellte Bilder, während islamische Propaganda Outlets Filmmaterial von Straßentheatern in denen als israelische Soldaten verkleidete Statisten in Standbildern Greueltaten an Passanten verüben als echtes Footage aus „Nazisrael“ (Jean-Luc Godard) verkaufen. Die Pallywood Industrie hat die palästinensische Sache, die irgendwann einmal ein berechtigtes Anliegen gewesen sein muss oder zumindest konnte man sich an so etwas erinnern, in die extremistische Israel Obsession genozidaler Antisemiten verwandelt, die weder das Wohl und Wehe der Palästinenser an sich noch die Opfer der auch von Israelis verübten Verbrechen interessiert, sondern nur die Vernichtung der Juden und des jüdischen Staates als erklärtes Ziel verfolgen. Die Verwendung von Bildern aus dem Holocaust, um angebliche oder tatsächliche Verbrechen von Israelis zu untermalen, folgt dabei auch den Zwängen des internationalen Medienmarktes. Weil der Konflikt selbst viel zu arm an besonderen Ereignissen ist, die für das anti-zionistische Propagandabedürfnis genutzt werden können, muss man sie erfinden, fälschen, inszenieren und ihre Wiederverwendbarkeit sichern. Die Perfidie dieser Fälschung sollte niemanden verwundern, seine völlige Abwesenheit in den Schlagzeilen unserer Medien jedoch schon.

 

2.

Das oben gezeigte sollte nicht dazu führen, zu glauben, dies sei bloß die grobe Abweichung von einem ansonsten intakten Standard der Auseinandersetzung oder nur das Produkt verwirrter und depravierter Unterdrückter, die sich nicht anders zu helfen wüssten, als mit gefälschten Bildern ihre News zu kreieren. Das Zentrum der anti-israelischen Agitation, das jene Propaganda unterstützt, indem sie es verschweigt, liegt in den Universitäten und Akademien postmoderner Lehre, die einen Stil etabliert haben in dem der Inhalt akademischen Unterrichts in den Lifestyle eines politischen Aktivismus übersetzt wurde. Der Schwerpunkt dieser Eventkultur liegt nach wie vor in den amerikanischen Ivy League Universitäten und privaten und öffentlichen Colleges, aber solche aktivistischen Betriebsstörungen sind natürlich auch aus europäischen, australischen oder südafrikanischen Bildungseinrichtungen bekannt. Der Literaturwissenschaftler Cary Nelson behandelt in seinem 2019 erschienenen Buch „Israel Denial. Anti-Zionism, Anti-Semitism & The Faculty Campaign Against the Jewish State” auf 500 Seiten einen kleinen Teil dieses postmodernden akademischen Antisemitismus, der uns als professorale Lebenszeitanstellung auf begehrten Dienstposten der amerikanischen intellektuellen Kultur begegnet. Nelson, ein linker jüdischer Amerikaner, der auf zweihundert Seiten sein Plädoyer für die Zwei-Staaten Lösung mit unverdrossener Beharrlichkeit darlegt und sich mit einer Beschwörung des Friedenswillens von Israelis und Palästinensern verzweifelt gegen den antisemitischen Mainstream der universitären Einrichtungen wendet, porträtiert an vier Beispielen, Judith Butler, Steven Salaita, Saree Makdisi und Jasbir Puar die Speerspitze eines intersektionalen Judenhasserklubs, der auf den Tickets der humanities von Menschenrechten, Zivilgesellschaft und „social justice“ plappert, aber in erster Linie jede Politik unterstützt die ausgesprochen oder nicht auf den Massenmord an allen Juden Israels hinaus läuft. Es lohnt sich diese Studie akademischen Kontrollverlusts ausführlich und genau zu lesen, aber aus Platzgründen werde ich hier nur auf das Kapitel über Jasbir Puar eingehen.

Jasbir Puar wurde einem größeren akademischen Publikum breiter bekannt, als sie mit den Begriffen „Homonationalismus“ und „Israeli Pinkwashing“ einige Aufregung verursachte. Mit „Homonationalismus“ bezeichnet sie sie Tendenz einiger Homosexueller nicht mehr das Subjekt der Revolution sein zu wollen, kurz sie denunzierte den Wunsch nach einem normalen Leben, vielleicht auch noch im Rahmen einer bürgerlichen Ehe, das Schwulen und Lesben nach langen Jahrzehnten der Diskriminierung mittlerweile offen steht, als konterrevolutionären Verrat. Mit „Israeli Pinkwashing“ umschrieb sie den Glauben, dass Israel nur deswegen die liberalste Gesetzgebung für die Rechte von Homosexuellen im Nahen Osten betreibe, um die Unterdrückung der Palästinenser zu kaschieren. Wenn das jemals eine Überlegung dabei gewesen sein sollte, ist das wohl gründlich schief gegangen. Jasbir Puar, Judith Butler und andere KollegInnen infizierten die LGBT+ communities mit absurden ideologischen Invektiven über Israel, was sich darin zeigt, dass LGBT+ Aktivismus keine Scheu hat mit stalinistischen Aktivisten gemeinsam zu demonstrieren, die die repressive Politik gegen Homosexuelle in der Sowjetunion gerne relativieren oder mit Islamisten gemeinsam „social justice“ für Terroristen zu fordern, dieselben Islamisten übrigens, die Homosexuelle gerne steinigen, auf Kränen aufhängen lassen, sie von Dächern werfen oder in ihren Predigten den Mord an bestimmten Menschen für göttliches Gebot halten. Es darf daher nicht verwundern, dass Frau Puar nach ihrem Erfolg mit dem „Israeli Pinkwashing“ noch einen Schritt weiter gehen wollte, um ihr Standing im Markt der Aufmerksamkeit zu verbessern. In ihrem 2017 erschienenem Buch „The Right to Maim“ (Zu deutsch: Das Recht zu verstümmeln), das die Langfassung eines gleichnamigen Beitrags in einem feministischen Journal von 2016 ist, behauptet sie auf der Grundlage eines Foucault entlehnten theoretischen Konzepts der Bio-Macht, dass Israel und seine Armee vor allem darauf abzielen die palästinische Bevölkerung zu Krüppeln zu machen. Nelson identifiziert drei bestimmende Themen, die sie in leichten Variationen immer wiederholt.

Das erste lautet, Israel würde tote Palästinenser, die als „Märtyrer“ bei terroristischen Messer-Attentaten sterben oder wie letztes Jahr bei den Unruhen am Grenzzaun zwischen Israel und Gaza von israelischen Scharfschützen erschossen wurden für den Organhandel ausbeuten. Es beleidigt bereits die Intelligenz darüber nachzudenken wie dumm und absurd dieser Vorwurf ist, denn es sollte auch dummen ProfessorInnen bekannt sein, dass es keinen Organhandel mit Leichen gibt, die erschossen wurden oder durch andere kinetische Einwirkung zu Tode gekommen sind, weil die bakteriellen Infektionen alle Organe des Körpers in kürzester Zeit unbrauchbar machen. Puar fühlt sich auch nicht verpflichtet diese Dinge über irgendwelche der Empirie nahe kommenden Fakten untermauern zu wollen, als Foucault geschulte Professorin auf Lebenszeit an der Rutgers University in New Jersey für Frauen und Gender Studies wurde sie für „The Right to Maim“ 2018 auch noch mit einem Preis ausgezeichnet. Als ich 2017 in Bonn einen Vortrag über „Critical Whiteness“ hielt, begegnete ich im Bus vom Kölner Flughafen in die Bonner Innenstadt einer Sozialwissenschaftlerin aus Eritrea, die behauptete, dass „Jewish doctors“ für die Ausbeutung von Flüchtlingen aus Eritrea zum Zweck des Organhandels verantwortlich seien. Die Imagination, die solche Wahnsinnigkeiten für Tatsachen hält, ist weit verbreitet, weil es moderner antisemitischer Verschwörungsmythologie einen beliebig wiederverwendbaren Baustein zur Verfügung stellt, der sich keinen rationalen Paradigmen verpflichtet fühlen muss.

Der zweite immer wieder kehrende Vorwurf Puars ist, dass Israel die palästinensischen Bevölkerungen durch Unterernährung und Mangel an medizinischer Versorgung physisch und psychisch zu zerstören versuche, damit sie dauerhaft behindert und physisch versehrt als nackte Biomasse existieren. Auch hier ist schon eine Beleidigung der Intelligenz gegeben, wenn man nur darüber nachdenkt. Es gibt zwar Armut im Gazastreifen und auch in der Westbank, aber keinen Hunger und auch keinen akuten Mangel an medizinischer Versorgung, der über die Schwäche der lokalen Verwaltungen hinausgehen würde, jenseits der absurden politischen Verhältnisse in diesen Gebieten zu agieren. Nelson diskutiert auf dutzenden Seiten die internationale über Israel organisierte Versorgung der Palästinensergebiete, listet die Verträge auf unter denen dies rechtlich geregelt ist und kann über Statistiken der WHO auch zeigen, dass Palästinenser besser versorgt werden, als viele ihrer Nachbarn in den umliegenden Ländern. Die Phantasie dahinter kann man mit solchen Fakten jedoch nicht beeindrucken. Anti-Zionismus ist das verschwörungsmythologische Update der Legende vom jüdischen Ritualmord. Israel ist nicht Partei in einem lokalen Konflikt, sondern die kosmopolitische Überdehnung des Hasses auf den Universalismus. Wenn die Welt nicht Identität von Sprache und Wirklichkeit sein kann, verwandelt sich Vielheit in die gnostische Unterscheidung von absolut Gutem und absolut Bösem. Und Israel ist die geheime Weltmacht der „Synagoge des Satans“ wie Bruder Louis Farrakhan so gerne sagt.

Der dritte Vorwurf, im Wesentlichen das Gleiche unter einem anderen Blickwinkel ist, dass die Perfidie und Bösartigkeit der israelischen Politik darauf abzielen würde, durch eine „shoot not kill“ Strategie die Verstümmelung und dauerhafte Behinderung der palästinensischen Bevölkerungen erreichen zu wollen, und ja, das ist das gleiche Argument wie vorher und es ändert sich auch nicht. Die israelische Politik würde also durch diese Praxis Palästinenser zu Körpern ohne Seele degradieren, um deren Menschlichkeit als Ganzes auszulöschen. Obwohl Puar, soweit ich weiß, nirgendwo Vergleiche mit dem Holocaust zieht, ist ihre Sprache und die Bilder, mit denen sie arbeitet, darauf aus, Palästinenser als die Insassen eines gewaltigen Vernichtungslagers zu schildern, in denen die Internierten jedoch aus weit niederträchtigeren Gründen nicht vernichtet werden. Denn, schreibt sie: „Die Palästinenser sind nicht einmal für den Tod menschlich genug.“ („The Palestinians are not even human enough for death.“) Vor über einem Jahrzehnt behauptete die israelische Soziologin Tal Nitzan, dass das auffällige Fehlen von sexuellen Übergriffen oder Vergewaltigungen an Palästinenserinnen durch israelische Soldaten der Ausdruck eines israelischen Rassismus sei,  dessen Verachtung und Abwertung der arabischen Bevölkerung so weit ginge, nicht einmal deren Frauen anrühren zu wollen. Man wünscht sich, dass doch nur mehr Kriege und Konflikte mit solcher Verachtung und Abwertung geführt werden würden. Weil Anti-Zionismus der Anti-Semitismus der Gebildeten ist, besteht die Epistemologie dieser intellektuellen Eliten darauf, dass das Fehlen von etwas der sichere Beweis seiner Existenz ist. Die paranoide Projektion der eigenen Mordlust auf das verhasste Gegenüber enthüllt dabei, dass die Haltung Puars den Juden Auschwitz niemals verzeihen zu wollen, nicht bloß deutsche Ideologie ist. Der Jargon, den sie pflegt ist hoch indexikal, was bedeutet es kleidet die simple Botschaft antisemitischer Gemeinplatzbewirtschaftung in ein Gewand postmoderner Floskeln, die sich zum Beispiel so lesen:

„The preceding sections recast the white queer/immigrant homophobe binary by destilling the event of queer suicide through ecologies of sensation, technics and affect.“

Der Jargon ihrer Sprache ist offensichtlich so designed, dass auch wohlwollende LeserInnen nicht genau bestimmen können, was diese mühsame Prosa überhaupt heißen soll. Die Verwendung des Wortes „binary“ etwa, als Schlüsselwort einer Kritik an dualen Gegensätzen ist derart inflationär, dass „binaries“ als Gegensatz zur „multiplicity“ erscheinen, obwohl sie nur eine Spezialform derselben sind.

Darum heißt es auch:

„This proliferation, rather than hoping to dissolve binaries, makes them fade through the overwhelming force of ontological multiplicity, attuned to the perpetual differentiation of variation to variation, of difference within rather than between, and the multiplicity of affirmative becomings: the becoming otherwise of difference, whereby language is resituated as just one potential platform of the political.”

Den LeserInnen, die sich von dieser Wortkaskade überfordert fühlen, sei versichert, dass es tatsächlich nur blanker Unsinn ist, was hier steht. Es ist sehr einfach zu zeigen, dass solche monadischen Sätze nichts weiter als eine mechanische Aneinanderreihung beliebiger Wortkombinationen sind, betrachtet man sie genauer. Ein Ausdruck wie „the overwhelming force of ontological multiplicity“ macht einfach keinen Sinn, weil multiplicity nicht ontologisch sein kann, sondern Vielheit in der anerkannten und gebräuchlichen Verwendung des Wortes Ontologie nur der Effekt jener letzten Ursache ist, die man mit dem Begriff des Ontologischen beschreiben möchte. Aber es ist natürlich sinnlos, das auf dieser Ebene diskutieren zu wollen.

Mit unendlicher Geduld analysiert Nelson die einzelnen Idiotien Puars und bemüht sich nach Kräften dem an irgendwelchen Realitäten völlig desinteressierten antisemitischen Goebbels look-a-like Wettbewerb argumentativ zu begegnen. Wie notwendig solche Arbeit ist, kann man ermessen wenn man es liest, aber wie sinnlos kommt es einem vor das zu tun, wenn man mit den Psychopathologien moderner Ritualmordlegenden konfrontiert wird. Es ist nicht so, dass Jasbir Puar mit smoking pistols hantieren würde, mit irgendwelchen geheimen Dokumenten oder zumindest gut erfundenen Zitaten, sie unterstellt schlicht, dass es eine „Politik der vorsätzlichen Verstümmelung“ gibt, und baut darauf ihre ganze Argumentation auf, ohne dass dies irgendwelche Konsequenzen hat oder akademische Kontrollinstanzen wenigstens die Einhaltung simpelster Standards verlangen würden. Es passt dazu, dass Puar vor über einem Jahrzehnt mit einem Text ein weiteres Mal auf sich aufmerksam machte, indem sie palästinensischen Selbstmordattentäterinnen attestierte, das Musterbeispiel einer Rückgewinnung von subjektiver Handlungsfähigkeit zu sein. Diese Frauen würden durch ihren Tod endlich das erreichen, was ihnen israelische Politik ihr Leben lang verwehrt habe. (Oder so ähnlich.)

 

3.

„The Right to Maim“ ist das akademisch aufgeblasene „Menschenrecht auf Israelkritik“, das sich um andere Rechte nicht zu scheren braucht und den Trend postmoderner Literaturwissenschaft ins Extrem steigert, Philosophie in einem Gegenstand des emotionalen Ausnahmezustandes zu verwandeln mit dem der politische Aktivismus sich seine Rechtfertigungen und moralischen Ansprüche nach Maßgabe der nachgefragten Invektiven im Versand bestellt. Man sollte sich dennoch die Frage stellen, wie solche Ideologie philosophisch einzuordnen ist.

Was sich einmal als Kritik der großen Erzählungen darin verausgabte die Gleichheit der Narrative in die Inflation zu treiben, wollte darauf hinaus die metaphysischen Verankerungen aus den Angeln zu reißen, die angeblich oder tatsächlich die Fundamente der europäischen Kultur bilden. Die Kritik der Großen Erzählungen war die Kritik der Aufklärung, die Kritik des Kapitals und die Kritik der Geschlechterdifferenz, die sich der Gesellschaft als absolutistische Imperialismen in dieser Version der Geschichte aufgedrängt hätten. Im postmodernen Gewand bleibt übrig, dass die alten Großen Erzählungen durch andere Große Erzählungen abgelöst werden. Statt dem Humanismus und der Aufklärung wird der weiße heterosexuelle Mann als Verkörperung der Whiteness, des Patriarchats und des Ausbeuters zum Fixtstern der postmodernen Navigation, aber die Struktur der Erzählung selbst ändert sich nicht. Die Umkehrung des Herrensignifikanten mit der der ehemalige Knecht seinen ehemaligen Unterdrücker in Verkennung des Hegel’schen Topos in sein Gegenteil wendet, hebt das Problem der Macht und seiner Verwerfungen hegelianisch gesprochen nicht auf. Es führt das Alte nur in neuer Ideologie fort, und geht in dieselben Fallen ausübender Gewalt. Was zuvor eine äußere Versicherung der unbewusst voraus gesetzten Weltgarantie gewesen ist (Gott, Kaiser, Vaterland) wird jetzt zu einer absichtlich installierten Weltgarantie, in der der weiße, heterosexuelle Mann (oder Israel) im Stile gnostischer Dualismen von absolut Gutem und absolut Bösem erscheint, mit der jene binären Oppositionen wieder eingesetzt werden, die man wie Puar oben noch schreibt hoffte aufzulösen.  Die Reflexionslosigkeit für die eigenen Widersprüche ist ein durchgängiges Charakteristikum dieser Theorien und Kampfplatzdiskurse. Zirkulare Logiken produzieren die Phänomene, die sie kritisieren wollen selbst und sorgen dafür, dass Ressentiments waffentechnisch wieder verwendbar werden. Cary Nelson steht diesen Phänomenen über 500 Seiten lang fassungslos gegenüber und bemüht sich nach Kräften dem Irrationalen Einhalt zu gebieten, indem er auf empirisches Material und fachspezifische Literatur zurückgreift, die den ungeheuerlichen Denunziationen und Ressentiments so etwas wie objektive Realität entgegen halten sollen. Es gibt mit Sicherheit sinnvollere Beschäftigungen als das, aber weniger, die notwendig sind, auch wenn sie auf kurze Sicht sinnlos erscheinen. Hoffen wir einfach das Beste.

8 Kommentare leave one →
  1. 9. März 2020 16:07

    Nein das sind sicher keine Einzelfälle oder Ausreißer. Der Skandal ist nur dass Pallywood hierzulande kaum thematisiert wird. Deshalb ein Dank für die große Mühe und hoffen wir einfach das Beste.

    Gefällt 2 Personen

  2. nussknacker56 permalink
    9. März 2020 23:26

    Danke, Jurek Molnar, für diesen Text.

    Israel als wehrhafter jüdischer Staat ist das Nonplusultra einer Lehre für die Messung von Irrationalität und Verrat an der Aufklärung. Mir scheint, es gibt nichts, womit man diese in ihrer Vielgestaltigkeit besser erfassen kann.

    Gefällt 3 Personen

    • 10. März 2020 07:12

      Ein wahres Wort gelassen ausgesprochen.
      Vor allem sollte man bedenken, dass man mit dieser Position heutzutage „rechts“ und damit mehr oder weniger außerhalb des Gesellschaftsvertrags steht. Auf der Rechten mögen sie Israel natürlich auch nicht, aber es dürfte leichter sein mit Caroline Sommerfeldt und Götz Kubitschek darüber zu diskutieren, als mit einem linken Klimaaktivisten.

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  3. 11. März 2020 18:49

    Passt auch irgendwie zum Thema: Der iranische Fernsehsender Press TV, der für die englischsprachige Propaganda des Regimes zuständig ist, hat antisemitische Verschwörungstheorien über das Coronavirus verbreitet, um vom schlechten Umgang des Mullah-Regimes mit der Pandemie abzulenken.

    „In den letzten Tagen hat der Iran mehrere Berichte veröffentlicht, in denen behauptet wird, dass „Zionisten“ hinter dem Coronavirus stecken. Press TV zitierte dabei auch eine Website, die 2017 einen antisemitischen Artikel verbreitete, in dem behauptet wurde, dass „Amerikas Juden die Kriege der USA führen“.

    Am 5. März behauptete Press TV, dass „zionistische Elemente einen tödlicheren Stamm des Coronavirus gegen den Iran entwickelt haben“. Obwohl der Bericht behauptete, sich auf einen ausländischen „Akademiker“ zu beziehen, entspricht er dem Muster, ausländische Experten einzusetzen, um den Ansichten des Regimes den Anschein von Autorität zu verleihen. (…)“

    https://www.mena-watch.com/iran-verbreitet-antisemitische-verschwoerungstheorien-ueber-das-coronavirus/

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    • 12. März 2020 19:30

      Die Nachrichten aus dem Iran sind teilweise sehr bizarr. Die Verschwörungstheorien sind eine Sache, aber ich glaube kaum, dass diese in der iranischen Bevölkerung gut ankommen. Man weiß dort sehr genau, wer die Situation zu verantworten hat und wie man hört ist Präsident Rouhani seit Tagen nicht in der Öffentlichkeit zu sehen oder zu hören.
      Das Coronavirus hat den seltsamen Effekt, dass es die Staaten ihre Aktivitäten runter fahren, und das betrifft alle und gleichzeitig gehen auch die Spannungen runter. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt und es ist weniger Zeit und es gibt vor allem Ressourcen, um jemandem anderen mit Tod und Vernichtung zu drohen.
      Die Situation wie sie jetzt ist, macht natürlich Sorgen, aber sie sorgt auch für eine allgemeine Kriegsmüdigkeit. Das ist durchaus was Positives.

      Gefällt 3 Personen

      • 12. März 2020 19:31

        weniger Ressourcen gibt es natürlich

        Liken

      • 17. März 2020 16:26

        Die aktuelle Kriegsmüdigkeit des Irans ist zweifellos positiv. Wir in Bayern haben nun den Katastrophenfall, fast schon wie in Österreich wird das öffenliche Leben massiv heruntergefahren.Alles richtig, nur erigenartig dass noch immer Flugzeuge aus dem Iran hier landen und niemand kontrolliert wird, wie übrigens auch Passagiere aus asiatischen Ländern nicht einmal Fieber gemessen wird.

        Übrigens: Der prominente iranische Kleriker Alireza Panahian forderte die Iraner auf, das Coronavirus zu verbreiten, um das Erscheinen des Mahdi, der messianischen Figur im schiitischen Islam, zu beschleunigen.

        https://www.mena-watch.com/iran-mit-corona-fuer-den-messias/

        Gefällt 3 Personen

      • 20. März 2020 18:05

        Bayern ist nun Österreich gefolgt und hat heute eine Ausgangssperre verhängt. Wenn Söder so weitermacht könnte er doch noch Bundeskanzler werden. Ich bin jedenfalls froh in Bayern zu leben. Wenn ich mir beispielsweise das rot-rot-grüne Berlin und die dortige Gesundheitsministerin samt Regierung anschaue, dann kann einem wegen der dortigen Inkompetenz schon übel werden.

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