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Das Tocqueville-Paradoxon

28. Februar 2021

Der französische Publizist, Politiker und Historiker Alexis Charles-Henri-Maurice Clérel de Tocqueville (1805 – 1859) gilt als der Begründer der vergleichenden Politikwissenschaft. Der Publizist bereiste im Jahr 1826 die USA um das Rechtssystem und den Strafvollzug in den Vereinigten Staaten von Amerika zu studieren. Zwischen 1839 und 1848 war Alexis de Tocqueville Abgeordneter der gemäßigten Opposition und 1849 war er für fünf Monate der französische Außenminister unter dem Prinz-Präsidenten Louis Napoleon.

Das Streben nach Gleichheit ist laut Tocqueville die Triebfeder der westlichen Zivilisationen, wobei ein hemmungsloses Gleichheitsstreben die Errungenschaften der Freiheit aufs Spiel setzt. Der „Vernunftdemokrat“ warnte davor, dass der Weg der Demokratie ebenso in die Unfreiheit wie in die Freiheit führen könne. Zu den Revolutionären von 1789 meinte Tocqueville: „Was mich beeindruckt, ist weniger das Genie derer, die die Revolution gewollt haben als die Dummheit derer, die sie beförderten, ohne es zu wollen.“ Lange vor Karl Marx ist bei Tocqueville vom „Klassenkampf“ die Rede: „Ich spreche von Klassen, nur sie haben in der Geschichte etwas zu suchen.“ Alexis de Tocqueville versuchte, die Demokratie „zu erziehen“ und bereits im 19. Jahrhundert sagte die Herrschaft der Ökonomie voraus.

Tocqueville studierte die Französische Revolution und beschreibt den Wandel der Gesellschaft und das „unruhige Gefühl“ der Bevölkerung welches bereits dreißig bis vierzig Jahre vor der Revolution beginnt, dabei stellte er die Theorie auf, dass ein unterdrückendes Regime eine höhere Gefahr läuft umgestürzt zu werden, sobald es versucht sich zu reformieren. „Der Abbau von Unrecht schärft die Sinne für Ungerechtigkeiten, die noch weiterhin bestehen, und gerade die Reform schlechter Sozialverhältnisse erhöht die Wahrscheinlichkeit ihrer revolutionären Veränderung.“  Reformen, die zur Verbesserung führen, seien somit tödlich für einen alten Staat, die Autorität der Herrschaft wird dadurch untergraben und das Selbstbewusstsein der Opponenten wird gestärkt. Laut Tocqueville markiert die Verringerung von Missständen den Abstand zu den noch bestehenden Missständen und die zugrundeliegende Hoffnung auf Veränderung verändert das Gespür dafür, was noch möglich ist, wodurch die Unzufriedenheit der Gesellschaft steigt, obwohl absolut betrachtet eine Verbesserung der Lebensumstände vorliegt. Das Phänomen „dass sich mit dem Abbau sozialer Ungerechtigkeiten gleichzeitig die Sensibilität gegenüber verbleibenden Ungleichheiten erhöht“ bezeichnet man in der Soziologie seither als Tocqueville-Paradoxon.

Die Gorbatschow Reformen und der Zusammenbruch der Sowjetunion sind beispielsweise ein Beleg für das Paradox-Gesetz und seit vielen Jahren wird Tocqueville beinahe tagtäglich vor allem in der westlichen Welt bestätigt. Eine Bevölkerung rebelliert, wenn sich seine Situation verbessert und nicht, wenn sie sich verschlechtert. „Der Wunsch nach Gleichheit wird umso unwiderstehlicher, je größer sie im Grunde ist.“  Die Erfolge, des Feminismus oder des Antirassismus im vergangenen Jahrhundert, machen den heutigen Generationen die alle noch vorhandenen Ungleichheiten unerträglich. Die Gesellschaft von heute ist so wenig sexistisch und rassistisch wie nie zuvor, aber die öffentliche Denunziation von Sexismus und Rassismus ist alltäglich wie nie.

Am 8. Dezember 2020 wurde in Paris das Champions League-Spiel zwischen Paris Saint-Germain und Basaksehir in einem bislang einmaligen Vorgang in der 14. Minute wegen einer vermeintlich rassistischen Aussage des 4. Offiziellen, des rumänische Schiedsrichters Sebastian Coltescu, abgebrochen. Pierre Webo, der aus Kamerun stammenden Co-Trainer der Istanbuler Mannschaft hat den Schiedsrichter beleidigt. Darauf erkundigte sich dieser beim 4. Offiziellen, worauf dieser, „den Schwarzen, dort“ Pierre Webo „ala negru“ identifizierte. Zuvor war von der türkischen Trainerbank, Rumänen seien „Zigeuner in meinem Land“ zu hören. Gefolgt von den Franzosen, verließ die türkische Mannschaft den Platz und schon kurz darauf forderte der türkische Präsident Erdogan per Twitter von der UEFA, das „Nötige zu unternehmen“, um gegen „Rassismus und Diskriminierung“ vorzugehen. Vor dem Wiederanpfiff des Wiederholungsspiels knieten „Corona-Partybiest“ Neymar und Co. rund um den Mittelkreis nieder und gedachten mit erhobener Faust des „beleidigten“ Co-Trainer der Türken. Der rumänische Fußballverband distanzierte sich erwartungsgemäß von Rassismus, wobei die tatsächlichen rassistischen Aussagen von der türkischen Trainerbank freilich kein Thema waren. In Rumänien und nicht nur dort hat sich gegenüber solcherlei politischer Korrektheit eine feindselige Stimmung breitgemacht und Schiedsrichter Coltescu ist seitdem selbstmordgefährdet, was darüber hinaus zeigt, dass ideologisierte Debatten nicht nur wirkungslos im antirassistischen Kampf sind, sondern das Gegenteil bewirken. Wenn Coltescu einen Weißen unter fünf Schwarzen identifiziert hätte, würde kein Hahn danach krähen.

Niederknieende Fußballer wie Neymar werden keinen einzigen Rechtsextremisten zu einem friedlicheren Menschen bekehren. Beim rechtsextremen Terroranschlag in Hanau am 19. Februar 2020 erschoss der Hanauer Tobias Rathjen in und vor einer Shisha-Bar und einem Kiosk aus rassistischen Motiven Hanauer Bürger mit Migrationshintergrund. In hinterlassenen Schriftstücken und Videos phantasiert der Terrorist ganze Völker „vernichten“ zu wollen, weil deren Existenz ein „grundsätzlicher Fehler“ sei. Es ist zweitrangig wie sehr der Täter unter Wahnvorstellungen litt, denn jeder terroristisch motivierte Mörder leidet unter solchen Vorstellungen. Rechtsextreme Morde haben mit dem rechtsextremen Weltbild zu tun wie islamische Morde auf der islamischen Ideologie basieren.

Speziell in Deutschland ist es notwendig, wenn der Staat rechtsextreme Gruppen oder Personen genau beobachtet und es wäre noch besser, wenn diese Gruppen mit aller Härte verfolgt und bestraft werden würden  Die aktuelle Erinnerungskultur zum Terroranschlag in Hanau war richtig und wichtig, nur wäre es wünschenswert, wenn der zahlenmäßig bedeutend umfangreichere islamische Terror und die unzähligen islamischen Zumutungen von der Geschlechterseparation über die sexuellen Übergriffe und Morde bis zum Verschleierungsgebot genauso beobachtet und verfolgt und den Opfern dieses Terrors ähnlich gedacht werden würde.

Nach unzähligen Terrortaten, Vergewaltigungen, Enthauptungen und Morden im Namen des Propheten in Europa und dem Anschlag vom Berliner Breitscheidplatz wurde am 16. Oktober 2020 in einem Pariser Vorort der Geschichtslehrer Samuel Paty von einem Gotteskrieger bestialisch auf offener Straße unter „Allahu Akbar“-Rufen mit einem Messer ermordet und enthauptet. Kurz darauf, am 29. Oktober 2020 ermordete ein 21-jähriger Tunesier in Nizza, in der katholischen Kirche Notre Dame drei „Ungläubige“ mit einem Messer. Sondersendungen zu diesem Terror dazu gab es so gut wie keine. Kritik am islamischen Terror und an den anderen islamischen Zumutungen gilt in weiten Kreisen der europäischen Gesellschaften als „Islamophobie“. Die Fragen, wie konnte das geschehen und was kann getan werden, dass so etwas nicht mehr passiert wird, werden bezüglich des islamischen Terrors nicht gestellt. Im Namen des Antirassismus wird Kritik am Islam, zumeist gemeinsam mit den einschlägigen Vertretern islamistischer Verbände, als rassistisch denunziert.

Der französische Essayist Pascal Bruckner wendet sich in seinen Texten gegen einen Multikulturalismus, der den westlichen Liberalismus schwächt. Für Bruckner ist der Multikulturalismus ein Rassismus des Antirassismus, denn dieser kettet die Menschen an ihre Wurzeln. Pascal Bruckner fordert seit Jahren eine Solidaritätsbewegung zugunsten aller säkularen oder atheistischen Rebellen in der islamischen Welt.  Mit dem Kunstgriff „Islamophobie“, eine Erfindung des Massenmörders Ajatolla Khomeini, belegen die Gegner der Aufklärung, dass sie nicht bereit sind, die gleichen Regeln für den Islam gelten zu lassen, die zur europäischen Aufklärung geführt haben. In der westlichen Welt ersetzt seit Jahren die Identitätspolitik die Hilfe für die sozial Benachteiligten. Die einstmals von den Linken Repräsentierten und Mystifizierten verschwinden zugunsten von Minderheiten und so triumphiert laut Bruckner die Herkunft über das Soziale.

Der aktuelle Zeitgeist produziert seltsame „Feministinnen“ aus der sogenannten Matriarchatsforschung, der feministischen Theologie und Ökologinnen die sich für die Dritte Welt einsetzten. Diese reaktionären „Feministinnen“ arrangieren sich mit ihren männlichen Mitläufern hervorragend mit der mittelalterlichen Frauenverachtung im Islam, gleichzeitig macht es sie fassungslos, wenn in Texten die Gendersternchen fehlen. So sieht die Gendertheorie-Ikone Judith Butler in der Burka das Bollwerk „überlegener“ islamischer Kultur gegen die „feindliche“ westliche Moderne, den Schleier als „Fahne der Emanzipation der muslimischen Frau“ und die islamfaschistischen Terrorgruppen von Hamas und Hisbollah als unterstützenswerte soziale Freiheitsbewegungen. Butlers veröffentlichte antisemitische Agitationen gegen Israel belegen darüber hinaus, was aus der Schuld- und Erinnerungsabwehr, also der genuin feministischen Ausprägung des Antisemitismus, in der Postmoderne geworden ist.

Beispielshalber wird an der Australian National University in Canberra über neue Formulierungen für tradierte Bezeichnungen diskutiert. Die Worte „Mutter“ und „Vater“ sollen nicht mehr verwendet, sondern durch geschlechtsneutrale Begriffe ersetzt werden. Aus der Mutter wird „austragendes Elternteil“ und der „Vater“ wird zum „Nicht-gebärenden Elternteil“. Auch „Muttermilch“ soll nicht länger so heißen, sondern durch „Menschliche Milch“ oder „Elternmilch“ abgelöst werden. Mit diesen Neuerungen sollen Eltern der LGBTIQ+-Community nicht länger benachteiligt werden. Unter dem Deckmantel von Gleichstellungspolitik machen Genderforscher ihre Vorschläge für eine geschlechtsneutrale Sprache. Eine Lann Hornscheidt von der Berliner Humboldt-Universität (HU) hat vorgeschlagen, Endungen auf X im Deutschen einzuführen und mit ihnen geschlechtsneutrale Substantive zu schaffen. Statt Professorin oder Professor oder Student und Studentin könnte man etwa von Professx oder Studierx, Plural Professxs und Studierxx, sprechen. Um „Gender-Kompetenz“ zu vermitteln werden einerseits unzählige Diskussionen über Unisex-Toilettentüren und emanzipierten Ampelweibchen angestoßen, aber andererseits schweigen sich dieselben Leute über die Frauenverachtung und Verfolgung in den islamischen Communities und Ländern aus. Über die menschenfeindliche Scharia, über die Steinigungen wegen außerehelichem Geschlechtsverkehr oder über Auspeitschungen, weil Frauen ihr Haar oder ihr Gesicht nicht verschleiert haben wird in diesen Kreisen ungerne gesprochen.

Mit den Rückgriffen auf die Identität von rechts und vor allem von links sagen sich große Teile der europäischen Gesellschaften vom Universalismus los. Die französische Feministin Caroline Fourest schreibt zu diesem Phänomen:  „Man rebelliert gegen Rihanna wegen ihrer angeblich „afrikanischen“ Zöpfe; man ruft dazu auf, Jamie Oliver zu boykottieren, weil er einen „jamaikanischen Reis“ kreiert hat; in Kanada fordern Studenten die Streichung eines Yogakurses, um sich bloß nicht die indische Kultur „anzueignen“; an amerikanischen Universitäten fahnden sie nach asiatischen Menüs in der Mensa. Indessen weigern sie sich, klassische Werke zu studieren, da diese „beleidigende“ Passagen enthielten.“ Das Buch „Generation Beleidigt“ von Caroline Fourest beginnt mit dem Worten: „Im Mai 1968 träumte die Jugend von einer Welt, in der es verboten ist zu verbieten. Die neue Generation denkt nur daran, zu zensieren, was sie kränkt oder ’beleidigt’.“ Für links-identitäre Aktivisten wird der Islam zur letzten Utopie, der Ersatz für den untergegangenen Kommunismus und für die Entkolonisierung. Der gläubige Muslim übernimmt die Rolle, die einst der Proletarier, die Guerilleros oder die „Verdammten dieser Erde“ spielten. So verraten die „Antirassisten“ mit Klaus Kleber und Judit Rakers die Aufklärung, den Feminismus, den Laizismus, also alles was man mit einer progressistischen Einstellung verbindet.

So geht die größte Gefahr für die liberalen europäischen Demokratien von vermeintlich toleranter Identitätspolitik und seiner Kooperation mit den islamischen Ideologen aus, denn die Ansichten dieser Kreise, die alle demokratischen Prinzipien unterwandern, sind mittlerweile im Mainstream angekommen. Das Denken in kulturellen, religiösen, ethnischen oder sexuellen Gruppenzugehörigkeiten ist ein Rückfall in längst vergangene Traditionen. Identitätspolitik löst mit ihrem einfallslosen Diversitäts-Schematismus keine Probleme. Im Gegenteil, Cancel-Culture mit seiner Tendenz zur Bilder- und Denkmalstürmerei steht gegen zentrale Errungenschaften der westlichen Zivilisation. Der Multikulturalismus der die Gleichheit aller Kulturen propagiert, respektiert so gut wie alle kulturellen Bräuche ganz egal, wie reaktionär und menschenverachtend sie auch sein mögen. So paktiert der Kulturrelativismus mit seiner Forderung eines allumfassenden multikulturellen Bewusstseins mit den Vertretern des Mittelalters. Ob die fanatischen islamischen Gotteskrieger nun vergewaltigen, verschleiern oder enthaupten, in der reaktionären Wahrnehmung der Links-Identitären sind die Menschenfeinde Rebellen, die versuchen, sich selbst zu dekolonisieren.

Bereits 1987 stellt der französische Philosoph Alain Finkielkraut prophetisch in seinem Essay „Niederlage des Denkens“ die Frage, wenn alles Kultur ist, wo bleibt die Universalität des Denkens?  Der Philosoph der Académie française kritisierte also schon vor über 30 Jahren das „Wuchern des Kulturbegriffs“. Die bedingungslose Toleranz gegenüber allen Ausdrucksformen fremder Kulturen steht dem aufklärerischen Prinzip der Universalität und also dem weltweiten Anspruch auf die Einhaltung der Menschenrechte entgegen: „Die Befürworter der multikulturellen Gesellschaft fordern für alle Menschen das Recht auf eine Livree. In ihrem löblichen Wunsch, jedermann seine verlorene Identität wiederzugeben, lassen sie zwei antagonistische Denkschulen aufeinanderprallen: diejenige des Naturrechts und diejenige des historischen Rechts. Und sie präsentieren – o Wunder – als höchste persönliche Freiheit das absolute Primat des Kollektivs: „Den Einwanderern helfen, heißt zunächst einmal sie zu achten, so wie sie sind, so wie sie in ihrer nationalen Identität, ihrer kulturellen Eigenart, ihrer geistigen und religiösen Verwurzelung sein wollen.“

Gibt es eine Kultur da, wo man über Delinquenten körperliche Züchtigungen verhängt, wo die unfruchtbare Frau verstoßen und die Ehebrecherin mit dem Tode bestraft wird, wo die Aussage eines Mannes so viel wert ist wie die von zwei Frauen, wo eine Schwester nur Anspruch auf die Hälfte des Erbes hat, das ihrem Bruder zufällt, wo die Frauen beschnitten werden, wo die Mischehe verboten und die Polygamie erlaubt ist? Die Nächstenliebe gebietet ausdrücklich die Achtung vor solchen Bräuchen. Der Leibeigene muss in den Genuss der Knute kommen können: ihm dies zu nehmen würde bedeuten, sein Innerstes zu verstümmeln, seine Menschenwürde zu verletzen, kurz, Rassismus an den Tag zu legen. In unserer von der Transzendenz verlassenen Welt bürgt die kulturelle Identität für die barbarischen Traditionen, die sich mit Gott nicht mehr rechtfertigen lassen. Der Fanatismus ist unhaltbar, wenn er sich auf den Himmel, unkritisierbar dagegen, wenn er sich auf sein hohes Alter und auf seine Andersartigkeit beruft. [..]

Aus Scham über die Herrschaft, die man so lange über die Völker der Dritten Welt ausgeübt hat, schwört man sich, nicht wieder damit anzufangen und beschließt – gleich als Auftakt – ihnen die Härten der Freiheit nach europäischer Art zu ersparen. Aus Angst, den Einwanderern Gewalt anzutun, verbindet man sie mit der Livree, die die Geschichte ihnen zugeschnitten hat. Um sie so leben zu lassen, wie es ihnen passt, versagt man es sich, sie vor möglichen Untaten oder Missbrauch ihrer jeweiligen Tradition zu schützen. Um die Grausamkeit der Entwurzelung zu mildern, übergibt man sie wehrlos, auf Gedeih und Verderb wieder ihrer Gemeinschaft und schafft es so, die Anwendung der Menschenrechte auf die Menschen des Westens zu beschränken, und das alles in dem Glauben, diese Rechte zu erweitern, wenn man jedem die Wahl lässt, in seiner Kultur zu leben.

Entstanden aus dem Kampf zur Befreiung der Völker, führt der Relativismus zum Lob der Knechtschaft. Heißt das, dass man auf die alten assimilatorischen Mittel zurückgreifen und die Neuankömmlinge von ihrer Religion oder ihrer Volksgemeinschaft trennen muss? Ist die Auflösung jeden Kollektivbewusstseins der Preis für die Integration? Auf keinen Fall. Den Fremden als Individuum zu behandeln, bedeutet nicht, ihn zu verpflichten, alle seine Verhaltensweisen auf die bei den Einheimischen geltenden Lebensformen auszurichten. Man kann die Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in der islamischen Tradition kritisieren, ohne deswegen den muslimischen Einwanderern eine geliehene Livree anzulegen oder die Bindungen an ihre Gemeinschaft zu zerstören. Nur diejenigen, die in Begriffen der kulturellen Identität (und folglich Integrität) denken, meinen, dass zum Überleben des nationalen Kollektivs die anderen Gemeinschaften verschwinden müssen. Der Geist der europäischen Neuzeit dagegen findet sich sehr gut mit der Existenz von nationalen oder religiösen Minderheiten ab, unter der Bedingung, dass diese sich nach dem Vorbild der Nation aus gleichen und freien Einzelpersonen zusammensetzen. Eine solche Forderung hat zur Folge, dass alle Bräuche, die die Grundrechte der Person verhöhnen – auch die, deren Wurzeln weit in die Geschichte zurückreichen – als ungesetzlich erachtet werden.

Unleugbar wirft die Anwesenheit einer wachsenden Anzahl von Einwanderern aus der Dritten Welt in Europa ganz neue Probleme auf. Diese Menschen, die das Elend von zu Hause fortgetrieben hat, und die dazu noch unter dem Trauma der kolonialen Demütigung leiden, können sich von dem Land, das sie aufnimmt, nicht so angezogen fühlen und nicht die Dankbarkeit empfinden, wie zumeist die Flüchtlinge aus Osteuropa. Beneidet um seine Reichtümer, gehasst wegen seiner imperialistischen Vergangenheit, ist ihr Gastland kein gelobtes Land. Eines ist jedoch sicher: wenn man die Abschaffung von Privilegien zum Vorrecht einer Zivilisation macht, wenn man den abendländischen Völkern die Segnungen der individuellen Unabhängigkeit vorbehält und dessen, was Tocqueville „die Gleichheit der Bedingungen“ nennt, befindet man sich auf dem falschen Weg zur Behebung dieser Schwierigkeiten.“

 

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25 Kommentare leave one →
  1. chaikagrossmann permalink
    28. Februar 2021 11:16

    Diese islamischen Terroristen sind auch rechtsextrem. Die MHP hat sich mehrfach gespalten in religiöse und säkulare Faschisten. Das gilt auch für arabische und sonstige Nationalisten. Letztlich ist es aber egal, wer uns erschießt. Ob säkulare oder religiöse Faschisten. Problematisch ist, dass im deutschen Diskurs Faschisten nur mit der AFD oder pegida oder ähnliches gleichgesetzt wird. Auch das Rassismus. Auch die MHP und Dschihadisten sind Faschisten. Und damit die muslimischen Deutschen nicht ins rechtsextreme Lager driften, sind solche Erinnerungsgeschichte sehr wichtig. Kamen nur etwas sehr spät. Und für die jüdischen Opfer in Halle gab es noch gar nichts. Ziemlich schrecklich.

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  2. steinbaer permalink
    28. Februar 2021 13:46

    Tocqueville? Noch nie von ihm gehört. Scheint ein interessanter Mensch gewesen zu sein. Die Herkunft triumphiert heute über das Soziale, das ist unbestreitbar.

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  3. Paul Deckert permalink
    28. Februar 2021 16:16

    Tocqueville, Finkielkraut, Bruckner, Fourest – lauter Franzosen. Kann es sein, dass Frankreich viel weiter ist als Deutschland?

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    • 1. März 2021 09:34

      Ja, Frankreich scheint aktuell die wichtigeren Denker zu haben und in Frankreich werden die Probleme scheinbar viel offener als in Deutschland diskutiert. Kann damit zu tun haben dass die Probleme in Frankreich was den islamischen Terror angeht auch schon viel weiter fortgeschritten sind.

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  4. Paul Deckert permalink
    28. Februar 2021 16:25

    Übrigens, gratuliere und bedanke mich für den informativen Artikel.

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  5. 28. Februar 2021 22:54

    In England schon Realität:

    Um der Vielfalt ihrer Patient*innen gerecht zu werden, möchten die Uni-Kliniken von Sussex und Brighton künftig neue Begriffe auf den Geburtsstationen einführen. Unter anderem sollen Begriffe wie „Menschenmilch“ oder „Milch des stillenden Elternteils“ an Stelle von „Muttermilch“ dafür sorgen, dass sich auch transsexuelle Gebärende in Zukunft angesprochen fühlen.

    https://www.familie.de/familienleben/we-are-familiy/ist-muttermilch-diskriminierend-darum-fuehrt-england-ein-neues-wort-ein/

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    • Stephan Gärtner permalink
      1. März 2021 08:32

      „Um die wenigen wütenden, lautstarken Menschen zu beruhigen, wird ein Geschlecht aus dem Lexikon geschrieben. Es muss aufhören“. Dem ist nichts hinzuzufügen.

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    • 1. März 2021 09:15

      Eine der faszinierenden Aspekte an dieser Sprachregelungen ist, dass individuelle Erfahrungen wie „Stillen“ als reine Funktion eines mechanischen Prozesses geschildert werden. Die Sprache abstrahiert bzw. verleugnet die notwendige Individualität einer konkreten Mutter, die ihr konkretes Kind stillt. Stattdessen wird Stillen als eine Funktionalität betrachtet, die unabhängig vom konkreten Körper existiert. Die Reduktion auf eine Funktionalität negiert die Wirklichkeit weiblicher Erfahrung und macht sie unsichtbar.

      Dass man statt mother „birthperson“ sagen soll, ist die politisch korrekte Sensibilität, zentrale Erfahrungen menschlicher Kultur in reine Funktionalität zu übersetzen, die jede persönliche oder individuelle (weibliche) Erfahrung überschreiben. Die faschistische Mentalität, Körper und körperliche Erfahrungen als mechanische Prozesse abzubilden, die an Körpern unbestimmter Art einfach dran gehängt werden können und unabhängig von einer konkreten Erfahrung existieren sollen, ist diesen Leuten vermutlich nicht bewusst. Aber es ist faschistisch, die körperliche Erfahrung als abstrakte Funktionalität vom Individuum unabhängig zu machen. Die Reduktion des Stillens auf etwas, das jedem Körper mechanisch zugeordnet werden kann, ist paradoxerweise eine Vorwürfe feministischer Medizinkritik an männliche Ärzte und patriarchale Gesundheitsstrukturen gewesen.

      Aber all das zählt nicht mehr. Wichtiger ist, dass sich eine Transgender Person nicht daran erinnert führt, dass Stillen nicht zu seiner/ihrer Grundausstattung zählt.

      Und es ist noch einmal verrückter, als ich es hier darstelle.

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      • 1. März 2021 09:38

        @Jurek „Die faschistische Mentalität, Körper und körperliche Erfahrungen als mechanische Prozesse abzubilden, die an Körpern unbestimmter Art einfach dran gehängt werden können und unabhängig von einer konkreten Erfahrung existieren sollen, ist diesen Leuten vermutlich nicht bewusst.“

        Sehe ich auch so und ja, wir leben in verrückten Zeiten, im wahrsten Sinne des Wortes „verrückt“.

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        • 1. März 2021 12:22

          Ein weiteres Dokument des Irrsinns, das sich neuerdings in amerikanischen Schulen als Grundlage der Pädagogik eingebürgert hat.

          Klicke, um auf 1_STRIDE1.pdf zuzugreifen

          Es besagt im Wesentlichen, dass Mathematik eine „weiße“ Beschäftigung ist, die das Suchen nach richtigen Antworten, eine Beharrlichkeit der Problemlösungskompetenz als Ausdruck der „white supremacy“ denunziert.

          Wie damit Schülerinnen und Schülern geholfen werden soll, bleibt natürlich ungeklärt, wenn man überhaupt davon ausgeht, dass das ein Ziel ist. Der Eindruck, der entsteht ist eher das Gegenteil.

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        • 2. März 2021 09:09

          „Es besagt im Wesentlichen, dass Mathematik eine „weiße“ Beschäftigung ist, die das Suchen nach richtigen Antworten, eine Beharrlichkeit der Problemlösungskompetenz als Ausdruck der „white supremacy“ denunziert.“

          Das macht mich fassungslos. Da kommt wohl noch einiges auf uns zu.

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    • 1. März 2021 09:35

      @Angelia Dass es in Europa schon so weit ist habe ich ehrlich gesagt noch nicht mitbekommen. Danke für den Link.

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    • 1. März 2021 17:03

      White Supremacy, Critical Whiteness, Genderdebatte – Was ein Irrsinn.

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  6. Stephan Gärtner permalink
    1. März 2021 08:29

    In den USA wurde von den „Black Lives Matter“ Chaoten die Statue des schwedischen Judenretters während der NS-Zeit Raoul Wallenberg geschändet und unzählige Synagogen wurden mit „Free Palestine! Fuck Israel!“ besprüht. Diese „Antirassisten“ sind zum kotzen und Fußballer wie Neymar Witzfiguren.

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  7. 1. März 2021 08:58

    Holocaustrelativierung war früher das Handwerk der Rechtsradikalen, das ist schon lange nicht mehr so. Thomas Schmid, früher selbst in der Studentenbewegung aktiv hat das vor ein paar Tagen auf den Punkt gebracht:

    Kein Zweifel, die Postkolonialen haben zumindest nah am Antisemitismus gebaut. Und sie finden in der westlichen Welt bei vielen Anklang. An Universitäten in den USA kommt es vor, dass Aktivisten des Minderheitenschutzes den Holocaust so leichtfertig wie hartherzig als „white on white crime“ abtun.

    Es gab große Kolonialverbrechen mit genozidalem Charakter. Dennoch war der Holocaust einzigartig. Im britischen, französischen, belgischen und deutschen Kolonialismus ging es darum, andere Völker zu unterdrücken, auszubeuten. Es ging darum, Profit aus den Kolonien zu zielen und deren Bevölkerung gefügig zu machen. Doch war der Kolonialismus nicht immer reine Repression, es kam vor, dass die Kolonisierten mit eigenen Rechten ausgestattet und – im Falle der Briten – als Bürger des Empire anerkannt wurden. Wenn alles nichts half, folgte – wie bei den Herero und Nama, wie beim „Boxeraufstand“ 1900 – als Ultima Ratio der Massenmord. Das war beim Holocaust anders. Die Juden sollten nicht unterdrückt oder ausgebeutet werden, ihre Vernichtung war nicht Ultima Ratio, sondern alleiniger Zweck des Unternehmens. Und zwar aus einem Grund allein: Weil sie Juden waren. Das ist bis heute einmalig in der Geschichte. „Der Vernichtungstod ist im Kern ein grundloser Tod“, schreibt der Historiker Dan Diner in seinem 2007 erschienen Buch „Gegenläufige Gedächtnisse“.

    Nicht koloniale Gewaltbereitschaft, sondern der Antisemitismus trieb die Täter des Holocaust an. Juden waren für sie der Quell allen Übels, der Antisemitismus war nicht bloße kolonialistische Verächtlichkeit und Feindschaft, er lieferte eine Welterklärung. Der Historiker Saul Friedländer hat dafür den treffenden Begriff „Erlösungsantisemitismus“ geprägt. Juden galten als die absoluten Verderber, die unerkannt in den gesunden deutschen „Volkskörper“ eingedrungen seien. Und zugleich als abstrakte Agenten einer Weltverschwörung von „raffendem“ Kapital und überzüchteten Intellektuellen. Auch darin als Verderber nicht umstandslos erkennbar.

    Steffen Klävers hat in seiner gründlichen, umsichtigen und auf Polemik gänzlich verzichtenden Untersuchung „Decolonizing Auschwitz?“ in der Auseinandersetzung mit Rothberg und dem Postkolonialismus überzeugend sichtbar gemacht, in welche Untiefen postkoloniale Denker führen können. Da wird von der Allgegenwart der Lager in der Moderne gesprochen und zuweilen nicht einmal zwischen Vernichtungs- und Flüchtlingslager unterschieden. Noch weiter geht etwa der indische Historiker Vinay Lal. Er setzt die Moderne nicht nur mit dem Kolonialismus, sondern auch mit dem Genozid gleich: Die europäische Moderne ist für ihn Genozid. Und ebenso die Ideen von Entwicklung und Fortschritt.

    Hier dringt man zum bedrohlichen Kern im Denken etlicher postkolonialer Denker vor. Sie verwerfen die Moderne insgesamt, und zwar, weil sie europäischen Ursprungs ist. Sie habe nur Unheil über den Rest der Welt gemacht. Sie habe in grenzenloser Anmaßung versucht, die Welt nach sich selbst zu formen. Der Universalismus – etwa: Alle Menschen sind gleich und haben gleiche Rechte – sei eine europäische Waffe, um die Welt zu unterwerfen. Wie einflussreich solch dunkles Denken ist, wird auch an Michael Rothberg deutlich. In seiner Auseinandersetzung mit Hannah Arendts kanzelt er deren in der Tat denkerische Widersprüchlichkeit, die doch dem Umgang mit einer vertrackten und kaum fassbaren Wirklichkeit entsprang, rüde als zwar in der Intention richtig, aber unzureichend ab. Er nimmt ihr Werk nicht als Inspirationsquelle, sondern zwingt es in sein multidirektionales Korsett. Wer einst auch nur ein wenig die Luft der antiautoritären Revolte eingeatmet und dann die beinharte Unerschütterlichkeit neu bekehrter Marxisten-Leninisten erlebt hat, spürt augenblicklich, dass hier ein denkerischer Autoritarismus am Werk ist.

    https://schmid.welt.de/2021/02/26/der-holocaust-war-singulaer-das-bestreiten-inzwischen-nicht-nur-rechtsradikale/

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    • 1. März 2021 09:57

      Es gehört zu den verdrängten Wahrheiten der postmodernen Situation, dass nichts von dieser „Kritik“ möglich gewesen wäre, ohne den Aufstieg der europäischen Zivilisation.
      Die Bereitwilligkeit von Leuten, die sich als Opfer sehen, die Sündenbock Funktion für europäische Kultur sofort scharf zu machen, aber nicht einen Bruchteil dieses kritischen Geistes für die eigenen kulturelle Vergangenheit bereit zu stellen, verweist auf die Tatsache, dass offenbar nur Europäer und Amerikaner genug metaphysische Schmerzen ertragen können, die eigene Vergangenheit kritisch zu betrachten.

      Inder, Araber oder Chinesen, die alle ebenfalls Geschichte hätten, um die sie sich kümmern könnten, tun das nicht, weil ihnen die europäische Perspektive fehlt, die durch das Christentum über Jahrhunderte hinweg propagiert wurde: meine Schuld, meine Schuld, meine große Schuld.

      Wer das nicht hat (auch Atheisten folgen dem gleichen Prinzip und noch stärker, als tatsächlich Religiöse), kann es auch nicht auf die eigene Kultur anwenden. Die einzige Kultur, die das erlaubt und sogar ermutigt, ist der (christliche) Westen.

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      • 1. März 2021 11:33

        Stimmt es scheint wirklich so dass nur Europäer und Amerikaner die Kraft aufbringen können die eigene Vergangenheit kritisch zu betrachten. Wobei Ausnahmen diese Regel immer wieder bestätigen.

        Der senegalesische Anthropologe N’Diaye schreibt in seinem Buch „Der verschleierte Völkermord“ : „Der muslimische Sklavenhandel war der längste in der Geschichte der Menschheit. Er währte 13 Jahrhunderte und hatte viel mehr Opfer als der Sklavenhandel nach Amerika, der 400 Jahre dauerte. Und das Traurigste daran ist, dass die meisten der Verschleppten unglücklicherweise keine Kinder bekommen konnten, weil sie kastriert wurden.“

        N’Diaye spricht vom „Stockholm-Syndrom“, das offenbar verhindere, dass die afrikanischen Staaten ihre die Geschichte endlich aufarbeiten. Aus religiöser Solidarität verabschieden diese Staaten lieber Resolutionen gegen Israel.
        Freilich wird der muslimische Sklavenhandel nicht nur von den afrikanischen Ländern nicht aufgearbeitet, die postkoloniale „antirassistische“ Linke mit ihren Fürsprechern in den öffentlich-rechtlichen Medien wollen davon auch nichts wissen, ihr mühsam zurechtgezimmertes Weltbild könnte zusammenbrechen.

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    • 1. März 2021 11:37

      @F.Wolf: Steffen Klävers „Decolonizing Auschwitz?“ steht auf meiner Prioritätenliste ganz oben. 83 Euro sind freilich kein Pappenstiel. Ich schätze mal in dieser Richtung wird uns in diesem Jahr noch einiges bevorstehen. Die Diskussionen im letzten Jahr um den Holocaustrelativierer und BDS-Aktivisten Mbembe waren vermutlich nur der Anfang der postkolonialen Offensive.

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    • 3. März 2021 10:09

      Die europäische Zivilisation wird derzeit von ganz links angegriffen.

      Wolfgang Thierse in der FAZ: „Themen kultureller Zugehörigkeit scheinen jedenfalls unsere westlichen Gesellschaften mittlerweile mehr zu erregen und zu spalten als verteilungspolitische Gerechtigkeitsthemen. Fragen ethnischer, geschlechtlicher und sexueller Identität dominieren, Debatten über Rassismus, Postkolonialismus und Gender werden heftiger und aggressiver. Das sind wohl unausweichliche Auseinandersetzungen in einer pluralistischer werdenden Gesellschaft und Ausdruck sozialer Konflikte, die als Verteilungskonflikte um Sichtbarkeit und um Einfluss, um Aufmerksamkeit und um Anerkennung ausgefochten werden. So unvermeidlich diese Konflikte erscheinen mögen, so verwirrend, unübersichtlich und ambivalent sind sie auch. Die Heftigkeit mancher Attacken aufs Hergebrachte, ebenso wie die Heftigkeit der Verteidigung des Hergebrachten, die Radikalität identitärer Forderungen drängen zu der Frage: Wie viel Identitätspolitik stärkt die Pluralität einer Gesellschaft, ab wann schlägt sie in Spaltung um? Sehr grundsätzlich gesagt: Ethnische, kulturelle, religiös-weltanschauliche Pluralität, die auch in Deutschland zunimmt, ist kein Idyll, sondern ist voller Streit und Konfliktpotential.“

      Im Deutschlandfunk kritisierte Thierse Identitätspolitik von rechts wie von links. »Die Identitätspolitik von rechts ist eine Politik, die zu Ausschließung, zu Hass, ja zu Gewalt führt«, so Thierse: »Und die Identitätspolitik von links führt, wenn sie weiter so einseitig und in dieser Radikalität betrieben wird, zu Cancel Culture.« Zudem kritisierte er, dass gendergerechte Sprache »auf dem Verordnungswege« durchgesetzt wird.

      Esken tobt. Thierse steht wegen seiner Haltung kurz vor dem Parteiausschluss aus der SPD und die SPD pulverisiert sich.

      Gefällt 5 Personen

      • 3. März 2021 14:07

        Der aktuelle Streit in der SPD passt sehr schön zum Thema. Thierse spricht endlich die Probleme unserer Zeit an, kritisiert das linke identitäre postkoloniale Geschwafel und die Parteispitze lässt gleich die Muskeln spielen. Die SPD auf dem Weg in die bedeutungslose Einstelligkeit.

        Gefällt 3 Personen

  8. 1. März 2021 09:17

    Vielen Dank, Manfred!

    Mit Tocqueville wollte ich mich schon länger beschäftigen, jetzt habe ich einen Grund gefunden, das wirklich zu tun.

    Gefällt 4 Personen

  9. chaikagrossmann permalink
    4. März 2021 00:17

    Ich bin gespannt, wie der Konflikt in der SPD weitergeht. Aktuell wollen Esken und Kühnert nicht, dass Thierse austritt aber mit seinen Äußerungen sind sie auch nicht einverstanden. Dabei war Thierse noch harmlos- „Weisse“ müssen selbstkritisch sein; „Schwarze“ offenbar nicht. Sklavenhandel hat nicht aufgehört, es werden Menschen aus allen Kontinenten verkauft; ob als Arbeitssklaven, Zwangsprostituierte oder als Organbanken. Was ist mit dem Lieferkettengesetz, wenn es Rohstoffe angeht- der Krieg gegen den Terror ist in Mali und Niger als verloren anzusehen. Also wird sich Frankreich wohl mit den Haussa einigen müssen, Terror hin oder her. immerhin bezieht Europa sehr viel Lithium aus Mali, Ghana und Niger. Das wird in den digitalen „Revolutionen“ und Arbeit 4.0 nicht thematisiert.

    Gefällt 3 Personen

    • 6. März 2021 08:07

      Man muss über rechte Identitätspolitik nichts sagen, und sie spielt auch keine Rolle in den europäischen Gesellschaften. Linke Identitätspolitik ist jedoch hegemonial und sie übt Macht aus, die zu hinterfragen, den Job kosten kann. Thierse wird nicht der erste gewesen sein, der seine Mitgliedschaft in der SPD in die Waage werfen muss, damit er überhaupt noch in der Diskussion bleiben kann.
      Warum die unbedeutende Minderheit von Transgender Personen solche Macht über die Institutionen haben kann, dass 180 SchauspielerInnen mit unklarer Geschlechtsidentifkation die SPD unter Druck setzen können ist etwas, das niemand erklären will.

      Wer die Dogmen dieser hegemonialen Ideologie anzweifelt, ist nicht einfach ein wrongthinker, sondern er oder sie steht außerhalb der sozialen Norm.
      Linke Hegemonie ist eine unerträgliche Dominanz von stalinistischen Politkommissaren, die nicht einmal eine Partei dafür brauchen. Es ist Kommunismus getragen von Big Tech Corporations.

      Gefällt 2 Personen

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