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Wären Marx und Engels heute Anti-Imperialisten oder Anti-Deutsche? Überlegungen zu einer unentschiedenen Frage.

22. Dezember 2017

The Young Karl Marx

„Der junge Karl Marx“ (Regie: Raoul Peck, Deutschland 2017)

Für Manfred

1.

Obwohl ich ursprünglich selbst einen Text zur „Judenfrage“ von Marx schreiben wollte, erschien mir dieser schlicht ergreifend überflüssig als der Essay des geschätzten Kollegen Breitenberger auf der „Mission Impossible“ erschien. Ich habe mich darum entschlossen ein wenig um die „Judenfrage“ herum zu schreiben und mir zu überlegen wie sich Karl Marx und Friedrich Engels wohl heute in Fragen der globalen Verhältnisse politisch positionieren würden, ohne schon zuvor eine Entscheidung darüber getroffen zu haben. Wären Marx und Engels heute eher altbackene linksgrüne Salonkommunisten oder würden sie es eher mit Adorno und der Kritischen Theorie halten? Es gibt für beide Varianten gute verlässliche Gründe im Werk von Marx und Engels selbst. Es wäre jede Variante denkbar in der sich beide auf derselben oder jeder einzeln auf verschiedenen Seiten gegenüber stehen würden. Die zum Teil völlig sinnentleerten Streitereien über das Erbe von Marx und Engels und wie beide für ganz unterschiedliche Zwecke instrumentalisiert werden können ist jedoch für diesen Beitrag von sehr geringem Interesse. Das Ziel der Frage ob Marx und Engels heute Anti-Imperialisten oder Anti-Deutsche wären ist vor allem Klarheit darüber zu bekommen wie lückenhaft und brüchig die philosophische und hermeneutische Struktur des Marxismus ganz insgesamt ist. Was uns Marx und Engels hinterließen war kein geschlossenes Werk und schon gar keine ausformulierte Theorie des Wissenschaftlichen Sozialismus, sondern eine höchst anspruchsvolle Textlandschaft voller innerer Spannungen und Leerstellen, die zahllose Fäden beinhalten die ins Nirgendwo führen. Marx und Engels waren als Schriftsteller, Journalisten und Philosophen vor allem Intellektuelle mit politischer Ambition. Weil sie keiner Partei angehörten und die etablierten politischen Kräfte ihrer Zeit ablehnten, schufen sie sich ihre eigene. Der Traum von der Revolution war für beide eine simple technische Angelegenheit, bei der es um die Macht im Staate ging und das revolutionäre Proletariat die Gesellschaft allein deshalb zu einer besseren machen würde, eben weil es den Griff nach der Staatsmacht erfolgreich hinter sich gebracht hatte. Die Welt in der Marx und Engels lebten war eine, die von hochgradig ausdifferenzierten sozialen Konflikten beherrscht wurde. Trennungen in Klassen, Stände und aristokratische Hierarchien waren allgegenwärtig normal, aber eben auch allgegenwärtig umkämpft. Es war eine Welt am Anfang, eine Welt in Geburtswehen, die wie Marx schrieb erst entstehen kann, wenn die alte verschwunden ist. Das Ergebnis dieser Geburt ist unsere Welt, heute. Der größte Teil dessen, was Marx und Engels sahen und niederschrieben und was heute in den MEGA Ausgaben besser zugänglich ist waren Kommentare, Analysen und Beschreibungen ihrer eigenen politischen Gegenwart. Sie lasen Zeitungen, Lehrbücher, Depeschen, Reiseberichte, eben Quellen und Dokumente aller Art, verglichen sie untereinander und zogen Schlussfolgerungen für ihre eigenen Kämpfe und die vieler anderer. Marx und Engels waren keine Autoren einer sozialistischen Zukunft, sondern die Beobachter des Hier und Jetzt, wie es sich ihnen darstellte. Die damit einhergehende Brüchigkeit und Inkonsistenz ihres Werkes ist keine Schwäche, sondern reflektiert die Begrenztheit zweier hochintelligenter Individuen eine universalistische Ganzheit im Auge behalten zu können und die unendliche Fülle der Details nicht außer Acht zu lassen.

Foucault hatte völlig recht damit, als er schrieb: „Der Marxismus ruht im Denken des neunzehnten Jahrhunderts wie ein Fisch im Wasser. Wenn er sich den bürgerlichen’ Theorien der Ökonomie entgegenstellt, und wenn er in dieser Opposition eine radikale Wende der Geschichte entwirft, haben dieser Konflikt und dieser Entwurf als Bedingung ihrer Möglichkeit nicht die Wiederingriffnahme der ganzen Geschichte, sondern ein Ereignis, das von der ganzen Archäologie mit Präzision eingeordnet werden kann und das gleichzeitig auf die gleiche Weise die bürgerliche und die revolutionäre Ökonomie des neunzehnten Jahrhundert vorgeschrieben hat. Ihre Auseinandersetzungen werfen vergeblich einige Wogen auf und zeichnen an der Oberfläche einige Falten ab: Es sind lediglich Stürme im Wasserglas.“ (Die Ordnung der Dinge, 1966)

Foucaults kleine Stiche verkennen allerdings, dass die Stürme im Wasserglas das wichtigste Element Marx’schen Denkens verkörpern. Marx und Engels sind in ihren Texten dort am stärksten wo sie eine Gegenwart und ihre Geschichte vor Augen haben und die Effekte analysieren die ein lebendiger Prozess verursacht. Das „Kommunistische Manifest“ von 1848, das von allen wohlwollenden Leserinnen und Lesern als Gründungsdokument der kommunistischen Zukunftsperspektive betrachtet wird, beschäftigt sich kaum mit der sozialistischen Utopie. Das Manifest gründet eine Partei des politischen Aufstands gegen die Bourgeoisie, aber es erscheint mir heute gegen die Interpretationen des klassischen wie des postmodernen Marxismus so, dass die interessantesten Passagen im „Manifest“ mit dem Satz beginnen: „Die Bourgeoisie hat in der Geschichte eine höchst revolutionäre Rolle gespielt.“ (MEW 4) Wer sich den Text genau ansieht wird rasch merken, dass der eigentliche Fokus nicht auf der Revolution einer sozialistischen oder kommunistischen Utopie liegt. Was sie im „Kommunistischen Manifest“ tatsächlich schreiben und was Marx später im „Kapital“ intellektuell auf eine neue Ebene bringen wird ist, dass die kapitalistische Globalisierung die eigentlich revolutionäre Kraft der Geschichte ist. Oder um Marx und Engels selbst zu zitieren: „Die Bourgeoisie kann nicht existieren, ohne die Produktionsinstrumente, also die Produktionsverhältnisse, also sämtliche gesellschaftlichen Verhältnisse fortwährend zu revolutionieren. Unveränderte Beibehaltung der alten Produktionsweise war dagegen die erste Existenzbedingung aller früheren industriellen Klassen. Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen anderen aus. Alle festen eingerosteten Verhältnisse mit ihrem Gefolge von altehrwürdigen Vorstellungen und Anschauungen werden aufgelöst, alle neugebildeten veralten, ehe sie verknöchern können. Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ (MEW 4)

Warum man Stellen wie diese heute noch als antikapitalistische Zukunftsvision betrachten will, ist mir unverständlich. Marx, der große Theoretiker des Werts, der Arbeit, des Gelds und der Ware, verbrachte sein ganzes Leben lang damit die Strukturen seiner Realität sichtbar zu machen und darum war der Gegenstand seines Denkens eben nicht die Utopie, sondern vielmehr die ihn umgebende aktuelle Realität. Höchst spekulativ und ungenau werden Marx und Engels immer dann, wenn sie aus den Analysen der Gegenwart auf eine mögliche Zukunft schließen wollen. In der „Deutschen Ideologie“ heißt es: „Der Kommunismus ist für uns nicht ein Zustand, der hergestellt werden soll, ein Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird].“ (MEW 3) Was Marx und Engels aber als „wahr“ und „wirklich“ in der „Deutschen Ideologie“ beschrieben – der Kommunismus als „wirkliche Bewegung“ – folgte einer teleologisch und messianisch aufgeladenen Hegel’schen Logik, die im Werden der „wirklichen Bewegung“ in jene Metaphysik zurück fiel, die sie zuvor noch als Überbleibsel des Ancien Régime bei den Jung und Althegelianern kritisiert hatten. Sie verließen damit die Radikalität der Gegenwart mit schwer wiegenden Konsequenzen. Es fällt schwer nach Althussers Kritik der Hegel’schen Teleologie im Werk von Marx die spekulative Flucht in den Messianismus noch für sinnvoll und nutzbringend zu halten. Vor allem angesichts der Tatsache, dass Althusser aus guten Gründen Kritik an Stalin in seinem Werk immer als philosophische Kritik an Hegel tarnte. Dort wo Marx und Engels von „Aufhebung“, „Umstülpung“ und „Überwindung“ sprechen, gehen sie wie Althusser gezeigt hat in die Falle teleologischer Feedbackschleifen und stellen den „ehernen Gesetzen der Geschichte“ wie Stalin das genannt hat einen Passierschein aus. Sie negieren dabei ihr eigenes revolutionäres Denken um utopischen Zwangsvorstellungen Platz zu machen. Der Wert des Denkens von Marx und Engels liegt jedoch für uns genau dort wo es mit großer intellektueller Macht das Hier und Jetzt als empirisch untersuchbare Gegenwart analysierte, in den Theorien über Arbeit, Wert, Mehrwert, Ware, Geld, Zins, Preis und Markt in den unübersichtlichen Textlandschaften des „Kapital“. Zu ihren großen intellektuellen Leistungen zählen die Beschreibung der kapitalistischen Transformationsenergie im „Kommunistischen Manifest“ und ihre zahlreichen, höchst originellen Kommentare zum politischen Zeitgeschehen, all die Briefe, Zeitungsartikeln, Essays, Beobachtungen, Glossen und Anmerkungen zu den politischen und ideologischen Ereignissen ihrer Zeit. Wenn Marx in der kurzen unveröffentlichten Schrift „Vom Selbstmord“ von 1846 über den Zusammenhang von weiblichen Suizid und den Klassenverhältnissen nachdenkt, ist sein Denken am originellsten und mächtigsten, gerade deswegen weil er tatsächlich die wirkliche Bewegung gegen das „Ideal, wonach die Wirklichkeit sich zu richten haben [wird]“ im Auge hat und nicht eine unklare utopische Phantasie.

Der Marxismus ist also keineswegs tot und es macht auch keinen Sinn ihm apokalyptische Floskeln vor die Füße zu werfen, weil das nur die bittere Wahrheit verdecken soll, die stattdessen vor uns sich ereignet: der Marxismus ist schlicht unbedeutend geworden, seine Transzendierung ins virtuelle Bewusstsein der globalen Welt hat ihn zu einem Geist werden lassen, der sich als banale antikapitalistische Verbalinjurie durch Facebookpostings und Twitterkämpfe zieht und Marx beinahe nur noch als Bild eines Mannes mit Bart erscheinen lassen. Mehr scheint heute nicht übrig geblieben zu sein. Die marxistischen Theorien, die sich nach wie vor auf Colleges und Universitäten in Europa, Südamerika und den USA in akademische Karrieren umsetzen lassen sind längst in einem postmodernen Supermarkt der Ideologien versunken. Weder kann man sagen, dass marxistische Philosophie in irgendeiner Weise das Denken mitbestimmt, wie sie das noch in den Jahren nach 1968 getan hat, noch dass marxistische Traditionen im Zeitalter von Political Correctness und Postmoderne einen nachhaltigen Fußabdruck hinterlassen konnten. Selbst Antonio Negri‘s und Michael Hardt’s „Empire“ hat die Krise des Marxismus eher verschärft als beruhigt. Ihre Referenz auf Melville’s Erzählung „Bartleby“, in der die Titel gebende Figur seinen Widerstand gegen das System dadurch auslebt, dass er alle Anfragen und Forderungen an ihn mit den Worten „Ich würde lieber nicht…“ zurück weist, treibt den Exzess an sein bitteres Ende: Bartleby verhungert. Der Widerstand, den Negri und Hardt offenbar noch denken können ist Flucht in die völlige Selbstaufgabe und innerhalb des Empire eine Übung in Sinnlosigkeit. Wer in solche Destruktivität seine utopischen Hoffnungen setzt, macht sich nur noch lächerlich.

Es ist jedoch deswegen keineswegs ausgeschlossen, dass es in Zukunft zu einer Renaissance des Marxismus kommen könnte. Es wäre meiner Meinung nach eine Theorie, die Marx und Engels als Analytiker kapitalistischer Vergesellschaftung nicht mehr in Begriffen der Utopie sondern als Instrument zur Erfassung einer unzeitgenössischen Gegenwart lesen würde. Man braucht keine Utopie um in die Zukunft blicken zu können. Marx lebte und schrieb in einer lebendigen Gegenwart, deren strukturelle Voraussetzungen er klar erkannte, aber die er in seinem utopischen Gestus in ihrer eigenen Zukunft stets verfehlte und wohl auch verfehlen musste. Der Marx des „Kapital“ war ein Wissenschaftler, der sich der Erforschung des gerade in seiner Blüte stehenden industriellen Kapitalismus des 19. Jahrhundert widmete, aber er schrieb kein Buch über seine revolutionäre Überwindung. Das Missverständnis, das Marx und Engels selbst nährten, dass mit der Entdeckung des „Kontinents der Geschichte“ (Althusser) und der Verortung des revolutionären Proletariats auch der Schlüssel dafür gefunden worden sein soll, den Kapitalismus revolutionär zu überwinden hat ein ganzes Jahrhundert lang politische Energien generiert, die in ihrer Tendenz unerhört destruktiv gewesen sind. Die Überzeugung, dass ein System namens „Kapitalismus“ kurz oder auch langfristig vor seinem Untergang stehen würde wird praktisch von allen Linken irgendwie geteilt und in diversen Theorieformationen unhinterfragt als gegeben voraus gesetzt. Wolfgang Fritz Haug hat in seinen „Vorlesungen zur Einführung ins Kapital“ einmal ganz nebenbei erwähnt, dass das Substantiv „Kapitalismus“ im „Kapital“ selbst niemals vorkommt. Marx spricht an manchen Stellen von „Kapitalisten“, aber hauptsächlich verwendet er die Modalform „kapitalistisch“, um die Prozesse von Arbeit, Wert, Mehrwert und Ausbeutung zu beschreiben. Während das Substantiv „Kapitalismus“ einen systematischen Zusammenhang voraussetzt, eine Art „Glocke über dem Gewimmel“ (Hegel) die durch eine andere Glocke ersetzt werden könnte, ist die Präferenz von Marx einen gesellschaftlich komplexen Prozess „kapitalistisch“ zu nennen viel näher an der Realität. Wo die Linken seit Lenin die Macht im Staate an sich nehmen, um die Gesellschaft mit einem neuen sozialistischen Dach zu versorgen, verfehlen sie vor allem die innere Dynamik kapitalistischer Transformation. Kapitalistische Umwandlung von Arbeit in Wert, Mehrwert und Ausbeutung ist kurz gesagt ein chemischer Prozess, kein mechanisch architektonischer. Die missverständliche Verwendung des Substantivs geht davon aus, dass Kapitalismus ein System ist, das man von oben wie eine architektonische Dachkonstruktion implementiert hat, während es in Wahrheit von unten wild wuchernd ungleichzeitig gewachsen ist. Es ist kein Zufall, dass Marx und Engels den Begriff der Arbeit als „Stoffwechsel mit der Natur“ definierten. Die Verwendung eines Begriffs der Chemie ist keine Metapher, sondern die richtige Wahrnehmung, dass mechanische und mechanistische Zugriffsversuche wirkungslos bleiben müssen, wenn die komplexen Wechselwirkungen zwischen Ware, Geld, Arbeit und Wert verstanden werden sollen. Der kapitalistische Prozess produziert eine mit hohem Energieaufwand betriebene Chemie von Menschen, die eine effiziente Umwandlung von Arbeit in Wert in Gang setzt und durch allgemeine Abstraktionen von Geld und Tausch vermittelt wird, die sich so den Mehrwert verschafft. Kapitalistische Transformation ist ein sich ständig neu etablierender Auflösungs- und Verschmelzungsprozess, der immer wieder neue Agenten, das können Menschen, Roboter oder sich ändernde Klassenverhältnisse sein, in die Umwandlung von Arbeit in Wert integriert. Es ist nicht bloß ein Prozess, sondern eine Organisation vieler unterschiedlicher Prozesse, die zwar nur zusammen funktionieren, aber unabhängig voneinander verstanden werden müssen. Kapitalistische Prozesse sind flexibel, darum können sie sich in Krisen besser anpassen und verändern. Sie wirken auf der Ebene des Individuums und zwingen Menschen dazu „ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.“ (MEW 4) Es erscheint daher sinnvoll davon auszugehen, dass solche die vom „Kapitalismus“ reden zwar dasselbe meinen, aber nicht dasselbe verstehen. Diese völlig unbedeutende Kleinigkeit, die meiner hermeneutischen Pedanterie geschuldet ist, erklärt dennoch sehr nachvollziehbar warum der reale Sozialismus auf so dramatische Weise scheitern musste. Die Linken haben sich die kapitalistischen Verhältnisse immer als „Kapitalismus“ vorgestellt, als eine politische Herrschaftsform, die durch eine andere von oben herab ersetzt werden könnte. Aber es handelt sich nicht um eine politische Herrschaftsform, sondern um einen Prozess, der Beziehungen und Verkehrsformen erzeugt, die in netzartigen Strukturen integrative Territorialisierung betreiben. Es ist ebenfalls kein Zufall, dass Marx im „Kapital“ davon abriet die Untersuchung bei der kapitalistischen Verhältnisse mit der „Gesellschaft“ zu beginnen, sondern sich stattdessen mit der Ware beschäftigte, weil diese auf einer individuellen Ebene eine allgemeine Abstraktionsform darstellt, die eine Beziehung zwischen Menschen auf einem gemeinsamen Marktplatz ist.

Dass Marx und Engels, deren Gegenstand der technologisch noch unzulängliche Industriekapitalismus mit seinen harten Klassenkonflikten gewesen ist, weder die beiden Weltkriege noch den Aufstieg der europäisch/amerikanischen Technozivilisation vorhersehen konnten ist nicht ihre Schuld. Aber es ist den marxistischen Apologeten des nachfolgenden Jahrhunderts anzulasten, der Unfähigkeit der sozialistischen Länder gesellschaftliche Veränderung zu verarbeiten nur dadurch begegnen zu können, den Zusammenbruch der kapitalistischen Transformation stets nach hinten zu verschieben. Niemals jedoch kam ihnen in den Sinn, dass dieser Punkt gar nicht eintreten könnte. Marx berühmte Formel vom „tendenziellen Fall der Profitrate“, die irgendwann einmal die Überproduktion in sich implodieren lassen würde, nährte die marxistischen Hoffnungen und verdeckte ihre Baustellen. Die Idee, dass der Kapitalismus durch sein eigenes Zutun so brüchig und eine geschickte proletarische Organisation die Gunst der Stunde nützen würde, um die neue Gesellschaft und den neuen Menschen zu schaffen, treibt die linken Revolutionsfantasien bis heute an. Diese Vorstellungen haben wie wir sehen konnten vor allem den Effekt hervor gebracht, dass die Marxisten die eigentlichen wirkenden Kräfte der Geschichte falsch identifizierten. Nicht das Proletariat ist revolutionär, sondern die Bourgeoisie. Nicht die sozialistische Utopie treibt den Fortschritt an, sondern die kapitalistische Globalisierung. Es ist relativ gleichgültig ob man das gut oder schlecht findet, denn es lässt sich eigentlich nicht verhindern, dass Geschichte sich ereignet. Nochmals die „Deutsche Ideologie“: „Das Proletariat kann also nur weltgeschichtlich existieren, wie der Kommunismus, seine Aktion, nur als „weltgeschichtliche“ Existenz überhaupt vorhanden sein kann; weltgeschichtliche Existenz der Individuen; d.h. Existenz der Individuen, die unmittelbar mit der Weltgeschichte verknüpft ist.“ (MEW 3) Wir können diesen Satz erst heute wirklich verstehen. Die kapitalistische Globalisierung ist das eigentliche Subjekt der Geschichte, die wirkliche Bewegung wenn man so will. Ob und wann in ihrer Subjektwerdung der Weltgeist wirklich zu sich kommt, muss darüber entscheiden was von Marx und Engels letztlich übrig bleiben wird.

2.

Widmen wir uns also der Frage, ob Marx und Engels heute eher Anti-Imperialisten oder Anti-Deutsche wären. In einer ersten Annäherung kann man sagen, dass Anti-Imperialisten und Anti-Deutsche der feine Unterschied trennt, ob man „Kapitalismus“ sagt oder „kapitalistisch“. Anti-Imperialisten verstehen die globalisierte Welt als ein System von Glocken, Kuppeln und Dächern, das man in bestimmten Fällen auswechseln kann oder in anderen einfach zerstören muss, weil sich Veränderung nur als autoritäre staatliche Macht über die Individuen vorstellen lässt. Die Gesellschaft erscheint darin als Invariante, die von einem “System“ gelenkt wird und das Individuum als programmierbare Einheit am Display des Strippen ziehenden Weltsouveräns denkt. Die Richtung geht von oben nach unten und ist strikt deterministisch. Es reicht daran erinnert zu werden, dass die sowjetische Literatur von Stalin als ein Projekt betrachtet wurde in der die Autoren als „Ingenieure der Seele“ sich daran beteiligen sollten gemeinsam mit den Mitteln der Propaganda und des Terrors den „neuen Menschen“ zu erschaffen. Die Vorstellung, dass Gewalt androhendes social engineering ausreicht um die gewünschten Untertanen zu produzieren ist darum in erster Linie dem Umstand geschuldet, dass man von „Kapitalismus“ spricht, anstatt von „kapitalistisch“.

Die anti-deutsche Sicht der Dinge ist hingegen eine, die den kapitalistischen Prozess von unten sichtbar werden lässt. Die Bindung des Subjekts an den Fetisch Charakter der Ware denkt die Welt als ideologische Verschmelzung von Ware und Individuum, als chemische Verbindung eigenständiger Agenten mit dem Systemzwang. Die Dialektik der Aufklärung besteht genau darin, dass der Systemzwang keineswegs deterministisch, sondern auf der Ebene individueller Wahrnehmung nicht von persönlicher Willensbildung zu unterscheiden ist, obwohl oder auch gerade weil es sich als „Nicht-Identisches“ (Adorno) ausdrückt. Die prinzipielle Idee anti-deutscher Theorie ist es das Nicht-identische als Lebensform zu begreifen, mit der das Individuum vor seiner Selbstauslieferung an jedweden Systemzwang bewahrt werden kann. Der Begriff des Subjekts als solches muss sich gegen eine autoritäre Programmierung nach politisch arbiträr gerichteten Vektoren verteidigen. Im anti-deutschen Modus sind die Vektoren nach beiden Seiten gerichtet und seine Effekte nicht deterministisch. Sie sind modal, also Prozess orientiert, und immanent, die Prozesse in ihrer eigenen Logik analysierend, denn man ist vor allem an der Handlungsfähigkeit der Individuen wie sie die Kritische Psychologie versteht interessiert. Obwohl Anti-Deutsche gewöhnlich Althusser eher skeptisch gegenüberstehen, teilen sie doch seine Auffassung, dass wie Etienne Balibar einmal schrieb die herrschende Ideologie vor allem als Ideologie der Beherrschten verstanden werden muss.

Es gibt für beide Varianten Referenzen im Werk von Marx und Engels selbst. Beide waren stets hin und her gerissen zwischen einer rein technischen Machtausübung des Staates durch eine Partei und dem Bemühen dem rebellischen, widerstandsfähigen Intellekt trotzdem seinen Platz zu sichern. Aber man kann sich fürs erste fragen, was Marx und Engels eigentlich zu Anti-Imperialisten macht.

Der britische Literaturwissenschaftler Ian Almond hat in seinem Buch „History of Islam in German Thought: From Leibniz to Nietzsche“ aus dem Jahr 2009, das erst kürzlich auf Deutsch erschienen ist, acht Philosophen der deutschen Geistesgeschichte untersucht und welche Gedanken sie sich über den Islam machten. Neben den Essays zu Leibniz, Kant, Herder, Schlegel, Hegel, Goethe und Nietzsche findet sich auch ein Kapitel über Marx. Almond ist ein klassischer Linker der postkolonialen Theorie, der sich stark an Edward Saids Konzept des „Orientalismus“ orientiert, aber im Vorwort zur deutschen Ausgabe zugeben muss, dass die Erforschung der orientalistischen Ideen der von ihm untersuchten Philosophen eher die blinden Flecken bei Said offen legt. Marx ist in Almonds Darstellung vor allem ein wütender Gegner des europäischen Imperialismus, der sich intensiv mit der Geschichte des osmanischen Reiches beschäftigt hat, um mögliche revolutionäre Tendenzen in den islamischen Gesellschaften zu untersuchen. Es gehört zu den merkwürdigsten Ironien des Marx’schen Werkes, dass er vor allem das zaristische Russland und dessen imperialen Ausdehnungen nach Süden gegen den „kranken Mann am Bosporus“, wie das osmanische Reich zu imperialen Zeiten genannt wurde kritisierte. Russland war nach Marx unfähig zur Revolution, weil es als rückständige „halb-asiatische“ Kultur erst die Phase bourgeoiser Urbarmachung durchlaufen müsste. Hingegen erschien ihm zu Beginn seiner Beschäftigung mit dem osmanischen Reich die Möglichkeit, dass sich die weltgeschichtliche Existenz des Proletariats auch auf die Länder des Islam ausdehnen könnte durchaus vorstellbar. Was er Russland und dem zaristischen Regime um keinen Preis zugestehen wollte, schien ihm im Hoheitsgebiet des Islam hin und wieder durchaus möglich, etwa wenn er in den Dorfgemeinschaften des Orients ein Beispiel moderner Selbstverwaltung sah. Dass diese Hoffnung rasch wieder verflog lag laut Almond an Marx eigenen widersprüchlichen Impulsen, dass er einerseits den Widerstand der Araber, Perser und Türken gegen die kolonialen Ambitionen der europäischen Mächte unterstützte, aber andererseits aufgrund seines eigenen Modells davon ausging, dass die weniger entwickelten Regionen der Erde erst eine von außen bestimmte Transformation in kapitalistische Territorien durchmachen müssten. Die „nothwenige Aufloesung“ (MEW 28) der muslimischen Reiche würde diese ohnehin in den Einflussbereich der europäischen Zivilisation zwingen. Zwischen diesen beiden Polen hin und her gerissen äußerte Marx bloße Verachtung für die unterdrückten Christen des osmanischen Reiches, deren Unterstützer in der britischen Politik er verdächtige das Christentum als Vorwand für militärische Interventionen verwenden zu wollen. Seine Abneigung gegen das Christentum ließ ihn Argumente verwenden, die denen mancher Anti-Imperialisten von heute gleichen. Es lassen sich ganz ähnliche Widersprüche bei der Beurteilung der indischen Widerstände gegen die Kolonialherrschaft Englands finden. Einerseits sei die britische Inbesitznahme des Subkontinents die einzige soziale Revolution gewesen, die in Asien jemals stattgefunden habe, andererseits trat er lautstark als Befürworter der indischen Unabhängigkeit in Erscheinung. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass seine schnaubende Wut über die Ungerechtigkeiten der europäischen Gesellschaften und dem Klassendünkel seiner Eliten, auch verbergen sollte wie sehr die Unausweichlichkeit der kapitalistischen Globalisierung für ihn ein ernsthaftes praktisches und theoretisches Problem gewesen ist. Der Zwang seinen eigenen deterministischen Modellen zu folgen geriet in ständige Konflikte mit seinem wissenschaftlichen Anspruch nicht deterministische Systematiken zu entdecken. Die Anti-Deutschen heute, die Marx Anti-Imperialismus nicht mehr teilen, stehen stärker denn je vor dem Dilemma, dass auch eine Kritik kapitalistischer Verhältnisse nur dazu beitragen kann jene als allgemeine Abstraktion weltgeschichtlicher Existenz durch zu setzen. Dazu passt, dass Almond folgendes Zitat aus einem Brief an Engels 1853 zur Demonstration für den „Orientalismus“ von Marx verwendet, in dem Marx das Werk des französischen Gelehrten Bernier (1625 – 1688) bespricht: „Bernier findet mit Recht die Grundform für sämtliche Erscheinungen des Orients – er spricht von Türkei, Persien, Hindostan – darin, daß kein Privatgrundeigentum existiert.“ (MEW 28) Almond hält dies für einen Hinweis darauf, dass sich bei Marx orientalistische und anti-imperialistische Motive ständig vermischten und ordnet dies einem kulturalistischen Blickwinkel zu, aber dies erscheint höchst dubios. Genau hier verlässt Marx seine anti-imperialistische Ideenwelt und hält fest, dass das Fehlen von „Privatgrundeigentum“ vor allem das Fehlen von Institutionen und Rechtstitel bedeuten, die eine Gesellschaft erst dazu befähigen in die Moderne einzutreten. Marx durchaus kritischer Blick auf den Islam, den er als Religion für genauso verkommen hielt wie das Christentum wird bei Almond zu jener Invektive mit der der Diskurs der Saidisten jede Kritik am Islam für Ausdruck eines orientalistischen Rassismus hält. Es sieht also danach aus, dass sich jede/r für einen ganz bestimmten Marx entscheiden muss. Was Almond ganz im ideologischen Gewand des Said‘schen Orientalismus Begriffs als kulturalistisch betrachtet, ist bei genauerem Hinsehen etwas ganz Anderes: die Erkenntnis, dass es keine Alternative zum Aufbruch in eine weltgeschichtliche Existenz gibt. Im anti-postmodernen Modell von Marx und Engels sind die Phasen der Widerstände gegen den Imperialismus nur Durchgangs Etappen zur letztlichen Durchdringung der Gesellschaften durch die kapitalistische Globalisierung. In der „Deutschen Ideologie“ heißt es darum, „daß diese bürgerliche Gesellschaft der wahre Herd und Schauplatz aller Geschichte ist…“ (MEW 3). Die postkoloniale Theorie und ihre diversen Spielarten stoßen sich natürlich daran, dass selbst Marx sich nicht aus dem orientalistischen Schema befreien will, sondern darauf beharrt, dass Aufklärung eine conditio sine qua non für die positive Veränderung der Welt sein muss. Obwohl Marx selbst immer wieder widersprüchliche Ansichten zur Rolle des Islams vertrat und zwischen Sympathie und Ablehnung hin und her schwankte, erscheint es gerade heute wichtig festzuhalten, dass es als eine genuin marxistische Position zu gelten hat den Islam und seine alternativen Angebote Gesellschaft jenseits von Aufklärung zu organisieren strikt abzulehnen. In seinem Fragment gebliebenen Text aus dem Jahre 1894 „Zur Geschichte des Urchristentums“ schreibt Engels in einer Fußnote:

„Einen eigentümlichen Gegensatz hierzu bilden die religiösen Aufstände der muhammedanischen Welt, namentlich in Afrika. Der Islam ist eine auf Orientalen, speziell Araber zugeschnittene Religion, also einerseits auf handel- und gewerbetreibende Städter, andrerseits auf nomadisierende Beduinen. Darin liegt aber der Keim einer periodisch wiederkehrenden Kollision. Die Städter werden reich, üppig, lax in Beobachtung des „Gesetzes“. Die Beduinen, arm und aus Armut sittenstreng, schauen mit Neid und Gier auf diese Reichtümer und Genüsse. Dann tun sie sich zusammen unter einem Propheten, einem Mahdi, die Abgefallnen zu züchtigen, die Achtung vor dem Zeremonialgesetz und dem wahren Glauben wiederherzustellen und zum Lohn die Schätze der Abtrünnigen einzuheimsen. Nach hundert Jahren stehn sie natürlich genau da, wo jene Abtrünnigen standen: eine neue Glaubensreinigung ist nötig, ein neuer Mahdi steht auf, das Spiel geht von vorne an. So ist’s geschehn von den Eroberungszügen der afrikanischen Almoraviden und Almohaden nach Spanien bis zum letzten Mahdi von Chartum, der den Engländern so erfolgreich trotzte. So oder ähnlich verhielt es sich mit den Aufständen in Persien und andern muhammedanischen Ländern. Es sind alles religiös verkleidete Bewegungen, entspringend aus ökonomischen Ursachen; aber, auch wenn siegreich, lassen sie die alten ökonomischen Bedingungen unangerührt fortbestehen. Es bleibt also alles beim alten, und die Kollision wird periodisch. In den Volkserhebungen des christlichen Westens dagegen dient die religiöse Verkleidung nur als Fahne und Maske für Angriffe auf eine veraltende ökonomische Ordnung; diese wird schließlich gestürzt, eine neue kommt auf, die Welt kommt vorwärts.“ (MEW 22)

Ist das eine genuin marxistische Position? Die Antwort darauf kann nur „ja“ lauten. Marxistisch denken heißt, dass man die „wirkliche Bewegung“ als kapitalistische Globalisierung für alternativlos hält, weil nur sie garantiert, dass es eine „weltgeschichtliche Existenz“ gibt. Die tribalistischen Kollektivismen diverser Weltregionen sind keine Alternative zum Jetzt, sondern der Rückschritt in die Barbarei. Die Integration in den Weltmarkt ist die einzige verbliebene politische Methodologie mit der sich auf lange Sicht Verhältnisse herstellen lassen, die Betroffene als erträglich empfinden werden, auch wenn es der Weg dorthin keineswegs ist. Auf eine gewisse Weise haben Marx und Engels dies besser verstanden als irgendwer vor und nach ihnen. Es erscheint darum als eine natürliche Entwicklung, dass die anti-imperialistischen Interpreten von Marx die Linke zwar heute dominieren, aber eben deshalb auch so nachdrücklich dafür gesorgt haben, dass das Erbe von Marx und Engels irrelevant wurde. Ob es der anti-deutschen Theorie gelingen will, die Relevanz eines Marxismus der kapitalistischen Globalisierung zu erneuern hängt davon ab, ob sie die Lektionen des feinen Unterschieds zwischen „Kapitalismus“ und „kapitalistisch“ berücksichtigen wird. Und nicht zuletzt auch davon, ob es mit der Transformation der Erde zu einem globalen Markt überhaupt noch relevant sein wird über diese Unterscheidung nachzudenken. Es wäre gut möglich, dass sich Fukuyama, Kojève und Hegel danach als weitsichtige Denker eines Endes der Geschichte als brauchbarere Interpreten erweisen werden.

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15 Kommentare leave one →
  1. 23. Dezember 2017 13:35

    Vielen Dank für deinen informativen, nachdenkenswerten Beitrag und der freundlichen Widmung.

    Ich sehe in Marx vor allem den Theoretiker, den Wirtschaftswissenschaftler, der die Zustände, den „Kapitalismus“ seiner Zeit, scharf analysiert und weniger den Leitfaden für die zukünftige sozialistische Ordnung vorgegeben hat. Die Marxsche Fetischkritik ist wie vieles andere noch heute ein vorzügliches Werkzeug. Mit dem tendenziellen Fall der Profitrate habe ich mich vor Jahren mal intensiver beschäftigt, bei aller Kritik daran, absolut von der Hand zu weisen ist dieses Modell nicht. Viele andere Marxsche Vorhersagen sind freilich nicht eingetroffen, so manche Modelle schon (Konjunkturzyklen). Wie du richtig schreibst, die beiden Weltkriege konnte er nicht vorhersehen.

    Antiimperialistisch oder antideutsch heißt aus meiner Sicht heute vor allem antisemitisch oder anti-antisemitisch. Bei Marx und Engels gab es zwar in dieser Hinsicht kritische Momente, wie wir wissen, aber Antisemiten waren beide nicht. Sie personalisierten ihre Kapitalismuskritik eben nicht, im 3. Band des Kapitals macht sich Marx über die personalisierte Zinskritik von Proudhon lustig. Engels kritisiert den Antisemitismus als „Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur“.

    Beim Marxismus-Leninismus wird es freilich gleich viel problematischer. Sein Text „Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus“ ist beinahe schon peinlich. Lenin hat sich zwar auch gegen den Antisemitismus ausgesprochen, aber bei der Frage wie antisemitisch, zumindest strukturell, der Leninismus war und ist, sieht es gleich viel düsterer aus. Der Antizionismus mit seinen stalinistischen Säuberungen entstand nicht zufällig auf Grundlage der Leitideologie des Marxismus-Leninismus. Der Leninismus basiert auf der „einheitlichen wissenschaftlichen“ Theorie von Marx. Das grundsätzliche Strukturmerkmal in Lenis Weltbild war ein strikter Manichäismus. Die Teilung der Welt in Gut und Böse. Die Bourgeoisie, das Kapital, der Imperialismus auf der einen und das gute Volk auf der anderen Seite.

    Das alte Problem von Praxis und Theorie. Ich muss mich noch in ein paar Texte einlesen, dann mehr zur Ausgangsfrage.

    Bis dahin, schöne Feiertage!

    Gefällt 2 Personen

    • 23. Dezember 2017 15:14

      Danke fürs Feedback. Das Thema ist natürlich viel zu umfangreich, als dass man es in ein paar Zeilen erschöpfend behandeln könnte. Aber ein von mir sehr geschätzter Autor wie Dietmar Dath betreibt in seinen Büchern einen ziemlichen Lenin Kult und empfiehlt die Lektüre der Lenin’schen Imperialismus Doktrin, ohne dass ich ihn jemals des Antisemitismus verdächtigt hätte.

      Außerdem muss man sagen, dass das Phänomen das wir „Antisemitismus“ nennen vor allem ein Streit um die Legitimität Israels ist und wie sich der jüdische Staat in einer feindlichen Umgebung verhalten soll. Man darf nicht vergessen, dass die anti-zionistische Sowjetunion als erstes Land Israel anerkannte und dass die Politik der UdSSR bis 1967 Israel gegenüber eher wohlwollend war.

      Es gibt also gute Gründe dafür die Abneigung gegen Israel nicht ausschließlich auf den alten verschwörungstheoretischen Antisemitismus zurück zu führen (obwohl dieser immer wieder auftaucht) sondern darauf, dass Israels Feinde eine andere Auffassung seiner geo-strategischen Rolle haben. Im anti-imperialistischen Diskurs wurde Israel künstlich in die Region des Nahen Ostens gepflanzt, so als wären zionistische Aliens 1948 aus den Tiefen des Alls dort gelandet. Unsere Sicht hält an den historischen Fakten fest, dass Palästina und Jerusalem immer schon von Juden besiedelt gewesen sind und die Kultur des Nahen Ostens ohne Juden auch nicht denkbar ist. Genau das wollen Islamisten heute ausradieren. Sie wollen nicht nur Israel zerstören, sondern auch die Erinnerung daran auslöschen, dass Juden lange vor dem Islam diesen Raum geprägt haben.

      Ich glaube, dass man politisch besser fährt den Antisemitismus als einen Effekt zu sehen und nicht als eine transhistorische Ursache. Der Antisemitismus gegen Israel kommt von Leuten, die unbedingt „Kapitalismus“ sagen wollen, weil sie eine autoritäre Auffassung von Politik haben. Die Ablehnung von Demokratie und Meinungsfreiheit, die sich auch in der Ignoranz oder Zensur gegenüber Islamkritikern äußert entspringt nicht genuin dem Judenhass, sondern ist ein Effekt einer deterministischen Sicht auf Politik.

      Gefällt 3 Personen

    • 23. Dezember 2017 15:40

      Zur Lenin’schen Imperialismus Doktrin später mehr.

      Unbestritten ist, dass die Sowjetunion nicht nur als erstes Land Israel anerkannte, Gromyko erinnerte vor der UN-Abstimmung an Auschwitz und hielt eine leidenschaftliche Rede für Israel. Im Gegensatz zu den USA war die Sowjetunion Vorreiter für die Gründung des Judenstaates. Die Gründe dafür waren vielfältig, die Kibbuzim waren ideologisch interessant und England sollte auch geschwächt werden. Stalins alter Antisemitismus (mit verschwörungstheoretischen Ansätzen) war oftmals taktisch bedingt, wurde kurzzeitig ausgesetzt und dann wieder eingesetzt. Vermutlich hat nur der Tod Stalins die Deportation der Juden nach Sibirien verhindert (Ärzteprozesse)

      Die interessante Frage nun wie der Antisemitismus mit dem Antiimperialismus zusammenhängt ist vielschichtig. Effekt oder transhistorische Ursache? Gute Frage.

      Ich bin nicht sicher ob folgender Satz richtig ist: Nicht alle Antisemiten sind Antiimperialisten, aber fast alle Antiimperialisten sind Antisemiten. In jedem Fall sind beide Ideologien kompatibel, vielleicht bedingen sie sich sogar. Auch dazu später mehr.

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      • 23. Dezember 2017 16:00

        Ich halte diesen letzten Satz nicht für richtig, weil man nicht davon ausgehen kann, dass beide Begriffe linear von einander abhängen. Wenn ich an die Kommentare auf Fisch und Fleisch zu deiner „Kriminalgeschichte des Islam“ denke, dann äußert sich unter den kritischen Stimmen vor allem eine historische Unkenntnis. Die Kreuzzüge und die Kritik christlichen Expansionsdrang werden deshalb immer wieder erwähnt, weil kaum jemand etwas über die islamische Geschichte weiß (einem Mangel, den dein Beitrag sehr viel Abhilfe verschafft) und aus diesem Mangel ein bestimmtes Narrativ unterstützt. Es ist nicht Antisemitismus, der die treibende Kraft ist, Israel für ein „kolonialistisches Siedlerprojekt“ zu halten, sondern Antisemitismus entsteht weil viele gut meinende Menschen das Narrativ dahinter, nämlich dass die palästinensischen Araber das Ziel eines hinterhältigen Anschlags auf ihr Land gewesen sind, nicht hinterfragt. Und das Narrativ des „kolonialistischen Sidlerprojekts“ ist deshalb erfolgreich, weil sich im Westen die Gewohnheit eingebürgert hat, die eigene Geschichte kritisch zu sehen. Das Ziel meiner Islamkritik ist ja nicht, die muslimischen Bevölkerungen in Europa zu vertreiben oder Flüchtlinge mies zu behandeln, sondern der Wunsch, dass sich islamische Communities in einem Umfeld von Meinungsfreiheit und Demokratie zu ihrer eigenen Geschichte kritisch verhandeln. Weil das dort aber völlig unüblich ist und das den Linken entweder egal oder unbekannt ist, kommt als erste und unmittelbare Reaktion linker ZeitgenossInnen auf eine Kritik des Islam: „Aber das Christentum…“ usw
        Dass ihnen die Geschichte des Islam und der islamischen Länder nicht klar ist und deren eigene Erzählung Selbstkritik und ein Abwägen von Ansprüchen dort nicht vorkommt, ist der Grund warum sie antisemitisch werden, obwohl sie es vorher nicht waren. Sie können das zu Grunde liegende Narrativ nicht ändern, sondern müssen irgendwie den Juden die Schuld dafür geben, von Antisemitismus betroffen zu sein. Da wir beide davon überzeugt sind, dass sich die Wahrnehmungen von Antisemiten nicht durch Argumente ändern lassen, sollte es ein Anliegen sein, denjenigen die sich durch Information und gebildete Kritik vielleicht doch noch erreichbar sind, soviel wie möglich davon zukommen zu lassen.

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      • 24. Dezember 2017 11:25

        Der Satz ist in jedem Fall zu unpräzise und beide Begriffe hängen in keinem Fall linear voneinander ab. Es fehlt an der Definition wer oder was überhaupt ein Antiimperialist und ein Antisemit ist. Statt Antisemit müsste es besser heißen, „wer sich antisemitisch äußert“. Beim Antiimperialisten ist die Frage ob man schon ein solcher ist, wenn man den Vietnamkrieg oder den Algerienkrieg kritisiert hat.

        Jutta Ditfurth würde ich beispielsweise als Antiimperialistin bezeichnen, ich denke sie hätte nichts gegen eine solche Bezeichnung. Ditfurth bezeichnet nun Jürgen Elsässer einen „glühenden Antisemiten“ und hat aber kein Problem wenn ein Freund von ihr behauptet Israel führe einen „Vernichtungskrieg mit ethnischen Säuberungen.“ Ditfurth selbst kritisiert Israel, wirft Israel Rassismus und Brutalität gegenüber den Palästinensern vor und bezeichnet Ulrike Meinhofs antisemitischen Texte als „Kampfesgrüße.“ Elsässer will die Querfront von Rechten und Linken gegen das US-Finanzkapital, hofiert die Holocaustleugner des Iran, gibt allerlei antisemitische Kommentare gegen Israel ab und wirbt für eine „antiglobalistische und antiimperialistische Gerechtigkeitsbewegung.“ Jetzt mal abgesehen davon, dass Ditfurth wenig Ahnung davon hat was Antisemitismus überhaupt ist, dürften sich die beiden Antiimperialisten näher sein als sie es sich wünschen. Elsässer und Ditfurth belegen also wie problematisch mein unpräziser Satz war.

        Ich gebe dir Recht, oftmals ist es die historische Unkenntnis, es kann aber auch beispielsweise Schuldabwehr hinter antisemitischen Äußerungen stecken. Das unhistorische, antisemitische Weltbild fällt freilich nicht vom Himmel. Die Leute sozialisieren sich, holen sich ihre Infos aus bestimmten Medien, werden zu Hause und in der Schule erzogen und ein Weltbild bei dem die anderen (die Juden) die Schuldigen, die Bösen sind ist ganz einfach bequemer, man fühlt sich besser. Für den Antiimperialisten ist Israel der „Brückenkopf des Westens“ inmitten lauter „progressiven“, antiwestlichen „unterdrückten vom Imperialismus geschädigten Staaten.“

        Für Antiimperialisten sind neben Israel vor allem die USA die Wiege des Bösen. Man muss jetzt nicht die Außenpolitik der USA der letzten hundert Jahre gutheißen, vor allem nicht die US-Politik des Kalten Krieges, aber mit dem manichäischen Weltbild der Antiimps ist die Welt kaum erklärbar, erst recht nicht nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
        Keine Frage, die Hoffnung mit Argumenten Antiimps und Antisemiten von ihrem Weg abzubringen sollte nie aufgegeben werden.

        Ich verbessere also hiermit meinen obigen Satz folgendermaßen: Ich denke zwischen dem antisemitischen Weltbild und dem antiimperialistischen Weltbild gibt es eine große Affinität, viele Überschneidungen und Andockmöglichkeiten.

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    • 23. Dezember 2017 15:42

      Noch eine Anmerkung zum Begriff des „tendenziellen Falls der Profitrate“. Die Idee dahinter ist natürlich richtig: die Überproduktion führt zu Krisen und wegbrechenden Absatzmärkten, aber der Irrtum marxistischer Theorie ist, dass dieser Prozess linear und unaufhaltsam ist. Er ist zum einen nicht linear, weil die Grenzen von Überproduktion und übersättigten Absatzmärkten nicht von vornherein feststehen, und zum zweiten kann man seit Althusser wissen, dass die Reproduktion der kapitalistischen Verhältnisse fast ausschließlich in Krisen stattfindet, in denen diese Verhältnisse neu geordnet und durch technologischen Input zu einer Erneuerung der Produktionsverhältnisse führen. Es nährte immer die Hoffnung auf den Zusammenbruch, der nie eintrat und dadurch ins Reaktionäre sich wandelt, weil man die Realität der Theorie anpassen musste, nie umgekehrt.
      Aber das Thema ist wirklich endlos.

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      • 27. Dezember 2017 18:01

        Stimmt, so leicht er Kapitalismus nicht verschwinden. Der „tendenzielle Fall der Profitrate“, mit seinen „notwendigen und hinreichenden Bedingungen“ ist in jedem Fall ein sehr interessantes Instrumentarium. Fallende Profitraten sind eine Ursache für die Überproduktionskrisen. Die „unsichtbare Hand“ hat dann aber immer wieder „Lösungen“, die sind für den einen profitabel und für den anderen eher nicht. Verschwinden wird der Kapitalismus deshalb nicht. In den Krisen werden die Verhältnisse neu geordnet.

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    • 28. Dezember 2017 12:59

      Bei Adorno habe ich ein passendes Zitat gefunden:

      „.. oder ob die industrielle Entwicklung den Begriff des Kapitalismus selbst, den Unterschied zwischen kapitalistischen und nichtkapitalistischen Staaten, gar die Kritik am Kapitalismus hinfällig gemacht habe. Mit anderen Worten, ob die heute innerhalb der Soziologie so weit verbreitete These, Marx sei veraltet, zutreffe. Dieser These zufolge ist die Welt so durch und durch von der ungeahnt entfalteten Technik bestimmt, daß demgegenüber das soziale Verhältnis, das einmal den Kapitalismus definierte, die Verwandlung lebendiger Arbeit in Ware und damit der Klassengegensatz, an Relevanz einbüßte, sofern es nicht zum Aberglauben wurde. Dabei kann man sich auf unverkennbare Konvergenzen zwischen den technisch fortgeschrittensten Ländern, den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, beziehen. Nach Lebensstandard und Bewußtsein werden vollends in den maßgebenden westlichen Staaten Klassendifferenzen weit weniger sichtbar als in den Dezennien während und nach der industriellen Revolution. Prognosen der Klassentheorie wie die der Verelendung und des Zusammenbruchs sind nicht so drastisch eingetroffen, wie man sie verstehen muß, wenn sie nicht um ihren Gehalt gebracht werden sollen; nur mit Komik ist von relativer Verelendung zu reden. Selbst wenn das bei Marx nicht eindeutige Gesetz von der sinkenden Profitrate systemimmanent sich bewahrheitet hätte, wäre zu konzedieren, daß der Kapitalismus in sich selbst Ressourcen entdeckte, die den Zusammenbruch ad Kalendas Graecas aufzuschieben gestatten – Ressourcen, unter denen fraglos die immense Steigerung des technischen Potentials und damit auch die allen Mitgliedern der hochindustrialisierten Länder zugute kommende Menge von Gebrauchsgütern obenan stehen. Zugleich zeigten angesichts jener technischen Entwicklung die Produktionsverhältnisse sich elastischer, als Marx ihnen zutraute.“

      [Band 8: Soziologische Schriften I: Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft?. Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 5350]

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  2. 27. Dezember 2017 17:51

    Bei der Frage „antideutsch – antiimperialistisch“ sind die Haltungen zu Zionismus und Antiimperialismus elementar.

    Im 19. Jahrhundert beherrschte der Streit um die Assimilation und die Gleichstellung der Juden den Diskurs. Theodor Herzl schrieb nach der Dreyfus-Affäre im Jahr 1996 das Buch „Der Judenstaat“, das „Gründungswerk“ des politischen Zionismus. Im Buch „Rom und Jerusalem“ von 1862 des Frühsozialisten Moses Hess forderte der Autor eine jüdische Nation im „gelobten Land“. Für Herzl jedenfalls war wegen des weltweit vorhandenen Antisemitismus (ob nun im aufgeklärten Frankreich oder in Russland Engels: „das Merkzeichen einer zurückgebliebenen Kultur“)) ein Judenstaat nötig.
    Marxisten und Leninisten, allen voran Karl Kautsky waren und sind der Meinung, im Sozialismus wird es keinen Antisemitismus mehr geben, von daher braucht es keinen Judenstaat. „Beharren auf die Nationalität finden nur noch in der Bourgeoisie statt“ (Marx) Für Marxisten ist der Zionismus somit eine reaktionäre Bewegung. Mal abgesehen davon, dass sie Stalins Antisemitismus nicht voraussehen konnten, war der realsozialistische Antisemitismus einer der Beweise für den Irrtum dieser Leute.Marx hat sich, soweit ich weiß, außer seinem Text zur „Judenfrage“ nicht mehr zu Juden oder geäußert, er hat sich nicht mit dem Zionismus beschäftigt, er ist 1883 gestorben.

    Die Bibel für Antiimperialisten dürfte Lenins Schrift „Der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus“ sein. Lenin darin: „Würde eine möglichst kurze Definition des Imperialismus verlangt, so müßte man sagen, daß der Imperialismus das monopolistische Stadium des Kapitalismus ist. Eine solche Definition enthielte die Hauptsache, denn auf der einen Seite ist das Finanzkapital das Bankkapital einiger weniger monopolistischer Großbanken, das mit dem Kapital monopolistischer Industriellenverbände verschmolzen ist, und auf der anderen Seite ist die Aufteilung der Welt der Übergang von einer Kolonialpolitik, die sich ungehindert auf noch von keiner kapitalistischen Macht eroberte Gebiete ausdehnt, zu einer Kolonialpolitik der monopolistischen Beherrschung des Territoriums der restlos aufgeteilten Erde.“

    Der Marxismus-Leninismus bildete bis zum Ende des Realsozialismus die Basis der Staatsideologie der Sowjetunion. Lenin reklamierte den Anspruch, auf Marx basierend die Welt erklären zu können. Das Leninsche Weltbild war vor allem geprägt von einem unbedingten Manichäismus. Die Welt wird geteilt in Gut und Böse. Alle gesellschaftlichen Phänomene sind binär. Anfangs sprach Lenin noch von den „gesellschaftlichen Verhältnissen“ später wurde auch sein Feindbild personifiziert. In seiner Schrift „Der Imperialismus als besonderes Stadium des Kapitalismus“ wird dies besonders deutlich. Im Zuge der Ausführungen sind es nur „wenige Spekulanten“ „Bankiers“ und „Finanzkönige“. Schon Lenin trennt in „gutes“ Industriekapital und „böses“ Finanzkapital. Die Occupy – Bewegung sprach von einigen Jahren von den „guten“ 99 Prozent und den „bösen“ 1 Prozent!

    Der Kapitalismus habe laut Lenin eine Handvoll reicher und mächtiger „Wucherstaaten“ hervorgebracht, die „Schmarozzer am Körper der restlichen Menschheit“ seien. Präsident Wilson sei das „Oberhaupt der Milliardäre, der Handlanger der kapitalistischen Magnaten“
    Bei Lenin fanden sich zwar keine gegen Juden gerichteten Einstellungen, aber sein Weltbild bot Andockmöglichkeiten, es war strukturell antisemitisch. Lenins Antiimperialismus ist freilich in keiner Weise vergleichbar mit den Verbrechen Stalins. Stalins Antisemitismus, sein Personenkult, seine „Säuberungen“, sein Antizionismus, der Slansky-Prozess, die Ärzteprozesse usw. würden hier jeden Rahmen sprengen.

    Ich würde in keinem Fall Marx und Engels für Stalin, Kautsky oder auch Lenin verantwortlich machen, unbestritten bleibt aber, sie alle nannten sich Marxisten. Blindgläubige Marxisten erkennen die Schwachpunkte in ihrer Lehre nicht, sind nicht in der Lage die Veränderungen dieser Welt zu erkennen. Diese Realitätsverweigerung ist freilich nicht den Marxisten oder der Linken im Allgemeinen vorbehalten, dieses Gespenst greift in allen Schichten der Gesellschaft um sich. Ein Gespenst geht um in Europa …

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    • 27. Dezember 2017 18:09

      Lenins Imperialismus Doktrin ist eine Theorie politischer Herrschaft und nicht eine, die ökonomisch argumentiert. Das sollte man immer im Auge behalten. Der Imperialismus und der Kapitalismus sind ein „System“, das von oben nach unten gerichtet und deterministisch organisiert ist. In der Lesart Althussers, der um Lenin einen regelrechten Kult betrieb, weil er den Marxismus Lenin als Alternative zu dem Stalins sah, besteht die grundsätzliche Schwäche im Marx’schen Denken, dass sie keine ausführlichere Analyse zum Problem der Staatsmacht enthält. Nicos Poulantzas hat versucht diese Lücke zu füllen und dabei ein originelles Werk hinterlassen.
      Althusser versuchte Lenins krude Imperialismustheorie zu einer Staatstheorie umzuschreiben, die das Problem beantwortet ob es ein Primat der Ökonomie über die Politik gibt. Der Imperialismus stellt eine Art transnationaler Staatlichkeit zur Verfügung, die das Ökonomische in politische Herrschaft übersetzt.

      Das Problem am Imperialismusbegriff ist, dass er eine Erweiterung des „Kapitalismus“ ist, der als „System“ von oben gebaut wird und so politische Herrschaft ausübt. Diese Vorstellung findet sich auch als „Macht“ bei Foucault, obwohl sie dort viel raffinierter konzipiert wird. Die Überdehnung dieser Herrschaftsanalyse hat interessante Konsequenzen. In den USA wurde gerade ein heftiger Kampf zwischen Ta-Nehisi Coates und Cornel West geführt, dessen Inhalt war was alles tatsächlich als „white supremacy“ zu gelten hat. Coates sagt: alles. West, ein klassischer marxistischer Intellektueller sagt: alles in Zusammenhang mit Klassenkämpfen. Political Correctness am Comedy Quatschabend.

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  3. 29. Dezember 2017 15:51

    Ein bisschen off-topic, aber irgendwie auch nicht:

    Alt-right trolls in den USA und ihre sehr einfallsreiche Twitter Taktik anti-semitische Ressentiments zu verbreiten.

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  4. 10. Januar 2018 16:03

    Gestern habe ich mir den Film „Der junge Karl Marx!“ angesehen. Großes Kino. Gute Besetzung. Empfehlenswert:

    http://www.der-junge-karl-marx.de/

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