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Margarete Mitscherlich und die „Unfähigkeit zu trauern“

Margarete Mitscherlich schrieb gemeinsam mit ihrem Mann das bahnbrechende Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“ in dem die Abwehrhaltung der Deutschen gegenüber Schuld und Mitschuld an den politischen Verbrechen des Nationalsozialismus untersucht wurde. 1987 beschäftigte sie sich wieder mit dem Thema in ihrem Buch: „Erinnerungsarbeit- Zur Psychoanalyse der Unfähigkeit zu trauern“. Wir müssten heute erkennen, konstatiert sie in dem Buch, »dass die junge Generation, die sich unschuldig fühlt, nicht die Bearbeitung unserer Vergangenheit angetreten, sondern deren Verleugnung und Verdrängung übernommen hat.« Der bundesrepublikanischen Gesellschaft bescheinigt sie Fremdenfeindlichkeit, Polizeistaatshysterie, Antikommunismus, ein Rechtswesen als »trauriges Beispiel für den bruch- und nahtlosen Übergang von einer rassistischen Herrenmenschen-Diktatur zu einer scheinbaren parlamentarischen Demokratie«, antisowjetische Verfolgungsphantasien, in denen sich eigene Aggressionsbereitschaft ausdrückt und einen latenten Antisemitismus, der zunehmend weniger Anlass habe, sich nur vorsichtig zu äußern. Am Ende des Kapitels  Israel und Deutsche schreibt Mitscherlich: „Wenn Israel im Kampf um seine Existenz, in seinen kriegerischen Auseinandersetzungen Schuld auf sich lädt, werden junge Deutsche dadurch unschuldiger? Eine merkwürdig unlogische und geschichtslose Art des Denkens, aber sie existiert. Vergessen wird dabei nur zu gern — weil es den Mechanismus der Schuldverteilung und der Schuldvergleiche stört —, daß seit Existenz des Staates Israel die arabischen Nachbarstaaten drohten, die Juden ins Meer zu werfen und den Staat Israel zu zerstören. Und das waren, wie wir seit vierzig Jahren sehen konnten, keine leeren Drohungen. Auch in der Bundesrepublik fühlen sich heute Juden existentiell bedroht, weil es in der Tat wieder einen Antisemitismus von rechts wie auch von links gibt“

Eike Geisel kritisierte andererseits Margarete Mitscherlichs Gruppentherapie zu Recht in Konkret 3/92: “Noch vor einiger Zeit hatten Museumspädagogen gemeint, das Riechorgan sei für eine Versinnlichung der deutschen Geschichte entscheidend, und hatten für das geplante Deutsche Historische Museum den Nachbau einer Vergasungsanlage mit echtem Zyklon-B-Geruch vorgeschlagen. Anstelle dieses eingeschränkten Schnupperstudiums setzen die Pädagogen der »Jugendtheaterwerkstatt« auf ganzheitliche »spielerische Vor- und Nachbereitung des gemeinsamen Ausstellungsbesuchs«, auf »Warming up« und »körperliche Spiele«. Und sollte sich beim symbolischen Aufwärmen eines Juden oder beim pädagogisch kontrollierten Fausthieb an der Rampe einer der Schüler zu sehr in die Nazis einfühlen, dann hat er sich damit für eine Gruppentherapie bei Margarete Mitscherlich qualifiziert. Dort können, wie die Psychologin neulich in Berlin vorschlug, Jugendliche den »Hitler in uns« anerkennen, indem sie um den toten Führer trauern. Diese Fähigkeit zu trauern sei die Voraussetzung für Toleranz und Völkerverständigung. Derart abstrus hat noch niemand in Deutschland zur Bildung einer kriminellen Vereinigung aufgefordert.“

Wie falsch Margarete Mitscherlich Thesen bezüglich der friedfertigen Natur „der Frau“ lag, hat Ljiljana Radonic in ihrem Werk „Die friedfertige Antisemitin“ aufgezeigt. Der antisemitische Wahn aber kennt kein Geschlecht, wie Radonic in ihrem letzten Kapitel Geschlechterverhältnis und Antisemitismus nachweist. Nachzulesen auch in „Die “Große Göttin”, feministischer Antisemitismus und Kulturrelativismus“

Margarete Mitscherlich starb am 12. Juni 2012. Margarete Mitscherlich eine ambivalente Frau, die trotz einiger befremdlicher Ansichten etwas zu sagen hatte.

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  1. 16. Juni 2012 14:17

    Detlef zum Winkel schrieb in Konkret 9/87 über Margarete Mitscherlichs Aufsätze zur »Erinnerungsarbeit« : „Die Nachkommen der Nazis sind nicht »weiß«, sie beginnen ihr Leben nicht an einem existentiellen Nullpunkt, sondern sind auf vielfache Weise – individuell wie kollektiv – von der Vergangenheit geprägt. Je weniger man sich das eingestehe, desto stärker sei man diesen Kräften ausgeliefert.“

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