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Rudolf Augstein – Ein Leben für Deutschland

Rudolf Augstein»Sagen, was ist.«  überschrieb Augstein seine Kolumne elf Tage nach dem 9. November 1989. Es war die Zeit da Deutsche keine Parteien mehr kannten sondern nur noch Deutsche.Es war die Zeit als sich die Bundestagsabgeordneten der SPD wegen der Maueröffnung am 9. November im Bundestag spontan mit den Abgeordneten der CDU, CSU und FDP erhoben, um die deutsche Nationalhymne zu singen. Zuletzt gab es ein vergleichbares Verhalten von SPD-Abgeordneten am 17. Mai 1933, als die sozialdemokratischen Abgeordneten sich anlässlich der „Friedensrede“ Adolf Hitlers ebenfalls zum Singen der Nationalhymne erhoben hatten, gemeinsam mit den Nazis. Otto Köhler schreibt in seinem Buch „Rudolf Augstein – Ein Leben für Deutschland“, über diesen Spiegel-Artikel  im Kapitel „Wir sind ein Volk“ – Rudolf Augstein will wiedervereinigt werden:

„Erstens. Die Alliierten müssten endlich aufhören »alle nur denkbaren Machtmittel« einzusetzen, um »eine Neu-Vereinigung zu verhindern«.

Wenn sie das aber weiterhin tun, dann passiert was, Rudolf Augstein war — das hatte er schnell erkannt — der Sprecher eines unbeugsamen Volkswillens. »Die letzten Wochen haben gezeigt, wie spontan«, so drohte er, »Volkes Wille sein kann. Da wird man wenig Vorsorge treffen können.«

Zweitens. Die anderen haben seit 1945 den Deutschen ihre Souveränität geraubt, es gibt nun keinen Grund mehr, »den jetzigen Deutschen etwas vorzuenthalten, was alle anderen, namentlich die vier Alliierten, als selbstverständlich in Anspruch nehmen«. Die Deutschen wollen nur den ihnen zustehenden Platz an der Sonne, die Schande von Versailles muss endlich getilgt werden — so sagte es Augstein nicht, er formulierte es bescheiden: »So nationalistisch wie die vier Alliierten und Japan und sogar Italien sind wir noch« — noch! — »immer nicht und werden es auch als« — das allerdings ist Bedingung — »Euro-Wirtschaftsmacht nicht sein. Uns hat man den Chauvinismus ausgetrieben.« Das klingt etwas schwermütig, als hätte man ihm die Zunge gefesselt.

Drittens. Es hat sich ausgesiegt. Schluss mit der »naturgemäß unvernünftigen Linie der „Sieger“. Wo der Gallier Brennus sein Schwert hineinwarf, ist keine Waagschale mehr.«

Das muss man aus Augsteins seltsamem Altershistorizismus in eine verständliche Sprache übersetzen. Der Gallier Brennus, das sind ihm die Alliierten, die »Sieger« des Zweiten Weltkriegs (wie sie Augstein vorsichtig in Anführungszeichen gesetzt hat, denn allmählich sieht es ja doch so aus, als seien die Deutschen die Sieger). Der Gallier Brennus (ob es ihn wirklich gegeben hat, ist historisch umstritten, aber hier egal) hat nach der Überlieferung Rom, das ist hier Deutschland, überfallen, und nur die kapitolinischen Gänse haben verhindert, dass die Gallier auch noch das Herz von Rom, das Kapitol, besetzten. Als nun die Römer, also wir Deutschen, den Abzug des Brennus, also der Alliierten, mit Lösegeld erkaufen wollten, also mit Maastricht, dem Euro oder sonst einem Versailles, warfen die Alliierten, also Brennus, ihr Schwert in die Waagschale und brüllten »Vae victis« — Wehe den Besiegten, wie schon in Nürnberg.

Es ist Augsteins Meisterschaft, wie er mit elf Wörtern über den Gallier Brennus einen komplizierten geschichtlichen Vorgang auf einen einfachen und klaren Nenner bringt. Der Herausgeber des deutschen Nachrichtenmagazins hätte das alles von der unfehlbaren Spiegel-Dokumentation prüfen lassen sollen, die sicherlich auch zu dem Ergebnis gekommen wäre, dass es sich bei Augstein um eine der oben erwähnten kapitolinischen Gänse, mutmaßlich den kapitolinischen Ganter handelt, den Retter vor dem Verderben, das uns alle Welt unentwegt bereiten will.

Jedenfalls musste endlich einmal Schluss sein, wie Augstein so eindrucksvoll elf Tage nach der Maueröffnung unterstrich, mit der »ostentativen Underdog-Behandlung 45 Jahre nach dem Ende des Krieges«. Nein, so nicht weiter: »Die Rechnung, dass alle außer den Deutschen ihre Interessen wahrnehmen dürfen, wird nicht aufgehen.«

Was war in Augstein gefahren, was hatte ihn so tumb gemacht? Der Mann, der sich noch 1986 im Historikerstreit aufs schärfste mit Ernst Nolte auseinandergesetzt hatte, erklärte jetzt plötzlich:

»Der Ansatz Ernst Noltes, um den sich der sogenannte „Historikerstreit“ rankt, war ja philosophisch richtig, so überflüssig man dies Gerangel auch finden mag.«

Was ist jetzt — seit dem Mauerfall — an Noltes NS-Thesen »philosophisch richtig«? Augstein sagte es nicht. Stimmt es doch, dass Auschwitz ein Werk Stalins war? Ist es wahr, dass die Juden selber schuld sind, weil das Weltjudentum 1939 Deutschland den Krieg erklärt habe? Was meinte Augstein?

Zumindest dies, das sprach er aus, zwei Monate nach dem Fall der Mauer:

»Ob die beiden deutschen Staaten zusammenfinden (müssen), liegt nicht so sehr an den Alliierten und nicht so sehr an den Juden.«

Und verkündete:

»Die Stunde Null, von uns allen so sehnlichst herbeigefürchtet, sie ist da.«

Jetzt durfte sich wieder regen, was so lange unterdrückt war. Augstein weiß: Vom — er schreibt »vom«, nicht von — »internationalen Judentum«, wie es gerade Kohls Sprecher getan hatte, »sollte man nicht reden«. Nicht reden, aber nie vergessen? »Wie aber, wenn man den Begriff nur denkt, wäre das nicht schlimm genug?«

Nur vier Tage nach Öffnung der Mauer hatte Augstein Deutschland schon auf dem Platz an der Sonne gesehen, dank einer frisch eroberten Kolonie:»Die beiden deutschen Staaten, wie auch immer vereinigt, werden die stärkste Wirtschaftsmacht der EG sein. Sie werden sich nicht daran hindern lassen, ihren östlichen Landesteil mittels des verruchten, derzeit ja auch tatsächlich verkommenden Kapitalismus zu kolonisieren, solange dazu noch Zeit ist. Das würde schon mal fünf Jahre dauern.«

Er vergaß nicht — drohend?, ja: drohend — hinzuzufügen:

»Und wirtschaftliche Macht bedeutet immer auch politische Macht. Dies ist unsere politische Aufgabe jetzt. Tatsächlich gibt es auch heute noch, wie 1848, 15 bis 30 Millionen Deutsche zu viel auf der Welt.«

Alle Bevölkerungswissenschaftler schreien nach mehr Deutschen, weil die sonst aussterben und die Rentenzahlungen nicht mehr aufbringen. In dieser bisher so nationalen Wissenschaft ist man inzwischen sogar bereit, fremdes Blut ins deutsche reinzulassen, nur damit das nicht versiegt. Und da phantasierte Augstein von bis zu dreißig Millionen Deutschen, die zuviel auf der Welt seien? Ach, er brauchte mal wieder einen Feind. In derselben Nummer — das hier war eine Buchbesprechung — schrieb er noch eine Kolumne, und da waren es nun — so die Überschrift — »20 Millionen zuviel«. Was meinte er damit?

Das verriet er erst fünf Jahre später, 1995. Der alte Augstein fühlte sich immer noch von dem 1929 — da war Klein-Rudi gerade mal sechs — verstorbenen Georges Clemenceau bedroht und entdeckte auch den Erbfeind Frankreich wieder, der nach dem Waffenstillstand 1918 — kann man so etwas 1995 in nüchternem Zustand schreiben? — »auf die Vernichtung Deutschlands« ausgegangen sei. Augstein-Begründung: »Tatsächlich gab es in den Augen des „Tigers“ Clemenceau 20 Millionen Deutsche zuviel.«

Gottlob, Spiegel-Leser wissen mehr, mehr als die Spiegel-Dokumentation, oder dürfen sich, wenn der Leserbriefredakteur aufsässig genug ist, eher mal etwas gegen den Herausgeber herausnehmen, was der auch ohne Lesernachhilfe einfachen Nachschlagewerken wie dem Brockhaus von 1968 oder der Geschichte in Gestalten hätte entnehmen können. »Clemenceau hatte mit den „20 Millionen Deutschen zuviel“ nichts zu tun«, schrieb Dr. Heinrich Sprenger aus Bonn. Das Wort geht auf Generalleutnant Eduard Liebert zurück, der so etwas Ähnliches 1910 in einem Vortrag vor dem Alldeutschen Verband sagte, als Argument für dessen expansive Ziele. Clemenceau dagegen erklärte am 11. Oktober 1919 zum Vertrag von Versailles vor dem französischen Senat: »Es leben da immerhin 60 Millionen Menschen, mit denen wir auskommen müssen. Wir wollen ihre Freiheit achten, wir wollen aber auch die nötigen Vorsichtsmaßnahmen treffen, damit sie die unsrige achten.«

Den Nachfolgern des 1929 verstorbenen Clemenceau ist vorzuwerfen, dass sie die gegenüber den Deutschen nötigen Vorsichtsmaßnahmen nicht mehr ergriffen und so den Zweiten Weltkrieg mit ermöglicht haben.“

Quelle: Otto Köhler – Rudolf Augstein,  Ein Leben für Deutschland, 2002

 

siehe auch : Der Spiegel, Rudolf Augstein und die Nation

 

5 Kommentare leave one →
  1. 16. August 2012 15:59

    Rudolf Augstein war ein Nationalliberaler, der sich gerne mit den Großen der Politik umgab. Adenauer mochte er nicht, weil ihm der nicht national und konservativ genug war.

    Ein kurzes linkes Intermezzo gab es in den 1970er Jahren, mit einer Revolution einiger Redaktionsleiter, die darauf entlassen wurden. Infolge dieser Revolution verschenkte Augstein 50 Prozent des Spiegels an die Angestellten.

    Der Spiegel war und ist mit seiner Millionenauflage das führende Meinungsmagazin, sowie das nationalkonservative Sprachrohr in Deutschland. Witzig dabei ist, dass so mancher sozial-liberale Leser meint, der Spiegel wäre irgendwie links.

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    • 16. August 2012 18:49

      Drei Absätze – mein Gedanke!
      Chapeau!

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  2. 16. August 2012 16:46

    Im Spiegel 42/1990 beschwerte sich Rudolf Augstein lange vor Walser bitter über die „Auschwitz-Keule“:

    „Wir Europäer, zumal wir Deutschen, haben es uns längst abgewöhnt, den Israelis Ratschläge für die Lösung ihrer Probleme zu geben. Wir verstünden sowieso nicht, worum es eigentlich gehe, wurde argumentiert, und im übrigen seien Araber nun einmal Araber. Mit ihnen könne man nicht vernünftig reden, sie seien den Gesetzen der Vernunft nicht zugänglich.

    Das mag so sein. Aber es dürfen sich nun nicht dieselben Leute, die uns und denen, die nach uns kommen, die Erinnerung an die Rampe von Auschwitz für immer ins Gedächtnis brennen wollen – was nach aller menschlichen Erfahrung erfolglos bleiben muß -, den Palästinensern gegenüber als „Herrenmenschen“ aufführen.

    Ich habe längst gelernt, daß einer ein Antisemit ist, der die Politik des Staates Israel kritisiert, ich weiß es seit dem Sechstagekrieg im Jahre 1967. Doch lasse ich mich trotzdem nicht davon abbringen, daß der Tod eines jüdischen Kindes, einer jüdischen Frau, eines jüdischen Mannes nicht mehr ins Gewicht fällt als der Tod eines arabischen Kindes, einer arabischen Frau, eines arabischen Mannes.

    Der unheilvolle Zusammenhang zwischen der amerikanischen Politik (die auf die jüdische Wählerschaft im eigenen Land materiell und ideell angewiesen zu sein glaubt) und der Politik Israels ist nur zu offensichtlich. In Israel wird immer zionistisch und also nationalistisch gewählt. Das liefert zwar den kritischen Gesprächsstoff auf den Häppchen-Kongressen der Möchtegern-Politiker, aber nur hinter vorgehaltener Hand, damit es folgenlos bleibt. ….“

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  3. Der Bassist permalink
    16. August 2012 21:32

    Alle singen letztlich die Hymne. So ist es. Immer gewesen. Volk Deutschland. Und natürlich spiegelt Augstein, Rudolf es nur, scheinkritisch. –
    Deshalb macht der Boulevard ja auch heute noch die Aufregung darüber, daß Khedira, Özil, Schweinsteinger & Co. nicht singen. Warum auch; sie müssenwollen Fußballspielen und gewinnen. Wenn ich Löw an irgendetwas schätze, dann deswegen, daß er die Medien-Kritik für DFB-Kriterien jedenfalls sehr schön abgewehrt hat. Singen kann der Fußball in der Werbung; schon lange. Diese Schandtaten an der Musik sollten hiesig bekannt sein. Plus Fremdschämen.

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    • 17. August 2012 17:52

      „Wenn ich Löw an irgendetwas schätze, dann deswegen, daß er die Medien-Kritik für DFB-Kriterien jedenfalls sehr schön abgewehrt hat.“

      Volltreffer!

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