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Der Deutsche Bundestag erkennt den „Holodomor“ als Genozid an und relativiert damit den Holocaust

30. November 2022

Im November 2020 war der Botschafter der Ukraine in Deutschland und Anhänger des antisemitischen Massenmörders Stepan Bandera, Dr. Andrij Melnyk noch enttäuscht wegen der Zurückhaltung des Bundestages: „An Stalins Hungermord traut sich der Bundestag nicht heran.“ Nun am heutigen Mittwoch, am 30. November 2022 um 18.00 Uhr ist es endlich soweit, die Ampelkoalition und die Union wollen in einer Resolution, Drucksache 20/4681 die Hungersnot in der Ukraine von 1932 bis 1933 als Genozid anerkennen. Da die gesamte Ukraine von Hunger und Repressionen betroffen gewesen sei, „liegt aus heutiger Perspektive eine historisch-politische Einordnung als Völkermord nahe“, schreiben die Initiatoren um den Grünen-Abgeordneten Robin Wagener, den Vorsitzenden der deutsch-ukrainischen Parlamentariergruppe im Bundestag. Damit übernimmt der Deutsche Bundestag wie so oft das geschichtsrevisionistische Narrativ und den Gründungsmythos der Ukraine und relativiert damit, nun auf höchster politischer Ebene, den Holocaust.

Im Gegensatz zu Deutschland bezeichnet Israel den „Holodomor“ zwar als „größte Tragödie des ukrainischen Volkes“, lehnt aber die Verwendung des Wortes Genozid aus guten Gründen ab. Eine Wertung als Völkermord würde implizieren, dass Juden in Osteuropa auch als Täter in Erscheinung getreten seien. Bereits im Jahr 2019 erklärte Efraim Zuroff, der Leiter des Jerusalemer Büros des Simon-Wiesenthal-Zentrums, der Holodomor „ist definitiv kein Völkermord.“ Der Antrag des damaligen ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko, Israel solle den „Holodomor“, die menschengemachte Hungersnot in der Sowjetukraine 1932-1933, anerkennen, sei „unglaublich“ und ein Versuch, eine „Theorie des doppelten Genozids“ zu verbreiten. Zuroff sagte, Stalins Zwangskollektivierung galt für alle und richtete sich nicht nur gegen Ukrainer. „Es gab Juden, die an Hunger starben, ebenso Weißrussen und Russen.  Stalin hat Gewalt angewendet, um Menschen in sein System zu bringen, aber er hat nicht versucht, die Ukrainer auszurotten.“ Diese Behauptung sei absurd, so Zuroff: „Eines der größten Probleme, mit denen wir jetzt konfrontiert sind, ist die so genannte „Theorie des doppelten Völkermords“, die in ganz Osteuropa weit verbreitet ist, wo Regierungen versuchen zu sagen, dass kommunistische Verbrechen einem Völkermord gleichkämen.“ Es gab Juden die die jüdische Gemeinde verlassen haben und im KGB und im kommunistischen Sicherheitsapparat und anderen Behörden arbeiteten und teilweise schreckliche Dinge taten. Der verderbliche Subtext dieses Arguments ist: Wenn Juden Völkermord begangen haben, welches Recht hätten sie, sich über den Völkermord zu beschweren, der in Osteuropa während des Holocaust von Menschen begangen wurde, die mit den Nazis kollaborierten. „Die kommunistischen Verbrechen waren kein Völkermord, weil die Kommunisten kein Volk vom Erdboden vernichten wollten.“

Von der Totalitarismustheorie über die Holocaustrelativierung, der Dämonisierung und Delegitimierung Israels bis hin zur Holocaustleugnung, es gibt es seit dem Ende des 2. Weltkrieges unzählige Versuche die Geschichte umzuschreiben, zurechtzubiegen und umzulügen. Mit der „Holodomor“-Resolution des Bundestages ist ein neuer Tiefpunkt im ohnehin nicht an Tiefpunkten armen politischen Deutschland erreicht. Der Schoß ist offenbar sehr fruchtbar noch aus dem das kroch, den Ewiggestrigen sei folgendes gesagt:

Mithilfe des kaiserlichen Deutschlands hatte sich die Ukraine von 1918 bis 1921 von Russland abgespalten und mit dem Frieden von Brest-Litowsk hielten deutsche Truppen die Ukraine besetzt. Die Ukraine war das letzte Bollwerk gegen die Oktoberrevolution. Mit ausländischen Interventionen (USA, England, Frankreich)  zugunsten der „weißen“ Konterrevolution und vielen antijüdischen Massakern von Seiten der konservativ-monarchistischen „Weißen” unter Anton Denikin wurde der jahrelange Bürgerkrieg in die Länge gezogen.  Symon Petljura war der Kommandeur der ukrainischen Armee und Präsident in dieser Zeit, als etwa 50.000 Juden bei Pogromen getötet wurden. Von mehr als 1.200 Pogromen in dieser Zeit wurden rund 500 von Soldaten unter Petliuras Kommando durchgeführt. Der militante ukrainische Nationalismus mit seinen antirussischen und antijüdischen Kennzeichen hat seine Wurzeln in dieser Zeit.

Die Sowjetunion war am Ende des Bürgerkriegs ein völlig verwüstetes Land. Zwischen dem Beginn des Ersten Weltkriegs und dem Ende des Bürgerkriegs 1921 waren Millionen Menschen Gewalt, Terror, Hunger und Seuchen zum Opfer gefallen. Die Produktion der Bergwerke und Fabriken betrugen 1921 nur noch 20 Prozent, die Ernte nur noch 37 Prozent des Vorkriegsniveaus. Der „Kriegskommunismus“ wurde deshalb durch die Bolschewiki aufgehoben, eine Bildungsreform folgte, Privateigentum wurde zugelassen und im Jahr 1927 hatte die Industrieproduktion wieder den Vorkriegsstand erreicht. Der Anteil der lese- und schreibfähigen Ukrainer verdoppelte sich im Verlauf der zwanziger Jahre und stieg nochmals zu Beginn der dreißiger Jahre, als die allgemeine Schulpflicht eingeführt wurde. Die prosowjetischen Kräfte in der Ukraine stützen sich auf große Teile der russischen und jüdischen und auch der ukrainischen Bevölkerung der Städte und auf die Industriearbeiter des Donezk-Beckens und der Ostukraine.

Unter Stalin erfolgte im Jahr 1929 eine radikale Abkehr dieser Politik und die von ihm forcierte Industrialisierung der UdSSR binnen kurzer Zeit ging vor allem auf Kosten der Landwirtschaft. Die Beschaffungsprobleme für Getreide nahmen ab 1925 zu, worauf die stalinistische Führung mit Zwang und Terror reagierte. In seiner paranoiden Wahrnehmung glaubte Stalin, dass die Bauern dem Staat die Ernte vorenthielten, um die sowjetische Ordnung zu sabotieren. Im Frühjahr 1933 schickte der Schriftsteller Michail Scholochow, Autor des Romans „Der stille Don“, Stalin einen Brief, in dem er die Existenz einer „Kulakensabotage“ im Nordkaukasus bestritt und über die Terrorisierung der Bauern durch Parteifunktionäre berichtete. Stalin räumte in seiner Antwort Fehler ein erklärte aber, „dass Ihre geschätzten Bauern einen Zermürbungskrieg gegen die Sowjetmacht geführt haben. Einen Kampf auf Leben und Tod, lieber Genosse Scholochow!“ Das antibäuerliche Denkmuster bei Stalin begann in der Krise von 1927, als von Städten und Armee benötigtes Getreide in den ländlichen Speichern blieb, weil die Industrie zu wenige Waren zum Austausch bereitstellte. Stalin presste das völlig marktkonforme Verhalten der Bauern der damals noch auf Privatbesitz beruhenden Landwirtschaft in die politisierten Kategorien des Klassenkampfes.

Die Verkündung des ersten Fünfjahresplans und die Kollektivierung der Landwirtschaft bedeutete den Beginn einer Revolution von oben mit furchtbaren Folgen für Millionen von Menschen. Sie war verbunden mit der massenhaften Deportation von Bauern nach Sibirien, die sich der Kollektivierung widersetzten, wo es weder Nahrung noch Unterkunft für sie gab. Gleichzeitig entstand das riesige Zwangsarbeitersystem des Archipel Gulag, welches sich über das ganze Land verbreitete. Die Sowjetunion wurde 1931 und 1932 von einer schweren Dürre heimgesucht, dazu kamen Getreidekrankheiten, die zu einer schlechten Ernte führten. Ausschlaggebend für die Hungersnot, der Millionen Menschen zum Opfer fielen und die zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen in vielen Teilen der Sowjetunion führte war die Zwangskollektivierung und die katastrophale Politik Stalins gegenüber der Landbevölkerung. Große Teile der bäuerlichen Bevölkerung wurden zu unfreien Halbproletariern, die durch das 1932 wieder eingeführte Inlands-Passsystem wie zu Zeiten des Zaren an ihr Land gebunden wurden. Die vom Hungertod bedrohte bäuerliche Bevölkerung wurde so an der Flucht in die Städte oder in andere Republiken gehindert. Die neu gebildeten Kolchosen mussten ihre Produkte zu extrem niedrigen Preisen an den Staat abliefern und waren nicht in der Lage, die Ernährung vor allem der ländlichen Bevölkerung sicherzustellen.

Die Hungersnot spielte sich freilich nicht nur in der Ukraine ab, alle wichtigen Getreideanbaugebiete waren vom Nahrungsmangel betroffen. Im Nordkaukasus und an der unteren Wolga tobte wie im Ural und in Westsibirien der Hunger, in Kasachstan forderte die Zwangskollektivierung der Herden und der brutale Versuch, die kasachischen Nomaden sesshaft zu machen, weit mehr über eine Million Opfer. Die ukrainische Sowjetrepublik hatte im Jahr um das Jahr 1930 rund 30 Millionen Einwohner, davon waren rund 75 Prozent Ukrainer, 10 Prozent Russen und 6 Prozent Juden. Die Ukraine zählte in der Zeit die meisten Todesfälle, die Schätzungen reichen von drei bis fünf Millionen Opfer durch Verhungern. Die Mortalität beispielsweise in Kasachstan aber war deutlich höher als in der Ukraine, wo rund ein Drittel der Bevölkerung verhungerte.

Für die faschistischen OUN-Nationalisten und die offizielle ukrainische Geschichtsschreibung stand von Anfang an fest, dass Stalin den Hunger bewusst eingesetzt habe, um das ukrainische Volk auszurotten, was bei seriösen Historikern als längst widerlegt gilt. Manfred Hildermeier, einer der renommiertesten deutschen Historiker in Sachen Russland und Sowjetunion, kommt nach Abwägung aller bekannten Fakten zu folgendem Urteil: „Dagegen kann die weitergehende und eigentliche nationalukrainische These des gezielten Genozids als widerlegt gelten. Die neuen Daten haben endgültig bewiesen, dass andere wichtige Getreideanbaugebiete in ähnlicher Weise vom Hunger betroffen waren. Nahrungsmittelknappheit herrschte überall, verheerende Not in allen Getreideüberschussgebieten, weil man nach starren Plänen zu viel abzog und eine Hungerkatastrophe wissentlich in Kauf nahm. Soweit die Behörden Teile des Landes vor dem Schlimmsten retten wollten, galt ihre Sorge nicht primär russischen Regionen, um im Nebeneffekt den ukrainischen Eigenwillen zu brechen, sondern den Städten, der Arbeiterschaft und der Industrie. Nicht nationale, sondern bolschewistisch-marxistische Prinzipien setzten sich durch.“

Während des zweiten Weltkrieges kollaborierten die ukrainischen Nationalisten mit Hitler in seinem Kampf gegen die Juden und gegen den „jüdischen Bolschewismus“. Im rassenbiologischen Vernichtungskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die Sowjetunion wurden 27 Millionen Sowjetbürger ermordet, mehr als die Hälfte davon hinter der Front, ehe es der Roten Armee gelang Auschwitz, die Sowjetunion und den Rest Europas zu befreien. Stepan Bandera, der heute in der Ukraine als Nationalheiliger verehrt wird und seine faschistische OUN sind verantwortlich für die Ermordung von hunderttausenden Juden, Polen und Russen. Die OUN wollte eine ethnisch reine Ukraine, ohne Juden, ohne Polen und ohne Russen. Die Massenmorde an den Juden waren für die OUN ein wichtiger Schritt zur „Säuberung“ der Nation. Die Dimension der westukrainischen Kollaboration belegt der Massenmord an den Kiewer Juden. Über Babyn Jar, einer Schlucht, in der Nähe von Kiew, hing ein riesiges Transparent, auf dem in ukrainischer Sprache „Wir erfüllen Willen des ukrainischen Volkes“ stand. Ab dem 29. September 1941 erschießen zwei Bataillone ukrainischer Polizisten, eine Militäreinheit der OUN-B sowie Wehrmacht und SD in endlosen Salven zehn Tage lang 33.771 Menschen. Von den insgesamt 1500 Exekutoren waren 1200 Ukrainer und 300 Deutsche! Weil Stalin fürchtete, dass das gemeinsame Vorgehen von Deutschen und Ukrainern im ganzen Land unverhohlen begrüßt würde, durfte in der Presse und im öffentlichen Leben der Sowjetunion kein einziges Wort zu dem Massaker fallen.

Zu einem zentralen Thema der NS-Propaganda wurde die Hungersnot 1932–1933 in der Ukraine nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion 1941. In der Sowjetunion war der Hunger von 1932–33 ein Tabu und wer öffentlich über die Opfer sprach, konnte wegen antisowjetischer Propaganda bestraft werden. Der Agrarökonom Stepan Sosnovyj untersuchte im Auftrag der Nationalsozialisten die Hungersnot von 1932–1933 in der Ukraine und kam zu dem Ergebnis von 4,8 Millionen Hungertoten. Seine Ergebnisse wurden einem breiteren ukrainischen Publikum zugänglich gemacht, unter anderem am 8. November 1942 in der Zeitung Nova Ukraina. In der deutschen Besatzungspresse zwischen 1941 und 1944 wurde die Hungersnot 1932–1933 öffentlich thematisiert und propagandistisch instrumentalisiert. Die NS-Propagandisten machten die Juden für die Hungersnot verantwortlich: „Nur ein Teil der Bevölkerung bekam den Hunger nicht zu spüren. Das waren die Juden. Sie nutzten still und heimlich die Dienste von „Torgsin“, in deren Läden es alles gab, was man sich nur wünschen konnte, einschließlich Lebensmittel. Aber sie konnten nur mit Gold und ausländischen Währungen gekauft werden, und den Juden fehlte es weder an Gold noch an Dollar.“

Nach dem Krieg floh der Führer der OUN, Stepan Bandera, wie so viele andere NS-Kriegsverbrecher nach München um dort weiterhin an seinem Lebenstraum einer unabhängigen „ethnisch reinen“ Ukraine zu arbeiten. Der extreme Antikommunismus der ukrainischen Nationalisten machte sie zu wichtigen Verbündeten der westlichen Geheimdienste. Nach dem Krieg war es opportun den Mord an den Juden durch die Ukrainer zu leugnen und so erschienen diverse Memoiren, führender ukrainischer Nationalisten in denen etwa das Pogrom in Lemberg am 30. Juni 1941 schlicht geleugnet oder die OUN zu einer Truppe von Philosemiten zurechtgelogen wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg emigrierten hunderttausende Ukrainer über Deutschland in die USA und versuchten dort ihre These vom Genozid an den Ukrainern zu verbreiteten. Nach dem umgeschlagenen politischen Klima in den USA nach dem Regierungsantritt von Ronald Reagan verstärkten die Anhänger von Stepan Bandera ihre Aktivitäten.

Im März 1983 startete eine Sondernummer der wöchentlich in den USA erscheinenden Zeitung der Exilukrainer, „The Ukrainian Weekly“, wo zum Beispiel behauptet wurde, sieben Millionen Ukrainer seien bei der Hungersnot ums Leben gekommen. Erich Später schreibt 2014 in „Die Befreiung der Nation“: „Große Probleme bereitete den Nationalisten allerdings im Jahr 1978 die öffentliche Resonanz der US-Fernsehserie „Holocaust“ in den Vereinigten Staaten und in Deutschland. Der Film erklärte anhand des Schicksals der jüdischen Familie Weiss, was die deutsche Vernichtungspolitik für die einzelnen Menschen bedeutet hatte. Die ukrainische Diaspora reagierte empört auf Szenen, in den ukrainische Polizisten als Judenmörder gezeigt wurden. Die Mörder fühlten sich bloßgestellt und führten eine Kampagne gegen die angeblich „antiukrainische Hetze“, die von Hollywood, den Juden und der Sowjetunion organisiert wurde. Gleichzeitig wurde eine propagandistische Gegenstrategie entwickelt, die bis heute erfolgreich ist: Das „ukrainische Volk“ wurde selbst als Opfer eines – sozusagen – anderen Holocaust dargestellt. Die Zwangskollektivierung und die schreckliche Hungersnot der Jahre 1932/33 wurden von den Nationalisten. die zumeist in Polen und Nazi-Deutschland gelebt hatten, als geplantes Verbrechen der russischen und jüdischen Kommunisten an den Ukrainern beschrieben. Der „Holodomor“ war in die Welt gesetzt und verlieh den ukrainischen Kollaborateuren und Judenmördern stellvertretend den begehrten Opferstatus.“

Die Anzahl der ukrainischen Opfer durch die „jüdischen“ Kommunisten wurde immer weiter in die Höhe getrieben um mindestens die Zahl von sechs Millionen zu erreichen. Der Historiker Per Anders Rudling hat diesen Vorgang ausführlich beschrieben, so haben die „Diaspora-Akademiker“ die Hungersnot als einen mutwilligen Genozid geschildert und dabei offen auf den Holocaust Bezug genommen, Rudling zitiert als Beispiel den Historiker Marco Carynnyk: „Die Opfer der Hungersnot in der Ukraine wurden dem langsamen und qualvollen Tod überantwortet – so gewiss wie die europäischen Juden den Planern der Endlösung ausgeliefert wurden.“  Zu Beginn der achtziger Jahre, so Später weiter,  habe man in der nordamerikanischen ukrainischen Diaspora von der Hungersnot noch als von einem „Hunger-Holocaust“ oder von einem „ukrainischen Holocaust“ gesprochen, die Zahl der Opfer aber bereits mit „mehr als sieben Millionen“ angegeben; der Begriff „Holodomor“ sei erst in den späten achtziger Jahren gebräuchlich geworden. Die Namensähnlichkeit ist kein Zufall, schon die Wortwahl „Holodomor“ belegt die Holocaustrelativierung der Geschichtsrevisionisten. In einer Publikation der OUN-B aus den achtziger Jahren, die von Stepan Banderas  Sohn Andrij im nordamerikanischen Exil herausgegeben wurde, findet sich Rudling zufolge eine Aufstellung von Genozid-Opfern, die neben den sechs Millionen ermordeten Juden 15 Millionen ukrainische Opfer anführt.  1986 erschien in einem Verlag von UPA-Veteranen eine Schrift, in der es hieß „zionistische Juden“ hätten die Hungersnot als „wirklichen Holocaust“ veranlasst, bei dem „jüdische Bolschewisten“ Christen umgebracht hätten.

Außer einigen Alt- und Neostalinisten bestreitet heute niemand ernsthaft, dass Stalins Politik die Hungerkatastrophe in der Sowjetunion von 1932 bis 1932 herbeigeführt hat. Weil die Hungerkatastrophe aber nicht nur in der Ukraine, sondern auch in Kasachstan, wo sie am tödlichsten ausfiel, im Nordkaukasus, im Wolga- und zentralen Schwarzerdegebiet, aber auch im Ural und in Westsibirien Millionen von Opfern forderte, war die Hungerkatastrophe kein Völkermord. Es gab in der Sowjetunion keine Wannseekonferenz, in der die Endlösung der Ukrainerfrage beschlossen wurde! Es gibt zahlreiche Dokumente, die Stalins Mordabsichten und -planungen, etwa bei der Organisation der Schauprozesse, der Durchführung der Zwangskollektivierung bis hin zum Großen Terror mit seinen vom Politbüro abgesegneten Erschießungsquoten belegen. Einen dokumentarischen Beleg für die Absicht Stalins Millionen Bauern in der Ukraine verhungern zu lassen, gibt es aber nicht. Ein Genozid, der Versuch der vollständigen Vernichtung der ukrainischen Bevölkerungsgruppe war die Hungerkatastrophe von 1932/33, wie unter anderem Efraim Zuroff festhält, eben nicht.

Der Deutsche Bundestag ist mit seiner Resolution jetzt endlich da angekommen wo Gerhard Frey von der DVU in den 1980er Jahren, später Martin Walser und Günter Grass und noch später Alexander Gauland immer geträumt haben, in der Öffentlichkeit muss ein breiteres Bewusstsein für Genozide erweckt werden: Im ukrainischen Narrativ ist der Holocaust ein Genozid unter vielen und die Juden waren nicht nur Opfer sondern auch Täter. Weil die Juden in den „Holodomor“ verstrickt waren, muss man heute Verständnis für den hunderttausendfachen Massenmord der Westukrainer an den Juden im Holocaust haben, so die „Argumentation“ einiger der heutigen Bellizisten und Sanktionen-Junkies. Der Geschichtsrevisionismus der Ukraine, die Übernahme durch den Bundestag und die überwiegend zustimmende Berichterstattung zu der ukrainischen Holocaustrelativierung und die nur zaghaften Proteste gegen die Holocaustrelativierung des Bundestages belegen die moralische Verwahrlosung des öffentlichen Diskurses in Deutschland.

Für die Wiedergutwerdung Deutschlands musste die singuläre Tat der Shoa relativiert und Auschwitz als die deutsche Untat als „eine unter vielen anderen“ eingegliedert werden. Die Bundestags-Resolution zum „Holodomor“ ist ein Meilenstein in diesem antisemitischen Projekt. Die früheren Verbündeten im Kampf gegen die Juden und gegen die Russen, die westukrainischen Nationalisten und die deutschen Bellizisten, heute von der FDP, der SPD über die Grünen bis zur CDU, ziehen wieder einmal an einem Strang. Alte Freunde können schlecht getrennt werden, der Geschichtsrevisionismus und die Holocaustrelativierung, bis hin zur Holocaustleugnung sind die verbindenden Klammern.

In der Präambel des Grundgesetzes für die Bundesrepublik Deutschland steht: „Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen, von dem Willen beseelt, als gleichberechtigtes Glied in einem vereinten Europa dem Frieden der Welt zu dienen, hat sich das Deutsche Volk kraft seiner verfassungsgebenden Gewalt dieses Grundgesetz gegeben.“ Mit den kriegsverlängernden Waffenlieferungen an die Ukraine, einem Land, das den antisemitischen Massenmörder Stepan Bandera als Nationalhelden verehrt, der Ablehnung möglicher Friedensverhandlungen („Diktatfrieden“) und der bedingungslosen Übernahme des ukrainischen OUN- und NS-Geschichts-Narratives dient der Deutsche Bundestag keineswegs dem „Frieden der Welt“ – im Gegenteil.

 

Quellen: Erich Später – Die Befreiung der Nation – Ukraine über alles- Konkret-Verlag | Jürgen Zarusky – Timothy Snyders „Bloodlands“, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 2012 Heft 1 | Stephan MerlEntfachte Stalin die Hungersnot von 1932-1933 zur Auslöschung des ukrainischen Nationalismus? Anmerkungen zu neueren westlichen Veröffentlichungen über die „ukrainische“ Hungersnot, Franz Steiner Verlag | Helmut Atrichter – Offene Grossbaustelle Russland,  „Reflexionen über das „Schwarzbuch des Kommunismus, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 1999 Heft 47 | Grzegorz Rossolinski-Liebe – Der Verlauf und die Täter des Lemberger Pogroms vom Sommer 1941- Jahrbuch für Antisemitismusforschung 22 – Metropol-Verlag | Eliyahu Yones – Die Juden in Lemberg während des Zweiten Weltkriegs und im Holocaust 1939-1944- Ibidem-Verlag | Franziska Bruder -„Den ukrainischen Staat erkämpfen oder sterben!“ Die Organisation ukrainischer Nationalisten (OUN) 1929 -1948 – Metropol-Verlag | Leon W. Wells – Ein Sohn Hiobs – Carl Hanser Verlag | Klaus Kellmann – Dimensionen der Mittäterschaft, Die europäische Kollaboration mit dem Dritten Reich – Böhlau Wien | Erich Später – Der dritte Weltkrieg, Die Ostfront 1941-45, Hamburger Institut für Sozialforschung – Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944 | Stalin. Eine politische Biographie von Isaac Deutscher, Bechtermünz Verlag

 

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27 Kommentare leave one →
  1. ChaikeGrossmann permalink
    30. November 2022 13:40

    Ausgezeichnet!

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  2. Stephan Gärtner permalink
    30. November 2022 14:35

    Auf den Punkt gebracht. Ich habe noch immer die (absurde) Hoffnung dass die Resolution heute Abend nicht angenommen wird.

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  3. Moritz Goldstein permalink
    30. November 2022 15:19

    Sogar die grüne TAZ hat Bauchschmerzen: „Der Bundestag ist nun aber keine Historikerkommission. Es hat etwas Anmaßendes, einer komplexen historischen Debatte nun den Weg leuchten zu wollen. Das unterscheidet den Holodomor-Antrag von der Armenienresolution vor ein paar Jahren. Dass die Morde an den Arme­niern 1915 geplant und gezielt waren und somit nach der Defintion von 1948 als Genozid gelten, ist ein historischer Fakt. Das ist beim Holodomor anders – und ein zentraler Unterschied.“

    https://taz.de/Holodomor-Antrag-im-Bundestag/!5895413/

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    • tableo permalink
      1. Dezember 2022 11:29

      Stefan Reinecke ist zwar nicht mein Fall, aber immerhin sieht er den zentralen Unterschied.

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  4. 30. November 2022 18:32

    Fundstück Konkret 1/2010 Rolf Surmann

    Im Jahr 2007 beantragte die Regierung Litauens, Israel möge Dr. Yitzhak Arad, ein ehemaliges Mitglied der Untergrundbewegung im Ghetto Wilna und Partisan an der Seite der Roten Armee, später unter anderem Direktor der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, ausliefern. Anlaß war Arads Autobiographie. Aus ihr glaubten die litauischen Behörden den Verdacht begründen zu können, Arad habe Kriegsverbrechen begangen, weil er an der Exekution von Zivilisten und Angehörigen der »antisowjetischen Widerstandsbewegung« teilgenommen habe. Baruch Shuv, Sprecher des Ghetto-Widerstands und der jüdischen Partisanen, rekonstruierte daraufhin den historischen Kontext und erinnerte daran, daß sich im Ghetto die jüdischen Selbstverteidigungsgruppen gebildet und dann über 1.000 Männer und Frauen außerhalb des Ghettos Nazikollaborateure bekämpft hatten. Die israelische Regierung wies das Ansinnen der litauischen Regierung zurück.

    Daß es sich bei dem Vorgang nicht um einen spektakulären Einzelfall handelt, ergibt sich schon aus der Problematik. Besondere Beachtung fand etwa der Fall des lettischen Partisanen Wassili Kononow. Er wurde angeklagt, Personen getötet zu haben, die bei der deutschen Hilfspolizei dienten. Schon während der Ermittlungen nahm man ihn in Untersuchungshaft. Gegen seine Verurteilung und Inhaftierung legte er später Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ein. Dieser sprach ihn frei und gestand ihm auch ein Schmerzensgeld zu. Sein Anwalt kommentierte: »Das Gericht hat zugegeben, daß die ›Verbrechen‹, die mein Mandant begangen hat, nur zu Zeiten Hitler-Deutschlands als Verbrechen galten und Lettlands – wenn sich das Land so positioniert.«

    Doch so eindeutig scheinen die Rechtsverhältnisse im neuen Europa nicht zu sein. Lettland legte – »natürlich« – gegen das Urteil Widerspruch ein. Eine Überraschung sind dagegen die Enthüllungen dreier französischer Rechtswissenschaftler, deren Protestschreiben »Le Monde« kürzlich veröffentlichte. Sie kritisieren, daß der Präsident des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nach Riga eingeladen worden sei und dort den Premierminister, den Präsidenten und, anläßlich eines Arbeitsessens, auch den lettischen Generalstaatsanwalt getroffen habe. Er soll im Anschluß gesagt haben, daß das Revisionsurteil im Fall Kononow »wahrscheinlich anders ausfallen könnte als das bereits ergangene« und daß »es unter den 47 Richtern des EGMR eine große Anzahl von Personen gibt, die aus Ländern kommen, die unter dem kommunistischen Regime gelitten haben«.

    Die geschilderten Beispiele sind Ausdruck einer juristischen Zuspitzung der Geschichtspolitik, die in den baltischen Staaten seit zwanzig Jahren systematisch betrieben wird. Ihr Tenor ist sattsam bekannt: Umdeutung der mörderischen Nazikollaboration zum antisowjetischen Freiheitskampf und Kriminalisierung der antifaschistischen Widerstandskämpfer zu stalinistischen Verbrechern. Auch von den skandalösen Begleiterscheinungen hat man wohl schon gehört: apologetische Reden von Regierungsmitgliedern, Denkmalenthüllungen für Mörder im Nazisold, nazistische Traditionsaufmärsche.

    Holocaust-Konkurrenz
    Die baltischen Staaten stehen mit ihrer geschichtspolitischen Haltung nicht allein. Der »Holodomor« ist hierfür ein Beispiel. Der ukrainische Begriff bezeichnet Hungersnot und Massensterben Anfang der dreißiger Jahre. Nach Berechnungen der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften starben damals 3,5 Millionen Menschen. Zwar gibt es unterschiedliche Angaben zur Anzahl der Toten, doch steht das Ereignis in seinen Grundzügen außerhalb der Diskussion. Zu kritisieren ist jedoch seine
    zeitgeschichtliche Einordnung und politische Instrumentalisierung.

    Einige Autoren lehnen einen pluralen Erklärungsansatz – etwa die Berücksichtigung schlechter Ernten, der Folgen der landwirtschaftlichen Kollektivierung, der Zerschlagung von politischem Widerstand, einer generell bürokratisch-rücksichtslosen Politik – für die Hungersnot und ihre Folgen ab. Sie glauben von einer bewußt herbeigeführten Hungersnot mit dem Ziel der Bevölkerungsdezimierung, wenn nicht -ausrottung, sprechen zu können. Sie reden demgemäß von »Stalins Holocaust«, vom »Hidden Holocaust« oder von einem »Hunger- Holocaust«. Die ukrainische Regierung bevorzugt den Begriff »Genozid am ukrainischen Volk«. Seit 2006 gehört er zur politischen Beschlußlage, seine Verächtlichmachung steht unter Strafe.

    Doch auch dieser Begriff ist falsch. Denn unter der Hungersnot jener Jahre haben nicht nur die Menschen in der Ukraine gelitten. Sie traf ebenso die Bevölkerung in Rußland, Westsibirien oder Kasachstan. In dem Versuch, die Katastrophe allein auf die ukrainische Bevölkerung zu beziehen, zeigt sich daher ein grundsätzliches Unverständnis der zeitgeschichtlichen Fakten. Und, ganz grundsätzlich, das Bedürfnis, die ukrainische Bevölkerung als Opfer zu präsentieren; je nach Reflexionsniveau auch gleichrangig mit den europäischen Juden. Zudem fehlt die Bereitschaft, die ukrainische Mitschuld am Judenmord herauszuarbeiten. Judenmörder im Dienst von Wehrmacht und SS können so als Helden im nationalen Befreiungskampf präsentiert werden.

    (..)

    Den entscheidenden Schritt machte das Europäische Parlament im Mai 2009, als es die EU Mitgliedsstaaten aufforderte, den 23. August zum Gedenktag an (!) die Opfer der stalinistischen und nazistischen Verbrechen zu erklären. Anlaß war der 75. Jahrestag des sogenannten Hitler-Stalin-Pakts, der Europa in zwei Interessenssphären geteilt und zu Kriegsverbrechen und »Verbrechen gegen die Menschlichkeit« wie Massenverschleppungen, Morde und Versklavungen geführt habe. Der Gedenktag solle dazu beitragen, eine Wiederholung solcher Verbrechen zu verhindern.

    Der international bekannte Historiker Yehuda Bauer, ehemaliger Leiter der Holocaust- Studies in Yad Vashem, wandte sich in einer Entgegnung gegen die Gleichsetzung in der Zweckbestimmung dieses Tages. Er machte geltend, daß der kommunistische Terror nicht die Vernichtung einer geschlossenen Bevölkerungsgruppe intendiert habe und der Zweite Weltkrieg vom Naziregime begonnen worden sei, das auch grundsätzlich die Verantwortung für die Toten zu tragen habe. Nicht zuletzt wies er darauf hin, daß die Rote Armee die wichtigste Kraft bei der Befreiung Europas gewesen sei und auch Osteuropa befreit habe.

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  5. tableo permalink
    1. Dezember 2022 11:28

    Sehr gut geschrieben, meine volle Zustimmung. Mich würde mal interessieren was die Ukrainer zu ihrem großen Sohn Lyssenko sagen.

    Dazu eine Doku in arte: Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch versucht die sowjetische Führung, eine Lösung für das Ernährungsproblem des Volkes zu finden – vergebens. Eigentlich sind die Böden in Russland und der Ukraine fruchtbar. Einst wurde das Gebiet die „Kornkammer Europas“ genannt. Und doch muss die Bevölkerung immer wieder hungern. Nach der Oktoberrevolution 1917 macht sich die Sowjetmacht daran, die Landwirtschaft zu reformieren, um die Erträge zu steigern. Große Hoffnungen ruhen dabei auf der Wissenschaft. Unter den Forschern, die dieses Wunder vollbringen sollen, sind der Botaniker Nikolai Wawilow und der Agrarwissenschaftler Trofim Lyssenko.

    Russland, 1920er Jahre: Der Bürgerkrieg hatte das Land ausgelaugt, die Kornkammer Europas war leer. 1921 brach eine Hungersnot aus, 40 Millionen Menschen waren betroffen. Es war die erste große Hungersnot in Sowjetrussland, sie fordert mehr als fünf Millionen Todesopfer. Vor dem Hintergrund jener Tragödie übernahm der brillante Botaniker und Genetiker Nikolai Wawilow die Führung der sowjetischen Agrarforschung am neu gegründeten Institut für Pflanzenzucht in Sankt Petersburg. Im Zuge großangelegter Expeditionen auf allen fünf Kontinenten – von der Karibik bis Abessinien, von China über Arabien und Afghanistan bis Nordwestafrika – legte er die weltweit größte Sammlung von Pflanzensamen an. Wawilow war überzeugt, dass mit Hilfe neuer, resistenter Züchtungen die Erträge verbessert und ein wesentlicher Beitrag zur künftigen Ernährung der Weltbevölkerung geleistet werden könnte. Wawilow wurde zu einem glühenden Anhänger der neu aufkommenden Genetik.

    Doch der Mann, der den Hunger auf der Welt beenden wollte, verhungerte nach dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Russland 1943 im Gefängnis von Saratow. Wegen Sabotage gegen die sowjetische Landwirtschaft war Wawilow 1941 – im Zuge der politischen Säuberungen unter Stalin – vom Militärkollegium des Obersten Gerichts der UdSSR zum Tode durch Erschießen verurteilt worden. Stalin zog dem Forscher Wawilow, der als kosmopolitischer Bourgeois und Erbe des Zarenregimes galt, den aus ärmlichen Verhältnissen stammenden Agronomen und Proletarier Lyssenko vor.

    Lyssenkos erste Entdeckung war die sogenannte Jarowisation. Lyssenko behauptete, durch dieses Verfahren könnten die Erträge verdreifacht werden. Später sollten sich seine angeblich bahnbrechenden Forschungsergebnisse als Fälschungen erweisen. Doch Lyssenko hielt sich bis zu seinem Tod an der Spitze der sowjetischen Agrarforschung. Er bekämpfte die als reaktionär geltende Genetik und verdammte die sowjetische Forschung damit zu jahrzehntelangem Rückschritt.

    Die Geschichte der Kontroverse zwischen dem Agrarwissenschaftler Lyssenko und dem Biologen Wawilow erzählt vom Aufstieg und Fall zweier Männer in der von Stalin beherrschten jungen Sowjetunion. Und sie zeigt, dass Wissenschaft in der Sackgasse endet, wenn sie sich ideologischen Dogmen beugen muss.

    https://programm.ard.de/TV/arte/wawilow–lyssenko-und-stalin/eid_28724783825507

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  6. 1. Dezember 2022 11:35

    Von Gregor Gysi kann man halten was man will, ich halte nicht viel von ihm, aber was er im Bundestag zum „Holodomor“ gesagt hat, hebt ihn von den Ewiggestrigen ab:

    „Alle in Deutschland müssen die Suche nach einem zweiten Hitler und einem zweiten Auschwitz aufgeben, beides gab es nur einmal.“

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  7. 1. Dezember 2022 13:27

    Bei f&f gibt es einen Komiker, der ist davon überzeugt dass der „Holodomor“ ein Völkermord war. Auf die Frage nach Kasachstan schreibt er: In Kasachen und anderen Kaukausvölkern, überhaupt in der ganzen Sowjetunion war es ein Völkermord. Das Wort Völkerselbstmord hat vermieden. Kann aber noch kommen.

    https://www.fischundfleisch.com/manfred-breitenberger/der-deutsche-bundestag-erkennt-den-holodomor-als-genozid-an-und-relativiert-damit-den-holocaust-80574#comment-1314193

    https://www.fischundfleisch.com/manfred-breitenberger/der-deutsche-bundestag-erkennt-den-holodomor-als-genozid-an-und-relativiert-damit-den-holocaust-80574#comment-1314130

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    • 4. Dezember 2022 23:49

      Der Holodomor war kein Völkermord, aber rhetorische Übertreibungen sind doch alltäglich und einfach ein Effekt von Medienökonomie. Das Problem, das der Holodomor stellt, ist schlicht und einfach, wie ein Staat absichtlich durch relativ simple bürokratische Maßnahmen eine permanente Lebensmittelknappheit bei einer bestimmten Bevölkerung erzeugen konnte und auch dabei blieb, als die katastrophalen Folgen völlig sichtbar geworden sind.
      Der einzige Zweck des Holodomor war, Macht zu demonstrieren, indem man den größtmöglichen Terror mit größtmöglicher Todesfolge praktizierte. Er war sinnlos, so wie Auschwitz sinnlos gewesen ist oder jede andere Tötung von völlig Unschuldigen sinnlos erscheint.
      Wer sich so intensiv mit dem Holocaust beschäftigt hat, so wie wir, der hat es aufgegeben darin einen Sinn finden zu wollen, es bleibt nur Kopfschütteln und ein Unverständnis menschlicher Grausamkeit. Der Holodomor, um einmal dabei zu bleiben, war auf seine Weise ebenso sinnlos und Ausdruck eines totalen Kontrollwahns. Es ist nicht sinnvoll sich in diese Logik zu begeben, dass man sich das erklären kann. Man kann es nicht.

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  8. 2. Dezember 2022 00:18

    Die Deutschen starten durch: Nachdem die brutalen Angriffe der Russen auf die Energieversorgung der Ukraine zum „Zivilisationsbruch“ erklärt wurden (während es bei den Luftangriffen der NATO auf die jugoslawische Elektrizitätsversorgung noch darum ging, eben diesen, nämlich erneut „Auschwitz“ (J.Fischer) zu verhindern), erlaubt sich der deutsche Bundestag, in dem bis in die 1970er Jahre hinein ehemalige NSDAP-Mitglieder saßen, zu definieren, was ein Völkermord ist (by the way: auf eine ähnliche parlamentarische Volte warten die Nachfahren der Herero und Nama meines Wissens bis heute).

    Dabei ist nicht nur die offenkundige Verknüpfung mit einem aktuellen Konflikt verheerend (der Initiator Robin Wagener twittert: „Der #Holodomor in der #Ukraine muss uns Mahnung sein. Die Parallelen zur heutigen Zeit sind unübersehbar“ ), sondern auch der Versuch, Putin als Wiedergänger Stalins und die Ukraine als Opfer der Sowjetunion darzustellen.

    Der Konsens, dass die Shoah ein singuläres Verbrechen war, stellte lange Zeit die Schranke zwischen Zivilisation und Barbarei in der BRD dar. Dieser Konsens wird derzeit aufgekündigt und man will sich lieber nicht vorstellen, wie mit ihm verfahren wird, wenn eine Koalition aus Merz-CDU und AfD an die Macht gelangt. (Vielleicht ist ja auch die FDP mit von der Partie – oder Robin Wageners Grüne.)

    PS: Zu Relativierungsübungen in der „Jungle World“ siehe hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2022/08/29/vom-neuen-tatervolk/

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    • 2. Dezember 2022 09:51

      Ich frage mich immer ob die Vergesslichkeit bezüglich der völkerrechtswidrigen Bombardierung Jugoslawiens der deutschen Politiker vorsätzlich, also im Wissen der Wahrheit zelebriert wird oder ob sie einfach nur naiv dumm vergeslich sind.

      Selbstverständlich ist der Zeitpunkt der Bundestagsresolution kein Zufall, zu den Durchhalteparolen muss eine weitere moralische Legitimität geschaffen werden, Waffen an die Ukraine zu liefern. Die Leute müssen bei der Stange gehalten werden. Es werden mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen.

      Mit hoher Wahrscheinlichkeit wird die nächste Regierung schwarz-grün oder noch schlimmer grün-schwarz sein. Wenn die aktuelle Außenministerin nicht so viele selbstverliebte Fehler im Wahlkampf gemacht hätte dann wäre es schon jetzt soweit. Ich habe das bereits vor Jahren geschrieben, die Grünen waren in der Regierung als Deutschland erstmals nach 1945 einen Angriffskrieg startete und die Grünen werden in der Regierung sein wenn deutsche Soldaten wieder auf russische Soldaten schießen.

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  9. 3. Dezember 2022 11:44

    Ehrlich gesagt bin ich nicht überzeugt davon, dass es sinnvoll ist eine Katastrophe gegen die andere auszuspielen. Der Holodomor ist nicht dasselbe, wie der Holocaust, aber er gehört in dieselbe Kategorie von Massenmord, wie er im 20. Jahrhundert gehäuft aufgetreten ist.
    Eine Anerkennung des Holodomor relativiert nicht den Holocaust, sondern macht deutlich, dass die Singularität des Holocausts nicht darin besteht, dass es nur Juden treffen oder ein organisierter Massenmord nur von Nazis verübt werden kann.
    Der Stalinismus und seine Grausamkeiten haben bei weitem mehr Opfer gefordert, als die Nazis. Das sollte man hier deutlich sagen. Die stalinistische Sowjetunion und das maoistische China sind im Vergleich zu den Nazis die weitaus größeren Todesproduzenten, ginge es nur um Zahlen. Der Holodomor ist an Schrecklichkeit dem Holocaust durchaus ebenbürtig. Der beabsichtigte Tod durch Hunger ist in seinen Folgen ebenso wie der Holocaust ein Zivilisationsbruch. Das zu bestreiten ist einfach unmenschlich und eine Relativierung eines Massenmords, also genau das was der Vorwurf umgekehrt insinuiert.

    Mein Eindruck ist, dass der Begriff von der Singularität des Holocaust hier falsch verstanden wird. Seine Einzigartigkeit bestand nicht in der Zahl, nicht in der Wahl der Opfer und auch nicht in einer spezifischen Grausamkeit, sondern in der technischen Anonymisierung eines Verwaltungsprozesses, der Massenmord als Fabrik des Todes organisiert hat.

    Der Stalinismus und der Maoismus haben stets die natürlichen Gegebenheiten benutzt, ihre Feinde zu ermorden. Krieg, Hunger und Deportation an lebensfeindliche Orte waren die Mittel ihrer Wahl, während die Nazis technische Apparate zur Effizienzsteigerung des Massenmordes bauten. Diese organisatorische und technische Automatisierung ist das, was den Holocaust einzigartig macht.
    Der Holodomor ist in diesem Sinn nicht einzigartig, weil er eine „natürliche“ Lösung für den Massenmord nutzt, die Verteilung von Lebensmitteln und ihre bewusste Verknappung durch staatliche Eingriffe.

    Stalinistische Massenmörder scheinen deshalb weniger kritisierbar zu sein und das ist gelinde gesagt eine falsche Heramngehensweise.

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    • 3. Dezember 2022 17:44

      Ich bin auch der Auffassung, dass man die Verbrechen Hitlers mit den Verbrechen Stalins gleichsetzen, relativieren oder sogar rechtfertigen sollte. Der „Holodomor“ war ein Massenmord und der Holocaust ein Genozid. Es gab einen Genozid an der Armeniern und dieser Genozid relativiert den Holocaust in keiner Weise. Ich finde Efraim Zuroff vom SWC bringt es auf den Punkt. Der „Holodomor war nicht ethnisch orientiert, sondern wirtschaftlich und politisch. Es war ein Klassenmord, ein Mord an den Bauern:

      https://www.jpost.com/israel-news/zuroff-israel-should-not-recognize-holodomor-as-genocide-578308

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    • chaikagrossmann permalink
      4. Dezember 2022 00:34

      Oh bitte. Die große Hungerkatastrophe war kein Genozid. Der Georgier Stalin hat sicher viele Verbrechen begangen aber weder eine Massentötung speziell an Ukrainern noch an sonstwem. Die Hungerkatastrophe war auch kein Klassenmord so ein Unsinn. Es ging darum, daß die KdSU den Bauern, also den Mittelbauern misstraut hat und sie für Klassenfeinde hielt. Ihre Vorstellungen von Agrargesellschaft waren völlig unrealistisch. Zudem gab es große Sympathien für die Anarchisten auf dem Land, was die KPdSU auch nicht erfreute. Es gab die sogn Optimierung der Versorgung und da hatten die Industrie Städte Vorrang. Landarbeiter und Kleinbauern kamen im denken nicht vor und all das ist schrecklich aber weder ein Völkermord noch ein Mord an Ukrainern oder Kasachen oder Russen sondern eine Mischung aus Dummheit, Inkompetenz und fehlgeleiteter Ideologie. Zudem waren es fünf Sowjetrepubliken und Russen wurden ebenso bekämpft. Stalin war hart und brutal aber weder ein Nazi noch ein Faschist. Und das irgendein der Verbrechen der KPdSU mehr Menschen gefordert hat, ist auch Unsinn. Zudem gibt es keine ethnischen Ukrainer. Statt dessen muss die Mittelinstanz in der Sowjetrepublik betrachtet werden und dann wird auffällig, dass Ukrainer Ukrainer haben verhungern lassen. Das gilt auch für die anderen.

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      • 4. Dezember 2022 11:02

        Liebe Chaika, mit einem Wort kann man den „Holodomor“ sicher nicht korrekt beschreiben. Ein Klassenmord war es nicht, ich schrieb aber, es „war ein Klassenmord, ein Mord an den Bauern“ und ich habe dabei auf Efraim Zuroff verlinkt. Ich finde ich habe meine Position in meinem Beitrag schon deutlich gemacht.

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        • chaikagrossmann permalink
          4. Dezember 2022 11:23

          Ja das hast du. Real betrachtet gibt es aber keine Klassen für sich. Es sei denn als politisches Konstrukt. In der sowjetischen Überzeugung waren Bauern die Mittelbauern und ganz wichtig, die Kleinbauern. Sie alle waren in diesem Bild Klassenfeinde die es zu bekämpfen galt. Und die Hungerkatastrophe bezieht sich auf den ganzen schwarzerdegurtel. Dieses fürchterliche wort bezieht sich aber nur auf die Ukraine. Zusammenfassend gibt es keinen Holomodor sondern eine staatlich verursachte Hungerkatastrophe in fünf Regionen, weil die KPdSU eine katastrophale Agrarpolitik durchsetzte und Mittelbauern zu Schurken erklärt hatte. Das ist weder national noch klassenmäßig zu sehen, es hat sozialpolitische und ökonomische Ursachen. Euer Denkfehler besteht darin, das Staatsversagen national zu betrachten. Und Klassenbildung zu sehr zu vereinfachen. Zudem beschränkt ihr euch auf das ZK. Es sind aber nicht fünf Hansel durch die Gegend gelaufen. Auch die KPdSU bräuchte Zustimmung. Es gab infolge der zwangskollektivierung bürgerkriegsähnliche Zustände und die Motoren waren Anarchisten.

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  10. Detlef zum Winkel permalink
    3. Dezember 2022 19:27

    Jurek Molnar glaubt, die Singularität des Holocaust richtig verstanden zu haben: „Seine Einzigartigkeit bestand nicht in der Zahl, nicht in der Wahl der Opfer und auch nicht in einer spezifischen Grausamkeit, sondern in der technischen Anonymisierung eines Verwaltungsprozesses, der Massenmord als Fabrik des Todes organisiert hat.“
    Ich möchte widersprechen. Sehr wohl war die Zahl der Opfer einzigartig, indem es das erklärte und praktizierte Ziel der Nazis war, ein ganzes Volk vollständig von der Erdoberfläche verschwinden zu lassen, also nicht nur im eigenen Land. Stalins Ziel war es aber nicht, die Bauern komplett auszurotten oder Osteuropa zu erobern, um noch mehr Bauern ausrotten zu können. Auch die Wahl der Opfer war einzigartig – weder Gnade noch Ausnahmen waren vorgesehen, sondern ein Jude sollte vernichtet werden, weil er oder sie Jüdin oder Jude war. Und schließlich muss es ja etwas gegeben haben, was die Fabrik des Todes, die sogenannte Anonymisierung und Technisierung des Massenmords angetrieben hat. War es nicht die spezifische Grausamkeit, der rassische, also ideologisch begründete, aber individuell praktizierte Sadismus, den die Täter lustvoll ausagierten, um sich ihre vermeintliche Überlegenheit zu beweisen?
    Die unter Akademikern beliebte Begrifflichkeit, dass es die organisatorische und technische Automatisierung gewesen sei, was den Holocaust einzigartig gemacht habe, ist auch eine Relativierung der Mitverantwortung des deutschen Gelehrtenstandes. Es ist eine Verschiebung der Schuld von Mengele auf Eichmann. Diese Begrifflichkeit und diese Sichtweise kommt in den Zeugnissen der KZ-Überlebenden praktisch nicht vor. Lesen Sie Primo Levi, Charlotte Delbo, Imre Kertesz, Robert Antelme, Jean Amery, um nur einige wenige zu nennen, wenn Sie etwas über Zivilisationsbruch erfahren wollen.
    Es kann nur Falsches dabei herauskommen, wenn man versucht, die Erinnerungskultur (hier positiv verstanden) auf einen Satz zu reduzieren. Noch falscher wird es, wenn man versucht, aus der Gegenüberstellung von NS und Stalinismus irgendwie schlau zu werden.

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    • 4. Dezember 2022 11:02

      Lieber Detlef, vielen Dank für Deinen hervorragenden Kommentar, du spricht mit wenigen Worten sehr wichtige Punkte an die auch mich bewegen.

      Ja, jedes Weglassen einer weiteren Betrachtungsebene gleicht einer Relativierung. Die Reduzierung auf nur eine Ebene (organisatorisch-technische Ausführung) kann niemals allein die Einzigartigkeit des Holocausts begründen. Lässt man die Betrachtungsebene „der Mitverantwortung des deutschen Gelehrtenstandes“ außer Betracht, kommt es zur „Verschiebung der Schuld von Mengele auf Eichmann.“

      Die Gegenüberstellung von NS und Stalinismus war und bleibt das Problem, siehe Ernst Nolte.

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      • 4. Dezember 2022 22:46

        Es ist keine Reduzierung der Ebenen, das so zu sehen, sondern die Konsequenz aus der „Dialektik der Aufklärung“. Die Kritik an Wissenschaft und Technik, Werkzeuge zur Etablierung von Herrschaft zu sein, sollte nicht unbekannt sein. Ich habe das Wort „Anonymisierung“ erwähnt, das half allen Beteiligten innerhalb eines geschlossenen Systems auf unschuldig zu plädieren. Oder wie Peter Weiss geschrieben hat: „Ich stand nur auf der Rampe.“
        Das ist ein wesentlicher Teil der „organisatorisch-technischen“ Durchführung, bzw. macht deutlich, dass die Anonymisierung der Tat als effizienzsteigernde Maßnahme eingesetzt wurde. Dies ist tatsächlich ein Unterschied zwischen beiden Systemen.
        Das sowjetische Modell war nicht auf technisch-organisatorische Effizienzsteigerung von Vernichtung aus, sondern auf die Zuspitzung des Terrors, die jeden Widerstandsgeist von vornherein brechen sollte. Gewählt wurde, was alle mit mehr Angst erfüllt als vorher. Der Stalinismus selektiert auf Mehr-Terror. Das ist nicht dasselbe und hat auch nie jemand behauptet, setzt aber beide Regime auf dieselbe Ebene der Massenvernichtung. Hannah Arendt hat nie etwas anderes gesagt.

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      • 5. Dezember 2022 10:32

        Lieber Jurek, ich fürchte in den Fragen zum „Holodomor“ haben wir einen Dissens. Eigentlich habe ich in meinem Beitrag schon alles gesagt.

        Die Hungerskatastrophe von 1932 bis 33 wurde schon von den ukrainischen Nationalisten, den Nationalsozialisten, später von der ukrainischen Diaspora in den USA, dann wieder während des Maidan-Putsches und nun vom Bundestag instrumentalisiert. Wie man darüber aktuell in den russischen Medien schreibt kann ich mir vorstellen, weder der Bundestag, noch ein führender deutscher Politiker hat sich bisher hat sich bisher für die 27 Millionen ermordeten Sowjetbürger in Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion entschuldigt, geschweige denn von einem Genozid gesprochen (siehe Generalplan Ost, siehe Kommissar-Befehl, usw)

        Für die OUN waren die Juden am „Holodomor“ an führender Position beteiligt und somit rechtfertigen sie quasi ihre Beteiligung am Holocaust, wie der Bundestag mit der Resolution den Holocaust relativiert.

        Es gab keinen Plan, dass die Ukrainer vom Erdboden verschwinden sollten, es verhungerten wie beschrieben viele andere Ethnien in der Sowjetunion.

        Die Verbrechen Stalins sind unbestritten, aber jede Gegenüberstellung von NS und Stalinismus lehne ich ab, weil nicht von dir aber an anderer Stelle die NS-Verbrechen mit dem Stalinismus gerechtfertigt werden und wie gesagt der „Holodomor“ ist dann noch ein ganz spezieller Fall.

        Besten Gruß

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    • 4. Dezember 2022 20:28

      Ich kann die Kritik durchaus wertschätzen, verweise sie aber auf die Meinung, die von einem anderen Kommentar hier geäußert wurde:

      „Oh bitte. Die große Hungerkatastrophe war kein Genozid. Der Georgier Stalin hat sicher viele Verbrechen begangen aber weder eine Massentötung speziell an Ukrainern noch an sonstwem. “

      Anders gesagt: Sie werfen mir implizit Verharmlosung vor, aber die Verharmlosung der stalinistischen Politik akzeptieren sie anscheinend. Ich kann da kein besseres Argument erkennen. Ich verharmlose nicht den Holocaust, entlaste die deutsche Gelehrtenschaft und ich verschiebe auch nicht die Schuld von Mengele auf Eichmann. (Ein sehr merkwürdiges Argument übrigens.) Ich habe nirgendwo so starke Urteile, wie sie da insinuieren. Adorno und Horkheimer, ebenso wie Baumann legen die Betonung auf die technischen Machbarkeitsphantasien, die durch das Technologieparadigma entfesselt werden. Und das ist letztlich das Argument, dass es um die anonymisierten Prozesse Fabrik artiger Massenvernichtung geht.
      Warum sie das stört, weiß ich nicht, aber es ist ein Argument, das in der „Dialektik der Aufklärung“ vorkommt.

      Was sie letztlich mit ihrer Idee von Einzigartigkeit bekommen, ist, dass es ein Problem wird, das NS-Regime und den Stalinismus gegenüberzustellen, weil sie zwar die Mitverantwortung der deutschen Gelehrtenschaft für die Nazis erkennen, aber nicht die Rolle der linken Intellektuellen für den Stalinismus.
      Intellektuelle und Gelehrtenschaft sind für jedes Regime die Träger ihrer ideologischen Hegemonie. Die Massenvernichtung war das Ziel beider Regime, gerade deswegen, weil es auf stalinistischer Seite nicht um ein einzelnes Volk ging, das ausgelöscht werden sollte, sondern um die Vernichtung des Widerstands gegen seine Herrschaft. Wenn sie da einen qualitativen Unterschied für die Opfer erkennen wollen, bitte sehr, aber ich halte das für schwer argumentierbar. Wenn sie das Problem des Nationalsozialismus darin sehen, dass er deutsch war, ist das schon in Ordnung. Aber ich bin kein Deutscher und ihre innerdeutschen Erbschaftsstreitigkeiten interessieren mich ganz einfach nicht.
      Ich möchte mich nicht auf eine Diskussion einlassen, ob ich die Einzigartigkeit des Holocausts nach demselben Schema wie sie bewerten muss. Für mich besteht die Einzigartigkeit des Holocaust darin, dass er nicht völlig erklärbar ist, und wir beide und alle anderen mit unseren Rationalisierungen scheitern müssen. Niemand von uns hat ein Erklärungsmonopol darauf, auch sie nicht.

      Wenn sie sich die Mühe machen, werden sie über den Stalinismus jedoch zu einem ähnlichen Urteil kommen. Auch sie können nicht grundlegend erklären, warum dieses Regime so grausam und vernichtungsintensiv gewesen ist, also versuchen sie es nicht SO grausam und vernichtungsintensiv zu reden, weil anders als bei den Nazis die Logik, dass zum Aufbau des Sozialismus Millionen in GULags totgearbeitet werden müssen, aus irgendeinem Grund nicht ganz so unnachvollziehbar ist.
      Das, was sie darum produzieren, sind Entlastungsargumente für eine menschenfeindliche Ideologie, der sie nicht ganz die Absage erteilen wollen. Wir müssen alle durch unsere K-Gruppen Nostalgie hindurchgehen, um sie hinter uns zu lassen.
      Die Entlastungsargumente für den Stalinismus sind letztlich, dass die Absicht nicht dieselbe gewesen ist, weil die ideologische Prämisse offenbar einen Einfluss darauf hat, wie der Mord bewertet wird.

      Mir kommt das nicht so durchdacht vor.

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  11. ludowiggo permalink
    10. Dezember 2022 09:57

    Das Wort von Annalena Baerbock vom „Bruch der Zivilisation“durch Russlands Krieg gegen die Ukraine geht genau in die selbe Richtung. Das Wort vom Genozid wird wie der Begriff „Zivilisationsbruch“ inflationiert. Mit voller Absicht wie ich meine.

    „Der Begriff des Zivilisationsbruchs ist von dem Historiker Dan Diner eingeführt worden und stellt den einzigartigen Völkermord des Nazi-Regimes an den europäischen Juden in eine globalgeschichtliche Perspektive. Wer in anderem Zusammenhang von einem „Bruch der Zivilisation“ spricht, hebt diesen also auf eine Ebene mit dem Holocaust – und inflationiert letztlich die Erinnerung daran. Wenn man das, was 2022 in der Ukraine geschieht, einen Zivilisationsbruch nennt, dann macht das Reden vom Zivilisationsbruch keinen Sinn mehr, weil es schon vor 1939 und auch nach 1945 unzählige Angriffskriege wie diesen gab.“

    https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/knauss-kontert/bruch-der-zivilisation-baerbock-verhebt-sich-an-ihren-worten/

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  12. 22. Dezember 2022 17:10

    Wie sich die Zeiten doch nicht ändern (Vol. 345)

    Im Tschetschenienkrieg vor über 20 Jahren kämpfte Russland gegen tschetschenische Islamisten. Tschetschenien sollte nach dem Willen der dortigen Gotteskrieger ein islamischer Gottesstaat werden. 1999 marschierte Russland erneut in Tschetschenien ein und die westlichen Medien berichteten darüber wie westlichen Medien so gut wie immer über Russland und so gut wie immer über den Islamismus berichten.

    In der Konkret Kolumne 7/2000 von Hermann L. Gremliza – „Denker am Abzug“ wird die „Qualitäts-Berichterstattung“ des ZDF unter die Lupe genommen (nachdem ein Offener Brief von André Glucksmann „gewürdigt“ wurde) :

    „… Es scheint, als wäre der Antikommunismus auch nur eine Form einer viel älteren (und nun wieder jungen) Großmachtpolitik gegen Russland gewesen. Weshalb die Osteuropainstitute und Osteuroparedaktionen weitermachen wie seit fünfzig, seit hundert Jahren, und die Intellektuellen auch. Die Verhaftung eines der Moskauer Wirtschaftskriminellen wird mit denselben Schlagzeilen (»Spiegel«: »Anschlag auf die Meinungsfreiheit«, »Rückfall in alte Zeiten«) beantwortet wie vordem die Schikanierung des Schriftstellers Solschenizyn, der, wenn die Freunde im Westen, die ihn einst das Gewissen Russlands nannten, ihn nun, weil er das vom Kommunismus befreite Vaterland gegen die islamischen Terrrorbanden in Schutz nimmt, einen bornierten Nationalisten nennen, nicht weiß, wie ihm geschieht.

    Wladimir Putin weiß das, und so hat er das seltene Vergnügen bereitet, einmal, ein einziges Mal, einem Adressaten der Glücksmänner, einem Folterer der Körper und Gegner solcher Meinungsfreiheit zusehen zu dürfen, wie er zwei Heroen dieses Geschäfts, den beiden Ehrentschetschenen des ZDF, Roth und Sager, das Lockenköpfchen bzw. die Glatze gewaschen hat. Auf Sagers ehrenkäsigen Einwand: »Wir fühlen uns nicht als Propagandisten, sondern wir erzählen, was wir erlebt haben« beantwortete Putin alles in einen Absatz, was Europas vereinigten Unterschriftstellern zu sagen war:

    „Weder Sie noch Ihre Kollegen machen Propaganda? Sie behaupten, darüber zu berichten, was Sie sehen? Über das Gesehene kann unterschiedlich berichtet werden. Einer der nächsten Mitstreiter des Mannes, der sich Präsident von Tschetschenien nennt, hat zum Beispiel vor kurzem im Fernsehen öffentlich zur Ausrottung der jüdischen Bevölkerung aufgefordert. Haben Sie das gezeigt? Nein. Das hätten Sie aber tun sollen. So etwas muss man zeigen. Die Bevölkerung Westeuropas muss wissen, wen wir in Tschetschenien bekämpfen.“

    Den beiden Propagandisten, gewohnt, auf einen jener artikulationsschwachen Tölpel oder vorauseilenden Arschkriecher zu treffen, an denen die Moskauer Nomenklatur vor und nach der Niederlage des Proletariats so überreich war und ist, brachten kein Wort heraus, und wäre ein Interview mit dem Präsidenten Russlands keine Staatsaffäre, deren Behandlung das Protokoll regelt, hätten sie die Aufzeichnung, ungesendet wie vieles andere, im Papierkorb verschwinden lassen. So blieb ihnen nichts als ein schneller Umschnitt auf eine diplomatische Schlussfrage und die Hoffnung, dass die Blamage sich schnell versende. Es hat dann auch, auf die Kollegen ist da Verlass, keiner Aufhebens gemacht. …

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