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11. September – Der globale Mob

Nehmen wir an, dem Fragesteller, der wissen möchte, ob und inwiefern es sich bei dem Massaker vom 11. September um einen antisemitisch motivierten Anschlag gehandelt habe, sei an einer Antwort gelegen – und nicht an Abwehr der zu erwartenden Antwort aus Sympathie mit den Selbstmordattentätern. Deren Motive werden in der den Gegenschlag antizipierenden Antikriegsbewegung längst ausgeblendet oder schöngeredet. Eine kurze Version der Antwort könnte lauten: In den Augen der Mörder waren ihre Opfer Juden und Zionisten, schuldig dadurch, daß sie sich im Zentrum des Bösen aufhielten, wo die Ungerechtigkeit gegen die Völker organisiert wird. Die Ungläubigen, die den Mammon anbeten, sind dem Antisemiten Juden, gleichgültig, ob sie real welche sind oder nicht (Beispiel: Horst Mahler). In der Ausweitung des Wahns von den realen auf die eingebildeten Juden liegt der Erfolg der Mörder von New York und Washington. Jene, die das World Trade Center für eine Manifestation der »ungerechten Weltordnung« halten, sind nicht weit von denen entfernt, die die Angestellten dort für Juden und Zionisten (beziehungsweise ihre Lakaien) hielten.

Eine Verurteilung des Massakers ohne jenes »aber«, mit dem die ehrenhafte Motivation der Gotteskrieger und/oder die Mitverantwortung der Opfer erklärt wird, kommt ihnen nicht über die Lippen, weil auch sie in den USA und den angegriffenen Gebäuden tatsächlich Symbole sehen, die angegriffen zu werden verdienten. Zugleich ist dieses Einverständnis der Beweis dafür, wie wenig das ideologische Weltbild der islamischen Klerikalfaschisten einem anderen kulturellen Hintergrund entspringt. Ebenso wie es auf die Mitverantwortung derer verweist, die noch anläßlich von Genua zu einer »weltweiten Intifada gegen die Globalisierung« aufriefen, die auf dem NGO-Forum bei der sogenannten »Weltkonferenz gegen Rassismus, Rassendiskriminierung, Fremdenfeindlichkeit und verwandte Intoleranz« in Durban dem Staat Israel das Existenzrecht aberkannten und die sich nach dem 11. September nicht scheuten, den islamistischen Massenmord in den USA als verzweifelten Protest gegen den weltweiten Kapitalismus zu deuten. Das Massaker vom 11. September war der Angriff eines globalisierten, antisemitischen Mobs, ermutigt von dem in Durban geschlossenen Bündnis mit der europäischen Elite.

Als die Rote Armee noch in Afghanistan stand, war denjenigen Linken, die nicht schon damals ihr Bewußtsein der Gemeinschaftssehnsucht geopfert hatten, klar, daß es sich bei den vom Westen gehätschelten »Freiheitskämpfern« um islamische Klerikalfaschisten handelte, zu deren Bezwingung die Sowjetunion by any means necessary befugt war. Ebenso wie man es nur begrüßen konnte, als Vietnam den Massenmord in Kambodscha beendete. Schon aus dem Nazi-Faschismus ist die Diskussion bekannt zwischen jenen, die sich einredeten, das Nazi-Regime sei von innen zu stürzen, und jenen, die meinten, Nazi-Deutschland müsse von außen zerschlagen werden. Voraussetzung für all dies aber war die Existenz der Sowjetunion.
Die Sowjetunion gibt es heute nicht mehr, aber es gibt das Taliban-Regime in Afghanistan, es gibt im Islamismus eine den Erfordernissen der »Globalisierung« entsprechende faschistische Ideologie, die in vielen Staaten an Boden gewinnt. Schon aber wird Afghanistan (zum Beispiel in der »Jungen Welt«) zu den Staaten gerechnet, die dem Weltmarktdiktat widerstehen. Dabei leisten die Taliban dem Weltmarkt keinen Widerstand, im Gegenteil, sie haben die afghanische Bevölkerung seinem anarchistischen Diktat schutzlos unterworfen, indem sie den Staat zerstörten und seine Staatsbürger – vor allem: seine Staatsbürgerinnen – zu staatenlosen Flüchtlingen auf dem eigenen Territorium machten. Sie profitieren als Bande von dieser Anarchie wie andernorts die UCK. Sie gehören zur Avantgarde der Zerschlagung der Staaten des Südens (und damit jedes potentiellen Fortschritts), nicht zu deren Verteidigern. Ihre Strategie ist einfach: Profit durch Destabilisierung (und Rauschgifthandel).

Weil sich die aktuelle Ausgabe der Antikriegsbewegung im vorweggenommenen Protest gegen einen Krieg den gleichen Hauptfeind wie die Attentäter, nämlich die USA, ausgesucht hat, wird sie die absehbare Konsequenz ebenso freuen wie den Bundesaußenminister: das Appeasement mit dem islamischen Klerikalfaschismus (von Saudi-Arabien bis Afghanistan) auf Kosten Israels. Dafür spricht die im Interesse der arabischen Staaten von den USA betriebene Kaltstellung Israels, um die »Koalition gegen den Terrorismus« auch mit jenen zustande zu bekommen, die den Terror gegen Israel unterstützen. Das Kriegsgebrüll von Bush und Co. kann nicht übertönen, daß man auf dem besten Wege ist einzuknicken, das heißt, Israel preiszugeben. Sehr schnell könnte so der noch vor Wochen wenig realistisch scheinende deutsch-europäische Traum von einem Nato-Protektorat Israel Wirklichkeit werden. Während die Antikriegsbewegung an der Heimatfront ihr übriges tun wird, die Moral gegen jede Zumutung des Gedankens tapfer zu verteidigen.

von Tjark Kunstreich  -Ganz, ganz viel Politik- Der globale Mob  (Konkret 11/2001, S. 41  )

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2 Kommentare leave one →
  1. 17. Februar 2012 12:49

    In derselben Ausgabe schrieb Günther Jacob zum 11. September in Konkret (11/2001):

    (..) Antiimperialismus in Namen Gottes

    In der den Holocaust relativierenden Variante nahm der »antiimperialistische Kampf« synchron zum Zerfallsprozeß der Neuen Linken und der weiteren Erosion des Realsozialismus mehr und mehr wahnhafte Züge an. Die Agitation gegen »Zionismus und US-Imperialismus«, zunächst mitgetragen vor allem von deutschen und japanischen Linken, wurde nach deren endgültiger Marginalisierung schließlich zur Sache von Islamisten und Neonazis. Ehemalige Linke in den arabischen Ländern, in Europa und natürlich in Deutschland waren und sind daran direkt beteiligt. Zu den bekanntesten deutschen Figuren gehört der NPD-Anwalt Horst Mahler, der während seiner RAF-Jahre in palästinensischen Lagern eine Ausbildung im »bewaffneten Kampf« erhalten hatte. Daß es sich bei der US-Regierung um ein »Zionist Occupation Government« handelt und US-Imperialismus und »jüdisches Finanzkapital« zusammengehören, ist heute für islamistische und rechtsradikale Antiimperialisten gleichermaßen eine Selbstverständlichkeit.

    Die politischen (Camp David), militärischen (Pentagon) und ökonomisch-kulturellen (World Trade Center) Zielobjekte der Anschläge vom 11. September belegen, daß die Attentäter die USA umfassend treffen wollten. Die Zahl der Opfer und das Ausmaß der Zerstörung weisen aber darauf hin, daß das World Trade Center und damit New York ihr Hauptziel war. Auch von vielen US-Amerikanern mit Mißtrauen beobachtet, stellt New York in der symbolischen Ordnung der westlichen Kultur eine eigenständige Größe dar, die mit Urbanismus, Kommerz und Populärkultur identifiziert wird und weniger mit der militärischen Größe Amerikas. Vor allem aber ist New York die Stadt, in der die meisten Juden außerhalb Israels leben. Für das islamistische Ziel, weltweit »alle Amerikaner und Juden« anzugreifen, stellt das »multikulturelle« New York daher ein ideales Angriffsobjekt dar. Diese Motive des »antizionistischen Antiimperialismus« und seines Anschlags auf das World Trade Center sind so unübersehbar, daß es schon auffällt, wie wenig in Deutschland und wie wenig in Flugblättern der deutschen Linken davon die Rede ist – und das, obwohl die Attentäter als ihren Vorbereitungsraum nicht zufällig Deutschland gewählt hatten. (..)

    In derselben Ausgabe schrieb Matthias Küntzel zum 11. September in Konkret (11/2001):
    Das Fanal – Djihadismus und Nazismus funktionieren ähnlich: Ein wahnhafter Reflex setzt Juden und kapitalistische Moderne gleich

    Ich bin seit über 30 Jahren Konkret-Leser (im Abo)! Tjark Kunstreich,Günther Jacob und Matthias Küntzel sind drei Gründe von vielen.

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  2. 19. Mai 2012 18:20

    „Weil sich die aktuelle Ausgabe der Antikriegsbewegung im vorweggenommenen Protest gegen einen Krieg den gleichen Hauptfeind wie die Attentäter, nämlich die USA, ausgesucht hat, wird sie die absehbare Konsequenz ebenso freuen wie den Bundesaußenminister: das Appeasement mit dem islamischen Klerikalfaschismus (von Saudi-Arabien bis Afghanistan) auf Kosten Israels. Dafür spricht die im Interesse der arabischen Staaten von den USA betriebene Kaltstellung Israels, um die »Koalition gegen den Terrorismus« auch mit jenen zustande zu bekommen, die den Terror gegen Israel unterstützen. “

    Irgendwie kommt mir dat bekannt vor.
    Euer Erwin.

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