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Die Fusion: Wird der „israelkritische Freitag“ unter Jürgen Todenhöfer noch antizionistischer?

11. Dezember 2016

toauDer ehemalige Mudschahedin-Unterstützer Jürgen Todenhöfer wird voraussichtlich ab Januar 2017 der neue Herausgeber der antiisraelischen Wochenzeitung „Der Freitag.“ Der vom Simon Wiesental Center wegen seiner antisemitischen Aussagen 2010 „prämierte“ Jakob Augstein erhofft sich unter den 700.000 Facebook-Todenhöfer-Fans viele neue Leser für sein bisher eher auflagenschwaches Projekt. So wächst nun endlich zusammen was längst zusammengehört. In einem TAZ-Interview meinte der Antisemitismus-Experte Augstein: „Ich habe keinen Hinweis darauf, dass Todenhöfer Antisemit ist. Er lehnt die israelische Siedlungspolitik ab, das tue ich auch. Aber das ist doch noch nicht antisemitisch.“

Im „Freitag“ wird seit vielen Jahren einerseits in tausenden Artikeln und Kommentaren gegen den Judenstaat agitiert und andererseits wird der islamistische Terror gegen Israel und die westliche Welt, gegen die westliche Moderne verharmlost, tabuisiert, geleugnet oder gutgeheißen.

Die obligatorischen „Israelkritiker“ wie Mohssen Massarrat, Uri Avnery, Felicia Langer, Norman Paech, Ludwig Watzal, Avraham Burg, Susann Witt-Stahl, Moshe Zuckermann oder Martin Lejeune verbreiten im „Freitag“ seit Jahren ihre kruden Ansichten. Der Ressortchef Politik des „Freitags“ Lutz Herden verglich Israel mit dem Apartheitsstaat Südafrika, er zitierte eine Aussage der PLO, die Zionismus mit Rassismus gleichsetzt, er meinte, „Israel kann sich in seiner rücksichtslosen Kriegführung gegenüber der Zivilbevölkerung bestätigt fühlen“, er behauptete, dass die israelische Armee den Gaza-Streifen eingeäschert hat, nachdem sie ihn zuvor jahrelang blockiert und belagert hat“ und unter anderem schreibt er vom „Vernichtungsfeldzug gegen die palästinensische Bevölkerung“ im Gaza-Streifen. In den Artikeln des „Freitags“ der letzten Jahre war zum Beispiel von der „wohlgezielten Schlachtung von Klein- und Schulkindern“ durch die israelische Armee, vom „israelischen Apartheitsstaat“ vom „Zionismus und der viehischen Gewalttätigkeit seiner realen Vertreter“,  von der skurilen Daseinsberechtigung Israels“  zu lesen. Der Autor Matteo Fagotto bezeichnete den  mörderischen Terror der Hisbollah am 23.07.2012 als Kunst, er schrieb im „Freitag“: „Die Hisbollah feiert in einem Freiluftmuseum ihren Kampf gegen Israel in ästhetisierter Form. Auch sonst will die Organisation ihre politischen Ideen in Kultur verwandeln.“

Der Antikommunist, Islamistenversteher, Märchenonkel, Kritiker der westlichen Moderne, der Hasan al-Banna der deutschen Friedenssehnsucht,  Jürgen Todenhöfer unterstützte bereits 1980 die islamistischen Mudschahedin gegen die Sowjetunion, später die Taliban und noch später alle möglichen Islamisten und Despoten gegen die USA und den Westen. Während des Gazakrieges 2014 ließ sich Todenhöfer auf den Trümmern eines Hauses mit kurz zuvor gekauften Spielsachen fotografieren. Ähnlich wie Augstein sieht Todenhöfer die Israelis als ein „Herrenvolk“, die das „gedemütigte und entrechtete kleine Volk“ der Palästinenser „in einem großen Käfig“ halten, es in ein „Ghetto“ eingesperrt haben. Nach islamischen Terrorakten, die laut Todenhöfer nichts mit dem  Islam zu tun haben können,  beschwört dieser gerne die Sure 5:32 des Koran: „Wenn jemand einen unschuldigen Menschen tötet, so ist es, als habe er die gesamte Menschheit getötet.“ Den ganzen und den darauffolgenden Vers verschweigt Todenhöfer lieber, wie so viele „westliche“ Fans des Korans:

„Deshalb haben Wir den Kindern Israels verordnet, dass, wenn jemand einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen hätte, oder ohne dass ein Unheil im Lande geschehen wäre, es so sein soll, als hätte er die ganze Menschheit getötet; und wenn jemand einen Menschen das Leben hält, es so sein soll, als hätte er der ganzen Menschheit das Leben erhalten. Und unsere Gesandten kamen mit deutlichen Zeichen zu ihnen; dennoch, selbst danach beginnen viele von ihnen Ausschreitungen im Lande. Der Lohn derer, die gegen Allah und seinen Gesandten Krieg führen und Verderben im Lande zu erregen trachten, soll sein, dass sie getötet oder gekreuzigt werden und dass ihnen Hände und Füße wechselweise abgeschlagen werden oder dass sie aus dem Lande vertrieben werden. Das wird für sie eine Schmach in dieser Welt sein, und im Jenseits wird ihnen eine schwere Strafe zuteil.“

Mit dem neuen Dream-Team der Publizistik dürfte die Auflage des „Freitags“ in ungeahnte Höhen steigen. Neue spannende Interviews mit Islamisten und Antisemiten aller Couleur, vielleicht sogar in den Terror-Tunnels der Hamas, warten auf die entsprechende Leserschaft. Wird der „israelkritische Freitag“ unter Jürgen Todenhöfer also noch antisemitischer? Geht das überhaupt? Als der Artikelschreiber des Freitags, Fritz Teich im Jahr 2010 im „Freitag“ kommentierte: “Wenn ein Terrorist eine Bombe auf einen israelischen Bus schmeißt, wird er keine Unschuldigen treffen” hatte dies für ihn keine redaktionellen Konsequenzen, Fritz Teich schrieb noch jahrelang seine „israelkritischen Artikel“ für den „Freitag.“ Aber sind solcherlei Angriffe auf die Zivilisation überhaupt im negativen Sinne steigerbar?

In der Redaktion des „Freitags“ dürfte sich arbeitsrechtlich nur geringfügig etwas ändern. Für die weiblichen Redaktionsmitglieder wird eventuell die Kopftuchpflicht eingeführt und an Ramadan geht es vermutlich für alle ran an den Speck. Das wird dem ein oder anderen übergewichtigen  Redaktionsmitglied nicht unbedingt schaden. Ob für Xavier Naidoo und seine „Reichsbürger“ noch ein Plätzchen in der Redaktion des „Freitags“ frei werden wird, bleibt abzuwarten.

Jean Améry und die ideologische Verwahrlosung der Linken

5. Dezember 2016

jeanGeboren wurde Jean Améry, sein jüdischer Name war Chaim, als Hans Mayer am 31. Oktober 1912 im 4. Bezirk in Wien. Der jüdische Vater Paul Maier, der nie in einer Synagoge war, ist als Tiroler Kaiserjäger am 1.8.1917 gefallen und die katholische Mutter Valerie Maier in Wien am 1.7.1939 gestorben.

Nach ersten Veröffentlichungen lebt er als Bohemien und Gelegenheitsarbeiter 1929 in Berlin. 1930 beginnt er, wieder zurück in Wien, eine Buchhandelslehre und literarische Studien und tritt 1933 aus der jüdischen Gemeinde aus. 1934 schreibt Améry den Roman „Die Schiffsbrüchigen“, der Thomas Mann und Robert Musil zur Begutachtung vorgelegt wird. „Ich war 19 Jahre alt, als ich von der Existenz einer jüdischen Sprache vernahm, wiewohl ich andererseits genau wusste, dass meine religiös und ethnisch vielfach gemischte Familie den Nachbarn als eine jüdische galt“, schreibt Améry später in Jenseits von Schuld und Sühne. In „Weiterleben“ schreibt Améry: „Ich gehörte niemals der jüdischen Glaubensgemeinschaft an, wurde vielmehr katholisch erzogen.“ Die „Nürnberger Gesetze“ machten den intellektuellen Agnostiker zum Juden. Nachdem Améry wieder der  jüdischen Gemeinde beitrat, heiratet er 1937 die Jüdin Regine Berger-Baumgarten, mit der er im Dezember 1938 über Köln nach Antwerpen flieht, wo er sich dem Belgischen Widerstand gegen die Nazis anschließt. Am 23. Juli 1943 wird Améry in Brüssel bei der Verteilung von Flugzetteln verhaftet. In „Jenseits von Schuld und Sühne“ schreibt Améry: „Auf einem der Flugblätter, die ich im Augenblick meiner Festnahme bei mir trug, stand ebenso bündig wie propagandistisch ungeschickt: ‘Tod den SS-Banditen und Gestapohenkern‘.“ Im Auffanglager Breendonk bei Antwerpen wird Améry gefoltert: “Was mir in Breendonk zugefügt wurde, war bei weitem nicht die schlimmste Form der Folter. (..) Dass man aber den lebenden Menschen so sehr verfleischlichen und damit im Leben schon halb und halb zum Raub des Todes machen kann, dies hat er erst durch die Tortur erfahren. Wer der Folter erlag kann nicht mehr heimisch werden in der Welt. Die Schmach der Vernichtung lässt sich nicht austilgen. Das zum Teil schon mit dem ersten Schlag, in vollem Umfang aber schließlich in der Tortur eingestürzte Weltvertrauen wird nicht wiedergewonnen.“

Im  Januar 1944 kommt Améry nach Auschwitz. In der Hierarchie der Gefangenen kamen erst die Schwerverbrecher, dann die Kommunisten  und an absolut letzter Stelle waren die Juden.  Kommunisten und religiöse Gefangene konnten, laut Améry,  Folter und Grausamkeit „besser“ ertragen als er, der Atheist. Sie glaubten an „etwas“,  dass ihnen Kraft gab. Den Glauben an „Gott“ oder die „Gewissheit“, dass der Kommunismus auch nach den KZs noch bestehen wird und die Kameraden einen  rächen werden, hatte Améry  nicht.  Améry  wusste,  dass seine Mithäftlinge einer Illusion erlagen, aber zumindest einer sehr beruhigenden und hilfreichen. Er überlebt als Schreiber in einem Werk der I. G. Farben. Im Februar 1945 wurde er in das unterirdische Arbeitslager Mittelbau-Dora nach Thüringen verlegt.  Im April kam Améry nach Bergen-Belsen, wo er zwei Wochen später befreit wurde. Jean Améry war 642 Tage in deutschen Lagern, seine Auschwitznummer 172 364, schrieb er einst, lese sich kürzer als der Pentateuch oder der Talmud und gebe zudem gründlicher als diese Auskunft über eine jüdische Existenz. Mit 45 Kilogramm Lebendgewicht kehrt er am 29. April 1945 nach Brüssel zurück, wo er erfährt dass seine geliebte Frau, die sich in Brüssel versteckt gehalten hat, am 24.4.1944 an Herzversagen im Alter von 28 Jahren gestorben ist.

Améry bleibt in Brüssel und schreibt für verschiedene Schweizer Zeitungen Artikel über Politik und Kultur, die er ab 1955 unter den Namen Jean Améry veröffentlicht. Im selben Jahr heiratet er Maria Leitner. Neben Tausenden von Zeitungsartikeln und Radio-Essays veröffentlicht er zahlreiche Bücher. „Jenseits von Schuld und Sühne“, „Unmeisterliche Wanderjahre“ und „Örtlichkeiten“ gehören zu seinen autobiografischen Schriften. Mit seinem Werk „Jenseits von Schuld und Sühne“ , dass er 1966 veröffentlichte, wurde Jean Améry weltbekannt und so hat der humanistische Linke zahlreiche Auftritte im bundesdeutschen Fernsehen. Jean-Paul Sartres atheistischem Existentialismus mit seinem Freiheitsbegehren fühlte sich Améry wie seinem Widerspruch gegen den antiisraelischen Antisemitismus verpflichtet.

Améry Essay „Der ehrbare Antisemitismus“ von 1969 hat heute noch anklagende Gültigkeit für die antizionistische Linke. „Israelkritkern“  wie Jakob Augstein oder Inge Höger schrieb Améry ins Stammbuch: „Und von Blüher – aber auch von Streicher, denn allerwegen ebnet der Antisemitismus die intellektuellen Höhenunterschiede ein – könnte stammen, was der Unterrichtsminister des progressiven Staates Syrien an den Generaldirektor der UNESCO schrieb: “Der Haß, den wir unseren Kindern einprägen, ist ein heiliger Hass.” Es wäre das alles kaum der Aufnotierung wert, und der närrische Blüher könnte im Frieden des Vergessens schlafen, hätte nicht die intellektuelle Linke Westeuropas (einschließlich übrigens einiger vom Selbsthass verstümmelter Juden wie Maxim Rodinson) sich dieses Vokabulars bemächtigt und das vom Wortschatz vermittelte Normensystem angenommen. Wenn aus dem geschichtlichen Verhängnis der Juden- beziehungsweise Antisemitenfrage, zu dem durchaus auch die Stiftung des nun einmal bestehenden Staates Israel gehören mag, wiederum die Idee einer jüdischen Schuld konstruiert wird, dann trägt hierfür die Verantwortung eine Linke, die sich selber vergißt. “Der Antizionismus ist ein von Grund auf reaktionäres Phänomen, das von den revolutionären progressistischen antikolonialistischen Phrasen über Israel verschleiert wird”, sagte neulich Robert Misrahi, ein französischer Philosoph, der, gleich dem vorhin zitierten Claude Lanzmann, zur weiteren Sartre-Familie gehört. Der Augenblick einer Revision und neuen geistigen Selbstbestreitung der Linken ist gekommen; denn sie ist es, die dem Antisemitismus eine ehrlose dialektische Ehrbarkeit zurückgibt. Die Allianz des antisemitischen Spießer-Stammtisches mit den Barrikaden ist wider die Natur, Sünde wider den Geist, um in der vom Thema erzwungenen Terminologie zu bleiben. Leute wie der polnische General Moczar können sich die Umfälschung des kruden Antisemitismus zum aktuellen Anti-Israelismus gestatten: Die Linke muss redlicher sein. Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus. Wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen “Überlegungen zur Judenfrage”: “Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.”

Améry kannte die Abhängigkeiten und Gesetzmäßigkeiten des Kalten Krieges: „Die Linke im weiteren und weitesten Sinne aber, und ganz besonders die protestierende äußerste Linke, der ich mich auf weiten Strecken verbunden weiß, hat diese Großmacht-Ausflucht nicht. Sie ist, nach dem Gesetz, nach dem sie angetreten, zur Einsicht verpflichtet; zur Einsicht in die tragische Schwäche des jüdischen Staates und jedes einzelnen Juden in der Diaspora, zur Einsicht in das, was hinter den Kulissen eines jüdisch-bürgerlichen Mittelstandes, hinter dem Mythos des Geld- und Gold-Juden (vom Jud Süß bis zu den kontemporären Rothschilds und ein paar jüdischen Hollywood-Größen) sich verbirgt.“ (Der ehrbare Antisemitismus) Der KZ-Überlebende wusste welche Blüten der Antikommunismus seiner Zeit trieb: „Wie in den hohen Tagen der Dulles-Ära gab man sich dem kalkulierten Rausch amalgamierender  Ächtung hin: die Sowjetunion, Mao, Castro, Dutschke, Cohn Bendit, das war, das ist für die Rechte ein einziger Komplex, der „Kommunismus“ eben, dessen düsteres Symbol der Panzer der UdSSR auf dem Wenzelsplatz ist und dem gegenüber man den zugleich raffinierten und geistesschlichten Manichäismus als einzig mögliche Haltung empfiehlt und sogar drohend fordert.“ (Kann man noch Linksintellektueller sein – 1968)

In „Die Grenzen liberaler Toleranz“ setzt sich Améry 1971 mit dem Liberalismus des Westens auseinander.  Améry sieht das Elend dieser Welt und er bescheinigt dem herkömmlichen Liberalismus mit seiner Lobhudelei des Konkurrenzkapitalismus den Tod. „Die liberalistische Ökonomie wird ihre Erbsünden nicht los: Die Menschenschinderei als böse Tat zeugt weiter und gebiert fortwährend Böses. Von der Kinderarbeit des neunzehnten Jahrhunderts führt eine direkte historische Straße in die Defoliations-Ödnis des renitenten Imperialismus. Da drängt als erste Feststellung sich auf: Der Liberale glaubt an Freiheit und Vernunft als an komplementäre Fundamente des Humanen. Er hat aber, soweit man sehen kann, weder diese noch jene je definiert. Das wird ihm künftighin nicht erspart bleiben. Von den Marxisten kann und muss er lernen, dass es formale Freiheiten gibt, die notwendige, aber nicht ausreichende Bedingungen materialer sind. Aus der Logik kann er herauslesen, dass „die Freiheit“ nicht auffindbar ist, sondern man allerwegen nur spezifische Freiheiten erkennt, die definierbar sind durch die ihnen jeweils im Wege stehenden Unfreiheiten. Auch zur Vernunft wird der Liberale ein neues Verhältnis zu suchen haben.“  Darüber hinaus schreibt Améry in „Gewalt und Gefahr der Utopie“: „So wie Ideologiekritik, angefangen mit Marx selber, eine Sache der Linken war, wurde Utopiekritik, da doch die konkretisierten Utopien nur allzu verwundbare Stellen zeigten, zur Sache der Rechten — rechts hier in sehr weitem, auch den bürgerlichen Reformliberalismus umgreifenden Sinne verstanden.“

Améry war im Gegensatz zu weiten Teilen der heutigen Linken in der Lage zu differenzieren. In seinem Text „Zwischen Vietnam und Israel“ thematisiert er die Verbrechen der USA während des Kalten Krieges und gleichzeitig solidarisiert er sich, nicht nur mit dem von der Auslöschung bedrohten Staat Israel, er unterstützt, jeder Logik entsprechend, den  größten Beschützer Israels zu der Zeit, die USA: „Es hat aber diese Gewaltpolitik der USA nichts zu schaffen mit der Nahostkrise, denn nicht Amerika ist es, das dort ein kleines Land mit der Auslöschung bedroht. Es hat den Anschein, als hätten die jüdischen Linksintellektuellen noch nicht in vollem Umfang begriffen, dass angesichts der Ereignisse an den Grenzen Israels ihr Auftreten als Linksintellektuelle nicht mehr gilt. Es wird ein schlimmes Erwachen für sie sein, wenn sie sich erst vor der unabweislichen Tatsache sehen, dass sie nicht zu wählen, nicht Stellung zu beziehen haben, weil sie schon gewählt wurden und ihre Position ihnen zugewiesen ist. Warum dies? Nun, es ist klar: für jeden Juden in der Welt, er stehe politisch wo auch immer, er sei ein Intellektueller oder ein Kaufmann oder ein Handwerker, ist der Bestand des kleinen Judenstaates eine »existentielle« Frage, denn in Israel haben die Juden, wie Ernst Bloch in einem anderen Zusammenhang es nennt, den „aufrechten Gang“ gelernt und haben den starken Schritt, die grade Haltung auch jenen Juden eingeübt, die in der Diaspora wohnen und allenfalls keine Absicht haben, Israel auch nur zu einem Ferienaufenthalt zu besuchen. Der israelische Staat hat die dümmsten antisemitischen Legenden — die Juden seien feige, sie könnten mit dem Geldschein zwar umgehen, nicht aber mit dem Pflug, sie seien unfähig zur Staatenbildung — so schlagend dementiert, dass heute nicht einmal der verbissenste Alt- oder Neunazi sie zu wiederholen wagt.“

Nach der Spaltung der Neuen Linken 1991 während des Golfkrieges in traditionelle, meist antisemitische Antiimperialisten und antinationale proisraelische  Ideologiekritiker, spaltete sich die Fraktion der Ideologiekritiker, der ich mich bisher auf weiten Strecken verbunden wusste, im letzten Jahr nach der Flüchtlingskrise und der Kölner Silvesternacht erneut. Während vereinfacht gesagt, die Jungle-World-Fraktion kaum mehr über den Islamismus nach den islamistischen Anschlägen von Paris und Ansbach reden wollte, die sexuellen Übergriffe der Kölner Silvesternacht tabuisierte oder verharmloste und den grapschenden Migranten im Connie Island „gutes Gelingen dabei wünschte, diese Inseln selbstgerechter Saturiertheit zu verwüsten“ (diesmal veröffentlicht in Konkret), verurteilt die Bahamas-Fraktion völlig zurecht solcherlei Ansichten als reaktionär und verwerflich. Wie Kritik am Stalinismus keine Kritik an Russen, Kritik am Christentum keine Kritik an Europäern war, so ist Kritik am Islam keine Kritik an Türken, Tunesiern oder Nigerianern. Letztendlich ist der vorgebliche Antirassismus der Antirassisten rassistisch, denn er stellt sich gegen alle aufgeklärten Muslime, die unter dem Einsatz ihres Lebens in der islamischen Welt gegen den Islamismus und seine Menschenverachtung ankämpfen.

Auf der anderen Seite freuen sich „liberale“ Ideologiekritiker über den Tod von Fidel Castro und einen Nachruf auf Castro bezeichnet einer von ihnen als „unerträglichen, unverzeihlichen, von Grund auf verharmlosenden und verlogenen Kitsch.“ Vermutlich haben diese zumeist jungen Kritiker sehr wenig Ahnung über die Konfliktlinien und Begebenheiten des Kalten Krieges. Die Truman-Doktrin, der Tonkin-Zwischenfall in Vietnam, das Wirken von United Fruit in Guatemala, der Contras in Nicaragua, der Todesschwadronen in El Salvador, von Mac Arthur in Korea lag vermutlich vor ihrer Zeit. Wer freilich Pershing für eine neue englische Biermarke hält und wem die Umstände des Rüstungswettlaufes nicht geläufig sind, dem dürfte die eine oder andere Reaktion des jeweiligen Blocks oder verbündeten Staates unendlich rätselhaft bleiben. Wenn sich Superliberale, Erzkonservative oder Batista-Anhänger über den Tod von Fidel Castro freuen ist das völlig in Ordnung und nachvollziehbar. Wenn aber irgendwie Linke die Alternative zur Kubanischen Revolution, die Realität in Lateinamerika, mit seinen hungernden Kindern in Haiti, den Straßenkindern von Brasilien und den 68 Millionen lateinamerikanischen Obdachlosen ignorieren oder verharmlosen, tendiert die Moral dieser Linken gegen Null, denn Links ist auch da wo das Herz ist.

Eine Linke die den Stalinismus verharmlost und selbst antisemitisch ist, eine Linke die über den Islam, mit seinem Terror, seinem Antisemitismus,  seiner Frauenverachtung, seiner Verfolgung von Andersdenkenden und Homosexuellen nicht reden will, eine Linke die, das Elend Lateinamerikas ignorierend, sich über den Tod Fidel Castros freut ist überflüssig wie ein Kropf. Die Hoffnung Jean Amérys auf eine redliche, realistische, israelsolidarische Linke hat sich nicht erfüllt, gleichwohl wäre eine solche emanzipatorische Linke nötiger denn je.

Während Israel in Flammen steht, von einer „Feuer-Intifada“ heimgesucht wird und Islamisten dies in den sozialen Medien feiern, schreibt Frauke Petry von der AfD: „Während wir über das Ausmaß der Zerstörung entsetzt und erschüttert sind, jubeln weltweit Islamisten über die vermeintliche Rache Allahs und eine mögliche Vernichtung Israels. Auch in Deutschland und vor allem auch im Internet. Dort kursieren bereits diverse Hashtags und tausende israelfeindliche und antisemitische Beiträge. Hier könnte Justizminister Maas nun markig sein Lieblingswort einsetzen, welches er gern im Zusammenhang mit der #AfD benutzt: „Widerlich!“ Doch bisher schweigt er, ebenso wie die meisten Politiker der deutschen Regierungsparteien.“

Wenn die AfD im Herbst um die 20 Prozent der Wählerstimmen erhalten wird, sind hilflose Erklärungsversuche und gegenseitige Schuldzuweisungen bereits heute vorprogrammiert. Die rechtsradikale AfD wird sich dann ihren weiteren Projekten, dem Ausstieg aus dem Ausstieg der Atomkraft, dem Verbot des Schwangerschaftsabbruchs, der Wiedereinführung der Wehrpflicht, weiteren Maßnahmen gegen Ausländer und einer radikalen Rückkehr zur Nation widmen.

Zwei Jahre nachdem er das Buch „Hand an sich legen“ veröffentlichte, wählte Jean Améry am 17. Oktober 1978  den Freitod mit Schlaftabletten im Hotel „Österreichischer Hof“ in Salzburg.  Auf dem Wiener Zentralfriedhof, Gruppe 40, Nummer 132 liegt Jean Améry begraben.

Quellen: Jean Améry-Werkausgabe, 9 Bände, Klett-Cotta, 2002

Fidel Castro ist tot

28. November 2016

fidelDer Comandante ist tot, er starb am 25. November 2016 im Alter von 90 Jahren friedlich in seinem Bett in Havanna. Die mythischen Rebellen um Fidel Castro wollten unter dem Einsatz ihres Lebens eine gerechtere und sozialere Welt. Der „Maximo Lider“ war wie Kuba ein Gefangener des Kalten Krieges und des antiimperialistischen Denkens dieser Zeit. Während des Kalten Krieges bekleckerten sich bekanntlich beide Supermächte nicht gerade mit Ruhm. Seit der Kubanischen Revolution bot das kleine Kuba mit Fidel Castro an der Spitze dem großen Gegenspieler aus dem Norden die Stirn und erreichte dabei bemerkenswerte soziale Erfolge, die bis heute von Mexiko über Haiti bis Chile seinesgleichen suchen. Ob Fidel Castros realpolitische Kontakte mit ölreichen Antisemiten wie Hugo Chavez oder Mahmoud Ahmadinejad alternativlos notwendig waren sei dahingestellt. Fidel Castro versuchte seine Revolution auch dadurch zu retten, dass er sich mit Figuren wie Saddam Hussein oder dem Papst sehen ließ. Unverzeihlich bleibt darüber hinaus der Einsatz von kubanischen Soldaten während des Jom-Kippur-Krieges 1973 gegen Israel. Kuba wird sich nach dem Tod Castros weiter öffnen und was von der Revolution übrig bleiben wird ist offen.

Geboren wurde Fidel Alejandro Castro Ruz am 13. August 1926 in Birán der Provinz Oriente Kubas als nichteheliches Kind des Zuckerrohrplantagenbesitzers Ángel Castro Argiz und dessen Hausköchin Lina Ruz González. Trotz des Reichtums der Familie kam der katholisch erzogene Fidel häufig mit der armen Landbevölkerung in Kontakt. 1945 begann Castro ein Jura-Studium an der Universität von Havanna, wo er im Jahr 1950 zum Doktor des Zivilrechts, Spezialgebiet Diplomaten- und Konsularrecht promovierte. In Havanna eröffnete Castro eine Rechtsanwaltskanzlei, die er bis 1953 führte. Bereits 1947 schloss er sich der Orthodoxen Partei von Eduardo Chibás an, die gegen die korrupte Regierung von Carlos Prío  eintrat.

Im Juni 1952 wollte Castro mit der Orthodoxen Partei bei den Parlamentswahlen antreten, doch der Putsch des Generals und späteren Massenmörders Fulgencio Batista verhinderte dieses Vorhaben. Kuba war vor und während der Diktatur Batistas das „Bordell“ der USA. Die USA kontrollierten 75% des Handels. Sie besaßen 90% der Minen des Landes und 50% des Bodens. Die Bevölkerung lebte in bitterer Armut, rund fünfzig Prozent waren mehr oder weniger Analphabeten und es gab kaum medizinische Versorgung. Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung ist zu der Zeit dauerhaft arbeitslos. Besonders betroffen sind die Schwarzen und Mulatten, rund ein Viertel der damals 6,5 Millionen Einwohner. Die Landbewohner, die rund die Hälfte der Einwohner stellen sind am meisten benachteiligt. Sie leben in Palmhütten ohne Wasser und Strom. Über ein Drittel der Landbevölkerung leidet unter Mangelernährung und Parasitenerkrankungen. 27 Prozent der städtischen und 61 Prozent der Kinder vom Lande besuchen keine Schule.

Während Batistas Amtszeit wurden rund 20.000 Kubaner und Kubanerinnen, teilweise nach bestialischer Folter, von Batistas Schergen ermordet. Zur Einschüchterung der Bevölkerung wurden viele der Ermordeten aus Autos auf die belebten Straßen geworfen. Die meisten oppositionellen Gruppierungen, wurden verboten und von der Geheimpolizei Batistas erbarmungslos verfolgt. Batista ließ systematisch einsperren, foltern und morden. Das Organ der Großgrundbesitzer, die sogenannte Dorfpolizei, ging mit Gewalt und Willkür gegen die Bauern vor.

Fidel Castro organisierte eine bewaffnete Bewegung und ging in den Untergrund. Der Kern  seiner Mannschaft bestand aus Mitgliedern der „liberalen“ Ortodoxo Partei. Castro vermied enge Kontakte mit der PSP, die in Cuba relativ isoliert war. Zudem wollte er sich nicht der kommunistischen Partei unterordnen. Castro wollte kein diszipliniertes Mitglied der PSP sein, sah darin kaum eine Möglichkeit Verbesserungen für sein Land zu erreichen.

Am 26. Juni 1953 versuchte Fidel Castro mit 150 Männern und zwei Frauen die mit circa 700 Soldaten schwer bewaffnete, verhasste Moncada-Kaserne im Süden Kubas in Santiago de Cuba zu stürmen. Castro wollte mit der fast aussichtslosen Aktion, die zweitgrößte Kaserne Kubas zu überfallen, ein Fanal für einen landesweiten Aufstand auslösen und seine „Untergrundarmee“ mit Waffen versorgen. Um 5.15 Uhr früh machte sich eine Gruppe mit 111 Männer und Frauen auf den Weg zur Moncada Kaserne. Die zweite Gruppe bereitet einen Angriff auf die weiter westlich gelegene Kaserne „Carlos Manuel de Céspedes“ in Bayamo vor. Wegen des Karnevals rechnet Castro mit vielen betrunkenen Soldaten. Durch die Karnevalszüge und Umtriebe erreichen die Revolutionäre zu unterschiedlichen Zeiten die Kaserne. Eine Militärpatrouille fing bereits vor der Kaserne einige Männer ab. Die Aktion endet in Desaster und Chaos. Während des Angriffs sind 19 Soldaten und 9 Männer Castros zunächst umgekommen. 61 weitere Rebellen, darunter Castros Stellvertreter Abel Santamaría Cuadrado werden nach ihrer Gefangennahme von den Soldaten auf grausamste Weise gefoltert und umgebracht. Ihnen werden Augen ausgestochen sowie die Genitalien und einzelne Gliedmaßen abgeschnitten. Castro kann mit einem kleinen Trupp  zunächst fliehen, wird aber nach fünf Tagen gestellt. Ein schwarzer Offizier, Pedro Manuel Sarria, rettet ihm das Leben, er kann verhindern dass Castro von den Regierungssoldaten gelyncht wird. Sarria wird kurz darauf deshalb zu einer Haftstrafe verurteilt. Die breite Öffentlichkeit war schockiert, und sogar in liberalen Kreisen wuchs die Sympathie für die jungen Männer um Fidel Castro, die bereit waren, für ihre Ziele das eigene Leben zu riskieren. Santiagos Erzbischof Enrique Pérez Serantes forderte ein Ende des Massakers und erreichte, dass die Rebellen vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Im folgenden Prozess wurden 29 Rebellen verurteilt, darunter Castros Bruder Raul zu 13 Jahren, während Fidel Castro zu 15 Jahren Haft verurteilt wird. Seine berühmt gewordene, frei gehaltene Verteidigungsrede, mit den Worten, „Verurteilt mich, das hat nichts zu bedeuten, die Geschichte wird mich freisprechen“, wird zum Manifest des „Castroismus“. Spätestens nach seinem Prozess war Castro „in aller Munde“ in Kuba. Castro kommt als Gefangener Nummer 3859 auf die Gefängnisinsel Isla de Pinos.

Am 15. Mai 1955, nach 19 Monaten Haft werden Castro und seine Leute auf Druck der Öffentlichkeit und einer Generalamnestie aus der Haft vorzeitig entlassen. Kurz darauf gründete Fidel Castro die Bewegung des 26. Juli, M-26-7. Am 7. Juli verlässt Castro Kuba in Richtung Mexiko, nachdem ein Mordanschlag auf ihn, befohlen von Batista scheiterte. Kurz nachdem Castro in Mexiko angekommen ist, trifft er den argentinischen Arzt und Marxisten Ernesto Guevara. Am 2. Dezember 1956 kehrten Fidel und Raúl Castro zusammen mit Che Guevara und weiteren 82 Revolutionären auf der Yacht Granma nach Kuba zurück. Die Tage nach der Landung überleben nur 17 Männer. Alle übrigen waren, nachdem sie gefangen genommen und gefoltert wurden, tot. Dieser Gruppe von 17 Rebellen schlossen sich immer mehr Bauern und Bewohner Kubas an, weshalb sie Batistas Armee innerhalb von wenigen Jahren besiegen konnten.

Als entscheidende Schlacht gilt der Kampf um Santa Clara.  Mit Camilo Cienfuegos und der  zweiten Kolonne griff Che Guevaras den Tren Blindado an, einen von Batista gepanzerten Zug voller Waffen und Munition. Mit einem Täuschungsmanöver überfiel Guevara mit seinen zahlenmäßig weit unterlegenen Kämpfern den Zug, wobei kein, auch kein gegnerischer Soldat ums Leben kam. Am Morgen des 1. Januar 1959 floh Batista in die Dominikanische Republik und am Abend verkündete Fidel Castro in Santiago de Cuba vom blauen Balkon den Sieg der Revolution.

Nach dem Sieg der Revolution kam es zur „Großen Abrechnung“, zu den Schnellgerichtsverfahren gegen die Folterer der Batista-Diktatur, welche von der Bevölkerung und den Medien damals vehement gefordert wurden. In den Medien wurde täglich über neue geheime Friedhöfe, die Ermordung unbewaffneter Jugendlicher und Vergewaltigungen durch das Batista-Regime berichtet. Castro verglich die Verbrecher der Batista-Diktatur mit den Angeklagten der „Nürnberger Prozesse.“ Wie in den „Nürnberger Prozessen“ und den alliierten Militärgerichten kam es zu vielen Todesurteilen. Die Art und Weise wie diese Schauprozesse initiiert und durchgeführt wurden bezeichnete Fidel Castro lange Zeit später als einen schweren Fehler. Vor und lange Zeit nach 1959 war die kubanische Gesellschaft schwulenfeindlich und die kubanischen Revolutionäre begegneten den Homosexuellen dementsprechend, auch dafür übernahm Castro Jahrzehnte später, die Schuld eingestehend, die Verantwortung.

In den ersten Monaten des Jahres 1959 werden beinahe 1500 Gesetze, Dekrete und Erlasse verabschiedet. Mit der Reform des Wohnungswesens wurden die Mieten drastisch gesenkt. Durch eine Landreform wurden Großgrundbesitzer enteignet und Kleinbauern wurde Land zugewiesen. Amerikanische Firmen wurden enteignet, unter Batistas von Politikern und Militärs unter zweifelhaften Umständen erworbenes Eigentum wurde konfisziert. Private Stände mussten für die gesamte Öffentlichkeit geöffnet werden. Kurz darauf erlassen die USA ein Handels-, Wirtschafts- und Finanzembargo gegen Kuba, das in mehreren Schritten verschärft, teilweise wieder gelockert wurde und bis heute anhält. Neben der Aufhebung der Rassendiskriminierung kommt es zu umfangreichen Reformen im Gesundheits- und Bildungswesen. Die Gleichberechtigung der Frau wird festgeschrieben. Alle Bevölkerungskreise erhalten einen gleichberechtigten, kostenlosen Zugang zur medizinischen Versorgung und zu einer angemessenen Bildung. Die große Alphabetisierungskampagne setzt 1961 ein und hat schnell Modellcharakter unter den Ländern der Dritten Welt.

Im jährlich herausgegeben Index der menschlichen Entwicklung (HDI) belegte Kuba beispielsweise 2014 Platz 44 auf dem Index und lag damit gleichauf mit Bahrain und vor Bulgarien, dass auf Platz 58 kam. Kuba hat nach der Kubanischen Revolution im Vergleich zum Rest Lateinamerikas und Teilen der restlichen Welt eine niedrigere Kindersterblichkeitsrate (4,9 von 1000 Kindern sterben), eine Lebenserwartung von 79,3 Jahren und praktisch keinen Analphabetismus. Im Gegensatz zu so gut wie allen mittel- und südamerikanischen Ländern gibt es in Kuba keine “Favelas.” Wenn es in der Region ein Land gibt, in dem Soziale Gerechtigkeit auf der Staatsagenda ganz oben steht, das ist es Kuba.

Von 1959 an gab es Sabotageakte und Bombenangriffe von den Gegnern der Revolution auf kubanische Kindergärten, Schulen, Industrieeinrichtungen, Lokalen oder anderen belebten Plätzen mit vielen zivilen Toten. Bis 1965 terroisierten von der CIA unterstützte Exil-Kubaner, vergleichbar wie später die islamistischen Mudhahedin in Afghanistan, die kubanische Zivilbevölkerung. Sechs Jahre lang operierten bis zu 5.000 Konterrevolutionäre unter der Führung von Eloy Gutierrez Menoyo, finanziert aus Miami im Escambray Gebirge in Zentralkuba gegen das neue Kuba. Aus USA kommend flogen wiederholt kleine Zivil-Flugzeuge Terrorangrife gegen Passanten und bombardierten Zuckerfabriken und Industrieanlagen. Beispielsweise flog der Exilkubaner Diaz Lanz bombend und schießend am 21. Oktober 199 einen kamikazeartigen Tieffliegerangriff auf Havanna und ermordet und verletzt dabei 47 Menschen. Mit dabei war höchstwahrscheilich der CIA Agent Frank Sturgis, der später bei verdeckten Operationen und Mordanschlägen im Verbund mit der amerikansichen Mafia gegen Fidel Castro noch von sich Reden machen sollte.

Der vorläufige Höhepunkt des Terrors war die Landung von 1.300 Exilkubanern am 17. April 1961 in der Schweinebucht Kubas. Unter den von den USA und deren US-Marine unterstützten Exilkubanern waren viele ehemalige Folterer des Batista-Regimes. Zuvor bombardierten am 15. April 1961 B-26-Flugzeuge der US Air Force drei kubanische Flugplätze. Die Invasion der USA scheiterte, die kubanischen Verteidiger verloren 161 Menschenleben, während 90 Exilkubaner ihr Leben verloren und über 1.000 gefangen genommen und später für rund  53 Millionen Doller von den USA freigekauft wurden. Nach dem Angriff in der Schweinebucht verstärkte Fidel Castro die kommunistische Ausrichtung der kubanischen Revolution.

Zur Verteidigung Kubas und auf Drängen Fidel Castros wollte die Sowjetunion kurz nach der Invasion in der Schweinebucht Atomsprengköpfe auf Kuba stationieren. Während die USA in Europa vor der Haustüre der Sowjetunion atomar bestückte Mittelstreckenraketen stationierte gestand sie der Sowjetunion im Gegenzug nicht dasselbe zu. Während des sowjetischen Schifftransports nach Kuba drohte die amerikanische Regierung unter Präsident John F. Kennedy, sie werde nötigenfalls Atomwaffen einsetzen, um die Stationierung der Atomraketen auf Kuba zu verhindern, was fast im 3. Weltkrieg endete. Die Sowjetunion gab nach und die USA beschränkten sich auf ihre geheimdienstlichen Mordversuche gegen Fidel Castro.

Nach dem Ende der Sowjetunion 1991 verlor Kuba seinen wichtigsten Verbündeten und stand kurz vor dem Zusammenbruch, konnte sich doch durch einige Reformen und vor allem durch die Öffnung für den Tourismus über Wasser halten und wieder stabilisieren. Fidel Castros Reden fanden noch immer viele Anhänger. Anlässlich der Feierlichkeiten zum 40. Jahrestag des Sieges der Revolution sagte Fidel Castro in Santiago de Cuba am 1. Januar 1999 unter anderem: „Die vorherrschende Ordnung hat zu kämpfen mit Inflation, Rezession, Deflation, möglichen Überproduktionskrisen, einem anhaltenden Sinken der Produkte des Grundbedarfs. So unendlich reiche Länder wie Saudi Arabien haben bereits Haushalts- und Handelsbilanzdefizite, obwohl sie acht Millionen Barrels Erdöl pro Tag exportieren. Die optimistischen Wachstumsprognosen lösen sich in Rauch auf. Es gibt nicht die geringste Vorstellung, wie die Probleme der Dritten Welt zu lösen sind. Welches Kapitalvermögen, welche Technologien, Vertriebsnetze, Exportkredite stehen den unterentwickelten Ländern zur Verfügung, mit denen sie sich Zutritt zu Märkten verschaffen, konkurrieren und exportieren könnten? Wo sind die Verbraucher ihrer Produkte? Wie können die Mittel für das Gesundheitswesen in Afrika bereitgestellt werden, wo 22 Millionen Menschen HIV-positiv sind und die Bekämpfung nur dieser einen Krankheit nach dem heutigen Preisniveau 200 Milliarden Dollar jährlich kosten würde? Wie viele werden noch sterben müssen, bis ein schützender Impfstoff oder ein die Krankheit heilendes Medikament zur Verfügung steht?  Sechs Milliarden Menschen leben auf diesem Planeten. Es ist fast sicher, daß es in nur fünfzig Jahren 9,5 Milliarden sein werden. Die Gewährleistung von Nahrungsmitteln, Gesundheit, Bildung, Beschäftigung, Kleidung, Schuhwerk, Wohnraum, Trinkwasser, Elektrizität und Transport für eine derart große Anzahl von Menschen, die ausgerechnet in den ärmsten Ländern leben werden, wird eine kolossale Herausforderung sein. Man wird zuerst die Konsumptionsmuster definieren müssen, denn wir dürfen nicht weiterhin den Geschmack und den Lebensstil des Verschwendungsmodells der Industriegesellschaften nachahmen wollen. Das wäre Selbstmord. Die Entwicklung der Welt darf nicht den transnationalen Konzernen und den chaotischen Gesetzen des Marktes überlassen werden.“

Zwischen 1990 und 2000 war ich mehrere Male in Kuba. Die Sonne Kubas und das Meer an den Naturstränden von Cayo Saetía bleiben unvergesslich. Ich wunderte mich, selbst in den entlegensten Gebieten und in den einfachsten Häusern war Stromanschluss und ein rund um die Uhr laufender Fernseher obligatorisch. In Trinidad bewunderte ich die Lebenslust und die Feierlaune an einem Wochenende und sah den Alltag in den Randgebieten dieser Stadt. In Gesprächen mit jungen Kubanern in Santa Clara stellte ich eine beinahe religiöse Verehrung von Che Guevara fest. In Baracoia besuchte ich die Stelle, wo Christoph Kolumbus am 28. Oktober 1492 Kuba entdeckte und sprach dort und in anderen Orten mit oftmals kritischen Einheimischen über die Innenpolitik Kubas. Die jungen Kubaner verehrten Che Guevara und kritisierten Fidel Castro. Bemerkenswert bei den jungen Kritikern war, die ansonsten in vielen Dingen gute Argumente hatten, dass die kostenlose Bildung, die kostenlose medizinische Versorgung oder die kostenlose Antibabypille eine nicht erwähnenswerte Selbstverständlichkeit sei. Die älteren Kubaner dagegen waren in diesen Diskussionen ihrem „Maximo Lider“ und dessen Politik meist innig verbunden. Einig waren wir uns mehrheitlich, Kuba ist keine parlamentarische Demokratie und Reformen, demokratische Mitbestimmung wären bitter nötig. Kuba war aber auch nie eine Volksdemokratie nach östlichem Vorbild, mit Selbstschussanlagen und Stacheldraht. Während eines kurzen Abstechers nach Jamaika sah ich die soziale Ungleichheit und die Gewalt im Unterschied zur kubanischen Gesellschaft. Kurz vor meiner Ankunft wurde ein Jamaikaner wegen fünf Dollar ermordet, die Polizei machte darüber nicht viel Aufhebens, denn Gewalt und soziale Not ist in den Nachbarländern Kubas an der Tagesordnung. Nach meiner Rückkehr nach Kuba und einer anstrengenden Wanderung in der Sierra Maestra, teilweise geführt durch militärisches Gebiet und Stützpunkte der Revolution, kam ich nach Santiago de Cuba. Auf dem dortigen Friedhof Cementerio Santa Ifigenia befindet sich das Grabmal des Nationalhelden, Dichters und am  19. Mai 1895 gefallenen José Martí. Das 24 Meter hohe, aus weißem Kalkstein errichtete Mausoleum von José Martí ist so ausgerichtet dass die Sonne Kubas jeden Tag auf den Sarg Martís fällt.  Auf diese Weise folgte man einem Gedicht Martís, in dem er sagt, er wolle nicht wie ein Verräter im Dunkeln sterben, sondern mit dem Gesicht in der Sonne.

Donald Trump – Working Class Hero, Freund Israels und Verhinderer der iranischen Atombombe?

25. November 2016

spiegelDonald Trump hat entgegen der Vorhersagen der meisten Demoskopen und gegen die amerikanischen Medien die Wahl, gegen seine Konkurrentin Hillary Clinton, zum 45. Präsidenten  gewonnen. Der designierte Präsident ist ein amerikanischer Unternehmer, der sich in einem der schmutzigsten Wahlkämpfe der USA sexistisch, primitiv pöbelnd, nationalistisch und ansonsten in beinahe allen Politikfeldern widersprüchlich äußerte. Wegen seiner unterirdischen Rhetorik machte sich Trump während des Wahlkampfs viele Gegner auch in seiner eigenen Partei.

Nach dem Wahlergebnis feierte der Antiamerikanismus in Deutschland neue Höchststände. Auf dem Cover des Spiegels wurde Trump als eine Art Feuerball abgebildet, der die Erde vernichtet. Der ansonsten durch seine antisemitischen Ansichten auffallende Jakob Augstein schlussfolgerte in seiner Kolumne: „Donald Trumps Sieg bedeutet das Ende des Westens. Die Ära des Liberalismus ist vorüber. Ein neuer Faschismus kommt an die Macht. Ob sie wollen oder nicht: Die Deutschen werden ihr Heil in den Grenzen der Nation suchen müssen.“ ARD, ZDF, Arte, RTL, die FAZ, SZ, die TAZ und wie sie sonst noch alle heißen, schlugen in abgewandelter Form, zumeist nicht so extrem nationalistisch, aber doch in dieselbe antiamerikanische Kerbe.

Ihren Antiamerikanismus für kurze Zeit ausgeblendet haben die AfD und die Linkspartei. Frauke Petry gratulierte dem Republikaner und bezeichnete seine Wahl als „historische Chance“ die „fehlerhaften wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen“ auf der Welt anzugehen. Ähnlich äußerte sich Oskar Lafontaine von der Linkspartei, er meinte bei „Maischberger“, die amerikanischen Wählerinnen und Wähler hätten das System abgewählt, sie hätten gegen die Banken, Großunternehmer und korrupten Eliten gestimmt. Fraglich sei nur, was Trump daraus machen könne, so Lafontaine.

Der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier nannte Trump einen „Hassprediger“ und die deutsche Bundeskanzlerin erinnert Trump nach seiner Wahl an die gemeinsamen Werte und machte eine eventuelle Zusammenarbeit von der Einhaltung dieser Werte abhängig. Als sich Thomas Jefferson 1801 als dritter Präsident der USA für die Trennung von Religion und Staat einsetzte versuchten die reaktionären europäischen Monarchien die Auswirkungen der Französischen Revolution einzudämmen. Das amerikanische System gründet auf der Verfassung von 1787. Von daher ist eine deutsche Überheblichkeit  gegenüber den USA kaum angebracht, aber vielleicht sind die alten Wunden der alliierten Reeducation noch immer nicht verheilt. Das Parteiensystem der USA unterscheidet sich jedenfalls  grundlegend vom europäischen. Die Macht des Präsidenten wird durch ein umfassendes System an Machtkontrollen (Checks and Balances) ausgeglichen, so hat beispielsweise nur der Kongress (Repräsentantenhaus & Senat) die Befugnis Kriege zu erklären. Andererseits stellen die Republikaner mit Donald Trump nicht nur den Präsidenten, sie haben die Mehrheit im Repräsentantenhaus und im Senat. Anders als in der Amtszeit von Obama haben Trump und die Republikaner die Mehrheit in beiden Häusern.

Die republikanische Partei besteht heute wie damals aus unterschiedlichen Strömungen. Gewählt wurde Donald Trump  von Evangelikalen, konservativen Wirtschaftsliberalen, abgehängten „Proletariern“ und sonstigen Gegnern des Establishments. Seit dem 11. September betonen Republikaner die nationale Sicherheit, was die Sicherung der Grenzen mit einschließt. Während die republikanischen Präsidenten im Gegensatz zu Barak Obama und Jimmy Carter die konsequentere Außenpolitik machten, versuchten demokratische Präsidenten, wie Bill Clinton oder Barak Obama mit sozialer Politik im Inneren ihre Wähler zu überzeugen. Laut Wahlanalysen hat die „weiße Arbeiterklasse“ in den industriell geprägten US-Bundesstaaten mehrheitlich für Trump gestimmt. Verbitterte Stahlarbeiter, enttäuschte Automobilbauer, arbeitslose Textilarbeiter, alte weiße Männer und Frauen waren unzufrieden mit den Demokraten.

Welche konkreten Auswirkungen die Wahl von Donald Trump haben wird ist schwer zu prognostizieren, zumal sich seine widersprüchlichen Aussagen während des Wahlkampfes nach seinem Sieg bedeutend moderater anhören. Seine Position zum Thema Folter habe er nach einem langen Gespräch mit dem Vier-Sterne-General James Mattis geändert, dem  internationalen Klimaabkommen stehe er nun offen gegenüber und im Umgang mit den Millionen von Menschen ohne Bleiberecht in den USA plane er einen „fairen und menschlichen“ Ansatz,  so Trump in den letzten Tagen. Unter Barak Obama wurden übrigens jedes Jahr durchschnittlich über 350.000 illegale Einwanderer abgeschoben, mehr als unter jedem anderen Präsidenten zuvor. Dem moderaten Stabschef für das Weiße Haus, Reince Priebus stellt Trump den umstrittenen Steve Bannon, Herausgeber des rechten Breitbart-Magazins (1) als Chefstrategen gegenüber. Steve Bannon wird den „Alt-Right“ zugerechnet. Die Alternative Rechte steht für die Neuformulierung rassistisch-nationalistischer Ideen, vergleichbar mit der Neuen Rechten in Deutschland. Falls sich Trump mit seiner republikanischen Partei, die aus unterschiedlichsten Strömungen besteht, einigen wird und die Partei ihren Präsidenten im Zaum halten kann, könnte in einige Politikfelder tatsächlich Bewegung kommen. Über Trumps angekündigte mit Staatsschulden finanzierte Wirtschaftspolitik schreibt Gerhard Scheit: “Vor allem die in Aussicht gestellten landesweiten Investitionen in die Infrastruktur lassen – so seltsam das klingt – an den New Deal Roosevelts denken, der im Übrigen in seiner Wirtschaftspolitik zunächst auch kaum mehr als ein Sammelsurium von logischen Widersprüchen und willkürlichen Maßnahmen nach dem Motto trial and error bot. „Die Regierung Obama“, so die NZZ, habe es kaum vermocht, „marktfreundliche Reformen zu verabschieden. In gewisser Weise lag die Last der Wirtschaftspolitik auf der Geldpolitik und damit auf der Zentralbank.“ Die neue Einschätzung der Börsianer, die ja durchaus überraschend kam, ist nicht so ohne weiteres abzutun: Sie hoffen offenbar „auf einen Paradigmenwechsel unter Trump: Der Geldpolitik wird wieder eine aktive, marktfreundliche Wirtschaftspolitik zur Seite gestellt.“

Die Außenpolitik von Barak Obama war vor allem für den Nahen Osten ein Albtraum. Obamas defensives Lavieren im Syrienkrieg, sein Iran-Deal, mit der Aussicht einer Atommacht Iran,  die Kumpanei mit Islamisten während des Arabischen Frühlings, die Bombardierung Libyens zur Chaoszone, die bevorstehende Niederlage gegen die Taliban in Afghanistan kennzeichneten die Außenpolitik der USA in den letzten acht Jahren. Trumps Ankündigung den Iran-Deal zu kippen oder zumindest nachzuverhandeln, vermindern die Wahrscheinlichkeit einer iranischen Atombombe. In den USA das ist Abkommen mehr denn je umstritten und die USA halten nach wie vor an einigen Sanktionen fest. Eine Atombombe in den Händen von klerikal-faschistischen Mullahs wäre nicht nur eine Katastrophe für Israel, sie wäre das Ende der humanen Welt. Dazu Gerhard Scheit:  „Das aber lässt doch auch hoffen, dass die künftige Außenpolitik der USA kein böser Alptraum wird, sondern vielmehr einen solchen beendet. Die Haltung der USA zum Deal mit der Islamischen Republik Iran, die bei Clinton sich wohl im Wesentlichen kaum verändert hätte, könnte nun theoretisch zum zentralen Bezugspunkt einer Rückgewinnung hegemonialer Politik werden.“

Andererseits dürfte die syrische Opposition von Trump keine Unterstützung zu erwarten haben. Es ist vorhersehbar, dass die USA, in welchem Umfang auch immer, mit Russland und dem Assad-Regime im Kampf gegen den Islamischen Staat gemeinsame Sache machen werden. Inwieweit der Iran dabei mit einbezogen wird, ist offen. Zu hoffen bleibt, dass sich Trump in der Republikanischen Partei nicht durchsetzen wird, künftig die Ausgaben für militärische Auslandseinsätze zu kürzen oder die NATO zu schwächen und die Ankündigungen sich militärisch aus dem Nahen Osten zurückzuziehen wahr macht.

Die Beziehungen zwischen den USA und Israel waren während Barak Obamas Amtszeit  auf einem Tiefpunkt. In der Demokratischen Partei tummeln sich mehrheitlich seit vielen Jahrzehnten „Israelkritiker“ und Antizionisten. Jimmy Carter  und Bernie Sanders vom linken Flügel gehören zu den prominenteren Israelgegnern und mit Hillary Clinton als Präsidentin wären neue Zerwürfnisse mit Israel vorprogrammiert gewesen. Mit Donald Trump dürfte der konfrontative Kurs gegenüber Israel beendet sein. Israels Premierminister Netanjahu würdigt den gewählten Präsidenten Trump als „wahren Freund Israels“, während die stellvertretende Außenministerin Tzipi Hotovely Trump mahnt, sein Versprechen einzulösen, die amerikanische Botschaft nach Jerusalem zu verlegen.

Donald Trump hat die Wahl in einem gespaltenen Land gewonnen, so hat die Präsidentschaftswahl auch Amerikas Juden tief entzweit. Die europäischen und speziell die deutschen Wortmeldungen zu Donald Trump belegen die Differenz innerhalb dieser Gesellschaften. Am deutlichsten ist dieser Bruch innerhalb der deutschen Linken zu erkennen. Nach der Spaltung der Linken in (mehr oder weniger) Antiimperialisten und Antideutsche, spaltete sich die antideutsche „Fraktion“ während des letzten  Jahres nach  der „Flüchtlingskrise“, dem islamischen Terror von Paris und Ansbach, den sexuellen Übergriffen von Köln während der Sylvester-Nacht oder Leipzig-Connewitz im Conne Island und nun der Wahl Trumps erneut. Der Umgangston und die Diskussionskultur innerhalb dieser Linken in den sozialen Medien ist atemberaubend. Von daher gilt nicht nur nach der Wahl in den USA, es kann alles immer noch schlimmer kommen.

Ein wichtiger Gradmesser der letzten Jahre bleibt auch in den kompliziertesten Zeiten bestehen: Wenn Jakob Augstein, der Israel als die größte Gefahr für den Weltfrieden betrachtet, der Gaza ein Lager nennt, der halluziniert, Netanjahu führe die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs, für den US-Republikaner Nutznießer islamistischen Terrors sind, wenn Augstein behauptet Trumps Sieg bedeutet das Ende des Westens, dann dürften in der Wahl Trumps durchaus Chancen liegen.

Während des Amerikanischen Bürgerkriegs von 1861 bis 1865 ging es um die Befreiung von der Sklaverei. Die Republikanische Partei sah  die Sklaverei als Hemmschuh und als moralisches Übel und sie versprachen den mittellosen „Proletariern“ Landverteilung.  Friedrich Engels prognostizierte 1864 den Aufstieg der USA einschließlich des Siegeszugs imperialer Politik. Hätten Konstantin Wecker, der Trump den Tod wünscht oder Jakob Augstein bereits damals gelebt, wären sie vermutlich unter dem Motto „Kein Blut für Baumwolle“ gegen geldgierige Yankees auf die Straße gegangen und hätten damit die Konföderation der Sklavenhalter gestärkt.

(1) Update 14.12.16: Die Bezeichnung „antisemitischen Breitbart-Magazin“ wurde in „rechten Breitbart-Magazins“ abgeändert, siehe dazu Caroline Glick, Die Ellison Challenge

Weckerleuchten: Der Mann mit dem Koks ist wieder da

14. November 2016

cohen_trumpDer sehr deutsche „Liedermacher“ und „Friedensbotschafter“ Konstantin Wecker (neuerdings Teil des Traumpaares mit Margot Käßmann, der „EKD-Ratsvorsitzenden der Herzen“)  schrieb am 11.11. 2016 auf seiner Facebookseite in einem Beitrag:

„Liebe Freunde, Leonard Cohen ist tot und Donald Trump ist Präsident der USA. Umgekehrt wäre es mir lieber gewesen.“

Nachdem einige Facebook-Nutzer den „Friedensbotschafter“ darauf aufmerksam machten, jemand anderen den Tod zu wünschen, zeuge davon, wie viel Hass einer in sich trage, löschte Wecker seinen Beitrag und präzisierte seine Ansichten, in dem er ausführlich seine Todeswünsche wiederholte. Am nächsten Tag, am 12. November um 10:56 schrieb der bei den antisemitischen „Montagsmahnwachen“ und „israelkritischen“ Nachdenkseiten beliebte „Liedermacher“:

„Liebe Freunde, die letzten beiden Beiträge mussten wir gestern leider löschen, weil uns ein Shitstorm in einer für uns ungewohnten Größenordnung ereilt hat. Und da wir es uns zur Regel gemacht haben Hasskommentare sowie rassistische, homophobe und sonstige Unflätigkeiten von meiner Seite zu entfernen, kamen wir schlichtweg nicht mehr nach. Natürlich stehe ich weiterhin zu dem was ich geschrieben habe, vor allem tut es mir leid um die vielen klugen und besonnenen Kommentare von euch, ob nun zustimmend oder aber auch kritisierend, aber eben in einer Art und Weise formuliert, wie es sich für denkende und fühlende Menschen gebührt. Ja – ihr Trumpisten, ihr sogenannten „zornigen, weissen, alten Männer“ , ihr selbsternannten Herrenmenschen, ihr vor jeder Emanzipation zu Tode erschreckten ängstlichen Männlein, ich bleibe dabei: Es gibt durchaus gute Gründe mit einem Gott zu hadern, der einen Trump Präsident werden lässt und einen Leonard Cohen in Jenseits abberuft. Seit dieser unsäglichen Wahl werden Frauen mit Kopftüchern in den USA terrorisiert, weisse Kinder verprügeln dunkelhäutige und berufen sich auf Trump, an Universitäten tauchen Flyer auf, die dazu aufrufen, eine Bürgerwehr zu bilden und gegen Universitätsleiter vorzugehen, die sich für Diversität einsetzen. Dem größten Übel der Menschheitsgeschichte, dem Rassismus, ist durch diesen schrecklichen Präsidenten Tür und Tor geöffnet. (..) Die großartige Naomi Klein hat gestern im „The Guardian“ geschrieben: „So let’s get out of shock as fast as we can and build the kind of radical movement that has a genuine answer to the hate and fear represented by the Trumps of this world. Let’s set aside whatever is keeping us apart and start right now“.  (..)

Die „großartige“ Naomi Klein bekämpft seit Jahren, unter anderem mit Boykottaufrufen das demokratische Israel. Die antiimperialistische Globalisierungskritikerin meinte beispielsweise, dass Israels Wirtschaft vom internationalen Terrorismus profitiere und 9/11 die israelische Volkswirtschaft gerettet habe. Naomi Klein belegte außerdem ihren linken Antisemitismus in dem sie Gaza als ein „Gefängnis“ und Israel als ein „Apartheidsstaat“ bezeichnet.

Kein Wunder also, dass Konstantin Wecker von Naomi Klein begeistert ist. Vor und während des Irakkrieges, im Frühjahr 2003, reiste der „Friedenskämpfer“ als „lebendes Schutzschild“ nach Bagdad um das Regime von Sadam Hussain zu beschützen. Als die Hamas Israel tausendfach mit Raketen beschoss wollte sich der „Liedermacher“ aber nicht in Gefahr begeben. Konstantin Wecker macht keinen Hehl daraus auf welcher reaktionären, islamistischen, frauenfeindlichen, menschenverachtenden Seite er steht.

Konstantin Wecker unterstützte beispielsweise mit den obligatorischen Israelhassern Norbert Blüm, Günther Grass, Felicia Langer und Jean Ziegler, mit seiner Unterschrift die antisemitischen Nabka-Ausstellungen in Deutschland. Als Günter Grass wegen seinem antisemitischen Gedicht gegen Israel in der Kritik stand, sprang ihm Konstantin Wecker auf seiner Homepage mit „Respekt vor dem Lebenswerk und der politischen Bedeutung dieses Mannes“ bei: „Jetzt, wo man mit einem geradezu hysterischen Aktionismus versucht den Nobelpreisträger Günter Grass zu vernichten, und ihm auch viele, die ihm noch nie das Wasser reichen konnten, versuchen, nicht nur Anstand, sondern auch Verstand absprechen – jetzt sieht man nur allzu deutlich, wie gefährlich die Lage wirklich ist. Ich bin in den letzten Jahrzehnten hellhörig geworden, wenn die Kriegstrommel gerührt wird, und wenn ich sehe, wie sich die politischen Meinungen zum diesem Thema an Selbstherrlichkeit und Selbstgerechtigkeit zu übertreffen versuchen, wird mir Angst und bang.“

Leonard Cohen war im Gegensatz zu den mehrfach erwähnten linken Antisemiten ein Freund Israels. Während des Jom-Kippur-Krieges im Jahr 1973 flog er nach Israel und sang in den schwersten Tagen des Staates für die Soldaten neben Ariel Sharon im Sinai sein berühmtes Lied „Lover come back to me.

Aber das konnte Konstantin Wecker nicht wissen. Leonard Cohen spielte in einer für Wecker in jeder Beziehung unerreichten Liga. Festzuhalten bleibt wieder einmal: Wer sich über angebliche Hasskommentare von anderen aufregt, aber nicht in der Lage ist seinen eigenen antiamerikanischen, antiisraelischen Hass zu erkennen, steht entweder unter Drogen oder hat ganz grundsätzlich ein Problem mit der Realität.

Peter Weiss, die Ästhetik des Widerstands und seine Unfähigkeit den antisemitischen Vernichtungsfeldzug zu verhindern oder wenigstens angemessen wahrzunehmen

7. November 2016

weisspeterAm 8. November 1916 wurde Peter Weiss als Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Eugen „Jenö“ Weiss und der Schweizer Schauspielerin Frieda Weiss in Neubabelsberg bei Berlin geboren. 1920 konvertierte Jenö Weiss zum Christentum und künftig wurde in der Familie über die jüdische Herkunft des  antikommunistischen Vaters und Hitlerverehrers bis 1938 nicht mehr gesprochen. 1938 emigriert Peter Weiss erst in die Schweiz und 1939 nach Schweden, wohin seine Familie bereits 1938 geflohen ist. Peter Weiss lässt sich in Stockholm nieder, erhält 1946 die schwedische Staatsbürgerschaft  und lebt dort bis zu seinem Tod am 10. Mai 1982.

Bereits 1947 publizierte Peter Weiss erste Gedichte und 1961 erschien „Abschied von den Eltern“, eine Auseinandersetzung mit der eigenen Kindheit und seinem schwierigen Verhältnis zum Vater. In der Gruppe 47 war Peter Weiss wegen seiner Emigration nach Schweden ein Außenseiter. Im Gegensatz zu den meisten anderen Mitgliedern der Gruppe besuchte Weiss Mitte der sechziger Jahre die Auschwitz-Prozesse in Frankfurt. Unter der Federführung von Günter Grass wurden die Auschwitz-Texte von Peter Weiss „geschmäht.“ So wurde Peter Weiss 1966 bei einem Treffen der Gruppe 47 in Princeton/USA  vorgehalten, er habe nicht das Recht, über Deutschland zu sprechen. Peter Weiss hielt die zynische Begründung in seinen veröffentlichten Notizbüchern fest: „Der Zusammenstoß im Hotelzimmer. Ich hätte mich in amerikanische Angelegenheiten nicht einzumischen. Missbrauche die Gastfreundschaft. Und überhaupt: was ich denn für ein Recht hätte, auf diese Weise politisch Stellung zu nehmen. Hätte auch über deutsche Fragen schon viel zu viel gesagt. Wo ich denn während des Kriegs gewesen wäre.“ Wenn der „Halbjude“ nicht hätte fliehen können wäre er von Hitlerdeutschland vernichtet worden. Der ihm zustehende Ort war also zumindest für einen Teil der Gruppe 47  das Vernichtungslager.

1965 veröffentlichte Peter Weiss „Die Ermittlung“, ein Oratorium in 11 Gesängen. Das Material zu seinem Stück hat Peter Weiss dem Auschwitz-Prozess entnommen, der von Dezember 1963 bis August 1965 in Frankfurt stattfand. Im Gegensatz zu den anderen deutschen Nachkriegsautoren beschäftigte sich Weiss mit Auschwitz und so war sein Stück die große Ausnahme während der Adenauer-Ära. Die Deutschen wollten von Auschwitz nichts hören und alte Nazis wie Hans Globke kamen zu Amt und Ehren. In einer solchen Zeit empfand es Peter Weiss, wie er während den Vorarbeiten zur „Ermittlung“ notierte, als „eine riesige Aufgabe“, dem öffentlichen Bewusstsein die Massenvernichtung unter dem Faschismus in Erinnerung zu rufen.

Weiss verzichtet in seinem Stück, mit wenigen Ausnahmen, auf die Kennzeichnung der Opfer. Es ist zwar von sowjetischen Kriegsgefangenen die Rede, aber die größte Opfergruppe, die Juden bleiben in der Anonymität. Der fünfmalige  Hinweis auf die sowjetischen Kriegsgefangenen, in Verbindung mit dem Vernichtungskrieg gegen die Sowjetunion, war dem Antikommunismus der Nachkriegszeit geschuldet. Die ersten Versuche von Massentötungen mit dem Gas Zyklon B wurden an sowjetischen Kriegsgefangenen vorgenommen. Weiss benennt hier die Opfergruppe, während die durch Zyklon B ermordeten Juden der sogenannten Endlösung anonym bleiben. Das Wort „Jude“ oder „jüdisch“ kommt in dem Stück konsequent nicht vor. Wo in den Protokollen der Auschwitz-Prozesse das Wort „Jude“ auftauchte, wurde es von Weiss durch den Begriff „Verfolgter“ oder „Häftling“ ersetzt. Deshalb bezeichnete der Historiker James Edward Young das Stück als „judenrein, wie der größte Teil Europas nach dem Holocaust.“   Im „Gesang vom Bunkerblock III“  der Stückes ist zu hören:

Zeuge 6: Am 3. September 1941 wurden im Bunkerblock die ersten Versuche
von Massentötungen durch das Gas Zyklon B vorgenommen
Sanitätsdienstgrade und Wachmannschaften führten etwa 85o sowjetische Kriegsgefangene sowie 22o kranke Häftlinge in den Block Elf
Nachdem man sie in die Zellen geschlossen hatte
wurden die Fenster mit Erde zugeschüttet Dann wurde das Gas
durch die Lüftungslöcher eingeworfen Am nächsten Tag wurde festgestellt daß einige noch am Leben waren
Infolgedessen schüttete man eine weitere Portion Zyklon B ein
Am 5. September wurde ich
zusammen mit 2o Häftlingen der Strafkompanie sowie einer Reihe von Pflegern
in den Block Elf befohlen
Es wurde uns gesagt dass wir zu einer besonderen Arbeit anzutreten hätten
und bei Todesstrafe niemandem von dem was wir dort sahen berichten dürften
Es wurde uns auch eine vergrößerte Ration nach der Arbeit versprochen
Wir erhielten Gasmasken und mussten die Leichen aus den Zellen holen
Als wir die Türen öffneten sanken uns die prall aneinandergepackten Menschen entgegen
Sie standen noch als Tote
Die Gesichter waren bläulich verfärbt
Manche hielten Büschel von Haaren in ihren Händen
Es dauerte den ganzen Tag bis wir die Leichen voneinander gelöst
und draußen im Hof aufgeschichtet hatten
Am Abend kam der Kommandant und sein Stab
Ich hörte den Kommandanten sagen Jetzt bin ich doch beruhigt Jetzt haben wir das Gas und alle diese Blutbäder bleiben uns erspart
Und auch die Opfer können bis zum letzten Moment geschont werden

Peter Weiss, der „Arbeiterbewegungsmarxist“ versucht Auschwitz marxistisch zu erklären, sieht Auschwitz als Folge monopolkapitalistischer Profitinteressen. Schuld an Auschwitz haben vor allem Firmen wie Krupp und die IG Farben. Das Lager ist laut Weiss ein System, in dem „der Ausbeutende in bisher unbekanntem Grad seine Herrschaft entwickeln durfte und der Ausgebeutete noch sein eigenes Knochenmehl liefern musste.“  Die Verfolger werden als Vertreter der Kapitalisten und die Verfolgten und Ermordeten als Stellvertreter des Proletariats dargestellt. Massenpsychologische Kriterien wie der spezielle deutsche Antisemitismus kommen in der Ermittlung nicht vor. Die Frage wie es zu Auschwitz überhaupt kommen konnte wird nicht gestellt. So ist die Ausblendung des Antisemitismus das Kernproblem der Ermittlung. Der Initiator der Auschwitzprozesse Fritz Bauer kritisierte das Stück folgendermaßen: „Der Richter in unserem Strafrecht schaut rückwärts, und er sieht in Wirklichkeit nur Taten; er sieht leider nicht die Quellen, die Ursachen des Tuns, seien es nun irgendwie soziologische oder … psychologische, individualpsychologische und massenpsychologische Ursachen. … Und ohne Kenntnis dieser Quellen des deutschen Übels, das unser aller Übel ist … gibt es auch kein Heil und keine Heilung. Der Jurist tut das nicht, und Peter Weiss tut es zu wenig.“

Peter Weiss war zumindest teilweise ein Gefangener im Blockdenken des Kalten Krieges. Wie viele Linke dieser Zeit solidarisiert sich Weiss beinahe bedingungslos mit allen vermeintlich Unterdrückten in der Dritten Welt, unabhängig davon welcher Ideologie diese anhingen. So verharmlost Peter Weiss 1967 den Vernichtungswillen der Nachbarn Israels und dämonisiert den Judenstaat mit Nazivergleichen und verirrt sich dadurch mit seiner antiimperialistischen Ideologie in den Grenzbereich zum Antisemitismus. In der „Der Sieg, der sich selbst bedroht“ schreibt Peter Weiss nach dem Sechstagekrieg 1967:

„Wir haben in diesen Tagen eine Orgie abendländischer Verbrüderung gegen die sogenannte Dritte Welt erlebt. Der Ministerpräsident und viele Repräsentanten der schwedischen Regierung und der Presse waren einen Monat lang darauf bedacht, Schwedens Neutralität zu betonen, als das Tribunal sich mit dem Krieg der USA in Vietnam befasste. Stellung zu nehmen gegen die USA, sah man als für die Sache des Friedens schädlich an. Stellung zu nehmen für Israel gegen die arabischen Länder, sieht man dagegen als für den Frieden nicht schädlich an. Es ist möglich, dass viele begonnen haben, ihr einseitiges Urteil zu revidieren, nachdem sie Moshe Dayans faschistische Erklärung gehört haben.

(..) In den sozialistischen Ländern hat man betont, dass Israel in seinem Kampf gegen die arabischen Staaten den Interessen des Imperialismus dient. Wir, die wir mit großer Sympathie die Aufbauarbeit in Israel verfolgt haben und die wir uns mit der Forderung nach der absoluten Lebensberechtigung des Staates Israel solidarisch fühlen, haben uns diese Auffassung nicht ganz zu eigen machen wollen.

Es wird indessen immer deutlicher, dass Israel nicht nur um sein Leben kämpfte, sondern dass seine Regierung und sein Militär die Mentalität eines Herrenvolkes gegenüber dem arabischen Volk angenommen haben. Die Kräfte in Israel, die für ein friedliches Zusammenleben zwischen Israelis und den Arabern arbeiteten, sind gegenwärtig aus dem Spiel. Die israelische Bevölkerung ist einer aggressiven militärischen Politik verfallen, welche die friedliche Entwicklung im Mittleren Osten bedroht. Das Erbe der englischen Kolonialwelt, geschürt durch die Gegensätze zwischen Arabern und Juden, wird noch immer am Leben erhalten und benutzt, um einen Angriff als Verteidigung zu tarnen. (..) Indirekt hat das Abendland durch den Sieg Israels dem Krieg Amerikas gegen Vietnam applaudiert. Länger als eine Woche konnten die USA ungestört ihren Angriff auf nordvietnamesische Städte fortsetzen. In den Zeitungen stand kaum etwas über Vietnam zu lesen. Und man zollte den USA eitel Bewunderung, weil sie nicht in den mittelöstlichen Konflikt eingriffen. Aber im Pentagon konnte man sich auf den gut trainierten General Moshe Dayan verlassen.

Man fragt sich nach der Stellungnahme des Westens. Gerade unsere Sorge um Israels Bevölkerung und unser Wunsch, dass sie ihren Staat behält, machen die Forderung notwendig, dass seine Regierung jetzt alles daransetzt, ihren Willen zum Frieden zu zeigen, und dass sie eine Politik führt, die für die Interessen des arabischen Volkes offen ist.“

Für Peter Weiss ist die Unterstützung der USA für Israel deckungsgleich mit dem verbrecherischen amerikanischen Krieg in Vietnam. Mit seiner Rede von der „Mentalität eines Herrenvolkes“ oder mit seiner Behauptung von der „faschistischen Erklärung Moshe Dayans“ reiht sich Peter Weiss ein,  in den linken antizionistischen Mainstream der sechziger Jahre. Zur selben Zeit sagte Ägyptens Präsident Nasser der Deutschen National- und Soldatenzeitung, „niemand nimmt die Lüge von den sechs Millionen ermordeten Juden ernst.“ Für Antiimperialisten dieser Zeit sind die arabischen, islamistischen und antisemitischen Terrorbanden, inklusive ihrer despotischen Führer kompatibel mit dem Vietkong und Ho Chi Minh und das korrupte rechts-diktatorische Regime von Südvietnam mit dem demokratischen Staat Israel. Die mahnenden Worte gegen den Vernichtungsantisemitismus der arabischen Staaten von Michael Landmann oder Jean Améry hat Peter Weiss vermutlich nicht vernommen oder er wollte sie nicht hören. Die Ambivalenz des Peter Weiss offenbarte sich bereits wenige Jahre später in seinem antistalinistischen Stück über das Leben von Leo Trotzki.

Als „Trotzki im Exil“ 1970 in Düsseldorf uraufgeführt wurde, machte sich Peter Weiss keine Freunde bei orthodoxen Marxisten und Vertretern des real existierenden Kommunismus. Trotzki im Exil war eine befreiende Abrechnung mit dem Stalinismus. Nach seinem „Viet Nam Diskurs“ von 1968 war mit diesem Stück umgehend der Zugang zu den Bühnen der DDR wieder verschlossen. Folgende „Volksfeind“-Episode aus Trotzki im Exil gefiel so manchem Stalin-Verehrer ganz und gar nicht:

ANKLÄGER Sie sind ein Verräter an der Arbeiterklasse, Mratschkowski. Ein Verräter an der Revolution.

MRATSCHKOWSKI Ich war zum ersten Mal verhaftet im Alter von dreizehn Jahren. Mögen alle bedenken, dass auch Arbeiter, oder Menschen, die aus der Arbeiterschaft hervorgegangen sind, Leute wie ich, zu Konterrevolutionären werden können. Ich verdiene nicht, weiter zu leben. Doch bitte ich darum, mir zu glauben, dass ich mich von allem Schmutz, den ich auf mich nahm, gereinigt habe.

SINOWJLW Niemand von uns kann gegen die Partei im Recht sein. In der letzten Instanz hat die Partei immer recht, weil sie das einzige geschichtliche Instrument ist, dass die Arbeiterklasse zur Lösung ihrer Aufgabe besitzt. Nach Lenins Tod war ich es, der Trotzki ermahnte, sich diesem fundamentalen Prinzip zu unterstellen. Doch er weigerte sich, das Gesetz anzuerkennen. Er brach es. Trotzdem schloss ich mich ihm an. Mein defekter Bolschewismus wurde zu Antibolschewismus. Ich wurde zum Feind der internationalen Arbeiterbewegung.

BUCHARIN Einmal standen wir neben Lenin –

ANKLÄGER Sie Heuchler. Sie, Bucharin, standen nie neben Lenin.

BUCHARIN Dann versuchten wir, das Werk Lenins, das heute von der Parteiführung mit gigantischem Erfolg fortgesetzt wird, zu zerschlagen. Aber wir sind selbst zerschlagen worden. Das trotzkistische Banditentum ist zerschmettert. Ich beuge mein Knie vor der Partei, vor dem ganzen Volk, vor der weisen Führung des Landes. Smirnow wird von bewaffneten Soldaten hereingeführt. Steht gebeugt. Spricht tonlos.

SMIRNOW Ich wende mich an die zerstäubten Haufen der Trotzkisten, die noch im Land umherirren, an alle, die den Widerstand noch nicht aufgegeben haben. Streckt die Waffen. Ich rufe alle auf, bekämpft den Trotzkismus und Trotzki. Es gibt keinen andern Weg für unser Land, als den Weg, den es geht. Es kann keine andre Führung haben als die, die ihm von der Geschichte gegeben ist.

Im Hintergrund eine Anzahl namenloser Angeklagter, begleitet von Soldaten. Einige treten vor.

ANKLÄGER Ich fordere, dass diese tollgewordenen Hunde allesamt erschossen werden. Unkraut und Disteln sollen über ihren Gräbern wachsen. Auf ewig sollen sie von den ehrlichen Sowjetmenschen, vom ganzen Sowjetvolk geächtet sein.

Die Hauptangeklagten werden von den Soldaten zum Hintergrund geführt. Sinowjew leistet Widerstand.

SINOWJEW Ihr habt versprochen, unser Leben zu schonen, wenn wir bekennen.

Gelächter der Soldaten. Sinowjew klammert sich an die Beine eines Soldaten.

Bitte, um Himmels willen. Rufen Sie Yosif Vissarionowitsch. Er hat es uns persönlich versprochen.

KAMENEW Ich wende mich an meine Kinder. Seht nicht zurück. Geht weiter. Zusammen mit dem sowjetischen Volk.

SMIRNOW Lasst meine Frau, meine Tochter frei.

Sinowjew wird abgeschleppt. Er schreit.

SINOWJEW Höre Israel. Höre Israel. Unser Gott ist der einzige Gott. Während die Gruppe abgeführt wird, treten einige der Namenlosen zu Trotzki vor.

NAMENLOSER 1 Sie haben nicht gewagt, Schljapnikow vor Gericht zu stellen. Er hätte dem Ankläger ins Gesicht gespien. Sie haben ihn, mit Tausenden, die nichts bekennen wollten, in den Kellern erledigt. Auch Peterson war darunter. Der lettische Soldat, der einmal den Befehl führte über deinen Panzerzug.

NAMENLOSER 2 Eh sie Antonow erschossen, gab er seinen Mantel, seine Jacke, seine Schuhe den Mitgefangenen. Er bat uns, wenn wir einmal freikämen, jedem zu sagen, dass Antonow ein Bolschewik war, und ein Bolschewik blieb bis zur letzten Stunde.

NAMENLOSER 3 Sie haben deinen Sohn Sergej nach Moskau zurücktransportiert. Er hat allen Verhören und Folterungen standgehalten. Sich geweigert, irgendeine Erklärung zu unterschreiben. Sie gaben ihm den Genickschuss.

Das Hauptwerk von Peter Weiss ist seine dreibändige knapp 1.000 Seiten umfassende  „Ästhetik des Widerstands“, die zwischen 1971 und 1981 entstand. Es handelt von der Geschichte, den Erfahrungen, den stalinistischen Verbrechen und der Ästhetik des Widerstandes der antifaschistischen Arbeiterbewegung von 1917 bis 1945. Das Werk ist zwar keine Autobiographie, speist sich aber zum großen Teil aus der persönlichen Lebensgeschichte von Peter Weiss, der sein Werk als Wunschbiographie bezeichnet.

„Die Ästhetik des Widerstands war vielleicht der letzte gemeinsame Nenner, den die deutsche Linke fand. (..) Peter Weiss verkörpert unter allen Schriftstellern vielleicht am reinsten das, was man neuerdings den Arbeiterbewegungsmarxismus nennt. Aber in der Ästhetik des Widerstands stößt diese Art von Marxismus immer wieder an die selbstgesteckten Grenzen, und die daraus entstehenden Irritationen sind es, die dem Buch weiterhin Bedeutung verleihen können: z. B. wenn die alten Klassenkategorien durch die Frage verunsichert werden, warum der Nationalsozialismus so gut funktionierte. Gegen die Formel vom Faschismus als Diktatur des Finanzkapitals wendet der Vater ein, sie erkläre „noch nicht, warum schon im Jahr Dreißig ein großer Teil der Arbeiterklasse den Nationalsozialisten ihre Stimme gab und warum die Zahl der Wähler des Faschismus zu den siebzehn Millionen im Frühjahr Dreiunddreißig anwachsen konnte … da waren nicht nur die Philister, die niedrigen Beamten, die verstörten Hausfrauen, alle die Unterbezahlten, die Arbeitslosen, die Verelendeten, sondern unsre Arbeitskameraden, auch sie waren in sich gebrochen, auch in ihnen überwog, als es wieder zur Krise kam, die Bereitschaft, sich zu unterwerfen. Dies, sagte er, müsste nun untersucht werden … So lange das Ungelöste weiterbestand, konnte ein Neuaufbau der Arbeiterbewegung nicht gelingen, und mit dem Aufruf zur Volksfront musste sich ein Klang von Hohlheit verbinden.“    (Gerhard Scheit – Opferkult und revolutionäres Subjekt – Literatur-Konkret 1997)

Der Roman beginnt 1937 als sich das Erzähler-Ich den Internationalen Brigaden in Spanien anschließt. Seine Vater-Sohn-Beziehung, übertragen in der ständigen Debatte zwischen dem alten Sozialdemokraten und dem jungen Kommunisten zieht sich wie der Spanische Bürgerkrieg bis zum Ende durch das Werk. Die „Passionsgeschichte“ der deutschen Arbeiterbewegung  ist mit wegweisenden Bildern aus Literatur und bildender Kunst illustriert. Die Interpretation von Kafkas Schloss oder Picassos „Guernica“ gehören zu den herausragenden Beschreibungen der „Ästhetik.“ Dem Sexualforscher und Eugeniker (!) der Weimarer Republik, Max Hodann, einem Freund von Peter Weiss wird in der „Ästhetik“, warum auch immer, ein Denkmal gesetzt. Die Geschichte des Nationalsozialismus ist für Peter Weiss zwar noch immer eine Geschichte des Klassenkampfs, aber zumindest wird, anders als in der Ermittlung Antisemitismus thematisiert und die bedingungslose  Identifikation mit der unterdrückten Klasse wird in der „Ästhetik“ immer wieder gebrochen. Beispielshalber ist am Ende des ersten Teils des ersten Bandes zu lesen:

… „Schwerer als ihm war meiner Mutter die Umsiedlung gefallen. Sie, die gewohnt war, zu arbeiten, die immer zum Unterhalt der Familie beigetragen hatte, war nun zur Untätigkeit verurteilt, weder in einer Fabrik noch in einem Büro wurde sie aufgenommen, und in ihrer Unruhe begann sie, die sonst ihren Teil der Hausarbeit schnell getan hatte, stundenlang die Kommode, den Tisch, die Stühle, die Bestecke zu putzen, und zwischendurch in sich versinkend starrte sie vor sich hin und vergaß die Umwelt. Einmal, als wir uns auf die Bank im Vorgarten des Hauses gesetzt hatten, kam die Vermieterin, Frau Goldberg, und verwies uns von diesem Platz, denn erstens, sagte sie, zahlten wir nur für die Wohnung und nicht für den Garten, und zweitens sei die Bank nicht für Juden bestimmt. Als ich empört antworten wollte, hielt mich meine Mutter zurück und presste beim Aufstehn meinen Arm hart an sich. Während sie mich ins Haus zog, sagte sie mir, daß sie, nachdem man sie ihres dunklen Haars wegen einige Male als Jüdin bezeichnet hatte, sich nun selbst zur Jüdin erklärt hatte, was es ihr und dem Vater jedoch schwer machte, in Warnsdorf eine neue Bleibe zu finden. So hatte sie sich der Hausbesitzerin zu fügen, die ihr bei jeder Gelegenheit zu verstehn gab, dass sie nur auf Gnaden hier wohnte und bald, der Tag stünde schon fast vor der Tür, die Behandlung erfahren würde, die sie verdiene. Welcher Art diese Behandlung war, sah ich an einem der letzten Tage in Warnsdorf. Am Stadtrand, von Sankt Georgenthal kommend, in der Nähe einer Kiesgrube, wo es durch den sogenannten Kirchenbusch ging, hörte ich das Geschrei und Gelächter einer Gruppe von Kindern und Jugendlichen. Zuerst glaubte ich, es handle sich um ein Kriegsspiel und ging langsam vorbei, bemerkte dann aber, dass zwischen ihnen im Schotter ein Mensch lag, der röchelnde Laute von sich gab, und als ich nähertrat, sah ich, daß es der Eger Franz war, der Dorftrottel oder Jidd geschimpft wurde, ein harmloser, geistig zurückgebliebner Tagelöhner. Er wälzte sich, das Gesicht blutüberströmt, mit Schaum vor dem Mund, in Krämpfen zwischen den Halbwüchsigen umher, die ihn mit Füßen traten und mit Stecken auf seinen Kopf einschlugen. Die Schinder auseinanderdrängend, hob ich ihn auf und trug ihn bis zur Gärtnerei  Fiala in Niedergrund, wo Hilfe herbeikam. Er starb, so hörte ich später, an den Folgen der Verletzungen. Seine jungen Mörder, deren Namen bekannt waren, wurden nicht zur Verantwortung gezogen, es hieß, der vagabundierende Jude habe sich beim Sturz während eines epileptischen Anfalls den Schädel gebrochen.“ …

Der Widerstand der Roten Kapelle und das Sterben von Hans Coppi, Harro Schulze-Boysen, Arvid Harnack und vielen anderen „Pianisten“ in der Haftanstalt Berlin-Plötzensee werden eindrucksvoll geschildert. Bis in das letzte, beinahe religiös anmutende, Detail wird am Ende des dritten Bandes über viele Seiten hinweg die Hinrichtung von Coppi und den anderen Mitgliedern der von Leopold Trepper aufgebauten Roten Kapelle, aus dem Blickwinkel eines Geistlichen, beschrieben:

 … Graudenz, Johannes, die Haut unter den Augen und an den Backen hing sackartig herab, Schwarz sah an seinem Hals den Schatten der Schlagader hüpfen, Harnack, Arvid, der flüsterte, mit verklärten Zügen, vor sich hin, Scheliha, Rudolf, dieser aber rief nicht sein Hier, sondern stürzte sich aus der Reihe, der Tür zu, die Soldaten waren schon über ihm, schleppten ihn zurück, einer versetzte ihm einen Hieb in den Bauch, daß er zusammenknickte. Auch hinter seinen Namen fügte der Staatsanwalt mit dem Blaustift den Haken. Für ihn waren sie alle schon tot. Auch für Schwarz waren sie eigentlich schon erledigt. Er hatte jetzt nichts mehr mit ihnen zu tun. War schon dabei, sie zu vergessen. Nur der Name Hans Coppi blieb, aus irgendeinem Grund, in ihm haften. Unterm Vorhang sickerten ein paar Streifen rötlichen Wassers hervor. Sie hatten drüben den Raum mit dem Schlauch gespült, die Guillotine abgeschrubbt, die Kisten, darin die nackten besudelten Frauenleiber, die Köpfe, mit den aufgerißnen gebrochnen Augen, dem blutig klaffenden Mund, in die Nebenkammer geschafft, und die acht Haken oben an der Schiene ausgerichtet. Roselieb hatte ihn am Nachmittag über den Ablauf unterrichtet. Der Vorhang würde diesmal nur einen Spalt breit in der Mitte geöffnet werden. Jeden der Verurteilten würde man einzeln nach hinten führen. Sie würden links mit dem Aufhängen beginnen und die an der Schiene befestigte kurze Gardine Stück für Stück vorziehn, so dass die Nachkommenden die Gehenkten nicht sehn könnten. Die Gesellen hatten mit den Schlingen, die der Scharfrichter in die Fleischerhaken legen würde, schon ihre Späße getrieben. Sie erhielten dreißig Mark für jede Hinrichtung. Die Scharfrichter bekamen bis zu achtzig Mark. Früher, bei Enthauptungen mit dem Handbeil, hatte Röttger dreihundert Mark bezogen. Er war ein wohlhabender Mann. Unterhielt neben seinem Ehrenamt noch ein großes Fuhrgeschäft. Selbst bekam er für eine Hinrichtung, der er als Zeuge beiwohnte, nur zehn Mark Zulage. Doch wollte er sich, den Kollegen gegenüber, nicht mit Missgunst hervortun. Immerhin kam ihm das Geld, und die Sonderzuteilung an Lebensmitteln, die heute zu erwarten war, grade recht, da er morgen seinen Weihnachtsurlaub antreten würde. Er sah sich schon am Heiligen Abend im Kreis der Familie, in Weißensee, in der Langhansstraße Hundertdreiundvierzig. Langhans. Das schlug in ihn ein. Der lange Hans. Immer wenn er nun durch die Langhansstraße ginge, würde er an den langen Hans denken müssen. Er starrte hinauf in Coppis Gesicht. Versuchte, sich vorzustellen, wie das war, da zu warten, dass die Gardine sich öffne. Weiter, rief der Staatsanwalt. Er verhaspelte sich beim Lesen des folgenden Namens. Schulze Boysen, Harro, wiederholte der Staatsanwalt, nachdem der Führer der Gruppe sein Hier hinausgeschrien hatte. Schumacher, Kurt, der Name war der letzte auf der Liste, Schwarz hatte geglaubt, dass sie dem Alter nach aufgeschrieben worden waren. Bei den Frauen war die jüngste als erste dran gekommen. Auch Heilmann und Coppi waren die jüngsten. Heilmann war noch nicht mal volljährig. Doch beim Lesen der Geburtsdaten sah er, dass Schulze der älteste war, geboren Achtzehnhundert Vierundneunzig, der war schon im vorigen Krieg dabei gewesen, und der mit dein schwierigen Namen war Neunzehnhundert Neun geboren, und Harnack Neunzehnhundert Eins, niemand mehr hatte sich drum gekümmert, zwischen ihnen zu unterscheiden, sie wurden alle der gleichen Generation zugerechnet, und sie glichen einander auch alle, es waren alles fertige Gesichter, Gesichter von Menschen, die abgeschlossen hatten mit ihrem Leben, da kam es nicht mehr drauf an, ob sie gegen fünfzig oder gegen vierzig Jahre alt waren, es war dieser sonderbare Ausdruck von Stolz, von Gewissheit, der sie einander so ähnlich machte. Der Staatsanwalt verlas das Urteil, und als er die Erhängung verkündete, rief Schulze Boysen, dass ihnen die Enthauptung zustehe, doch da hatte Röttger, von seiner Ecke her, den Vorhang schon in der Mitte aufgezogen, der Beisitzer war auf Heilmann zugetreten und führte ihn zum Spalt, die drei Gesellen glitschten ihm auf dem nassen Boden entgegen und trugen ihn weg. Der Geistliche folgte ihnen, hinter ihm schloss sich der Vorhang. Poelchau sah, wie die Gesellen den Verurteilten unter den ersten der großen, verschiebbaren Haken an der Schiene brachten und ihn nach vorn drehten. Hinter ihm, am Saum der drei Stufen, die, die Breite des Raums durchmessend, zu den hohen eisernen Fensterluken emporführten, stand der Schemel, den der Scharfrichter bestieg. Röttger wurde das meiste abgenommen. Wie er bloß auf den Knopf gedrückt hatte, der den Fall des Beils an der Guillotine auslöste, so richteten ihm die Gesellen den Verurteilten zur letzten Handhabung her. Roselieb schob diesem die Hanfschlinge über den Kopf. Der Strick verfing sich an Nase und Lippen. Die Gesellen zogen den Strick herunter und rückten ihn auf dem Hals zurecht. Poelchau betete laut. Während die Gesellen den leichten Körper hochhoben, streckte Röttger über ihm die Hände aus. Roselieb reichte ihm die Schlaufe oben an der Schlinge, die er in den Haken steckte. Die Gesellen ließen den Körper fallen. Sie hängten sich an die um sich stoßenden Beine. Das Knacken der Wirbelknochen war zu vernehmen. Das Gesicht wurde schwärzlich blau. Die Augäpfel traten hervor. Einige Sekunden lang schlug die Zunge rasend im weit aufgerissnen Mund hin und her. Immer noch betete Poelchau. Konvulsionen durchfuhren den Körper und die Beine des Gehenkten. Der Arzt, in seinem schmierigen Rock, legte ihm das Stethoskop an die Brust. Mehrmals schob der Arzt die vorgezogne kurze Gardine zur Seite, um ihn abzuhorchen. Es regte sich immer noch unter dem Tuch, als Poelchau hinausging. Dann wurde Coppi, auf den Wink des Arztes, durch den Spalt des Vorhangs geschoben. Zu Poelchau, der ihn begleitete, sagte er, er solle Hilde grüßen. Und jetzt war alles, was geschah, schon etwas Gewohntes. Zwanzig Uhr, einundzwanzig Minuten, vermeldete der Arzt, bei der Angabe der Todeszeit von Hans Coppi. …

Im dritten Band der Trilogie gerät die Mutter des Ich-Erzählers unter verfolgte Juden und verfällt dadurch dem Wahnsinn. Der Vater und die Linke kann das von der Mutter gesehene Grauen nicht erfassen und so werden sie mitschuldig an der Judenverfolgung. Gerhard Scheit schreibt dazu in „Opferkult und revolutionäres Subjekt“  (Konkret 1997): „Auschwitz ist nicht das Hauptthema dieses Romans, doch noch als Nebenthema verrät es, dass es das Hauptthema hätte sein müssen. Wird es direkt angesprochen, entsteht Wahnsinn – wie im Falle der Mutter – oder es wird sogleich Zuflucht zur Metapher der Krankheit gesucht, um sich vor dem Wahnsinn zu schützen – wie im Falle des Vaters: „Immer wurde behauptet, dass diese Seuche, die alle drei, vier Jahrzehnte Konvulsionen verursachte, aus dem Nichts, dem Unerklärlichen komme, doch war sie stets in allen Einzelheiten geplant. … Die Epidemie, die von dem Ungeheuer ausging, wurde auf unzählige Arten verbreitet, durch den betrügerischen Kuss bis hin zur tödlichen Schändung, und hatte mehr Leben schon hinweggerafft als jede andre Pest.“ Eine Seuche, die in allen Einzelheiten geplant sein soll – auf diese irrsinnige Weise versucht die anständig gebliebene Arbeiterbewegung den Antisemitismus zu „rationalisieren.“

Nach dem Ende von Staatskommunismus, Arbeiterbewegung und Kaltem Krieg liest sich die am Ende beschworene Solidarität der „Völker“ mit sozialistischer Staatlichkeit gegen die „Herrschaft des Geldes“ und deren „Armee von Agenten“ mit der „gekauften westlichen Presse“, wie auch Hodanns Beschwörung der deutschen Kultur gegen die „Entehrung Deutschlands“ und die Rede von der „Weimarer Regierung des Finanzkapitals“ mitunter beschwerlich und befremdlich. Lesenswert und erkenntnisreich bleibt das Spätwerk von Peter Weiss trotz mancherlei Schwächen allemal. Lesenswert ist aber auch die Arbeit von Berthold Brunner, „Der Herakles/Stahlmann-Komplex in Peter Weiss’ Ästhetik des Widerstands“:

Der Widerstand der organisierten antifaschistischen Arbeiterbewegung konnte die Shoah nicht nur nicht verhindern, sie war nicht einmal in der Lage, den antisemitischen Vernichtungsfeldzug auch nur angemessen wahrzunehmen und „deshalb begreift Peter Weiss in seinem Roman den Widerstand der organisierten Arbeiterbewegung als radikal gescheitert.“

Peter Weiss wurde am 8. November 1916, sein Erzähler-Ich am 8. November 1917, während der Oktoberrevolution in Russland geboren. Am 8. November 2016 wäre Peter Weiss 100 Jahre alt geworden. Zum 100. Geburtstag des ambivalenten Schriftstellers veranstaltet das Peter Weiss-Haus in Rostock am Freitag, den  11. November 2016 ab 11 Uhr eine rund 50 Stunden dauernde Stafettenlesung der „Ästhetik des Widerstands.“ Unter den Lesenden sind Gregor Gysi, Hans Coppi jr., Gunilla Palmstierna-Weiss und Gila Lustiger. Claudia Roth ist auch dabei. Die Mitwirkung der grünen Kopftuchträgerin hat Peter Weiss nicht verdient.

Benjamin Netanjahu und die deutschen Friedensfreunde

28. Oktober 2016

netanditBenjamin Netanjahu, geboren am 21. Oktober 1949 in Tel Aviv war erstmals von 1996 bis 1999 und ist seit 2009 erneut zum Ministerpräsidenten von Israel gewählt worden. Dazwischen war er Außenminister und Finanzminister unter Ariel Scharon. Benjamin Netanjahus Vater Benzion war Professor für jüdische Geschichte und Herausgeber der Encyclopaedia Hebraica und sein älterer Bruder Jonathan kam bei der Operation Thunderbolt im Jahre 1976 ums Leben, nachdem die deutschen antiimperialistischen Terroristen Wilfried Böse und Brigitte Kuhlmann ein französisches Flugzeug entführt und in Entebbe jüdische von nichtjüdischen Geiseln selektiert haben. Benjamin Netanjahu hat drei Kinder und er besitzt einen Bachelor of Science in Architektur des Massachusetts Institute of Technology und einen Master of Science in Management der MIT Sloan School of Management, außerdem hat er Politische Wissenschaften an der Harvard University und am MIT studiert.

Dass Benjamin Netanjahu nun schon seit sieben Jahren zum israelischen Ministerpräsidenten gewählt wurde treibt die deutschen Friedensfreunde um, es macht sie fassungslos. Benjamin Netanjahu ist der „Gegner aller linken und linksliberalen Israelfreund*innen“ diktiert beispielsweise die Antiimperialistin Jutta Ditfurth ihrer treuen Anhängerschaft. „Da rackert man sich tagaus, tagein als ehrlicher Makler für den Frieden in Nahost ab, und was machen diese undankbaren Juden? Wählen so einen. Einen Hardliner. Und das nicht einmal, sondern mehrfach. Haben die denn gar nichts aus der Geschichte gelernt? So war daher in den deutschen Medien so gut wie nichts über die Rede zu erfahren, die Netanjahu im September vor der UNO-Generalversammlung gehalten hat.“ (Lars Quadfasel in Konkret 11/2016)

Woher nehmen sich deutsch-debile Friedenfreunde wenige Jahrzehnte nach Auschwitz das Recht die israelische Bevölkerung für ihr Wahlverhalten zu kritisieren? Was würden die deutschen „Friedensbewahrer“ nach einem arabischen Überfall auf Israel wie er vergleichbar zu Yom Kippur 1974 geschah sagen oder schreiben nachdem ein israelischer Ministerpräsident ihre Weisungen fatalerweise angenommen hätte? Das konnten wir nicht wissen oder würden sie mit Lichterketten für den Frieden und die Toten beten oder für ein Mahnmal der ermordeten Juden werben?

Mit seiner hervorragenden Rede vom 22. September vor der UNO-Generalversammlung entlarvt Benjamin Netanjahu die Gegner Israels von den arabischen Antisemiten über die UNO bis hin zu den deutschen „Friedensfreunden.“ Nachfolgend also die Rede des israelischen Ministerpräsidenten, die wenn es mit rechten Dingen zugehen würde, in künftigen Schulbüchern als ein Meisterstück politischer Redekunst (Lars Quadfasel) Einkehr finden würde:

Herr Präsident,
meine Damen und Herren,

was ich jetzt sage, wird Sie schockieren: Israel hat eine glänzende Zukunft in den Vereinten Nationen vor sich. Ich weiß, es muss Sie überraschen, das ausgerechnet von mir zu hören, da ich Jahr für Jahr an diesem Podium gestanden und die Vereinten Nationen für ihre obsessive Voreingenommenheit gegenüber Israel gescholten habe. Die UNO hat jedes schonungslose Wort verdient, bedenkt man das schändliche Tun der Generalversammlung, im vergangenen Jahr zwanzig Resolutionen gegen den demokratischen Staat Israel verabschiedet zu haben, aber nur die Summe von exakt drei Resolutionen gegen alle anderen Länder auf diesem Planeten. Israel, zwanzig; der Rest der Welt, drei.

Und was ist mit dem Witz, der sich UN-Menschenrechtsrats nennt und jedes Jahr Israel mehr verurteilt als alle anderen Länder der Welt zusammen? In einer Welt, in der Frauen systematisch vergewaltigt, ermordet und als Sklavinnen verkauft werden, welches ist wohl das einzige Land, das die UN-Kommission dieses Jahr auserkoren hat, um es für die Behandlung von Frauen zu verurteilen? Ja, Sie haben richtig geraten: Israel. Israel! Israel, wo Frauen Kampfjets fliegen, große Unternehmen und Universitäten leiten, dem Obersten Gericht schon zwei Mal vorstanden und als Sprecherinnen in der Knesset und als Premierministerin gedient haben.

Und der Zirkus geht weiter bei der UNESCO. Die UNESCO ist als UN-Gremium damit beauftragt, das Weltkulturerbe zu erhalten. Es ist schwer zu glauben, was ich jetzt sage, aber diese UNESCO verweigerte dem jüdischen Volk tatsächlich jüngst die in 4000 Jahren gewachsene Verbindung zu seiner heiligsten Stätte, dem Tempelberg. Das ist genauso absurd, wie die Verbindung zwischen der Chinesischen Mauer und China zu leugnen.

Meine Damen und Herren,

die UNO hat einst als eine moralische Instanz begonnen, sie ist aber zu einer moralischen Farce verkommen. Sie werden jetzt vielleicht denken, wenn es in den Vereinten Nationen um Israel geht, wird sich nichts mehr ändern, aber da irren Sie sich. Sehen Sie, all das wird sich ändern und viel früher als Sie denken. Die Veränderungen werden sich auch in diesem Saal manifestieren. Wenn Sie wieder zu Hause sind, werden Ihre Regierungen schon sehr bald ihre Haltungen zu Israel verändern und das wird früher oder später dafür sorgen, dass auch Sie Ihre Wahlentscheidungen über Israel hier in den Vereinten Nationen überdenken. Immer mehr Nationen, ob nun in Asien, Afrika oder in Lateinamerika, werden Israel als starken Partner erkennen im Kampf gegen den Terrorismus von heute und im Entwickeln von Technologien von morgen.

Heute pflegt Israel diplomatische Beziehungen zu mehr als 160 Ländern. Das ist fast doppelt zu viel als zu der Zeit, da ich hier vor rund dreißig Jahren als Israels Botschafter diente. Und diese Beziehungen werden jeden Tag tiefer und intensiver. Die Führer der Welt wissen immer mehr zu schätzen, dass Israel ein starkes Land mit einem der besten Nachrichtendienste der Welt ist. Aufgrund unserer unerreichten Erfahrung und unseren bewährten Fähigkeiten im Kampf gegen den Terrorismus, suchen viele Ihrer Regierungen unsere Hilfe, um Ihre Länder sicher zu halten.

Viele streben danach, von Israels Einfallsreichtum zu profitieren, sei es nun in der Landwirtschaft, im Gesundheitswesen, in der Wasseraufbereitung, in der Internetsicherheit, der Verarbeitung von großen Datenmengen, der Netzwerkerweiterung oder der Entwicklung künstlicher Intelligenzen, all das Wissen, das die Welt in jeder Hinsicht verändert.

Sie sollten dies bedenken: Israel ist weltweit führend in der Wiederaufbereitung von Abwasser. Wir recyceln über 90% unseres Abwassers. Wie bemerkenswert ist das? Nun, das nächste Land auf der Liste recycelt nur etwa 20% des Abwassers. Israel ist somit eine globale Wassermacht. Wenn wir also eine durstige Welt haben, und die haben wir, dann gibt es dagegen keinen besseren Verbündeten als Israel.

Wie sieht es mit der Internetsicherheit aus? Das ist ein Thema, das uns alle betrifft. Israel macht zwar nur ein Zehntel eines Prozents der Weltbevölkerung aus, hat aber dennoch im vergangenen Jahr rund zwanzig Prozent aller weltweit privaten Investitionen im Bereich der Internetsicherheit getätigt. Verdauen Sie diese Zahl erst einmal. In der Internetsicherheit schlägt sich Israel erfolgreich satte 200 mal über seiner Gewichtsklasse. Somit ist Israel ebenfalls eine globale Internetmacht. Wenn Hacker Ihre Banken, Flugzeuge, Stromnetze und so ziemlich alle anderen Netzwerke attackieren, bietet Israel unverzichtbare Hilfe an. Die Regierungen der Welt ändern ihre Haltungen zu Israel, weil sie wissen, dass Israel ihnen helfen kann, ihre Völker zu schützen, zu ernähren und ihr Leben besser zu gestalten.

In diesem Sommer hatte ich die unglaubliche Gelegenheit, diese Veränderungen mit eigenen Augen zu sehen und zwar als ich eine unvergessliche Reise in vier afrikanische Länder tätigte. Es war der erste Afrikabesuch eines israelischen Premierministers seit Jahrzehnten. Im Laufe des heutigen Tages werde ich mich zudem mit Führern von 17 afrikanischen Ländern treffen, um darüber zu diskutieren, wie israelische Technologien helfen können, diese Länder in ihren Bemühungen zu unterstützen, die eigene Situation zu verbessern. In Afrika, ändern sich die Dinge! Auch in China, Indien, Russland, Japan ändert sich die Haltung zu Israel ebenfalls. Diese mächtigen Nationen wissen, dass Israel trotz der geringen Größe große Veränderungen in vielen, vielen Bereichen bewirken kann, die ihnen wichtig sind.

Aber jetzt werde ich Sie noch mehr überraschen. Sie werden feststellen, dass die größte Veränderung in der Haltung zu Israel anderswo stattfinden wird, nämlich in der arabischen Welt. Unsere Friedensverträge mit Ägypten und Jordanien sind Stabilitätsanker im sonst so unsicheren Nahen Osten. Und daher sage ich Ihnen noch etwas: Zum ersten Mal in meinem Leben, erkennen viele andere Staaten in der Region, dass Israel nicht ihr Feind ist, sie erkennen vielmehr, dass Israel ihr Verbündeter ist! Unsere gemeinsamenen Feinde sind der Iran und ISIS. Unsere gemeinsamen Ziele sind Sicherheit, Wohlstand und Frieden. Ich glaube daher, dass wir in den kommenden Jahren zusammenarbeiten werden, um diese gemeinsamen Ziele in offener Zusammenarbeit zu verwirklichen.

Israels diplomatische Beziehungen erleben gerade nichts weniger als eine Revolution. In dieser Revolution werden wir jedoch nie unsere liebste Allianz und unsere tiefste Freundschaft mit den Vereinigten Staaten von Amerika vergessen. Sie ist die stärkste und großzügigste Nation auf der Erde.

(Applaus im Saal)

Unsere unzertrennliche Verbindung mit den Vereinigten Staaten von Amerika geht über Parteien und Politik hinaus. Sie zeigt sich vor allem in der überwältigenden Solidarität, die Israel unter dem amerikanischen Volk erfährt, eine Unterstützung, die sich zur Zeit auf einer Rekordhöhe befindet und für die wir sehr dankbar sind.

Die Vereinten Nationen prangern Israel an. Die Vereinigten Staaten unterstützen Israel. Eine zentrale Säule dieser Unterstützung bei den Vereinten Nationen ist Amerikas konsequente Verteidigung Israels. Ich schätze Präsident Obamas Engagement für diese langjährige US-Politik. Um genau zu sein, das einzige Mal, dass die Vereinigten Staaten während der Obama-Präsidentschaft ein Veto im UN-Sicherheitsrat einbrachten, war es ein Veto gegen eine anti-israelische Resolution aus dem Jahr 2011. Wie Präsident Obama zu Recht auf diesem Podium erklärte, Frieden kommt nicht von Erklärungen und Resolutionen der Vereinten Nationen.

Ich glaube, der Tag ist nicht mehr fern, da Israel sich auf viele, viele weitere Länder verlassen können wird, die dann mit uns und zu uns unter den Vereinten Nationen stehen. Langsam, aber sicher, finden die Zeiten, da UN-Botschafter reflexartig Israel verurteilten, ein Ende.

Meine Damen und Herren,

die automatische Mehrheit gegen Israel, die sich heute noch regelmäßig in der UNO einstellt, erinnert mich an die unglaubliche Geschichte von Hiroo Onada. Hiroo war ein japanischer Soldat, der im Jahre 1944 auf die Philippinen versetzt wurde. Dort lebte er im Dschungel, ernährte sich von der Umgebung und entzog sich mehrfach Festnahmen. Er ergab sich erst im Jahr 1974, rund 30 Jahre nachdem der Zweite Weltkrieg bereits zu Ende war. Jahrzehnte weigerte sich Hiroo zu glauben, dass der Krieg vorbei war. Während sich Hiroo im Dschungel versteckte, schwammen japanische Touristen in Pools amerikanischer Luxushotels in der Nähe von Manila. Schließlich erbarmte sich ein ehemaliger Kommandant Hiroos und konnte ihn davon überzeugen, aus seinem Versteck zu kommen. Erst da legte Hiroo seine Waffen nieder.

Meine Damen und Herren,
verehrte Delegierte aus so vielen Ländern,

ich habe heute eine Nachricht für Sie: Legen Sie Ihre Waffen nieder. Der Krieg gegen Israel bei den Vereinten Nationen ist zu Ende!

Einige von Ihnen wissen es vielleicht noch nicht, aber ich bin zuversichtlich, eines Tages, in nicht allzu ferner Zukunft, werden auch Sie die Meldung von Ihrem Präsidenten oder von Ihrem Premierminister erhalten, dass der Krieg gegen Israel in den Vereinten Nationen vorbei ist. Ja, ich weiß auch, es könnte noch ein Sturm vor der Ruhe kommen. Ich habe hier nämlich wieder die Absicht vernommen, dass später dieses Jahres hier in der UNO wieder gegen Israel agitiert werden soll. Aber glaubt hier wirklich jemand ernsthaft, dass Israel die Vereinten Nationen über Sichherheitsfragen und nationale Interessen Israels bestimmen lassen wird? Wir werden die Versuche der Vereinten Nationen, Israel Bedingungen zu diktieren, nie akzeptieren, denn wir wissen um die Geschichte der Feindseligkeit der Vereinten Nationen gegenüber Israel! Der Weg zum Frieden führt durch Jerusalem und Ramallah, nicht durch New York.

Aber unabhängig davon, was in den nächsten Monaten passieren wird, ich habe vollstes Vertrauen, dass sich in den kommenden Jahren das gute Ansehen Israels unter den Nationen der Welt auch auf das Ansehen Israels unter den Nationen in diesem Saal auswirken wird. Ich habe sogar so viel Zutrauen, dass ich vorhersage, in einem Jahrzehnt von heute wird ein israelischer Premierminister hier stehen, wo ich jetzt stehe und den Vereinten Nationen applaudieren.

Aber jetzt frage ich Sie: Warum müssen wir ein ganzes Jahrzehnt warten? Warum wollen Sie weiter Israel verleumden? Vermutlich, weil einige von Ihnen noch nicht begriffen haben, dass die obsessive Voreingenommenheit gegenüber Israel nicht nur ein Problem für mein Land ist, sondern auch ein Problem für Ihre Länder. Wenn die UNO nämlich so viel Zeit damit verbringt, die einzige liberale Demokratie im Nahen Osten zu verurteilen, hat sie viel weniger Zeit, um Krieg, Krankheit, Armut, Klimawandel und all die anderen ernsten Problemen zu adressieren, die diesen Planeten plagen.

Oder haben Sie das Abschlachten einer halben Million Syrer mit Ihrer Verurteilung Israels verhindert? Das Israel, das Tausende von verletzten Syrern in Krankenhäusern aufgenommen und behandelt hat. Darunter ist ein Feldlazarett, das meine Regierung auf der Golanhöhe entlang der Grenze zu Syrien gebaut hat. Haben Sie all den an Kränen aufgehängten Homosexuellen im Iran durch Ihre Verunglimpfung Israels geholfen, dem Israel, wo Homosexuelle stolz in unseren Straßen marschieren und in unserem Parlament dienen? Ich bin stolz darauf, dass sie auch in meiner Likud-Partei sind. Haben Sie den hungernden Kinder in der brutale Tyrannei Nordkoreas mit Ihrer Dämonisierung Israels geholfen, Israel, dessen landwirtschaftliches Wissen den Hunger in Entwicklungsländern bekämpft?

Je früher die Obsession der Vereinten Nationen mit Israel endet, umso besser. Es ist besser für Israel, besser für Ihre Länder und besser für die Vereinten Nationen selbst!

Meine Damen und Herren,

wenn schon die Gewohnheiten der Vereinten Nationen schwer aussterben, sterben palästinensische Gewohnheiten noch viel schwieriger aus. Präsident Abbas hat gerade von diesem Podium aus die Balfour-Deklaration angegriffen. Er bereitet momentan eine Klage gegen Großbritannien vor, aufgrund der Erklärung von 1917. Das ist fast 100 Jahren her. Da steckt mal jemand in der Vergangenheit fest! Die Palästinenser können genauso gut den Iran für die Erklärung Nebukadnezars verklagen, der es uns Juden erlaubte, unseren Tempel in Jerusalem vor 2500 Jahre wieder aufzubauen. Oder wo wir schon mal dabei sind, warum bringen die Palästinenser nicht direkt eine Sammelklage gegen Abraham ein, weil er ein Grundstück in Hebron kaufte, wo die Väter und Mütter des jüdischen Volkes vor 4000 Jahren begraben wurden?

(Stille im Saal)

Sie lachen nicht? Es ist nicht absurder als die britische Regierung für die Balfour-Deklaration zu verklagen! Meint er das ernst? Das wird ernst genommen hier?

Präsident Abbas greift die Balfour-Deklaration an, weil sie das Recht des jüdischen Volkes zu einer nationalen Heimstätte in dem Land Israel anerkennt. Die Vereinten Nationen unterstützten die Errichtung eines jüdischen Staates im Jahr 1947, weil sie unser historisches und moralisches Recht an einem Land in unserer Heimat anerkannten. Doch heute, fast 70 Jahre später, weigern sich die Palästinenser immer noch, dieses Recht anzuerkennen. Sie erkennen weder unser Recht auf eine Heimat an, noch unser Recht auf einen Staat und eine eigene Gesetzgebung. Sie erkennen nichts an! Die anhaltende palästinensische Weigerung, den jüdischen Staat in irgendeiner Grenze anzuerkennen, ist der wahre Kern des Konflikts. Sie sehen, in diesem Konflikt geht es nicht um die Siedlungen. Darum ging es nie.

Der Konflikt tobte schon Jahrzehnte vor der ersten Siedlung, als Judäa, Samaria und Gaza noch allesamt in arabischer Hand waren. Seit die Westbank und der Gazastreifen in arabischer Hand sind, werden wir aus diesen Gebieten angegriffen, wieder und wieder und wieder. Als wir alle 21 Siedlungen im Gazastreifen aufgaben und uns gänzlich selbst aus den letzten Winkeln Gazas verabschiedeten, bekamen wir nicht Frieden aus dem Gazastreifen. Wir bekamen Tausende von Raketen, die aus dem Gazastreifen auf uns abgefeuert wurden. Dieser Konflikt tobt, weil die Siedlungen, die die Palästinenser nicht anerkennen, folgende Namen tragen: Haifa, Jaffa und Tel Aviv.

Die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Siedlungen ist eine reale Frage. Sie kann und muss in Verhandlungen gelöst werden. Aber in diesem Konflikt ging es nie um Siedlungen oder um die Errichtung eines palästinensischen Staats. Es ging immer schon um die Existenz eines jüdischen Staates in irgendeiner Grenze.

Meine Damen und Herren,

Israel ist bereit, ich bin bereit, über sämtliche endgültigen Fragen zu verhandeln, bis auf eine Sache: Ich werde nie über unser Recht verhandeln, einen eigenen und einzigen jüdischen Staat zu haben.

(Anhaltender Beifall im Saal)

Wow, anhaltender Beifall für den Premierminister von Israel in der UN-Generalversammlung? Die Veränderung kommt früher als ich dachte.

Hätten die Palästinenser im Jahr 1947 zu dem jüdischen Staat Ja gesagt, hätte es nie einen Krieg gegeben und somit auch keine Flüchtlinge und keinen Konflikt. Sobald die Palästinenser zu einem jüdischen Staat Ja sagen, werden wir in der Lage sein, diesen Konflikt ein für allemal zu beenden. Nun, genau hier liegt die Tragödie. Die Palästinenser sind nicht nur in der Vergangenheit gefangen, ihre Führer vergiften sogar die Zukunft. Ich möchte Sie einmal bitten, sich den Tag eines 13-jährigen palästinensischen Jungen vorzustellen. Nennen wir ihn Ali.

Ali wacht vor der Schule auf. Er geht zu seiner Fußballmannschaft trainieren, benannt nach Dalal Mughrabi, einem palästinensischen Terroristen, der für den Mord an 37 Israelis in einem Bus verantwortlich ist. Danach geht Ali zur Schule und nimmt dort an einer Veranstaltung teil, finanziert vom palästinensischen Bildungsministerium zu Ehren Baha Alyans bei, der im vergangenen Jahr drei israelische Zivilisten ermordet hat. Auf seinem Weg nach Hause, geht Ali an eine hoch aufragende Statue vorbeit, die erst vor ein paar Wochen von der palästinensischen Behörde errichtet wurde, um Abu Sukar zu ehren, der eine Bombe im Zentrum von Jerusalem zur Detonation gebracht, bei der 15 Israelis getötet wurden. Ali kommt nach Hause und schaltet den Fernseher ein. Er sieht ein Interview mit dem hochrangigen palästinensischen Beamten Jibril Rajoub, der sagt, dass, wenn er eine Atombombe hätte, er sie noch heute über Israel hochgehen lassen würde. Ali schaltet das Radio an und hört Präsident Abbas Berater, Sultan Abu al-Einein, der Palästinenser dies erklärt: „Schlitzt die Kehlen der Israelis auf, wo Ihr sie findet.“ Daraufhin überprüft Ali sein Facebookprofil und sieht dort einen kürzlich erschienenen Beitrag von Präsident Abbas‘ Fatah-Partei, wo das Massaker an elf israelische Athleten bei den Olympischen Spielen in München als eine „Heldentat“ feiert. Auf YouTube, sieht Ali dann einen Clip von Präsident Abbas selbst, der sagt: „Wir begrüßen jeden Tropfen Blut, der in Jerusalem verschüttet wird.“ Das ist ein direktes Zitat. Beim Abendessen fragt Ali seine Mutter, was passiert, wenn er einen Juden getötet und dafür in ein israelisches Gefängnis muss. Hier ist, was ihm die Mutter erzählt. Sie sagt, dass er dafür Tausende von Dollar jeden Monat von der Palästinensischen Behörde bekommt. Genauer gesagt sagt sie ihm, desto mehr Juden er tötet, desto mehr Geld bekommt er. Ach ja, und wenn er aus dem Gefängnis kommt, so sagt sie, bekommt Ali noch einen guten Job in der Palästinensischen Behörde.

Meine Damen und Herren,

das ist alles real! Es passiert jeden Tag, die ganze Zeit. Leider ist Ali kein Einzelfall. Er repräsentiert Hunderttausende von palästinensischen Kindern, die jeden Moment mit Hass indoktriniert werden, jede Stunde. Das ist Kindesmissbrauch!

Stellen Sie sich vor, Ihr Kind würde dieser Gehirnwäsche unterzogen. Stellen Sie sich vor, wie schwer es für einen kleinen Jungen oder ein kleines Mädchen ist, aus dieser Kultur des Hasses auszubrechen. Manche schaffen es, aber viel zu viele schaffen es nicht. Wie kann irgendeiner von uns erwarten, dass junge Palästinenser den Frieden unterstützen, wenn ihre Führer ihre Gedanken für den Frieden vergiften? Wir in Israel tun das nicht! Wir erziehen unsere Kinder zum Frieden. Wir haben erst vor kurzem ein Pilotprogramm gestartet, meine Regierung hat das getan, um das Studium der arabischen Sprache für jüdische Kinder obligatorisch zu machen, damit wir einander besser verstehen können, um gemeinsam Seite an Seite in Frieden leben zu können.

Natürlich gibt es in Israel, wie in allen Gesellschaften, auch Extremisten. Aber unsere Antwort auf diese Extremisten macht den Unterschied! Nehmen Sie nur den tragische Fall von Ahmed Dawabsha. Ich werde nie vergessen, wie ich nur wenige Stunden nach dem Angriff Ahmed im Krankenhaus besuchte. Ein war ein kleines Kind, ein Baby und war schwer verbrannt. Ahmed war das Opfer einer schrecklichen Tat eines jüdischen Terroristen. Er lag bandagiert und bewusstlos, während israelische Ärzte rund um die Uhr daran arbeiteten, ihn zu retten.

Keine Worte können der Familie dieses Jungen Trost bringen. Dennoch, als ich an seinem Bett stand, sagte ich zu seinem Onkel: „Das ist nicht unser Volk. Das ist nicht unser Weg.“ Ich ordnete daraufhin außerordentliche Maßnahmen an, um Ahmeds Angreifer vor Gericht zu bringen. Heute sitzen die jüdischen Bürger Israels, die beschuldigt werden, den Angriff auf die Familie Dawabsha begangen zu haben, im Gefängnis und erwarten ihren Prozess.

Einige werden nun sagen, diese Geschichte zeige, dass beide Seiten ihre Extremisten hätten und beide Seiten gleichermaßen verantwortlich seien für diesen scheinbar endlosen Konflikt. Aber Ahmeds Geschichte beweist tatsächlich das genaue Gegenteil. Es zeigt die tiefen Unterschiede zwischen unseren beiden Gesellschaften. Während die israelische Führung Terroristen verurteilt, und zwar alle Terroristen, Araber und Juden gleichermaßen, feiern palästinensische Führer ihre Terroristen. Während in Israel die handvoll jüdischer Terroristen in Gefängnissen sitzen, bezahlen die Palästinenser Tausende von Terroristen unter ihnen. Daher rufe ich Präsident Abbas auf: Sie haben die Wahl! Sie können weiterhin den Hass schüren, wie Sie es heute getan haben, oder Sie können endlich gegen den Hass vorgehen und mit mir daran arbeiten, Frieden zwischen unseren beiden Völkern zu schaffen.

Meine Damen und Herren,

ich höre das Gemurmel. Ich weiß, dass viele von Ihnen den Frieden aufgegeben haben. Aber ich möchte, dass Sie wissen: Ich habe den Frieden nicht aufgegeben. Ich bleibe der Vision von Frieden verpflichtet, basierend auf zwei Staaten für zwei Völker. Ich glaube, so stark wie nie zuvor, dass die Veränderungen in der arabischen Welt uns eine einmalige Gelegenheit bieten werden, diesen Frieden zu verwirklichen.

Ich lobe Präsident el-Sisi von Ägypten für seine Bemühungen, Frieden und Stabilität in unserer Region zu fördern. Israel begrüßt den Geist der arabischen Friedensinitiative und begrüßt einen Dialog mit den arabischen Staaten, um einen größeren Frieden zu befördern. Ich glaube zudem, um einen breiten Frieden für alle zu erreichen, müssen die Palästinenser ein Teil der Verhandlungen werden. Ich bin bereit, sofort Verhandlungen zu beginnen, um Frieden zu erreichen und zwar heute, nicht morgen, nicht nächste Woche, heute!

Vor einer Stunde sprach Präsident Abbas hier. Wäre es nicht besser, wenn wir, statt aneinander vorbei zu reden, miteinander reden würden? Präsident Abbas, statt hier bei den Vereinten Nationen in New York gegen Israel zu reden, lade ich Sie herzlich ein, in der Knesset in Jerusalem zum israelischen Volk zu sprechen. Ich spreche im Gegenzug gerne zum palästinensischen Parlament in Ramallah.

Meine Damen und Herren,

während wir in Israel den Frieden mit all unseren Nachbarn suchen, wissen wir auch, dass der Frieden keinen größeren Feind kennt als die Kräfte des militanten Islams. Die blutige Spur dieses Fanatismus‘ zieht sich durch alle Kontinente, die hier vertreten sind. Sie läuft durch Paris und Nizza, Brüssel und Bagdad, Tel Aviv und Jerusalem, Minnesota und New York, von Sydney bis nach San Bernardino. So viele haben bereits unter dieser Barbarei gelitten: Christen und Juden, Frauen und Homosexuelle, Yeziden und Kurden und viele, viele andere. Den höchsten Preis aber zahlen die unschuldigen Muslime. Hunderttausende von ihnen wurden unbarmherzig geschlachtet, Millionen zu verzweifelten Flüchtlingen verdammt, zig Millionen brutal unterjocht. Die Niederlage des militanten Islam wird ein Sieg für die ganze Menschheit sein, aber vor allem ein Sieg für die vielen Muslime, die ein Leben ohne Angst suchen, ein Leben in Frieden und Hoffnung.

Um die Kräfte des militanten Islams zu besiegen, müssen wir sie unnachgiebig bekämpfen. Wir müssen sie in der realen Welt bekämpfen und in der virtuellen Welt. Wir müssen ihre Netzwerke zerstören, ihre Finanzierungen kappen und ihre Ideologie diskreditieren. Wir können sie besiegen und wir werden sie besiegen. Mittelalterlichkeit passt nicht in die Moderne. Hoffnung ist stärker als Hass. Freiheit ist stärker als Angst. Wir schaffen das!

Meine Damen und Herren,

Israel schlägt diese schicksalshafte Schlacht gegen die Kräfte des militanten Islam jeden Tag. Wir schützen unsere Grenzen vor ISIS, wir verhindern, dass kriegsentscheidende Waffen an die Hisbollah im Libanon geschmuggelt werden, wir vereiteln palästinensische Terroranschläge in Judäa und Samaria, bekannt als Westbank, und wir halten die Hamas von Raketenangriffen aus Gaza ab.

Das ist der selbe Hamasterror, der sich grausam, unglaublich grausam, weigert, uns drei unserer Bürger auszuliefern, sowie die Leichen der zwei gefallenen Soldaten Oron Shaul und Hadar Goldin. Hadar Goldins Eltern, Leah und Simcha Goldin, sind heute hier bei uns. Sie haben nur eine Bitte: Ihren geliebten Sohn in Israel begraben zu können. Alles, worum sie bitten, ist diese einfache Sache: Sie wollen in der Lage sein, das Grab ihres gefallenen Sohns Hadar in Israel besuchen zu können. Die Hamas weigert sich. Sie könnte sich nicht weniger interessieren. Ich flehe Sie an, sich an die Seite der Familie zu stellen, zu uns, mit allem, was in unserer Welt anständig ist, um gegen die Unmenschlichkeit der Hamas anzugehen, denn die Hamas ist unanständig und barbarisch. Die Hamas bricht jede menschliche Regel, die im Buche steht. Haut der Hamas dieses Buch um die Ohren!

Meine Damen und Herren,

die größte Bedrohung für mein Land, für unsere Region und letztlich für unsere ganze Welt ist und bleibt das militante islamische Regime im Iran. Der Iran fordert offen Israels Vernichtung, droht den Ländern im Nahen Osten und fördert den Terror weltweit. In diesem Jahr hat der Iran im offenen Bruch der Resolutionen des Sicherheitsrates Raketen abgefeuert. Der Iran geht aggressiv gegen den Irak, Syrien und Jemen vor. Der Iran ist der vorderste Unterstützer des weltweiten Terrorismus‘ und baut sein globales Terrornetzwerk aus. Das Terrornetzwerk umspannt mittlerweile alle fünf Kontinenten. Der springende Punkt ist daher, die Bedrohung des Irans, die uns alle betrifft, ist nicht hinter uns, sie liegt noch vor uns. In den kommenden Jahren müssen wir unsere vereinten Kräfte nachhaltig gegen die iranischen Aggressionen und den iranischen Terror bündeln. Wieder ein Jahr näher an den Tag, da die Atombeschränkungen für den Iran aufgehoben werden, lassen Sie mich eins klar sagen: Israel wird es dem terroristischen Regime im Iran niemals erlauben, Atomwaffen zu entwickeln, nicht jetzt, nicht in einem Jahrzehnt, niemals!

(Beifall im Saal)

Meine Damen und Herren,

ich stehe heute vor Ihnen in einer Zeit, da Israels Ex-Präsident Shimon Peres, um sein Leben kämpft. Shimon ist einer von Israels Gründerväter, einer seiner kühnsten Staatsmänner und einer seiner angesehensten Führer. Ich weiß, Sie schließen sich alle meinem und dem Genesungswunsch des ganzen israelischen Volks an: Refuah shlemah, Shimon! Auf eine baldige Genesung.

Ich habe stets Shimons grenzenlosen Optimismus bewundert. Mich erfüllt die selbe Hoffnung. Ich bin voller Hoffnung, weil Israel in der Lage ist, sich selbst gegen jede Bedrohung zu verteidigen. Ich bin voller Hoffnung, weil die Tapferkeit unserer kämpfenden Männer und Frauen unübertroffen ist. Ich bin voller Hoffnung, weil ich die Kräfte der Zivilisation kenne, die letztlich immer über die Kräfte des Terrors triumphieren. Ich bin voller Hoffnung, denn im Zeitalter der Innovation, floriert Israel, die Nation der Innovation, wie nie zuvor. Ich bin voller Hoffnung, weil Israel unermüdlich daran arbeitet, die Situation all ihrer Bürger zu verbessern, für Juden, Muslime, Christen, Drusen, für alle gleich. Und ich bin voller Hoffnung, da ich trotz aller Neinsager glaube, dass wir in Israel einen dauerhaften Frieden mit allen unseren Nachbarn schmieden können.

(Beifall im Saal.)

Meine Damen und Herren,

ich bin zuversichtlich, über das, was Israel schaffen kann, weil ich gesehen habe, was Israel bisher geschafft hat. 1948 war das Jahr der israelischen Unabhängigkeit. Unsere Bevölkerung umfasste damals 800.000 Menschen. Unser wichtigstes Exportgut war Orangen. Die Leute sagten damals, wir seien zu klein, zu schwach, zu isoliert, zu demographisch unbedeutend, um zu überleben, geschweige denn zu gedeihen. Die Skeptiker lagen damals falsch in Sachen Israel. Und die Skeptiker liegen in Sachen Israel noch heute falsch! Israels Bevölkerung hat sich verzehnfacht. Unsere Wirtschaft hat sich vervierzigfacht. Heute ist unser größtes Exportgut die Technologie, israelische Technologie, welche weltweit Computer, Handys, Autos und vieles mehr ans Laufen bringt.

Meine Damen und Herren,

die Zukunft gehört jenen, die innovativ sind. Das ist der Grund, warum die Zukunft Ländern wie Israel gehört. Israel möchte Ihr Partner sein, diese Zukunft zu formen. Daher rufe ich Ihnen allen zu: Arbeiten Sie mit Israel zusammen, umarmen Sie Israel, träumen Sie mit Israel. Träumen Sie von einer Zukunft, die wir gemeinsam gestalten, eine Zukunft der atemberaubenden Fortschritte, eine Zukunft der Sicherheit, des Wohlstands und des Friedens, eine Zukunft der Hoffnung für die ganze Menschheit, eine Zukunft, in der Israel selbst bei den Vereinten Nationen, selbst in diesem Saal, aufgenommen wird, um unverbrüchlich seinen rechtmäßigen Platz unter den Nationen einzunehmen.

Vielen Dank.

übersetzt von Gerd Buurmann

Bob Dylan und sein „Neighborhood Bully“

19. Oktober 2016

bobBob Dylan, geboren am 24. Mai 1941 dürfte der mit Abstand einflussreichste Musiker des letzten Jahrhunderts sein. Geboren wurde er als Robert Allen Zimmerman in Duluth Minnesota, seine Eltern waren Nachfahren jüdischer Immigranten aus Odessa. Am 13. Oktober 2016, wenige Monate nach seinem 75. Geburtstag wurde verkündet, dass Dylan den Literatur-Nobelpreis erhalten solle, was bei dem Ausgezeichneten nur ein kurzes Achselzucken hervorrief. Bei einem Konzert am nächsten Tag in Las Vegas nahm Bob Dylan mit keinem Wort Stellung zum Nobelpreis. Wenn er wie Sartre den Preis nicht annehmen würde, vielleicht mit der Begründung nicht mit Günter Grass in einer Linie stehen zu wollen, wäre das nicht verwunderlich.

Bob Dylans Solidarität mit Israel bekundete dieser des Öfteren, so überzeugte er die Rolling Stones, trotz des ekelhaften BDS-Terrors gegen die Stones in Israel aufzutreten, was für Dylan eine Selbstverständlichkeit darstellt.

Am 7. Juni 1981 bombardierte die israelische Luftwaffe den irakischen Kernreaktor Osirak um die irakische Atombombe zu verhindern. Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und viele „israelkritische Friedensfreunde“ verurteilten das Vorgehen Israels. Der libanesische Bürgerkrieg dauerte von 1975 bis 1990. Es gab seit langer Zeit Spannungen zwischen arabischen, islamischen Nationalisten und prowestlichen Christen. Als 1970 die PLO nach ihrer Niederlage in Jordanien ihren Hauptstützpunkt in den Libanon verlegte, eskalierte der Konflikt. Syrien intervenierte 1976 mit 20.000 Soldaten, auch weil Syrien den Libanon als syrische „Heimaterde“ betrachtete. Für die arabischen Einwohner des Südlibanon war die PLO-Anwesenheit ein Albtraum. Sie besetzten ganze Landstriche, terrorisierten die Bevölkerung und nahmen sich Regierungsvollmachten heraus. Je länger der Krieg im Libanon dauerte umso komplizierter wurde dieser Krieg für Israel. Im Juni 1982 marschierten israelische Streitkräfte im Libanon ein. Die PLO hatte das zivile Leben in Nordisrael durch ihre wiederholten Bombenangriffe auf israelische Städte unerträglich gemacht. In den elf Monaten zuvor kam es nach israelischen Angaben zu 270 Terroranschlägen in Israel, der Westbank, im Gazastreifen und entlang der libanesischen und jordanischen Grenze. Mindestens 30.000 Libanesen starben während dieses Bürgerkrieges, darunter tausende Zivilisten. Nach dem Massaker in den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila am 16. und 17. September 1982 durch die libanesische christliche Falange-Miliz aus Rache für die Ermordung des libanesischen Präsidenten Bashir Gemayel folgte der Abzug der israelischen Truppen aus dem Libanon. 1983 veröffentlichte Bob Dylan sein Meisterwerk Infidels.

Günter Amendt, und Uwe Heidorn besprachen im April 1984 in Konkret Infidels und unter anderem Dylans Stück „Neighborhood Bully“, sie resümierten: „Dylan als Lobredner von Israels Expansionismus? In seiner Lagebeurteilung ist er sich mit Begin einig. Jehova sei Dank, heißt das noch lange nicht mit dem Volk Israels. So knapp und so kurz wurde wohl kaum zuvor die staatliche Existenz Israels aus zionistischer Sicht legitimiert. Ein Politsong von seltener Eindeutigkeit. Die haben sich Dylans Kritiker immer gewünscht. Hier ist sie. Sollen sie sehen, wie sie damit fertig werden.“  1984 war Konkret noch nicht in „antideutscher Hand“ und Günter Amendt hat sich später glaubhaft im Gegensatz zu manch anderem Antiimperialisten von seinen antizionistischen Irrtümern distanziert.

Infidels war das 22. Studioalbum und der Produzent war Mark Knopfler von den Dire Straits, er sorgte mit Gitarrist Mick Taylor für den zeitgemäßen Sound. Im Stück Neighborhood Bully verteidigt Bob Dylan kompromisslos den Staat Israel und beschreibt treffend die „israelkritischen Friedensfreunde“, die „jeden Abend beten, dass das Blutvergießen aufhören soll“ und dabei „lauern und warten, bis dieser Störenfried sich schlafen legt.“ Deshalb dürfte beispielsweise für Jutta Ditfurth Bob Dylan als ein „rechter Antideutscher“ und wie sie bereits so schön selbstentlarvend bezüglich des gewählten israelischen Ministerpräsidenten meinte, als ein „Gegner aller linken und linksliberalen Israelfreund*innen“ durchgehen:

Neighborhood Bully von Bob Dylan

Well, der Störenfried von nebenan, der steht ganz allein da,
Seine Feinde behaupten, er säße auf ihrem Land.
An Zahl sind sie ihm millionenfach überlegen,
Er hat nichts, wohin er sich flüchten oder retten könnte,
Er ist der Störenfried von nebenan.

Der Störenfried von nebenan muss um sein Dasein kämpfen,
Man nimmt’s ihm krumm, macht’s ihm zum Vorwurf, dass er lebt.
Man erwartet, dass er ’n dickes Fell hat und sich nicht wehrt,
Sich hinlegt und stirbt, wenn man ihm die Tür eintritt.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Der Störenfried von nebenan wurde vertrieben aus jedem Land,
Er ist als Verbannter über die Erde gewandert.
Seine Familie wurde versprengt, sein Volk verfolgt und zerstreut,
Er sieht sich immerzu angeklagt, überhaupt geboren zu sein.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Well, er hat einen Lynchmob erledigt, das nahm man ihm krumm,
Alte Frauen prangerten ihn an, forderten eine Entschuldigung.
Dann zerstörte er eine Bombenfabrik, das freute keinen.
Die Bomben waren für ihn bestimmt. Und er sollte Reue zeigen.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Well, die Chancen sind gering, die Umstände sprechen dagegen,
Dass er sich an die Regeln hält, die ihm die Welt diktiert,
Weil er ’ne Schlinge um den Hals hat und ’ne Pistole im Rücken
Und jedem Irren wird freigestellt, ihn zu killen.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Seine Verbündeten, die sind nicht der Rede wert.
Was er kriegt, muss er bezahlen, er bekommt nichts aus Liebe.
Er kauft veraltete Waffen, das tut ihm keiner verwehren
Aber keiner schickt ihm Männer, die an seiner Seite kämpfen.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Well, er ist umgeben von Pazifisten, die alle Frieden wollen,
Die jeden Abend beten, dass das Blutvergießen aufhören soll.
Na, die würden keiner Fliege was tun, es bräche ihnen das Herz.
Sie lauern und warten, bis dieser Störenfried sich schlafen legt.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Alle Reiche, die ihn unterjochten, sind untergegangen,
Ägypten und Rom, sogar das große Babylon.
Er hat im Wüstensand einen Paradiesgarten gepflanzt,
Kungelt mit keinem, steht unter niemandes Gewalt.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Seine heiligsten Bücher hat man in den Schmutz getreten,
Kein Vertrag, den er unterschrieb, war das Papier wert, auf dem er stand.
Er nahm die Brosamen der Welt, hat daraus Reichtum gemacht, Hat Leidenden
und Kranken Gesundheit gebracht. Er ist der Störenfried von nebenan.

Zu was sollte man so einem verpflichtet sein?
Nichts, sagen sie. Der will doch bloß Krieg anzetteln.
Dünkel und Hochmut und Irrglaube in der Tat,
Sie umlauern ihn wie ein Hund seinen Futternapf.
Er ist der Störenfried von nebenan.

Was hat er getan, dass er so viele Narben trägt?
Zwingt er Flüsse in ein neues Bett? Lädt er Dreck ab auf Mond und
Sternen? Der Störenfried von nebenan steht auf dem Hügel,
Die Uhr läuft ab, die Zeit steht still,
Für den Störenfried von nebenan.

Übersetzung: Carl Weissner und Walter Hartmann

Jutta Ditfurth und der antiimperialistische Antisemitismus

27. September 2016

Die Ditfurth Trilogie Teil 3

„Als die deutsche Bevölkerung die Wahrheit über Auschwitz erfuhr, erfuhr die englische Öffentlichkeit die Wahrheit über Dresden. (…) In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab und wohl auch bekämpft hatte: Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt.“ Ulrike Meinhof in Konkret 3/1965

„Es ist einfach nicht wahr, dass – wie Thomas sagt – Ulrike Meinhof Dresden mit Auschwitz verwechselt hat. Damit unterstellt er, dass ausgerechnet sie nicht um die Bedeutung von Auschwitz gewusst habe.“ Jutta Ditfurth in Konkret 03/2008

„Die Aktion des Schwarzen September in München  hat das Wesen imperialistischer Herrschaft und des antiimperialistischen Kampfes auf eine Weise durchschaubar und erkennbar gemacht wie noch keine revolutionäre Aktion in Westdeutschland oder Westberlin. Sie war gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch. (..) Sie hatten nur ein Ziel, nur ja dem Moshe-Dayan-Faschismus – diesem Himmler Israels – in nichts nachzustehen. (..) Die Aktion des Schwarzen September in München wird aus dem Gedächtnis des antiimperialistischen Kampfes nicht mehr zu verdrängen sein. Der Tod der arabischen Genossen wiegt schwerer als der Tai-Berg. (..) Solidarität mit dem Befreiungskampf des palästinensischen Volkes!“ Ulrike Meinhof in „RAF – Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes“ zum Olympia-Attentat mit elf ermordeten israelischen Sportlern von 1972

„Ulrikes Texte waren Kampfesgrüße und keine Vernichtungswünsche, dazu sollten sie heute nicht verdreht werden. Sie war keine Antisemitin.“ Jutta Ditfurth zu Meinhofs Olympia-Attentat-Ansichten in Konkret 03/2008

„Friede heißt für uns Zerstörung Israels. Wir stellen uns auf einen totalen Krieg ein, einen Krieg, der Generationen hindurch dauern wird. Seit im Januar 1965 die Al-Fatah geboren wurde, sind wir der gefährlichste Feind Israels geworden … Wir werden nicht ruhen bis zu dem Tag, an dem wir in unsere Heimat zurückkehren und an dem Israel vernichtet ist …“ PLO-Führer Jassir Arafat 2002

„Sein wirklicher Name war Ali Hassan Salameh und er war der Sohn von Sheik Hassan Salameh, einem der  Helden des Aufstandes von 1936 bis 1939 gegen die britische Fremdherrschaft in Palästina und gegen die Zionisten.“ Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof Biographie 2007 Seite 280

„Je länger der Brand in Palästina anhält, umso mehr festigen sich die Widerstände gegen das jüdische Gewaltregime in allen arabischen Staaten und darüber hinaus auch in den anderen moslemischen Ländern“   Alfred Rosenberg, führender Ideologe der NSDAP 1938

„Schieben wir also den Irrsinn antisemitischer „Logik“ zur Seite, könnten wir zur Kritik an den Menschenrechtsverletzungen, dem Rassismus und der Brutalität im Umgang des Staates Israel, des Militärs und eines Teils der israelischen Gesellschaft mit palästinensischen und arabischen Menschen kommen.“ Jutta Ditfurth am 22. April 2016 in Facebook

teil3Jutta Ditfurth hat sich vor vielen Jahren zweifellos Verdienste für die emanzipatorische Aufklärung erworben. Innerhalb der Grünen bekämpfte sie unter anderem, völkische Tendenzen und in ihrem Buch „Entspannt in die Barbarei“ thematisierte sie die sozialdarwinistischen und antisemitischen Lehren von Silvio Gesell.

Nachdem es lange Zeit sehr ruhig um sie wurde engagiert sich Jutta Ditfurth seit 2014 gegen die antisemitischen „Mahnwachen für den Frieden.“ Sie entdeckte das soziale Netzwerk Facebook und setzte es für ihre politische Arbeit ein. Mit ihrer Kleinstpartei ÖkoLinX verließ sie 2016 „nach jahrzehntelanger (oft mühsamer) Mitarbeit“ das sogenannte „Revolutionäre 1. Mai-Bündnis“ in Berlin wegen der dortigen antisemitischen BDS und „F.O.R. Palestine“ Gruppierungen. Den Mahnwachen-Redner Jürgen Elsässer nannte Jutta Ditfurth im April 2014 in einem Fernsehinterview einen „glühenden Antisemiten.“ Mit einer umstrittenen Begründung gewann Elsässer in zweiter Instanz den von ihm initiierten Prozess. Die Verfassungsbeschwerde von Jutta Ditfurth wird aller Voraussicht im Sande verlaufen und damit hat die Ex-Grüne dem Kampf gegen den Antisemitismus einen Bärendienst erwiesen.

Jutta Ditfurths aktuelle Leidenschaft gegen den Antisemitismus ist nicht glaubwürdig. Sie erkennt zwar größtenteils den strukturellen Antisemitismus der Zinskritiker, den Antisemitismus der Verschwörungstheoretiker und der sogenannten Mahnwachen-Besucher, aber den sekundären Antisemitismus, den Antisemitismus nicht trotz sondern wegen Auschwitz blendet sie wie den Antizionismus nicht nur bewusst aus, sie tabuisiert jede Diskussion darüber. Ihrem vordergründigem Engagement steht ihr überholtes antiimperialistisches Weltbild im Wege, von dem sie sich, im Gegensatz zu vielen ihrer früheren Mitstreiter, nicht getrennt hat was der Rest dieses Beitrages versuchen wird zu belegen:

Anfang August 1990 überfiel der Irak das Ölscheichtum Kuwait. Am 17. Januar 1991 hatten die USA und einige andere Staaten begonnen, den Irak zu bombardieren.  Mit der Unterstützung von deutschen Firmen kam das Regime von  Saddam Hussein zu einer eigenen Giftgasproduktion und zu einer erhöhten Reichweite seiner Scud-Raketen. Bereits im März 1988 setzte Hussein flächendeckend dieses Giftgas gegen die Kurden in Halabdscha mit bis zu 5000 toten Kurden ein. Während der Irak tödliche Scud-Raketen auf Israel abfeuerte und Bagdad vermeldete, dass es nun Israel mit Chemiewaffen auslöschen wolle, demonstrierten deutsche „Friedensfreunde“ gegen den Krieg der USA mit Parolen wie „Kein Blut für Öl“ und „Gestern Dresden – Heute  Bagdad.“ Der antiimperialistische Grüne Christian Ströbele entlarvte sich wie folgt: „Die irakischen Raketenangriffe sind die logische, fast zwingende Konsequenz der Politik Israels“ und auf die Frage ob denn  Israel selber schuld sei, dass es mit Raketen beschossen wird, antwortete Ströbele: „Das ist die Konsequenz der israelischen Politik den Palästinensern und den arabischen Staaten gegenüber, auch dem Irak gegenüber.“  Wegen seiner antisemitischen Aussage verlor Ströbele seinen Sprecherposten bei den Grünen.

Jutta Ditfurth solidarisierte sich unverzüglich in der von ihr unterschriebenen Flugschrift: „Kriegsende – Vorkriegszeit“ mit Ströbele. So wurde in der Flugschrift beklagt, dass es gelungen sei, Ströbele zu stürzen, „weil dieser sich auf das Glatteis der Kritik an der israelischen Regierung begeben hat.“ Ditfurth war sich mit Ströbele einig: „Israel ist im Golfkrieg zwar nicht kriegsführende, aber kriegsbeteiligte Partei, die eigene Zielsetzungen verfolgt“ und „Die Bedrohungen der israelischen Zivilbevölkerung, die Opfer durch Raketen und Giftgas‚ made in Germany‘ sind … von den Alliierten und der israelischen Regierung, die den Krieg und die Zerschlagung des Irak unterstützt, mit zu verantworten.“  Dass Juden selbst schuld sind am Antisemitismus war wahrlich kein neues antijüdisches Ressentiment. Zu dieser Zeit trat der ehemalige SS-Soldat Günter Grass in einer Podiumsdiskussion gemeinsam mit dem israelischen Schriftsteller Yoram Kaniuk auf. „Kein Blut für Öl“ und „Es gibt keinen gerechten Krieg“ waren die Parolen des „Friedensfreundes“ Grass. Yoram Kaniuk  schreibt in seinem Buch „Der letzte Berliner“ über Grass: „Das Argument, dass alle Kriege unmoralisch sind, macht mir mehr Angst als hundert Haiders in Wien oder hundert Aufmärsche von Skinheads mit auftätowierten Hakenkreuzen.“ Somit sind die „Friedensbewegten“ der damaligen Zeit von Grass bis Ditfurth ideologisch mit den heutigen „Mahnwachen für den Frieden“ gleichzusetzen. Die Querfront von Nazis und Pseudolinken gibt es nicht erst seit heute.

Während sich Jutta Ditfurth zum islamistischen Terroranschlag vom 11. September mit  3.000 Toten bedeckt hielt, sieht man von ihrem geschmacklosen Hinweis auf den Putsch in Chile 1973 ab, bekundete sie ihre Amerikafeindschaft in einem Flugblatt „Kein Krieg gegen den Irak! – Kein Blut für Öl und Macht!“ im November 2002 zum Zweiten Irakkrieg: „Wir fordern die Bundesregierung auf, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um die Regierung der USA davon abzuhalten, ein weiteres skrupelloses Verbrechen gegen die Menschlichkeit zu begehen, das durch nichts zu rechtfertigen ist.“ Wenige Monate zuvor teilte Jutta Ditfurth auf der Berliner „revolutionären 1.Mai-Demonstration“ ihren interessierten Zuhörern ihre Erklärung des Nahostkonflikts mit: Ariel Scharon sei „kein Antisemit, sondern ein Kriegsverbrecher.“

2007 erschien von Jutta Ditfurth im rechtsbürgerlichen Ullstein-Verlag die Biographie von Ulrike Meinhof. Um Jutta Ditfurths antiimperialistisches Weltbild zu verstehen lohnt es sich dieses Werk näher zu betrachten. Ohne jede Distanz stellt Ditfurth Ulrike Meinhof als kluge, fleißige Revolutionärin und treusorgende Mutter ihrer Zwillingstöchter dar. Ohne sich kritisch mit der antisemitischen Ideologie, mit dem einseitigen antiimperialistischen Weltbild der RAF und der sie umgebenden Linken auseinanderzusetzen verfasst Jutta Ditfurth ein beinahe blindes Heldenepos. Über die Geschichte Israels, über den Antisemitismus der PLO hat Jutta Ditfurth offenbar genauso wenig Ahnung wie ihr Alter Ego Ulrike Meinhof oder sie verschweigt bewusst den eliminatorischen Antisemitismus der Feinde Israels oder der Juden in Palästina vor 1948. Ulrike Meinhof, würde sie noch leben, wäre diese unkritische Biographie vermutlich peinlich. Ihr wäre eine Abkehr ihres Irrweges, eine kritische Reflexion ihres Antiimperialismus jedenfalls eher zuzutrauen als ihrer Biographin. Auf Seite 276 schreibt Jutta Ditfurth beispielsweise im Partisanin-Kapitel:

„Die westdeutsche Linke hatte bis zum Sechs-Tage-Krieg an Israels Seite gestanden, daran hatten auch die Vertreibung der Palästinenser, die Suezkrise und die Aufrüstung Israels durch die USA und die Bundesrepublik nichts geändert. Den meisten Linken war nicht bekannt, dass in Israel nicht nur Juden lebten. Sie wussten nicht, welche sozialen Konflikte es dort gab und antiarabischer Rassismus in das Fundament der Staatsgründung eingeflossen war. (..)   Am 5. Juni 1967 griff die israelische Armee Ägypten und Syrien an und zerstörte in einer einzigen Nacht die gesamte ägyptische Luftwaffe. Israel besetzte den Sinai, Ostjerusalem, die Westbank und die Golanhöhen. Es verkleinerte die palästinensischen Gebiete und vertrieb Hunderttausende von Palästinensern.“

Mit diesen Sätzen deutet Jutta Ditfurth ihr schiefes und einseitiges Bild über Israel an. Ditfurth kritisiert die Israelsolidarität der Linken vor 1968 und unterstellt Rassismus im „Fundament der Saatsgründung.“ Kein Wort über den antisemitischen Terror der Palästinenser, über den Angriffskrieg der arabischen Staaten unmittelbar nach der Staatsgründung.  Kein Wort von der Vorgeschichte des Sechstagekrieges. Israel war umzingelt von etwa 250.000 Soldaten, davon fast die Hälfte im Sinai, über 2.000 Panzern und 700 Flugzeugen. „Wir wussten“, prahlte Ägyptens damaliger Präsident Nasser, „die Schließung des Golfs von Aqaba bedeutet Krieg mit Israel und das Ziel ist die Vernichtung Israels. Wie bereits beim Überfall von 1948 war man von arabischer Seite auf einen Vernichtungskrieg aus. Aus Ägyptens Radiosendern hallte es: Israel liquidieren! Der Ministerpräsident des Irak prophezeite: Es wird praktisch keine jüdischen Überlebenden geben. Die ägyptische Armee führte Kanister mit Giftgas mit sich, es stellte sich nur noch die Frage, ob den arabischen Armeen der Erstschlag gelang. Der israelische Ministerpräsident Levi Eschkol sagte am 21. Mai: „Die Ägypter planen die Meerenge zu schließen oder den Atomreaktor in Dimona zu bombardieren. Ein allgemeiner Angriff soll folgen. Es würde zu einem Krieg kommen, bei dem die ersten fünf Minuten entscheidend sein dürften.“

Auf den Seiten 280 bis 283 schreibt Jutta Ditfurth die PLO verniedlichend und ohne kritische Distanz über das „anstrengende Rebellenleben“ der RAF in Jordanien:

„1970 lebten etwa zwei Drittel der 2,5 Millionen Palästinenser als Flüchtlinge im Westjordanland, im Gaza-Streifen, in  den arabischen Staaten, in Israel und den USA. Seit Kurzem war die El Fatah die stärkste Widerstandsbewegung innerhalb der PLO und reorganisierte die geografisch weit auseinanderlebenden Palästinenser  im zivilen wie im militärischen Leben. Sie leitete Bildungseinrichtungen, Gesundheitseinrichtungen, aber auch Militärcamps. Seit 1948 hatte die UNO rund zwei Dutzend Mal beschlossen, „dass die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren können.“ Israel ignorierte diese Forderung. Nach der Niederlage im Sechs-Tage-Krieg erkannten die Palästinenser, dass sie von den arabischen Staaten keine militärische Hilfe erwarten konnten. Da begann die palästinensische Widerstandsbewegung ihren Guerillakrieg gegen Israel.

Ulrike Meinhofs Gruppe wurde von den Vorausgereisten um Horst Mahler im Camp herzlich begrüßt. Sie glaubten alle, dass sie hier als selbstbestimmte Gruppe lernen und leben könnten.  Aber die rund zwei Dutzend Westberliner, politisch sozialisiert in der antiautoritären Revolte, begriffen bald, dass sie in ein militärisch-hierarchisch organisiertes Lager inmitten einer Armuts- und Kriegsregion gekommen waren, ein Lager, in dem der Kommandant für Disziplin sorgte. Sie sollten, wie in einer deutschen Jugendherberge, nach Geschlechtern getrennt übernachten, wogegen sie sich wehrten, einerseits aus Prinzip, andererseits gab es wenigstens drei bis vier Liebespaare unter ihnen.

Die Jüngeren der deutschen Gruppe erlebten zum ersten Mal Krieg. Der Großteil der PLO-Soldaten im Camp war durch Folter und Gefechte verletzt und traumatisiert worden. Mit den einfachen Soldaten konnten sich die Westdeutschen nur schlecht verständigen. Deutsch sprach nur Abu Hassan, der zur gebildeten palästinensischen Oberschicht gehörte und für die politische  Orientierung der militärischen Ausbildungslager zuständig war, Er kam ab und zu vorbei und dolmetschte oder die Deutschen fuhren zu ihm nach Amman. Sein wirklicher Name war Ali Hassan Salameh und er war der Sohn von Sheik Hassan Salameh, einem der  Helden des Aufstandes von 1936 bis 1939 gegen die britische Fremdherrschaft in Palästina und gegen die Zionisten.  (..)

Die Vorstellungen der einzelnen Gruppenmitglieder unterschieden sich so sehr wie ihre persönlichen Motive, nach Jordanien zu reisen. Ihre gemeinsame Zukunftsvorstellung war es, militanter zu sein als bisher. Sie fühlten sich als Teil einer internationalen revolutionären Bewegung. Vormittags und nachmittags wurden sie ausgebildet. Sie lernten mit verschiedenen Waffen und mit Sprengstoff umzugehen. Die Gluthitze, der Staub und das harte körperliche Training machten ihnen zu schaffen. Einer wie Horst Mahler, der vor Gericht eine gute Figur machte, wirkte hier unbeholfen. Es ärgerte Ulrike Meinhof, dass sie sich anfangs so ungeschickt anstellte. Einmal machte sie eine Handgranate scharf und rief, anstatt sie weit von sich zu werfen: „Was mach ich jetzt damit? “ — „Schmeiß sie weg! “, schrien die anderen und brachten sich in Sicherheit. Aber Ulrike Meinhof lernte schnell.“

Wieder betreibt Jutta Ditfurth einseitig Propaganda für die Palästinenser und sie verschweigt ihren Terror gegen Israel. Die Gruppe um Ulrike Meinhof, die von den Judenmördern der Fatah „herzlich begrüßt“ wurde, belegte bereits durch ihre Anwesenheit im Camp, durch ihre Sympathie für den Terror der Fatah und nicht zuletzt durch ihre Kooperation mit den Terrorgruppen der Palästinenser ihren Antisemitismus. Freilich nicht für Jutta Ditfurth, für sie ist die aktive Kooperation mit den Feinden Israels offenbar kein Problem. In den Baracken der Ausbildungslager der Fatah waren Hitlerbilder. Die RAF-Kader protestierten nicht dagegen, sie lebten in Zimmern mit Hitlerbildern, Judenmördern und Anhängern Hitlers. Neben den Kontakten zur RAF arbeitete die Fatah auch mit deutschen Neonazis um Willi Pohl zusammen. Warum thematisiert Jutta Ditfurth in keinem Kapitel diese Querfront?

Antisemitische von Nazideutschland unterstützte Mörder des Arabischen Aufstandes sind für Jutta Ditfurth Helden! Unfassbar! Amin al-Husseini (1893-1974) organisierte den „Arabischen Aufstand von 1936-1939, welcher nach Aussagen des Muftis ohne NS-Gelder nicht stattfinden hätte können, bei dem über 10.000 Juden aus jüdisch-arabisch gemischten Städten vertrieben oder ermordet wurden. Der Aufstand richtete sich gegen die Briten und vor allem gegen die jüdische Einwanderung. Trotz der hohen Opfer waren die Juden Palästinas und die Briten nicht die einzigen Ziele des „Arabischen Aufstands.“ Der arabische Terror in den eigenen Reihen forderte die annähernd gleiche Anzahl an Opfern. Die um Ausgleich mit den Juden interessierten Familienmitglieder der Nashashibis waren hauptsächlich die Leidtragenden. Amin al-Husseini bekämpfte, massiv unterstützt von Adolf Hitler, die Nashashibis, die Juden und alle prowestlichen, antiislamischen Einstellungen. Darüber und über die antisemitischen Vernichtungsphantasien der PLO gegenüber Israel erfährt der Leser von Jutta Ditfurth nichts. Ali Hassan Salameh, der Dolmetscher der RAF in Jordanien, dessen Vater Ditfurth als „Helden des Arabischen Aufstandes“ bezeichnet, war einer der Drahtzieher des Olympia-Attentates von 1972.

Peter Bierl kritisiert an Ditfurths Meinhof-Biographie: „Ein Beitrag Meinhofs über die alliierte Bombardierung Dresdens ist für Ditfurth überhaupt kein Thema, obwohl der Text paradigmatisch für die Nähe deutscher Linker und jener Nazis ist, die NS-Verbrechen mit tatsächlichen oder angeblichen Verfehlungen der Alliierten verrechnen wollen. Meinhof zitiert David Irving, setzt den Massenmord in Auschwitz mit der Bombardierung Dresdens gleich, behauptet, die Deutschen hätten von der Shoa nichts gewusst und gelangt zu dem Ergebnis, einen gerechten Krieg könne es nicht geben.“  1965 schrieb Ulrike Meinhof in Konkret in ihrem Artikel „Dresden“, den Jutta Ditfurth in ihrer einseitigen Biographie mit keiner Silbe erwähnt:

„(..) Über 200 000 Menschen sind in den Flammen von Dresden umgekommen. Der Engländer David Irving schreibt in seinem Buch „Der Untergang Dresdens“: „Zum ersten Mal in der Geschichte des Krieges hatte ein Luftangriff ein Ziel so verheerend zerstört, daß es nicht genügen unverletzte Überlebende gab, um die Toten zu begraben.“ (..) Es ist der englischen Regierung unter ihrem Premierminister Sir Winston Churchill bis zum Ende des Krieges, bis März 45, gelungen, den tatsächlichen, absichtlichen, planmäßigen Charakter der britischen Bombenangriffe auf deutsche Städte geheim zu halten. Dresden war der Höhepunkt dieser Politik. Dresden ging in Schutt und Asche, zwei Jahre nachdem der Ausgang des Zweiten Weltkrieges in Stalingrad entschieden worden war. Als Dresden bombardiert wurde, standen die sowjetischen Truppen schon an der Oder und Neiße, lag die Westfront am Rhein. Der Oberbefehlshaber der Royal Air Force, Sir Arthur Harris, der den Einsatz gegen Dresden geleitet hatte, ging ein Jahr danach, am 13. Februar 1946, in Southhampton an Bord, um das Land zu verlassen, das nicht mehr bereit war, seine Verdienste zu würdigen. Als die deutsche Bevölkerung die Wahrheit über Auschwitz erfuhr, erfuhr die englische Bevölkerung die Wahrheit über Dresden. Den Tätern wurde der Ruhm versagt, der ihnen von den Regierenden versprochen worden war. Hier und dort.

In Dresden ist der Anti-Hitler-Krieg zu dem entartet, was man zu bekämpfen vorgab und wohl auch bekämpft hatte: Zu Barbarei und Unmenschlichkeit, für die es keine Rechtfertigung gibt. Wenn es eines Beweises bedürfte, daß es den gerechten Krieg nicht gibt – Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß der Verteidigungsfall zwangsläufig zu Aggression entartet – Dresden wäre der Beweis. Wenn es einen Beweises bedürfte, daß die Völker von den kriegsführenden Regierungen selbst mißbraucht werden – Dresden wäre der Beweis. Daß an der Bahre Sir Winston Churchills das Stichwort Dresden nicht gefallen ist, legt den Verdacht nahe, Dresden sollte immer noch dem Volk angelastet werden, das doch selbst betrogen worden ist. Es ist der gleiche Takt, den die Bundesregierung praktiziert, wenn sie die Verjährungsfrist für in der NS-Zeit begangenen Mord nicht aufhebt. Wer die Täter nicht denunziert, denunziert aber die Völker.“

Der völkische Dresden-Text von Ulrike Meinhof ist ein Musterbeispiel für sekundären Antisemitismus, nur Jutta Ditfurth ist offenbar nicht in der Lage dies zu erkennen. Meinhof bezieht sich auf den Holocaust-Leugner David Irving und verzehnfacht ohne jeden Beleg die tatsächlichen Opferzahlen. Mit ihrer unglaublichen Gleichsetzung von Dresden und Auschwitz begibt sie sich ideologisch in die Neonazi-Szene und ganz nebenbei suggeriert Meinhof die deutsche Bevölkerung sei über die Vernichtung der Juden nicht informiert gewesen. In der Kommandoerklärung (Kommando 15. Juli) der RAF, nach dem Bombenanschlag auf das US-Hauptquartier in Heidelberg mit drei toten und fünf verletzten US-Soldaten im Mai 1972, wird die Gleichung „Dresden ist Auschwitz“ wiederholt und die RAF erklärt weiter: „Von weiteren Millionen Sprengstoffen ist die Rede, die das Pentagon einsetzen will, um die nordvietnamesische Offensive zu stoppen. Das ist Genozid, Völkermord, das wäre die „Endlösung“, das ist Auschwitz. Die Menschen in der Bundesrepublik unterstützen die Sicherheitskräfte bei der Fahndung nach den Bombenattentätern nicht, weil sie mit den Verbrechen des amerikanischen Imperialismus und ihrer Billigung durch die herrschende Klasse hier nichts zu tun haben wollen. Weil sie Auschwitz, Dresden und Hamburg nicht vergessen haben…“ Der Dresden-Text sowie diese oder andere antiimperialistische Kommandoerklärungen der RAF werden in der über 400-seitigen Biographie von Jutta Ditfurth nicht thematisiert. Der eigene Antiimperialismus verhindert die Aufarbeitung. In einer Konkret-Diskussion (Konkret 03/2008) mit Thomas Ebermann meint Ditfurth, nachdem Thomas Ebermann Ulrike Meinhof bezüglich ihres Dresden-Artikels kritisiert:

„Es ist einfach nicht wahr, dass – wie Thomas sagt – Ulrike Meinhof Dresden mit Auschwitz verwechselt hat. Damit unterstellt er, dass ausgerechnet sie nicht um die Bedeutung von Auschwitz gewusst habe.“

Nach der Terrorwelle der Palästinenser im Februar 1970 in München ermordeten palästinensische Terroristen 1972 bei der Olympiade in München zwei israelische Sportler und nahmen neun weitere als Geiseln.  Der Dolmetscher von Ulrike Meinhof, Ali Hassan Salameh war neben Abu Daoud einer der Drahtzieher des Attentates. Deutsche Neonazis unterstützten die palästinensischen Terroristen bei der Vorbereitung für die Geiselnahme. Die israelischen Sportler wurden von den Freunden Meinhofs vor ihrer Ermordung in München bestialisch misshandelt und gefoltert. Ein Israeli wurde in München vor den Augen seiner gefesselten Kammeraden von den palästinensischen „Befreiungskämpfern“ kastriert. Bei der dilettantisch angelegten deutschen Befreiungsaktion in Fürstenfeldbruck kamen alle israelischen Sportler überwiegend durch die Handgranaten der palästinensischen Terroristen ums Leben. Auf den antisemitischen Text von Ulrike Meinhof zum Olympia-Attentat der Palästinenser 1972 geht Jutta Ditfurth in ihrer Meinhof-Biographie nur minimal ein. Ditfurth entschuldigt den Text mit den fünfmonatigen Haftbedingungen im toten Trakt. Dabei wäre eine Analyse genau dieses Textes gewinnbringend für die Ideologie der RAF gewesen. In Ulrike Meinhofs Text „Rote Armee Fraktion – Die Aktion des Schwarzen September in München – Zur Strategie des antiimperialistischen Kampfes“ steht neben anderen Ungeheuerlichkeiten:

„Die Aktion des Schwarzen September hat das Wesen imperialistischer Herrschaft und des antiimperialistischen Kampfes auf eine Weise durchschaubar und erkennbar gemacht wie noch keine revolutionäre Aktion in Westdeutschland oder Westberlin. Sie war gleichzeitig antiimperialistisch, antifaschistisch und internationalistisch. (..)

Sie hat einen Mut und eine Kraft dokumentiert, die immer nur das Volk hat (..)

…gegen dem seinen Wesen und seiner Tendenz nach durch und durch faschistischen Imperialismus- in welcher Charaktermaske auch immer er sich selbst am besten repräsentiert findet: Nixon, Brandt, Moshe Dayan oder Genscher, Golda Meir oder Mc Gouvern. (..)

Alle Aufschübe des Ultimatums, das sie mit Lügen und falschem versprechen erreicht haben, diente ihnen nur zu einem ausschließlichen Zweck: Für die Vorbereitung des Massakers Zeit zu gewinnen. Sie hatten nur ein Ziel, nur ja dem Moshe-Dayan-Faschismus – diesem Himmler Israels- in nichts nachzustehen. (..)

Israel vergießt Krokodilstränen. Es hat seine Sportler verheizt wie die Nazis die Juden – Brennmaterial für die imperialistische Ausrottungspolitik. (..)

An der Aktion des Schwarzen September in München gibt es nichts mißzuverstehen. Sie haben Geiseln genommen von einem Volk, das ihnen gegenüber Ausrottungspolitik betreibt, Sie haben ihr Leben eingesetzt, um ihre Genossen zu befreien. Sie wollten nicht töten. Sie haben ihr Ultimatum mehr als aufgeschoben. Sie haben angesichts der unnachgiebigen Haltung Israels vorgeschlagen, die israelischen Geiseln als Gefangene zu behalten. Die israelischen Geiseln waren mit diesem Ausweg einverstanden. Sie sind von den deutschen Behörden genauso getäuscht worden wie die Revolutionäre. Die deutsche Polizei hat die Revolutionäre und die Geiseln massakriert. Die Aktion des Schwarzen September in München wird aus dem Gedächtnis des antiimperialistischen Kampfes nicht mehr zu verdrängen sein. Der Tod der arabischen Genossen wiegt schwerer als der Tai-Berg. (..)

Solidarität mit dem Befreiungskampf des palästinensischen Volkes!“ (..)

Ähnlich äußerte sich der Genosse von Ulrike Meinhof, der Mitgründer der RAF, der Neonazi und Holocaustleugner Horst Mahler. Mahler halluziniert von einer mutigen Kommandoaktion der Opferbereiten gegen die israelische Olympiamannschaft“ und einer richtigen strategischen Linie“ gegen die Olympiade als imperialistische KdF-Show.“ Der Schwarze September“ nannte als Grund für die Aktion“ die Nichtaufnahme einer palästinensischen Olympiamannschaft durch das IOC. George Habash, der Chef der PLFP, einer Gruppe innerhalb der PLO, war wie Ulrike Meinhof und Host Mahler begeistert von der „Aktion“, er meinte: „Ich hoffe das dieser Triumpf Nachhall findet. Nicht allein in der arabischen Welt, auch anderswo. (..) Ein israelisches Massengrab ist ein Vorbild und ein Stimulans.“ Jutta Ditfurth schweigt sich über all diese Ungeheuerlichkeiten in ihrer Biographie aus. In einer Konkret Diskussion aus dem Jahr 2008 (Heft 3) kritisiert Thomas Ebermann den Meinhof-Text heftig, bezeichnet die „apologetische Erklärung von Ulrike Meinhof im Namen der RAF“ als „grauenhaft.“ Darauf verteidigte Jutta Ditfurth, nachdem sie in einem Nebensatz zugab, dass Teile des Textes antisemitisch seien, ihr Vorbild und belegt damit ihre eigene reaktionäre Ideologie:

„Sie hatte die PLO und die El Fatah in Jordanien 1970 als Freunde und als Opfer des Nahostkriegs kennengelernt. Fast alle diese Leute starben in den Luftangriffen im Schwarzen September von 1970. Ulrike Meinhof saß, als sie den Text im November 1972 schrieb, seit fünf Monaten in absoluter Isolationshaft in der Männerpsychiatrie der Justizvollzugsanstalt Köln- Ossendorf und litt unter sensorischer Deprivation. Ulrikes Texte waren Kampfesgrüße und keine Vernichtungswünsche, dazu sollten sie heute nicht verdreht werden. Sie war keine Antisemitin. Es gab Streit unter den Gefangenen über diesen Text. Ulrike Meinhof hat sich danach zum xten Mal in ihrem Leben intensiv mit der Geschichte Israels und des Judentums befaßt.“

Die Lobeshymne von Ulrike Meinhof auf die bestialische Ermordung und Geiselnahme der jüdischen Sportler 1972 in München durch palästinensische Terroristen, die antisemitischen NS-Vergleiche über die „Ausrottungspolitik“ bis zum „Moshe-Dayan-Faschismus“ und ihre völkischen und gleichzeitig antiimperialistischen Auslassungen bezeichnet Jutta Ditfurth menschenverachtend als „Kampfesgrüße.“ Ditfurth spricht nicht nur wieder einmal ihre Heldin frei, sie belegt damit ihr eigenes reaktionäres Weltbild. In Konkret 2008/09 schreibt Lars Quadfasel über die Selbstentlarvung von Jutta Ditfurth: „In diesem Ungeheuer von Wort, diesem Bastard aus Kominternresolution und Weihnachtskarte, steckt mehr diagnostische Wahrheit, als Ditfurth lieb sein dürfte. Exakt jene Einheit aus Kraftmeierei und Sentiment, aus intimer Tuchfühlung zum Weltgeist und vornehmer Distanz zu dessen Erfüllungsgehilfen, hat den hiesigen Israelhass stets ausgezeichnet. Und vielleicht besteht darin das ganze Elend der neuen deutschen Linken: dass sie, spätestens seit ihrer antizionistischen Kehre, eigentlich nichts als Kampfesgrüße versandt hat.“ In jedem Fall belegt Jutta Ditfurth mit ihren „Kampfesgrüßen“ ihre Empathielosigkeit mit den israelischen Opfern. In dem Zusammenhang sei erwähnt: Am 5. September 2016, am 44. Jahrestag des Münchner Olympia Massakers feierte die offizielle Website der Fatah, der von PA-Präsident Mahmoud Abbas geleiteten Organisation, diesen Terroranschlag als „heroische Operation“ und „eine der wichtigsten Aktionen in der modernen Geschichte.“ Richtig grotesk wird es wenn Jutta Ditfurth in Konkret (3/2008) behauptet, weil sich Meinhof mit dem Judentum beschäftigt hat kann sie keine Antisemitin sein. Adolf Eichmann hat sich sehr viel mit dem Judentum beschäftigt. War Eichmann deshalb kein Antisemit?

Jutta Ditfurth hat sich in Facebook in den letzten Jahren ihr eigenes kleines Königreich mit rund 5.000 Facebook-Freunden eingerichtet um dort ihre Sicht der Welt durch zu setzten. In diesem kleinen Facebook-Königreich herrscht eine strenge Hierarchie, in der Nachfragen oder kritische Bemerkungen nicht erlaubt sind. Unbequeme Kommentare von unabhängigen kritischen Facebook-Freunden werden massenhaft gelöscht und einstige Mitstreiter werden „entfreundet“ und blockiert. So positiv ihr Engagement gegen diverse Querfrontvereinigungen zu bewerten ist, durch die dortige autoritär, beinahe stalinistisch durchgesetzte Einseitigkeit und die Verhinderung kritischer Diskussion verliert jedes Engagement an Wert. Im Übrigen spricht Ditfurth von einer „neurechten Querfront  was ein weiteres Indiz für ihre fehlende Aufarbeitung des linken Antisemitismus nach 1945 ist.

Am 20.2.2015 preiste Jutta Ditfurth in Facebook die „schönen und klugen Texte“ von Kay Sokolowsky an. Clemens Heni machte Jutta Ditfurth darauf aufmerksam, dass dieser mit dem islamistischen Muslimmarkt kooperiert hat: „..wer diesen Islamfaschisten ein Interview gibt, die auf der Seite den übelsten Israelhass verbreiten, macht sich mit denen gemein, das sehen eigentlich alle antifaschistischen Leute so, Muslim-Markt ist ein No-Go, niemals ein Interview. Müsste dir eigentlich klar sein!! Das wäre so wie ein Interview mit der NPD nur viel schlimmer, da viel einflussreicher.“ Jutta Ditfurth gab sich ahnungslos, sie wusste nichts darüber. Sich mit islamischem Antisemitismus, mit der „Charta der Hamas“, mit dem Muslimmarkt zu befassen würde ihr antiimperialistisches Weltbild zum Einsturz bringen.

Einer der wichtigsten Mitstreiter von Jutta Ditfurth gegen die „Mahnwachen und Elsässer war ihr Facebook-Freund Georg von Grote. Ein Artikel von Grote, ein Gespräch von Utz Anhalt mit Georg von Grote aus dem Dezember 2014, war die Blaupause für Jutta Ditfurths zukünftige Mahnwachen-Vorträge in den Soli-Veranstaltungen für den Elsässer-Prozess. Beispielgebend dafür ist die Veranstaltung im Kafe Marat am 27.2.2015 in München, die als Mittschnitt auf DVD zu erwerben ist. Grotes Israelgegnerschaft ist seit spätestens 2012, seit seinen vielen Artikeln im „Freitag gegen Israel legendär. Grote behauptete unter anderem, Israel führe einen „Vernichtungskrieg mit „ethnischen Säuberungen gegen die Palästinenser, nannte Netanjahu einen „durchgeknallten Staatsterroristen, bezeichnete den Zentralrat der Juden als „verbales Killerkommando, in Augsteins „Freitag verteidigte er in seinem Artikel „Nachgedanken das antisemitische Grass Gedicht (Details zu Grotes Israel- und Judenkritik in Teil 1 und Teil 2 dieser Trilogie). Darauf konfrontiert verteidigte Jutta Ditfurth ihren Freund leidenschaftlich über Monate hinweg gegen den Antisemitismusvorwurf. Beispielsweise schrieb verwundert eine Facebook-Freundin in einem Kommentar auf Ditfurths Seite, sie habe bei Grote etwas von „Vernichtungskrieg“ gelesen, worauf Jutta Ditfurth ihren „israelkritischen Freund am 23.2.2015 solidarisch freisprach:

„Wenn du mit Georg von Grote über seine Wortwahl diskutieren willst, tu es bitte auf seiner Seite. Wäre er ein Antisemit und ich wüsste davon, wäre er nicht auf meiner F-Liste.“

Festzuhalten bleibt: Jutta Ditfurth hat an Grotes Israelhass nichts auszusetzen. Darüber hinaus kommentierte Jutta Ditfurth einen Facebook-Artikel vom 11. 07.2014 in dem Grote von der „Blut und Bodenpolitik“ der Israelis halluziniert,  sich freundlich bedankend, mit den Worten: danke, guter Diskussionsbeitrag.“   Jutta Ditfurth verteidigt in Facebook nicht nur rabiate Antizionisten, am 22. 04.2016 belegt sie ihre Kompatibilität mit Israelhassern, wenn sie schreibt:

„Schieben wir also den Irrsinn antisemitischer „Logik“ zur Seite, könnten wir zur Kritik an den Menschenrechtsverletzungen, dem Rassismus und der Brutalität im Umgang des Staates Israel, des Militärs und eines Teils der israelischen Gesellschaft mit palästinensischen und arabischen Menschen kommen.“

Damit nicht genug, am 07.07.2016 bezeichnet  Jutta Ditfurth den israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu als „den Gegner aller linken und linksliberalen Israelfreund*innen.“ Nur Jutta Ditfurth entscheidet was links ist und wo der Gegner steht. Es stellt sich die Frage, warum ausgerechnet Israel? Warum beklagt Jutta Ditfurth nicht den Rassismus und die Brutalität der iranischen Regierung oder der Nachbarstaaten Israels oder den Terrororganisationen von der PLO, der Hamas bis hin zur Hisbollah? Warum verbietet sich Jutta Ditfurth die Verlinkung auf eine gute Rede Netanjahus? Warum verteidigt Jutta Ditfurth immer wieder linke Antisemiten?

Die Antwort auf alle diese Fragen ist naheliegend. Ihr eigenes Weltbild, der überholte Antiimperialismus von Jutta Ditfurth harmoniert mit linkem Antisemitismus.

Die Voraussetzung des linken Antisemitismus unserer Zeit bildet die Nichtaufarbeitung des linken Antisemitismus der 1970er und 1980er Jahre. Die RAF verbündete sich mit den antisemitischen Terrorbanden der PLO. Der islamistische, antizionistische, antisemitische Terror wurde damals wie heute von Antiimperialisten ausgeblendet. Er passt nicht in ihr Weltbild. Die „Verdammten dieser Erde“ sind in den Augen von Augstein bis Ditfurth vor allem die Opfer des westlichen Imperialismus, der westlichen Moderne, des westlichen Kapitalismus, der westlichen Ausbeutung der Länder der Dritten Welt. So sind die USA und die prowestlichen Industriestaaten im bipolaren Weltbild der Antiimperialisten die Alleinschuldigen am Elend  der ausgebeuteten Staaten und deren Bevölkerung. Deshalb werden die antisemitischen, antiwestlichen islamistischen, frauenfeindlichen Gegner Israels von Antiimperialisten gehätschelt und demokratisch gewählte Politiker wie Benjamin Netanjahu, wie Ditfurth behauptet, zu „Gegnern aller linken und linksliberalen Israelfreund*innen.“

Festzuhalten bleibt: Jutta Ditfurth gab während des Irakkrieges 1991 Israel die Mitschuld an den israelischen Toten durch die irakischen Raketenangriffe und der Androhung dass es durch Chemiewaffen ausgelöscht werden sollte. Sie leugnet den sekundären Antisemitismus des Dresden-Artikels von Ulrike Meinhof. Jutta Ditfurth verharmlost oder leugnet den Antisemitismus von Ulrike Meinhof in dem Text über den Schwarzen September und das Olympia-Attentat von 1972. Jutta Ditfurth leistet sich die unfassbare Behauptung: „Ulrikes Texte waren Kampfesgrüße und keine Vernichtungswünsche, dazu sollten sie heute nicht verdreht werden. Sie war keine Antisemitin.“ Sie verteidigt und leugnet extremsten Antisemitismus ihres Freundes Georg von Grote. Sie selbst unterstellt Israel „Rassismus und Brutalität“ gegenüber den Palästinensern ohne ein Wort über den palästinensischen Terror oder deren islamistische und antiwestlicher Ideologie zu verlieren. Ohne Jutta Ditfurth in die unmittelbare Nähe der RAF zu stellen, die Denkweisen von Meinhof und Ditfurth sind kompatibel. Meinhof hatte kein Problem mit antisemitischen Terroristen gemeinsame Sache zu machen und Ditfurth ist dieser Umstand kein Wort der Kritik in der entsprechenden Biographie wert. Warum tabuisiert Ditfurth den Raketenterror und die Terrortunnels der Hamas, die Selbstmordattentate in Israel, den Griff nach der Atombombe des iranischen Regimes, die Frauenverachtung im Iran, die Vernichtungsdrohungen der Gegner Israels von der PLO bis zur Hamas, den islamischen Antisemitismus und Terror im Nahen Osten und der übrigen Welt? Warum äußert sie sich nicht über die Antisemitismusvorwürfe gegen Jakob Augstein und Günter Grass? Warum scheut sie Fragen nach Grass und Augstein wie der Teufel das Weihwasser? Warum schrieb oder schreibt Jutta Ditfurth (unter anderem auch „israelkritische“ Artikel) in antizionistischen oder nationalbolschewistischen Querfront-Zeitungen wie beispielsweise dem „Freitag“, der Jungen Welt oder der NRhZ?

Jutta Ditfurths Engagement gegen Elsässer ist unglaubwürdig weil sie selbst im linken Antisemitismus gefangen ist. Ihr Versuch der letzten drei Jahre diesem Antisemitismus etwas zu entfliehen ist bis zum heutigen Tag gescheitert. Wie kann Jutta Ditfurth Jürgen Elsässer einen „glühenden Antisemiten“ nennen und gleichzeitig den extremsten Antisemitismus von bekannten „Israelgegnern“ wie Ulrike Meinhof und unbekannteren wie Georg von Grote verteidigen? Ihr eigenes Israelbild ist verträglich mit diesen „Israelkritikern.“ Ihr Engagement gegen Elsässer scheint vor allem kommerzielle Zwecke zu haben. Dabei  sind ihre Bitten um Prozesskostenhilfe in der Causa Elsässer nur ein Nebenwiderspruch. Den Zwischenstands-Meldungen es wären rund 25.000 Euro gesammelt, bei fehlenden 5.000 Euro folgten Meldungen von weniger gesammelten Spendengeldern und höheren Fehlbeträgen bis hin zu dem Stand, dass noch 6.800 Euro fehlen würden. Eine detaillierte Aufstellung über die Spendengelder und die Soli-Einnahmen wurde nicht veröffentlicht. Warum eigentlich? Eine anonymisierte, veröffentlichte Auflistung über Ein- und Ausgänge der Spenden- und Soli-Gelder würde allen Spekulationen ein Ende bereiten, so unvorstellbar ein Missbrauch auch sein mag. Eine Kapitalismuskritikerin von großem Kaliber dürfte schließlich kaum Wert auf großes Kapital legen.

Der Antiimperialismus von Jutta Ditfurth ist so überholt wie die Ideologie ihres Vorbildes Ulrike Meinhof. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und nach den Terroranschlägen vom 11. September hat sich das politische Koordinatensystem grundlegend verändert. Ditfurths ohnehin überholter Antiimperialismus taugt spätestens seit der Jahrhundertwende nicht mehr die Welt zu erklären. Ihre pseudolinken Ansichten bieten Andockmöglichkeiten zu linkem und sekundärem Antisemitismus. Jutta Ditfurth hat sich vor linkem Antisemitismus nicht abgegrenzt, sie selbst hat die Grenzen dorthin mehrmals überschritten.

Israel ist nicht der „Brückenkopf des US-Imperialismus“ im Nahen Osten. Antiimperialisten sollten sich mit der Geschichte Israels und seiner Gegner besser beschäftigen, bevor sie urteilen. Thomas Haury schreibt zur  Logik des bundesdeutschen Antizionismus:“ „Der Antizionismus ist die Anwendung des antiimperialistischen Schemas auf den Konflikt zwischen Israel und der palästinensischen nationalen Befreiungsbewegung. Darin führt die strukturelle Affinität zur teilweisen inhaltlichen Affinität: das antiimperialistische Weltbild ist den antisemitischen Stereotypen gegenüber nicht nur nicht immun, sondern es tendiert, wird es zum Antizionismus konkretisiert, dazu, diese selbst hervorzubringen. (..) Das antiimperialistische Weltbild macht keine Fehler, es ist der Fehler: Es tendiert notwendig dazu, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu simplifizieren, zu verdinglichen und zu personifizieren, sie verschwörungstheoretisch zu missdeuten und damit eine auch moralisch binäre Weltsicht zu entwickeln. Weil diese unreflektierten Bedürfnisse nach Veränderung, kämpferischer Gemeinschaft, eindeutigem Feind und einfach zu durchschauenden Verhältnissen hierzulande nicht erfüllt werden können, werden sie in die Fernen des Trikont projiziert. Die unkritische Identifikation mit den nationalen Befreiungsbewegungen muss zwangsläufig zur Unterscheidung von guten und schlechten Staaten, zur Verwechslung von sozialer Revolution mit nationaler Befreiung und schließlich zur Entdeckung guter Völker führen, die gegen das als „Imperialismus“ bezeichnete Böse kämpfen.“ Wie sagte Jean Améry: „Es gibt keinen ehrbaren Antisemitismus“ und wie sagte Sartre vor Jahr und Tag in seinen „Überlegungen zur Judenfrage“: „Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod des Juden.“

Wer etwas gegen den aktuellen Antisemitismus tun und dafür Geld spenden möchte sollte dieses Geld nicht Jutta Ditfurth anvertrauen. Genauso gut könnte man an Pax Christi oder Franz-Peter Tebartz-van Elst spenden. Das Geld wäre bei den Israel Defense Forces bedeutend besser aufgehoben. Die Ausrüstung eines IDF Soldaten kostet wie das Abwehrsystem Iron Dome gegen die palästinensischen Raketenpogrome viel Geld.

Ohne Israel als unfehlbar darzustellen, die demokratischen israelischen Regierungen, von Levi Eschkol, Golda Meir, Ariel Sharon bis hin zu Benjamin Netanjahu, führten ihre Kriege, nicht um „Raum für ihr Volk ohne Raum“, nicht um den Zugriff auf Rohstoffe oder um weltpolitische Bedeutung. Israel führt Krieg, um seiner Bevölkerung, endlich ein Leben in Sicherheit zu bieten. Israel versucht nicht, andere unter ihre Herrschaft zu zwingen oder zu ihrem Gott zu bekehren. Im Gegensatz dazu erklären die Feinde Israels im Nahen Osten ihren sehnlichsten Wunsch die Juden zu vernichten oder sie ins Meer zu treiben. Die Hamas und die anderen Terrororganisationen des Nahen Ostens, der Iran und alle anderen reaktionären Regimes der Region verkünden beinahe täglich ihr vordringlichstes Ziel Israel von der Landkarte verschwinden zu lassen. Der Islamismus der Hamas, der PLO, des IS, der Hisbollah, des Irans steht gegen alles, wofür Marxisten, emanzipatorische Linke, Liberale, Humanisten und Demokraten seit jeher eingetreten sind, er verfolgt neben seinem eliminatorischen Antisemitismus jedes emanzipatorische Denken mit gnadenloser Unterdrückung und Folter, er stellt Homosexualität unter Todesstrafe und behandelt die Frauen als Menschen zweiter Klasse. Wenn Antiimperialisten wie Jutta Ditfurth dies negieren muss schlechterdings von ideologischer Verwahrlosung gesprochen werden.

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Teil 1 der Trilogie: Das Grass-Gedicht und die Befreiung „aus den sich selbst auferlegten Fesseln“

Teil 2 der Trilogie: Georg und Jutta: Die Geschichte einer Freundschaft

Georg und Jutta: Die Geschichte einer Freundschaft

9. September 2016

Die Ditfurth Trilogie – Teil 2

gutefreundeNur wenige Jahre lang verliefen die Wege von Jutta Ditfurth und Georg von Grote parallel. Sie wurden Freunde, davon handelt diese Geschichte. Es ist eine Geschichte über eine Zeit, in der viele Linke oder Friedensbewegte den Staat Israel dämonisieren, delegitimieren und gleichzeitig den antisemitischen Terror von Islamisten verharmlosen, leugnen oder relativieren, sei es aus überholtem Antiimperialismus oder aus Erinnerungsabwehr, beziehungsweise Schuldabwehr.

Jutta Ditfurth meldete sich ungefähr 2013 in Facebook an, vielleicht auch um ihre Bücher besser verkaufen zu können und sicherlich um Mitstreiter für ihr Engagement gegen die „Mahnwachen für den Frieden“ zu gewinnen. Sie fand in Georg von Grote einen zuverlässigen, anständigen und treuen Freund, der sich bereits in Jakob Augsteins „Freitag“ durch seine „ausgewogene“ Sicht im Nahostkonflikt einen Namen gemacht hat. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft.

Georg von Grote war für Jutta Ditfurth ein besonderer Gesprächspartner. Sie mochte ihn und er mochte sie. Das Leid der Palästinenser die unter der „israelischen Besatzung“ litten verband ganz offenbar die beiden Edelleute. Wegen ihrem bevorstehenden Prozess gegen Jürgen Elsässer fragte Jutta ihre Facebookfreunde ob die nicht irgendein Buch über Antisemitismus empfehlen könnten. Georg war Journalist, war oft in Israel und so wusste er sehr viel zu erzählen. Beispielsweise schrieb Georg von Grote in seinem Facebookartikel „Menschenrechte sind nicht teilbar!“ am 11.07.2014 um seiner Jutta zu imponieren:

„(..) Es bringt auch nichts, immer wieder aufs Neue mit dem Finger auf den oder jenen zu zeigen und zu behaupten, der habe angefangen, der sei Schuld. Das ist das Spiel, das in Palästina seit Jahrzehnten betrieben wird. Vom radikalen militanten Arm der Hamas genauso, wie von den radikalen fanatischen israelischen Gruppierungen. Beide Seiten betreiben eine Blut und Boden Politik, die dazu auch noch von religiösen Fanatikern angeheizt wird. (..) Die Opfer dieser gegenseitigen, immer wieder aufgebauten und bewusst geschürten Konfrontations- und Gewaltspirale, ob nun von der Führung der Hamas oder der Regierung von Bibi „Coyote. E“ Netanjahu und dem rechtsradikalen faschistischen Flügel in der Knesset bewusst gesteuert, sind die Menschen in ganz Palästina. Im Kernland Israel genauso, wie in den besetzten Gebieten unter den Palästinensern. (..) Gerade wir in Deutschland, vor allem mit der Verantwortung, die wir aus den Gräueln der Nazizeit zu übernehmen haben, dürfen uns nicht für die eine oder andere Seite entscheiden, sondern wir sollten daran arbeiten, dass dieser Hass ein Ende findet und Israelis, wie Palästinenser friedlich in diesem Land nebeneinander leben können.“

Dit1Jutta war begeistert von Georgs „großartigem Menschenrechtemeisterwerk.“ Ja, „gerade wir in Deutschland“ und ja, die „Blut und Bodenpolitik“ der Israelis und ja, der „Bibi „Coyote. E“ Netanjahu und der rechtsradikale faschistischen Flügel in der Knesset“, das ging runter wie Labsal für Jutta Ditfurth und selbstverständlich lobte Jutta ihren Freund am selben Tag, am 11.07.2014  hingerissen und zustimmend für seinen aufrüttelnden und einmaligen Artikel mit den Worten: „danke, guter Diskussionsbeitrag!“ Denn „der habe angefangen, der sei Schuld“ bringt doch nichts. Auf den jahrzehntelangen antisemitischen Terror, auf den tausendfachen Raketenhagel, auf die Terrortunnel, auf die Selbstmordattentate hätte die israelische Regierung, wenn sie nur einen Funken guten Willen zeigen würde, doch auch mit Lichterketten oder Gebeten reagieren können. Georg war nach dem  Lob von Jutta sehr glücklich. Wenn es Georg nicht gegeben hätte, dann  hätte Jutta ihn erfinden müssen. Es war eine wunderbare Zeit, beide waren sehr glücklich, wer oder was sollte Georg und Jutta jemals trennen?

Das Leben von Jutta und Georg lief wie am Schnürchen, es hätte alles so schön bleiben können, wenn nicht fanatisierte Israelunterstützer in Georgs Artikeln Antisemitismus erkennen wollten. Ausgerechnet bei Juttas Freund Georg! Wo Jutta doch als Antisemitismusexpertin Jürgen Elsässer einen „glühenden Antisemiten“ genannt hat. Als Jutta mit den etwas problematischen Aussagen von Georg, wie „Ich dachte, das neue freie Deutschland hätte sich langsam aus den sich selbst auferlegten Fesseln gelöst. Grass hat gezeigt, dass dem so nicht ist“ oder „Je öfter ich in Israel war, desto unschuldiger fühlte ich mich“ oder „Über die Jahrhunderte der Diaspora hat sich bei Juden – und ich sag jetzt bewußt Juden und nicht Israelis – ein fast schizophrener Verfolgungswahn entwickelt“ oder „Israel führe einen Vernichtungskrieg mit ethnischen Säuberungen gegen die Palästinenser“ oder „wie durchgeknallte Staatsterroristen wie Netanjahu, Liebermann, Bennet, Feigelt und Konsorten ihre Killertruppe von der Kette lassen“ oder der „Zentralrat der Juden ist ein verbales Killerkommando“ konfrontiert wurde, musste sie schnell handeln. In dieser Grenzsituation zeigte sich letztendlich wie belastbar, wie großartig und zärtlich die Freundschaft von Jutta und Georg war. Denn Jutta hielt allem Druck stand und ihrem Georg die unverbrüchliche Treue.

Ich gehörte zu den Kritikern von Georg von Grote, da ich viele antisemitische Aussagen aus Jakob Augsteins „Freitag“ nicht so gut fand, kritisierte ich auch Grotes dortige „israelkritischen“ Ansichten. Davon wusste Jutta Ditfurth offenbar nichts, denn sie stellte mir Ende 2013 eine Freundschaftsanfrage in Facebook. Obwohl ich ihre antiimperialistischen Ansichten und auch ihre zweifelhafte Haltung gegenüber Israel kannte, nahm ich damals arglos an, denn immerhin hatte ich vor langer Zeit ihr Buch „Entspannt in die Barbarei“ mit Gewinn gelesen und was sollte schon passieren, dachte ich mir damals. Später war mir ihr Engagement gegen Jürgen Elsässer sympathisch, wenngleich ich mich über ihren Dilettantismus in dieser Angelegenheit  wunderte. „Glühender Antisemit“ ist schwer zu beweisen und nach Büchern über Antisemitismus zu diesem Zeitpunkt zu fragen war schon seltsam und befremdlich. Außerdem verwechselte Jutta verschiedene Begriffe aus der Antisemitismusforschung, vor allem der Begriff „Moderner Antisemitismus“ wurde von ihr oftmals sehr unglücklich gesetzt. Naja man kann schließlich nicht alles wissen. Über die antiisraelischen Aussagen von Augstein und Grass hat sich Jutta ebenso wenig geäußert, wie über den tausendfachen Raketenbeschuss der Hamas gegen Israel. Von daher war meine Frage an sie wegen Grotes „israelkritischen“ Ansichten zu Israel aus meiner Sicht nicht völlig aus der Luft gegriffen.

So schrieb ich ihr am 22.2.2015 in einem Posting: „Ich habe dich im Herbst letzten Jahres darauf aufmerksam gemacht, dass du in FB mit dem „Israelkritiker“ Georg von Grote befreundet bist. Ich habe dir damals einige seiner judenkritischen Aussagen mit Quellen übermittelt. Da du noch immer mit ihm in FB befreundet bist hier noch einmal einige Aussagen von Grote, mit einer konkreten Frage an dich: Wie beurteilst du neben den antisemitischen Statements von Grote die von Grass und Augstein?“ Jutta und Georg waren außer sich über die Unanständigkeit solch einer Frage. Jutta behielt aber einen kühlen Kopf, ohne  die Frage zu beantworten entfreundete“ und blockierte mich Jutta in Facebook, sie empfand dieses ständige Nachbohren als eine Erpressung. Irgendwann muss doch einmal Schluss sein. Jutta nutzte ihr überragendes Schreibtalent und verfasste den aufrüttelnden Text „Ich bin nicht erpressbar“ den sie am 23.2.2015 postete:

„Ich bin nicht erpressbar  Ich habe einen FB-Freund entfreundet, weil er begann, aufdringlich zu werden und mich, wie ein kleiner Polizist, abfragen zu wollen, ob ich den oder jenen meiner FB-Freunde auch einen Antisemiten nennen würde oder nicht. Als ich das ablehnte (ich habe fast 5.000 FB-Freunde), listete er die Namen anderer Personen auf und verlangte, mich zu ihnen zu erklären. Ich habe gesagt, dass ich keine Arbeitsaufträge von ihm annehme und mit der Arbeit für die Berufung im Elsässer-Prozess und der an meinem neuen Buch, das bald fertig sein muss, vollkommen ausgelastet bin. Ich habe ihm auch erklärt, dass ich kein Apparat und keine Partei bin, sondern ein arbeitender Mensch mit begrenzter Zeit, die ich außerdem, das möchte ich hier ergänzen, vorzugsweise selbstbestimmt verschwende. Wahrscheinlich war ich viel zu nett und habe zuviel erklärt (..) „

Obwohl Jutta durch ihre politische Arbeit zeitlich völlig ausgelastet war nahm sie sich, neben ihrem bewundernswert umfangreichen Wirken in Facebook,  die Zeit ihren „Ich bin nicht erpressbar„-Text zu schreiben und tagelang mit ihrer Fangemeinde die 208 Kommentare zu lesen und dazu eigene erhellende Kommentare zu posten. Auf die Bemerkung einer Kommentatorin, dass Grote in Facebook von „Vernichtungskrieg“ schreibt, beschwichtigte Jutta am 23.2.2015 beinahe mütterlich:

„Wenn du mit Georg von Grote über seine Wortwahl diskutieren willst, tu es bitte auf seiner Seite. Wäre er ein Antisemit und ich wüsste davon, wäre er nicht auf meiner F-Liste.“

Georg versetzte der Kommentar dieser niederträchtigen Kommentatorin einen Stich, doch als Jutta wahnsinnig souverän das Ding mit der „Wortwahl“ anbrachte, da ging es Georg gleich wieder viel besser. Das war unheimlich lieb von Jutta. Solidarität ist nicht nur die Zärtlichkeit der Völker. Als sich unter den Kommentatoren dann auch noch der Interviewpartner des antisemitischen und islamistischen Muslimmarktes Kay Sokolowsky mit Jutta und Georg solidarisierte war die Welt wieder beinahe in Ordnung. Kay Sokolowsky warf am 24.02.2015 all seine Argumentationskunst in die Waagschale und schrieb:

„‚Dein angeblicher Kampf gegen Antisemitismus‘ – was für ein aufgeblasener, geradezu ochsenfroschhafter Maulheld! Dessen größte Heldentaten offensichtlich darin bestehen, Menschen, die seine Obsessionen nicht teilen mögen, mit Denunziation zu drohen. Bäh.“ 

Mit seinen entfesselnden Gedanken, die manche abwertend als infantil bezeichneten,  ließ Kay Sokolowsky bei Jutta und Georg wieder die Hoffnung auf ein unbeschwertes Leben einkehren. Sie waren dem Muslimmarkt-Supporter für seinen Gemeinschaftsgeist sehr dankbar.

Damit war das leidige Thema für Jutta und Georg nur kurzzeitig ausgestanden, denn die ausgelassene Freude währte nicht lange, die nächste Soli-Veranstaltung stand in ein paar Tagen auf dem Terminplan. Die Freundschaft von Jutta und Georg wurde in der Woche vor dem 27.2.2015 abermals auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Am 27.2.2015 sollte eine Soli-Party zum Elsässerprozess mit Jutta und Thomas Ebermann in München, im Kafe Marat stattfinden. Jutta Ditfurth wurde angedroht, dass sie in München mit den antisemitischen Aussagen von Georg konfrontiert werden würde. Die Veranstaltung drohte scheinbar zu platzen. Was tun? Georg wurde von verschiedenen Seiten unter enormen Druck gesetzt. Jutta litt unendlich unter dieser unerträglichen Situation. Viele Freunde von Georg waren ratlos und Jutta sehr traurig. Es half nichts. Um Jutta vor einer Blamage zu retten musste sich Georg öffentlich erklären. Er habe alles nicht so gemeint, ein Missverständnis, eine antideutsche Verschwörung und so weiter und so weiter. Letztendlich veröffentlichte Georg schweren Herzens eine Distanzierung, darin schreibt er:

„In meinen Texten, die teilweise sehr scharf formuliert sind, sind mir allerdings Formulierungen unterlaufen, die nach der modernen Antisemitismusforschung und meinem heutigen Erkenntnisstand als antisemitisch gelten. Dieses war mir allerdings bei der Abfassung weder bewusst, noch von mir beabsichtigt. (..) In letzter Zeit häufen sich Angriffe, einiger, einer kleinen Gruppe zugehörigen, als fanatisch zu bezeichnenden Antideutschen, die jede noch so begründete Kritik an der Politik Israels zu diskreditieren versuchen. Diese richten sich vordergründig nicht gegen mich, sondern vielmehr gegen Personen von meiner Freundesliste bei Facebook, die für meine Texte in Haftung genommen werden.“

Einen Tag nach der Veranstaltung in München war Georgs „Distanzierung“ in Facebook nicht mehr abrufbar. Der Zweck war erfüllt.

In letzter Zeit haben sich Georg und Jutta etwas aus den Augen verloren. Dennoch stehen beide immer noch für ihre Sache ein. Ob Juttas Ditfurths  „Facebook-Arbeit“ ihrer spätpubertären Phase zugerechnet werden muss, ist unter ihren Anhängern höchst umstritten. Georg zieht sich jedenfalls mehr und mehr aus der Öffentlichkeit zurück. Nur noch die Facebookfreunde von Georg kommen in den Genuss seiner Werke und Jutta hat derzeit viele Probleme mit ihrer Facebookfangemeinde. So muss sie beinahe täglich Freunde „entfreunden“, die mit abweichenden Meinungen von sich reden machen. Als Jutta Ditfurth mit ihrer Aussage Netanjahu sei der „Gegner aller linken und linksliberalen Israelfreund*innen“ nicht nur Zustimmung unter ihren Fans erfuhr war sie verständlicherweise schwer enttäuscht. Ein Facebookfreund hat es gewagt auf einen Artikel von Peter Bierl zu verlinken, in dem ihr Heldenepos über Ulrike Meinhof kritisiert wird und er fragte gar warum sie früher in der antisemitischen NRhZ mit Evelyn Hecht Galinski geschrieben hat.  Solche Fragen überschreiten freilich jegliches Maß. Jutta Ditfurth braucht für ihre Arbeit die totale Loyalität, so blieb und bleibt ihr und ihren „MitarbeiterInnen“ überhaupt nichts anderes übrig als die Zusammenarbeit mit diesen undankbaren „antilinken“ Rebellen abzubrechen und sie zu „entfreunden“. So schreibt die hochqualifizierte Mitarbeiterin von Jutta Ditfurth, Christiane Agu nach einer „Entfreundungsentscheidung“:

„Kritiklose unterwürfige Verherrlichung von Israel und enthemmte Angriffe gegen Menschen, die reale Problem in Israel ansprechen, nützen Israel gar nichts und helfen Israels Feind*innen. Philosemitismus ist nur die andere Seite des Antisemitismus.“

Ja doch, wer „grundsätzliche antilinke Ausfälle“ durchgehen lässt ist sehr schnell zweiter Sieger. Der „Generalangriff gegen alles Linke“ muss unterbunden werden und das hat überhaupt nichts mit Stalinismus oder einem autoritären Charakter  zu tun. Einfach Fragen ohne jegliche Erlaubnis zu stellen, das geht nicht, so etwas geht überhaupt nicht. Wo leben wir denn?

Im dritten Teil der Trilogie lesen sie: „Jutta Ditfurth und der antiimperialistische Antisemitismus

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Teil 1: Das Grass-Gedicht und die Befreiung „aus den sich selbst auferlegten Fesseln“